Llienne´s Life
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Thema: Llienne´s Life

  1. #1

    Standard Llienne´s Life

    Zum Gruße,

    dann werd ich mein rostendes, nie fertig werdendes "Werk" nun auch mal wieder on stellen. Da die paar Leute, die die Geschichte kennen, sie vermutlich nicht nochmal Stück für Stück lesen möchten, lade ich einfach alles auf einmal hoch wie üblich gilt:
    ° Ein Großteil der auftretenden Figuren ist nicht von mir, existiert aber ingame tatsächlich. Danke an die Leute, deren Charaktere ich hier einbauen durfte.
    ° Für Rechtschreibfehler wird nicht gehaftet ich werd mir in absehbarer Zeit mal ein vernünftiges Programm zulegen. Auch verdrehte Wörter (Insider: Fomoria-Fehler) sind häufig anzutreffen, aber nachdem sie nun schon so lange existieren, haben sie Denkmalschutz (und darüber hinaus wäre mir eine Bearbeitung momentan zu stressig *Schild hochhalt: Ich bin faul*)

    Nun aber genug gefaselt, viel Spaß mit der Geschichte, sie wird auch fortgesetzt. Und natürlich ein großes Danke an die Leute, die mir damals immer nette Kommentare oder auch Kritik geschenkt haben

    MfG,
    Alazais aka Llienne

    __________________________________________________ _______________

    Dark Age of Camelot
    Shrouded Isle

    Die Erlebnisse junger Helden aus drei verfeindeten Reichen.

    Die Wege, die zum Ziel führen, sind niemals ohne Steine
    ~Hibernischer Beschwörer-Ausbilder~

    Wir spüren den Schmerz und wissen, dass wir noch leben
    ~Midländischer Kriegsherr~

    Um zu verstehen, muss man nur richtig zuhören
    ~Albionische Lehre der Ordensbrüder~

    Prolog
    Midgard, 1. Zeitalter: Llienne

    Schatten und Feuer. Etwas Gewaltiges regt sich in der Dunkelheit.
    "Hhaaah..."
    Llienne läuft und läuft...sie flieht vor den Schatten, obwohl sie weiß, dass sie es niemals schaffen wird. Hitze lässt die Luft flimmern, doch das sieht Llienne nicht.
    "Hhaaarrhhh...!"
    Es ist jetzt schon viel näher und Llienne kann seinen stinkenden, heißen Atem auf ihrer nackten Haut spüren. Sie weiß nicht, was es ist, sie spürt nur die Hitze und die flüsternden Schatten, die ES mit sich bringt. Llienne möchte schreien vor Angst denn sie weiß es...sie weiß, wenn ES sie zu packen bekommt, wird sie zu einem Schatten wie die anderen werden. Erst wird sie sich in Schmerzen winden, während sich das Feuer an ihrem nackten Fleisch labt und dann...
    "Hhhaaaarrrghhhh...!!"
    ES ist da. Llienne kann den Blick der feurigen, seelenlosen Augen beinahe körperlich im Rücken spüren. Sie will schreien, ihre Angst in die Schatten hinaus schreien, doch sie ist gelähmt vor Furcht, unfähig, auch nur einen Muskel zu rühren. Ihre Kehle ist wie zugeschnürt. ES ist da.
    Llienne spürt, wie der Boden unter ihr nachgibt und sie ins Nichts stürzt. ES stößt einen schrecklichen, heulenden Schrei aus, der Mordlust und Enttäuschung wiederspiegelt. Der Jagdschrei der Bestie und nun kann Llienne auch schreien...sie fällt in die Schatten und schreit und schreit und...

    Llienne! verdammt, was ist es dieses Mal?! wach auf und reiß dich zusammen!"
    Ich blinzelte benommen und blickte direkt in ein großes, wild zerfurchtes Männergesicht mit zornfunkelnden, grauen Augen. "Papa?" murmelte ich irritiert. Doch plötzlich richtete ich mich kerzengerade auf, so abrupt, dass ich fast mit Papas Stirn zusammen schlug. Ich war am Leben! und, wie ich nach einem kurzen Blick auf meinen mageren Mädchenleib feststellte, unverletzt. "Was soll dieser Lärm am frühen Morgen?" fuhr mich Papa an. Ich blickte ihn groß an und meine Kehle wurde mir eng. Wie konnte er das sagen, nach der Furcht, die ich durchlitten hatte. Ich blinzelte erneut -mir musste was ins Auge geflogen sein- und murmelte nur: "Entschuldige, Papa." Er war noch nicht besänftigt. "Jede Nacht schlägst du Krach und weckst das halbe Dorf! Mutter braucht Ruhe und deine Brüder müssen jeden Morgen sehr früh aufstehen. Die Einzige, die uns ständig nur Ärger beschert, bist du, Llienne. Ausserdem..." seine Stimme wurde nun erst richtig tadelnd, "fällst du mit elf Jahren noch immer aus dem Bett. Schämst du dich nicht? was soll dein zukünftiger Mann von dir halten, wenn du dich als reife Frau immer noch so aufführst?"
    "Es tut mir Leid, Papa."
    "Ach ja, ich kann es nicht mehr hören. Nun denn, wo du eh schon wach bist, kannst du genauso gut aufstehen und im Wald etwas Essbares sammeln. Nun aber, mach schnell!"
    Ich nickte nur. Wenn Papa in so einer Stimmung ist, sagt man am besten gar nichts. Nachdem er gegangen war -nicht, ohne mich noch einmal böse anzuschauen- raffte ich leise seufzend meine wenigen Habseligkeiten zusammen: ein altes Hemdröckchen aus zerschlissenen Leinen, abgetretene Sandalen aus Hirschleder und ein winziges Beutelchen, in dem ich das verwahrte, was ich einmal von einem sterbenden Streuner im Wald geschenkt bekommen hatte. Meinen einzigen Schatz. Bei der Erinnerung kroch mit eine Gänsehaut den Rücken hinunter:

    Es war ein grauer Vormittag gewesen und nun beinahe ein Jahr her. Papa hatte mich losgeschickt, um Pilze im Wald zu sammeln. Er hatte mich noch ermahnt, nicht allzusehr zu trödeln. Ich hatte ihm versprochen, mich zu sputen und war gegangen. Tief im Wald hörte ich plötzlich eine entkräftete Stimme. Ich war neugierig, obwohl mir Vaters Worte noch immer in den Ohren nachklangen- ich sollte mich beeilen. Aber diese Stimme klang schwach und hilflos und meine kindliche Neugier war stärker als meine Furcht vor Papas Zorn. Als ich neugierig näherkroch und argwöhnisch durch die Zweige spähte, konnte ich eine zusammengekrümmte Gestalt sehen, die leise keuchend auf dem Boden lag und sich wie zum Schutze unter einen umgestürzten Baum geschleppt hatte. Vorsichtig trat ich näher, jederzeit bereit, die Flucht zu ergreifen. Obwohl ich mich völlig leise bewegte, fragte die Gestalt plötzlich -ihrer Stimme nach zu urteilen war es ein Mann- krächzend: "W...wer ist da...?" ich zuckte leicht zusammen und antwortete zögernd: "Ich bin da."
    "W...er ist ich?"
    "Llienne."
    Er lachte qualvoll und hustete leise. "So, so und wer ist Llienne?" ich trat noch näher und betrachtete ihn. Er war groß, mindestens einen Kopf größer als Papa, der wahrlich kein Zwerg war. Doch er war viel schlanker als Papa und trug ausserdem keinen Bart. Seine Kleidung fand ich besonders seltsam. Papa pflegte immer rauhes Nietenleder und schwere, klobige Stiefel zu tragen, dieser Mann war in eine dunkelblau schimmernde Robe aus feiner Seide gekleidet und trug einen schmalen Stoffgürtel mit kleinen, funkelnden Edelsteinen um die Hüften. Unnatürlich wirkten ausserdem sein langes, violett glänzendes Haar und die abgebrochenen Pfeile, die aus seinem Rücken wuchsen. Ich schrak zusammen und antwortete mit einiger Verspätung: "Ich bin die Tochter von Asmund von Vasudheim, Herr." Er drehte mir schwerfällig den Kopf zu und ich konnte sein Gesicht nun gänzlich sehen. Es war nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt genug, um ihn Greis zu nennen. Er wirkte irgendwie...zeitlos, ein anderes Wort fiel mir nicht ein. Seine dunkelblauen Augen waren sanft und schön, doch sie flackerten und ihr Blick verriet mühsam unterdrückten Schmerz. Er runzelte die mit einer goldenen Perlenschnur geschmückte Stirn. "Sagtest du...Vasudheim?" flüsterte er rauh. Als er die Lippen öffnete, rann ein feiner Blutstrom aus seinem Mundwinkel.
    "Ja, Herr."
    Er musste erneut husten und ich ging zögerlich neben ihm in die Hocke. Er versuchte, mich anzulächeln, doch der Versuch misslang kläglich. "Und was...treibt e...eine hübsche, junge Dame so ganz...ganz allein im Wald?" es sollte wohl nett gemeint sein, aber Papa hatte mir schon immer eingeschärft, dass ich mich 'von keinem Halunken als kleines, niedliches Püppchen' bezeichnen lassen sollte. So erwiderte ich brummig: "Ich bin keine Dame, ich bin eine Kämpferin!" er probierte erneut ein Lächeln. "Oh...sicher, verzeih mir."
    Ich blickte ihn ratlos an. "Tut Euch was weh?"
    "Es...geht schon."
    Ich war zwar ein Kind, aber doch nicht blöd! der Boden um ihn herum und auch seine Kleidung waren durchweicht und rot vor Blut. Obwohl es ein ziemlich furchtbarer Anblick war, erschreckte er mich nicht. Ich hatte oft die rituellen Opferungen im Dorf beobachtet. Da wurden zwar nur Monster und Tiere geschlachtet -so drückte sich Papa aus- doch es floss auch jedes Mal viel Blut. Ich sah zwischen diesem Mann und den Opfern keinen Unterschied. "Ihr seid aber verletzt und blutet. Soll ich ins Dorf gehen und einen Heiler holen?" die Aussicht schien ihn zu erschrecken, denn er stemmte sich kraftlos hoch und keuchte: "N...nein, tu das nicht, es geht schon..." er biss sich auf die Lippen und zuckte zusammen. Der Blutstrom, der zwischen seinen Lippen hervortrat, wurde stärker. Ich erschrak und sagte hastig: "Ist gut, ich mach es nicht!" da mir nichts besseres einfiel, setzte ich mich neben ihn. Er lächelte qualvoll. "Danke, Llienne..."
    Ich betrachtete seinen pfeilgespickten Rücken. "Soll ich die Pfeile herausziehen? vielleicht tut es dann nicht mehr so weh?"
    Er schüttelte matt den Kopf. "Lass gut sein."
    "Wirklich?"
    "Ja." Er seufzte leise. "Llienne...ich möchte dass du...dass du jetzt wieder in dein Dorf gehst...und...tust du mir einen Gefallen?" ich nickte freimütig. "Ja, Herr."
    Er griff mit zitternden Händen in die Taschen seiner Robe und holte etwas heraus. Ich beugte mich neugierig vor, um den kleinen Gegenstand betrachten zu können: Es war eine Art Kristall, bestehend aus fünf silbrigen Zacken, die wohl im Laufe der Zeit zusammengewachsen waren. Der Kristall schimmerte, als sei Mondlicht in seinem Inneren gefangen. "Sieht schön aus," meinte ich, weil mir nichts anderes einfiel. Er nickte schwach. "Ja...schön und...und kostbar. Hier...nimm ihn." Ich sah ihn zweifelnd an. "Einfach so?"
    Er nickte erneut und es schien ihn all seine Kraft zu kosten. "Ich bitte dich...verwahre dies für mich, Llienne...wirst du...wirst du, wenn du erwachsen bist...i...irgendwann ins Grenzland ziehen...?" seine Worte kamen stockend und gepresst, Schweiß perlte auf seiner Stirn. Ich nickte verwirrt. "Natürlich werde ich das. Ich will doch für meine Heimat kämpfen!" dabei glomm kurz ein Funke von Stolz in mir auf. Wie erwachsen das klang! der Mann schien das auch zu finden, denn er lächelte ein letztes Mal. "Dann...ist es gut." Damit schloss er seine schönen Augen und holte rasselnd Luft. Er stieß sie keuchend aus und tat dann keinen weiteren Atemzug mehr. Verwirrt und nun doch etwas verängstigt blieb ich neben der Leiche sitzen. Um überhaupt etwas zu tun, drehte ich seinen Kristall in den Händen und konnte bei näherem Hinsehen feststellen, dass er unten abgebrochen war. Es sah aus, als hätte er einmal in einer Fassung gesteckt, ehe ihn irgendjemand oder irgendetwas mit großer Kraft aus seinem angestammten Platz herausgeholt hatte. Ich ließ den Kristall in den Taschen meines schmutzigen Kleides verschwinden, beugte mich über den Toten und nahm all meinen Mut zusammen, ehe ich ihm zaghaft das seidenweiche Haar aus dem Gesicht wischte. Als ich seine Ohren sah, wich ich erschrocken zurück. Mit einer bösen Ahnung kroch ich um ihn herum und platzierte mich hinter seinem Rücken, aus welchem ich mit einem gewaltigen Ruck einen der mindestens sieben Pfeile riss. Ich wusste, dass der Mann das nicht mehr spüren konnte, darum ging ich nicht allzu vorsichtig vor. Durch die herrische Bewegung spritzte allerdings ein beachtlicher Blutschwall aus der Wunde und besudelte mein Kleid. Davon nahm ich kaum Notiz. Ich starrte den Pfeil an. Es war einer von denen, die die angesehenen Jäger in Jordheim kauften und teilweise auch selbst herstellten. In Vasudheim, was direkt im Schatten der Hauptstadt lag, bot manchmal der ein oder andere Händler ein paar dieser Geschosse feil. Sie waren von bester Qualität, aus seltenem Holz gefertigt, mit perfekt angeordneten Widerharken versehen und für das Gefieder verwendete man nur die Federn mächtiger Wesen aus dem Grenzgebiet. Ich erschauderte und mir wurde eiskalt. Dieser Pfeil war einer von denen, wie sie nur die Elitekämpfer des Reiches benutzten. Und der Mann, der ihnen zum Opfer gefallen war, war ein Elf.
    Ich sprang auf und rannte, von Grauen gepackt, ins Dorf zurück. Ein paar Arbeiter starrten mich an -höchstwahrscheinlich wegen meinem blutbespritzten Kleid- und einige riefen mir irgendwelche Worte nach, doch ich hörte sie nicht.
    Dabei raste mein Herz vor Angst. Ein Elf, ein Hibernianer...und ich hatte mit ihm gesprochen, ihm gar etwas versprochen. Bei dem Gedanken, was Papa wohl mit mir anstellen würde, sollte er davon erfahren, brach mir der kalte Schweiß aus. Um kein Aufsehen zu erregen, zog ich zu Hause heimlich mein Kleid aus und vergrub es später im Wald. Den neugierigen Männern erzählte ich lässig, dass ich auf der Jagd einen Hügel hinab gefallen sei und mich dabei verletzt hätte und dass es viel schlimmer aussah als es tatsächlich war... jeder glaubte es und keiner fragte mich mehr, die Sache geriet in Vergessenheit. Aber nicht für mich...
    Geändert von Alazais (18.08.05 um 17:23 Uhr)
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  2. #2

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    Diese Gedanken schossen mir nun durch den Kopf und ich verdrängte sie rasch. Einen Moment blickte ich den Beutel noch an und zögerte, doch dann befestigte ich ihn an dem groben Seil, das ich als Gürtelersatz um die Hüften trug. Leise verließ ich die alte Holzhütte, nahm im vorbeigehen einen Korb aus grob geflochtenem Holz an mich und bewegte mich in Richtung Wald. Dabei schweiften meine Gedanken schon wieder ab, hin zu dem toten Elfen. Ob die Jäger seine Leiche wohl irgendwann gefunden hatten? oder hatten sich die Wölfe seiner angenommen? ohne es zu merken, war ich schon ziemlich tief in den Wald vorgedrungen. Ich stellte meinen Korb ab, ging in die Hocke und begann, Pilze zu sammeln. Ich hatte schon ziemlich viele aufgelesen, als hinter mir plötzlich ein Knacken erklang und ich rauhen, leisen Atem im Nacken spürte. Ahnungslos drehte ich mich um- und schrie erschrocken auf. Die Gestalt vor mir war riesig, an die zwei meter oder mehr. Und sie war kein Mensch. Auf zwei Beinen aufrecht gehend und ohne Kleidung, der gesamte, muskulöse Körper mit struppigem, schwarzbraunem Fell bewachsen. Die Kreatur hatte einen Wolfsschädel, die gelben Augen glühten mich unheimlich an. Ich stand langsam auf und wich -ebenso langsam- Schritt für Schritt zurück. Das Wolfswesen knurrte leise und folgte mir im gleichen Tempo, wobei es seine Schnauze öffnete und mir eine Reihe fingerlanger, blitzender Zähne zeigte. Die Warnung war unmissverständlich. Ich blickte gehetzt nach links und rechts. Ringsum Bäume, Sträucher und der ein oder andere Felsen. Das Vieh war ganz sicher schneller zu Fuß als ich und die Bäume hatten keine tiefhängenden Zweige oder Vorsprünge, die eine Flucht in die Wipfel ermöglicht hätten. Ganz abgesehen davon, dass sich das Monster wohl sofort auf mich stürzen würde, sollte ich den Anschein erwecken, fliehen zu wollen. Ich wich noch weiter zurück und der Riesenwolf folgte mir erneut. Das Knurren war jetzt wirklich drohend und mein Blick flackerte vor Angst. Neben mir lag ein abgebrochener, alter Ast und ich griff rasch danach. Das war eine ziemlich erbärmliche Waffe, aber wenn mich dieser Flohbeutel schon in Stücke reißen wollte, würde ich ihm mein Leben zumindest so teuer verkaufen, wie es eben möglich war. Mehr oder weniger kampflustig sah ich den Mörderwolf an und ärgerte mich, dass meine Stimme so sehr zitterte, als ich ihn nun meinerseits anknurrte: "Komm doch her, wenn du Prügel kassieren willst, du Bettvorleger! mir machst du keine Angst!"
    Habt Ihr schon mal einen Wolf lachen sehen? nein? ich kann Euch sagen, es ist ein durch und durch bizarrer Anblick. Denn der Bettvorleger, wie ich ihn genannt hatte, riss jetzt das gewaltige Maul auf und gab rauhe Laute von sich, die ganz tief aus seiner Kehle zu kommen schienen. Es klang tatsächlich so, als ob er mich auslachte. Ich blieb einen Moment lang verdattert stehen, ehe plötzlich Zorn in mir hochkochte. Mit einem halbherzigen Kampfschrei stürzte ich vor und schwang den aushilfsmäßigen Prügel. Das Wesen hörte auf zu lachen -sollte es sich denn überhaupt um ein Lachen gehandelt haben- und prellte mir mit einem einzigen, nahezu gelangweilten Hieb den Knüppel aus der Hand. Ich wurde durch meinen eigenen Schwung nach vorne gerissen und schlug hart auf dem Waldboden auf. Bunte Punkte tanzten vor meinen Augen. Im selben Augenblick gab der Wolf seine bis dato eher passive Haltung auf und stürzte sich mit einem kehligen Knurren auf mich, die ich noch immer benommen am Boden hockte. Das wars dann wohl, dachte ich und machte die Augen fest zu.
    Doch es geschah nichts. Keine Krallen, die sich in meine Brust bohrten, keine scharfen Fänge, die mir die Kehle zerfetzten. Stattdessen hörte ich den Killerwolf plötzlich zornig aufbrüllen und vernahm gleichzeitig eine zweite Stimme, die mir herrisch zurief: "Nun schlaf nicht ein, verdammt! auf die Beine mit dir!" ich öffnete die Augen und sah erstaunt, welches Bild sich mir bot: das Wolfswesen, knapp über mir, mit geiferndem, weit geöffnetem Maul. Seine Klauen kratzten über die Erde, die Rute schlug wild hin und her. Aus irgend einem Grund konnte es sich nicht bewegen, oder zumindest nur so langsam, dass es sich mühsam milimeter für milimeter vorwärts schob. Und ich war nicht mehr allein mit dem Untier. Hochaufgrichtet stand dort eine junge Frau und fuhr mich nochmals an, endlich aufzustehen. Ich gehorchte rasch und sprang auf, ehe ich erschrocken zurück wich, als das Untier zornig aufjaulte und den Hals lang machte, um nach mir zu schnappen. Dabei schien es noch immer, als sei es am Erdboden festgeklebt, es konnte sich kaum bewegen. "Steh da nicht dumm rum und glotz! komm her, und dann lass uns verschwinden!" schrie die junge Frau zornig.
    Ich eilte an ihre Seite, sie fasste mich hart am Arm und rannte auch schon los, wobei ich mühsam hinter ihr herstolperte. Ich war noch immer restlos verwirrt und der Schreck saß mir in den Knochen. "D...danke," keuchte ich im Laufen. Sie schüttelte knapp den Kopf und beschleunigte ihr Tempo. Ihre Stimme klang gehetzt und nicht sehr freundlich: "Bedank dich nicht zu früh, er wird sich nämlich jeden Moment wieder bewegen können und dann haben wir gewaltige Probleme...nochmal kann ich ihn nicht so an der Nase herumführen und wenn er uns erwischt, sind wir fällig. Was hattest du bloß alleine hier zu suchen? weißt du nicht, dass es derzeit verdammt schlimm mit den Askheimern ist?!" ich wusste es nicht. Doch ich fühlte mich zurecht gewiesen und schwieg, zumal ich eh schon aus der Puste war und den wenigen Atem, den ich noch hatte, nicht zum Sprechen vergeuden wollte. Die junge Frau hatte wohl auch keine Antwort erwartet, denn sie lief nur mit ungehaltenem Gesicht weiter und zerrte mich micht. Da war schon der Waldrand und ich atmete erleichtert auf. Zu früh, wie ich eine Sekunde später feststellen musste. Hinter uns erklang ein wütendes Heulen und knackende Zweige sowie wild stampfende Schritte kündeten an, dass der Wolf -Askheimer?- sich wohl aus seiner merkwürdigen Lage befreit hatte. "Lauf schneller!" schrie die junge Frau und ich konnte die Angst in ihrer Stimme deutlich hören. Ich keuchte, japste nach Luft und schaffte es irgendwie, ihrer Aufforderung Folge zu leisten. Trotzdem hätten wir es wohl nie geschafft, wären in diesem Moment nicht die vasudheimischen Stadtwachen am Waldrand aufgetaucht. "Hilfe! helft uns!" brüllte die Frau und die Wachen fuhren herum. Es waren Trolle und ich atmete unendlich erleichtert auf: Die drei riesigen Kreaturen in ihren schwarzen Kettenrüstungen wirkten wie lebendig gewordene Alpträume und die Schwerter und Äxte, die sie bei sich trugen, waren mehr als doppelt so groß wie die Waffen der normalen Milesier. Sie stürzten sich zornig auf den Wolf- doch er wich ihnen geschickt aus, indem er sich mit einem raschen Satz zur Seite rettete. Seine glühenden Augen waren auf die Frau und mich gerichtet, er schien wild entschlossen...das ist doch nur ein Tier!, rief ich mir in Gedanken zu und beobachtete entsetzt, wie er Wolf sich mit einem gewaltigen Satz nach vorne warf.
    "Aaahrgh!"
    Das Wolfswesen schrie kehlig auf, als sich die Axt und die Klinge des Bastardschwertes der beiden Wächter gleichzeitig in seinen Leib bohrten. Hinter den Hieben steckte eine furchtbare Kraft, Blut spritzte, das Ungetüm stürzte mitten im Sprung nieder und riss mit seinem Gewicht noch die junge Frau zu Boden. Ich kniete mich rasch hin und versuchte, den schlaffen Körper des toten Biestes von ihr herunter zu zerren, aber meine Kräfte reichten dazu nicht aus. Plötzlich wurde ich von zwei gewaltigen, steinernen Armen einfach hochgehoben. Ich sah verdutzt auf und blickte in zwei pechschwarze, glänzende Trollaugen. Der Riese grinste mir zu und stellte mich neben der Frau wieder auf den Boden, während der andere Wächter sich schon schwerfällig hinunter beugte und die Leiche mit beiden Händen mühelos von meiner Retterin hinunter zog. "Ist Euch etwas passiert?" fragte er mit tiefer, rauher Stimme und hielt ihr eine schaufelartige Hand hin. Sie zog sich dankbar hoch und schüttelte knapp den Kopf. "Habt Dank. Es geht schon." Die Wächter nickten und wollten sich schon umdrehen, als die junge Frau rasch fragte: "Auf ein Wort noch! wie kommt es, dass Askheims Ausgeburten sich so nahe bei Vasudheim herumtreiben?" der Troll, der mich hochgehoben hatte, wendete langsam den Kopf. "Schlechte Zeiten," grollte er. "Nirgends ist es sicher. Schlechte Zeiten." Damit ließen sie uns endgültig allein.
    Ich blickte ihnen staunend nach und wandte mich dann zu der Frau um. Streng genommen war sie noch gar keine Frau, eher ein junges Mädchen, vielleicht zwei oder drei Jahre älter als ich. Ich hatte dem bisher kaum Beachtung geschenkt, weil ich solche Angst hatte, doch jetzt fiel mir erst auf, was sie eigentlich war. Eine Valkyn. Eine leibhaftige Valkyn aus dem geheimen Land, vermutlich Aegirham. Aus ihrem für die Rasse typisch-herbem Gesicht blickten mich zwei leuchtend gelbe Katzenaugen an, die plattgedrückte Nase schnüffelte und aus einer wilden, schulterlangen Flut honigblonder Haare sah ich ihre spitzen, braunen Katzenohren stechen. Ich blinzelte und mir wurde bewusst, dass ich die Andere anstarrte. Das Mädchen quittierte dies mit einem spöttischen Lächeln. "Satt gesehen?" fragte sie, doch es klang eher gutmütig. Ich nickte verlegen. "Ja." Eine Pause trat ein und das Mädchen musterte mich nun ihrerseits prüfend. Dabei schien sie das Askheimer-Blut, das ihr ärmelloses, braunes Stoffkleid besudelte, nicht im geringsten zu stören. "Du kommst aus Vasudheim?"
    "Ja."
    "Wie alt bist du?"
    Ich blinzelte verwirrt. "Warum fragst du?" sie schüttelte lässig ihre Haare. "Das Vieh eben...das war noch ein Werwolf-Junges. Und du konntest es nicht einmal einschläfern. Darum frage ich, wie alt du bist. Hast deine Ausbildung wohl noch nicht angefangen, wie?"
    Ich schnappte nach Luft. Was für eine eingebildete Kuh! "Nein," fauchte ich, "ich fange im nächsten Jahr damit an!" sie grinste breit. "Ach so." "Und ausserdem," ergänzte ich bissig, "hattest du doch eben auch die Hosen voll!"
    "Gar nicht wahr!"
    "Wetten?!"
    Wir starrten uns feindselig an. "Wie heißt du überhaupt?" fragte das Mädchen- in einem Ton, als wolle sie es eigentlich gar nicht wissen, aber sich trotzdem dazu herabließ, das Wort an mich nichtiges Wesen zu richten. Ich schäumte vor Wut. "Llienne Asmundsdottier," fauchte ich. Sie lächelte ob meines patzigen Tones spöttisch. "Aja." Jetzt wartete sie wohl darauf, dass ich sie nach ihrem Namen fragte, doch da hatte sie sich gewaltig geschnitten! dieses fellige Langbein glaubte wohl, ich sei ihr wegen der Rettung vor diesem Wölfchen etwas schuldig. Dabei hatte sie vor Angst selbst geschlottert wie ein kleines Mädchen. Als ich beharrlich schwieg, blinzelte sie und meinte beinahe gönnerhaft: "Ich bin Keena." Ich sagte nichts und sie wurde ungeduldig: "Was ist, bist du jetzt stumm?" ich blickte sie kühl an und ahmte den trockenen, sarkastischen Tonfall meines Vaters nach: "Ich warte nur darauf, dass du fertig wirst, Keena." Plötzlich zuckten ihre Mundwinkel, sie blinzelte erneut- und brach in kehliges Gelächter aus. Ich sah ihr gallig dabei zu. "Ich bin fertig. Also dann, Llienne Asmundsdottier, was hältst du davon, wenn wir nach Jordheim in die Schänke gehen und auf den Sieg über die schlimmste Bestie seit den Chtonrittern anstoßen?" ich wusste nicht, was ein Chtonritter war und die Gesellschaft Keenas suchte ich auch nicht unbedingt, aber ich hatte Durst und die Hauptstadt war immer einen Besuch wert. "Na ja, warum nicht," sagte ich, noch immer ein wenig schmollend. Sie packte mich sogleich am Arm udd hakte sich bei mir unter. "Dann auf."
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  3. #3

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    Jordheim war eine gewaltige Stadt. Hoch ragten die Mauern aus uralten, im Laufe der Zeit steinhart gewordenen Eichenbalken in den Himmel empor. Es gab so viele Sackgassen, Irrwege und Abzweigungen, dass ich mich noch heute manchmal hoffnungslos im Inneren der Stadt verlief. Das Dröhnen der Schmiede wehte zu uns herüber und vermischte sich mit dem Gegröle, das aus dem Inneren der vielen Tavernen nach draußen wehte. Händler boten lautstark ihre Waren an und junge Männer und Frauen suchten ihre Ausbilder auf, um an ihren Fertigkeiten zu feilen und Körper und Geist zu stärken. Ich blickte neidvoll zu einer jungen Koboldfrau hinüber, die mit strahlender Miene auf das Haus der Runenmeister zulief. Im nächsten Sommer würde es auch bei mir soweit sein. Dann würde ich die Zunft der ranglosen Wikinger verlassen und mich ausbilden lassen. Papa sagte ja, ich sollte eine Kriegerin werden, doch irgendwie spürte ich, dass dies nicht der Weg war, den ich wählen wollte. Papa würde an die Decke gehen, wenn ich ihm dies sagte...ich verdrängte den Gedanken und wandte mich an Keena. "Du hast doch deine Ausbildung schon angefangen?" Keena nickte und übersah die Blicke einiger junger Skalden, die mit großen Augen auf ihr beschmutztes Kleid starrten und leise tuschelten. Ein wenig ungeduldig fügte ich hinzu: "Und? was bist du?" Keena lächelte mich ein wenig ungläubig an. "Weißt du das wirklich nicht?"
    "Nein...was denn?"
    Sie schüttelte ob meiner grenzenlosen Unwissenheit den Kopf. "Und du willst im Schatten der Haupstadt leben und bekommst nichtmal die selbstverständlichsten Dinge mit." Ich wollte schon auffahren, doch sie fügte rasch hinzu: "Wir Valkyn können, wenn wir den Weg der Magie gewählt haben, nur Knochentänzer werden, du Dummchen." Knochentänzer...! ich war so erstaunt, dass ich ganz vergaß, wie sie mich gerade genannt hatte. Widerwillig schlich sich Bewunderung in meine Augen und dies entging dem Katzenmädchen natürlich nicht, denn sie fügte hoheitsvoll hinzu: "Dass sich niemand mit der Macht der Knochentänzer messen kann, weißt du ja sicher?" ich nickte langsam, obwohl ich mich selbst darüber ärgerte. Wo sie recht hatte... "Und was wirst du?" ich überlegte nur kurz. Die kleine Gruppe frisch gebackener Skalden stand noch immer an einem Waffenstand und schaute zu uns hinüber. Mir fiel ein Junge auf, der etwas abseits stand und mich -so schien es mir- besonders intensiv anstarrte. Er hatte dichtes, schwarzes Haar und noch bartlose Wangen. Seine grünen Augen hatten irgendwie etwas Beunruhigendes und so wandte ich schleunigst den Blick von seinem Gesicht ab. Gekleidet war der Junge wie all die anderen: von Kopf bis Fuß in rauhes Nietenleder gehüllt und mit dem Geschenk des Skaldenmeisters ausgestattet, dem unverkennbaren, hellblauen Schlachtensänger-Umhang. Ich nickte kaum merklich und hatte meinen Entschluss im Stillen gefasst. "Ich werde eine Skaldin," sagte ich zu Keena. Sie lächelte mit unverhohlenem Spott. "Skalden können nur laufen und ein bisschen singen und nichtmal das besonders gut," versetzte sie abfällig. Ich schnaubte wütend. "Wollten wir nicht in eine Schänke gehen?" "Ja, aber vorher brauche ich unbedingt ein paar neue Klamotten. Kommst du mit oder willst du warten?" welche Frage! doch dann fiel mir wieder ein... "Ich habe kein Geld," murrte ich lustlos. Keena zog mich wieder einmal rücksichtlos am Arm und schleifte mich in Richtung Marktplatz. "Wenns nur das ist," lachte sie. "Wozu hast du eine angehende Knochentänzerin bei dir? ich hab ein paar Silbermünzen dabei, vielleicht finden wir ja irgendwas für Llienne Asmundsdottier, die glücklose Schlachtensängerin!" ich seufzte leise und sparte mir meinen Atem, sondern schaute stattdessen noch einmal vorsichtig zu dem schwarzhaarigen Jungen zurück. Er starrte mich weiterhin musternd an. Wie ein junges Pferd, das er auf Macken prüft, dachte ich mit einem Anflug von Ärger. Unvermittelt rief ich über die Schulter: "Hab ich was im Gesicht? pass nur auf, dass dir nicht die Augen austrocknen, oder hab ich dir vielleicht was geklaut?!"
    Seine Freunde brachen in brüllendes Gelächter aus und stießen ihn an. Der Junge jedoch stimmte nicht in ihr Lachen ein. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und ein Schatten huschte über sein Gesicht. "Ich frage mich nur, was eine Bauerngöre mit so einer wie der da zu schaffen hat!" sagte er und deutete auf Keena. Ich blieb so ruckartig stehen, dass auch die Valkyn verharrte. Der Junge fuhr unbeeindruckt fort: "Dieses räuberische Pack wird hier nicht gern gesehen und auch die da sollte lieber früher als später in die Ecken zurückkriechen, aus denen sie gekommen ist." Einer der jungen Männer berührte seinen Freund an der Schulter. "Leif, meinst du nicht, dass..." setzte er unbehaglich an, doch der Schwarzhaarige beachtete ihn gar nicht. "Wir wollen diese primitiven Diebe hier nicht!" wiederholte er. "Komm weiter," sagte Keena leise zu mir.Von ihrer kecken Art war nichts mehr geblieben. Ich sah sie an und fuhr zusammen: Keenas Blick flackerte- als hätte sie Angst. Ihre spitzen Ohren zuckten und sie hatte die Lippen fest zusammen gepresst. Das schürte meinen Zorn auf eigentümliche Weise. Obwohl sie sich eben alle Mühe gegeben hatte, mich mit ihrer stolzen, hochnäsigen Art zu ärgern, fühlte ich mich plötzlich so, als sei sie meine kleine Schwester, die ich nun vor diesem miesen Knilch in seiner blöden Rüstung beschützen musste. Und das, wo sie einen guten Kopf größer als ich und noch dazu älter war. "Komm, Llienne. Lass gut sein," versuchte es Keena nochmals. Ich starrte in das böse grinsende Gesicht des jungen Skalden, schüttelte Keenas Hand ab und stiefelte auf den Schwarzhaarigen zu.
    "Und wer bist du, dass du hier so dein großes Maul aufreißt?" fuhr ich ihn an. Er war viel größer als ich und noch dazu bewaffnet- sein Schwert hing an seiner linken Hüfte. Eine schäbige, schartige Klinge ohne Scheide, aber immerhin eine Waffe. Er grinste nur breit und sah auf mich hinab. Vermutlich kam es nur sehr selten vor, dass ein mageres, braunbezopftes Mädchen in einem schäbigen Kleid ihn so patzig von der Seite anmachte. Doch er antwortete großmütig. "Leifnir Havocbringer heiß ich, Bauerngöre!"
    "So, Leifnir Havocbringer, dann lass dir von Llienne Asmundsdottier der Bauerngöre sagen, dass du ein arroganter, aufgeblasener Hammel bist! das da drüben ist Keena und sie wird einmal eine Knochentänzerin, falls du weißt, was eine Knochentänzerin ist. Du kannst von Glück reden, Leifnir Havocbringer, dass Keena heute gute Laune hat, sonst würde sie dich Stück für Stück aus deiner feinen Rüstung prügeln und du könntest in deinen feinen Unterhosen durch Jordheim laufen!" das alles brachte ich in einem Atemzug hervor und stemmte die Arme in die Hüften. Rote Flecken waren auf meinen vollen Kinderwangen erschienen. Die jungen Skalden brüllten erneut los und spendeten mir donnernden Applaus. Eine dickliche Zwergenfrau schielte aus einem Tavernenfenster und sah uns zu. Keena schaute mich groß an. Leif war sprachlos. Wenigstens für einen Moment. Ich schnaubte und rotzte herzhaft auf den Boden- das hatte ich mir bei Papa abgeschaut. "Jetzt siehst du, Leifnir Havocbringer, was Llienne die Bauerngöre von dir hält. Scher dich bloß weg und denk an meine Worte, nächstes Mal kommst du nicht so billig davon. Und..." ergänzte ich spitz und legte all den Spott, den ich aufbringen konnte, in die letzten Worte: "Man sieht, dass du kein primitiver Dieb bist, Leifnir Havocbringer. Dieses bessere Brotmesser, was du führst, hast du ganz bestimmt niemandem geklaut. Schönen Tag noch." Die Jungen krümmten sich mittlerweile vor Lachen und die dicke Zwergin hatte ihren Mann ans Fenster gerufen. Leif war knallrot geworden und fuhr mich wütend an: "Beginn du erstmal deine Ausbildung, du dumme Rotznase! hört auf zu giggeln wie die Weiber und kommt!" schnauzte er danach seine Freunde an und wandte sich mit einem Ruck um. Die Skalden kicherten noch immer, einige zwinkerten mir zu. Dann folgten sie Leif, der schon um eine Hausecke verschwunden war.
    Ich blickte ihnen brodelnd nach und drehte mich dann auch um. Die beiden Zwerge in der Taverne schmunzelten und wandten sich dann auch wieder ihrer Arbeit zu. Keena lächelte mich breit an und zum ersten Mal wirkte es ehrlich. "Danke, Llienne."
    "Ach was. Ich kanns nur nicht leiden, wenn Jungen sich so aufführen, nur weil sie glauben, ein Mädchen müsse sich alles gefallen lassen. Ausserdem wollte sich dieser Esel nur wichtig machen, um vor seinen Freunden anzugeben. Pah."
    Sie kicherte. "Du hättest dein Gesicht sehen sollen. Zum fürchten, wirklich."
    "Ehrlich?"
    "Ja, wie eine richtige Schlachtensängerin. Einfach...wahnsinn!" meine Miene hellte sich augenblicklich auf und die gute Laune kehrte zurück. Nichts schmeckt besser als Lob, wenn es von jemandem kommt, der selbst stolz ist und schon etwas erreicht hat, nicht wahr? Keena grinste noch immer versonnen, doch ich sah ihr an, dass sie die Worte des Jungen hart getroffen hatten. "Also komm, du mutige Kämpferin, wir wollten uns neu einkleiden."
    Wir setzten unseren Weg zum Marktplatz fort und ich wollte schon auf einen großen, muskulösen Händler mit einem wilden Vollbart zusteuern, doch Keena schüttelte den Kopf. "Der bietet nur Niete an." Ich nickte überrascht. "Klar! er hat gute Waren!" Keena gab mir eine kleine Kopfnuss. "Schon vergessen? ich werde eine Knochentänzerin. Diese Zunft trägt edle Stoffgewänder, nur die stumpfen Prügler stürzen sich in unbequemen Rüstungen in die Schlacht!" wieder sickerte ein Hauch von Spott durch ihre Stimme und ich verdrehte die Augen. "Jaja."
    Keena bewegte sich zielstrebig auf ein kleines, niedriges Holzhaus zu und ich folgte ihr neugierig. Drinnen standen drei milesische Frauen in prachtvollen Roben aus Seide, Samt und Brokat. Eine webte feine Tücher, die andere nahm sie an sich und bearbeitete sie mit bunten Farben. Die letzte Frau schrieb gerade die Preise für ein paar Umhänge auf. Keena räusperte sich leise. "Zum Gruße." Die Schreiberin sah auf und wie bei Leif huschte ein kurzer Schatten über ihr Gesicht, doch ihre Stimme klang wenigstens halbwegs freundlich: "Die Damen wünschen?" Keena sah sich ein wenig unbehaglich um. Was haben die Leute nur gegen sie? dachte ich verwirrt. Bei Leif war es offene Feindseligkeit gewesen und dass zumindest auch die Frauen hier nicht gerade begeistert über Keenas Besuch waren, war nur allzu offensichtlich. "Ich brauche neue Kleider," sagte Keena. "Welches Material?" fragte die Schreiberin kurz angebunden. "Leinen," gab die junge Valkyn ebenso knapp zurück. Die Frau nickte. "Wartet bitte einen Moment." Sie verschwand hinter einem Vorhang und ich hörte, wie sie dort in den Schränken kramte.
    Keena blickte still auf einen imaginären Punkt auf dem Fußboden und ich schaute mich ein wenig um. Viel gab es nicht zu sehen, ein paar Tücher in schlichten Farben hingen zu Dreiecken gefaltet oder ganz ausgebreitet und von Nadeln gehalten an der Wand, ein paar baumelten auch von der Decke und auf dem Tresen standen ein paar Flaschen Farbe in einer Reihe. "So...ein Satz Kleidung aus Leinen. Eine Robe oder eine Weste?" die Frau war zurück gekommen. "Eine Weste, bitte," sagte Keena. Die Frau nicke, stopfte alles in einen grob geflochtenen Weidenkorb und stellte ihn Keena hin. "Das macht..."
    "Und noch ein Umhang für meine Freundin hier. In der Farbe, die sie möchte." Ich starrte das andere Mädchen erschrocken an. "Ich brauche keinen Umhang, Keena, spar doch dein Geld." Sie lächelte mich leicht an: "Ich möchte dir aber gern einen schenken. Mit Kapuze oder ohne? nun zieh nicht so ein Gesicht, das sieht selten dämlich aus. Ich weiß schon, was ich mir leisten kann und was nicht." Mein Herz pochte! man wollte mir etwas schenken! Papa und Mama kauften mir nur dann neue Sachen, wenn es sich wirklich nicht mehr vermeiden ließ und selbst dann noch selten- meist bekam ich in solchen Fällen die abgetragenen Hemden meines ältesten Bruders und konnte sie dann als kurzes Kleid benutzen. "Mit Kapuze," sagte ich, ohne zu zögern. Keena lächelte breit. "Und welche Farbe?" ich trat schüchtern vor und stellte mich auf die Zehenspitzen- der Tresen war verdammt hoch. "Was kostet die da?" fragte ich die Frau und deutete auf eine Flasche. 'Karmesinrot' hieß die Farbe. "Dreißig Goldstücke," schmunzelte die Verkäuferin und ich wurde blass. Dreißig Goldstücke...für eine...Farbe?! das war mehr, als Papa in einem ganzen Jahr verdiente! schleunigst zog ich die Hand zurück. "Ehm...äh...und die da? die Hellrote?"
    "Zehn Silber."
    Ich blickte Keena an und diese nickte der Frau zu: "Ein hellroter Kapuzenumhang kommt noch dazu. Das wäre dann alles. Wieviel?"
    "Macht ein Gold und dreißig Silber." Keena zahlte gewissenhaft und nahm den Korb an sich. "Der Umhang braucht noch ein wenig," sagte die Frau. "Wollt Ihr warten?" Keena schüttelte lässig ihre honigblonde Mähne. "Wir gehen in der Zwischenzeit was trinken."
    "Gut, eine halbe Stunde, dann ist er fertig."

    Draußen strahlte ich Keena an: "Danke! obwohl es wirklich nicht nötig war!" sie schmunzelte. "Aber es freut dich trotzdem?"
    "Natürlich."
    Sie zwinkerte. "Dann wirst du dich gleich noch viel mehr freuen." Als ich sie fragend anblickte, fügte sie hinzu: "Deine beiden Zöpfchen sehen wirklich niedlich aus. Ich würde zu gern mal sehen, wie dir da noch ein Helm steht!"
    "Du machst Witze!"
    "Nein, keineswegs. Komm, wir gehen zu deinem Nietenhändler zurück. Als angehende Skaldin wirst du sicherlich einen stabilen, beschlagenen Helm einer Wollkappe vorziehen, eh?" ich starrte sie an und konnte nur nicken. Keenas Großzügigkeit war schon fast peinlich. "Aber du kannst doch nicht..." murmelte ich und sie unterbrach mich wieder einmal. Darin war sie wirklich gut. "Ich hols mir irgendwann zurück, Kleine. Wir gehen gleich noch ein hübsches Bier trinken und dann solltest du zusehen, dass du nach Hause kommst!" mir rieselte es eiskalt den Rücken hinab. Natürlich...bestimmt war ich schon lange überfällig. Das konnte nur in einer Katastrophe enden. Mit einem Abend ohne Essen und einer gehörige Standpauke würde ich noch gut wegkommen... "Oh, stimmt ja...Keena. Ich muss weg, mein Vater reißt mir den Kopf ab. Er weiß ja nichtmal, wo ich bin!"
    "Unsinn, ich komme noch kurz mit dir und sage, dass es alles meine Schuld war. Mach dir mal keine Gedanken und jetzt los, ich hab Durst!"
    Der bärtige Rüstungshändler blickte uns freundlich an. "Womit kann ich dienen?" der Tonfall des Mannes entlockte Keena ein Lächeln. "Meine Freundin ist schon fast eine Skaldin," sagte sie fröhlich. "Und wir fangen an, sie einzukleiden. Mit einem Helm von Euch." Der Mann schmunzelte und betrachtete mich. "Mhmm...dann wollen wir doch mal sehen, was wir für die junge Frau haben." Ich lief vor Stolz rot an. Junge Frau, fast eine Skaldin...! der Rüstungshändler hob einen großen, eisenbeschlagenen Lederhelm von einem gusseisernem Ständer und stülpte ihn mir einfach über. Er rutschte mir sofort über die Augen, lediglich meine dunkelbraunen, geflochtenen Zöpfe, die mir links und rechts über die Schultern fielen, waren noch zu erkennen. Keena brach in lautes Gelächter aus. "Mhm ja...also...der scheint wohl doch eher ungeeignet," murmelte der Mann und kratzte sich verlegen am Bart. Meine Stimme klang ganz gedämpft unter dem Helm: "Na ja, aber fast." Keena lachte noch lauter. Der Mann nahm mir den Helm wieder ab, legte ihn auf seinen Platz zurück und suchte nach einem besseren. Kichernd beugte sich Keena vor und zupfte mir eine Strähne aus dem rechten Zopf. Ich starrte sie böse an und wollte ihr gerade das an den Kopf werfen was sie nur verdiente, als der Mann den gleichen Helm, nur um einiges kleiner, in die Hand nahm und mir hinhielt. "Versuch mal, ob der passt!" ich tat, was er verlangte- und siehe da, der Helm passte perfekt. Fast zumindest. "Ja, der sollte gehen," nickte der Händler zufrieden. "Ich zahle," sagte Keena, noch immer glucksend.
    Wenig später schlenderten wir auf die Taverne zu, aus der uns das Zwergenpaar zugesehen hatte, wie ich Leif Beine machte. Meinen Helm behielt ich selbstverständlich auf dem Kopf und bedankte mich wohl hundert Mal bei Keena, die nur immer wieder großmütig abwinkte und mir versicherte, dass sie sich irgendwann von mir zu irgendetwas einladen lassen würde. Ich war glücklich. Ich war wirklich glücklich. Ich hatte eine neue Freundin gewonnen, einen echten, einer Skaldin würdigen Helm erstanden und dann war da noch der hellrote Kapuzenumhang, der auf mich wartete. Und jetzt sollte ich sogar ohne Papa in eine echte Kneipe gehen und das trinken, was normalerweise nur Erwachsene oder zumindest ältere Kinder zu sich nahmen! der Tag war gerettet. Jetzt konnte nichts mehr schiefgehen. Dachte ich zumindest. Aber hätte ich mich da man nicht zu früh gefreut...
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  4. #4

    Standard

    Die Taverne war hoffnunglos überfüllt. Ich warf nur einen kurzen Blick ins Innere und wollte mich schon wieder umdrehen, doch Keena schienen die vielen Leute, ihre lauten Stimmen und die stickige Luft nich sonderlich zu stören. Energisch schob sie mich weiter, ohne auf mein widerwilliges Gemurre zu achten. "Stell dich nicht an," sagte Keena, "später bietet dir dein Gegner auch keine Verschnaufpause an, nur weil du vielleicht aus der Puste bist." Ich blickte sie feindselig an. Die hatte gut reden! sie war um einiges größer als ich und aus irgendwelchen Gründen machten ihr die Leute sogar noch ein wenig Platz, während ich mich nach Kräften bemühte, nicht von irgend einem hochgewachsenen Troll oder Nordmann zertreten zu werden. Schließlich schaffte Keena das nahezu Unmögliche: Sie ergatterte zwei kleine Plätze am Ende des Raumes. Geschickt schlängelte sie sich zwischen einer Koboldin und einem Trollwächter hindurch und winkte mich ungeduldig heran. Mit einem mürrischen Seufzer tauchte ich unter dem Arm des Wächters hervor, stieß mir irgendwo die Stirn und fluchte laut, obwohl mein Helm mich vor einer saftigen Beule bewahrt hatte. Keena grinste mich spöttisch an und ließ sich auf einen unbequemen Holzschemel sinken. "Du guckst nicht gerade begeistert."
    "Ach, ist nicht wahr."
    Ich machte den Hals lang und blickte zum Tresen, an dem sich die Männer und Frauen drängelten und gegenseitig auf die Füße traten. "Sag nicht, man muss sich da auch noch anstellen?" brummte ich und Keena schlug mir so heftig auf die Schulter, dass ich beinahe von meinem Hocker stürzte. "Erfasst. Und rat mal, wer von uns holen geht? ich will 'n einfaches Bier. Da hast du Geld!" sie drückte mir ihren Beutel in die Hand und winkte übertrieben. Ich knirschte mit den Zähnen, wollte aber nicht undankbar sein -dafür schuldete ich ihr mittlerweile ein bisschen zuviel- und ging lustlos wieder nach vorn. Ein bisschen verloren kam ich mir ja schon vor, wie ich da mit meinem schäbigen Wollkleid und dem neuen Helm stand und all den anderen Gästen nicht einmal bis zur Brust reichte. Meine Laune sank, sofern es denn möglich war, noch tiefer. Ich war klein, selbst für ein Mädchen und selbst für eine Milesian. Papa sagte immer, ich sei einfach zu faul zum weiterwachsen und ich stimmte dann meist mit einem zerstreuten Grinsen zu. Seufzend verdrängte ich den Gedanken einmal mehr und stellte mich auf die Zehenspitzen. Plötzlich bekam ich etwas kaltes, nasses in den Nacken und schrie vor Schreck auf. Wütend wirbelte ich herum und stieß einer Koboldin -die als eine der Wenigen ungefähr genauso groß war wie ich- beinahe den Krug aus der Hand. Vor mir stand -ich schnappte nach Luft- dieser schwarzhaarige Skaldenbubi! in seiner Hand hielt er noch einen Holzhumpen, aus dem das Eiswasser tropfte, das er mir in den Nacken gekippt hatte und das mir jetzt in widerlichen Bahnen langsam den Rücken hinabrann. "Ach...", machte Leifnir gedehnt, "wie klein die Welt doch ist! was willst denn ausgerechnet du hier, Mini? das ist kein Ort für Windelscheißer wie dich." Ich tat das Einzige, das mir in meiner grenzenlosen Wut einfiel- ich trat ihm heftig vors Knie und wurde dafür sofort mit einem kurzen, stechenden Schmerz im Fuß belohnt. Er grinste so breit, als wolle er sich in die eigenen Ohrlappen beißen. "Tja, Satz mit X, das war wohl nix, hm?"
    "Was willst du, du blöder Sack?!" fuhr ich ihn an. Er hob die buschigen Brauen. "Wie hast du mich genannt?"
    "Blöder...Sack...!"
    Ehe ich mich versah, hatte er mich im Genick gepackt. Ein paar Leuten, die jetzt argwöhnisch schauten, erklärte er lachend: "Die Kleine ist meine Schwester. So etwas Ungezogenes gibts kein zweites Mal, ich soll sie nach Hause holen, ist schon gut." Schwester? ich? knurrend versuchte ich nun, ihm statt einen Tritt einen Schlag auf die Nase zu verpassen, doch er fing meine Faust lässig mit der seinen ab und der Schmerz zuckte nun durch meine Fingerknöchel. Keena saß noch immer auf ihrem Platz und hatte anscheinend noch nicht einmal bemerkt, was sich hier gerade abspielte. Und ich würde den Teufel tun und nach ihr schreien. "Was willst du?" zischte ich stattdessen Leif an, der mich noch immer mühelos gepackt hielt. "Draußen," knurrte er.
    Unsanft bahnte er sich seinen Weg zur Tür, stieß ein Koboldmädchen roh zur Seite und zerrte mich einfach mit. Mir blieb wohl oder übel nichts anderes übrig, als ihm zu folgen, obwohl ich biss, kratzte, tritt und strampelte.
    Draußen atmete er tief ein, sah mich unheilvoll an und zog mich weiter, in eine stille Gasse. Langsam -aber wirklich langsam- bekam ich es mit der Angst zu tun. Was wollte dieser miese Rüpel? ich malte mir aus, wie er mich grob am Zopf zog und mir weh tat...oder wie er mir gar meinen neuen Helm klaute. Der Gedanke machte mich so rasend, dass ich die Hände über dem Kopf zusammenschlug, meinen Helm umklammerte und ihn anfauchte: "Egal, was du willst, du kriegst es nicht. Glaubst du, nur weil du größer und älter bist und deine blöde Ausbildung schon angefangen hast, muss ich Angst vor dir haben?" er starrte mich an, blinzelte- und brach dann in schallendes Gelächter aus!
    Ich hatte es allmählich wirklich satt. Keena war in dem Punkt genauso. Wurde ich einmal ernsthaft böse, fiel ihr nichts besseres ein, als mich auszulachen. "Was ist so witzig?!" fauchte ich und wich ein wenig zurück. Vielleicht war er ja verrückt geworden, vollends durchgedreht. Möglich war alles. "Ein laufender Meter und trotzdem so eine Giftspritze...herrlich!", kicherte Leif. Ich schwieg abwartend und erdolchte ihn nur mit meinen mörderischen Blicken. Es verging eine beachtliche Zeit, ehe sich Leif endlich beruhigte, doch das mir inzwischen sehr verhasste Grinsen blieb weiterhin wie gemeißelt auf seinen Zügen. "Also?" fragte ich eisig.
    "Hm..?"
    "Warum hast du mich jetzt hierher geschleppt? Keena wartet, also mach hin!"
    Er schnippte mit den Fingern. "Keena, stimmt, so hieß das Vieh..." ich unterbrach ihn heftig: "Warum bist du so gemein zu ihr? sie hat dir nichts, aber auch gar nichts getan!"
    "Sie ist eine Valkyn, das reicht."
    "Ach?!"
    "Ja, ach."
    Wir standen uns gegenüber. Ich ballte die Fäuste und meine braunen Augen blitzten, er hingegen musterte mich nur kühl und hielt wie zufällig die Hand auf dem Griff seines billigen Schwertes. "Du hast mir immer noch nicht gesagt, was du nun von mir willst, oder ist dir nur langweilig? deine Freunde haben wohl keine Zeit mehr für dich, wie?" natürlich wollte ich ihn provozieren. Ich war schon immer schnell reizbar, wie ich an dieser Stelle leider zugeben muss. Aber Leif weckte Aggressionen in mir, die ich mir jetzt und auch viel später nie richtig erklären konnte. Zu meinem Bedauern antwortete er nur ganz gelassen: "Doch, haben sie. Und weil du es gerade so nett angesprochen hast- ich habe wenigstens Freunde. Ich will mit dir über diese Valkyn sprechen. Willst du zuhören?"
    "Nein, aber es wird mir kaum was anderes übrig bleiben, stimmts?"
    "Wie schlau du doch bist."
    Ich spuckte wütend auf den Boden. "Dann leg los, ich bin gespannt." Er runzelte kurz die Stirn, zuckte sachte die Achseln und meinte beiläufig: "Bevor wir anfangen...will ich mich noch bei dir entschuldigen." Ich blinzelte, dies überraschte mich nun doch. Aber ich wollte schnell zu Keena zurück und sagte darum unwillig: "Ist angenommen. So....und?" irrte ich mich, oder blitzten seine Augen kurz zornig auf? zumindest klang seine Stimme ein wenig gepresst, fast so, als bemühe er sich, mich nicht zu packen, zu beuteln und anzuschreien. "So...ich war eben ein bisschen überrascht so ein V...eine von ihnen hier zu sehen." Ich lächelte spöttisch. "Ja, das habe ich gesehen. Und wir alle haben es gehört," fügte ich nach kurzem Zögern wütend hinzu. Er ging nicht darauf ein. "Weißt du, wer sie sind, Llienne...so heißt du doch, oder?" ich nickte mürrisch. "Ja, so heiß ich. Und ich weiß, wer sie sind. Sie leben auf den geheimen Inseln, haben eigene Götter, sind um einiges geschickter und weiser als wir und ihre Kultur..." er fiel mir höhnisch lachend ins Wort: "Kultur? Kultur?! eine interessante Ausdrucksweise, wirklich." Fragend blickte ich ihn an und er fuhr heftig gestikulierend fort: "Rücksichtslose, brutale Räuber sind sie! Mörder! ja, da guckst du, wie? die ziehen nicht wie wir gegen Albion und Hibernia, um ihre Heimat zu beschützen...die haben Spaß am töten! hast du das gewusst? nein, nicht wahr? aber so ist es. Sie feiern gottlose Feste...Orgien wäre wohl besser...und metzeln diejenigen nieder, die mit auf ihren Inseln leben. Durch sie wird es bald keine Fomoria mehr geben und wenn ihnen das nicht reicht, werden deine Ach-so-feinen-Valkyn vielleicht hier bei uns einfallen und weiter töten. Na? was sagst du jetzt?!" Leifs Wangen waren zornrot und er hatte nicht ein einziges Mal nach Luft geschnappt. Dafür war ich jetzt sprachlos und um einiges blasser als sonst. Keena als gnadenlose Mörderin? lächerlich...! oder?... "Woher...willst du das wissen?" fragte ich matt und sah ihn an. Meine Wut war verraucht und hatte tiefer Unsicherheit Platz gemacht. Er lächelte böse. "Da merkt man wieder, dass du bloß ein dummes, kleines Mädchen bist. Jeder weiß das. Und mich würde doch sehr interessieren, was deiner Vater dazu sagen würde, sollte er erfahren, dass du mit so einer durch die Gegend ziehst. Soll ich bei Gelegenheit mal mit ihm sprechen...?" mir wurde abwechselnd heiß und kalt. "Nein!"
    Sein gemeines Grinsen war ja schon schlimm gewesen, doch dieses kleine Lächeln, das der Skalde jetzt zur Schau stellte, übertraf so ziemlich alles. Mit einer übertrieben süßen und trotzdem beißenden Stimme fragte er, wobei er beide Brauen hob: "Ach nein, was ist denn das? jetzt schämst du dich plötzlich für deine pelzige, kleine Freundin, hm? ging ja schnell!" ich sah ihn an, als hätte er mich geschlagen. Tränen der Wut brannten hinter meinen Lidern, doch ich hielt sie tapfer zurück. "Du gemeiner, fieser Hund," sagte ich langsam, "geh doch zu meinem Vater und heul ihm was vor, na los! ist mir doch sowas von egal. Und zu deiner großen Rede...selbst wenn auch nur die Hälfte von deinem Gelaber wahr ist, so bist du trotzdem hundert Mal schlimmer als die Ach-so-bösen-Valkyn. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss kotzen, wenn ich dich noch länger ansehen muss."
    Ich drehte mich ohne ein weiteres Wort um und stapfte in Richtung Taverne zurück. Leifs wütende Stimme verfolge mich noch ein gutes Stück: "Schön, renn nur zu deiner kleinen Diebesschlampe. Dein Vater wird sich sicher freuen!"
    Ich begann, zu rennen, um seiner scheußlichen Stimme zu entgehen. Zur Taverne zog es mich nicht zurück, obwohl Keena in der Zwischenzeit bestimmt angefangen hatte, mich zu suchen, denn ich war schon relativ lange fort. Sollte sie mich halt suchen, ich wollte nicht gefunden werden, wie ich mich jetzt in einer Gosse an eine hölzerne Hauswand drückte und leise heulte. Papa würde jetzt sicher mit mir schimpfen...ich war immerhin elf Jahre alt und musste mir allmählich abgewöhnen, bei jeder Kleinigkeit in Tränen auszubrechen. Aber trotzdem...ich sah Leifnirs Gesicht vor mir, wie er mich hämisch anlächelte und von brutalen, bösartigen Valkyn sprach. Schniefend wischte ich mir über die Augen, als mich plötzlich eine Hand sanft an der Schulter berührte. Mit einem leisen, spitzen Schrei schnellte ich herum und blickte direkt in Keenas besorgtes Gesicht. "Llienne...was hast du, warum weinst du?" fragte sie ruhig.
    "K-Keena...nur so..."
    "Ja, sicher. Steht dir aber überhaupt nicht." Sie lächelte leicht und pustete mir eine braune Strähne aus dem Gesicht. Ich hickste, wischte mir nochmals über die Augen und sah beschämt zu Boden. Doch der vermutete Spott blieb aus. Stattdessen fragte sie fast sanft: "Was hat dieser Junge zu dir gesagt?" ich blickte sie überrascht an: "Du weißt...?"
    "Hm-hm. Die Wirtin hat gesehen, wie wir beide reinkamen. Und auch, wie dich dieser Skalde wohl gegen deinen Willen mitgenommen hat. Da hielt sie es für klüger, mir Bescheid zu geben."
    "Wie nett von ihr."
    Das Katzenmädchen nickte sachte. "Ja. Also? wie hat er es geschafft, unsere tapfere Schlachtensängerin derart aus der Fassung zu bringen?" die von ihr erhoffte Wirkung trat dieses Mal nicht ein. Sattdessen nahm ich meinen Helm vom Kopf und drehte ihn bedächtig zwischen den Händen. Er musste bei mir einfach lächerlich wirken. "Lass das doch," brummte ich. "Ich bin keine Skaldin und werde wahrscheinlich auch nie eine werden." Statt mich zu ermuntern, raufte sie sich ihre blonden Wuschelhaare. "Himmel, jetzt hört es aber auf. Selbstmitleid hilft dir kein bisschen weiter und ich kann dir ebenfalls nicht helfen wenn du mir nicht erzählst, was dieser Kerl zu dir gesagt hat. Also reiß dich zusammen oder lass es bleiben, aber stell auch bitte das Gejammer ein, ja?" nun gut, wie sie wollte. Statt sie anzugiften, fragte ich ruhig: "Er hat mir über dein Volk erzählt." Sie ließ die Hände sinken und blickte mich gespannt an. "Ach?" machte sie lauernd.
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  5. #5

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    "Ja. Er sagte, ihr seid nichts als diebische Räuber, die die Fo...moria?", ich brach ab und sie nickte leicht, ohne zu antworten. Mir war nicht entgangen, dass sie bei dem Wort 'Fomoria' heftig zusammengefahren war. "Nun ja, ihr würdet diese Fomoria nur aus Spaß abschlachten. Er sagte auch, dass ihr irgendwann ins Alte Land einfallen würdet um weiter zu töten. W-weil...euch das Töten Freude bereiten würde."
    Ängstlich blickte ich sie an und wagte nicht, die Frage zu stellen, die mir so auf der Zunge brannte. Doch sie schwieg noch immer, nur ihr Atem ging etwas rauher als sonst. "Keena?" wisperte ich.
    "Mh...?"
    Ich nahm all meinen Mut zusammen. "Stimmt das, Keena...?"
    "Natürlich stimmt es nicht!", fauchte sie und ich zuckte zusammen. "Entschuldige," murmelte ich und senkte betreten den Blick. Aufgebracht fuhr sie fort: "Dieser kleine Spinner hat doch keine Ahnung...es ist genau anders herum! sie kommen an unsere Küsten, verwüsten das Land...sie verschleppen junge Männer und Frauen, töten die Alten und Kranken, nehmen sich, was uns gehört...nur dafür habe ich meine Ausbildung begonnen...nicht, um gegen Hibernia oder Albion zu kämpfen," sie schnaubte verächtlich. "Sondern um meine Heimat und mein Volk vor diesen elenden Piraten zu beschützen. Er hat sie nie gesehen, er kann es gar nicht wissen. Er kann nicht wissen, was für Ungeheuer sie sind!" das Katzenmädchen schrie jetzt fast und ich dankte Bragi im Stillen, dass niemand in der Nähe war. "Ist gut, ich glaube dir," sagte ich, entsetzt über ihren Ausbruch. "Bitte verzeih mir, ich wollte nicht...ich habs nicht so gemeint..." sie ließ einen seltsamen, grollenden Laut hören. "Vergiss es," sagte sie schroff. "Du konntest es ja auch nicht wissen. Komm jetzt...wir holen deinen Umhang und dann bring ich dich nach Hause. Für mich wirds auch langsam Zeit."

    Keena war wütend. Mehr noch, sie brodelte. Starr geradeaus blickend, stapfte sie zum Haus zurück, in dem sie ihre Kleider und den Umhang gekauft hatte. Wer ihr im Weg war, den schubste sie einfach zur Seite, ohne sich um die wütenden Kommentare zu kümmern. Wie ein geprügelter Hund schlich ich ihr hinterher. Im Händlerhaus angekommen, war sie auch nicht viel freundlicher: "Wir bekommen noch einen hellroten Umhang mit Kapuze, ist der jetzt fertig?" blaffte sie die Frau an, die die Tücher färbte. Von ihren glühenden Augen und ihrem herrischen Tonfall anscheinend eingeschüchtert, murmelte die Stoffhändlerin nur etwas, das wie "Ich schaue eben nach..." klang und verschwand in dem kleinen Hinterraum. Ich hörte sie dort unterdrückt mit einer anderen Frau tuscheln und es war klar, dass sie sich über Keena beschwerte. Das Katzenmädchen ließ sich nichts anmerken. Mürrisch blieb sie stehen und wartete, bis die alte Meisterin mit dem Umhang, der jetzt einen hübschen, hellroten Farbton angenommen hatte, zurückkehrte. "Hier, der gehört wohl Euch," sagte sie kühl. Keena nahm ihn, ohne sich zu bedanken. Als sie sich zur Tür wandte, meinte die Händlerin -noch immer mit frostiger Stimme- : "Und bitte...tut mir einen Gefallen. Betretet mein Haus nicht wieder...ich bediene eigentlich keine Valkyn." Ich biss mir auf die Zunge und warf einen raschen Blick zu Keena, doch die zog mich nur energisch weiter, ohne sich umzudrehen. In der Tür schenkte sie der Frau noch ein knappes, verächtliches Lächeln: "Keine Sorge, ich werde nicht wiederkommen. Und ich werde es den anderen Valkyn ebenfalls sagen. Ich kenne ziemlich viele Leute, müsst Ihr wissen." Damit knallte sie die Tür so heftig zu, dass ich die Händlerinnen durch das Holz erschrocken aufschreien hörte. Die, die uns die Sachen verkauft hatte, murmelte zornig: "Nicht zu fassen...verbrennen sollte man dieses Pack..."

    Wir verließen Jordheim in gedrückter Stimmung. Ich bedankte mich artig bei Keena, als sie mir den Umhang überreichte, konnte mich aber nicht wirklich darüber freuen. Ausserdem war es inzwischen Mittag und ich hatte keine Idee, was ich Papa sagen sollte. Unmöglich die Wahrheit, die würde er mir niemals glauben. Und wenn doch...was wäre, wenn er genau so ein Valkynhasser war wie Leifnir und die Händlerin war? ich musste den Gedanken wohl laut ausgesprochen haben, denn Keena sagte plötzlich abfällig: "Mach dir keine Sorgen, du kriegst keinen Ärger. Das übernehme ich schon." Ich fühlte meine Wangen heiß werden, schwieg aber. So ist es immer am leichtesten, nicht? wenn dir nichts mehr einfällt, halt einfach den Mund, damit kannst du nichts falsch machen. So klappte es auch dieses Mal, denn Keena sagte nichts mehr und wir schwiegen uns den Rest des Weges zu meinem Zuhause nachdrücklich an. Die Vasudheimischen Wachen bedachten Keena bloß mit einem kurzen, desinteressierten Blick und starrten dann wieder nach Norden. Ich war innerlich erleichtert. Noch so eine blöde Bemerkung hätte Keena sicherlich nicht geduldet. Doch die Wächter waren Trolle und ihnen war egal, wie jemand aussah, wo er herkam und wie er dachte. Hauptsache, man hielt sich an die Regeln. Nun gab es kein Zurück mehr. Wir standen vor unserem Holzhaus. Ich schluckte trocken, mein Herz hämmerte krampfhaft. Doch Keena schlug gelassen an die Tür und es vergingen nur Sekunden, ehe sie von innen aufgerissen wurde und ein bärtiger, hochgewachsener Mann nach draußen stürmte. "Llienne! wo zum Teufel warst du so lange, du kleine..." er brach ab und starrte verdutzt Keena an. Sie lächelte leicht, doch es wirkte sehr abweisend. "Zum Gruße, Herr," sagte sie kühl. "Bitte verzeiht Eurer Tochter, dass sie so spät gekommen ist. Das war mein Fehler. Dürfte ich Euch wohl erklären, warum?" er war viel zu überrascht, um zu antworten und nickte nur. "Dürfte ich zu diesem Zweck wohl eintreten?" fuhr Keena höflich, doch mit sichtlichem Ärger fort. Asmund, mein Vater, nickte erneut und fand endlich seine Sprache wieder. Ich starrte ihn überrascht an, als ich ihn sprechen hörte- seine Stimme klang seltsam hölzern und leise, so etwas hatte ich selten bei ihm erlebt. "Sicher...tretet ein. Aslein?" rief er über die Schulter. "Wir...wir haben Besuch. Wärm etwas Suppe und bring uns zu trinken. Llienne?" ich fuhr leicht zusammen. "Ja, Papa?"
    "Geh mit Lars raus, spiel etwas mit ihm. Storvag wird dich dann rufen."
    "Ja, Papa," murmelte ich und er drehte sich nochmals um. "Lars? wo steckst du, du Racker?" die helle Stimme meines jüngeren Bruders ertönte, sie kam oben aus meiner winzigen Kammer: "Jaaa?" gleich darauf sprang er übermütig die Treppe herunter und blieb vor uns stehen. Ungeniert musterte er Keena aus seinen dunkelblauen Augen. "Du siehst aus wie eine ganz große Katze!" Papa erstarrte, ich schnappte nach Luft- und Keena lächelte erneut, doch nun viel wärmer als zuvor. "Stimmt."
    "Lars," brummte Papa, "geh mit deiner Schwester spielen. Lauft nicht zu weit weg und bleibt in Hörweite, verstanden?" er nickte nachdrücklich. "Ja," und wandte sich sofort wieder Keena zu. "Bleibst du zum Essen?" ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Lars sprach immer aus, was er dachte und als Einziger aus der Familie empfand er keine Furcht vor Papa. Das Katzenmädchen zuckte leicht mit den Schultern. "Vielleicht...mal sehen," meinte sie schmunzelnd. "Würde ich richtig gut finden!" krähte Lars und zur Abwechslung war ich es nun, die mal jemanden packte und mitzerrte. "Nerv sie nicht, Trollnase. Komm, wir gehen Tannenzapfen sammeln, dann kannst du nachher basteln."
    "Au ja, basteln!"
    Ich warf Keena noch einen kurzen Blick zu. Sie hob sachte die Hand und ich winkte ebenfalls knapp. Dann drehte ich mich um, drückte den übermütigen Lars sachte an mich und steuerte auf den Marktplatz zu. Ich drehte mich nicht um. Was Keena und Papa wohl zu bereden hatten...ich erfuhr es nie. Die erwartete Standpauke traf nicht ein und Papa verlor niemals wieder ein Wort über die Sache. Doch auch Jahre später erinnerte ich mich noch, dass er an diesem Abend besonders nachdenklich gewesen war und mit Mama weitaus früher als sonst das Schlafgemach aufgesucht hatte. Auch der Mistkerl Leif tauchte trotz seiner bösen Ankündigungen nicht bei uns auf. Und Keena? nun...ich sah sie an diesem Abend nicht wieder, auch am nächsten und übernächsten nicht. Nach mehreren Wochen hatte ich aufgehört, daran zu glauben, dass wir uns irgendwann wieder treffen würden. Und noch später, nach ein paar Monaten, hatte ich sie fast gänzlich vergessen. Denn nun standen mir andere Dinge bevor. Meine Ausbildung sollte beginnen und ich durfte Vasudheim endlich verlassen. Ich würde selbstständig sein und das tun, was ich schon immer tun wollte: Einer Gilde beitreten und mit ihr nach Albion oder Hibernia reisen...mein Leben konnte beginnen.
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  6. #6

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    Darke Age of Camelot, Part 1

    Zischend zerschnitt die alte Axt die Luft und bohrte sich knirschend in meinen Gegner. Ich keuchte, riss und zerrte, doch die Axt rührte sich nicht. "Scheiße!" fluchte ich und rang nach Luft. Der Schweiß stand mir auf der Stirn.
    "Llie?"
    Also tat ich das, was ich in solchen Situationen am besten konnte: ich gab diesem elenden Holzklotz einen gehörigen Tritt und stieß mir übel den Zeh an. Abermals fluchend fuhr ich herum. "Himmel, was willst du, Storvag?" grinsend kam er näher. "Oho, die Meisterin bei der Arbeit. Warum zerlegst du das Ding nicht in seine Einzelteile? gäbe hübsches Feuerholz." Interessiert sah er zu, wie ich abermals an meiner schweren, unhandlichen Trainingsaxt herumzerrte.
    "Geht...nicht....brauch ich noch," ächzte ich. Er grinste noch breiter."Kind, du stellst dich aber auch was an, lass mich mal..." gönnerhaft streckte er die Hand aus und handelte sich prompt einen Schlag auf die Finger ein. "Nichts da," knurrte ich, stemmte mich gegen den Klotz und riss wie wild am Axtstiel. "Was willst du eigentlich?" brummte ich und fluchte gleich darauf nochmals, als meine Bemühungen endlich Früchte trugen und ich samt der Axt auf den Hintern fiel. Lachend beugte sich mein Bruder zu mir herunter und zog mich auf die Füße. "Vater will was von dir, ich soll dich bloß holen. Und lass ihn lieber nicht warten, du weißt, dass er heute schlechte Laune hat." Wann hat er die nicht, dachte ich gallig, behielt dies jedoch für mich. "Und wo ist Lars?" fragte ich stattdessen gelangweilt und pustete die losen Splitter vom bereits arg malträtierten Holzklotz.
    "Jagen."
    "Jagen?!"
    "Jagen," wiederholte Storvag ungerührt. Ich starrte ihn an. "Und das hat Vater erlaubt?" Storvag sah mich seltsam schroff an. "Jagen ist vielleicht das falsche Wort. Erkunden...sagen wir es so." Ich erinnerte mich noch gut an meine erste Begegnung mit einem jungen Werwolf. War das auch schon wieder über ein Jahr her? Vater hatte mich in den Wald geschickt, um Beeren oder Pilze zu sammeln, und dann war das Biest einfach aufgetaucht. "Aber was ist, wenn ihm was passiert?" fragte ich entsetzt. Storvag lächelte mit gutmütigem Spott. "Er ist doch nicht allein unterweg, du Glucke. Die anderen Kinder begleiten ihn."
    "Na und?! das nützt ihm überhaupt nichts, wenn sie von Bestien angegriffen werden, du Idiot! ich gehe ihn suchen." Entschlossen nahm ich meine Axt auf und verstaute sie an meinem breiten Ledergürtel. "Ja, sicher," grinste mein Bruder und seine Stimme klang nun vollends spöttisch. "Du allein wirst sicher mit allen Bestien Midgards fertig. Bin ich mir absolut sicher."
    "Leck mich," knurrte ich und wandte mich um, doch er zog mich unsanft am Zopf. "Für so einen Krümel hast du eine ganz schön große Klappe," stellte er fest, doch es klang eher belustigt als verärgert. Ich riss mich mürrisch los. "Tu dich doch mit Leif zusammen," erwiderte ich schnippisch. Leifnir Havocbringer war in letzter Zeit auch hin und wieder bei uns aufgetaucht. Ich hatte erfahren müssen, dass seine und meine Mutter zusammen ihre Ausbildung abgeschlossen hatten. Asleif Havocbringer war eine stille und ernste Frau, die nur selten zu Besuch kam. Ihren Sohn hatte ich damals nie kennen gelernt, doch seit wir das erste Mal in Jordheim aneinander geraten waren, begleitete er seine Mutter und kam sogar noch öfter allein. Mir kam das sehr seltsam vor und es behagte mir auch nicht, mein Vater hingegen schien Leifnir ganz großartig zu finden...
    Ich schüttelte verärgert den Kopf, wartete Storvags Antwort nicht ab und stürmte zu unserem Haus. Keena, eine junge Valkyn, hatte einmal gesagt, Skalden könnten nur schnell laufen und nichtmal das besonders gut. Sie hatte Unrecht. Ich spürte meine Beine kaum, auch nicht die schwere Axt, die an meiner Hüfte baumelte. Der Wind hingegen rauschte mir in den Ohren, als wolle er mich anfeuern, noch schneller zu werden und ich hatte das Gefühl, ich könnte schweben, wenn ich nur die Arme ausbreiten würde.
    Ich war nichmal ausser Atem, als ich mein Ziel endlich erreicht hatte. Achtlos stieß ich die Tür auf und polterte in die warme, nach geräuchertem Speck duftende Wohnstube, wo ich zunächst auf den schweren, langen Esstisch zuschlenderte. "Ich bin wieder da!"
    Meine Mutter lächelte flüchtig, wenn auch etwas besorgt. Sie fand wohl, dass ich seit meiner Ausbildung an guten Manieren und -was noch viel schlimmer war- Respekt eingebüßt hatte. Und nur, weil ich meinen Vater mittlerweile als das akzeptierte, was er war, und ihn nicht mehr ganz so stark fürchtete. Der Gedanke entfachte einen kurzen, aber heftigen Anschwall von Wut in mir, die ich nur mühsam niederkämpfte.Meine Stimme hatte ich scheinbar nicht so unter Kontrolle, denn als ich knapp "Was gibts zu essen?" fragte, sah mich Mutter scharf an. "Brot und Speck," erwiderte sie, ebenso kurz angebunden.
    "Gut. Packst du mir bitte eine Portion ein? ich gehe Lars suchen." Die Worte kamen beiläufig und veranlassten meine Mutter, die barsche Antwort, die ihr zweifelsohne auf der Zunge lag, wieder herunter zu schlucken. "Du gehst was?"
    "Lars suchen. Er ist allein im Wald, nur ein paar Kinder begleiten ihn. Storvag hats mir eben erzählt. Und du weißt sicher, wie verseucht die Gebiete derzeit sind..?" ich sah den Ausdruck von Schrecken auf ihrem Gesicht und empfand einen winzigen Moment so etwas wie hämische Befriedigung, die sich aber rasch in Bestürzung wandelte, als sich Mutter kraftlos auf einen grob gezimmerten Schemel sinken ließ. "Bei Odin," flüsterte sie. "Thjoralfs Sohn ging auch in den Myrkwood. Er gilt seitdem als vermisst und das ist schon eine Woche her!" sie zitterte und krallte die Hände in ihr grobes Stoffgewand. Ich fingerte an meiner Axt herum und trat von einem Bein aufs andere. "Ich finde ihn, Mutter. Lass mich gehen, ja?"
    "Ach was," sagte sie unwirsch. "Du bist selbst noch ein Kind und bleibst schön hier. Storvag wird gehen."
    "Storvag schert sich einen feuchten Dreck darum," rief ich hitzig. "Ich habe mit ihm gesprochen. Er hat mich bloß ausgelacht und mich 'Glucke' genannt! ich pass schon auf, ich versprechs dir." Sie wollte antworten, doch in dem Moment öffnete sich die schwere Eingangstür ein zweites Mal und Asmund Vardarsson trat ein. Er trug zwei Kaninchen bei sich und schleuderte gerade seine dicke Lederkappe in die Ecke, als er mich erblickte. "Ah, Llienne, da bist du ja. Ich will mit dir reden, denn es geht um dei..."
    "Vater," fiel ich ihm rasch ins Wort und wunderte mich doch sehr darüber, denn das war ein Vergehen, das mein lieber, alter Papa meistens mit einer saftigen Ohrfeige und einer harschen Ermahnung zu quittieren pflegte...auch jetzt hob er drohend die buschigen Brauen und starrte mich unheilvoll an. Ich ließ mich nicht beirren. "Lars ist im Myrkwood. Mit anderen Kindern! und Storvag meinte wohl, du wüsstest Bescheid und würdest es erlauben."
    "Was?" schrie er und kam näher. "Der Myrkwood ist gesperrt, nur die Soldaten dürfen ihn betreten! hat Storvag es euch denn nicht erzählt?" ich starrte ihn nun doch ängstlich an."Er hat mir gar nichts erzählt," sagte ich unsicher. Vater atmete schwer und ließ sich in den mit Hirschfell bespannten Sessel sinken, in dem ausser ihm niemand sitzen durfte. "Thjoralfs Sohn wurde gefunden," knurrte er. "Er ist tot. Sah furchtbar aus. Als hätte sich jemand gefragt, ob man einen Menschen auch umkrempeln kann."
    "Asmund!", rief meine Mutter entsetzt, "das muss das Mädchen nicht hören!" ich warf ihr einen schnellen, ungnädigen Blick zu und auch mein Vater schüttelte ungehalten den Kopf. "Sie ist alt genug, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Und die Dinge stehen so, dass der Junge fast unkenntlich war, völlig zerfetzt. Nicht genug, dass man seinen Körper mit fremden Runen entweiht hat. Und es kommt noch schlimmer..." sein Gesicht verdüsterte sich noch mehr. "In Galplen sind vor zwei Tagen fünf Kinder verschwunden. Sie waren alle im Myrkwood, um zu spielen..."
    Ich spürte einen glühenden Klumpen im Magen, meine Knie wurden weich. "Lars ist da draußen!" sagte ich entsetzt. Vater nickte grimmig. "Ich werde sofort nach Jordheim gehen und die Soldaten losschicken. Aslein, du gehst nach draußen und verständigst die Stadtwachen, na los!" Mutter nickte angstvoll und rauschte zur Tür. Ich wollte ihr folgen, doch Vater hielt mich mit einer knappen, befehlenden Geste zurück. "Du bleibst hier. Schlimm genug, dass dein Bruder da draußen ist, fehlt noch, dass du auch verloren gehst. Ab in deine Kammer!" ab in meine Kammer, sagte er. Ich sollte also seelenruhig warten, ob sie Lars noch lebend finden würden. Warten und unttätig herumsitzen, während sich mein Bruder irgendwo im Myrkwood Forrest und damit wahrscheinlich in Gefahr befand. Ich sagte, so ruhig ich konnte: "Nein." Asmund, der schon an der Tür war, blieb stehen. "Was?" fragte er leise. Ich schluckte. Ich wünschte mich meilenweit weg. Doch ich wiederholte mit fester, nachdrücklicher Stimme: "Nein, Vater. Ich bleibe nicht hier. Ich könnte mir nie verzeihen, wenn Lars was passieren würde. Du kannst mich nicht zwingen."
    "So, meinst du?"
    "Du wirst mich ans Bett fesseln und knebeln müssen, denn notfalls rufe ich die Wachen zu Hilfe."
    Wir sahen uns an. Er, groß und muskulös mit hellblauen Augen, die jetzt vor Wut und Unglauben verengt waren. Ich, ein zierliches Mädchen in zerschrammten Lederhosen und einer viel zu großen, abgenutzten Trainingsaxt, ging ihm gerade bis zum Bauch und musste den Kopf in den Nacken legen, um seinen Blick zu erwidern. "Du bleibst hier," sagte er leise, gefährlich. "Oder dir ergeht es schlecht, ich versichere es dir. Llienne...ich mache jetzt keinen Spaß mehr. Geh."
    Damit drehte er sich erneut um, nahm seine Kappe auf und warf die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu. Ich war allein. Wie betäubt starrte ich auf das schwarzbraune Holz, ehe ich dem erstbesten Schemel einen solchen Tritt verpasste, dass dieser laut krachend umfiel. Das war eine solch himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass ich vor Zorn zitterte. Ich sehnte mich nach dem Tag, an dem ich endlich selbstständig und unabhängig sein würde. Bis dahin musste ich noch stillhalten, obwohl es mir von Tag zu Tag schwerer fiel. Wütend hob ich den Schemel wieder auf und ließ mich auf diesen sinken. Die Ellenbogen auf die Tischplatte und den Kopf auf die Hände gestützt, dachte ich nach. Natürlich würde ich Lars suchen und wenn mir dafür der Arschvoll des Jahrhunderts blühte. Nur wie kam ich an den aufmerksamen Stadtwachen und meiner Mutter, die auch noch irgendwo dort draußen lauerte, vorbei? ich biss mir auf die Lippen und hob plötzlich den Kopf. Ich hatte eine Idee, so absurd sie auch war. "Lars," flüsterte ich, "halt noch ein bisschen aus. Deine große Schwester kommt!"
    Kurz entschlossen sprang ich auf, und zwar so heftig, dass der Schemel ein zweites Mal umfiel. Ich ließ ihn liegen und stürzte die Holztreppe hinauf, die zu unseren Schlafkammern führte. Oben suchte ich nach dem Lederhelm, den Keena mir damals geschenkt hatte, und stülpte ihn rasch über, ehe ich zum Fenster ging und es aufstieß. Nach einem kurzen Blick in die Tiefe schluckte ich leicht. Das war doch höher, als ich gedacht hatte. Wenn ich mich verschätzte, würde ich mir diverse Knochen brechen- und das war noch das Mindeste, was ich zu erhoffen hatte. Doch dann stellte ich mir Lars vor, der irgendwo im Myrkwood herumirrte. Ich sah ihn blutig auf der sonnengewärmten Erde liegen, den Kinderleib mit fremden Runen entweiht, die unschuldigen Augen schreckgeweitet...ich verscheuchte den Gedanken, löste die Axt vom Gürtel und warf sie aus dem Fenster, ehe ich dieses schloss und die Kammer meiner Eltern aufsuchte, ein Vergehen, das Vater sonst auch angemessen bestrafte. Hier hatten meine Brüder und ich keinen Zutritt. Ich seufzte leise, schloss behutsam die Tür und schleifte den einzigen Stuhl, den es im Raum gab, in die Zimmermitte. Das Besondere am Schlafgemach meiner Eltern war, dass sie ein Dachfenster besaßen. Mutter fand das sehr romantisch, Vater hingegen störte es oft, wenn ihn in Vollmondnächten das Licht am schlafen hinderte, doch er hatte Mutter ihren Willen gelassen und unter anfänglichem Protest schließlich dieses Dachfenster gebaut. Dabei hatte er es absichtlich ziemlich klein werden lassen und ich hoffte, dass mir dies jetzt nicht den Plan vermasselte.
    Ich stieg auf den Stuhl, öffnete das Fenster und sprang hoch. Es war eng, verdammt eng und ich klammerte mich fest, wand mich, zog den Bauch ein...endlich gelang es mir, mich durch die schmale Öffnung zu zwängen. Nach Luft ringend, lag ich letztlich auf dem Holzdach und blinzelte in die pralle Mittagssonne. Vorsichtig begann ich, auf dem Bauch vorwärts zu kriechen, argwöhnisch auf irgendwelche Stimmen lauernd, die von der Rückkehr meiner Eltern zeugen könnten. Es war still, und ich robbte mich vorsichtig weiter, Bragi im Stillen dafür dankend, dass wir ein flaches Dach hatten. Endlich gelangte ich zu meinem Fenster und verharrte dort nochmals, doch es regte sich nicht das Geringste. Langsam stand ich auf und trat wieder zurück, während ich mit den Augen die Entfernung vom Dach zum relativ nahe gelegenem Misthaufen maß. Bei Bragi, das könnte klappen, immerhin war ich eine Skaldin!
    Ich nahm Anlauf und rannte los. Meine Zöpfe flatterten hinter mir her, die Füße trommelten über das Holz. Nicht stehen bleiben, wenn dich der Mut verlässt und du das Gleichgewicht verlierst, brichst du dir den Hals! das führte ich mir eindringlich vor Augen und dann klaffte auch schon der Abgrund vor mir auf. Einen Herzschlag lang dachte ich wirklich, dass sich meine Füße angesichts dieser Höhe einfach weigern würden, den gewaltigen Sprung zu tun. Doch sie ließen mich nicht im Stich. Ich flog regelrecht durch die Luft, versäumte es, mich zusammenzurollen und rauschte wie ein Pfeil in den frischen Misthaufen. Mit einem schmatzenden 'Blörp!' sackte ich bis über die Hüften in den Mist ein. Das Gesicht zu einer Grimasse verzogen, arbeitete ich mich schnell aus der klebrig-warmen Masse Kot, Stroh und Abfall und atmete halb erleichtert, halb angeekelt auf, wobei ich mir einen Moment Zeit ließ, an mir herunter zu blicken. Na, die Säuberung würde ja ein Akt werden...
    Schnell lief ich zu dem kleinen Busch, in dem meine Axt gelandet war, nahm sie an mich und verstaute sie am verschmierten Gürtel. Ich stank wirklich drei Meilen gegen den Wind, aber vielleicht würde das ja sogar die ein oder andere eventuelle, hungrige Bestie davon abhalten, sich auf mich zu stürzen und zu verschlingen. Mit solchen hoffnungsvollen Gedanken umging ich in einem großzügigen Abstand unsere Siedlung, verbarg mich einmal hinter einer Hausmauer, um zwei Trollwächtern zu entgehen und rannte dann in Richtung Myrkwood Forrest...
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  7. #7

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    Schon beim Näherkommen spürte ich, dass mit dem Wald etwas nicht stimmte. Die großen, alten Bäume schienen das Sonnenlicht aufzusaugen und die Wärme zu absorbieren, denn merkwürdigerweise schien es im Waldesinneren kühler zu sein als im Dorf und der nahe gelegenen Umgebung. Selbst die Vögel schienen das Singen verlernt zu haben, es herrschte eine nahezu unnatürliche Stille. Ich ging weiter -wobei nur ich meine Geschwindigkeit als 'Gehen' bezeichnen würde, für jeden Nichtskalden wäre es schon Rennen- und sah mich vorsichtig um. "Lars?" rief ich leise. Keine Antwort. Ich betete insgeheim, dass ihm nichts geschehen war und dass Vater und die Wächter ihn und die übrigen Kinder gesund und heil nach Hause gebracht hatten. Also ging ich weiter, ziellos und besorgt, wobei ich von Zeit zu Zeit nach meinem Bruder rief, ohne aber eine Antwort zu erhalten. Langsam aber sicher spürte ich, wie mein Mut schwand. Ich war nun sicherlich schon eine Stunde unterwegs. "Wie groß ist dieser verdammte Wald?" flüsterte ich mir leise selbst zu. Urplötzlich hörte ich eine leise, zischelnde Stimme, die aus südlicher Richtung zu kommen schien, und die mir ganz und gar nicht gefiel: "Oohh....iihh, schöner, saftiger Menschenbraten, iihh, zart und fein, das wird ein gutes Fresschen, ein gutes Fresschen, iihh, oohh!"
    Ich sprang rasch hinter einen Baum und duckte mich, während sich mir die Nackenhaare aufstellten. Was war denn das?! die Stimme klang ein wenig wie die einer uralten Frau, aber gleichzeitig irgendwie...schlangengleich: kalt und lispelnd, mal auf-, mal abschwellend. Wenn die Person zu dieser toten, ekelhaften Stimme passte, dann wollte ich ihr lieber nicht begegnen. Vorsichtig lugte ich aus meinem Versteck- und hielt den Atem an, als ich die übergroße Gestalt erkennen konnte, die da offenbar mit sich selber sprach. Ein Anblick, auf den ich gut hätte verzichten können: das Ding schien tatsächlich eine Frau zu sein, jedenfalls ging es aufrecht auf zwei spindeldürren Beinen, besaß zwei lange, schlackernde Arme, ein Paar dünner, schrumpelnder Brüste und einen durch und durch hässlichen Kopf. Damit hörte aber auch jede Ähnlichkeit mit einem menschlichen Wesen auf. Die Gestalt war nackt, abgesehen von ein paar alten, flatternden Tüchern, die um ihre welken Brüste gewickelt waren und auch von den dürren, verhutzelten Armen hingen. Die Haut der Kreatur, die sich um den unmöglich abgemagerten Körper spannte, besaß einen hellblauen, kränklichen Ton und der gesamte Leib wurde von unschönen Adern durchzogen, die ich selbst auf diese Entfernung schon deutlich erkennen konnte. Entsetzt starrte ich auf die überlangen, krallenbesetzten Finger. Die Natur hatte es wohl für angebracht gehalten, diesem Ding doppelt so viele zu geben, wie Normalsterbliche gewöhnlicherweise besaßen. Am schlimmsten jedoch war das Gesicht: die dünnen, schwarzen Lippen waren zu einer Parodie des Lächelns verzogen und unter dem albernen Seidenschleier, den das Vieh trug, konnte ich ein Paar vorquellender, tiefschwarzer Augen erkennen. Still drückte ich mich wieder ins Gras und atmete so leise wie möglich.
    Plötzlich blieb das Wesen stehen und schnüffelte geräuschvoll, wobei es leise in sich hineinzischte: "Iihh...oohh...unschöner Geruch hängt in der Luft, iihh, was kann das sein, was ist das nur?"
    Erschrocken sah ich an mir herab. Der Mist war inzwischen getrocknet und die gröbsten Teile waren im Laufen schon abgefallen. Entweder hatte ich mich an den Gestank gewöhnt- oder das Ding besaß eine beachtlich scharfe Nase. Die abscheuliche Frau schwenkte einen leeren Weidenkorb hin und her und zögerte. "Schrecklich, widerlich, abartig, oohh, iihh...beobachtet mich da Einer, rieche ich da Jemanden, iihh..?"
    Ich zuckte zusammen und drückte mich flach an den Boden, wobei ich mich fragte, ob das Wesen so stark wie hässlich war. "Mhmm-mhmmm, iihh...nicht gut, nicht gut, Schwestern warten ja, oohh..." das Ding schüttelte seine knochige Faust und ging dann mit unsicheren, hüpfenden Schritten weiter, ehe es irgendwo im Wald verschwand. Ich wartete noch eine Minute und lauschte angestrengt, doch selbst das wehmütige Zischen und Flüstern war verklungen. Schwestern? gab es noch mehr von diesen Kreaturen hier? und vor allem... tat ich der Gestalt Unrecht und sie war eigentlich überhaupt nicht gefährlich, trotz des abstoßenden Äußeren, das ihr die Götter gegeben hatten?
    Ich beschloss, das -wenn überhaupt- später herauszufinden, sprang auf und ging vorsichtig den Weg entlang, den die Erscheinung gekommen war, dabei immer misstrauische Blicke nach links und rechts werfend. Das Gelände wurde ungleichmäßig, mal ging es kleine Hügel hinauf, dann wieder schlängelte sich der Weg, der tatsächlich zu einem Trampelpfad geworden war, schräg abfallend zwischen Büschen und Sträuchern hindurch. Ich seufzte leise und verlor langsam wirklich die Hoffnung, als ich plötzlich das Schluchzen hörte. Erschrocken sah ich mich um, konnte aber nichts erkennen. Spielte mir die Phantasie schon einen Streich...? doch da war es wieder, ein verzweifelts, ängstliches Weinen. Eindeutig stammte es von einem Kind! "Lars?" flüsterte ich und ging geduckt den Hügel hinauf, der sich vor mir erhob. Oben angekommen, legte ich mich flach auf den Boden und spähte nach unten. Erschrocken schnappte ich nach Luft als meine Augen das Bild erfassten, welches sich mir bot: unter mir erstreckte sich eine winzige, kreisrunde Lichtung, wo irgendwer -oder irgendetwas- eine Art Siedlung errichtet hatte: runde Strohhütten und Zelte wuchsen überall aus dem Boden und im Zentrum befand sich ein gigantischer Kessel, aus dem es dampfte. Neben dem Kessel stand ein vergitterter, alter Holzwagen und im Inneren befanden sich- Kinder!
    Unter ihnen erkannte ich Lars, und ich musste mich zurückhalten, um nicht sofort aufzuspringen und ins Lager zu stürmen. Da stimmte irgendwas nicht... aufmerksam betrachtete ich die Insassen des Käfigs weiterhin und erblickte zu meiner großen Überraschung Leifnir Havocbringer, der sich mit angezogenen Beinen in eine Ecke drückte. Was zum Teufel war hier los...? in dem Moment spürte ich hinter mir eine Bewegung und verharrte erschrocken. Eine Sekunde später legte sich eine schwere Hand auf meine Schulter.
    Ich fuhr herum und wollte vor Schreck aufschreien- hinter mir hockte mein Vater, der mir jetzt rasch die andere Hand auf den Mund drückte und mich warnend anblickte. Und er war nicht allein. Hinter ihm kauerten still und bedrohlich zwei gepanzerte Trollwächter, eine ebenfalls in Ketten gehüllte Koboldin und ein furchtbar streng wirkender, grauhaariger Nordmann in kostbaren Seidengewändern. "V...Vater, was machst du denn hier," flüsterte ich fassungslos. "Wir reden später," zischte er und ich empfand das Verlangen, zurückzuweichen. "Scher dich nach hinten, da wartet deine Mutter mit Storvag und den Anderen." Wer denn 'die Anderen' waren, sagte er nicht und ich fragte auch nicht nach. Obwohl er weder schrie noch handgreiflich wurde, wirkte er mit seinem eiskalten Blick und der ebenso schneidenden Stimme mehr als bedrohlich. So nickte ich und ging geduckt an ihm vorbei. "Lars ist da hinten, zusammen mit..." setzte ich leise an.
    "Ich weiß. Geh mir aus den Augen."
    Betroffen und verletzt tat ich, was er verlangte. Hinter den Bäumen erblickte ich meine vor Angst wachsbleiche Mutter mit einem durch und durch zornigen Storvag an ihrer Seite und sechs Wächtern, die sich aufmerksam nach allten Seiten umsahen. "Ach wie schön, dass wir dich auch mal wiederfinden!" fuhr mich Storvag sofort an. "Mutter war halb verrückt vor Sorge! was hast du dir dabei gedacht?!"
    "Im Gegensatz zu dir hatte ich Angst um unseren Bruder," erwiderte ich ruhig und legte das Gewicht auf das kleine Wörtchen 'unseren'. Storvag sah mich einen Moment ausdruckslos an und schlug mir dann ins Gesicht. "Storvag!" rief Mutter entsetzt und ich fuhr zurück. Mein älterer Bruder blickte einen Moment seine Hand an, ehe er bedächtig beide Arme hinter dem Rücken verschränkte. "Tut mir Leid, Llienne..." murmelte er betroffen. "Es...überkam mich." Zerknirscht fuhr er sich durch seine rotbraunen Haare und sah zur Seite. Der Schmerz war gar nicht so schlimm, mich überraschte nur seine Reaktion. Hatte er überhaupt jemals Hand an mich gelegt? wenn, dann war es schon lange her. "Ist gut," sagte ich nur.
    "Nicht so laut," grollte einer der Trolle plötzlich warnend und drehte sich schwerfällig zu uns um. Storvag und ich räusperten uns und hielten folgsam den Mund, wobei wir es vermieden, uns in die Augen zu sehen. Plötzlich spürte ich einen feinen Hauch an der Wange und hob reflexartig den Kopf. Hatte ich mich getäuscht, oder war hinter den Wächtern wirklich etwas Weißes blitzschnell zwischen den Bäumen vorbei gehuscht? nun sehe ich schon Gespenster, dachte ich verärgert. Trotzdem blieb das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden. Heimlich betrachtete ich Storvag und Mutter aus dem Augenwinkel. Wenn ihnen etwas seltsam vorkam, so zeigten sie es zumindest nicht. Wahrscheinlich steigerte ich mich schon wieder in irgendetwas albernes hinein und bevor ich mich abermals unbeliebt machen könnte, schwieg ich. Ein leises Zischeln wehte zu mir herüber und ein weißes, schemenhaftes Etwas verschwand hinter Mutter zwischen zwei Bäumen. In dem Moment erfüllte oben auf dem Hügel ein lautes Grollen die Luft und eine gewaltige Kugel aus unirdischem, blauen Licht explodierte, da, wo Vater und die anderen standen. Ich schrie vor Schreck auf und wich zurück, als sich das Schauspiel wiederholte und das Grollen von einem markerschütternden Kreischen abgelöst wurde. "Oh mein Gott," flüsterte Mutter, noch bleicher als zuvor. "Geht zurück," knurrte der Troll, der uns zurechtgewiesen hatte, und stieß gleich darauf einen donnernden Befehl in einer Sprache aus, die ich nicht verstand. Seine Kameraden hoben Äxte, Hämmer und Schwerter, stimmten in den furchteinflößenden Laut ein und stampften wie ein Mann den Hügel hinauf.
    "Was geht da vor?" sagte ich und sah den Trollen mit großen Augen nach. "Sie kämpfen...aber ich weiß nicht, gegen wen," meinte Storvag und berührte sehnsüchtig eine seiner beiden Äxte, die am Gürtel ruhten. "Mutter, ich will..." sie unterbrach ihn scharf: "Du bleibst, Vater hat es dir ausdrücklich gesagt." Er starrte sie mit ungehemmten Zorn an, sog scharf die Luft ein- und schlug dann mühsam die Augen nieder. "Ja...Mutter."
    Ich beachtete ihn nicht sondern drehte den Kopf und beäugte nun erst recht misstrauisch die Bäume. Hier stimmte etwas nicht, absolut nicht!
    Wie um meinen Gedanken zu bekräftigen, ertönte ein zischelndes, schlangengleiches "Hiihh...aah!" und fünf oder sechs hochgewachsene, spindeldürre Schreckensgestalten stürzten zwischen den Bäumen hervor. Ich fuhr erschrocken zurück. Die Wesen sahen genauso aus wie die missgestaltene, lispelnde Albtraumfrau mit ihrem leeren Weidenkorb, die ich gesehen hatte. "Mutter, Storvag...lauft!" rief ich, doch während Mutter vor Schreck scheinbar zur Salzsäule erstarrt war, stürzte sich Storvag mit einem regelrecht erfreuten Schrei nach vorne. Dieser Idiot wollte es mit all den Kreaturen allein aufnehmen! "Storvag!" brüllte ich, setzte ihm nach und riss ihn am Saum des Umhangs zurück. "Was willst du? geh in Deckung!" knurrte mein Bruder, doch ich zerrte so energisch an seinem Arm, dass er selbst mit nach hinten stolperte. Kurz vor seinem Gesicht schlug eine der gräulichweißen Gestalten mit einem irren Kichern die Hände zusammen und leckte sich begierig die schwarzen Lippen. Hinter mir hörte ich einen dumpfen Plumps. Das durfte doch nicht wahr sein...Mutter war in Ohnmacht gefallen! "Hiihh...zarte Kinderchen, zu uns, kommt zu uns, ihr Kinderchen, oohh...aaah!"
    "Hiyahh...kleine, liebe Kinderkörper, hhaa..."
    "Rriihh, seid artig, Kinderchen, hiih..!"
    Zischelnd, betörend kicherten und flüsterten die Frauenfiguren durcheinander und lullten uns mit ihren Stimmen regelrecht ein. Da gab es nur ihre schwenkenden, wogenden Leiber, die langen, gierigen Finger und ihre leisen, frostigen Stimmen. Warum weglaufen, warum kämpfen....so schlimm konnte das alles gar nicht sein...
    "Hiihh...Kinderchen, kommt kommt...oohh...brav so, iihh, fein fein!" benommen blickte ich Storvag an und er nickte sachte. Seine Augen waren ganz glasig, seine Haltung schlaff. Ich ließ die Arme hängen und wollte zu den Gestalten gehen, als neben mir plötzlich eine dunkelblaue, leise sirrende Kugel die Luft zerschnitt und die Frau, die mir am nächsten stand und schon im Begriff war, die Arme um mich zu legen, einfach von den Füßen riss. Der abgemagerte Körper wurde gegen einen Baumstamm geschleudert und sank leblos daran zu Boden. Aufkreischend wichen die Kreaturen zurück und ließen die Arme sinken. Im gleichen Moment schwand meine Benommenheit und die Wirklichkeit kam wie mit einem Hammerschlag. Ich stieß einen befreienden Schrei aus, riss reflexartig meine verdreckte Axt vom Gürtel und schleuderte sie ohne groß zu zielen nach dem ersten, kreischenden Ding, was ich erblickte. Der Treffer war wunderbar, die Axt bohrte sich lautlos in das Gesicht meines Ziels und blieb dort stecken. Die erhoffte Wirkung blieb allerdings aus- nicht ein Tropfen Blut spritzte durch die Luft und das Etwas brach auch nicht zusammen. Aber wenigstens hörte das hysterische Geschrei auf. Zumindest für einen Moment- dann waren es gleich mehrere entsetzte Stimmen, die die Luft erfüllten. "Llienne, Achtung!!"
    Ich drehte mich um und da bohrte das Unding, was sich laut heulend vor mir aufgebaut hatte, auch schon seine krallenbesetzten Hände in meinen Körper.
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  8. #8

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    Mit einem Ruck schlug ich die Augen auf und wollte mich aufsetzen, ehe ein abscheulicher Schmerz durch meinen Leib zuckte. Mit einem kraftlosen Schrei sank ich zurück und presste die Hände auf den Bauch. "Ruhig, ganz ruhig. Bleib liegen!" sagte eine sanfte Männerstimme und gleich darauf spürte ich ebenso sanfte Hände, die mit hauchzarten, flüchtigen Bewegungen meinen bandagierten Oberkörper abtasteten. Ich blinzelte, bunte Flecken tanzten vor meinen Augen. Dann klärte sich mein Blickfeld und ich erkannte zu meinem Erstaunen einen rundlichen Zwerg in der Gewandung der Heiler, der an meinem Bett stand und fachmännisch meinen Körper untersuchte. "Seid gegrüßt," sagte ich matt. Er lächelte mir zu und hob gleich darauf besorgt die buschigen, weißen Brauen. "Wie fühlst du dich?"
    Ich bewegte mich vorsichtig und verzog das Gesicht. "Ooch..." er schmunzelte und tätschelte mir leicht die Hand. "Das vergeht wieder. Du hast wirklich riesengroßes Glück gehabt, keine schwerwiegenden, inneren Verletzungen. Eir muss dich lieben, Mädchen!" ich nickte halbherzig. "Vielleicht." Plötzlich fiel mir wieder ein, was geschehen war...ich hatte Vaters Verbot missachtet und war ausgerissen, um Lars zu suchen, der durch den gefährlichen Myrkwood irrte. Nach einer unheimlichen Zwischenbegegnung hatten meine Eltern, die Wachen und Storvag mich gefunden. Und dann wurden wir von namenlosen Bestien angefallen, die Ähnlichkeiten mit Frauen aufwiesen. Eine dieser bizarren Frauen hatte mich verwundet und bei ihrer Berührung hatte ich sofort das Bewusstsein verloren. Ab da war meine Erinnerung ein schwarzes Loch.
    Abermals und dieses Mal sehr viel vorsichtiger, richtete ich mich auf und ignorierte die ausgestreckte Hand des Heilers. "Danke, es geht schon...wo ist Lars?" er runzelte fragend die Stirn. "Lars?"
    "Mein Bruder. Etwas jünger als ich, blondes Haar und blaue Augen." "Ach so. Dem Jungen geht es gut, er steht zwar unter Schock, trug aber keinerlei Verletzungen davon. Er schläft und deine Eltern sind bei ihm." Mich durchströmten gleichzeitig die unendliche Erleichterung und ein kurzes Gefühl von Niedergeschlagenheit. Sie waren alle bei Lars und sorgten sich, obwohl er gänzlich schadlos davongekommen war, während ich gerade mit großen Augen die Schüssel neben dem Bett betrachtete, in die der Heiler meine alten, blutigen Verbände gelegt hatte. Wütend und beschämt biss ich mir auf die Lippen. So ein Unsinn.
    "Kann ich zu ihm?" fragte ich und schwang die Beine aus dem Bett. Man hatte mich von meinen schmutzstarrenden Kleidern befreit und mir ein einfaches, knapp knielanges Wollhemd übergestreift. Gleichzeitig war ich gesäubert und mit wohlriechendem Kräuteröl eingerieben worden. Der Zwerg maß mich mit einem abschätzenden Blick. "Eigentlich solltest du noch ruhen," sagte er. "Bitte...! ich möchte ihn sehen!" ich blickte ihn so flehend an, wie ich konnte, meine dunkelbraunen Augen flackerten. Der Trick versagte selten und klappte auch dieses Mal hervorragend. Der kleinwüchsige Mann raufte sich seufzend die weißen, langen Haare und nickte dann ergeben. "Na schön, dann geh."
    Ich lächelte ihm zu und öffnete die Tür- und stieß fast mit meinem Vater zusammen. "Nanu?" machte er halb verwirrt, halb erzürnt. "Du gehörst ins Bett, Llienne!" noch ungnädiger wandte er sich an den Heiler: "Warum lasst Ihr sie schon durch die Gegend spazieren?!" der Zwerg zuckte die Schultern. "Ihr geht es bereits viel besser und sie möchte ihren Bruder sehen." Ich sah den beiden einen Moment schweigend zu und seufzte. Vater schien nur die Tatsache aufzuregen, dass sich der Heiler von einem Kind wie mir beeinflussen ließ, denn nichts anderes hatte ich getan. Es geht ihm nicht um mich, wie immer, dachte ich flüchtig. Seltsam- ich spürte nicht den gewohnten Stich, der mich bei dieser Erkenntnis meistens durchzuckte. Hatte ich mich mittlerweile damit abgefunden?
    "Geht. Ich will mit meiner Tochter allein sprechen," sagte Vater. "Mein Sohn Storvag wird Euch Euren Lohn auszahlen." Der Heiler verbeugte sich etwas steif. "Wie Ihr es wünscht." Ohne zu lächeln, verschwand er durch die offenstehende Tür. Auf der Treppe hörte ich ihn leise "Ja? oh...sie ist oben," sagen. Und eine mir wohlbekannte Stimme antwortete: "Gut, danke." Leifnir Havocbringer?
    Was will er denn jetzt schon wieder, dachte ich gallig. Sich über meinen Leichtsinn und meine Dickköpfigkeit lustig machen?
    Kaum drei Sekunden später klopfte Leifnir gegen die noch immer geöffnete Tür und steckte seinen schwarzen Kopf ins Zimmer. "Zum Gruße!" Vater drehte sich um und lächelte breit. "Oh, der junge Leif. Sei willkommen!" als ich nachdrücklich schwieg, warf mir mein Vater einen warnenden Blick zu und ich seufzte erneut. "Sei gegrüßt," meinte ich nur lustlos. Leif trat vollends ins Zimmer und betrachtete mich intensiv. Ich folgte seinem Blick und stellte fest, dass er mit regelrechten Stielaugen auf meine nackten Beine glotzte. Nachdrücklich drehte ich mich um, legte mich wenig elegant ins Bett zurück und zog die Decke bis zum Hals hoch. Der junge Skalde blinzelte und sein Blick klärte sich. "Soll ich euch zwei alleine lassen?" fragte Vater mit funkelnden Augen. Ich blickte ihn schief an- das waren ja ganz neue Töne! "Nun, wenn es keine Umst..." setzte Leifnir an und ich fiel ihm schnell ins Wort: "Ach was, Papa. Leif will bestimmt eh bald wieder gehen, und ich bin auch ziemlich fertig...!" na wenn das nicht deutlich genug war. Doch beide übergingen die Spitze einfach, sie schienen es mir nicht einmal übel zu nehmen. "Habt Ihr...es ihr schon gesagt?" fragte Leif an meinen Vater gewandt. Der räusperte sich. "Nun, da waren ja diese Zwischenfälle mit meinem Sohn..." ich spürte kurz die Galle in mir hochsteigen. Zwischenfälle! schöne Ausdrucksweise... "...und überhaupt...es war eine ziemlich anstrengende Situation." Leifnir wirkte enttäscht und ich begann, mich zu fragen, was hier eigentlich los war. "Warum sagt mir Leif nicht einfach selbst, was er mir sagen möchte?" schlug ich leicht genervt vor.
    Beide sahen mich an. Sahen sich gegenseitig an. Dann räusperte sich der Skalde. "Ja...warum nicht. Llienne?"
    "Die bin ich."
    "Möchtest du meine Frau werden?"
    Ich glaube, ich stand kurz davor, einen Freiflug aus dem Bett zu machen. Seine Frau werden....ich? ich?! einen Moment starrte ich ihn lediglich an und konnte nur den Kopf schütteln. "Was...?" Leifnir wirkte irgendwie leicht beleidigt, als hätte ich ein teures Geschenk abgelehnt. "Na ja, ich fragte dich, ob du mich heiraten willst." Ich musste ein Lachen unterdrücken. Das war einfach zu blöd! ich war knapp dreizehn Jahre alt und Leif vielleicht sechzehn und wir hatten uns seit unserer ersten Begegnung nicht gemocht. Und nun machte Leif, genau dieser Leif, der mich Gott-weiß-wie-oft grob am Zopf gezogen oder mir den Helm vom Kopf gerissen hatte, einen Heiratsantrag!
    Endlich hatte ich meine Sprache wieder gefunden. "Dein...ehm....Angebot in Ehren. Aber ich will dich nicht heiraten, nein." Ihr hättet jetzt sein Gesicht sehen müssen, ehrlich. Der junge Skalde starrte mich an, das Blut schoss ihm in die Wangen und er ballte eine Faust. "Du...lehnst ab?" fragte ungläubig. Sein Tonfall machte mich wütend, sehr sogar. Neben Leif sog Vater scharf die Luft ein und öffnete den Mund, zweifellos, um die Situation zu retten. Ich jedoch kam ihm zuvor: "Mach dich einem anderen Mädchen zum Geschenk," sagte ich mit eiserner Selbstbeherrschung. "Vielleicht sollte ich mich glücklich schätzen, überhaupt von einem Mann gefragt zu werden...doch wenn es jemanden gibt, den ich nicht heiraten möchte, dann bist du das."
    Leifnir starrte mich noch einen weiteren Herzschlag lang an, ehe er sich umdrehte und mit stampfenden Schritten und ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer stürzte. Ich lehnte mich verärgert zurück, doch mein Zorn war nichts gegen meinen Vater! krachend schlug er die Tür zu und lehnte sich selbst dagegen. "Weißt du, Llienne...ich hätte nicht wenig Lust, dich windelweich zu prügeln!"
    "Ich werde dich nicht daran hindern können, Vater."
    Mit zwei Schritten war er beim Bett und starrte drohend auf mich herunter. "Weißt du, in welche Verlegenheit du mich gerade gebracht hast?!" brüllte er. "Ich habe es abgelehnt, jemanden zu heiraten, den ich nicht ausstehen kann!" gab ich hitzig zurück. "Du verzogenes Balg! dankbar solltest du sein, dass ein wohlhabender, junger Mann wie Leifnir Havocbringer um deine Hand anhält. Dankbar!" ich schäumte vor Wut. Tausend angebrachte Antworten brannten mir auf der Zunge, doch ich brachte irgendwie das Kunststück zustande, nicht eine einzige in die Freiheit zu entlassen. "Ich will ihn nicht heiraten," sagte ich nur durch die zusammengebissenen Zähne.
    "Oh, das wirst du, meine Liebe."
    "Du kannst mich nicht zwingen!"
    Er lächelte böse. "Das kann ich sehr wohl. Leg dich nicht mit mir an, mein Kind. Du weißt, wer letztlich am längeren Hebel sitzt. Du wirst Leifnir im nächsten Frühjahr heiraten. Ansonsten..." er legte eine bedächtige Pause ein, "hast du die längste Zeit eine Ausbildung zur Skaldin genossen." Ich starrte ihn an. Ich wusste nichts zu sagen. Ebensogut hätte er mich wirklich windelweich prügeln können. Aber dies hier war um einiges schlimmer. Das war die pure Ungerechtigkeit.
    Vater drehte sich um, öffnete dir Tür und warf mir noch einmal einen kurzen Blick zu. "Denk in Ruhe darüber nach, Llienne. So lange bleibst du hier drinnen. Und wage es nicht, noch einmal aus dem Fenster zu springen. Aber das dürfte dir bei deinen Verletzungen eh schlecht bekommen." Damit knallte er die Tür zu und ich war endlich allein.
    Wütend und mit einem unterdrückten Schrei riss ich mein Kissen an mich und begann, es mit den Fäusten zu traktieren.
    "Ich hasse dich," flüsterte ich leise und schleuderte das Kissen auf den Boden. "Ich hasse dich!"

    Die nächste Zeit wurde sehr eintönig für mich. Ich stelle mich -wie mein Vater- auf stur. Wir wechselten kaum ein Wort miteinander, ich kam nur zum essen nach unten und zog mich danach so schnell wie möglich in mein Zimmer zurück. Dieses erschien mir mit jedem Tag abstoßender- draußen schien die Sonne, tobte das Leben... und ich war eingesperrt. Leifnir kam mich in dieser Zeit zwei oder dreimal besuchen, er war stets höflich, aber sein Blick blieb kühl und gekränkt, wenn er mich ansah. Wegen der Hochzeit fragte er nicht mehr nach. Das trieb mich jedes Mal zur Weißglut. Wir sprachen ernst miteinander, über belanglose Dinge, er wartete insgeheim darauf, dass ich endlich zur wirklich wichtigen Sache käme, ich wünschte mir im Stillen, er möge endlich verschwinden. Eine kranke Komödie.
    Eines Tages -ich lag lustlos auf dem Bett und las in einem der wenigen Bücher, die ich besaß- klopfte es an meine Tür und Lars trat ein. "Huhu, Llie," sagte er fröhlich. Ich sah unwillig auf und registrierte, dass er an einem dicken, rotbackigen Apfel kaute und neue, mit extra vielen Taschen besetzte Lederhosen trug. "Hallo, Lars," brummte ich. "Was ist?" er warf die Tür zu und stolzierte zu meinem Lager. "Willst du?" großmütig hielt er mir seinen Apfel unter die Nase. Statt einer Antwort schnellte ich vor und versenkte meine Zähne im festen, süßen Fruchtfleisch. "Hey!", maulte er entrüstet. "Nicht alles!" hurtig brachte er seinen Apfel, der wirklich ein beachtliches Stück eingebüßt hatte, aus meiner Reichweite. Ich kaute genüßlich und fragte nochmals: "Was ist?" wieder sparte er sich eine Antwort und ließ sich stattdessen auf meine dünne Matratze plumpsen. "Was lieste denn da?" ich wälzte mich auf die Seite und starrte zur Wand. "Nichts." Danach herrschte eine gute Minute tiefes Schweigen. Ich hörte, wie Lars seinen Apfel auf den Boden legte und mit seinen klebrigen Fingern anfing, in meinen Haaren herumzuwühlen. "Lass das!"
    Er kicherte, nahm eine meiner wellenden Strähnen zwischen Daumen und Zeigefinger und begann, mein Ohr zu kitzeln. Ich schlug nach ihm und verpasste mir nur selbst einen Treffer, was ihn zu noch lauterem Gekicher veranlasste. "Bengel," knurrte ich, "noch einmal, und ich werde dich..." er kitzelte nachdrücklich mein Ohr und ich schnellte herum, ehe ich die Arme um ihn schlang und ihn nach Herzenslust kitzelte, ihm in die Seite piekte und ins Gesicht pustete. Er kreischte auf und strampelte. "Baah, du bist gemein, Llie...l-laaass das!!"
    "Du wolltest ja auch nicht aufhören. Sag: Ich bitte dich um Verzeihung, große Schwester!"
    "Du stinkst, große Schwester."
    Wir kabbelten weiter und drohten, aus dem Bett zu fallen. Erst als sich Lars' bis dato fröhliches Gekrähe in wütendes Schreien verwandelte, ließ ich von ihm ab. "So, Ehre, wem Ehre gebührt. Du bist eine Nervensäge, Lars!", meinte ich und grinste ihn frech an. Er zog eine grauenhafte Grimasse, und ich lachte laut los. Er blickte mich schief an und stimmte nach wenigen Augenblicken in mein Gelächter ein. "Weißt du, Llie..." setzte er an, als wir uns allmählich beruhigten.
    "Hmm?"
    "Es ist gut, dass du wieder lachst. Ich mag dich gar nicht leiden, wenn du immer so finster guckst." Ich wurde schlagartig ernst. "Lars..." "Nein wirklich," fiel er mit ins Wort. "Warum hast du so schlechte Laune?"
    "Das geht dich nichts an."
    "Ich wills aber wissen!" seine Augen waren anklagend. Kein schöner Blick. "Papa ist doch böse auf dich? ja, schau nicht so, ich krieg das mit, ich bin doch nicht blöd. Warum habt ihr euch so gestritten?" ich fuhr mir seufzend durch die Haare. Dem Kleinen entging wirklich nichts. "Ich soll heiraten," murmelte ich. Seine Augen wurden riesig. "Heiraten? jetzt schon?" ich nickte. "Und wen?"
    "Leifnir Havocbringer."
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  9. #9

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    Seine Reaktion erstaunte mich: Unwillig verzog er das Gesicht und gab ein ablehnendes Schnauben von sich. "Oh. Den mag ich nicht." Mit hochgezogenen Brauen setzte ich mich auf und sah auf ihn hinunter. "Warum? hat er dir was getan?" meine Stimme klang lauernd. Er schüttelte nachdrücklich den Kopf und rappelte sich ebenfalls auf. "Nee. Aber er ist gemein zu den Valkyn und erzählt hässliche Lügen über sie, obwohl er sie gar nicht kennt. Das finde ich fies." "Was?!" fragte ich scharf. Er fuhr leicht zusammen und sah mich unsicher an. "Hab ich was Falsches gesagt?"
    "Nein, nein. Erzähl mir mehr. Und vor allem, was du über die Valkyn weißt. Kennst du sie?" meine Stimme klang angespannt. Schlagartig fiel es mir wieder ein. Natürlich musste er zumindest eine Valkyn kennen. Es war zwei Jahre her, da hatte ich eine getroffen und mich zögerlich mit ihr angefreundet. Seltsamerweise hatten wir uns seit unserem Abschied nie wieder gesehen. Weder in Jordheim noch sonst irgendwo war ich ihr begegnet, obwohl ich immer Ausschau gehalten und innerlich ein Treffen herbei gewünscht hatte.
    Lars nickte. "Ich hab nicht viele gesehen, zumindest nicht hier. Sie sind hier ja auch nicht Zuhause. Da sieht es in Aegirham schon anders aus." Ich starrte ihn fassungslos an. "Du...warst in Aegirham?! wann? und vor allem...mit wem?" Lars zu Besuch in der Heimat der Knochentänzer und Wilden? eine sehr seltsame Vorstellung... "Mit Storvag," meinte er verwirrt. "Warum?" er bekam keine Antwort. Ich schaute mit gerunzelter Stirn auf einen imaginären Punkt auf dem Fußboden. "Llie?" er zupfte ungeduldig an meinem Ärmel. "Was? oh, entschuldige, war geistig gerade abgelenkt..." "Ja, das hab ich gemerkt. Was hast du denn?" ich lächelte leicht. "Mich würde mal interessieren, wie Storvag dazu kommt, mit dir nach Aegir zu reisen. Das hat doch bestimmt gedauert." Er nickte voller Stolz. "Ja, einen ganzen Tag. Wir sind geritten, Llie, das war klasse! und wir haben Proviant mitgebracht, sind aber trotzdem noch in eine Kneipe gegangen. Da hab ich sogar Bier bekommen, was mir aber gar nicht geschmeckt hat und..." ich stoppte seinen Redefluss mit einer entschiedenen Handbewegung. "Das ist ja alles sehr schön, aber ich möchte wissen, warum Storvag so eine lange Reise mit dir unternommen hat." Er blinzelte ein bisschen beleidigt. "Bist du eifersüchtig?" "Quatsch," brummte ich, obwohl ich mir nicht ganz sicher war, ob dies tatsächlich der Wahrheit entsprach. Er wiegte den Kopf und zuckte mit den Schultern. "Er sagte, jetzt würde ich mal ein zünftiges Abenteuer erleben. Aber..." seine Stimme wurde anklagend, "er war am Ende überhaupt nicht mehr nett, er hat sogar..." plötzlich errötete mein kleiner Bruder und schwieg. Ich sah ihn stirnrunzelnd an. "Nun, was denn? sag es mir ruhig."
    "Hm ich weiß nicht, das ist mir peinlich..."
    "Lars!"
    Er seufzte leise und sah mich halb ängstlich, halb trotzig an. "Er wollte ohne mich weg, hat mich gehauen und gesagt: Viel Spaß, Lars. Und pass auf, dass dich die Wilden nicht fressen. Du wirst hier sicher glücklich werden." Er biss sich auf die Unterlippe. "Und dann hat er ganz gemein gelacht und ist weggegangen, und ich..." er brach nochmals ab und sah zur Seite. Ich spürte, wie ich unfreiwillig die Fäuste ballte. Storvag, dachte ich kalt, allmählich muss ich mich über dich wundern... "Was hast du gemacht?" fragte ich fast sanft. Lars schien verlegen, seine Stimme war mehr ein Nuscheln: "Ich hab geweint. Ich kannte mich da ja gar nicht aus, und da waren nur fremde Leute, Llie." Ich nickte. "Klar. Und?"
    "Ich weiß nicht...vermutlich hätte ich irgendwann jemanden gefragt, ob er mir helfen könnte. Aber ich...ich hab nicht nicht getraut. Das waren fast alles nur Valkyn da, und die sahen schon unheimlich aus, groß und zottig und mit gelben Augen..." meine Stimme klang schärfer als beabsichtigt, als ich ihm nun ins Wort fiel: "Du darfst die Leute nicht nur nach ihrem Aussehen beurteilen! Trolle sind...ahem...auch keine Schönheiten. Und wir haben trotzdem keine Angst vor ihnen, oder?"
    "Nein. Aber das ist ja auch was ganz anderes..."
    "Ist es nicht. Du denkst das, weil du ihren Anblick gewöhnt bist." Ich schlug die Hände zusammen und sah ihn ernst an. Er erwiderte meinen Blick unsicher. "Aber Trolle sind trotzdem anders. Valkyn...sind böse. Sie töten ihre eigenen Leute, weißt du. Und sie sind Kanni....Kannibalen oder so." Ich stieß einen Laut aus, in dem gleichzeitig Empörung und Spott mitschwangen. "Wer hat dir denn den Scheiß erzählt? Leifnir?" fragte ich spöttisch. Er schüttelte seine blonde Mähne. "Nee...Storvag." Schlagartig wurde ich wieder ernst. "Oh..." machte ich nur. Ich würde mich bezüglich dieser Sache nicht weiter auslassen, nicht bei Lars. Darüber sollte ich wohl mit Storvag selbst sprechen. Und das besser unter vier Augen...
    "Llie?" fragte er ängstlich und ich blinzelte. "Hm...aha. Weißt du, Lars...glaub ihm lieber nicht, er kennt die Valkyn nicht. Und das...ist jetzt auch nicht weiter wichtig. Erzähl mir lieber, wie du wieder zurück gekommen bist."
    Lars lächelte strahlend. "Ich glaub ihm auch nicht, denn es war eine Valkyn, die mich nach Hause gebracht hat. Ich soll dich übrigens von ihr grüßen, sie hofft, dass sie dich bald mal wieder sieht." Mein Herz schlug für einen Moment schneller. "Oh...wer war sie denn?"
    "Keena."
    Etwas in meiner Kehle machte 'klick' und ich spürte ein kurzes, heftiges Glücksgefühl im Magen. "Prima," meinte ich, darum bemüht, mir meine Begeisterung nicht anmerken zu lassen. "Das ist die Keena, die schon mal hier war, oder?" fragte er neugierig. "Ja," meinte ich und nickte. "Dass du dich daran noch erinnerst...warst ja noch fast ein Baby damals." Er stieß einen empörten Laut aus und boxte mir leicht in die Seite, worauf ich wieder lachte.
    Plötzlich klopfte es an die Tür und einen Moment später trat Leifnir ein. Meine Miene wurde schlagartig ausdruckslos und ich hob den Kopf. "Seid gegrüßt," sagte ich knapp, ehe er auch nur den Mund aufmachen konnte. Er nickte sachte und deutete dann mit dem Kopf auf Lars. "Geh raus, Kleiner. Ich will mit deiner Schwester allein sprechen." Lars' Augen verdunkelten sich, doch er rutschte wortlos vom Bett, hob seinen Apfel auf und huschte aus dem Zimmer. Ich sah ihm kurz nach und erhob mich dann. "Das hättest du ruhig freundlicher sagen können," meinte ich kühl. Er winkte ab und setzte sich unaufgefordert auf die Bettkante. "Er wird es überleben. Ich...wollte mich nur kurz von dir verabschieden." Ich schwieg und er wartete einen Moment vergeblich auf meine Antwort. "Ich muss für eine Weile weg," fügte er hinzu und hob die Schultern.
    "Aha..."
    Zwischen seinen dunklen Brauen erschien eine steile Falte. "Und darüber bist du ziemlich froh, oder?"
    "Das hast jetzt du gesagt..."
    Er verzog ungeduldig das Gesicht. "Schön. Das heißt, dass das mit der Hochzeit vorläufig nichts wird. Meine Ausbilder braucht mich in Gna Faste." Ich nickte leicht. "Viel Spaß dort."
    "Das muss dich ja mächtig freuen, oder?" fragte Leif und sah mich leicht verärgert an. Ich grunzte unwillig. "Warum provozierst du mich? ich hab dir von Anfang an gesagt, dass ich dich nicht heiraten will...wir sind viel zu jung dafür, man. Ausserdem liebst du mich doch nicht mal...oder?" fügte ich bissig hinzu. "Ach, du hast doch keine Ahnung," grollte er und stand ruckartig wieder auf. "Wir sehen uns denn...viel Glück mit deiner Ausbildung."
    Ich folgte seinem Beispiel und stemmte wütend die Hände in die Hüften. "Die ist eingestellt, weißt du?" blaffte ich ihn an. "Und rate mal, wer der Grund ist!"
    Er wandte sich bereits zur Tür. "Wenigstens dafür kannst du mir danken, MyLady," meinte er höhnisch. "Ich habe mit deinem Vater gesprochen. Vorgestern schon. Er ist über dein Benehmen übrigens nicht gerade erbaut..."
    "Das sind meine Angelegenheiten. Und...danke." Ich spie das letzte Wort förmlich aus. Schon wieder eine bizarre, kranke Situation. Warum sollte ich ihm dafür dankbar sein, dass er zumindest eins der vielen Probleme, die ich wegen ihm am Hals hatte, bereinigt hatte? aber wer weiß...vielleicht würde er doch noch zu meinem Vater rennen und nochmals mit ihm sprechen, sollte ich ein allzu großes Mundwerk riskieren. Das musste nicht sein, nicht wirklich.
    Er nickte knapp und verbeugte sich steif. "Leb wohl, Llienne. Ich frage dich das nächste Mal. Und ich hoffe, dass du....dass du dich dann einsichtig zeigst."
    Ohne große Hast und einen übertriebenen Knall fiel die Tür hinter ihm ins Schloss. Ich wandte mich um, ging gemächlichen Schrittes zu meinem Bett zurück und setzte mich auf die Kante. Ein schiefes, freudloses Grinsen schlich sich auf mein Gesicht. Einsichtig, so so... aber nun sah meine Situation deutlich anders aus. Nun war da nur noch eine Hürde, die dringend aus dem Weg geräumt werden musste. Dann wäre der Horizont wieder ein Stück greifbarer.
    "Also dann," sagte ich leise zu mir selbst. "Stolz, machs gut."
    Ich stand auf, fuhr mir durch die Haare und ging zur Tür.
    *Feder und Tintenfass reich*

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  10. #10

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    Mutter war nicht da, und so packte ich ihre Rationen ein, ohne mich bei ihr zu bedanken. Ich wollte gerade die Haustür öffnen, als mit Storvag von draußen zuvorkam. Einen Moment sahen wir uns nur an. In seinem Gesicht war nichts zu lesen, während sich bei mir so etwas wie Abenigung breitmachte. "Gute Reise," meinte er nur, trat an mir vorbei und stiefelte die Treppe zu unseren Kammern hoch. Ich blickte ihm finster nach.
    Vater stand draußen, von Mutter fehlte weiterhin jede Spur. Mit hochgezogener Braue betrachtete Vater mein Gepäck. "Du willst also wirklick gehen," stellte er fest. Ich nickte. Er tat es mir gleich. "Nun denn...pass auf dich auf und bleib nicht zu lange. Denk an das, was du mir versprochen hast. Immer vorsichtig sein, verstanden?"
    "Ja, verstanden."
    Ich blickte ihn einen Moment ratlos an, ehe ich mich schon umdrehen wollte. Da kam Lars um die Hausecke gestürmt. "Warte noch kurz, Llie," keuchte er. "Hier, für dich! hab ich eben selbst noch gepflückt!" stolz hielt er mir eine kleine, gelbe Blume unter die Nase. Sie war unscheinbar, kaum mehr als Unkraut und wuchs so ziemlich überall, wo es sumpfig war. Ich lächelte ihn jedoch breit an, nahm die Blume und steckte sie in meinen linken Zopf. "Danke, Lars." Seine Lippen zitterten, als er zurücktrat. "Gute Reise, Llie." Ich strich ihm über das seidene Blondhaar. "Pass hier auf alles auf. Und gib Mama einen Kuss von mir." Nach kurzem Zögern trat ich auf Vater zu, um ihm den Kuss gleich vor Ort zu überreichen. Er hielt mir seine bärtige Wange hin und gab mir einen Klaps auf den Hintern, als ich mich umdrehte. Ich grinste pflichtschuldig, und wandte mich dann endgültig ab, ehe ich in Richtung Stallmeister ging.
    Sie winkten mir nach, doch ich winkte nicht zurück. Irgendwie erschien mir das komisch. Ich wollte doch keine Weltreise machen. Ob ich Keena in Aegir überhaupt finden würde? ich hatte überhaupt keine Vorstellung von diesem Ort. Leise summend tastete ich nach der kleinen Ledertasche, die meine Mutter mir zusätzlich zu den Vorräten auf den Tisch gelegt hatte. Ohne Geld würde ich nicht weit kommen, doch auch damit war ich mehr als großzügig versorgt worden. Der Stallmeister, ein großer Nordmann um die vierzig, lächelte mich ein wenig verwirrt an. "Was kann ich für dich tun, Kleine?" ich sah ihn ein wenig ungnädig an. "Ich möchte ein Pferd haben. Für eine Reise nach Galplen, genauer gesagt muss ich nach Nalliten." Der Mann grinste. "Hast du auch deine Eltern gefragt, ob du das darfst, Mädchen?" ich zog eine Grimasse. "Sicher, hätte ich sonst dieses Gepäck bei mir?"
    "Jemand, der von zu Hause ausreißt, nimmt meistens Gepäck mit."
    Ich spürte Wut in mir hochsteigen -mein alter Fehler- und wollte dem Kerl gerade meine Meinung sagen, als ein gedrungener Zwerg in einer Kettenrüstung aus der nahegelegenen Schmiede trat. Ich erkannte ihn als den Heiler, der mich vor kurzem behandelt hatte. Er winkte mir lächelnd zu. "Hallo Llienne, wohin des Weges?" ich winkte, ebenfalls lächelnd, zurück. "Nach Galplen, sobald ich hier ein Pferd bekomme," rief ich mit honigsüßer Stimme. Der Pferdehändler sah mich schief an und der Heiler schlenderte in unsere Richtung. "Gibt es Probleme?" fragte er gutgelaunt. Ich scharrte mit der Stiefelspitze und schwieg, doch der Stallmeister zuckte die Schultern. "Die Kleine hier behauptet, sie hätte die Erlaubnis, nach Galplen zu reiten." Ich nickte beiläufig. "Hab ich auch."
    Der Heiler lachte leise. "Llienne ist ein gutes Mädchen. Wenn sie sagt, sie hat die Erlaubnis, dann kannst du ihr ruhig glauben." Ich nickte wieder, dieses Mal nachdrücklicher. Der Stallmeister grunzte. "Meinetwegen...aber nicht, dass dann irgendwann ihre Eltern vor mir stehen und ihre Tochter vermissen!" ich lächelte. "Bestimmt nicht." Während ich ihm ein paar Silbermünzen in die Hand drückte, warf ich dem Heiler einen kurzen Blick zu. "Ich danke Euch!" der Zwerg strich sich durch seinen wilden Bart und nickte. "Dafür nicht. Aber...wenn mir die Frage gestattet ist...was willst du eigentlich in Galplen, Llienne?" der Pferdehändler drehte ich um und schlurfte zum Stall, um ein Pferd für mich zu holen. Ich sah ihm kurz nach und verstaute dann mein Geld, ehe ich antwortete: "Ich will nicht nach Galplen, sondern nach Nalliten, aber das liegt ja auf dem Weg. Mein Ziel ist Aegirham." Der Heiler machte große Augen und pfiff leise durch die Zähne. "Aegirham, die Stadt der Wilden...Donnerwetter, da hast du dir aber was vorgenommen, Mädchen." Der Nordmann kam zurück, und mit ihm ein massiger, schwarzer Hengst, den er lässig mit einer Hand am Zügel festhielt. "So, Kleine. Du wolltest es so. Brich dir nicht den Hals und bring ihn mir heil wieder." Ich arbeitete mich auf den Pferderücken -was sich bei der Größe des Tiered als gar nicht so einfach erwies und von dem Händler auch mit einem spöttischen Grinsen quittiert wurde- und schenkte dem Zwergenheiler noch einmal mein schönstes Lächeln. "Es wird schon schief gehen. Macht es gut!"
    Und damit stieß ich dem Tier die Hacken in die Flanken. Es wiehrte und galoppierte los, fort aus Vasudheim, um mich ins Unbekannte zu bringen.

    Der Ritt war herrlich. Die Sonne schien, es war warm, und nur der Gegenwind pfiff mir um die Ohren. Dieses Gefühl von Freiheit genoss ich sonst nur, wenn ich Kraft meiner Skaldenfähigkeiten wie ein junges Reh durch die Wildnis jagen konnte. Obwohl ich keine besonders gute Reiterin war, bereitete mir der Hengst keine Probleme. Ich lachte, beugte mich ein wenig vor und tätschelte ihm den massigen Hals. Nur zweimal kamen mir andere Reiter entgegen -ein Troll auf einem gigantischen Schlachtross und ein Kobold auf einem schnellen, flinken Pony, der Gegensatz ließ mich leise kichern- doch sie beachteten mich gar nicht. Ich trieb das Tier an und lachte ausgelassen. Was konnte jetzt noch schief gehen? die Antwort bekam ich zwei Sekunden später. Aus dem Wald, rechts von mir, trat ein ausgewachsener Werwolf und sprang knurrend auf den Weg. Das kam so überraschend, dass ich beinahe rücklings vom Pferd gestürzt wäre, denn der Hengst stellte sich laut wiehrend auf die Hinterläufe. Ich krallte mich in die Mähne, da mir der Zügel vor Schreck einfach entglitten war, und schrie, da mir nichts anderes einfiel: "Weiter, weiter, nicht stehenbleiben!" der Hengst, dem meine Worte nichts bedeuteten, verstand zumindest meinen panischen Tonfall, doch das brachte ihn nicht dazu, mir zu gehorchen. Der Werwolf, der sehr viel größer war als der Welpe, der mich damals im Wald angegriffen hatte, kam knurrend und geifernd auf mich zu. "Hau ab, du Mistvieh, verzieh dich!" schrie ich und der die Kreatur stieß einen tiefen, rasselnden Kehllaut aus, der mich an ein höhnisches Lachen erinnerte. Ich tastete nach den Zügeln und stieß dem Hengst erneut die Absätze in die Seite. Dieses Mal gehorchte das Tier, doch der Werwolf fand noch genug Zeit, seine gräßlichen Fänge in meine Wade zu schlagen und tatsächlich ein Stück Fleisch herauszureißen. Ich brüllte laut auf und der Hengst stimmte mit einem schrillen Wiehren ein, ehe er mit den Hinterbeinen ausschlug. Es gab ein ekliges, trockenes Knacken als die Hufeisen ihr Ziel trafen und der Werwolf wurde ein paar Meter zurück geschleudert. Benommen blieb er einen Moment liegen und mit einem gewaltigen Satz stob der Hengst endgültig davon.
    Mein Bein blutete ziemlich stark, das altersschwache Nietenleder hatte den Zähnen des Werwolfs nicht standgehalten. Verbissen umklammerte ich die Zügel und fragte mich, wie weit es wohl noch sein könnte. "Verdammt," murmelte ich. Dabei hatte alles so gut geklappt. Nun, in Aegir würde ich sicherlich jemanden finden, der mir behilflich sein konnte. Nur...allzuviel Zeit sollte ich mir wohl nicht lassen. Der Schmerz war stechend und intensiv und wenn ich Pech hatte, hatte ich mir sogar noch eine Vergiftung eingehandelt. Der Gedanke ließ mich laut und herzhaft fluchen. Mein Hengst spielte nervös mit den Ohren und schnaubte, doch ich fühlte mich etwas besser. "Weiter, mein Junge," murmelte ich. "Immer weiter..."
    Nach einer kleinen Ewigkeit -so schien es mir zumindest- kam ich an einer Brücke vorbei. Dort standen zwei Koboldfrauen herum und diskutierten eifrig darüber, wer denn nun stärker sei...Geisterbeschwörer oder Runenmeister. Als sie mich sahen, hielten sie inne und die Geisterbeschwörerin -ihr Diener, ein schemenhafter, leicht leuchtender Nordmann stand schweigend neben ihr- rief mir zu: "Du bist ja verletzt, Kind. Brauchst du Hilfe?" ich zügelte mein Tier und sah müde zu ihr hinunter. "Ich möchte nur nach Nalliten. Könnt Ihr mir die Richtung sagen?" die beiden sahen sich verwundert an. "Du bist auf dem richtigen Weg. Reite noch fünfhundert Meter und dann bieg da ab," sie deutete mit dem Daumen in die entsprechende Richtung. "Wenn du geradeaus weiterreitest, kommst du nach Galplen." Ich nickte. "Ja, das weiß ich. Seid bedankt." Ich wollte schon weiterreiten, doch die Runenmeisterin rief mir nun zu: "Bist du sicher, dass du so weiterreiten willst?" ich nickte abermals. "Bist Nalliten ist es ja nicht mehr weit." Die Koboldin legte zweifelnd den Kopf schief. "Ich bezweifle, dass es dort gute Heiler gibt." Schief grinsend erwiderte ich: "Mag sein, aber in Aegirham wird es die sicher geben. Lebt wohl!" und ich galoppierte weiter.
    Dem Rat der Koboldin folgend, zwang ich meinen Hengst nach circa fünfhundert Metern nach links und legte das letzte Stück im Schrittempo zurück. Mein Bein schmerzte mittlerweile höllisch und ich biss mir die Unterlippe blutig. Inzwischen wollte ich nur noch irgendwo hin, wo mir jemand etwas gegen dieses stetige Stechen und Brennen geben konnte, und mir war es völlig egal, ob dieser jemand Keena, ein Albioner oder Bragi persönlich war.
    Aber zumindest war ich am Ziel. Oder beinahe. Ich hatte wenigstens Nalliten erreicht, dieser kleine Vorort hatte den Namen Stadt wirklich nicht verdient. Alles war ruhig, anders als in Vasudheim liefen hier nirgendwo junge Krieger herum, und auch die vertrauten Stimmen der Händler, die lautstark ihre Waren feilboten, vermisste ich. Ich stieg ab, nahm einen zerknitterten Zettel aus meinem Gepäck und schrieb einige Zeilen darauf, ehe ich das grobe Papier am Sattel befestigte. "Dann danke ich dir für deine Dienste, mein Junge. Nun lauf!" ich gab dem Pferd einen Klaps und wiehrend trabte es in die Richtung zurück, aus der wir gekommen waren. Einen Moment sah ich dem Hengst noch nach, ehe ich mich dem großen, in allen blau- und violetttönen schillernden Portal zuwandte. Ich hatte einen schlechten Geschmack im Mund und mir war schwindelig. Ja, ich sollte mich vielleicht wirklich beeilen. Mühsam humpelte ich auf den magischen Durchgang zu. Jeder Schritt schmerzte und die wenigen Treppenstufen waren eine echte Herausforderung. Doch auch das brachte ich hinter mich und nun trennte mich nur noch eine Armeslänge von meiner Welt und einer, die mir völlig fremd und vielgehasst war. Ich zögerte nicht länger, sondern holte tief Luft und tauchte ein in den bunten Wirbel aus Farben und Leuchten...

    Ich hatte ganz automatisch die Augen geschlossen, so grell und unangenehm war das vielfarbige Licht, das mich schlagartig einhüllte. Als die Augen wieder öffnete, sperrte ich vor Staunen auch gleich den Mund auf. Ein großer, kreisrunder Platz erstreckte sich vor mir. Links war ein Durchgang, der in eine fremde Graslandschaft führte, ein gutes Stück weiter vorn sah ich Wasser, entweder einen sehr großen See oder vielleicht sogar den Anfang eines unbekannten Meeres. Rechts führten ein paar Treppenstufen zu einem Marktplatz. Nervös steuerte ich auf die Stufen zu, wobei ich immer wieder stehen bleiben und ausruhen musste. Mein verletztes Bein war schon fast taub und etwas Warmes lief noch immer stetig daran hinab. Es herrschte großes Treiben auf dem Markt, und zwischen den vielen Valkyn sah ich auch einige vertraute Gestalten wie Trolle oder Zwerge. Ich blieb stehen und sah mich mutlos um. So viele beschäftigte Seelen...niemand nahm Notiz von mir, obwohl mein blutendes Bein und meine gekrümmte Haltung eigentlich für Aufsehen sorgen müssten. Wie sollte ich Keena hier finden? ausgerechnet hier? ich war dumm und naiv, so etwas hätte ich mir eigentlich denken können...inzwischen bereute ich es schon richtig, hierher gekommen zu sein.
    "Hey, du da!"
    Ich hob den Kopf und sah mich verwirrt um. "Ja, genau du!" die Stimme war ein wenig zu schrill, um angenehm zu klingen und sie hörte sich eindeutig verärgert an. Ich ließ den Kopf wieder sinken. Es gab genug andere Leute hier. "Also was ist das denn! sieh mich an, wenn ich mit dir rede, du freche Skaldengöre!" nun ruckte mein Kopf blitzschnell hoch und ich sah eine breit grinsende Koboldin an einer Schmiede stehen, die mir heftig zuwinkte. Ich schaute sie irritiert an und warf rasch zwei Blicke nach links und rechts, doch schon krähte sie wieder los: "Hallo, hier spielt die Musik!" als ich nicht antwortete, hüpfte sie grinsend auf mich zu und blieb nur eine Nasenlänge entfernt stehen. "So," murmelte sie. "So, so so..." ich starrte auf ihren silbrigen Schopf hinab. "Was?" brachte ich nur hervor. Sie sah mich mit ihren keck blitzenden Augen an und ging einmal um mich herum, wobei sie mich an Rücken, Armen, Bauch und sogar Po prüfend betastete. "Finger weg!" raunzte ich und schlug nach ihr, doch die Koboldin duckte sich flink. "So ist das also," meinte sie nochmals. "So ist was?!" explodierte ich. Wollte die mich ärgern? "Es ist so, dass du verletzt bist, dass dir dein Bein weh tut. Das ist so." Sie nickte nachdrücklich. "Ach nein," knurrte ich. "Woher weißt du das nur?" ich drehte mich um und wollte dieses komische Mädchen einfach stehen lassen, doch schon sprang sie mir nach und hielt mich mit erstaunlicher Kraft am Arm zurück. "Aber, aber, wie weit willst du wohl kommen, so, wie es jetzt um dich bestellt ist? keine hundert Meter kommst du weit. So ist das."
    Ich riss mich los und ballte die Fäuste. "Lass mich in Ruhe!" fauchte ich sie an. Was mich am meisten ärgerte war, dass sie ja eigentlich recht hatte, egal, was für einen Firlefanz sie hier auch veranstaltete. Doch ich hatte Schmerzen, war nervös und erschöpft und dieses quäkende, hüpfende kleine Etwas gab mir nun fast den Rest. "Ich werd dich schon in Ruhe lassen, ja ja, wenn ich meine Pflicht als Schamanin erfüllt habe...und zwar so!" Sie griff mit ihren kleinen Händen zu, packte mein Bein und ich brüllte laut auf. Hinter uns lachte jemand, eine Stimme, die ich nicht vergessen hatte, und ich stellte mein Geschrei schlagartig ein.
    "Wer hätte das gedacht, Cavia hat wieder mal jemanden gefunden. Hmmm...also Llienne, irgendwie steckst du immer in Schwierigkeiten, wenn wir uns treffen...!"

    Erneut drang ein Schrei aus meiner Kehle, doch dieses Mal schwangen ihn ihm nur Schrecken und dann freudige Überraschung mit: Breit grinsend, von Kopf bis Fuß in rot gekleidet, stand niemand anderes als Keena vor mir! das Valkynmädchen hatte sich deutlich verändert, ihr Körper war fraulicher geworden und ich erkannte trotz des spöttischen Lächelns einen ernsten Zug um ihren Mund, der mir damals nicht aufgefallen oder einfach noch nicht da gewesen war. Ein ebenfalls roter Umhang bauschte ihr um die Schultern und in den Händen hielt sie locker einen gewaltigen, aber schmucklosen Zweihandstab. "Keena...?" brachte ich nach einem Moment schweigenden Staunens hervor, dabei sogar den Schmerz in meinem Bein und die noch immer spinnengleich tastenden Finger der Koboldin vergessend. Die Valkyn lachte und tat einen Schritt auf mich zu. "Grüß dich, Llienne. Wirklich überraschend, dich hier zu sehen." Ich stimmte in ihr Lachen ein, wobei ich kaum den Blick von ihrem Gesicht lösen konnte. Unter einer wollenen, wie alles andere an ihr rotgefärbten Kappe wallten ihr die honigblonden Haare auf die Schultern und schimmerten im Licht wie geschmolzenes Gold. "Es überrascht mich genauso sehr wie dich, dass ich hier bin...ich werde in zehn Jahren nicht verstehen, wie ich meinen Vater dazu überreden konnte." Sie blinzelte, nickte aber nur und wandte sich an Cavia: "Wirst du ihr helfen können?" die Koboldin blinzelte und machte ein Gesicht, als hätte Keena sie ernsthaft beleidigt. "Naaa, aber sicher kann ich das," schnaubte sie. "So ein lachhaftes Bisswündchen...das wär doch gelacht, wär das!" ich verzog das Gesicht, als der nach wie vor pochende Schmerz nun wieder mein Bewusstsein erreichte. "Dafür tut dieses Bisswündchen aber verdammt weh," grummelte ich, einen raschen Blick auf die Zahnabdrücke werfend. Die Koboldin schnaubte erneut. "Na so was aber auch, entzündet hat sich das, verseucht ist's auch, aber nichts, was eine fähige Schamanin wie ich schaffen könnte!" Keena gluckste und beugte sich über mein Bein, die Wunde nun ebenfalls in Augenschein nehmend. "Du meinst wohl 'nicht schaffen könnte'," verbesserte sie. Cavia hüpfte verärgert von einem Bein aufs andere. "Nichts anderes habe ich gesagt, Pelzgesicht!" ich hielt den Atem an, doch Keena schien die unverschämten Worte nicht übelzunehmen. "Sie ist komplett verrückt und unheimlich albern," sagte sie gleichmütig. "Aber heilen kann sie, das muss der Neid ihr lassen." Cavia kicherte und errötete leicht, sofern man das bei einem Wesen sagen konnte, dessen natürliche Hautfarbe an frisch gepflückte Blaubeeren erinnerte. Dann ließ sie ihre doch erstaunlich geschickten Finger wieder über die Verletzung gleiten, murmelte etwas vor sich hin und tastete weiter. Ich sah ihr ein wenig argwöhnisch zu, musste Keena aber insgeheim recht geben: Obwohl man es ihr kaum zutrauen wollte, legte das Koboldmädchen ein Geschick an den Tag, das seinesgleichen suchte. Und wenn ich ehrlich war, war der Schmerz eigentlich gar nicht so extrem, mir hatte es einfach nicht gepasst, von so einer doch sehr merkwürdigen Person betatscht zu werden. Plötzlich glühten Cavias Finger in einem sanften, hellen Licht auf und für eine Sekunde schoss ein alles in den Schatten stellender Schmerz in meinem Bein empor, der aber so schnell verschwand, dass ich nicht einmal Zeit fand, zu schreien oder gar zurück zu zucken. Reflexartig hatte ich die Augen zusammengekniffen und als ich sie nun öffnete, musste ich verblüfft feststellen, dass die Wunde nicht nur zu schmerzen aufgehört hatte, sondern sich sogar langsam, aber sicher zu schließen begann! ich starrte erst Keena an, dann Cavia und diese grinste wie ein kleines Mädchen. "Da biste baff, was? wenn du Glück hast, gibt das nicht mal eine Narbe. Na, bin ich fähig? sag es...sag es!" ich belastete vorsichtig das eben noch verletzte Bein und machte einen Luftsprung. Nichts, der Schmerz war verschwunden. "Du...ähm...bist fähig," sagte ich gehorsam, noch immer reichlich verwirrt. Keena schmunzelte, während Cavia sich in die Brust warf und vergnügt krähte: "Und nun darf die Skaldenlady zwei nette Damen auf ein Bier einladen. Na, ist das ein Angebot?" ich lächelte leicht idiotisch und Keena zwinkerte mir zu, wobei sie mein Lächeln erwiderte: "Weißt du, was ich mal gesagt habe? irgendwann lasse ich mich von dir einladen. Nun, geht das in Ordnung?" ich strahlte und nickte heftig. "Das geht in Ordnung!"
    Geändert von Alazais (17.06.06 um 16:45 Uhr)
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  11. #11

    Standard

    Es stellte sich dann als gar nicht so einfach heraus, an ein Bier zu gelangen. Obwohl ich es für absolut unmöglich hielt, war es doch so: In Aegirham gab es keine öffentlichen Kneipen! als Keena mir dies erzählte, hatte ich sie schlichtweg ausgelacht. Wir waren schließlich immer noch in Midgard, und während für Elfen ein Leben ohne Milch und blühende Bäumchen unmöglich war -so dachte ich zumindest damals- war es als vollblütiger Midgarder einfach undenkbar, in eine Stadt zu gelangen, wo kein vernünftiges, echtes Bier ausgeteilt wurde. Mit einem Hauch von Verachtung hatte Keena eine Bemerkung über gewisse, unzivilisierte Barbaren fallen gelassen, die sich in ihr Haar zu kleiden pflegten und mit Axt und Gesöff gleichermaßen stärker verheiratet waren als mit ihren Frauen. Ich hatte sie mit Blicken getötet und dann geschwiegen, während Cavia neben uns wieder in schrilles Gekicher ausgebrochen war. Zuletzt wurden wir dann doch noch fündig, wenngleich wir auch keine Taverne fanden. Ein breitschultriger Nordmann mit nur einem Auge braute sein Bier selbst und verkaufte es in riesengroßen Holzhumpen auch an diejenigen, denen ebenfalls der Sinn danach stand. Ich bezahlte, erstand drei der Humpen und wir zogen uns mit unserer Errungenschaft in eine ruhigere Ecke des Marktplatzes zurück. Während wir genießerisch an unserem Bier nippten, beobachteten wir das rege Treiben und schwiegen eine Weile. Ich betrachtete Keena verstohlen von der Seite, wie sie ihr Trinkgefäß ernst mit beiden Händen festhielt und ohne zu blinzeln zum Tor schaute, das aus Aegir hinaus ins Unbekannte führte. Irgendwie machte sie den Eindruck, als bedrückte sie etwas und ich hätte viel gegeben, um herauszufinden, was es war. Ich war hierher gekommen, um...ja, warum eigentlich? wollte ich mich nach Jahren bei ihr bedanken? für ihre Freundlichkeiten damals, für Lars' Rettung? natürlich, genau dafür... trotzdem wagte ich es nicht, den Mund aufzumachen und das langsam peinlich werdende Schweigen zu brechen, sondern senkte den Kopf und starrte auf meine Stiefelspitzen. Plötzlich rülpste Cavia neben mir so laut und so lang, dass ich vor Schreck beinahe mein Bier fallen gelassen hätte. Eine junge Nordfrau, die gerade vorbeischlenderte, riss die Hand vor den Mund und brach in haltloses Gekicher aus, während Keenas Kopf herumruckte und sie der Koboldin einen schrägen Blick zuwarf. "Geht das nicht noch ein bisschen lauter?" fragte sie, "also am besten noch mit Melodie?" Cavia grinste so breit, dass sie sich in die eigenen Ohrläppchen zu beißen drohte. "Soll ich's mal versuchen, soll ich, soll ich?" sie nahm einen gewaltigen Schluck Bier um zu zeigen, wie ernst es ihr war. Keena verdrehte die Augen. "Tu was Nützliches und bring die Humpen weg, Kleine. Ich möchte mich mit Llienne allein unterhalten." Na, deutlicher ging es eigentlich kaum noch und Cavia protestierte zu meiner Überraschung nicht, sondern sprang mit einem Satz von der Mauer herunter, auf die wir uns gesetzt hatten, trippelte auf mich zu und streckte fordernd die Hand aus. Ich setze den Humpen rasch an die Lippen, leerte den verbliebenen Rest in einem großen Zug und drückte der Koboldin das Gefäß in die Hand. "Danke."
    Keena wartete geduldig, während sich Cavia übertrieben verneigte und mit den geleerten Humpen davonhüpfte. Leise seufzend wandte sie sich um, steuerte auf den Torbogen zu. Dabei machte sie sich nicht einmal die Mühe, einen Blick über die Schulter zurück zu werfen um zu sehen, ob ich ihr folgte. Überrascht sprang ich ebenfalls von der Mauer und lief hinter ihr her. "Hey," sagte ich, als ich mich wieder an ihre Seite gesellte, "ist etwas passiert?"
    "Nicht wirklich." Ihre Stimme klang abwesend, uninteressiert. Meine Verwirrung wuchs mit jedem Augenblick- ich war mir eigentlich keiner Schuld bewusst. "Aber irgendetwas stimmt nicht mit dir," fuhr ich hartnäckig fort.
    "Richte die Augen nach vorne und folge mir."
    Ich klappte den Mund zu und schwieg, wobei zögerlich der Ärger in mir aufstieg. Da hatte ich den ganzen Weg auf mich genommen um sie zu suchen, wollte ihr danken und nun so etwas. Das Tor hatten wir mittlerweile erreicht und Keena ging stur und noch immer stumm weiter. Ich warf ihr einen sehr langen Blick zu, den sie aber auch gefliessentlich ignorierte. Überhaupt tat sie so, als wäre ich gar nicht da. Als auf diese Weise weitere fünf Minuten vergingen, wurde es mir zu dumm. Ich blieb ruckartig stehen und griff dabei nach ihrem Arm. Keena funkelte mich ärgerlich an und riss sich ohne Mühe los. "Was ist?" fragte sie unfreundlich, wobei ihre seltsamen Katzenaugen wie kleine Kohlenstücke glühten. "Das Gleiche könnte ich dich fragen," gab ich kaum weniger giftig zurück. "Was soll das? wo wollen wir hin und warum tust du so, als hätte ich wer-weiß-was verbrochen? wenn ich hier nicht erwünscht bin, dann sag es und ich bin sofort weg." Mit knatternden Flügeln schwirrte eine Art Riesenmücke an uns vorbei, und während Keena ihr nachsah, nahm ich keinen Blick von ihr. Sie zögerte kurz und holte tief Luft, ehe sie sich einfach ins gut hüfthoch wachsende, von der Sonne ausgebleichte Gras sinken ließ und mir einen müden Wink gab, es ihr gleichzutun. Wortlos gehorchte ich, stütze mich mit einer Hand ab und zog meine Beine an den Körper. Keena rupfte einen Halm aus und begann, darauf herumzukauen. "Es tut mir leid," meinte sie schließlich und ich sah deutlich, welche Überwindung sie dieses Eingeständnis kostete. Überdies fiel mir noch etwas anderes auf: Trauer. Keenas Blick spiegelte Elend, ihr Mund war verkniffen und die Fäuste leicht geballt. Auf einmal fühlte ich mich schäbig, sehr schäbig sogar. Ich rückte etwas näher an das Katzenmädchen heran und tastete nach ihrer Hand. Keena ließ es wortlos geschehen. "Was ist passiert? was ist wirklich passiert?" fragte ich ruhig. Sie antwortete auch dieses Mal nicht, sondern blickte scheinbar nachdenklich ins Gras. Schließlich stellte sie unvermittelt eine völlig unpassende Gegenfrage: "Möchtest du sehen, was ich in der Zwischenzeit gelernt habe?" ich nickte verwirrt, noch immer sachte ihre Hand haltend. "Klar will ich." Sie machte sich los und stand abermals auf. "Pass auf," sagte sie, spreizte ein wenig die Beine und schloss wie in höchster Konzentration die Augen. Ich schwieg, wartete und passte gehorsam auf.
    Zwischen Keenas Finger glühte ein seltsames, blaues Licht und ich hielt den Atem an. Was kam denn nun..? sogleich bekam ich die Anwort- in Gestalt eines großen, aufrechtstehenden Skeletts. Mir klappte vor Überraschung die Kinnlade herunter und ich rutschte reflexartig auf dem Hosenboden zurück. Das Skelett trug nicht nur eine uralte Rüstung und einen ebenfalls aus Knochen bestehenden Helm, sondern war sogar noch mit Schwert und Schild bewaffnet. "Was ist das denn?" ächzte ich. "Sei still," erwiderte Keena, schloss abermals die Augen und erneut machte sich Anspannung auf ihrem Gesicht breit. Ich sah fassungslos von ihr zu dem Gerippe, welches lässig die fleischlosen Arme baumeln ließ und sich hinter Keena aufstellte. Ein irgendwie beunruhigender Anblick, und ich wollte schon gerade einen Warnruf ausstoßen, als wie aus dem Nichts ein zweites Skelett erschien. Es war etwas kleiner als das Erste und trug weder Rüstzeug noch Waffen. Trotzdem gab ich einen erstickten Schreckenslaut von mir und sprang auf die Füße. Keena lächelte erschöpft, aber eindeutig triumphierend. "Na? was sagst du?"
    "Äähh..."
    'Äähh' war ungefähr wirklich das, was ich gerade fühlte und sogar noch relativ geistreich. Immerhin kam es nicht alle Tage vor, dass laufende Knochen aus dem Nirgendwo erschienen und scheinbar auf Befehle warteten, denn genau diesen Eindruck machten die beiden Skelette, die ihre Schädel jetzt Keena zuwandten und ihre leeren Augenhöhlen auf ihr Gesicht hefteten. "Ich mache Fortschritte in meiner Ausbildug," erklärte Keena nicht ohne Stolz. Ich starrte sie noch immer irritiert an. "Aber wieso...was sind...was soll..." ich deutete mit dem Finger auf die beiden Gerippe. Sie grinste spöttisch. "Ich bin eine Knochentänzerin, Mädchen. Na, regt sich da irgendwas bei dir?"
    "Du tanzt mit Knochen?" fragte ich dümmlich. Sie griff sich an die Stirn und stöhnte übertrieben. "Was hast du die letzten Jahre getrieben? gepennt?" fragte sie kopfschüttelnd. "Es wird höchste Zeit, dass wir an deinen Fertigkeiten arbeiten." Sie gab den beiden Knochengestalten einen Wink und ging einfach weiter, wobei ihr ihre stummen Diener gehorsam folgten. Ich tat es ebenfalls, doch nun war meine Verwirrung ins Unermessliche gestiegen. "Ich freue mich ja für dich, aber was hat das bitte mit meiner Frage zu t..." mit einer einzigen Handbewegung schnitt mir Keena das Wort ab. "Später," sagte sie nur. "Komm, ich will sehen, was du kannst." Also seufzte ich nur und fügte mich. Wenn ich Keena nun weiter bedrängte, würde ich bestenfalls gar keine oder nur noch eine patzige Antwort bekommen, dessen war ich mir ziemlich sicher. Ausserdem war ich schon neugierig, was mich erwartete. Und was immer Keena eben bedrückt hatte...jetzt schien es ihr ja wieder besser zu gehen. "Ach übrigens," sagte ich plötzlich und lächelte sie an, "danke nochmals."
    "Hm? wofür?"
    "Dass du meinem kleinen Bruder neulich geholfen hast."
    Sie erwiderte mein Lächeln. "Ach, stimmt ja, da war doch was...der Kleine ist echt niedlich, aber er sollte sich definitiv andere Reisegefährten suchen." Mein Gesicht verfinsterte sich. "Der Reisegefährte war in diesem Falle unser Bruder. Ich weiß nicht, was er im Schilde führt...da ist in der Zwischenzeit schon einmal ein seltsamer Zufall passiert." Keena sah mich interessiert an und bedeutete mir mit einem Nicken, fortzufahren. "Nun, bei uns im Myrkwood Forrest geschahen bis vor kurzem sehr seltsame Dinge. Kinder sind verschwunden, manche blieben bis heute verschollen, andere wurden...wurden gefunden." Ich schluckte leicht. "Da steckten jedenfalls Monster hinter...du hättest sie sehen sollen, wie ertrunkene Frauen, viel zu dürr zum leben, mit schwarzen Augen und..."
    "Moratänzerinnen," unterbrach mich Keena.
    "Was?"
    "Du meinst Moratänzerinnen. Ich kenne sie..." in Keenas Blick spiegelte sich Abscheu. "Sie sind verflucht hinterlistig und extrem gefährlich...Kinder und unerfahrene Krieger verspeisen sie zum Frühstück...im wahrsten Sinne des Wortes. Aber ich hab dich unterbrochen, verzeih mir." Ich winkte nur ab und fuhr fort: "Na ja, diese Moratänzerinnen jedenfalls hatten nicht nur Leifnir Havocbringer...oh ich sehe, du erinnerst dich an ihn?" ich grinste, als ich Keenas Gesicht bemerkte. Sie schaute, als hätte sie in eine saure Zitrone gebissen und danach noch einen Kübel kaltes Wasser in den Nacken geschüttet bekommen. Sie schnaubte nur und nickte abfällig "...Sie hatten also nicht nur diesen Idioten gefangen, sondern noch einige Kinder...und unter ihnen war mein kleiner Bruder. Er hätte zu der Zeit nie im Myrkwood herumlaufen dürfen, doch ausgerechnet Stovag, das ist unser älterer Bruder, hat ihn laufenlassen. Klingt doch seltsam, nicht?"
    Die Valkyn schüttelte den Kopf. "Nein, das klingt nicht nur seltsam, sondern auch verdammt beunruhigend," sagte sie ernst. "Du solltest nicht nur mit deinem Bruder, sondern auch mit deinem Vater ein paar Takte reden. Sonst könnte es für den Kleinen böse ausgehen." Ich nickte nachdenklich. Keena blieb plötzlich stehen und ich rannte ihr fast in den Rücken. "Grüß deinen kleinen Bruder mal recht herzlich von mir, aber nun zu was anderem...sagt dir Dun Abermenai etwas?" ich blinzelte, musste dem plötzlichen Übergang geistig erst einmal richtig folgen. "Err..." machte ich und kratzte mich am Hinterkopf. Sie seufzte erneut. "Ich beginne mich zu fragen, was du eigentlich weißt," brummte sie. "Aber damit auch du nicht dumm stirbst, versuche ich mal, deine Wissenslücken zu füllen: Neben den Großen Feindes und Grenzländern gibt es noch gewisse...Vorposten."
    "Vorposten?"
    "Hm-hm. Insgesamt gibt es vier solcher Posten. Die Albioner, Hibernianer und wir haben jeweils eine kleine Festung in diesem Teil des Landes und es gibt eine neutrale Festung, so gesehen das Herz der Kampfgebiete dort. Wir sammeln in Dun Abermenai, Thidranki, Murdaigean und Caledonia nicht nur erste Erfahrungen für unser späteres Kriegsleben, sondern können an unseren speziellen Fertigkeiten arbeiten. Sehr hilfreich, aber nicht ganz ungefährlich," erzählte Keena. Ich hörte gespannt zu und nickte nur, um sie nicht zu unterbrechen. "Die Jüngsten, wir also, beschützen Dun Abermenai. Wenn man dort über genug Erfahrung und Stärke gesammelt hat, gehts weiter nach Thidranki. Um dieses Gebiet wird neben Caledonia meistens am heftigsten gekämpft. Abermenai und Murdaigean sind eher unbedeutende Stützpunkte und meistens herrscht da Ruhe..." sie brach ab und schwieg, versonnen einen kleinen, von ebenfalls gelblichem Gras bewachsenen Hügel betrachtend. "Und du willst nun nach Dun Abermenai, oder wie soll ich das verstehen?" fragte ich, wobei ich die heftige Aufregung niederkämpfte, die sich in meinem Inneren ausbreitete. Allein die Vorstellung verursachte bei mir einen Hauch von Übelkeit, nicht etwa vor Angst, sondern ungläubiger Faszination: Ich, ausgerechnet ich, sollte in einem Kampfgebiet für mein Land einstehen und um eine Festung kämpfen? mein Leben lang hatte ich davon geträumt, und es war in diesem Moment vollkommen egal, dass es sich hier nur um einen kleinen Stützpunkt für Halbwüchsige und nicht das berühmte Emain Macha handelte!
    Keena grinste. "Du bist krebsrot, weißt du das?" ich konnte es mir lebhaft vorstellen, doch ich verschränkte nur die Arme vor der Brust, um meine Hände ruhig zu halten, und fragte erneut, wobei meine Stimme vor Erwartung leise zitterte: "Willst du nach Dun Abermenai, Keena?" und als sie nickte, hatte ich das Gefühl, als würde ein glühender Klumpen durch meine Kehle und langsam in Richtung Bauch rutschen.
    Keena grinste noch breiter. "Pass auf, dass du dich nicht gleich nass machst. Deswegen habe ich dich hierher gebracht- zum üben. Oder willst du gleich bei der ersten Auseinandersetzung mit so einem stinkenden Inconnu den Löffel abgeben?" ich wusste nicht, was ein Inconnu war, doch ich schüttelte heftig den Kopf. "Nein, natürlich nicht!" Keena nickte. "Eben. Also, werte Llienne...du hast viel über sie gehört, man hat dir viel Sch...viel komisches Zeug erzählt und nun wollen wir sie dir endlich zeigen. Lass uns die Morvaltar besuchen!" bei den Worten verdunkelte sich Keenas Gesicht und ihre Stimme hatte einen kalten, berechnenden Ton angenommen. Sie hasst sie, dachte ich, die Valkyn aufmerksam betrachtend. Das ist nichts anderes als echter, ungetrübter Hass. "Gut...lass sie uns besuchen," antwortete ich nur.

    Der Weg erwies sich als einfach und Hindernisse wurden uns keine in den Weg gelegt. Die wilde, ungezähmte Landschaft Aegirs war einfach nur unglaublich. Eine solch ungebrochene, schlichtweg prähistorische Natur hatte ich noch nirgendwo zu Gesicht bekommen: Wild wuchsen Bäume und Pflanzen, deren Namen ich nicht einmal kannte, neben gigantischen Mammuts tummelten sich auf ein paar Felsen sogar Säbelzahntiger, doch zu meiner leichten Enttäuschung machte Keena einen weiten Bogen um die träge in der Sonne faulenzenden Raubkatzen. "Sie sind sehr aggressiv und greifen oft im gesamten Rudel an," erklärte sie, als ich vorschlug, die schönen Tiere etwas eingehender zu betrachten. "Aber sie wirken nicht gerade aggressiv," beharrte ich und sah zu den dösenden Tigern hinüber. Keena lächelte nur humorlos. "Noch. Wenn sie dich erstmal riechen, werden sie dich unter Garantie zum Mittagessen einladen- und rat mal, wer der Hauptgang ist!" so waren wir also mit einem -meiner Meinung nach- deutlich übertriebenem Sicherheitsabstand weitergewandert und ich begnügte mich damit, wieder die faszinierende Umgebung zu bewundern. "Es ist unglaublich...so viel Freiheit und Platz...," schwärmte ich und sah Keena begeistert an. Die blieb ernst: "Ja, es gehört den alten Trollvätern...und damals, ganz damals...da gehörte es uns." Ihre Stimme klang dabei weder zornig noch verbittert, doch ich senkte den Kopf und schwieg, während ich ein schlechtes Gewissen verspürte. Keena war wirklich ein Buch voller Rätsel. Wieder breitete sich eine Weile unangenehmen Schweigens zwischen uns aus und ich war gerade im Begriff, dieses zu brechen und mich für meine Worte zu entschuldigen, als Keena mir nicht gerade sanft die Hand auf die Schulter legte, leicht zudrückte und einen Finger an die Lippen hob. "Sssh," zischte sie und duckte sich leicht, wobei ich notgedrungen ebenfalls in die Knie gehen musste. "Was ist?" flüsterte ich. Sogar die beiden Skelette -an ihren Anblick hatte ich mich mittlerweile mehr oder weniger gewöhnt- traten ein wenig zurück und senkten die Schädel. "Morvaltar," hauchte Keena, und ein böses Glitzern trat ihr in die Augen. Ich folgte ihrem Blick...und schluckte leicht. Hinter einer Reihe schief gewachsener, dürrer Bäume tummelten sich vielleicht vier oder fünf gedrungene Gestalten. Beim flüchtigen Hinsehen konnte man sie für Valkyn halten, doch ein genauerer Blick brachte die feinen, ausschlaggebenden Unterschiede deutlich zur Geltung. Die Morvaltar wirkten irgendwie...tierischer, ein anderes Wort fiel mir für den Moment nicht ein. Sie gingen gebeugter, trugen grobe, verdreckte Fellfetzen und unterhielten sich nicht in menschlicher Zunge sondern verständigten sich mit grollenden Grunlauten und tiefem Geknurr. Ihre stumpfsinnigen, aber durch und durch boshaften Augen konnte ich selbst über diese relativ große Entfernung erkennen. Ich warf einen raschen Blick auf Keena und zuckte kurz zusammen: Die Augen des Katzenmädchens schienen Funken zu sprühen, ihre behandschuhten Hände krallten sich in den warmen Sandboden und sie hatte die Zähne leicht gefletscht. Was haben diese Wesen ihr getan, dass sie sie so sehr hasst, dachte ich unbehaglich. Kurz, wirklich kurz, schwirrten mir die alten Worte Leifnir Havocbringers im Kopf herum: 'Rücksichtslose, brutale Räuber sind sie! Mörder! ja, da guckst du, wie? die ziehen nicht wie wir gegen Albion und Hibernia, um ihre Heimat zu beschützen...die haben Spaß am töten! hast du das gewusst? nein, nicht wahr? aber so ist es. Sie feiern gottlose Feste...Orgien wäre wohl besser...und metzeln diejenigen nieder, die mit auf ihren Inseln leben...'
    Ich schüttelte wütend den Kopf und knirschte mit den Zähnen. Was wusste dieser Schwachkopf schon. Trotzdem rückte ich ein klein wenig von Keena weg, dieser unverdünnte Hass in ihrem Blick machte mir beinahe Angst. "Die schnappen wir uns," zischte die Valkyn. "Eine Sekunde noch..." sie vollführte ein paar rasche Handbewegungen und für einen Moment war sie von einem Schwall hellen, aber nicht unangenehmen Lichtes umhüllt. Ich warf einen raschen, nervösen Blick zu den Morvaltar, doch die schienen noch nichts von unserer Anwesenheit bemerkt zu haben."Bei drei," knurrte Keena.
    "Ja, gut..."
    "Eins!"
    Ich spannte mich ein wenig und tastete nach meiner Axt.
    "Zwei...!"
    Ich schloss die Finger um den Axtstiel und schickte ein kurzes Gebet zu Bragi. Hilf mir, Herr der Schlachtensänger, nun wirds ernst...
    "Drei!!"
    Keena sprang mit einer unglaublich schnellen, fließenden Bewegung auf die Füße und stürzte rücksichtlos auf die Morvaltar zu, wobei ihre beiden Skelettdiener ihr ohne zu zögern folgten. Und dann ging alles ganz schnell. Ich merkte kaum, wie ich ebenfalls auf die Beine kam und einen kurzen, kehligen Schrei ausstieß. Sofort fühlte ich mich stärker, Kampfeslust beherrschte mich und wie ein Hitzeschwall durchströmte mich die Kraft. Da gab es nur Keena, mich...und meine Axt. Der Valkyn schien es ähnlich zu gehen, denn sie brüllte mir zu: "Gut, Llienne!" nun hatten die Morvaltar die Köpfe gehoben und starrten zu uns hinüber. Ihre Ohren zuckten und knurrend sprengten sie vor. "Zöger nicht...töte sie, du brauchst die Übung!" rief Keena schneidend, als mich für einen halben Herzschlag doch Zweifel überkamen. Sie hatte Recht. Irgendwann musste ich damit beginnen, vielleicht war das der endgültige Schritt zum Erwachsenwerden. Ein Feind, sei es ein Ungeheuer, ein Albioner oder ein Hibernianer...niemand, niemand würde mich später verschonen. Da zählte nur eins: Auge um Auge, Zahn um Zahn.
    Zweifel und Angst verflogen. Ich stürzte mich auf den erstbesten Morvalt und schwang in einem kurzen Bogen die Axt, während ich einen brüllenden Schrei ausstieß, der meinen Gegner vor Schmerz grunzen und ein wenig zurücktorkeln ließ. Ich schrie ihn nochmals an, dieses Mal noch lauter und zorniger als zuvor. Der Morvalt stöhnte, ein Geräusch, in dem sich nur Schmerz und langsam anschwellende Furcht wiederfanden. Ich blickte in das behaarte Gesicht meines Gegners und sah sie, diese Furcht. Und was ich damals sicher empört abgestritten hätte, gab ich später beschämt zu: Es machte mir Spaß. Es erfüllte mich mit einem mir bis dato unbekannten Gefühl von Macht. Ich war ihm überlegen, er hatte mir nichts entgegenzusetzen und ich würde zumindest diesen Kampf siegreich überstehen. Nochmals und mit gnadenloser Wucht zerschnitt meine Waffe die Luft und mit einem gequälten Knurren ging der Morvalt zu Boden.
    Neben mir kämpfte Keena gegen gleich drei der Morvaltar auf einmal und obwohl zwei bereits schwer verletzt waren, keuchte sie ebenfalls und musste langsam, aber sicher zurückweichen. Normalerweise hätte mich das Schauspiel sicher abgelenkt und mir eine rasche Niederlage beschert, denn es gab eine Faustregel, die man nie, nie vergessen durfte: Kehre keinem Gegner den Rücken, so lange er noch aufrecht steht.
    Keena hatte blutende Wunden, doch seltsamerweise schlossen sie sich immer wieder, wenn ihr Stab, begleitet von einem seltsamen, rauschenden Laut, in regelmäßigem Abstand auf ihre Gegner hinabfuhr. Neben ihr kämpfte ihr gerüsteter Skelettkrieger und zischte jedes Mal zornig, wenn er oder seine Herrin getroffen wurden. Das andere Gerippe hatte sich ein gutes Stück zurückgezogen- und heilte Keena! seine fleischlosen Hände machten beinahe gelassene Bewegungen und spendeten warmes, wohltuendes Licht, was sternengleich auf die Valkyn herabsank und jedes Mal einen tiefen Kratzer schließen ließ, einen Blutfluss stoppte und Bisswunden versiegelte.
    Ich nahm meinen nächsten Gegner ins Visier. Meine Kehle schmerzte und ich hatte einen bitteren Geschmack im Mund, doch ich stieß schrille, triumphierende Kampfschreie aus, schwang meine Axt wie im Rausch- und irgendwann war es einfach vorbei. Keiner der Morvaltar war entkommen, erschlagen lagen sie zu unseren Füßen, während ihr Blut den heißen Sandbonden rot färbte. Und schlagartig wich alle Kraft aus meinen Gliedern. Ich ließ meine Axt einfach fallen, taumelte zurück und brach schließlich mit einem erschöpften Keuchen in die Knie. Meine Beine waren wie Gummi und ich war in Schweiß gebadet. Mit dem letzten Rest geistiger Stärke hauchte ich ein mattes Lied und dankte Bragi im Stillen, dass ich noch am Leben war. Keena hatte viel mehr geleistet als ich und sah trotzdem weitaus besser aus. Trotzdem zitterte auch sie leicht, als sie sich neben mir zu Boden sinken ließ. "Das war ein Kampf, was?" sagte sie rauh. Ich blickte sie müde an. "Ja," sagte ich nur und nickte sachte. "Dein erster?" fügte die Valkyn hinzu, als ich wieder in Schweigen verfiel. "Gegen andere Gegner als Baumstämme und Baumspinnen? ja," antwortete ich und rieb mir die linke Schulter. Sie legte kurz die Hand auf mein Knie. "Das war gut."
    "Danke."
    Geändert von Alazais (17.06.06 um 16:46 Uhr)
    *Feder und Tintenfass reich*

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  12. #12

    Standard

    Wir ruhten uns noch eine Weile aus und ich vermied es, die erschlagenen Morvaltar anzusehen. Keena schien es nicht zu stören, bei ihren Leichen wieder zu Kräften zu kommen- im Gegenteil. Am meisten bestürzte mich der Ausdruck tiefer Zufriedenheit in ihrem Gesicht. Theoretisch hatten uns diese Tiere...oder wie immer man sie nennen wollte...nichts getan. Keena hatte es von sich aus gewollt. Aber nun fing ich ja schon wieder damit an. Ich ballte die Fäuste, so sehr, dass meine Fingernägel schmerzhaft in meine Handflächen stachen. Vielleicht war ich doch zu weich und hatte einfach nicht das Herz einer Kämpferin...?
    "Keena?" fragte ich leise.
    "Mhm?"
    Ich blickte sie ernst an. "Nun mal ehrlich. Und weich mir nicht aus, ja?" ihre Augen verrieten Ungeduld und ein gewisses Misstrauen. "Na was denn, raus mit der Sprache!"
    "Warum...hasst ihr euch so? dein Volk und diese Morvaltar. Und warum hasst du sie sogar so sehr, dass es dir Freude bereitet, sie zu töten?" meine Stimme klang ernst, gefasst. Keena warf ihre blonde Mähne in den Nacken. "Du hattest doch auch deinen Spaß, es war kaum zu übersehen," sagte sie spitz. Ich seufzte tief, sehr tief. "Du weichst mir wieder aus." Keena verstummte und ich glaubte schon nicht mehr an eine Antwort, als ich diese dann doch bekam. "Du hast Recht. Du hast vollkommen Recht...entschuldige. Ich bin die letzte Zeit...nicht mehr ich selbst." Das habe ich gemerkt, dachte ich flüchtig, hütete mich aber, das laut auszusprechen. "Warum?" fragte ich nur. Keena senkte den Kopf, so tief, dass er fast zwischen ihren gespreizten Schenkeln verschwand. "Ich hasse sie wirklich," murmelte sie. "Und ich tue nichts lieber, als die zu töten, die auch meine gesamte Familie getötet haben."
    Hätte das Katzenmädchen mich geschlagen...mein Schock hätte nicht größer sein können. "Die Mor...sie haben deine Familie...getötet?" wiederholte ich flüsternd. Sie nickte nur, ohne aufzusehen. "Wann?" fragte ich im gleichen Tonfall weiter.
    "Vor einem halben Jahr, vielleicht ein bisschen weniger. Damals waren sie mir einfach nicht geheuer...dass sie aber Ungeheuer sind," fuhr sie mit bitterer Betonung hinzu, "habe ich dann doch etwas zu spät gemerkt." Ich hatte wieder diesen schlechten Geschmack im Mund und meine Kehle fühlte sich eng an. Mit einem Entsetzen, dass ich nicht ganz verbergen konnte, blickte ich Keena an. Die junge Valkyn hatte sich wieder aufrecht hingesetzt und ihr Blick schweifte ausdruckslos über die erschlagenen Morvaltar. "Ich habe meine Tränen vergossen," sagte sie einfach. "Doch das bringt die Toten auch nicht zurück." Ich starrte sie weiterhin an. "Bringt es sie denn zurück, wenn du nun jeden Morvalt erschlägst, der dir unter die Augen kommt?" fragte ich, eigentlich ganz gegen meinen Willen. Keena fuhr aber nicht zusammen und ließ mir auch keine scharfe Antwort zuteil werden. Stattdessen blieb ihr Blick weiterhin beinahe nachdenklich an den Leichen hängen. "Nein. Aber ich finde meinen Frieden."
    Und dabei blieb es.

    Unser blutiger Ausflug dauerte nicht mehr sehr lange. Ich wollte nicht mehr, jede Lust war mir vergangen und obwohl ich Keena wirklich verstehen konnte, erschien mir ihre nicht enden wollende Rache sinnlos und scheußlich. Das wollte einfach nicht zu dem kecken Valkynmädchen passen, was ich damals kennen gelernt hatte. Dennoch trafen wir noch zwei weitere Male auf vereinzelte Morvaltar, die uns einmal auch von sich aus angriffen. Keena brachte ihr Werk mit beinahe unheimlich anmutender Perfektion zu Ende und sagte dann selbst, dass sie für heute genug Übung erhalten habe. Mir war das nur recht.
    Auf dem Rückweg nach Aegirham warf mir Keena plötzlich einen kurzen Blick zu und lächelte traurig. "Willst du eigentlich noch mit mir verrücktem Weib nach Abermenai ziehen oder bin ich bei dir endgültig unten durch?" ich seufzte und legte ihr statt einer Antwort nur den Arm um die Schulter.
    Am Eingang nach Aegir wurden wir bereits ungeduldig erwartet und ich seufzte leicht, als Cavia wie ein Wirbelwind auf uns zufegte. "Heyjaaa!" brüllte sie. "Wo wart ihr so lang, he? ihr wart lange fort und ohne ein Sterbenswörtchen zu sagen oder mich mitzunehmen, tze tze!" Keena grinste sachte. "Du hättest dich eh nur gelangweilt, gab niemanden, an dem du deine Heilkunst hättest testen können." Doch Cavia starrte mich aufmerksam an und krähte erneut los: "So, so, so! und warum sieht das Skaldenmädchen schon wieder aus wie dreimal vom Troll gebissen, he?" der Blick, den sie Keena zuwarf, war alles andere als freundlich. Ich musste zugeben, dass die Koboldin Recht hatte, auch wenn ihre Ausdrucksweise ein wenig merkwürdig anmutete. Ich war Zeit meines Lebens noch nie von einem Troll gebissen worden und konnte diesbezüglich keine Stellung einnehmen. Mein magisches Lied mit den regenerativen Fähigkeiten hatte mir schon sehr weitergeholfen und Keena war von ihrem Skeletthelfer vollständig geheilt worden -das dämliche Etwas hatte sich strikt geweigert, auch mich zu heilen!- doch trotzdem spürte ich jeden blauen Fleck, jeden Kratzer und den Beginn eines gewaltigen Muskelkaters. "Hmm," machte ich nur und Keena grinste wie in alten Tagen: "Also kommst du doch noch zu deinem wohlverdienten Recht. Andere Leute freuen sich über Gold und Schmuck, Cavia ist glücklich, wenn sie jemanden heilen darf- und je schlimmer die Verletzungen, desto besser." Die letzten Worte hatte sie an mich gerichtet und ich kicherte pflichtschuldig. Cavia hingegen zog eine Grimasse. "Pfff," machte sie. "Wenn es sich denn hier wenigstens um vernünftige Verletzungen handeln würde...das sind ja Myggastiche!" Keena prustete los und ich sah die Koboldin finster an. "Mir reicht es." Während sich Cavia mit schmollendem Gesicht um meine vielen, kleinen 'Myggastiche' kümmerte, fragte sie ganz beiläufig: "Wie is'n das eigentlich passiert?" ich hätte beinahe geantwortet, bemerkte aber Keenas warnenden Blick und schwieg verwirrt. Scheinbar wollte die Valkyn nicht, dass Cavia erfuhr, was wir getrieben hatten. Warum, wusste ich nicht, doch ich wollte der Freundin nicht in den Rücken fallen. "Ach, meine eigene Dummheit...hab mit offenen Augen geschlafen," sagte ich achselzuckend. Cavia schnaubte. "Nordländische Trampel eben." Während Keena schon wieder loslachte, sah ich bedächtig auf den geflochtenen Zopf der Koboldin hinab und stellte mir im Geiste genüsslich diverse anregende Dinge vor, die diesem kleinen Etwas passieren könnten. Trotzdem dankte ich ihr mit breitem Lächeln, als sie endlich fertig war, und Cavia murmelte nur: "Immer gerne wieder...und nächstes Mal verletz dich mal richtig, ja?" ich zog es vor, diese Äußerung einfach zu überhören und streckte mich ausgiebig. "Müde?" fragte Keena lächelnd und ich nickte. "Dann lass uns schlafen gehen. Ich habe vor dem Portal beim Atla-Strand ein Zelt aufgeschlagen."
    "Du schläfst nicht in Aegir?" fragte ich überrascht. Keena lächelte noch immer. Es scheint ihr ja besser zu gehen, dachte ich erleichtert. "Ich höre gerne das Rauschen des Meeres...und der Sternenhimmel da ist einfach atemberaubend." Ich erwiderte ihr Lächeln und nickte. "Hab ich nix gegen." Cavia schnaubte einmal mehr. "Oh, diese Turteltäubchen," sagte sie mürrisch. Ich streckte ihr die Zunge heraus und Keena tätschelte dem Koboldmädchen spöttisch den Kopf. "Gute Nacht, du Schlumpf. Kommst du, Llienne?"
    "Ja, ich komme. Nacht, Cavia."
    Die Koboldin rief so laut, dass man es auf dem ganzen Marktplatz hören musste: "Gute Naaacht!" ich verdrehte die Augen und lief eilig Keena hinterher, die schon auf den gespenstisch leuchtenden, magischen Durchgang zuschlenderte.
    Dieses Mal waren wir zu zweit, als der Wirbel von Farben uns erfasste und zu verschlingen schien. Abermals kniff ich die Augen zu und hörte Keena neben mir leise lachen- ihre Stimme klang wie aus weiter Ferne und ziemlich verzerrt. Endlich ließ das leicht schwindelerregende Gefühl um mich herum nach und wir standen vor dem Portal, zurück in Nalliten. Die Sonne ging bereits unter und bald würder der Mond ihren Platz am Himmel einnehmen. Ich gähnte leise, spürte nun wirklich jeden Knochen im Leib. Keena knuffte mich boshaft in die Seite und ich machte einen steifen Hüpfer seitwärts. "Warts nur ab, wie es morgen wird," sagte die Valkyn. "Dun Abermenai wartet auf uns, Llienne." Ich nickte, mir grummelnd meine Hüfte haltend. "Aber es wird noch eine Nacht ohne uns auskommen, ich bin total alle."
    Keena nickte und gähnte herzhaft, wobei sie ihr beeindruckendes Katzengebiss präsentierte. "Frag mich mal. Komm, mein Zelt steht am Strand. Da sind auch ein paar Vorräte, wenn du Hunger haben solltest." Ich hatte zwar selbst Proviant mit, aber das waren wie immer Pökelfisch- und fleisch und ein paar getrocknete Früchte. "Kommt drauf an, was du mir anbieten kannst," grinste ich. Keena war mir einen spöttischen Blick zu: "Und ich dachte, nordländische Barbaren verschlingen alles." Probeweise trat ich nach ihrem Knie, doch sie brachte sich mit einem deutlich eleganteren Satz in Sicherheit.
    Keenas Zelt war groß und gemütlich. Über ein Gerippe aus stabilen Ästen spannten sich mehrere Bahnen von Leinen und über diese hatte die Valkyn Tannenzweige gelegt. Aus der Ferne mochte man glauben, es sei ein eckiger Grashügel, der da am Strand emporwuchs. Der Zeltboden war ebenfalls mit Tannenzweigen ausgelegt und diese wurden von einer Ansammlung Tierfelle bedeckt, was insgesamt eine bequeme und weiche Schlafstatt abgab. Ich kroch ins Zelt hinein und wieder hinaus und war ehrlich begeistert. "So will ich später auch mal leben," verkündete ich Keena, die in einigem Abstand Steine zu einem Ring zusammentrug, um eine Feuerstelle zu bauen. "Dummerchen, ich wohn doch nicht das ganze Jahr in einem Zelt," erwiderte das Katzenmädchen und griff nach einem Feuerstein. "Aber wenn das Wetter es zulässt, bin ich gerne hier. Ich finde es gemütlicher als in der Stadt." Ich kroch abermals aus dem Zelt und begann, trockene Wurzeln und Gestrüpp zu sammeln. "Ich auch. Aber ist es nicht gefährlich hier? so ganz allein in der Wildnis?" Keena nahm mein Gesammeltes in Empfang und schlug ihren Feuerstein mit einem anderen zusammen. Es funktionierte beim ersten Versuch: Ein kleiner Funke ließ die trockenen Wurzeln und Zweige sofort Feuer fangen. "Was soll gefährlich sein?" fragte Keena amüsiert. "Hier gibts nur ein paar Krabben und die in oder andere Ertrunkene Seele." Mir fiel der Proviantbeutel, den ich gerade inspiziert hatte, einfach aus der Hand. "Hier gibts was? Krabben und...Ertrunkene Seelen?" fragte ich schaudernd. Keena suchte mehr Nahrung für das bereits gemütlich flackernde Feuer und nickte ungerührt. "Es sind die Seelen von Seemännern und unschuldig Verschleppten, die keine Ruhe finden. Wenn die Nacht anbricht, kommen sie aus dem Meer und beklagen am Strand ihr Schicksal. Schon unheimlich, aber sie sind harmlos." Ich spürte eine kribbelnde Gänsehaut, während ich gebannt an ihren Lippen hing. "Und?"
    "Und was?"
    "Was gibts hier sonst noch Gruseliges und Untotets?" Faszination schwang in meiner Stimme mit und Keena musste grinsen. "Nun, eigentlich nichts weiter...oder halt, doch...Fressan."
    "Wer ist verfressen?"
    Keena grinste und schnippte mir gegen die Stirn. "Das ist auch ein seltsamer Bursche...vor ihm musst du dich tatsächlich hüten. Er sieht aus wie ein Kobold, ist immer in nachtschwarz gekleidet und steht regungslos am alten Wrack, was etwas weiter Richtung Atla am Strand liegt. Bei ihm ist immer ein schrecklich hässlicher kleiner Kerl mit dem Namen Trollki." Ich kicherte leise und Keena musste ebenfalls schmunzeln. "Sie stehen Tag ein, Tag aus am alten Wrack und starren aufs Meer. Schon seltsam, ich hab sie niemals woanders gesehen. Es sei denn, du kommst ihnen zu nahe, dann greifen sie dich plötzlich an. Trollki ist ein Weichei, aber vor Fressan sollte man sich in acht nehmen." Ich nickte. "Ich werde es mir merken."
    Bald darauf verschwand die Sonne endgültig hinter dem Horizont und ließ uns nur einen malerischen, blutroten Himmel zurück. Keena und ich aßen nun doch und schauten schweigend und andächtig über das Meer. Dabei gingen wir beide unseren eigenen Gedanken nach. Was Keena jetzt wohl denken mochte, wusste ich nicht. Ihr Gesicht war nachdenklich, aber den unnatürlichen Zorn und die Trauer, die mir vor einiger Zeit noch an ihr aufgefallen waren, schien sie zumindest vorläufig hinter sich gelassen zu haben. Ich lehnte mich entspannt zurück und warf eine Handvoll süß schmeckender Beeren in den Mund. Obwohl mir tatsächlich alles weh tat und ich für heute eigentlich genug Blut vergossen hatte, freute ich mich auf den morgigen Tag. Schon seltsam...ich freute mich darauf, in ein Kriegsgebiet zu ziehen und gegen andere Menschen zu kämpfen. Achselzuckend schob ich den Gedanken beiseite und beugte mich ein wenig zur Seite, um an ein Stück wohlduftenden Käse zu gelangen. Keena sagte plötzlich -und ihre Stimme klang dabei regelrecht friedlich- : "Heute habe ich gesehen, was die Leute meinen, wenn sie von Schlachtensängern sprechen." Ich kaute, schluckte und sah sie an. "Und?"
    "Du bist eine solche Schlachtensängerin. Oder zumindest auf dem besten Weg, eine zu werden. In ein paar Jahren werden wir keine Halbwilden mehr töten, Llienne. Wir werden unser Land und alle, die darin leben, beschützen." Ich nickte leicht verwirrt, der unvermutete Ernst und Hauch von Sentimentalität überraschte mich. "Ja. Sicher. Wie kommst du jetzt darauf?" sie lächelte ein wenig und schob sich einen Streifen Pökelfisch in den Mund. "Wirst du Kinder haben?" ich wiegte zweifelnd den Kopf. "Darüber denke ich doch jetzt noch nicht nach...vorher muss ich erstmal meinen Möchtegern-Ehemann abwimmeln."
    "Deinen was bitte?!"
    Ich zuckte aufseufzend die Achseln. "Ach...ich habe einen Heiratsantrag bekommen." Keena grinste breit. "Ist nicht wahr! wer ist der...hmm...Glückliche?" ich schwieg kurz. Ein seltsames Gefühl sagte mir, dass Keena jetzt noch nicht zu wissen brauchte, dass mein Verehrer niemand anderes als der von ihr nicht gerade geliebte Leifnir Havocbringer war. "Ach...so 'ne flüchtige Bekanntschaft..."
    Während wir uns unterhielten, war es allmählich dunkel geworden. Keena reichte mir eine dicke Felldecke, in deren Fülle ich fast ertrank. Dankbar kuschelte ich mich in den leicht dumpf riechenden, aber sehr weichen Pelz und blickte abermals aufs Meer hinaus. Plötzlich sah ich keine hundert Schritt weit eine durchscheinende, leuchtende Männrgestalt über das Wasser schweben! "Was ist denn das?" flüsterte ich und hielt vor Schreck den Atem an. Keena hüllte sich ebenfalls in ihre Decke und zog die Beine an den Körper an. Als sie antwortete, dämpfte sie unwillkürlich die Stimme: "Das ist eine der Ertrunkenen Seelen. Die anderen müssten gleich ebenfalls kommen. Sieh gut hin, wer weiß, wann du nochmal die Gelegenheit dazu bekommst." Ich nickte zweifelnd. Eigentlich konnte ich mir was Schöneres vorstellen, als einer kleinen Armee ruheloser Seelen beim Beweinen ihrer verdammten Existenz zuzuschauen. Tatsächlich verging keine Minute, ehe weitere nebelhafte Gestalten auftauchten. Es waren ausnahmslos Nordmänner, die leise flüsternd und raunend ans Ufer kamen, den Strand auf- und abschwebten und sich ihrem Leid hingaben. Keena saß still und ernst da und sah den Klagenden ruhig zu, mir kroch es abwechselnd heiß und kalt den Rücken herunter. Irgendwann aber verloren wir allmählich das Interesse an den Geistern, als die Müdigkeit stärker wurde und unsere ausgezehrten Leiber ihren Tribut forderten. "Ich glaube, ich mach mal kurz die Augen zu," murmelte ich. Keena kuschelte sich neben mir in die Felle. "Hhmmm," machte sie nur. Kurz darauf waren wir beide eingeschlafen, während die rastlosen Seelen weiterhin über das Ufer glitten, ohne uns zu beachten...

    Ein leises Knurren ertönte neben mir und ich wälzte mich unruhig von einer Seite auf die andere. Plötzlich spürte ich einen bitteren, kupfernen Geschmack im Mund- den Geschmack von Blut! ich fuhr verschlafen hoch und blinzelte irritiert. Der Mond stand klar und rund am Himmel und tauchte den Strand von Atla in ein gespenstisches, silberfarbenes Licht. Die Ertrunkenen Seelen waren verschwunden. Komisch, dachte ich und rieb mir die Augen. Der Geschmack war noch immer da, doch es musste wohl daran liegen, dass ich längere Zeit nichts mehr getrunken hatte. Und das Knurren? Einbildung, beruhigte ich mich in Gedanken. Und eben im selben Augenblick ertönte es wieder! ein tiefer, langgezogener Kehllaut. Ob ich Keena wecken sollte? vielleicht, wenn sie mich auslachte, war mir das auch egal. Ich konnte nicht leugnen, dass ich ziemlich nervös war...dass ich Angst verspürte. Ich drehte mich herum, beugte mich über meine Gefährtin und wollte sie sachte an der Schulter rütteln, als Keena im gleichen Moment die Augen öffnete und mich angrinste. Mit einem unterdrückten Schrei fuhr ich zurück- das war nicht Keena, die da neben mir lag. Es war der Morvalt, den ich als erstes erschlagen hatte! sein ohnehin tierisches Gesicht war zerschlagen und blutig, in den Augen glitzerten Hass und eine bösartige Vorfreude. Ich wich panisch zurück...
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  13. #13

    Standard

    ...und wachte schweißüberströmt auf. Mein Herz raste so sehr, dass ich dachte, es müsse gleich zerspringen. Hektisch sah ich mich nach Keena um, doch die schlief friedlich. Mit zitternden Händen strich ich mir das feuchte Haar aus der Stirn und seufzte matt. Anscheinend war mein erster, richtiger Kampf doch nicht gänzlich spurlos an mir vorbei gegangen. Ein kurzer Blick nach draußen bestätigte mir, dass noch nicht viel Zeit vergangen sein konnte. Die unglücklichen Seelen trauerten noch immer am Strand, und der Mond war gerade erst vollständig in den Himmel aufgestiegen. Gerädert ließ ich mich in die Felle zurück plumpsen, zog die Decke über den Kopf und versank endlich in einen unruhigen, aber traumlosen Schlaf.
    Als Keena mich am Morgen weckte, hatte ich das Gefühl, kaum geschlafen zu haben. Mühsam rieb ich mir den Schlaf aus den Augen und setzte mich auf. "Wiespätisses?" nuschelte ich. Keena war guter Dinge. Sie hatte bereits wieder ein Feuer entzündet und in ihrem munteren Gesicht glitzerten kleine Tropfen Meerwassers. "Nochmal bitte," sagte sie amüsiert und reichte mir einen Humpen Bier, den sie vermutlich in Aegir beschafft hatte. Ich griff träge danach und nippte lustlos an der mir heute überhaupt nicht schmeckenden Flüssigkeit. "Ich fragte, wie spät es ist," antwortete ich verständlicher und kroch aus dem Zelt. Keena zuckte die Achseln und schob sich eine mir unbekannte, birnenförmige Frucht in den Mund. "Weiß ich nicht, vermutlich spät genug, die Sonne ist ja schon vor Stunden aufgegangen. Stimmt etwas nicht? du siehst gar nicht gut aus. Schlecht geschlafen?" ich nahm einen erneuten Schluck Bier und nickte nur sachte. Die Valkyn tätschelte mir den Arm. "Wird schon. Nun mach dich langsam startklar, es ist vermutlich wirklich ziemlich spät. Ich wollte dich schon vor einer ganzen Weile wecken, aber du hast wie ein Stein gepennt." Ich grinste schuldbewusst. "Tut mir Leid." Sie winkte gönnerhaft ab und entfernte sich dann diskret ein paar Schritte, damit ich mich umziehen konnte.

    "Müssen wir da wirklich wieder durch?" mürrisch betrachtete ich das magische Portal in Nalliten. Keena war schon auf der obersten Stufe angelangt und sah mich ungeduldig an. "Sicher, wo liegt dein Problem?" ich schlurfte näher und betrachtete den bereits jetzt schon schwindelerregenden Wirbel aus Farben und Licht argwöhnisch. "Mir wird da immer schlecht drin." Keena stöhnt und verdrehte die Augen. "Ach du, mein Püppchen!", spöttelte sie. "Komm endlich, da wirst du noch sehr, sehr oft durchmüssen." Also fügte ich mich mit einem mürrischen Brummen und trat mit einem einzigen Schritt durch das Portal, ehe Keena Zeit finden konnte, mich noch mehr zu verhöhnen.
    Zurück in Aegirham, hielt ich mir leise stöhnend den Bauch. Keena betrachtete mich mit unverhohlener Schadenfreude. "Alles okay?" fragte sie scheinheilig. Ich war ihr einen bösen Blick zu und machte eine bezeichnende Geste an der Kehle, was die Valkyn zu einem breiten Grinsen veranlasste. "Und weißt du was?" fragte sie mit verdächtig sanfter Stimme. Ich blickte sie misstrauisch an. "Na...?"
    "Wir müssen uns gleich noch einmal teleportieren lassen...und dann sogar nochmal. Na, kommt da nicht Freude auf?"
    Ich fluchte herzhaft und Keena gluckste, während sie mich auf einen ernst dreinblickenden Valkyn zu zerrte, der uns mit leicht gerunzelter Stirn entgegen sah. "Ja?" fragte er leise. "Wir müssen nach Svasud Faste," erklärte Keena, wobei sie die unangebrachte Heiterkeit noch immer nicht ganz aus ihrer Stimme verbannen konnte. Der Teleportmeister warf mir einen kurzen Blick zu. "Geht es Eurer Freundin nicht gut?" erkundigte er sich mit kühler Höflichkeit. Ich grinste ihn nur matt an, während Keena den Kopf schüttelte: "Sie ist das Reisen per Portaldurchgängen und Teleportern nicht gewöhnt." Der Valkyn ließ den Anflug eines Lächelns aufblitzen. "Das wird schon," meinte er, während er Keena zwei schmucklose Silberketten in die Hand drückte und dafür einen kleinen Berg Münzen entgegen nahm. Ich nickte tapfer. "Sicherlich." Der Valkyn hängte uns die Ketten um den Hals. "Na, dann gute Reise!" und als er jetzt seinen Zauber wirkte, der Keena und mich scheinbar durchs Nichts schleuderte, war ich wirklich kurz davor, zu erbrechen.
    Unsere Reise, die kein Oben und kein Unten zu kennen schien, dauerte dankenswerterweise nicht lang. Trotzdem war ich ganz blass, als wir endlich festen Boden unter den Füßen hatten und das durchaus beeindruckende Svaud interessierte mich für den Moment überhaupt nicht. Keena packte mich an der Schulter, als ich zu schwanken drohte. "Hey, gehts?" fragte sie mit todernster Miene. Ich streifte ganz langsam ihre Hand ab und nickte. "Klar."
    "Hm, und warum bist du dann weiß wie eine Leiche?"
    "Bin ich ni..." ich schlug rasch die Hand vor den Mund, als ein neuerlicher Schwall von Übelkeit in mir aufstieg. Stöhnend schloss ich die Augen und Keena tätschelte mir nun mit aufrichtigem Mitgefühl den Arm. "Bald hast du es überstanden, und dann kannst du...hey, sie kommen!" ich blickte sie matt an. "Wer kommt?" sie deutete aufgeregt über meine Schulter. "Stor Gothi Annark und die Gothis von Odin...los beeil dich, hopp hopp..." energisch schob sie mich vor sich her, auf eine kleine, blondbezopfte Nordfrau zu, die uns freundlich entgegen lächelte. "Lasst mich raten...Dun Abermenai?" fragte sie. Keena nickte stolz. "Ja, für uns beide bitte...Llienne, komm endlich her und stell dich nicht so an!" ich wankte an ihre Seite und die Frau musterte mich irritiert, wie der Valkynhändler vor ihr. "Ist dir nicht gut, mein Kind?" ich knurrte innerlich und winkte nur ab. "Alles in Ordnung...bitte...Dun Abermenai..." die Frau nickte erschrocken. "Oh ja, verzeiht mir...hier, bitte sehr!" erneut wurden uns zwei silbrige Ketten um den Hals gehängt und Keena verneigte sich, ehe sie mich hastig an der Hand packte und mitzog. "Gute Reise und viel Erfolg!" rief uns die Händlerin hinterher.
    Keenas Ziel stellte sich als großer, perfekter Kreis aus Steinen heraus. Dort saßen oder standen diverse andere Midgarder. Ich bemerkte überrascht, dass keiner von ihnen in unserem Alter war. Die Jüngsten hier mussten mindestens zwanzig Jahre zählen und die Mehrzahl der Anwesenden hatten schon versilbertes Haar, alt-erfahrene Züge und prächtiges Rüstzeug. "Das sind die wahren Helden von Midgard," flüsterte mir Keena gedämpft zu und ich nickte ehrfurchtsvoll, wobei mein Blick an einer hochgewachsenen Skaldin haften blieb, deren rotes Haar bereits erste, graue Strähnen durchzog und die in die prachtvolle Epicrüstung der Schlachtensänger gekleidet war. Diese hatte sie in verschiedene Grüntöne eingefärbt und der ebenfalls grüne Umhang, den sie trug, wallte ihr majestätisch um die Beine. Ich seufzte leicht wehmütig. Bis ich einmal so weit war, würden noch viele Sommer ins Land ziehen. Wenn ich bis dahin überhaupt überlebte. Während ich so nachdachte, hatten sich die Gothis in gleichmäßigen Abständen um den steinernen Kreis aufgebaut. Nur Stor Gothi Annark trat zu uns in den Kreis und hob die Arme. Ich warf ihm heimlich ein paar ehrfurchtsvolle Blicke zu, von denen er allerdings keinen einzigen erwiderte. Und als plötzlich gewaltige Kugeln reinsten Lichtes Svasud Faste in einen gleißenden Schein hüllten, ein unnatürlicher Wind aufkam und Stor Gothi Annark uns mit dröhnender Stimme einen erfolgreichen Kampf wünschte, da war es mit meiner Übelkeit schlagartig vorbei und ich konnte nicht anders, als einen begeisterten Ruf auszustoßen: "Dun Abermenai, wir kommen!"

    Dark Age of Camelot Part 2

    Neben mir hörte ich Keena spöttisch auflachen und mein Ruf brach schlagartig ab, als sich unwirkliche Dunkelheit wie ein unerbittlicher Schleier über uns legte und zumindest mir für einen winzigen Moment das Bewusstsein raubte.
    "Llienne? he, Llienne..." Keenas Stimme kam wie aus weiter Ferne. Ich spürte vage, wie ich an der Schulter gerüttelt wurde und schlug mit einem Ruck die Augen auf. Alles drehte sich um mich herum und ich hatte leichte Kopfschmerzen. "Sind wir...tot?" fragte ich geistesabwesend. Ich lag auf hartem Steinboden und blickte in einen wolkenverhangenen, grauen Himmel. Regen, dachte ich matt. Es wird bald Regen geben. Keena packte mich unter den Achseln und zog mich auf die Füße. "Du warst kurz ohnmächtig, weißt du das?" fragte sie, wobei in ihren Augen eine Mischung aus Spott und Besorgnis glimmerten.
    "Wie blöd von mir."
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  14. #14

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    Sie seufzte und betrachtete mich kritisch. "Du verträgst solche Reisen wirklich nicht, was?" ich warf ihr einen finsteren Blick zu und klopfte den Staub von meinem Umhang. "Ich werde mich noch dran gewöhnen," erwiderte ich gallig. Das war schon mehr als peinlich- ich war tatsächlich bewusstlos geworden! doch Keena schüttelte nur den Kopf. "Mir gings anfangs ja nicht anders. Wollen wir kurz warten, bis du dich wieder fit fühlst, oder können wir gleich los?" ich fuhr mir durch die Haare und streckte mich. "Mir gehts gut, meinetwegen können wir." Die Valkyn nickte, trat ein wenig zurück und breitete die Arme aus. Ich beobachtete sie gespannt, und wenig später erschienen wie aus dem Nichts die beiden Skelettdiener. Keena versah sich selbst mit ihrem magischen Schild aus Licht, ehe sie sich ihren Dienern zuwandte und mit leisen, fremdartigen Worten zu ihnen sprach. Auch über die beiden Gerippe senkte sich der Hauch unbekannter Magie und ich erschauderte. Über was für Kräfte mochte Keena wohl sonst noch gebieten? da ich nicht gänzlich tatenlos herumstehen wollte, begann ich, mein wohlklingendstes Reiselied zu singen und spürte Unternehmungslust in mir aufsteigen, während mir die Kraft in die Beine strömte und sie herrlich leicht machte. Das Katzenmädchen rieb sich begeistert über die Oberschenkel. "Was ist los? ich habe das Gefühl, als könne ich bis zum anderen Ende der Welt und weiter laufen!" ich lächelte stolz, während sich meine Ohren leicht rosa verfärbten. "Tja, Skalden können auf jeden Fall eins gut: rennen. Und jedem, der mit ihnen reist, ergeht es ebenso. Nicht schlecht, oder?"
    "Wahrlich nicht, das muss ich zugeben. Gut...dann wollen wir mal." Keena steuerte auf das grobe Holztor zu, was uns endgültig von unserer sicheren Festung und dem Kriegsgebiet trennte. Aus dem Augenwinkel sah ich ein paar Magier und Soldaten auf den Zinnen der Festung stehen. Sie blickten allesamt aufmerksam Richtung Norden, und nur ein schwarzhaariger Bogenschütze warf einen kurzen Blick zu uns herunter. "Dann macht Midgard alle Ehre, meine jungen Freunde. Und zeigt diesem Pack, was es heißt, sich mit uns anzulegen, verstanden?" er grinste und Keena salutierte zackig. "Aye," machte sie, ebenfalls grinsend. Gutmütig erwiderte der Mann den Gruß und richtete seine Augen dann wieder nach vorn. Ich zappelte vor Ungeduld und nickte nur heftig.
    Wie von Geisterhand öffnete sich das Tor und gab knarrend den Weg ins Unbekannte frei. Keena schritt aufrecht hindurch und ich folgte ihr mit klopfendem Herzen. Nun gehts los, dachte ich, wobei ich dieses selbst kaum glauben konnte. Bei Bragi, es geht wirklich los! ein Grollen ließ mich herumfahren und ich rechnete bereits mit dem ersten Feind, doch es war nur ein Vorbote des Gewitters, welches -ganz nach meiner Vorahnung- langsam heraufzog. Keena kicherte leise. "Mächtig aufgeregt, hm?"
    "Und wie. Ich glaube, mir wird gleich schon wieder schlecht."
    Die Valkyn schluckte die Antwort, die ihr auf der Zunge lang, gerade noch herunter und wurde dann wieder ernst. "Gut, Spaß beiseite nun. Es wird ernst. Bis hier oben wagen sich die Feinde für gewöhnlich nicht hoch, wir könnten erstens zu schnell in die Burg fliehen und zweitens werden die Wächter da oben ziemlich ungemütlich, wenn ihnen so ein räudiger Albioner in Schussweite kommt. Nur vor Schleichern müssen wir uns in acht nehmen."
    "Schleichern?"
    Keena nickte abfällig. "Sie sind Meister der Tarnung und Heimlichkeit und bewegen sich im Schatten. Du kannst sie praktisch nicht erkennen, selbst, wenn sie neben dir stehen. Sie sind sozusagen die Aasgeier hier...nehmen vorzugsweise Verletzte oder einzeln Herumirrende aufs Korn. Also sei vorsichtig und halt beide Augen offen!" ich nickte eifrig. Heute würde ich Keena mit keinem Wort wiedersprechen, ganz bestimmt nicht. Während wir uns -trotz meines magischen Reiseliedes- langsamen Schrittes den Hügel hinunter wagten, sah ich mich aufmerksam nach allen Seiten um, wobei eine Hand griffbereit an meiner Hüfte lag. Dieses Mal musste es einfach gut laufen. Keine Fehler, Llienne, sprach ich mir in Gedanken eindringlich zu. Und keine Schwäche. Ich warf Keena einen kurzen Blick zu, um zu sehen, ob sie genauso angespannt war wie ich und zu meiner Erleichterung fanden sich bei ihr zumindest deutliche Anzeichen von Nervosität: Ihre Augen blitzten, die Ohren bewegten sich argwöhnisch und sie gab leise, knurrende Laute von sich. Ich sog die nach Regen schmeckende Luft ein und machte meinen Kopf frei von allen Sorgen. Es wird gut ausgehen. Das muss es einfach.
    "Ja, das muss es."
    Ich warf Keena einen überraschten Blick zu, ehe mir klar wurde, dass ich den Gedanken laut ausgesprochen hatte. "Wie oft warst du schon hier?" wollte ich wissen. "Nicht oft," gab sie zu. Unbehaglich lachend fragte ich: "Und, hast du Angst?" zu meiner Verwunderung kam keine wie gewohnt schnippische Antwort. Stattdessen sah mich das Katzenmädchen mit seltenem Ernst an. "Ich fürchte mich ein wenig, ja. Aber das ist keine Schande. Eine begründete Furcht ist die Grundlage für Vorsicht. Und so musst du dich hier verhalten: wachsam und vorsichtig." Ich rieb mir den Nacken und nickte, ihre Worte überdenkend. Gerade, als ich etwas erwidern wollte, zischte Keena: "Da vorn ist was!"
    Ich spürte einen kurzen, heißen Aufschwall im Magen und schluckte trocken. Ein kalter Tropfen zerspritzte auf meiner Nase. Erst einer, dann noch einer. Gleich darauf wurde aus dem zögerlichen Niesel ein echter Regen. Ein tiefes Grollen sowie dunkle, bedrohliche Wolken vervollständigten die düstere Atmosphäre. "Wo?" flüsterte ich. "Ich seh kaum was!" Keenas Ohren bewegten sich nachdrücklicher, sie reckte die Nase in den Wind und schnupperte. "Ich bin nicht ganz sicher," murmelte sie zögernd. "Aber da hinten...bei den Bäumen..." ich ballte die linke Hand zur Faust, ehe ich Keena am Arm fasste. "Komm," sagte ich, von plötzlicher Angriffslust erfüllt. "Sehen wir nach, ich will mich nicht verstecken." Keena sah mich höchst erstaunt an, nickte aber zustimmend. Ich grinste verwegener, als ich mich wirklich fühlte, und hob meine Axt, ehe ich lautlos und wieselschnell auf die von Keena angesprochene Baumgruppe zuflitzte. "Hyaah!", machte ich und schwang die Axt. Knurrend duckte sich mein Ziel, was bei näherem Hinsehen alles andere als ein Albioner oder Hibernianer war: Ein mageres, von hässlich-verfilztem Fell gezeichnetes Etwas, was nur ein besonders hässlicher Hund oder missgestaltener Wolf sein konnte. Ich dachte gar nicht richtig nach und bohrte meine Waffe in die Flanke des Tieres, was diesem ein schrilles Jaulen entlockte. Auf einen scharfen Befehl von Keena hin stürzte sich auch noch ihr kriegerisches Skelett auf die arme Kreatur und setzte ihrem Leben in einer Folge rascher, gnadenloser Schwerthiebe ein jähes Ende. Einen Moment zuckten die Hinterläufe des Tieres noch, dann lag es still. Ich holte tief Luft und steckte meine Axt weg. "Also..." setzte ich verlegen an, ehe Keena mich wütend unterbrach: "...also das war wirklich eine wahnsinns Dummheit. Nun weiß definitiv jeder, dass wir hier sind!" ich schnappte empört nach Luft. "Du hast doch gesagt, dass hier etwas ist!", fauchte ich.
    "Ich habe gesagt, dass ich nicht sicher bin! das war jetzt eben die perfekte Chance für jeden Feind, uns feige aus dem Hinterha...argh!" ihr Satz wurde nie beendet, stattdessen lösten sich ihre letzten Worte in einen schmerzerfüllten Schrei auf. Ich fuhr mit einem Satz herum und sah, wie sie sich gequält krümmte. Und noch etwas fiel mir auf...ich blinzelte, um durch den mittlerweile heftig prasselnden Regen genauer erkennen zu können, was uns da angriff. Es war bizarr: Ein blasser, in unmöglich verkrümmter Haltung dastehender Körper schwang die aufgedunsenen Arme und hinter dem Ding schwebte scheinbar schwerelos ein Holzstab in der Luft. "Was ist denn das?" stöhnte ich, die Gestalt anstarrend. Eine Leiche. So unglaublich es klang, da stand mehr oder weniger aufrecht ein bereits von ersten Anzeichen der Verwesung geprägter Toter mit wild rudernden Armen und tat wer-weiß-was, was Keena offensichtlich große Schmerzen zufügte. Der schwebende Stab bewegte sich nach links und rechts, ein zischendes Geräusch erklang und Keena schrie erneut auf. Ich muss ihr helfen, dachte ich wie betäubt. Mit einem rauhen Schrei stürmte ich vorwärts und konzentrierte meine geistige Kraft auf den bizarren Leichnam. "Schlaf eine Runde, du Scheusal!" brüllte ich und ließ meiner Kraft freien Lauf. Sofort stand das Ding still, offenbar wirklich in den kurzen, aber heftigen Schlaf gefallen, in den ich Feinde für eine Weile hüllen konnte.
    Jetzt, als ich näher gekommen war, erkannte ich auch, dass der unscheinbare Holzstab alles andere als schwerelos in der Luft hing. Körperlos und wie aus Nebel selbst, schwebte ein unförmiges Etwas in der Luft und umklammerte den Stab mit geisterhaften Fingern. Zwei blasse, seelenlose Augen waren alles, was ich in dem durchscheinenden Gesicht erkennen konnte. Vor Entsetzen erstarrt, glotzte ich auf die Regentropfen, die durch die Gestalt hindurch fielen und den Erdboden nässten. Hinter mir hatte sich Keena wieder aufgerappelt und japste nach Luft. "Ein Nekromant," rief sie. "Das ist ein Albioner!"
    Ich ächzte und wich zurück. "Keine Sorge," sagte Keena triumphierend und stellte sich neben mich, wobei sie schon ihren Stab hob. "Als Geist kann er uns nichts tun. Nur sein Diener ist gefährlich. Gut gemacht! und nun...soll er sehen, wie dumm es ist, sich mit uns anzulegen...Attacke!" das letzte Wort brüllte sie, ehe sie sich auf den übel riechenden Leichnam stürzte, mit dem Stab auf ihn eindrosch und ihm dabei in regelmäßigen Abständen Kraft ihrer seltsamen Magie die Lebensenergie -oder das, was das Ding aufrecht gehen ließ- entzog. Ihr Kämpfer tat es ihr gleich und ich schlug ebenfalls auf den Feind ein, wobei ich ihn mit meinen gänsehauterregenden Kampfschreien malträtierte. Das Ding wehrte sich verbissen und der Geist, oder was auch immer es war, fuchtelte wie wild mit dem Stab und fügte Keena blutende Wunden zu, obwohl er sie nicht einmal berührte. Mit wachsendem Schrecken sah ich, dass für jeden feindlichen Hieb, der Keena traf, eine Wunde auf dem scheußlichen Leichenkörper verschwand. "Nein!" brüllte ich und legte alle Kraft und Ausdauer, die ich noch hatte, in meinen letzten Hieb. "Stirb!"
    Mit einem gurgelnden, übelkeiterregenden Schrei brach das Unding in die Knie und stürzte auf den schlammigen Boden. Im selben Moment verwandelte sich der stabschwingende Schatten und nahm feste Formen an.
    Mit schreckgeweiteten Augen betrachtete ich das Wesen, das mit einem gequälten Keuchen in den Schmutz fiel. Absurderweise war mein erster Gedanke, dass die Evolution sich hier einen Spaß gegönnt und Fisch und Mensch miteinander vereint hatte. Der Fremde -ein genauerer Blick auf seinen Körper ließ mich zu dem Schluss kommen, es mit einem 'Er' zu tun zu haben- besaß spitze, ausgefranste Ohren, eine bläuliche Hautfarbe und große, pechschwarze Augen. Ebenfalls schwarz war das Haar, was dem Knirps, der mir nicht einmal bis zur Brust ging, bis kurz über die Schulterblätter fiel. Neben mir schnaufte Keena erleichtert und ließ ihren Stab sinken. Auffordernd nickte sie mir zu. "Ehre, wem Ehre gebührt. Töte ihn."
    Ich betrachtete die vor Schmerz und Erschöpfung zitternde Kreatur, die da wehrlos im Schlamm lag und nicht einmal die Kraft besaß, nach ihrem Stab zu greifen. "Was ist das?" fragte ich, Keenas Aufforderung ignorierend. "Ein Inconnu," erwiderte das Katzenmädchen und sah auf den Albioner herunter, wobei sich ihre gelben Augen vor Abneigung verengten. "Und nun bring es zu Ende." In ihrer Stimme schwangen Wut wie anschwellende Ungeduld mit. Ich ignorierte ihre Worte abermals und ließ mich in die Hocke sinken. "He, du!" sagte ich und streckte die Hand nach dem Inconnu aus, ohne ihn aber zu berühren. "Verstehst du mich?" neben mir fauchte Keena ungläubig auf. "Was soll das jetzt, bitte?!" fragte sie zornig und packte mich an der Schulter. "Er ist ein Feind...ein F-e-i-n-d! er hätte uns ohne zu zögern getötet, hätte er die Möglichkeit dazu gehabt. Lass es nicht dazu kommen, bring ihn um!" ich starrte sie ebenso zornig an und schlug ihre Hand weg. "Du magst ja nur noch an Rache und Töten denken," sagte ich kalt, den kurzen Schmerz in ihren Augen ignorierend, "aber ich nicht. Außerdem ist er besiegt. Er kann uns nichts mehr tun." Der Inconnu schwieg und konzentrierte sich nur darauf, rasselnd Luft zu holen. Keena jedoch stieß einen gotteslästerlichen Fluch aus und sprang ein Stück zurück. "Bist du nun total übergeschnappt?" ereiferte sie sich. "Sobald er wieder auf den Beinen ist, wird er uns angreifen. Erwartest du etwa, dass er sich bei dir bedankt und jedem Albioner erzählt: 'Oh passt auf, Leute, das ist Llienne, bitte lasst ausgerechnet sie am Leben.' Lächerlich!" sie spuckte dem Albioner vor die Füße. Ich ließ mich durch ihren Wutausbruch nicht beeindrucken und ignorierte sie abermals.
    "Verstehst du mich?" fragte ich, an den Inconnu gewandt.
    Er schwieg, Keena knurrte.
    "Ich will dir nichts tun," sagte ich, Keena einen kurzen Blick zuwerfend, "und sie wird dich ebenfalls am Leben lassen." Die Valkyn schnaubte und schüttelte ihre blonde Mähne, dass das Wasser nach allen Seiten davonspritzte. "Und wenn du meine Sprache verstehst, dann sag mir deinen Namen. Ich heiße Llienne und das ist Keena. Also?" erwartungsvoll sah ich ihn an, doch er schwieg nachdrücklich. Da riss Keena der Geduldsfaden. Mit einem Satz war sie bei dem noch immer am Boden Kauernden und riss ihn grob in die Höhe. "Sie hat dich was gefragt, also antworte!" herrschte sie ihn mit gefährlich blitzenden Augen an. Der Inconnu verzog schmerzlich das Gesicht und holte tief Luft. "Ich...verr...stehe euch gut," sagte er stockend und mit einem schweren, fremdartigen Akzent. Keena lächelte geringschätzig und hielt ihn weiterhin gepackt. "Na also, es geht doch. Also...wie heißt du nun?" fragte sie im gleichen Tonfall weiter. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte ungnädig den Kopf. "Musst du so brutal sein?" fragte ich gelassen. Sie schnaubte und ließ den Inconnu zurück in den Schlamm fallen. Er jammerte leise und hielt sich den linken Arm, brachte aber zugleich das Kunststück fertig, beinahe hoheitsvoll zu Keena aufzusehen. "Mein Name...ist Brrakalu. Warrum wollt ihrr das wissen...tötet mich," sagte er ruhig, als ginge ihn die ganze Sache gar nichts an. Keena fuhr mit einem Satz herum. "Das kannst du gerne haben." Sie gab ihm einen kräftigen Stoß vor die Brust und hob den Stab, setzte ihn nur wenige Zentimeter über seiner Kehle an. "Halt!" befahl ich mit scharfer Stimme. Keena knurrte, ihr Stab fasste an des anderen Hals. "Was ist denn noch? wenn du es nicht schaffst, muss ich es halt selber tun," sagte sie wütend. Ich spürte einen kurzen Stich, ließ mich aber nicht zu einer unbedachten Antwort hinreißen. "Du wirst ihn nicht töten, Keena. Er kommt mit uns."
    Einen Herzschlag lang herrschte absolute Stille, nur der Regen peitschte auf uns herab. Ein tiefes Grollen ertönte, und ein Blitz erhellte für einen Moment das Himmelszelt. Keenas Stimme klang beinahe genauso wie das Unwetter, als sie mich nun anstarrte, als sei ich verrückt geworden, und gefährlich leise fragte: "Wie war das?"
    "Er kommt mit uns." Ich wunderte mich selbst über meinen vollkommen ruhigen Ton. Der Inconnu bließ mucksmäuschenstill sitzen und sah unbeteiligt zu Boden. Keena legte den Kopf in den Nacken und lachte. Ich sah ihr geduldig dabei zu.
    "Du hast 'nen Knall," stellte sie fest, nachdem sie sich beruhigt hatte. "Ehrlich. Ich glaube, nun schnappst du total über." Ich zuckte die Achseln. "Mag sein. Aber du wirst ihn nicht töten, weder heute, noch morgen, noch sonstwann. Er..." ich zögerte, ehe sich ein böses Lächeln auf meinem Gesicht breitmachte. "Er gehört mir. Ich habe dich gerettet und ich habe den letzten Schlag angebracht. Also ist er mein. Und du wirst ihn nicht anrühren, klar?" Keena schwieg und starrte mich nur an, als wäre ich eine völlig Fremde. Innerlich wollte ich mich sofort ohrfeigen und sie um Entschuldigung bitten. Schlimm genug, dass ein anderer Tonfall bei ihr offensichtlich nicht zieht, dachte ich bitter. Brakalu durchbrach die langsam peinlich werdende Stille: "Ihrr solltet euch schnell entscheiden...Feinde kommen." Keena verzog nicht eine Miene und ich sah ihn argwöhnisch an. "So, welche der Deinen, wie?" er schüttelte nur den Kopf und schwieg. Ich drehte mich einmal um die eigene Achse. "Also, ich sehe nichts. Wenn du glaubst, dass ich..." was immer ich sagen wollte, es wurde nie ausgesprochen. Ich spürte nur einen kurzen, sehr heftigen Schlag im Rücken, sah Keenas überraschte Augen und merkte, wie die Welt sich drehte. Einen Moment war noch ein grauer Himmel über mir und Regen, der mir ins Gesicht fiel. Dann nichts mehr.
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  15. #15

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    Gibt es Walhalla? gibt es Erlösung?
    Was passiert, wenn die Welt nichts mehr ist als ein Spiel flüsternder Schatten, die den Kopf mit schwarzem Nebel füllen?
    Ich blinzelte, schaffte es aber nicht, die Augen gänzlich zu öffnen. Gedämpftes Licht und Stimmen, die mit Zungen sprachen, die ich nicht verstand. Neben mir zwei leblose Körper- Keena und der Inconnu. Ich seufzte matt und konzentrierte mich halbherzig auf die Stimmen, die zwar fremd klangen, aber irgendwie beruhigend wirkten. Auf- und abschwellend, ruhig, wie Meeresrauschen.
    "Ich glaube, sie wird wach!"
    Ich zog die Nase kraus. Nanu, das hatte ich nun doch verstanden, obwohl die wenigen Worte stockend kamen und von einem markanten Akzent begleitet wurden.
    "Verstehst du mich, Kind?"
    Ich schloss die Augen und die Schatten hatten mich wieder.

    Ich weiß nicht, wie lange ich bewusstlos in der kleinen Strohhütte gelegen habe und ich kann den Stimmen, die damals zu mir sprachen, heute keine Gesichter mehr zuordnen. Ich weiß nur eines noch: es waren Hibernianer. Und Keena, der Inconnu Brakalu und ich waren als Gefangene im Lande Hibernia, mitten unter Feinden. Ich träumte gerade einen unruhigen Traum, in dem ich wie erstarrt im Schlamm lag und hilflos dem Regen ausgesetzt war, der mir ungehemmt in die offenen Augen fiel. Es war entsetzlich und mein Kopf ruckte wild herum in dem Versuch, mich auch im Traum aus der Erstarrung lösen zu können. Plötzlich schob sich eine feingliedrige Hand unter meinen zerzausten Kopf und hob ihn leicht an. "Sscht," machte jemand. Mit einem Ruck öffnete ich die Augen und wollte mich aufsetzen, doch mein Körper fühlte sich an wie Blei. Leise seufzend sank ich zurück und kämpfe gegen die Wellen des Schlafes an, der mich schon wieder zu überrollen drohte. Was, bei Bragi, war mit mir geschehen? ich nahm mein Gegenüber erst jetzt richtig wahr- und erstarrte nun auch in der Wirklichkeit, allerdings vor Schreck: Die schlanke, hochgewachsene Gestalt, die sich neben ein Lager aus Fellen kniete, war ein Elf. Violettes Haar floss wassergleich den schmalen Rücken hinab und die Augen glitzerten in einem unwirklich anmutenden gelb. Der Mann, der eigentlich kaum mehr als ein Junge und etwa so alt wie Keena sein musste, sah mich forsch an. "Bleib ruhig, dir geschieht nichts." Seine Stimme gefiel mir nicht, obwohl sie nicht unfreundlich klang. Aber wahrscheinlich war das nur auf meine Verwirrung und Angst zurückzuführen. "Wer bist du?" stieß ich hervor und stierte auf seinen von goldenen Spangen geschmückten Arm. Seine Hand stützte meinen Hinterkopf noch immer sachte. Der Elf zog unwillig die Brauen zusammen. "Zaphykel heiße ich," sagte er kühl. "Und du bist Llienne, ich weiß." Ich schnappte nach Luft und starrte ihn mit wachsender Verwirrung an. Woher...? "Woher ich deinen Namen weiß?" fragte er, als hätte ich die Frage laut ausgesprochen. Ich konnte nur nicken und er hob die Achseln. "Du hast im Schlaf gesprochen. Viel sogar. Eigentlich kannst du froh sein, dass du noch lebst, bei all den ketzerischen Worten, die dir über die Lippen gekommen sind. Dankbar solltest du mir auch sein, ich habe Mikata gerade noch daran hindern können, mit ihrem Schwert auf dich loszugehen und dich aufzuschlitzen wie einen Fisch. Sie wollte unbedingt sehen, ob Midgarder ein Herz haben." Ich hörte ihm gar nicht so recht zu, mein Blick schweifte ab. Ich wusste nicht, wer Mikata war. Es wunderte mich nicht, dass der Elf so gut meine Sprache sprach. Ich...wusste gar nichts. Unvermittelt blinzelte ich- und gab mir eine heftige, laut klatschende Ohrfeige. Der Elf wich vor mir zurück, als sei ich verrückt geworden. "Warum verletzt du dich selbst?" fragte er misstrauisch. Ich spürte das heftige Brennen auf meiner Wange und hätte am liebsten aufgestöhnt. Aber ich war nun geistig wieder klar. "Damit ich nicht erneut einschlafe," erklärte ich. Er nickte, sein Blick blieb unverändert argwöhnisch. "Aha." Eine kurze Weile des Schweigens breitete sich zwischen uns aus und ich drehte mich zu Keena herum. Sie schlief, genauso fest wie der Albioner. "Was habt ihr mit uns gemacht?" fragte ich, wobei stückweise die Erinnerung zurückkehrte. "Wir sind hier doch in Hibernia. Warum? wieso habt ihr uns nicht gleich getötet?" der Elf hob die Schultern. "Wäre es nach mir gegangen, hätte ich es sicherlich getan. Aber Rhee wollte unbedingt, dass wir euch lebend hierher schaffen. Sie war schon immer ein bisschen sonderlich." Ich nickte und wusste nicht, ob ich Rhee, wer immer er oder sie war, dankbar sein oder vefluchen sollte. "Warum wachen die beiden nicht auf?" fragte ich weiter und deutete auf Keena und Brakalu. "Was ist mit ihnen?"
    Zaphykel verschränkte die Arme vor der schmalen Brust. "Oh, es geht ihnen nicht schlecht. Du hast genauso dagelegen und geschlafen- wie eine lebende Tote. Die Pfeile unserer Waldläufer sind sehr effektiv."
    "Waldläufer?" fragte ich verdattert und Zaphykel nickte. "Sie haben euch beobachtet, als ihr- das heißt du und die Valkyn- euch um diesen Albioner gestritten habt. Es ging wohl darum, wer ihm zuerst den Schädel einschlagen darf, ich weiß es nicht. Typisch Midgard, kann ich nur sagen." Ich knurrte und richtete mich ein wenig auf. "Soll ich dir gleich mal was sagen? ich werde..."
    "Zaphykel!! sind sie wach?" wie der Blitz stürmte eine kleine Gestalt in die runde Hütte, die unser Gefängnis bildete. Im ersten Moment glaubte ich idiotischerweise, es mit einem Kobold zu tun zu haben, doch das Ding sah eher aus wie eine Miniaturelfe mit großen Augen und einer kartoffelgleichen, knubbeligen Nase. Gekleidet war die Lurikeen, wie man dieses närrische Volk nannte, in eine bunt gefärbte Schuppenrüstung. An der einen Seite ihrer Hüfte hing ein Schild, der bei der Lurikeen eher wie eine ganze Tür wirkte, und ein beidseitig geschliffenes Schwert an der anderen. Ich biss mir auf die Lippen, um nicht in Gelächter auszubrechen, doch meine Empfindungen spiegelten sich wohl ein klein wenig zu deutlich auf meinem Gesicht wieder, denn die Gepanzerte sah mich ärgerlich an. "Hast du ein Problem, Barbarin?"
    ich verstummte und erwiderte ihren Blick aus blitzenden Augen. "Ja, dich, wenn du es genau wissen willst." Die Lurikeen sog scharf die Luft ein, trat einen Schritt auf mich zu- und schlug mir kräftig ihre kleine Faust in die Magengrube! ich krümmte mich und fiel auf das Lager aus Fellen zurück, wobei mir erst jetzt auffiel, dass man mich meiner verdreckten Nietenrüstung beraubt hatte. Stattdessen verhüllte nur ein knappes, bis auf die Oberschenkel fallendes Seidenhemd meinen Körper und ließ den Faustschlag ungehemmt seine volle Wirkungskraft entfalten. Ich keuchte und spürte Übelkeit in mir aufsteigen, ebenso eine wilde Wut, dass dieser kleine Knirps es gewagt hatte, mich, ausgerechnet mich zu schlagen. Ächzend wälzte ich mich auf die Seite und die Lurikeen baute sich breitbeinig vor mir auf. "Na, willst du noch mehr?" ich sah zu ihr auf und sah das hämische Lächeln auf ihren Lippen. Wut, dass wir einfach entführt wurden, Angst und Verwirrung ließen den Zorn wie einen Feuerball in meinem Kopf explodieren. Ohne groß nachzudenken, sprang ich auf die Beine und schleuderte der Lurikeen meine geistige Energie entgegen: Ihre Augen wurden erst tellergroß, dann trübte sich ihr Blick und sie schwankte. Es hatte funktioniert, das kleine Biest war hypnotisiert und für den Moment wehrlos. Neben mir sprang Zaphykel ein wenig zur Seite und hob seinen Stab, doch ich wirbelte sogleich herum. "Keine Bewegung," fauchte ich, "wag es nicht!" da man uns selbstredend auch die Waffen abgenommen hatte, blieben mir nichts als meine Hände zur Verteidigung. Die eine ballte ich nun drohend zur Faust, die andere legte ich alles andere als sanft um den Hals der Hilflosen. Der Elf starrte mich an und holte tief Luft. "Du weißt ja nicht, was du tust, Nordmädchen. Das ist sehr, sehr unklug," sagte er beinahe beschwörend und drängte sich an mir vorbei. Ich folgte jeder seiner Bewegungen mit misstrauischen Augen. "Das weiß ich selten, Elfchen!" gab ich schnippisch zurück. "Lass uns gehen!" Zaphykel lachte ungläubig. "Was für ein wunderbarer Witz. Selbst wenn ich euch hier rauslasse, ihr schafft es nichtmal bis nach Ardee, von Druim Ligen ganz zu schweigen. Glaub mir, du begehst gerade einen großen Fehler..."
    "Sei ruhig und lass uns hier raus!" ich spürte Panik in mir aufsteigen. Mein Zauber konnte nicht mehr lange andauern, die Lurikeen begann bereits jetzt, sich unruhig zu bewegen. Abgesehen davon hatte das Spitzohr wohl recht. Ich würde keine zehn Schritte weit kommen und außerdem waren Keena und der Inconnu noch bewusstlos. Der Elf schien zu spüren, dass ich geistig kurz abgelenkt war, denn er schrie: "Packt sie!" ich riss die Augen auf und spürte starke Hände, die der Aufforderung sofort Folge leisteten und sich von hinten um meine Schultern, Oberarme und meinen Nacken schlossen. Ich musste die Lurikeen loslassen und begann zu strampeln, zu treten und in meiner Muttersprache zu fluchen. Sofort wechselten die Kelten, die mich festhielten, von der Gemeinsprache ebenfalls in die ihre und gaben mir unter unverständlichem Geschimpfe -ich nahm zumindest an, dass es sich um Flüche und Beleidigungen handelte- einen kräftigen Stoß, der mich ein weiteres Mal auf das Felllager beförderte. Ich wollte aber nicht kampflos aufgeben und sprang mit einem Knurren auf die Beine, die Fäuste hebend. "Kommt, kommt bloß alle zusammen!" spuckte ich und sah wild von einem zum anderen. Zwei der Kelten zögerten, aber einer, ein Kerl mit einer dunkelblauen Gesichtstätowierung, machte einen Schritt nach vorn und schlug nach mir. Ich duckte mich flink und versuchte, ihm zwischen die Beine zu treten. Meine bloßen Füße stießen lediglich auf hartes Metall und ich heulte auf vor Schmerz. Die Gelegenheit nahm der Tätowierte wahr: er schlug erneut zu und seine kettenversehene Faust traf meine Schläfe. Wie vom Blitz getroffen brach ich zusammen und gab keinen Laut mehr von mir.
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

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