Llienne´s Life - Seite 9
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Thema: Llienne´s Life

  1. #121

    Standard

    Ich wollte unverzüglich nach Hause zurückkehren, denn ich hatte schon seit einer geraumen Weile ein nagendes Hungergefühl, was durch das etwas wässrige Bier nur wenig besänftigt worden war. Doch schon nach zehn Minuten Fußmarsch -dank meines Zauberliedes eher Rennerei- fiel mir auf, dass etwas....nicht stimmte. Im ersten Moment wusste ich nicht, wie ich mir das selbst besser erklären konnte. Vielleicht das stille schlechte Gewissen? rechnete ich jeden Moment mit Leif und einer handfesten Predigt, so wie ein Dieb ebenfalls ständig hektisch über die Schulter lugt?
    Eigentlich nicht. Ich hatte in der letzten Zeit so etwas wie einen sechsten Sinn entwickelt, wenn es darum ging, banale Dinge voraus zu sagen. Klopfte es etwa an die Tür, drehte ich mich oftmals um und brüllte Lars zu, einer seiner Freunde sei gekommen, um mit ihm zu trainieren. Davon musste ich mich nicht einmal an der Tür überzeugen und amüsierte mich dann über die allgemeine Verblüffung, wenn ich mit meiner Vermutung wieder einmal ins Schwarze getroffen hatte. Leifs Anwesenheit 'spürte' ich hingegen nicht, stattdessen fühlte ich einen unerklärlichen Schwall von Unruhe über mich hereinbrechen. Und ich bemerkte auch, wie still es auf einmal geworden war. Dank der Kälte hielten es in Midgard generell nur wenige Vögel aus, aber das ein oder andere pfeifende Lied hörte man immer. Nun war es still, gespenstisch still. Nein, doch nicht. Hinter mir knackte und krachte es und das Geräusch wurde rasch lauter. Ich fuhr herum, eine Hand tastete über meinen Rücken, über welchen ich meine schwere Axt geschnallt trug. Vor mir teilte sich das Laubwerk und eine Schar Rehe und Kaninchen preschte aus dem Unterholz, dicht gefolgt von -ich war geneigt, meinen Augen zu misstrauen- einigen struppigen Wölfen, einem Bärenpaar, Füchsen, Mardern und Dachsen. Nicht gerade die Art von Tieren, die normalerweise zu einem gemütlichen Spaziergang aufbrachen und es war auch nicht schwer zu erkennen, dass sie auf der Flucht waren. Aber wovor?
    Ich sprang hastig zur Seite, um nicht einfach umgerannt zu werden, denn die Tiere waren vollkommen in Panik. Verdattert blickte ich in die Richtung, aus welcher die Vierbeiner gekommen waren, und erstarrte, als ich eine Vielzahl von geifernden Askheimern und Moratänzerinnen erkannte, die genau in meine Richtung stürmten. Was hatten diese Kreaturen hier zu suchen? normalerweise hielten sie sich nie in diesem Teil des Landes auf, was also hatte sie hierher getrieben?
    Mit bebenden Händen umfasste ich meine Waffe fester und spreizte die Beine ein wenig, um festen Stand zu haben, während ich mir mit einem drohenden Kriegslied selber Mut zusang. Das Gesicht, das ich machte, als die Monster -ohne auch nur für eine Sekunde Notiz von mir zu nehmen- an mir vorbei rasten, konnte man wahrscheinlich nur als dämlich bezeichnen. Und ich begriff fast zu spät, was dies alles bedeutete. Ein ungeheures Knarren und Krachen erklang und wie hypnotisiert starrte ich einige in noch relativ großer Entfernung stehende Bäume an, die zitterten und wankten und dann von irgend einer mächtigen Kraft und einem formlosen schwarzen Schatten einfach zur Seite gerissen wurden. "Was, bei Bragis stinkendem Hosenstall..." ich blinzelte idiotisch, als sich das Unterholz teilte und ich den Grund für die Massenflucht erkannte.
    Er war unglaublich groß und unglaublich hässlich. Natürlich war ich schon in Darkness Falls gewesen und hatte dort gegen die grässlichen gepanzerten Unholde gekämpft, aber noch nie hatte ich eines dieser Monster gesehen, das auch nur annähernd so groß wie dieser gewesen war. Der Unhold schob sich ob der ganzen natürlichen Hindernisse geduckt und beinahe wühlend vorwärts und wenn er sich aufrichten würde, musste ich vermutlich den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die tückischen Augen blicken zu können. Im Gegensatz zu seinen so viel kleineren Verwandten war er nicht erdbraun, sondern besaß dicke schwarze Panzerplatten, die auch einem massiven Axthieb mühelos stand halten mussten. Obwohl ich, die ich bewegungslos da stand, wohl kaum größer als die Hand dieser Bestie war, hatte mich der Koloss sogleich bemerkt und öffnete ein kreisrundes, sabberndes Maul, das mit einem ganzen Haufen mehr als fingerlangen Zähnen bestückt war. Ich stand Behemoth gegenüber, diese Erkenntnis durchzuckte mich wie ein Blitzschlag, ließ mich vor Entsetzen aufschreien, herum wirbeln und wenig heldenhaft losrennen.
    Natürlich machte ich mir nichts vor. Nur ein Wahnsinniger würde sich diesem Ungetüm im Alleingang stellen und ich war nur verwirrt, dass man das Monster noch nicht aufgespürt und überwältigt hatte, so nahe vor der Hauptstadt. Übersehen konnte man es ja nun wirklich nicht. Hinter mir bebte die Erde, als Behemoth mit einem dumpfen, gierigen Brüllen zur Verfolgung ansetzte. Ich quietschte vor Furcht, als sich ein überlanger Arm herab senkte und eine gewaltige Klaue nach mir griff. Wie ein Haken schlagendes Kaninchen wich ich aus und hetzte tiefer in den Wald hinein. Meine anfängliche Idee, die nämlich besagte, ich könne das Viech ja einfach nach Jordheim locken und den Wachen ans Messer liefern, hatte ich bereits verworfen. Die wirklichen Helden, die vielleicht eine Chance gegen den Riesenunhold hatten, trieben sich beinahe ausnahmslos in den Grenzgebieten herum. Bis auf ein paar wandernde Waffenschmiede, Bannzauberer und andere wurzellose Händler war Jordheim von einfachen Leuten wie etwa Bauern bevölkert und die Wächter hatten nie größere Herausforderungen, als etwa einen betrunkenen Taugenichts nach Hause zu bringen oder einen tollen Hund zu erschlagen. Wenn ich Behemoth nach Jordheim brachte, verurteilte ich die unwissenden Stadtbewohner zum Tod. "Also dann," murmelte ich mir im Rennen zu, während ich wild nach links und rechts sprintete, um meinen Verfolger zu irritieren, "lock das Biest in die Wälder." Ich riskierte einen Blick über die Schulter und musste schlucken, als ich sah, wie dicht Behemoth trotz meiner Magie durchwirkten Füße heran gekommen war. Dennoch holte ich nun tief Luft und brüllte der Bestie spottend zu: "Ganz schön langsam, du Riesenkröte. Aus deiner Haut werd ich mir eine schöne Tasche machen!" Ich war sogar mutig -oder irre- genug, im Laufen einen Stein aufzuklauben und ihn über die Schulter zu werfen. Mit einem dumpfen 'Plonk' traf das Geschoss Behemoths Bein, denn höher kam ich nicht. Obwohl der Dämon meine Worte kaum verstehen konnte und den jämmerlichen Treffer durch seine dicke Hornhaut sicher nicht einmal gespürt hatte, brüllte er dennoch zornig auf und grabschte erneut nach mir, um mich unverschämten Wurm in die Klauen zu bekommen. Bragi sei Dank bewegte sich das Untier ob seiner gewaltigen Größe recht behäbig und so fiel es mir nicht besonders schwer, den trägen Attacken auszuweichen.
    Unter anderem Umständen hätte mir das Spiel vielleicht sogar noch morbiden Spaß gemacht, doch Behemoth war nicht eines der eher harmlosen kleinen Biester, die ich manchmal tatsächlich aus reiner Gehässigkeit piesackte und dann so lange hinter mir herrennen ließ, bis sie hechelnd und keuchend aufgaben. Ich musste ein Versteck finden, ehe ich zu nahe ans nächste Dorf heran kam. Und tatsächlich fand ich die Rettung schneller, als ich gedacht hatte: eine sehr schmale, flache Höhle, die wohl noch unter die Erde führte.
    Ich blickte über die Schulter zurück und kam zu dem Entschluss, nicht länger warten zu können. Während ich jedem natürlichen Hindernis ausweichen musste, walzte Behemoth umgestürzte Bäume einfach nieder und scherte sich auch nicht um die zahllosen Löcher, in denen ich mir vermutlich einen Fuß gebrochen hätte. Mein Vorsprung war schon wieder kleiner geworden. Hastig löste ich eine kleine Axt von meinem Gürtel, die zufällig noch die wunderbare Eigenschaft besaß, bei Benutzung in einem flammengleichen, violett-blauen Licht zu glühen. "Hey!" schrie ich, "hey!" ich schwenkte die Waffe wie eine Fackel und warf sie dann in hohem Bogen nach links. Und meine Rechnung ging auf: der riesige Unhold besaß definitiv mehr Muskeln und Zähne als Hirn, stieß einen beinahe quakenden Schrei aus und wandte sich in die Richtung, in die der flimmernde Leuchtpunkt geflogen war. Den Moment der Unachtsamkeit nutzte ich, um noch ein bisschen schneller zu rennen und mich mit einem reichlich gedankenlosen Kopfsprung mitten in die Höhle zu stürzen. Ich stieß mir irgendwo hart die Stirn an, schmeckte Staub auf der Zunge und erschrak fürchterlich, als mich eine Stimme anfauchte: "Pass doch auf!"

    Blinzelnd wischte ich den Schmutz aus meinen Haaren, der bei dem Zusammenprall mit der Höhlenwand auf mich herab gerieselt war. In dem dämmerigen Loch roch es feucht und ein wenig muffig und ich war ganz offensichtlich nicht die Einzige, die die Höhle für ein gutes Versteck gehalten hatte. Nur wenige Schritte entfernt hockte ein Mädchen in einer ziemlich abgetragenen Nietenlederrüstung und musterte mich misstrauisch. Die Fremde war vielleicht ein oder zwei Jahre jünger als ich, besaß einen wilden Schopf schwarzbrauner Locken und durchdringende grüne Augen. "Wer bist du?" fragte ich, während ich einen letzten Rest Schmutz aus meinem Gesicht wischte.
    "Gute Frage," antwortete die Dunkelhaarige. "Ich geb sie zurück. Warum hast du ihn hierher geführt? nun bringt er uns Beide um." Ich spürte sofort einen Schwall von Abneigung und betrachtete das Mädchen ausdruckslos. "Mein Name ist Llienne. Tut mir Leid, ich wusste nicht, dass du diese Höhle gekauft hast. Hättest du draußen ein Schild aufgestellt, wäre ich woanders hingegangen." Die Augen der jungen Nordfrau blitzten auf, ob nun vor Ärger oder unfreiwilliger Belustigung, konnte ich nicht sagen. "Witzig," murrte sie. "Mein Name ist Teneran Oleifsdottir. Wie lange verfolgt er dich schon?" ich riskierte einen Blick zum Eingang und musste schlucken: Behemoth tobte. Offenbar hatte er begriffen, dass ich ihn zum Narren gehalten hatte. Brüllend, schnaufend, quakend und heulend riss er einen Baum aus, mühelos, wie ich ein Blatt von einem Zweig gezupft hätte, und schleuderte ihn von sich, ehe er mit beiden Klauen begann, das Erdreich umzugraben. "Weiß nicht, vielleicht zehn Minuten. Oder ein bisschen mehr," erwiderte ich mit einiger Verspätung. Tenerans Augen wurden rund vor Überraschung. "Wie hast du das gemacht?" ich zuckte die Achseln. "Skaldenlieder machen so Manches möglich." Sie grinste verstehend und lehnte sich zurück. "Ach so, eine Schlachtensängerin. Ich jage lieber." Sie deutete auf einen schweren Bogen, der neben ihr auf einem alten Moosbett lag. Plötzlich legte das Mädchen den Kopf schief und fasste mich scharf ins Auge. "He, ich glaube, ich kenne dich sogar. Warst du nicht mehr als ein Jahr in Hibernia gefangen?" ich unterdrückte mit Mühe ein genervtes Seufzen. Wie oft hatte ich diese Frage schon gehört. Mir stand generell nicht der Sinn danach, mich über diese Episode meines Lebens ausfragen zu lassen, schon gar nicht, wenn nur wenige Meter von mir entfernt ein wütender Höllendämon den halben Wald auseinander nahm. "Das ist richtig," erwiderte ich mit gewollt kühler Stimme. Teneran störte das nicht. "Und?" fragte sie fasziniert, "wie war's da?" ich grunzte missgelaunt. "Bunt," erwiderte ich nur. Das andere Mädchen grinste halbherzig. "Bist wohl nicht besonders redselig?" ich warf ihr einen raschen Blick zu. "Normalerweise schon, nur das Thema kann ich nicht mehr hören." "Ist mir auch Recht," erwiderte sie einlenkend. "Im Moment würde mich sowieso viel mehr interessieren, wann der Dicke da drüben aufgibt." Ich grinste humorlos: "Tja. Spannend wird es auch, wenn er uns findet."

    Behemoth fand uns nicht. Mangelnde Ausdauer konnte man ihm allerdings nicht vorwerfen, denn als der Dämon sich endlich eingestehen musste, dass seine Beute für ihn verloren war, riss er noch einen letzten Baum aus der Erde, stieß einen langgezogenen, quakenden Schrei der Frustration aus und verschwand mit hin- und herpendelnden Armen. Insgesamt hatten Teneran und ich bestimmt eine halbe Stunde in der niedrigen Höhle gehockt und uns mehrmals verwundert gefragt, warum der Unhold nicht auf die Idee kam, das verräterische Erdloch bei den Felsen zu durchsuchen.
    Wir warteten sicherheitshalber noch weitere zehn Minuten, ehe wir aus der Höhle krochen und uns gegenseitig Staub und trockene Blätter aus den Haaren zogen. "Wir sind ganz schön tief im Nirgendwo," stellte Teneran missmutig fest und überblickte das Chaos, das Behemoth angerichtet hatte. "Ja, und ich hoffe nur, dass das Biest nicht auf die Idee kommt, seinen Ärger an einem Dorf auszulassen," meinte ich besorgt. Die andere Nordfrau schüttelte den Kopf. "Glaub ich nicht. Mein Vater sagt, er hält sich von den Städten fern. Vielleicht hat er Angst, wieder eingefangen zu werden." Ich nickte kurz. "Hoffen wir's. Soll ich dich noch nach Hause bringen? das geht schneller." Teneran sah mich erfreut an. "Das wäre nett. Ich wohne in Jordheim." Ich stimmte mein magisches Reiselied an und zusammen verließen wir den Wald.

    Als wir Jordheim erreicht hatten, knickste Teneran linkisch vor mir und strich sich die wilden Locken aus der Stirn. "Das war sehr nett von dir. Ich vergesse immer wieder, was für ein tolles Gefühl es ist, mit Skalden zusammen zu reisen."
    "Kein Problem. Man sieht sich."
    "Ja, bestimmt." Die Dunkelhaarige zwinkerte mir zu. "Ganz bestimmt sogar." Ich sah ihr ein wenig verwirrt nach, wie sie in einer Gasse verschwand, tat die Bemerkung dann aber mit einem flüchtigen Achselzucken ab und wandte mich in eine andere Richtung, wo ich auf eine riesengroße Trollwache zusteuerte. Der Krieger war in eine geschwärzte Kettenrüstung gehüllt und trug ein Schwert auf dem Rücken, das bestimmt länger als ich selbst war. "Entschuldigt," sagte ich und wartete, bis mir der Hüne träge den Kopf zuwandte. "Ich habe Behemoth getroffen. Draußen in den unbewohnten Wäldern. Das ist kein Scherz, ich schwöre es Euch." Der Troll blinzelte mit seinen kleinen Knopfaugen. "Und du lebst noch?" knirschte er in der sehr kurz angebundenen Art, wie sie diesem gigantischen Volk zu eigen war. Ich nickte ernst. "Ich konnte ihn überlisten und mich verstecken. Er ist in Richtung Norden verschwunden. Wenn Ihr mir nicht glaubt, fragt das Mädchen, das eben bei mir war. Sie ist da lang gegangen," ich deutete über die Schulter und in die entsprechende Richtung, doch der Trollwächter schüttelte knapp den Kopf. "Ich glaube dir," grollte er. "Geh heim. Ich sage dem König Bescheid. Vielleicht wirst du später noch gebraucht." Ich nickte erleichtert, machte einen höflichen Knicks und wandte mich in Richtung Haupttor, um gegen meinen Willen ein wenig zusammen zu zucken: dort stand Leif, mit lässig vor der Brust verschränkten Armen. Als er mich erkannte, zog er eine Augenbraue hoch. "Bist du schon fertig mit deinem Auftrag?" fragte er argwöhnisch. "Eh...," machte ich, doch er fuhr mit zunehmend stärker werdendem Misstrauen fort: "Ich meine sogar, dich vorhin beim Falkner gesehen zu haben." Ich sah an ihm vorbei. "Tatsächlich?" erwiderte ich lustlos. Eine ziemlich dümmliche Bemerkung. "Hm, hör doch auf," sagte Leif kühl. "Du brauchst mir nichts vorzuspielen. Ich weiß Bescheid." Mein Magen zog sich beinahe schmerzhaft zusammen. War er bei mir zu Hause gewesen? hatte Lars geredet? bei Bragi, bitte nicht.
    "Was...denn?" fragte ich mit ziemlich heiserer Stimme. Leif wandte ärgerlich den Kopf ab. "Du hasst mich," maulte er. "Ich könnt mir ein Bein ausreißen und du würdest deine vorgefasste Meinung über mich trotzdem nicht ändern." Ich atmete unhörbar aus und fühlte mich sehr erleichtert. "Unsinn," erwiderte ich unwirsch. "Ich hatte nur wieder Bauchschmerzen, deswegen war ich beim Falkner. Ich habe Keena einen Brief geschickt, die hat mit diesem Mist nie Probleme und ich dachte, vielleicht kann sie mir ein paar Ratschläge geben. Danach hatte ich einfach keine Lust mehr, noch irgend etwas zu tun." Die Lügen kamen mir sehr flüssig von den Lippen, trotz des leisen schlechten Gewissens, das sich bereits wieder meldete. Leif sah mich zweifelnd an. "Dann," murrte er, "sag mal ganz offiziell, dass du mich nicht hasst." Obwohl ich im Stillen ein wenig angewidert von mir selbst war, legte ich dem anderen Skalden kurz lose die Arme um den Nacken und sah ihn spöttisch an. "Leifnir Havocbringer, ich hasse dich nicht, ich mag dich nur nicht besonders. Und wenn du dir ein Bein ausreißen würdest, würde ich dich eher für deine Blödheit bemitleiden. Okay so?"
    Er blinzelte und starrte mich einen Moment verdattert an, ehe er leise lachte. "Du bist wirklich schlimm." Ich gab ihm einen leichten Klaps auf den Hinterkopf. "Stimmt. Und nun gehe ich nach Hause, mein Unterleib bringt mich um. Du kannst dir ehrlich nicht vorstellen, wie sich das anfühlt, als ob dir jemand einen glühenden Schürhaken quer..." "Ist ja gut, ist ja gut," unterbrach mich Leif hastig. "Hau schon ab, ich will das gar nicht hören, verdammt!" lachend löste ich mich von ihm und trat den Rückzug an.

    Auszug aus dem Tagebuch von Llienne Asmundsdottir, spätere Llienne Havocbringer:

    Du kannst dir nicht vorstellen, wie sich das anfühlt.
    Ekel vor dir selbst und vor der Welt, die dich nie wollte und die auch du nicht willst.
    Ich weiß, dass das albern ist, albern und lächerlich, aber ich kann nichts dagegen tun. Ich habe keinen Grund dazu. Im Moment geht es mir sehr gut, ich habe genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, und meine Ausbildung geht gut voran. Trotzdem ist da dieses Gefühl von Leere. Ich habe das Gefühl, mich selbst und alle um mich herum zu belügen. Vielleicht sollte ich nach Molvik gehen und mich waffenlos vor die Festung setzen, mal sehen, was passiert.
    Ach, ich bin so eine Närrin. In spätestens einem Jahr werde ich über diesen Eintrag lachen, aber im Moment habe ich das Gefühl, Hauptdarstellerin einer ganz besonders schlechten Geschichte zu sein.

    "Bin wieder da," rief ich, schon rein aus Gewohnheit und schlug die schwere Holztür hinter mir zu. Wie so oft war keiner zu Hause. Mein Vater sinnierte sicherlich mit ein paar Altersgenossen in irgend einer verräucherten Spelunke über Sittenverfall und den Reichskrieg und Lars stieß sich mit anderen Grünschnäbeln die Hörner ab und trainierte. Mit solchermaßen spöttischen Gedanken ging ich hinauf in mein Zimmer, um nach einer Schale zu suchen, die ich mit kaminwarmem Wasser füllen konnte. Nach der Jagd durch den Wald und dem Aufenthalt in der Höhle fühlte ich mich ziemlich staubig und außerdem tat ich nun ein wenig mehr für die -mir immer noch lästige- Körperhygiene, seit Zaphykel einmal gesagt hatte, ich rieche immer gut, aber der Duft einer Rosenblüte würde ihm noch mehr zusagen als das liebliche Misthaufenaroma, das mich bisweilen auch umgab.

    Zwei Tage später klopfte es an meine Tür.
    Ich saß gerade wenig bekleidet auf dem Bett, bürstete meine wellenden Haare und genoss den faulen Tag. Draußen goss es in Strömen und ein heftiger Wind ließ das gesamte Haus ächzen und seufzen. "Mhm?" machte ich und nahm die bunten Wollbänder aus dem Mund. Ich hatte vorgehabt, mir einen ganzen Haufen dünner Zöpfe zu flechten und diese dann mit einem einzelnen dicken Stoffstreifen zu umwickeln, aber schon nachm dem sechsten Zopf hatte mich die Lust verlassen. Lars trat ein, warf nur einen kurzen, eher uninteressierten Blick auf das gräulichweiße lange Hemd, das mein einziges Kleidungsstück darstellte, und schnippte mir dann zwei Pergamentrollen aufs Bett. "Für dich," erklärte er überflüssigerweise. Ich legte den aus Knochen geschnitzten Kamm fort und griff stirnrunzelnd nach den Briefen. "Von wem?" "Woher soll ich das wissen?" maulte Lars. "Ich hab sie ja nicht aufgemacht." Ich warf ihm einen finsteren Blick zu. "Sei gefälligst nicht so vorlaut. Ich kann auch nichts dafür, dass es heute wie aus Eimern pisst und deswegen das Treffen mit deinen Freunden ins Wasser fällt." Der kleine, eher schwache Wortwitz entlockte mir ein knappes Grinsen, Lars hingegen zog eine Grimasse. "Mann, bist du wieder witzig, Llie. Bestimmt, weil dir dieser Hibernianer geschrieben hat, in den du so verkn..." ich hechtete nach vorne, packte ihn grob beim Handgelenk und verdrehte es, wodurch der Rest des Satzes in ein protestierendes, schmerzerfülltes Keuchen überging.
    "Ich hab dir genau gesagt, du sollst die Klappe halten," zischte ich ärgerlich. Mein kleiner Bruder riss sich los und funkelte mich böse an. "Vielleicht sag ich es irgendwann doch noch," schnappte er trotzig. Meine Augen wurden schmal. "Das würde ich mir überlegen, oder du kannst dir jemand anderes suchen, der künftig deine dreckigen Sachen wäscht und deinen Krempel in Ordnung hält," erklärte ich langsam. "Die werden mich nämlich umbringen, wenn sie davon erfahren. Willst du das?" Lars ließ die Schultern hängen, als sei alle Spannung aus seinem Körper gewichen. "Natürlich nicht," sagte er unbehaglich. "Sei nicht böse, Llie. Ich hab's nicht so gemeint." Ich nickte versöhnlich. "Ist gut." Er erwiderte das Nicken und ließ mich allein.
    Ungeduldig brach ich das erste Wachssiegel auf und begann zu lächeln, als ich die Nachricht überflog:

    Fàilte, mo cridhe,
    vielen Dank für deinen Brief. Ich habe dich ebenfalls vermisst und hatte die gleiche Idee, wäre deine Nachricht nicht gekommen, hätte ich in den nächsten Tagen selbst eine geschrieben.
    Sofern du Zeit hast, würde ich dich gerne treffen und zwar an Samhain. Da gibt es einige Dinge, die du unbedingt sehen musst. Schick mir eine Nachricht, ob du kommen kannst, ich warte.
    Slàn,
    Zaphykel

    Ich faltete den Brief zusammen und verbarg ihn unter meinem strohgefüllten Kissen. Ausgerechnet an einem so wichtigen Tag wollte mich Zaphykel sehen? ich warf einen Blick nach draußen. Das Fest zum Ende des Sommers fand in weniger als drei Wochen statt. Für mich als Midgarderin war das kein besonderes Ereignis, wir feierten Samhain nicht, so würde es sicherlich keine Schwierigkeiten bereiten, am besagten Tag heimlich ins Grenzgebiet zu schleichen. Bevor ich jedoch eine Antwort schrieb, griff ich zunächst nach der zweiten Pergamentrolle und staunte nicht schlecht, als ich den dicken Wachsklecks anstarrte: er trug das Siegel von König Eiriks Hof.
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  2. #122

    Standard

    Ein Glück das du wieder den Faden gefunden hast zum schreiben

    Der aktuelle Seitenstand - Worddokument, Schrift Verdana Größe 11 -
    liegt jetzt exakt bei 192 Seiten.... Das heißt 192 Seiten guter Unterhaltung.

    Weiter so *ansporn*

    mfg
    Es ist nicht wenig Zeit die wir haben, sondern viel Zeit die wir nicht nutzen.
    (Seneca)

  3. #123

    Standard

    Wann gehts denn weiter?

  4. #124

    Standard

    ja mal ehrlich, wann gehts denn weiter ?

  5. #125
    Mitglied
    Registriert seit
    Aug 2005
    Ort
    Schattenklinge

    Standard

    ich warte auch auf die fortsetzung)

  6. #126

    Standard

    Gehts hier noch weiter?


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  7. #127

    Standard

    Jo, das würd mich auch interessieren. Freu mich tierisch auf ne Fortsetzung
    Alecta TheSlayer RR 11l1
    Aufstrebende Duellmeisterin
    -Ard Tiarna-


    --- DISCIPULUS POTIOR MAGISTRO ---

    RIFT




  8. #128
    Mitglied Avatar von rej
    Registriert seit
    Aug 2005
    Ort
    Nachtschatten

    Standard

    Grandiose Geschichte, zu Schade dass ich sie jetzt erst entdeckt habe!
    Hoffentlich finden sich Lilliene und ihr Elf wieder zusammen... einfach rührend :]

    Skullnir (Mins)
    Gwynes Paltrow (Nightshade), Kembell (Animist), Makolm (Vale)
    Cathily (Healer), Evitnehm (Warlock)
    RIP Camlann

  9. #129

    Standard

    Mal Alazais sanft an stubst und fragt wann es denn weiter geht mit der Geschichte


    MfG Palef


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