Llienne´s Life - Seite 2
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Thema: Llienne´s Life

  1. #16

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    "Kannst du denn gar nichts tun?!"
    Die Stimme, die mir wohlbekannt war und zweifellos Keena gehörte, klang höchst verärgert. Doch sie schwoll an und wurde leiser, klang verzerrt und unwirklich. Ich war abermals ohnmächtig geworden und das kurze Licht von Bewusstsein, was mich für einige Sekunden erfüllte, begann nun wieder, zu verblassen. "Oh nein, sie ist gleich wieder weg. Llienne, hörst du mich? verdammt nochmal, mach Platz, Fischkopf." Ich hörte, wie sich mit einem unwilligen Brummen jemand erhob, der gerade noch neben mir gesessen und mir Wärme gespendet hatte. "Nicht..." nuschelte ich. "Bleib...mir...'s kalt." Keena, die ich wie durch einen Nebelschleier sah, riss die Augen auf. "Llienne?!"
    "Hier ist eine..."
    Keena lachte erleichtert und legte die Hände auf meine Schultern. "Bist du wach?" ich stöhnte ganz leise. "Ich denke, ja." Sie seufzte und zog die Hände zurück. "Gott sei Dank. Wie hast du es nur geschafft, sie so zu reizen?" ich öffnte matt die Augen und blinzelte ein paar Mal. "Schande, ist mir schlecht," flüsterte ich. "Was ist passiert? ich erinnere mich kaum..." die Valkyn strich mir ein paar wirre Strähnen aus dem Gesicht und schüttelte den Kopf. "Ich weiß es selbst nicht genau...wir wurden wohl in Dun Abermenai von Waldläufern angegriffen...auch solche Schattenkriecher, von denen ich dir erzählt habe." Ich nickte nur leicht und machte eine müde Geste, um sie fortfahren zu lassen. "Tja, nun," fügte das Katzenmädchen nachdenklich hinzu, "dann wurden wir hierher verschleppt. Nach Hibernia, du meine Güte...das Fischchen," damit deutete sie auf Brakalu, der sie schmollend ansah, "und ich...wir sind irgendwann einfach so erwacht und fanden uns von einem wahren Regiment umzingelt wieder. Irgendwas hast du gemacht, was sie wohl dazu bewogen hat, uns ein bisschen besser zu bewachen. Wenn man dieser unausstehlichen kleinen Kröte von Lurikeen glauben kann, hast du erst einen Elfen bedroht und dann sie angegriffen." Durch meinen Schleier von Mattigkeit drang ein spitzer Pfeil der Empörung. "Bitte was?! ich habe gar nichts gemacht...die blöde Kuh hat mir zuerst eine verpasst und nicht umgekehrt!" keifte ich entrüstet. Keena hob besänftigend die Hände. "Ist doch gut, ich glaube dir selbstverständlich. Tja, aber nicht zu ändern, wir werden nun annähernd so gut bewacht wie ein Relikt." Sie schnaubte. "Keine Chance, zu entkommen."
    "Sehr gut erkannt," bemerkte eine schneidende Stimme. Keena, Brakalu und ich sahen auf und bemerkten die Lurikeen, die mit vor der Brust verschränkten Armen in der offenen Tür stand und uns voller Abneigung musterte. Dabei grenzen besonders die Blicke, die sie mir zuwarf, an Hass. "Was willst du?" fauchte Keena in der Gemeinsprache, die sie beinahe perfekt sprach. Die Lurikeen zuckte nicht zurück. "Am liebsten würde ich euch die Kehlen durchschneiden," zischte sie, "aber der König will vorher mit euch sprechen. Also, bewegt eure Ärsche und folgt mir!" aufreizend langsam ließ sich Keena in ihre Felle zurücksinken und starrte das unverschämte Ding aus ihren gelben Augen intensiv an. Der Blick brachte selbst die hochtrabende Mauer dieser kleinen Giftziege kurz ins Wanken. "Was ist, Pelzgesicht?" knurrte sie. "Steh auf. Und ihr zwei auch, los!" Brakalu ließ sich auf einen Streit nicht ein und trat gehorsam auf die Lurikeen zu, wobei er sie nur ernst ansah. Die junge Frau nickte ihm herrisch zu und winkte dann ungeduldig Keena und mich heran. "Macht schon, oder soll ich wieder die Kelten holen? Ergaron würde sich bestimmt freuen," fügte sie spitz hinzu und warf einen bezeichnenden Blick auf die gewaltige Beule, die meinen Kopf zierte. Ich knirschte mit den Zähnen und stand mühsam auf. "Dann bring uns zu deinem König...!"
    Keena wollte durchaus nicht als Einzige in unserer kleinen Hütte zurückbleiben. Sie warf der Lurikeen ein paar tödliche Blicke zu und folgte ihr schweigend. Als wir ins Freie traten, wurde ich beinahe erschlagen von all dem Leben, das hier tobte. Die Stadt, in der wir unfreiwillig wohnten, war nur klein, dafür herrschte jedoch viel Betrieb. Schmiedleute und Händler boten ihre Dienste an, einige Ausbilder betreuten ihre Schützlinge und Barden unterhielten die Anwesenden mit ihrer Musik. Dazwischen liefen Hühner und Katzen friedlich nebeneinander her und von irgendwo wehte Pferdegewiehr zu uns hinüber. "Na? Mag Mell ist ein bisschen hübscher als die lieblosen Trutzburgen, in denen ihr hockt, wie?" fragte die Lurikeen gehässig. Ich biss mir auf die Lippen und schwieg, Keena tat es mir gleich, nur Brakalu zuckte sachte die Achseln. "Sehrr bunt," kommentierte er. Die Lurikeen warf ihm einen finsteren Blick zu und ich grinste leicht. Ein Elf mit einer Laute kreuzte unserern Weg. "Gehst du Gassi mit den Barbaren, Mikata?" fragte er scherzend und sah uns neugierig an. Mikata grinste humorlos zurück. "Mein Vater will mit ihnen reden. Wenns nach mir ginge..." ich horchte auf. Diese Göre war die Tochter des hibernianischen Königs? na, viel Spaß, dachte ich grimmig. Da haben wir gleich noch viel schlechterte Karten. Der Elf kicherte leise und winkte. "Na dann. Aber du weißt, dass wir sie gerne heute abend beim Fest dabeihätten, ja?" Mikata zuckte nur die Achseln. "Geh weiter Lieder singen, Nharin. Du redest zuviel." Keineswegs beleidigt, verbeugte sich der Barde linkisch und zog von dannen. Mikata warf einen ärgerlichen Blick über die Schulter zurück. "Elfen," schnaubte sie. "Bis auf Zaphykel und Rhee können die anderen meinetwegen dahin gehen, wo der Pfeffer wächst." Keena hüstelte und betrachtete andächtig das Gras, und ich grinste breit. "Was ist so lustig?!" fauchte Mikata. Auch der Albioner sah uns stirnrunzelnd an, doch Keena und ich tauschten nur spöttische Blicke und schwiegen. "Na, euch wird das Lachen noch vergehen, das versichere ich euch!" raunzte die Lurikeen. "Beeilt euch gefälligst, hinter dem Hügel liegt schon Tir na nOgh."
    Als wir den kleinen Hügel überwunden hatten, fiel mein Blick auf Tir na nOgh. Ich hätte es später niemals zugegeben, doch alles, was ich in diesem Moment verspürte, war Ehrfurcht. Die weißen Türme waren beeindruckend und die große, goldglänzende Kuppel, die automatisch unsere Blicke auf sich zog, hätte jedes diebische Koboldherz heftiger schlagen lassen. Auf Mikatas selbstzufriedenes, arrogantes Schnauben reagierten wir gar nicht, sondern sahen uns satt an soviel Prunk und Protzigkeit. Die Wächter, die am gewaltigen Eingang postierten, sahen uns höchst misstrauisch an und hoben die Waffen, doch Mikata winkte lässig ab. "Schon gut, nehmt die Dinger runter," knurrte sie mit einem kurzen Blick auf die angriffslustig erhobenen Schwerter und Speere. Achtungsvoll neigte einer der Keltenwächter das Haupt. "Verzeiht, meine Prinzessin. Wir...sind es nur nicht gewöhnt, dass Midgarder und Albioner frei in unserem Reich herumspazieren, selbst wenn es noch Welpen wie die da sind," sagte der Wächter beiläufig und deutete mit dem Kopf auf uns. Keena knirschte mit den Zähnen, Brakalu senkte den Kopf und ich musterte den Mann nur feindselig. Mikata lächelte geringschätzig. "Das wird sich bald ändern," sie warf uns einen schwer deutbaren Blick zu, "sehr bald. Und nun kommt!"

    Meine bis dato eher gelassene Stimmung verflog allmählich, als wir Tir na nOgh durchquerten. Die marmorne Stadt stellte an Prächtigkeit so ziemlich alles in den Schatten, was ich in meiner Heimat je zu Gesicht bekommen hatte und Jordheim kam mir mit einem Mal wirklich wie das von Keena so oft höhnisch gerufene 'Barbarennest' vor- plump, primitiv, nicht zu vergleichen mit diesem Bollwerk voller Kostbarkeiten. Es war jedoch nicht das wunderbare Äußere der hibernianischen Hauptstadt, was meine Unruhe und das Gefühl, winzig klein zu sein, stetig wachsen ließ. Stattdessen waren die Furcht und Feindseligkeit, die die Bewohner um uns herum ausstrahlten, beinahe körperlich zu spüren und ich merkte, wie sich ein schwerer Kloß in meinem Hals bildete. Sah ich einmal auf, wandten sie sofort den Blick ab, um mich, kaum dass ich in eine andere Richtung schaute, wieder eindringlich zu mustern. Ihre Blicke brannten regelrecht im Rücken. Ich warf einen kurzen Blick auf Keena und Brakalu und stellte fest, dass sie sich genauso elend fühlten wie ich. Keenas Ohren zuckten nervös, ihre Augen schienen leicht geweitet und blitzten, während der Inconnu den Kopf tief gesenkt hielt und die Lippen fest zusammenpresste, während sich seine rechte Hand wohl eher unabsichtlich zur Faust ballte. So wurde unser Gang zum König zu einem Spießrutenlauf und ich konnte Mikatas überheblich-schadenfrohes Lächeln beinahe ebenso mühelos mit den Händen umschließen wie die tödlichen Blicke der übrigen Hibernianer. Ein Trupp junger Kelten folgte uns sogar ein gutes Stück und ich registrierte bei ihnen nicht nur Angst und Misstrauen, sondern mühsam beherrschten Zorn. Die Waffen, die sie mit sich führten -Schwerter, Keulen und Speere- trugen sie sicherlich nicht zum Vergnügen und ich war sicher, dass sie sich früher als später auf uns gestürzt hätten, wäre die Lurikeen nicht bei uns gewesen. Keena folgte meinem Blick und knurrte leise: "Das gefällt mir nicht, das gefällt mir absolut nicht..."
    "Ruhe!", raunzte Mikata, "du machst nur den Mund auf, wenn du etwas gefragt wirst, verstanden?!" der Blick, den das Katzenmädchen ihr zuwarf, war mehr als mörderisch. Zu meiner Überraschung machte Brakalu plötzlich von sich aus den Mund auf: "Was wünscht Euerr König eigentlich von uns?" Mikata brachte ihn mit einer ärgerlichen Geste zum Schweigen. "Das gilt auch für dich, Fischgesicht. Mein Vater wird euch seine Beweggründe selbst erklären. Und nun trödelt nicht und kommt weiter." Ich vergrub die Hand in meiner Tasche und ballte sie zur Faust, damit sie sich nicht in das mir mittlerweile höchst verhasste Gesicht dieser kleinen, herrischen Kröte verirrte. Meine Selbstbeherrschung war nur noch papierdünn, meine Nerven lagen blank. "Wenn wir nicht bald zu diesem Idioten kommen, dreh ich durch," wisperte ich Keena zu und sie nickte nur leicht. Brakalu hüstelte leise und die Lurikeen warf uns einen gereizten Blick zu. "Seid ihr schwerhörig? ihr sollt verdammt nochmal still sein, zum quatschen habt ihr gleich genug Gelegenheit." Ich entspannte meine Faust, ballte sie wieder, entspannte sie- Himmel, das war gar nicht so einfach, doch ich schaffte es erneut, ruhig zu bleiben und ignorierte die andere einfach. Wir stiegen ein paar weiße, matt glänzende Treppenstufen hinauf und Mikata hob die Hand. "Wartet hier," sagte sie ruppig. "Wenn die Leibwachen meines Vaters euch sehen, werden sie euch schon rein aus Reflex euer armseliges Lebenslicht auspusten. Bleibt stehen und denkt nicht mal an Flucht, ihr kommt keine zehn Schritte weit." Als ob wir das nötig hätten, dachte ich gallig und sah der jungen Lurikeen nach. "Ich drehe bald durch," fauchte Keena, kaum dass Mikata außerhalb ihrer Hörweite war. "Dieses unverschämte, alberne kleine Luder, ich werde..."
    "Das gibt dann nurr wiederr Ärrgerr," sagte Brakalu verdrossen.
    "Wer hat dich denn gefragt, du dämlicher..."
    Ich stampfte mit dem Fuß auf. "Bei Bragi, jetzt langt es aber....hört auf, alle beide!" sie schwiegen tatsächlich, Keena mit zornigem Gesicht, Brakalu nur teilnahmslos mit einem kleinen, überheblichen Glitzern in den obsidianschwarzen Augen. Ich schüttelte den Kopf und sah ärgerlich in die Richtung, in die Mikata verschwunden war. Praktisch im selben Moment rauschte sie auch wieder heran und begrüßte uns gleich mit einer kleinen Schimpftirade: "Ihr wollt's wohl wirklich wissen, wie? kaum bin ich weg, veranstaltet ihr einen Lärm, den man noch fast bis nach Ardee hören kann." Ehe mein falscher Mantel der Gelassenheit endgültig zerbrechen konnte, meldete sich hinter Mikatas Rücken eine ruhige Frauenstimme zu Wort: "Entschuldigt vielmals, meine Prinzessin, aber Euer Herr Vater wartet." Die Lurikeen wurde etwas rot um die Nasenspitze und winkte uns ungeduldig näher. Wir betraten den eher kleinen, natürlich ebenfalls marmornen Raum und ich erhaschte einen kurzen Blick auf die Sprecherin: Eine Elfe mit blonden Haaren und saphirblauen Augen, die uns nahezu freundlich, auf jeden Fall aber neugierig musterten. Sie lächelte mir zu und nach kurzem Zögern erwiderte ich ihr Lächeln, erleichtert, dass es wenigstens eine Person zu geben schien, die mir hier nicht nach dem Leben trachtete. "Weiter," drängte Mikata unwirsch und zog damit meine Aufmerksamkeit wieder auf sich, "mein Vater schätzt es gar nicht, wenn man ihn warten lässt." Keenas spöttischer Blick schien zu sagen: Und das wäre in diesem Falle dein Problem, du blöde Kuh. Mikata sah sie an und es schien einmal mehr, als ob sie des Gedankenlesens mächtig wäre: "In diesem Falle absolut euer Problem, denn ihr als Fremde und Feinde habt natürlich erstmal an allem schuld, nicht wahr?" sie lächelte und ehe Keena auffahren konnte, bogen wir rechts in einen kleinen Gang ein. Davor standen zwei hochgewachsene, schwer gepanzerte Elfen, die uns völlig ausdruckslos und mit eiskalten Augen anstarrten. Das ist dann wohl Papis Leibgarde, dachte ich flüchtig und merkte seltsamerweise, dass mir kalt geworden war. Ich fühlte mich tatsächlich so, wie die beiden Elfenwächter wirkten. Sie sahen mich und meine Begleiter nur noch einen halben Herzschlag lang an, ehe sie stillschweigend zur Seite traten und Mikata nur ein ehrfürchtiges Nicken schenkten. Sie erwiderte die Geste ein wenig überheblich. Verwöhntes Gör, dachte ich. Dabei musst du älter als ich sein und stellst dich trotzdem so an. Wie erbärmlich. Ich verdrängte den Gedanken missmutig und sah mich im Thronsaal um. Er wirkte im Gegensatz zu dem Rest von Tir na nOgh mehr als nur bescheiden. Tatsächlich war ich von dem eher kleinen und deutlich schmuckloseren Raum überrascht. Auch der Thron, auf dem der König saß, war wenig mehr als ein einfacher, wenn auch bequem gepolsterter Sessel. Der Herr Hibernias selbst trug ein grünes, mit edlen Stickereien verziertes Gewand. Das spärliche weiße Haar und seine für alle Lurikeen typische zart-kleine Gestalt ließen ihn schwach und schutzbedürftig wirken. Doch die Stimme, die jetzt zu uns sprach, war klar, voll und angenehm: "So seid willkommen in Unserem bescheidenen Palast." Ich musste ein Grinsen unterdrücken, wenngleich mich die seltsame Ausdrucksweise verwirrte. 'majestatis Pluralis' nannte man das, wie ich später erfuhr...Und natürlich war die Bemerkung Absicht gewesen, aber so ganz hatte sie ihre Wirkung nicht verfehlt- ich war jetzt schon beinahe sicher, dass der König so etwas wie Humor besaß. Neben mir räusperte sich Mikata umständlich und starrte mich wütend an. Ich bemerkte erst jetzt, dass sie auf ein Knie herabgesunken war. Schweigend tat ich es ihr gleich und auch Keena und Brakalu folgten meinem Beispiel. Eine kurze Pause sehr unangenehmen Schweigens trat ein und ich sah hilfesuchend zu Keena, doch die zuckte nur unbehaglich mit den Achseln und der Blick des Inconnu blieb so verschlossen wie eh und je. "Sagt etwas," zischte Mikata, offenbar fassungslos über soviel Unhöflichkeit auf einmal. Da es von den anderen beiden Helden keiner schaffte, den Mund aufzubekommen, sagte ich unsicher und etwas zögerlich: "Wir...wir danken Euch, Eure Majestät." Ein Anflug eines Lächelns stahl sich auf das alte Gesicht des Königs und er nickte seinen Wachen, die noch immer wie drohende Schatten hinter uns standen, huldvoll zu: "Es ist gut, ihr dürft Uns allein lassen." Sie verneigten sich tief und zogen sich unverzüglich zurück. Schweigend sah der alte Lurikeen seine Tochter an und es dauerte einen Moment, bis diese begriff: "Vater...ich etwa auch? aber Ihr sagtet..." der König runzelte sachte die Stirn und unterbrach sie sanft, aber bestimmt: "Was Wir sagten, ist Uns durchaus bewusst. Nur möchten Wir nun ein paar ruhige Worte mit Unseren Gästen sprechen- und das allein. Bitte geh, Wir werden dich später hinzurufen." Ich konnte ein schadenfrohes Grinsen nur mit äußerster Mühe unterdrücken und hielt den Kopf tief gesenkt, während Mikata ihren Vater noch einen Moment sprachlos anstarrte und dann wütend hinausrauschte. Ich hörte, wie sie draußen einen der Wächter anfauchte und irgendwem -vielleicht auch demselben Elfen, der das Pech hatte, ihr im Weg zu sein- eine schallende Ohrfeige verabreichte. Ihr Vater sah ihr stirnrunzelnd nach. "Es ist das Vorrecht der Jugend, temperamentvoll zu sein, aber manchmal glaube ich, dass Dana ihr diesen Kelch ein wenig zu voll geschenkt hat," sagte er mit leisem Seufzen und ich bemerkte, dass sich seine Ausdrucksweise geändert und wieder mir vertraute Formen angenommen hatte. Lächelnd deutete er auf ein paar bunte Seidenkissen zu seinen Füßen. "Bitte, so nehmt doch Platz."
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  2. #17

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    Unbehaglich sah ich Keena an, diese zuckte andeutungsweise die Achseln und ließ sich auf einem gelben Kissen nieder. Ich wäre zwar lieber stehen geblieben, nahm aber neben ihr auf einem roten Kissen Platz und auch Brakalu setzte sich zögerlich neben mich. "Nach dem langen Marsch seid ihr sicher durstig?" erkundigte sich der König. Ich nickte scheu und Keena sagte: "Ja, Herr, das sind wir." Er nickte ebenfalls, stand leise ächzend auf und trat an einen breiten Marmortisch heran, auf dem neben Trinkgefäßen auch einige silberne und goldene Schalen mit Leckereien wie Früchten, Nüssen oder Süßigkeiten standen. Ich wunderte mich, dass der König uns höchstpersönlich bediente und keinen seiner Untertanen zu sich rief. Der Lurikeen lächelte flüchtig: "Ich würde jetzt lieber mit euch allein sein und Diener haben die furchtbare Angewohnheit, zu lauschen und Gerüchte in die Welt zu setzen, wobei sie sich in ihrem Bestreben, sie möglichst unglaublich und unsinnig zu gestalten, jedes Mal aufs Neue übertreffen." Da merkte ich, dass ich den Gedanken laut ausgesprochen hatte, und flammende Röte stieg mir ins Gesicht. "Oh, Majestät, das...äh..." er winkte ab und drückte mir einen kostbaren Weinkelch in die Hand, ehe er auch Keena und Brakalu ein fein gearbeitetes Gefäß reichte. Ich drehte den goldenen, mit kleinen Rubinen besetzten Kelch staunend zwischen den Fingern und schnupperte an dem Wein- so etwas hatte ich noch nie gekostet. Und als der König uns aufforderte, zu trinken, verzog ich beim Geschmack der tiefroten Flüssgkeit ganz leicht das Gesicht und stellte fest, dass ich dieses Getränk auch nie hätte kosten müssen. Ich ließ mir allerdings nichts anmerken -das wäre doch höchst unhöflich gewesen- und nippte scheinbar genießerisch an dem Wein, wie es der König ebenso tat. So vergingen einige Minuten und endlich stellte Keena ihren Pokal auf den matt glänzenden Boden, ehe sie den König ernst ansah. "Hoheit...darf ich Euch etwas fragen?" er sah sie über den Rand seines Kelches hinweg ernst an und nickte sachte. "Nur zu." Keenas Ohren spielten nervös. "Nun...wir sind...nicht ganz freiwillig hier."
    "Ja, davon bin ich im Bilde."
    "Und Ihr wolltet mit uns sprechen..."
    "Jawohl, so ist es."
    Keena brach ab, von der Art des Königs offenbar leicht aus der Fassung gebracht. Vermutlich war sie aber auch nur nervös wie ich und Brakalu. "Also," setzte sie erneut an, nachdem sie sich wieder gefasst hatte.
    "Also?"
    Sie sah ihn ernst an. "Sagt uns, was Ihr uns sagen möchtet und fragt, was Ihr wissen wollt. Und dann lasst uns gehen." Sie schwieg und ich sah sie bewundernd an- das war ein durchaus mutiger Zug gewesen. Der König nahm einen tiefen Zug aus seinem Kelch und ließ sich mit seiner Antwort Zeit. "Nein," verkündete er dann schlicht. "Warum?" fragte Keena brüsk und ich biss mir auf die Unterlippe- wie weit mochte die Geduld von Mikatas Vater reichen? wenn er auch nur halb so...aufbrausend war wie sie, war das Maß sicher bald voll. Und außerdem war er der König. Doch er schien der Valkyn ihre Worte nicht übelzunehmen sondern nippte nur erneut an seinem Wein. "Ich kann euch nicht gehen lassen- noch nicht." Dieses Mal schwiegen wir alle, um ihm nicht jedes Wort von der Zunge nehmen zu müssen, woraufhin er seinen Kelch mit beiden Händen umschloss und bedächtig zwischen uns dreien hin- und hersah. "Die Sache sieht so aus- ich brauche euch noch. Ihr müsst mir einen kleinen Dienst erweisen, es ist eventuell für meine Männer eine Herausforderung, aber nicht für euch. Ihr," er senkte die Stimme, "ihr wäret leicht imstande, mein Problem zu lösen."
    Ich sah ihn groß an. Was sollten wir, drei fremde Halbwüchsige, schaffen, was für die besten Männer des Königs eine zu schwierige Aufgabe darstellte? der Gedanke war so absurd, dass ich dachte, der Herrscher wolle uns auf den Arm nehmen und ich fragte kühl: "Eure Hoheit...?"
    "Ja, du hast mich wohl verstanden," sagte er mit einer Spur von Ungeduld in der Stimme. "Möchtet ihr wissen, was mit euch passieren wird, für den Fall, dass ihr abgeneigt seid, meiner Bitte nachzukommen?" nun klang seine Stimme gefährlich, obwohl sein Gesicht völlig ruhig blieb. Ich spürte, wie das bisschen Symphatie, das ich bereits für ihn entdeckt hatte, zerschmolz wie Butter in der Sonne. Gottergeben antwortete Keena: "Ich persönlich wüsste zunächst gern, was das sein soll, was wir und Eure Leute nicht können." Der König prostete ihr lächelnd mit seinem Kelch zu und ich verfolgte jede seiner Bewegungen mit Argwohn. Innerlich fühlte ich beinahe so etwas wie Enttäuschung. Er hatte einen freundlichen, schon fast vertrauensvollen Eindruck gemacht und nun...ich nahm einen Schluck von dem Wein, der mir so gar nicht schmeckte. Ich war doch wirklich ein naives Schaf- wir waren immer noch Fremde, Feinde sogar, und standen hier dem König -König!- unseres Feindeslandes gegenüber, plauderten mit ihm, tranken seinen Wein und ich nannte seine Tochter insgeheim eine dumme Ziege. Die Gedanken füllten plötzlich meinen gesamten Kopf und verdrängten alles andere. Wie hatte ich nur so ruhig sein können, was war immer mein Traum gewesen? gegen Hibernia zu kämpfen, mein Reich zu beschützen...und nun saß ich hier und...ein tiefes, lähmendes Entsetzen erfasste mich und ich fuhr heftig zusammen, als der feindliche König scheinbar besorgt fragte: "Was hast du, Mädchen? du bist so blass." Ich stellte den Krug, den ich eben zum Mund führen wollte, wieder ab- meine Hand zitterte so sehr, dass ich fürchtete, ich würde den Wein vergießen. "Nichts, Herr....Ihr....Ihr wolltet uns gerade erklären, was das sein soll, was wir für Euch tun können..." meine Stimme klang hölzern und ich starrte ihn an wie ein Wesen von einem anderen Stern. Er erwiderte den Blick stirnrunzelnd und als er antwortete, behielt er mich genau im Auge: "Hier gehen seltsame Dinge vor, Dinge, die mich doch sehr beunruhigen- es wird von Verrat in meinen eigenen Reihen gesprochen." Ich sah ihn verstört an und Keena brummte in ihren Weinbecher: "Und was haben wir...?"
    "...was ihr damit zu tun habt? in diesem Falle gar nichts," sagte er, eine Spur schärfer als zuvor. Keena hatte es doch tatsächlich gewagt und war ihm dreist ins Wort gefallen. Sie zuckte zusammen und sah rasch weg, und er fuhr kühl fort: "Was hier am Hofe vor sich geht, kann ich selbst recht gut kontrollieren...doch es gibt einen Teil meines Landes, der scheinbar ausgestorben ist und sich als Schauplatz politischer Intrigen einfach nicht anbietet. Dennoch glaube ich, dass dort etwas faul ist!" erhitzt strich er sich mit der Hand über die Stirn. Ich fragte kleinlaut: "Und welcher Platz soll das sein, Hoheit?"
    "Ich spreche von dem Vorposten Murdaigean."
    Stille breitete sich im kleinen Thronsaal aus. Murdaigean, Murdaigean...ich durchkämmte mein Gedächtnis. Wo hatte ich das Wort schon einmal gehört? ach ja, Keena hatte erst neulich davon gesprochen. Dun Abermenai -Anfang und Ende unseres ersten Ausfluges ins Kriegerleben, dachte ich bitter- Thidranki, der angeblich sehr verlassene Posten Murdaigean und Caledonia. "Und was genau sollen wir nun tun? nach Murdaigean reisen?" erkundigte sich Keena mit wachsendem Interesse. Der König nickte. "So ist es. Irgendwer spinnt eine Intrige gegen mich und aus den wenigen Quellen, die ich in dieser Sache besitze, ist mir bekannt, dass sich in dem Zusammenhang etwas in Murdaigean abspielt. Warum wird der Posten dauernd für tot erklärt? warum wird er gemieden, obwohl es dort kampftechnisch viel zu sehen und zu lernen gibt? kommt euch das nicht auch seltsam vor?" ich nickte unwillentlich. Das stank förmlich nach Verrat oder zumindest einem großen Abenteuer. Aber die Sache musste doch einen Haken haben...
    "Aberr?" fragte Brakalu plötzlich und alle Gesichter wandten sich ihm zu.
    "Aber?" wiederholte der König stirnrunzelnd.
    Brakalu zuckte ganz sachte die Achseln. "Bei solchen Dingen gibt es immerr ein 'Aberr'," sagte er ernst. Der alte Lurikeen schenkte ihm weder ein Lächeln, noch verwies er ihn in seine Schranken. Nachdenklich legte er den Kopf schräg und betrachtete den Inconnu. "Du hast wohl recht, mein Junge. Es gibt ein 'Aber', wie du es nanntest." Erneut entstand eine kurze Pause und ich spürte ein Kribbeln in meiner Kopfhaut. Eindringlich musterte Mikatas Vater unsere Gesichter. "Ihr werdet nicht als Midgarder oder Albioner losziehen. Nein. Ihr werdet eure Waffen ablegen -ja ich weiß, die besitzt ihr nicht mehr, aber ich hoffe, ihr wisst, wie ich das meine- und in den Rüstungen und Farben Hibernias losziehen. Was das Erlernen unserer Sprache angeht, sehe ich kein Problem- ihr seid jung und damit noch besonders lernfähig. Das wäre dann auch alles."
    Erneut herrschte absolute Stille. Brakalu, Keena und ich machten alle drei identisch schockierte Gesicher und mir klappte die Kinnlade herunter. Während ich nach Luft rang, fand Keena als erste ihre Fassung zurück. Als sie antwortete, zitterte ihre Stimme leicht und klang merklich rauher als sonst: "Ihr...Ihr verlangt allen Ernstes von uns, dass wir unsere Existenz aufgeben und zu...zu Hibernianern werden?!" das vorletzte Wort betonte sie mit empörter Ungläubigkeit, und aus großen Augen starrte sie den alten Lurikeen an. Er hielt ihrem Blick mühelos stand. "Nicht doch, nicht doch," sagte er beschwichtigend. "Ihr sollt nicht euer Blut verleugnen, Kinder. Aber so ist die Gefahr, dass ihr in Murdaigean von den Wer-auch-immer nicht sofort aufgegriffen und getötet werdet, weniger groß. Man erschlägt eher einen spionierenden Albioner oder Midgarder als jemanden aus den eigenen Reihen, versteht ihr?" sicher verstanden wir, zumindest glaubte ich, zu begreifen, was der alte Mann da von uns verlangte. Trotzdem war es Wahnsinn und eigentlich eine Unverschämtheit, eine solch irrsinnige Bitte überhaupt an uns zu stellen. Brakalu biss sich auf die Unterlippe und schüttelte leicht den Kopf, während Keena sich nicht mehr zügeln konnte und losbrauste: "Und womöglich sollen wir noch gegen unsere Brüder und Schwestern kämpfen, während wir diese kleine Verschwörung aufdecken?! das könnt Ihr nicht ernst meinen!" sie ballte die Fäuste. Der König seufzte leise. "Ah, ich wusste, dass das kommen würde. Aber es soll euch nicht schlecht ergehen. Ihr bekommt beste Waffen und Ausrüstung und könnt eure Ausbildung problemlos forsetzen, sollte es das sein, was euch zu schaffen macht. Glaubt mir, ich habe einige ausländische Vertraute hier. Zwar keine Meister ihres Faches, da sie sich ihr Wissen größenteils selbst angeeignet haben, statt zu echten Ausbildern zu gehen, aber für euch muss es reichen und sie werden ihr Wissen mit Freuden mit euch teilen. Na?" wir schwiegen alle, doch in meinem Kopf kreiste nur ein kurzes Wort: Nein! ich wollte nicht, ich konnte nicht. Das wäre Hochverrat, nicht nur an Midgard, sondern auch an mir selbst. O nein, niemals. Keena knurrte: "Ich kann nur für mich selbst sprechen. Und das werde ich. Ich will nicht."
    Brakalu nickte sachte. "Das gilt auch fürr mich."
    Der König schwieg und sah mich ausdruckslos an. Ich schluckte und hob den Kopf. Als ich antwortete, klang meine Stimme ruhig und es schwang beinahe so etwas wie Stolz in meinen Worten mit: "Ich bin eine Midgarderin. Niemals werde ich unter Hibernias Flagge irgendwelche Dienste tun. Ich will auch nicht." Mikatas Vater musterte uns reihum. Er stieß ausnahmslos auf das Gleiche: Stolz, Ablehnung, Ernst. "Und das ist euer letztes Wort?" fragte er leise, ohne eine Spur von Enttäuschung oder Zorn. Wir nickten stumm. "Ah," er seufzte. "Das habe ich mir eigentlich schon gedacht. Nun ja, ich habe euch gesagt, dass ich dagegen vorgehen werde." Ich sah ihn rebellisch an. "Ihr könnt uns gerne töten, aber nicht zu etwas zwingen, das wir nicht wollen. Ich sterbe eher, als mich Euch und Hibernia zu verkaufen, Majestät."
    "So ist es," sagte Keena. Der König verschränkte die Arme hinter dem Rücken. "Nun, das ist bedauerlich. Aber vielleicht ändert ihr eure Meinung noch. Ihr werdet genug Zeit finden, um in Ruhe über mein Angebot nachzudenken, das versichere ich euch. Wachen," beim letzten Wort hob er die Stimme und nur einen Moment später betraten die beiden Elfen mit den kalten Augen den Raum, "wie erwartet sind Unsere Gäste abgeneigt, Unserer Bitte Folge zu leisten. Wir wollen jetzt nicht weiter drängen und auf Wiederstand stoßen, sondern ihnen Zeit geben, Herr ihrer Lage zu werden. So wünschen Wir, dass ihr sie Uns nun aus den Augen schafft. Verwahrt sie gut, gebt ihnen zu essen und zu trinken, aber bewacht sie immer. Ihr dürft euch entfernen." Die beiden Wächter verneigten sich tief und fassten Brakalu, Keena und mich nicht gerade sanft am Arm. Dann führten sie uns hinaus. Ich konnte noch einen kurzen Blick auf den König werfen, der uns ohne jeglichen Groll, aber auch ohne ein Zeichen von Erbarmen nachsah.

    Nun brach eine schwere Zeit für uns an. Ich hörte bald auf, die Tage zu zählen, mein Los kam mir dann nur umso schlimmer vor. Wir wurden wieder in die kleine Hütte gebracht und Tag und Nacht bewacht, wie es der König angeordnet hatte. Einige Male rief er uns noch zu sich und stellte immer die gleiche Frage: "Nun, was sagt ihr?" und wir sagten jedes Mal das Gleiche: "Nein, das werden wir nicht tun." So wurden wir also immer wieder zurück gebracht und harrten dem nächsten Treffen mit dem König, von dem wir genau wussten, wie es ausgehen würde. Die blonde Elfe mit den hübschen blauen Augen, die ich beim ersten Mal gesehen hatte, brachte uns unsere Mahlzeiten. Ich erfuhr, dass es sich bei der jungen Frau um Rhee handelte, diejenige, die dafür gesorgt hatte, dass man uns in Dun Abermenai nicht sofort getötet hatte. Mittlerweile war ich sicher, dass ich ihr wirklich nicht dankbar dafür war. Als Einzige jedoch war sie stets freundlich zu uns, stellte interessiert Fragen bezüglich unseres bisherigen Lebens und nahm regen Anteil an dem, was wir ihr erzählten. Selbstverständlich sprachen wir nur über belanglose Dinge, über höhere Politik und Kriegspläne wussten wir als die Kinder, die wir noch beinahe waren, sowieso nichts. Und selbst wenn es so gewesen wäre, hätten wir geschwiegen, denn Keena hielt Rhee für so etwas wie eine Spionin und erklärte finster, die falsche Schlange wolle uns mit ihrer aufgesetzten Freundlichkeit bloß aushorchen oder vielleicht auch weichklopfen, damit wir endlich taten, was der hibernianische König von uns verlangte. Dem konnte ich insgeheim nicht zustimmen, ich konnte die Elfe verhältnismäßig gut leiden. Aber vermutlich hatte meine Freundin wohl recht. Auch Zaphykel, der Elf, der uns am ersten Tag versorgt hatte, besuchte uns ein paar Mal. Bei ihm war offensichtlich, dass er versuchen wollte, uns endlich umzustimmen, und da er mir eh unsymphatisch war, sagte ich zu ihm einfach gar nichts. Bis zu einem bestimmten Tag:
    Ich hatte gerade meine Blase entleert und warf den beiden Kelten, die mich selbst für diese Tätigkeit nicht aus den Augen ließen, einen finsteren Blick zu, als Zaphykel zwischen zwei Hütten auftauchte und mir halbherzig zuwinkte. "Na, machst du immer noch einen auf stur?" ich ordnete meine Kleider und ignorierte den unangenehmen Blick, den er auf meine nackten Schenkel warf. "Was willst du?" fragte ich nur. Zaphykel gab den Wächtern einen Wink, und als sie nicht reagierten, sagte er verärgert: "Es ist gut, ihr dürft gehen. Ich habe Prinzessin Mikatas Erlaubnis." Sie zögerten, und er verdrehte die Augen: "Wollen wir dafür extra zum König gehen und ihn belästigen?" da gab sich der Ältere der beiden endlich einen Ruck: "Nein, seine Hoheit hat heut eine miserable Laune...und wenn Prinzessin Mikata es sagt, soll es für dieses eine Mal in Ordnung gehen. Aber bleib nicht zu lange fort, Zaphykel, und pass gut auf sie auf." Der Elf nickte unwillig. "Das tue ich sowieso. Komm," er warf mir einen auffordernden Blick zu und als ich nicht reagierte, fasste er mich am Arm. "Nun komm schon!"
    "Was ist mit Keena und Brakalu, warum dürfen die nicht raus?"
    "Kann dir das nicht egal sein?"
    "Nein, sag es mir oder ich geh nirgendwo hin."
    Er raufte sich die langen Haare. "Du bist ein störrisches Weib, weißt du das?"
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  3. #18

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    Ich nickte ungerührt und er zog verärgert die Schultern hoch. "Ich will mit dir allein reden, die anderen zwei bekommen ihren Ausgang später, sei versichert." Ausgang, dachte ich gallig, als seien wir nichts weiter als bessere Haustiere. Doch ich wollte den Bogen nicht überspannen und wenngleich ich seine Gesellschaft wahrlich nicht suchte, hatte ich gegen einen kleinen Spaziergang in der freien Natur nichts einzuwenden- endlich einmal weg von den immer noch feindselig-furchtsamen Blicken der Dorfbewohner, an die ich mich zwar fast schon gewöhnt hatte, die mir aber nie gefallen würden, und obendrein mal ein neues Stück von Hibernia kennen lernen. So nickte ich leicht. "Na gut."
    Wir verließen Mag Mell und steuerten auf ein kleines Wäldchen zu, das hinter der Stadt lag. Zwischen den Bäumen sah ich Wasser glitzern. Als wir die Häuser hinter uns gelassen hatten, ließ der Elf meinen Arm los. Ich erwartete, dass er jetzt wieder wegen der Sache mit Murdaigean anfangen würde, aber zu meiner milden Überraschung geschah dies nicht. Stattdessen führte er mich zum Waldrand und zeigte nach vorn. Ich folgte seinem Blick und runzelte sachte die Stirn. Da stand so etwas wie ein sehr großer Grabstein, um den bleiche Skelette schlichen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Keenas knöchernen Dienern aufwiesen, nur trugen diese hier keine Rüstung oder Waffen. Zwischen den fleischlosen Gestalten stach eine weitere hervor, die entfernt an einen Elfen erinnerte. Nur war die Haut des Mannes gräulich und verwittert, er ging gebeugt und das Fleisch faulte ihm langsam vom hässlichen, feindseligen Gesicht. "Wer oder was ist das?" fragte ich leise. Zaphykel lächelte abweisend. "Wir nennen ihn einfach den Beschwörer. Er kontrolliert diese Jammergestalten da. Keine Sorge, für uns ist er nicht mehr gefährlich, er vergreift sich nur an den ganz Schwachen."
    "Warum lasst ihr ihn leben, wenn er das tut?"
    Zaphykels Blick wurde noch abweisender, als er den lebenden Leichnam musterte. "Oh, ich selbst hab ihn viele Male erschlagen, doch irgendwie kommt er immer wieder. Seine verfluchte Seele ist wohl an das Grab da gebunden, vielleicht ist es sein eigenes, vielleicht das seines ursprünglichen Bezwingers, ich habe keine Ahnung. Vermutlich ist das seine Strafe, was auch immer er getan haben mag." Ich nickte leicht und folgte der schlurfenden Gestalt mit den Augen. "Und wieso zeigst du mir das?" der Elf wandte sich mit einem Ruck zu mir um und seine gelben Augen blitzten. "Er war wahrscheinlich ein großer Beschwörer damals."
    "Aha..."
    "Und jeder dieser Zunft trägt als sein Zeichen einen magischen Stab bei sich, die erste Waffe seines Lebens und Symbol aller Magier von Hibernia." Ich runzelte die Stirn und hatte absolut keine Ahnung, was er eigentlich von mir wollte. Als ich nachdrücklich schwieg, kramte er in seinen Taschen und holte etwas heraus. Schweigend zeigte er mir, was er in den Händen hielt. Ich holte überrascht Luft: "Das ist..." wie kam er daran? ich hatte überhaupt nicht gemerkt, dass man mir meinen Beutel mit dem Elfenkristall abgenommen hatte. "Das gehört mir," brachte ich schließlich hervor. Der Elf verzog keine Miene, wedelte mit dem Beutel und machte sich dann daran, ihn zu öffnen. Ich beobachtete ihn aufmerksam. "So? es gehört also dir?" fragte er beiläufig und holte den abgebrochenen Kristall heraus. Im selben Moment ruckte der bezopfte Kopf des verdammten Beschwörers zu uns herum, seine hasserfüllten Augen hefteten sich auf das schimmernde Ding zwischen Zaphykels Händen, und er stieß einen schrecklichen, heulenden Schrei aus, in dem Qual wie Begierde mitschwangen. Ich wich zurück. "Bei Bragi, was...?"
    Zaphykel lächelte böse. "Ja, nun leidet er, und das nicht zu knapp. Ihm wird wieder bewusst, dass er ein verfluchter Verräter ist und kein Recht mehr besitzt, dies zu tragen."
    "Wie?" fragte ich hilflos. Zaphykel schloss die linke Hand um den Kristall, seine rechte schoss nach vorn und packte mich schmerzhaft am Zopf. "Dieser Kristall gehört nicht dir, wahrlich nicht," zischte er. "Wo hast du ihn her?" ich schwieg, zu verwirrt, um ihm ganz folgen zu können, und er riss heftiger an meinen Haaren. "Wo hast du ihn her?!" endlich gewann ich meine Fassung wieder. "Aua!" fauchte ich wütend. "Lass mich los!"
    "Wo du ihn her hast, will ich wissen!" er schrie jetzt beinahe. Ich riss mich los -dabei büßte ich einige Haare ein- und trat einen Schritt zurück. "Ich hab ihn geschenkt bekommen!" keifte ich zurück. "Von einem sterbenden Elfen, der..." ich brach schlagartig ab und starrte den anderen an. Der genauso aussah wie du, schoss es mir durch den Kopf. Aber...konnte es sein, dass... "Geschenkt?" hauchte Zaphykel plötzlich und starrte mich an. Allmählich spürte ich Furcht in mir aufsteigen, ebenso eine leise, wenn auch unglaubliche Ahnung. Konnte es denn wirklich so einen Zufall geben? "Ja," erwiderte ich, tief Luft holend. "Ich habe seinen Besitzer schwer verletzt in unseren Wäldern gefunden. Er hat gesagt, dass ich..." ich runzelte die Stirn und dachte nach. "Ja?" fragte der Elf lauernd. "Geschenkt ist vielleicht doch nicht der richtige Ausdruck," sagte ich zögernd. "Er sagte, ich solle das für ihn verwahren, bis ich einmal ins Grenzland ziehen würde. Aber ich wusste nicht, wieso..." Zaphykel lachte krampfhaft. "Vielleicht weiß ich es," sagte er. "Sein Besitzer, wie du ihn nanntest, war mein Vater."
    Ich spürte, wie mir abwechselnd heiß und kalt wurde. "Dein...Vater?" fragte ich ungläubig. Er antwortete nicht, sondern starrte mit glasigen Augen den abgebrochenen Kristall an. "Der Teil, der mir noch fehlt," flüsterte er, mehr zu sich selbst. "Schaft und Spitze...oh Vater..." ich bemerkte mit unbehaglichem Staunen, wie ihm Tränen in die Augen traten. Der Beschwörer, der hinter Zaphykel stand, hatte sein klagendes Heulen eingestellt und kam plötzlich langsam, beinahe lauernd, auf den Elfen zu. "Zaphykel, du..." begann ich, den Beschwörer anstarrend. Der andere ignorierte mich und strich, noch immer mit tränenverschleiertem Blick, über die schimmernde Oberfläche des Kristalls. Da warf sich der verfluchte Beschwörer mit einem erneuten Heulton vor und schloss seine schorfigen, feuchten Finger um den Hals des Elfen. Zaphykel gab einen erstickten Laut von sich und ließ den Kristall fallen, während der Verwesende ihn würgte und schüttelte und dabei sein Leid aus sich herausschrie, die toten Augen gierig auf den Kristall gerichtet und offenbar unschlüssig, ob er zuerst seinen lebenden Gegenpart auslöschen oder das begehrte Zunftsymbol an sich reißen sollte. Ich sah die Fassungslosigkeit in Zaphykels Augen und zögerte nicht mehr, sondern stürzte mich mit meinem Kampfschrei auf den gefallenen Elfen. Dieser krächzte vor Schmerz, die Beine gaben unter seinem Gewicht nach und er stürzte zu Boden. Langsam versuchte er, davonzukriechen und ich stieß meinen zweiten Schrei aus. Wie vom Blitz getroffen brach der Untote zusammen und rührte sich nicht mehr. Ich starrte schnaufend auf seine zusammengekrümmte Gestalt herab und drehte mich dann wieder um. Zaphykel massierte sich die Kele und sah mich mit schwer deutbarem Blick an: In seinen Augen las ich sowohl Fassungslosigkeit, sowie Bewunderung- und seltsamerweise so etwas wie Scham. Ehe er reagieren konnte, bückte ich mich und hob den Kristall auf. Wortlos hielt ich ihn dem anderen hin und als Zaphykel keine Anstalten machte, danach zu greifen, sagte ich: "Vielleicht war es dies, was dein Vater von mir wollte. Dass ich dir irgendwann dein Erbe bringe." Der Elf rang nach Atem. "Du...als Midgarderin willst du...du verspottest mich!" fiel er sich selbst ins Wort. Ich wollte ihn definitiv nicht verspotten, aber ich hatte keine Ahnung, warum ich dies eigentlich tat. "Es war der Wunsch eines Sterbenden," sagte ich ungnädig. "Und es bringt Unglück, wenn man einen solchen Wunsch missachtet. Nimm ihn schon." Zaphykel starrte mich immer noch ungläubig an, während sich seine Hand wie in Trance um den Kristall schloss. "Du..." setzte er wieder an. Ich schüttelte den Kopf, wollte seine weiteren Worte nicht hören. Weder auf seine Dankbarkeit, noch auf eventuelle Anschuldigungen hatte ich Lust. "Können wir bitte wieder zurück? ich möchte sehen, was Keena und Brakalu machen."
    "Du willst freiwillig zurück?" er sah mich unverwandt an und verärgert drehte ich den Kopf weg. "Ja."
    Er schwieg, scheinbar nachdenklich. Als er antwortete, hatte seine Stimme einen bis dato nie gehabten Klang angenommen- dankbar, beinahe höflich. "Also gut...dann komm. Ach, und...Llienne?" ich wandte ihm verwundert den Blick zu. Bisher hatte er mich noch nicht mit meinem Namen angesprochen. "Mhmm...?"
    "Danke," sagte er.

    Aus dem Tagebuch von Llienne Asmundsdottier, spätere Llienne Havocbringer:

    ..."Wenn ich jetzt darüber nachdenke, möchte ich mich ohrfeigen, und das am besten zwei mal. Ich bin ein viel zu weiches Weib, immer schon gewesen. Was hat mich damals dazu getrieben, erst den Inconnu zu verschonen und dann auch noch einen Elfen zu retten? ich habe meinen Stolz abgestreift wie eine abgenutzte, alte Haut und damals anscheinend vergessen, wer und was ich eigentlich bin. Man kann auch sagen, dass ich mich letztlich doch verkauft habe. Aber ist der Verlust von einigen Prinzipien und ein geistiger Schlag ins Gesicht nicht auch den Gewinn neuer Kameraden wert? ich hätte nur niemals geahnt, dass es ausgerechent solche sein würden, die ich einst als meine Feinde bezeichnet habe. Meinen fortgeworfenen Stolz, Demütigung und die leise Sehnsucht nach Hause kann ich verkraften- niemals aber Verrat. Letztlich haben wir dieses...wie soll ich sagen...Hindernis zwar beseitigt und alles wieder ins Lot gebracht, aber ich glaube, es hat Wunden hinterlassen, Narben, die nicht so schnell und vielleicht niemals heilen. Damit habe ich auch gleich den Beweis erhalten, dass man tatsächlich an gebrochenem Herzen eingehen kann. Und alles nur, weil"...

    Zurück in Mag Mell, führte mich Zaphykel gemäß meiner Bitte zurück in unsere Hütte. Als die beiden unvermeidlichen Wächter zur Seite traten und ich einen Blick auf meine Mitgefangenen erhaschen konnte, schnappte ich empört nach Luft. "Keena!" ich fuhr herum und ballte die Faust, wobei ich einen der Wächter anfauchte: "Was soll das?!" Keena war halb bewusstlos- zusammengesunken lag sie auf ihrem Lager aus Kissen. Auf ihrer Stirn prangte eine Beule und ihre Lippen schwollen an von einem beachtlichen Schlag, den ihr jemand verpasst hatte. Überdies schlangen sich zwei dünne Eisenketten fest um ihre Fußgelenke und hielten diese zusammen. Der kleinere der Wächter zog die Schultern hoch. "Sie hat Ärger gemacht und wollte fliehen, es half alles nichts. Sie hat sich das selbst zuzuschreiben." Er sprach sehr stockend und langsam, doch der schadenfrohe Ton kam umso deutlicher zur Geltung. Ich fluchte in meiner Muttersprache, beschimpfte ihn als etwas, von dem er es vorzog, es nicht zu verstehen, und beugte mich über meine Freundin. "Hey Keena, noch alles dran bei dir?" fragte ich leise und berührte sie an der Schulter. Sie blinzelte ein paar Mal und sah dann zu mir auf. Statt einer Antwort grunzte sie nur ungnädig und berührte ihre aufgeplatzte Lippe. "Lasst mich Wasser holen, um die Schwellung zu lindern," sagte ich eisig, und als die Kelten nicht reagierten, fauchte ich: "Oder holt ihr halt welches." Sie sahen sich an, zuckten die Schultern und der mit dem schweren Akzent stemmte gehässig die Arme in die Seiten. "Sie hat selbst Schuld. Kein Benehmen, keine Rücksicht." Damit drehten sie sich wieder um und bauten sich links und rechts vor der Tür auf. Zaphykel, der uns bisher teilnahmslos zugesehen hatte, drehte sich um. "Ich werde etwas holen, das ihr Erleichterung verschafft, einen Moment nur." Er drehte sich um und ich hörte, wie er draußen leise und eindringlich auf die Wachen einsprach. "Was hast du denn angestellt?" fragte ich kopfschüttelt und strich Keena mifühlend über die Stirn. Brakalu -ohne Ketten oder Anzeichen von gewalttätigen Handlungen- saß mäuschenstill in einer Ecke, hatte die Beine an den Körper gezogen und betrachtete uns aus seinen beunruhigenden, ausdruckslosen Augen, ohne etwas zu sagen. Ich warf ihm nur einen flüchtigen Blick zu, doch da ich aus ihm wohl niemals schlau werden würde, schenkte ich meine Aufmerksamkeit wieder der verletzten Valkyn. "Also?" sie grinste schief. "Na, du hast es doch selbst gesehen...und auch am eigenen Leib erfahren. Es gehört nicht viel dazu, diese Schwachköpfe zur Raserei zu bringen."
    "Ja, ja und du musstest es natürlich herausfordern..."
    "Ach, sei doch still."
    Eine kleine Pause trat ein, in der ich versonnen über die honigblonden Haare meiner Freundin strich und zur Decke sah. Keena beobachtete mich aufmerksam. "Über was hast du eigentlich mit dem Elfen gesprochen?" fragte sie. "Wollte er dich wieder überreden, diesen verdammten Vorposten aufzusuchen?" ich kehrte blinzelnd in die Realität zurück und erwiderte ihren Blick. "Nein, ich habe etwas Überraschendes herausgefunden." Sie sah mich neugierig an. "Nun machs nicht so spannend!" und ich fing an, zu erzählen. "...Tja, er ist tatsächlich der Sohn des Elfen, den ich vor ein paar Jahren im Wald gefunden habe. Zufälle gibts..." Keena machte große Augen. "Aber...hhmm...woher will er wissen, dass nicht du ihn getötet haben könntest?" ehe ich zu einer empörten Antwort ansetzen konnte, erklang Zaphykels kühle Stimme: "Weil ich nicht glaube, dass mein Vater ihr dann seinen ersten und letzten Schatz überreicht hätte." Keena und ich fuhren leicht zusammen und sahen uns schuldbewusst an. "Wir..." fing ich an, doch er schnitt mir mit einer leichten Handbewegung das Wort ab und ließ sich vor Keena in die Hocke sinken. "Schon gut, das ist ja eine berechtigte Frage. In der Hinsicht vertraue ich dir jedoch, obwohl ich mir natürlich nicht sicher sein kann." Für ihn schien das Thema damit erledigt zu sein und wenn es ihm überhaupt noch nahe ging, verbarg er seine Emotionen zumindest gut. Schweigend stellte er die Schüssel, die er mitgebracht hatte, auf den Boden und tränkte einen Lappen mit der intensiv nach Kräutern duftenden Flüssigkeit. Keena wollte erst protestieren, und als der Elf ihr das Tuch auf die Lippen legte, zuckte sie zusammen. "Halt still, ich weiß, dass es brennt. Trotzdem ist es ein bewährtes Mittel bei solchen Wehwehchen." Keena sah ihn finster an, und gegen meinen Willen musste ich grinsen. Während Zaphykel nun auch die unschöne Beule an Keenas Stirn betupfte, nickte er in Brakalus Richtung: "Sagt der eigentlich auch mal was?" nun war es an uns beiden, Keena und mir, breit zu grinsen. "Selten," meinte ich und Keena fügte voller Bosheit hinzu: "Stumm wie ein...Fisch!" das letzte Wort betonte sie ein bisschen stärker, als nötig gewesen wäre und daraufhin brach ich in echtes Gelächter aus. Zaphykel blinzelte ein paar Mal, ehe er mit einstimmte. Brakalu sah uns finster an. "Viele Narrren endeten nurr am Galgen, weil sie ihrre lose Zunge nicht unterr Kontrrolle hatten," sagte er schnippisch. "Er hat gesprochen," sagte Keena begeistert und ich musste husten. "Nun ist gut, du bist unfair!" der kleine Inconnu musterte uns düster, seine ausgefransten Ohren zuckten leicht. Mitten in die unerwartet eingetretene Heiterkeit meldete sich eine mir wohlbekannte, hochmütige Stimme: "Welch seltsamer Anblick das doch ist! Zaphykel, ich muss sagen, jetzt überraschst du mich!" wir verstummten schlagartig und ich wandte den Kopf, um Mikata einen Blick voller Verachtung zuwerfen zu können. "Was willst du?" sie ignorierte mich und starrte den Elfen an. "Zaphykel?" der Angesprochene strich sich das Gewand glatt und faltete ernst die Hände im Schoß. Gelassen sah er die Lurikeen an. "Prinzessin, Euer Vater will nur, dass wir sie beaufsichtigen, denn er glaubt nach wie vor, dass sie ihre Meinung ändern werden. Abgesehen davon, dient es auch ihrem Schutz," Mikata schnaufte, doch Zaphykel fuhr gelassen fort: "Sie würden zwar niemals gegen unseren Willen fliehen können, aber da draußen würde man sich auf sie stürzen wie ein Rudel toller Hunde, das erschlagen werden muss. Wir sollen sie bewachen, festhalten- aber von seelischer Grausamkeit war doch keine Rede." Eine Rede war allerdings, was der Elf gesprochen hatte, und für sein Wesen sogar eine extrem lange. Ich beobachtete ihn mit gemischten Gefühlen. Mikata sah Zaphykel nur verärgert an: "Hat Rhee dich mit ihrem Unsinn jetzt auch schon eingelullt? seit Tagen läuft sie herum und zieht eine Jammermiene. 'Diese armen Kinder, so weit von zu Hause fort und immer eingesperrt, das würde ich nicht ertragen'," äffte sie die blonde, freundliche Elfe nach. Zaphykel schwieg. "Nun, wie dem auch sei," knurrte Mikata und sah mich an. Ein listiges Funkeln war plötzlich in ihre Augen getreten. "Was hältst du von einem kleinen Übungskampf? echte Skalden," sie grinste mit kaum verhohlener Verachtung, "sind doch einem netten Duell niemals abgeneigt? oder hast du Angst vor einem bisschen Trainig?" ich sog scharf die Luft ein und spürte das Blut, das mir ins Gesicht schoss. Neben mir drückte Keena warnend meinen Arm. Ich beachtete sie nicht, sondern starrte, schäumend vor Wut, die Lurikeen an. Natürlich wollte sie mich provozieren, aber ich wusste beim besten Willen nicht, warum. Ich hatte ihr die letzte Zeit wahrlich keinen Grund dazu gegeben.
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  4. #19

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    "Nun komm," sagte Mikata hartnäckig. "Oder traust du dich wirklich nicht? ooch..." ich vergrub die Unterlippe zwischen den Zähnen und musterte abschätzend ihre wie eh und je gepanzerte Gestalt. "Ich habe weder Waffen noch Rüstzeug," sagte ich und imitierte ihren herablassenden Ton. Sie fegte meinen Einwand mit einer ungeduldigen Geste beiseite. "Du wirst ausgerüstet werden, keine Sorge. Fairness gehört zu den wenigen Dingen, die wir beide wahrscheinlich gleichermaßen schätzen."
    "Prinzessin Mikata, Ihr solltet das nicht tun," sagte Zaphykel halblaut. "Du hältst dich da raus!" der Ton der Lurikeen war so kalt und schneidend, dass der junge Elf tatsächlich schwieg. Keena knurrte leise. "Da ist doch was faul," sagte sie und machte sich nicht die Mühe, ihren Ton zu dämpfen. Mikata würdigte sie weder einer Antwort, noch eines Blickes. Ihre Augen blieben auf mich gerichtet. Zornrot stand ich auf. "Bring mir die Sachen!" befahl ich wütend. Das Funkeln verstärkte sich und sie nickte. "Abgemacht!" und schon verließ sie zügigen Schrittes unser Gefängnis. Mit zusammengekniffenen Augen sah Keena ihr nach. "Warum besteht sie jetzt darauf? da stimmt etwas nicht, darauf wette ich. Weißt du was, Llienne? lass mich gehen, der werd ich kräftig den Arsch..."
    "Nein." Das kleine Wort reichte schon, um meiner Freundin den Mund zu versiegeln. Dabei hatte ich nicht einmal geschrien. Ich blieb regungslos stehen und starrte mit leicht verengten Augen zum Boden. "Es ist ja nur ein Trainingskampf...!"
    "Trotzdem, du bist nicht gerade..."
    "Lass mich in Ruhe, Keena. Das ist meine Sache. Ich lasse mich nicht dermaßen beleidigen- nicht von der!" ich knurrte beinahe und die Valkyn legte den Kopf schräg. Ohne allen Spott fragte sie: "Wirst du allmählich doch erwachsen, wie?" ich sah sie ausdruckslos an und im selben Moment kehrte Mikata zurück. Erhaben lächelnd winkte sie zwei zum Tragen mitgebrachte, beinahe monströs anmutende Männer mit, die ohne jede Mühe einen kompletten Schuppenpanzer, einen kleinen Schild mit passender Einhand-Axt sowie ihrem größeren, schweren Gegenstück in den Armen hielten. Die irgendwie breitgeschlagen wirkenden Gesichter mit den ausgeprägten Stirnwülsten, ihre dunkle Haut und der mächtige Körperbau kennzeichneten die Männer eindeutig als Firbolg, von denen ich in Midgard schon gelegentlich etwas gehört hatte- stark wie Trolle sollten sie sein, aber über mehr Intellekt verfügen... auf einen knappen Wink von Mikata hin, gingen die beiden ein wenig in die Knie und luden ihre Last vorsichtig ab. Mit einer etwas plumpen Verbeugung zogen sie sich danach zurück. "Ich soll in- und mit hibernianischem Rüstzeug kämpfen?" fragte ich, nicht gerade mit Abscheu, aber allen Zeichen von Unzufriedenheit. Mikata lachte spöttisch. "Willst du dem Fisch vielleicht seine Kleider vom Leib reißen und stattdessen in albionischen Fetzen rumlaufen?" höhnte sie, was ihr gleichermaßen einen bösen Blick von Brakalu und mir einbrachte. "Du kannst natürlich auch nackt gegen mich antreten- dann hätten wir alle mal wieder was zu lachen," fügte die Lurikeen feixend hinzu. "Verschwinde, ich will mich umziehen!" fauchte ich und riss aufs Geratewohl die Beinlinge an mich, ohne sie überhaupt richtig anzusehen. Mikata verneigte sich spöttisch und stolzierte hinaus. Ich war so wütend, dass es mir nicht gleich gelang, die Beinlinge überzustreifen. Keena stand stumm auf und half mir. "Beruhig dich doch," sagte sie kühl. "Es gibt nichts Unverzeihlicheres, als im Zorn in den Kampf zu ziehen- das kann fast sofort eine Niederlage bedeuten und im schlimmsten Fall den Tod." Ich warf ihr einen herrischen Blick zu -sie musste gerade reden!- aber nickte dann widerwillig. "Ja, ja, du hast ja Recht...hilf mir doch mal bitte mit diesem elenden Kettenhemd..."

    Es war eine völlig andere Llienne, die hoch erhoben ins Freie trat. Ich erkannte mich selbst kaum wieder: Statt dem einfachen Hemd trug ich einen ungefärbten, aber stabilen und relativ leichten Schuppenpanzer, wie es für Hibernias Kämpfer üblich war. Die Äxte allerdings waren anderer Herkunft und wiesen deutliche Gebrauchsspuren auf, obwohl sich jemand die Mühe gemacht hatte, sie wieder herzurichten und zu schärfen. "Hibernia besitzt keine Äxte," flüsterte mir Keena zu, die meinen Blick bemerkt hatte. "Muss von irgend einem Leichenfledderer stammen." Ich verzog das Gesicht, sagte aber nichts, sondern trat Mikata entgegen, die mich schon mit einem gewohnt überheblichen Lächeln erwartete. Innerlich kam ich mir beinahe albern vor, gegen eine Person anzutreten, die soviel kleiner und -auf den ersten Blick- schwächlicher war als ich. Doch ich hütete mich, die Lurikeen zu unterschätzen- dass sie eine schmerzhafte Handschrift besaß, hatte ich ja schon am eigenen Leib zu spüren bekommen. Unser Trainingskampf sollte auf dem Hügel vor Tir na nOgh stattfinden, und als ich der jungen Frau folgte, hörte ich sie leise lachen: "Ich hoffe, du weinst gleich nicht." Ich biss die Zähne zusammen und starrte bedächtig auf sie hinab. "Wir werden sehen, wer heult," sagte ich brodelnd. Sie lächelte nur. Ihren Hohn konnte ich verhältnismäßig gut ertragen, aber ihre so offensichtlich arglose Selbstsicherheit machte mir leicht zu schaffen. Warum befürchtete sie nichts, rein gar nichts? oder war das auch nur Teil ihres Spiels, um mich noch weiter zu verunsichern und sich eventuell Vorteile in unserem nun unausweichbaren Duell zu verschaffen? ich wusste es nicht. "Sag mal...warum hasst du mich eigentlich so?" fragte ich unvermittelt und gegen meinen Willen. Ihre Antwort fiel -welche Überraschung- schnippisch aus: "Ich hasse dich nicht, ich kann dich nur nicht leiden."
    "Gut, warum kannst du mich nicht leiden?" und sag jetzt nicht 'Weil ich dich hasse', schoss es mir durch den Kopf- das hätte ich ihr ohne zu zögern auch noch zugetraut. Nichts dergleichen geschah, stattdessen schwieg sie einen Moment und knurrte dann: "Halt die Klappe und konzentrier dich lieber, oder willst du dich vor all dem Publikum zum Gespött machen?" ich blinzelte irritiert, sah mich um und musste schlucken: Mikata hatte recht. Wie auf einem öffentlichen Fest hatten sich mehr und mehr Leute zusammengefunden, um uns zuzusehen. Ein paar halbwüchsige Elfen, zwei Firbolg, die Kelten, die uns tagtäglich bewachten und einige Lurikeen, die ihrer Prinzessin zujubelten. Sie winkte stolz zurück und ich registrierte mit einem faustgroßen Klumpen in der Kehle, wie sie über mich nur verächtlich raunten, eine Lurikeen kicherte verdruckst und ein junger Elfenkrieger hob gar einen Finger an die Kehle und machte eine bezeichnende Geste. Rasch wandte ich den Blick wieder ab. Keena sah sich wütend um, ehe sie so laut brüllte, dass eine Elfe neben ihr fast ihren Jüngsten fallen ließ: "Nun aber, auf, Llienne! du packst das, schäl sie aus ihrer albernen Rüstung und zeig ihr, wie Midgarder kämpfen!" ich konnte nicht anders, als sie breit anzulächeln. Eine kleine Gestalt zwängte sich zwischen zwei merklich empörten Lurikeen hervor, stellte sich neben die Valkyn und sah sich einen Moment um, ehe sie mir aufmunternd zunickte. Ich spürte, wie meine Nervosität nachließ und lächelte Brakalu ebenfalls zu, ehe ich meine volle Aufmerksamkeit Mikata zuwandte, deren Miene sich merklich verfinstert hatte. "So, reicht das jetzt?" fragte sie kalt. Ich grinste humorlos. "Ich warte nur auf dich, Kleine." Ihre Augen verdunkelten sich bedrohlich und ihre Stimme klang schneidend: "Nur ein Trainingskampf!"
    Ich nickte. "Ja."
    "Also dann..." Mikata stellte sich in Positur, zückte ihr für meine Verhältnisse albernes kleines Schwert und hob gleichzeitig ihren viel zu großen Schild. Ohne ein weiteres Wort gingen wir aufeinander los. Ich umklammerte meinen Zweihänder und führte einen harten Schlag gegen sie, den sie im letzen Moment durch ein Hochreißen ihres Schildes abblockte. Zwar hatte ich nicht getroffen, sah aber befriedigt, wie die Lurikeen unter dem Zusammenprall zurückstolperte. Ich ließ ihr keine Chance, sich wieder zu fangen und setzte mit einem noch stärkeren Hieb nach. Abermals konnte sie blocken, doch dieses Mal verlor sie den Halt und setzte sich unsanft auf den Hintern. Die Menge raunte. "Hast du genug?" fragte ich kühl, die Axt schwingend. "Fahr zur Hölle!" grollte sie und warf sich herum. Mit einem geschickten Satz war sie wieder auf den Beinen- und sprang mich mit erhobenem Schwert an. Ich sah den wirbelnden Stahl, das tödliche Blitzen -Trainingskampf!?- und duckte mich in letzter Sekunde. So trennte die durch die Luft sausende Klinge nicht meinen Kopf, sondern den größten Teil meiner beiden Zöpfe ab. Durch ihren eigenen Schwung wurde Mikata beinahe von den Füßen gerissen und stolperte ohne alle Eleganz an mir vorbei. Mit einem gezielten Tritt half ich der Entscheidung, ob sie fallen sollte, oder nicht, nach. Abermals landete sie auf dem Allerwertesten, doch sie gab mir keine Zeit, zu triumphieren- stattdessen drehte sie sich blitzschnell zu mir herum, ohne sich aufzurappeln, umklammerte ihr Schwert mit beiden Händen und stieß mir die Spitze mit aller Gewalt in den Oberschenkel. Ich brüllte auf vor Schmerz- der Schuppenpanzer nahm dem Stoß zwar einen Teil der Wucht und mein Knochen wurde nicht zertrümmert, aber der plötzlich explodierte Schmerz war dennoch gigantisch. Mikata riss ihre Waffe zurück, sprang nun doch auf und holte zum entscheidenden Hieb aus. Da tat ich das, was schon längst überfällig gewesen war: Ich stieß einen seltsamen Laut aus, beinahe eine Art Zirpen- meine geistige Energie hüllte die Lurikeen ein und versetzte sie schlagartig in einen tiefen Schlummer. Ich trat ein Stück zurück, setzte mich und sang leise eine tröstliches Lied zu Ehren Bragis. Zwar verheilte die Wunde nicht und auch der Blutfluss verringerte sich nur geringfügig, aber ich hatte schon das Gefühl, als könne ich den Schmerz leichter ertragen. Etwas ungelenk rappelte ich mich auf, ehe die Wirkung des Zaubers nachlassen konnte. Voller Zorn starrte ich die schlafende Lurikeen an, trat an sie heran und zertrümmerte mit einem mörderischen Stoß und unter gewaltiger Kraftanstrengung ihren Schild. Klappernd stürzten die Teile zu Boden. Eine Frauenstimme rief irgend etwas, ich verstand die Worte nicht, aber der Tonfall war ängstlich und schrill- in diesem Moment ebenso süße Musik in meinen Ohren wie die von Bragi komponierten Lieder. Ich stimmte ein grimmiges Kampfgemurmel an, ehe ich der Lurikeen meine rauhen Kampfschreie entgegen schleuderte. Schlagartig wich ihre Benommenheit und mit einem schmerzerfüllten Laut wich sie zurück. "Stopp," rief sie, "aufhören! es ist nur ein Trainingskampf- Schluss, sage ich!" ich zitterte vor Zorn und hob die Axt. "Für deine feigene Verlogenheit sollte ich dir den Schädel einschlagen," sagte ich mitleidlos. Sie starrte mich an. "Ich..."
    "Du hast verloren, sieh es ein. Gibst du auf?"
    Stille war eingetreten. Alle starrten uns an. Brakalu hatte anerkennend die Arme vor der Brust verschänkt und Keena zitterte vor verhaltenem Triumph. Doch das sah ich nicht, meine Augen blieben auf die Königstochter gerichtet, die meinen Blick halb fassungslos, halb zornig erwiderte. "Nun?" fragte ich erneut, die Situation insgeheim auf bösartige Weise genießend, obwohl der Schmerz in meinem Bein noch immer scheußlich war. Mikata spuckte auf die Erde. "Schade," sagte ich kühl und schwang die Axt. Ein paar Leute schrien erregt und Mikata kniff die Augen zusammen. Als sie feststellte, dass ihr Kopf noch ganz war, öffnete sie sie vorsichtig wieder: Die große Axt hatte sich kein Fingerbreit neben ihr in den Boden gebohrt, der Stiel zitterte noch leicht von der Wucht, mit der ich die Waffe ins Erdreich getrieben hatte. "Nur ein Trainingskampf," sagte ich und wandte mich ab. Insgeheim rechnete ich damit, dass die junge Frau einen feigen Angriff von hinten starten würde -ich spannte mich sicherheitshalber- doch Mikata hockte geschlagen auf der Erde. Ohne eine sichtbare Verletzung, aber trotzdem besiegt, ließ sie den Kopf hängen und blickte voller Scham zwischen ihre Beine. Einen Moment war es noch still, dann erhob sich, außer sich vor Wut, die Stimme eines Lurikeen: "Fauler Zauber! Prinzessin Mikata hat noch nie ein Duell verloren!" die Elfe mit ihrem Kind stimme mit ein: "Das war übles Teufelswerk aus Midgard! tötet sie, sie wird von bösen Gottheiten gelenkt!" ich sah mich entsetzt um. Tatsächlich bewegten sich die beiden Firbolg, die Keltenwächter und eine Gruppe Jungelfen auf mich zu. Die meisten hatten keine Waffen, doch in ihren Augen glimmerte die Rachsucht. Völlig aussichtslos für mich. Keena stieß einen entrüsteten Schrei aus. "Feiges, verlogenes Volk, ihr könnt es nur nicht vertragen, dass eure dumme Göre von Prinzessin einmal einen ehrlichen Kampf verloren hat! wahrscheinlich habt ihr sie vorher immer absichtlich gewinnen lassen, darum hatte sie auch so ein großes Maul!" ihre Worte wechselten über in ein schmerzerfülltes Fauchen, als ihr jemand mit dem Handrücken über den Mund schlug. Brakalu sah sich erschrocken um und wurde von einer Seite zur anderen gedrängt, denn die Vergelter traten sich in der Hast, mich zu packen, beinahe selbst auf die Füße. Mit einem Ruck zog ich die Axt aus dem Boden, warf mein kurzes Haar in den Nacken und blickte mich wild um. Wenn mein Leben nun doch ein so jähes Ende finden sollte, dann wollte ich mich wenigstens verteidigen können. Ich war umzingelt, rechnete schon mit dem ersten Angriff, als eine volle, klare Stimme scharf alles andere übertönte: "Ihr hört sofort auf, sofort!"
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  5. #20

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    Augenblicklich erstarrten die Hibernianer. Ein junger Lurikeen fand als erster seine Sprache wieder. "Eure Hoheit, Majestät," setzte er an, doch eine schallende Ohrfeige des Königs schnitt ihm augenblicklich das Wort ab. "Was haben Wir gesagt?" fragte Mikatas Vater mit eisiger Stimme. "Diese jungen Midgarder sind Unsere Gäste. Und wie behandelt ihr sie? zu..." er überblickte kurz seine Untertanen, "gut zwei dutzend Leuten auf einen einzigen Gegner, der nicht einmal ist...das ist erbärmlich, mehr als erbärmlich." Der Geohrfeigte versuchte einen letzten Anlauf: "Bitte, Majestät, es war so, diese Hexe," er deutete anklagend auf mich, "hat Eure Tochter, die königliche Prinzessin Mikata, mit faulem..." erneut hob der alte Lurikeen die Hand und der Jüngere duckte sich ängstlich. "Fauler Zauber sagst du? interessant, sehr interessant. Wir haben den kurzen, aber eindrucksvollen Kampf mitverfolgt, mein Junge. Hier kann von Betrug und schmutzigen Tricks keine Rede sein." Sein ganzer Zorn entlud sich jetzt auf den unglücksseligen Lurikeen und dieser fing sich prompt zwei weitere klatschende Schläge auf die Wange ein. "Geht, geht Uns aus den Augen! alle!" donnerte der König. "Geht in eure Häuser und schämt euch für heute, Hibernianer zu sein. Los, verschwindet, sofort!" sie gehorchten ausnahmlos, schlichen fort wie geprügelte Hunde und ließen die Köpfe hängen. Bald befanden sich nur noch Keena, Brakalu und ich auf dem Hügel. Mikata drehte sich um und wollte den anderen eilig folgen, doch die schneidende Stimme ihres Vaters ließ sie zusammenfahren und stehenbleiben: "Du bleibst hier!" Mikata wand sich wie unter Schmerzen und trottete zu uns zurück. Der Blick, den sie mir zuwarf, war mehr als nur hasserfüllt. Eine ganze Weile musterte der König seine Tochter nur, während mir die Kraft aus dem verletzten Bein wich und mich veranlasste, mich ungelenk ins Gras sinken zu lassen. Ich murmelte erschöpft mein wohltuendes, schmerzlinderndes Lied und betastete gleichzeitig vorsichtig meinen Oberschenkel. Dieses falsche Biest, soviel zu ihrem Trainingskampf. Hätte ich keine Kettenrüstung getragen, hätte mich die Attacke wahrscheinlich das Bein gekostet. Der König folgte meinem Blick, ehe sein Kopf zu der nunmehr sehr niedergeschlagen wirkenden Prinzessin herumruckte. "So, Mikata," sagte er leise und musterte sie aus leicht verengten Augen. "Willst du mir erklären, was du dir nur dabei gedacht hast, Llienne zu einem solch unsinnigen Duell herauszufordern? du hättest sie töten können- und sie dich ebenso. Was, um Himmels Willen, sollte das?" die Prinzessin scharrte unbehaglich mit ihrer Stiefelspitze. "Ich..." setzte sie an, biss sich auf die Lippen und brach wieder ab.
    "Nun? sprich ruhig weiter."
    Da stieß die junge Frau zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: "Eure...Eure Gäste, wie Ihr sie nennt, sind unsere Feinde! aber trotzdem leben sie hier, essen unser Brot und trinken unseren Wein...sie...sie kommen hierher und jeder schenkt ihnen Aufmerksamkeit und Ihr bemüht Euch wegen Murdaigean so sehr um sie...warum wollt Ihr Midgarder," sie spie das Wort regelrecht aus, "warum wollt Ihr ausgerechnet Midgarder schicken und nicht mich? das ist nicht fair." Erstaunt sah ihr Vater sie an. "Woher weißt du überhaupt von Murdaigean?" fragte er scharf. Mikata wurde blass und sah schnell zur Seite. "Ich...ich...gut, ich gebs zu, ich habe gelauscht, als Ihr davon gesprochen habt," sagte sie nach einem merklichen Moment des Zögerns. Das war eine Lüge, ich spürte es instinktiv. Warum ich mir da so sicher war, konnte ich nicht genau sagen, aber ich hätte einen Eid darauf geschworen, dass Mikata ihren Vater anlog. "Verstehe ich das richtig? du warst eifersüchtig?" fragte der König ungläubig. Mikata senkte nur reumütig den Kopf. Neben mir hörte ich Keena verächtlich schnauben. Ein kurzer Blick in ihr Gesicht bestätigte mir, dass die Valkyn der Prinzessin ebenso wenig glaubte wie ich. "Hhmmm," machte der König. Stirnrunzelnd sah er auf den demütig gesenkten Schopf seiner durch und durch zerknirscht wirkenden Tochter herab. "Also gut," sagte er versöhnlich. "Es ist ja noch einmal gut ausgegangen. Du wirst dich jetzt bei Llienne entschuldigen und mir schwören, dass du solche Dummheiten nicht wieder machst!" sie drehte sich zu mir um und ihr Gesicht war völlig ausdruckslos, nur ihre Augen schimmerten kalt. Ihre Stimme dagegen war umso reumütiger, als sie kurz das Haupt vor mir neigte: "Bitte verzeiht mir mein Betragen, Llienne. Ich werde Euch nicht mehr belästigen und bitte Euch um Entschuldigung für mein dummes Verhalten." Keena schnaubte nochmals, was ihr einen missbilligenden Blick des Königs einbrachte. Ich hingegen betrachtete abschätzend das Gesicht der Lurikeen. Auch diese Worte waren nicht ernst gemeint, das spürte ich. Sie hasste mich nach wie vor und diese Niederlage war eine Demütigung, die sie mir gar nicht verzeihen konnte- und die höchstwahrscheinlich nicht ungesühnt bleiben würde. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der König mit einem Anflug von Unmut die Arme vor der Brust verschränkte, und so gab ich nach: "Es ist gut, Prinzessin. Vergessen wir, was war- ich nehme die Entschuldigung an." Mikata nickte und schenkte mir ein Lächeln und einen eisigen Blick. Der König klatschte kurz in die Hände. "Na also, damit wäre das dann doch noch geklärt. Ich verlasse mich auf euch beide," er sah mahnend von Mikata zu mir und wieder zurück, "und ich schätze es überhaupt nicht, wenn mein Vertrauen enttäuscht wird. Nun denn, ich kehre in den Palast zurück. Wehe, ihr geht aufeinander los, wenn ich gerade nicht hinsehe." Er schmunzelte, doch ich war mir nicht sicher, ob die Worte wirklich so scherzhaft gemeint waren. Ich schluckte kurz und starrte ihm nach. Innerlich hatte ich gerade endlich einen Entschluss gefasst. Ich wollte nicht einen Tag länger mit seinem Ungetüm von Tocher verbringen, ich wollte endlich aus diesem fremden Land raus und ich wollte auch die immer beinahe körperlich schmerzenden Blicke der Hibernianer nicht mehr sehen. Es machte mich krank, verfolgte mich sogar in meinen Träumen. Und wenn es nur eine Möglichkeit war, um all dem ein Ende zu setzen...
    "Ah...Eure Hoheit?" er blieb stehen und sah mich fragend an. "Mh?" ich holte tief Luft, trat zu ihm und beugte langsam das unverletzte Bein. Keena verfolgte mein Tun mit großen Augen und ich hörte, wie sie leise ein paar Worte mit Brakalu wechselte. Ich beachtete die beiden nicht. "Eure Hoheit," sagte ich mit fester Stimme, "ich habe mich entschieden."
    "Ah? und was genau meinst du, mein Kind?"
    "Ich habe meine Meinung geändert. Ich werde für Euch nach Murdaigean reisen."

    "Keena, nun warte doch mal..."
    "Lass mich bloß in Ruhe!"
    "Wollen wir nicht wenigsten versuchen, drüber zu reden?"
    "Hau bloß ab."
    Ich ballte die Fäuste und lief hinter meiner Freundin her. Hätte ich gewusst, was meine wenigen Worte für eine Wirkung auf alle Beteiligten haben würden- ich hätte den König um eine persönliche und geheime Audienz gebeten. Mikata sah aus, als hätte ich ihr einen kalten Eimer Wasser über den Kopf geschüttet, der König freute sich wie ein Kind und war gleichermaßen völlig überrascht, Brakalu zeigte nicht direkt Anzeichen von Unmut, aber so etwas wie Enttäuschung, was mich insgeheim doch traf. Aber Keena... ihre Haltung war erschlafft, der gerade noch über meinen Triumph vorherrschende Stolz verpufft- als hätte ich mich plötzlich umgedreht und ihr eine Klinge in den Leib gerammt. Diese stumme Anklage war zuviel für mich und ich konnte ihrem durchdringenden Blick nicht länger standhalten. Wir brauchten nicht einmal eine Wache, die uns zurückbrachte. Keena hatte sich wortlos umgedreht und war in Richtung Gefängnishütte zurückgestürmt. Sehr viel gefasster, aber hoch aufgerichtet und noch unnahmbarer als sonst, war ihr der Nekromant gefolgt. Ich war allein mit Mikata und ihrem Vater. Doch auch die Prinzessin verließ uns nach wenigen Augenblicken. Was sie dachte, konnte ich nicht erraten, sie schien zwar sehr erstaunt, aber merkwürdigerweise nicht mehr zornig zu sein. Warm lächelnd hatte mir der König die Hände auf die Schutern gelegt. "Das war eine gute Entscheidung, mein Kind. Du wirst es nicht bereuen und du glaubst gar nicht, wie unendlich erleichtert ich bin. Aber geh erst einmal deinen Freunden nach, besonders die junge Valkyn scheint ein wenig...aufgebracht zu sein. Vielleicht kannst du sie umstimmen, glaub mir, es wird euch nicht schaden. Und...geh zu Rhee, lass dein Bein behandeln." Ich hätte am liebsten gelacht...Keena umzustimmen, war schon schwierig genug, wenn sie nicht gerade eine Höllenwut auf mich hatte. Doch ich hatte nicht wiedersprochen, sondern nur sachte genickt und mich mit einem kleinen Knicks zurückgezogen. Das strahlende Lächeln des Königs hatte ich noch vor Augen, als ich eine halbe Stunde später die Hütte betrat. Nun stand ich -mein Bein war mit einem straffen Verband versehen worden und der Schmerz war schon fast erträglich- mit dem Rücken zur Tür, verschränkte die Arme vor der Brust und sah Keena zu, die wie ein gefangenes Tier in dem kleinen Raum auf- und abging. "Was ist denn so schlimm daran? ich habe keine Lust mehr, hier gefangen zu sein und mich zu fühlen, als hätte ich wer-weiß-was verbrochen!" Brakalu sah mich mit leicht schräg gehaltenem Kopf an und schwieg, nur ein ganz kleines, höhnisches Lächeln kräuselte seine Lippen. Ich warf ihm einen wütenden Blick zu und wandte mich dann wieder an Keena. "Hörst du mir überhaupt zu?"
    "Oh, sicher..."
    "Würdest du dann auch deinen Sarkasmus ausstellen und vernünftig mit mir reden?" sie warf ihre blonde Mähne in den Nacken und funkelte mich zornig an. "Vernünftig? das sagst ausgerechnet du?" fragte sie mit leiser, bebender Stimme. "Gut, reden wir, wenn du meine Meinung dazu unbedingt hören willst!" mit zwei schnellen Schritten war sie bei mir, baute sich vor mir auf und brachte ihr Gesicht ganz nahe an meines. "Dann hör mir jetzt mal zu, Llienne Asmundsdottier. Zuerst einmal bist du ein verdammtes Weichei. Wenn mal nicht alles glattläuft, bist du am heulen." Ich zuckte zusammen, sagte aber nichts, sondern erwiderte ihren Blick trotzig. "Dann bist du auch noch so heuchlerisch, dass mir schlecht wird. Von wegen 'ich sterbe eher, als mich Hibernia zu verkaufen'. Das war wieder mal nichts als saudummes Geschwätz. Du hast dich gerade verkauft, meine Liebe, und das auf verdammt billige Weise...hast deine Meinung geändert, dass ich nicht lache. Und nun bist du beleidigt und fühlst dich getreten, noch etwas, das ich an dir nicht leiden kann- du beharrst immer auf die Meinung der anderen, aber wenn du sie hörst, wirst du zum Kleinkind." Ich startete einen schwachen Versuch, mich zu verteidigen: "Das musst du gerade sagen..." harsch fiel sie mir ins Wort: "Und dann kommt sowas, du versuchst, es auf andere abzuwälzen. Aber ich habe keine Lust, mich für diese Idioten zu biegen und zu brechen. Bitte, du kannst es gern machen, aber lass mich damit einfach in Ruhe. Das wars von meiner Seite, ganz so, wie du wolltest. Zufrieden?" ich spürte einen dicken Klumpen im Hals und meine Augen brannten. Langsam drehte ich mich zu dem Inconnu um. "Und, hast du auch noch was dazu zu sagen?" fragte ich. Er zuckte mit den Achseln: "Ich glaube, dass sie Rrecht hat."
    Da drehte ich mich um und floh.
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  6. #21

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    Ich stürmte aus der Hütte und rannte beinahe die beiden Kelten über den Haufen, die gerade in diesem Moment zurückkehrten, um ihre Wache wieder einzunehmen. "Heya," entfuhr es dem Älteren überrascht. "Wo willst du hin?" der Jüngere griff reflexartig nach meinem Arm, doch ich schlug seine Hand beiseite und humpelte weiter, so schnell ich das mit meinem malträtierten Bein konnte. Dass ich dabei zielsicher auf das Wäldchen mit dem Grab Des Beschwörers zusteuerte, merkte ich nicht einmal. Ich stolperte weiter, und heiße, salzige Tränen brannten hinter meinen Lidern. Ich fühlte mich schäbig und miserabel und hätte sich Der Beschwörer jetzt auf mich gestürzt, um statt Zaphykel mich zu erdrosseln- ich hätte mich wahrscheinlich nicht gewehrt. Doch der Untote hatte kein Interesse an mir. Er warf mir nur einen kurzen Blick aus seinen seelenlosen, kalten Augen zu und schlurfte dann, von seinen Skeletten begleitet, auf das Seeufer zu. Meine Lippen zitterten und ich sah ihm einen Moment nach- auf bizarre Weise erinnerte mich sein Verhalten an Keena und den Inconnu: Auch sie schienen jegliches Interesse an mir verloren zu haben und kehrten mir den Rücken. Ich schluchzte auf und rutschte an dem Grabstein herab. Was sollte ich denn tun? ich war eben nicht so willensstark und zäh wie Keena, ich besaß nicht die kühle, eiserne Gelassenheit von Brakalu- hatte ich überhaupt irgendwelche herausragenden Eigenschaften?
    "Ja, du hast ein gutes Herz," sagte eine leise Stimme und vor Schreck setzte mein Herzschlag einen Moment aus. Ich blinzelte und blickte in Zaphykels Gesicht und benötigte einen Augenblick, um zu begreifen, dass ich die letzte Frage laut ausgesprochen hatte. Schnell wischte ich mir über die Augen und stemmte mich mühsam hoch, wobei ich mein verletztes Bein nach Möglichkeit zu schonen suchte und Zaphykels hilfreich ausgestreckte Hand ignorierte. "Was willst du?" fragte ich ruppig.
    "Ich habe gesehen, dass du hierher gelaufen bist und habe den Wächtern gesagt, sie sollen dich in Ruhe lassen."
    "Danke."
    Wir schwiegen einen Moment und Zaphykel warf mir -so dachte er wohl- unauffällige Seitenblicke zu. Ich war verlegen, trauig und wütend und versuchte, mich in einen patzigen Ton zu retten. "Was ist denn?" raunzte ich. "Ja, ich hab geheult, man sieht's." Zaphykel murmelte irgend etwas und wurde leicht rot um die Nasenspitze, doch ich dachte nicht daran, einzulenken. "Willst du mir jetzt auch noch sagen, was für ein verweichlichtes Kindchen ich bin? spar dir das bitte, ich weiß es selbst." Doch der Elf schüttelte sachte den Kopf. "Ich bin gekommen, um dich zu warnen." Ich stockte, und sah ihn misstrauisch an. "Warnen? wovor?" sein Blick wurde eindringlich, als er mir fest in die Augen sah. "Der König hat seine Gründe, keine Leute mehr nach Murdaigean zu schicken, weißt du?"
    "Nein, weiß ich nicht."
    Zaphykel ließ sich durch meinen unverschämten Tonfall nicht reizen. Stattdessen huschte ein kurzer Schatten über sein Gesicht. "Geh nicht, Llienne," sagte er leise. "Es ist so...seit Monaten ist keiner, der dort Erkundungen durchführen wollte, zurück gekehrt. Es tauchen keine Leichen auf, aber die Betroffenen werden nie gefunden. Geh nicht!" ich ließ mir einen Moment Zeit, um seine Worte in mich einwirken zu lassen. Dass mir dabei eine kurze Gänsehaut den Rücken hinunterkroch, konnte ich nicht bestreiten. "Aber...wurde denn keine größere Truppe losgeschickt? sicherlich kann eine gut ausgerüstete Gruppe mehr ausrichten als ein oder zwei Personen...?" fragte ich, wobei sich meine Stimme unwillentlich ein wenig senkte. Der Elf schüttelte betrübt den Kopf. "Auch das haben wir versucht. Der König hat acht seiner besten Männer losgeschickt, erfahrene Kämpfer und perfekt aufeinander eingespielt. Ob sie jemals in Murdaigean angekommen sind, weiß niemand- auch sie gelten als verschollen." Ich verstand nicht, worauf er wirklich hinauswollte. "Und warum glaubt er, dass ausgerechnet ich ihm dann helfen kann?" da lachte Zaphykel, und es klang bitter. "Oh Llienne, sei doch nicht so naiv. Das meinte ich, als ich sagte, du hättest ein gutes Herz. Du hast einen Inconnu gerettet, du hast mich gerettet und nun glaubst du sogar das, was dieser durchtriebene alte Mann dir da auftischt." Ich starrte ihn sprachlos an, und er fuhr grimmig fort: "Selbstverständlich bist du keineswegs besser geeignet als irgend einer unserer voll ausgebildeten Krieger, die überdies in Hibernia zu Hause sind, wobei du und die anderen zwei hier als Fremde nicht einmal die Geheimnisse des Innenlandes kennen. Der König hat lediglich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, doch das gesamte Geheimnis von diesem Posten entdecken zu können. Nur will er dafür nicht noch mehr wertvolle Kämpfer opfern. Deswegen wollte er dich und deine Freunde benutzen." Ich schnappte nach Luft. "Das..."
    "...das ist die Wahrheit, glaub mir. Ihr seid nicht die ersten Gefangenen, die er dafür vorschickt. Es waren schon mehrmals Midgarder und Albioner hier. Ich habe mich am Anfang immer um sie gekümmert, daher kann ich auch eure Sprache so gut. Ich versichere dir, dieser Mann liebt sein Land, aber er geht dafür über Leichen. Und denk doch mal nach...was kann man besser verschmerzen...eine junge, nocht nicht einmal fertig ausgebildete Fremde aus einem feindlichen Reich oder Helden aus den eigenen Reihen?"
    Ich hörte ihm aufmerksam zu. Natürlich hatte ich keinen Grund, seine Worte in Frage zu stellen. Im Gegenteil, ich glaubte ihm, und ich hatte sogar das Gefühl, dass es der junge Beschwörer ehrlich mit mir meinte. "Zaphykel, eins noch..."
    "Ja?"
    Ich musterte ihn prüfend. "Warum erzählst du mir das? ist das nicht schon fast Verrat?" er zuckte unbehaglich mit den Schultern. "Vielleicht. Aber ich war dir eh noch was schuldig. Du hast mir ein wertvolles Familienerbstück zurückgebracht und mich sogar gerettet. Irgendwann werden wir quitt sein." Ich lächelte leicht und spürte wie ein Teil der schweren Last, die auf meinem Herzen lag, verschwand. "Ich danke dir. Aber...ich werde trotzdem gehen. Je früher, desto besser." Zaphykel sah mich fassungslos an. "Aber...warum? und wenn auch du nie wieder zurückkehrst? wenn du stirbst?!"
    "Das lass mal meine Sorge sein."
    Wir schwiegen eine Weile und jeder hing seinen Gedanken nach. Ich fuhr mir seufzend durch die Haare und suchte einen Moment verwirrt nach meinen fast taillenlangen Zöpfen, ehe mir wieder einfiel, dass sie dank Mikata nun wohl immer noch im von unserem Kampf und den aufgebrachten Zuschauern zertretenen Gras herumlagen. Als meine Gedanken auf diesem Umweg zu der Lurikeen huschten, kam auch das Misstrauen wieder zurück. Ich erinnerte mich gut an ihren Ausbruch und die offensichtliche Eifersucht. Warum also hatte sie eben, als ich bezüglich Murdaigean endlich meine Entscheidung gefällt hatte, so gar keine Regung gezeigt? das war mehr als seltsam. Zaphykel streckte sich, und stieß sich von dem Grabstein ab. Die Sonne ging unter und tauchte die Umgebung in warmes, goldrotes Licht. Ich trat an dem Elfen vorbei und ging zum Seeufer. Die leichten Wellen plätscherten friedlich und in einiger Entfernung konnte ich Land entdecken, wobei ich mir nicht sicher war, ob es sich dabei um eine Insel oder noch Teile vom Festland handelte. "Eigentlich," murmelte ich und steckte die Nase in den kaum vorhandenen Wind, "eigentlich ist es wirklich schön hier. Da vergisst man glatt, dass wir eigentlich Feinde sein sollten." Ich drehte mich um und betrachtete Zaphykel versonnen. Dieser verschränkte die Arme vor der Brust. "Ich hasse Krieg," sagte er zögernd, "und es gibt genug hier, die genauso denken wie ich. Du darfst nicht alle Hibernianer nach Leuten wie Mikata, den Wächtern oder diesen Schaulustigen von vorhin beurteilen!" ich musste leicht lächeln. "Das tue ich auch nicht," meinte ich. "Aber was die Prinzessin angeht...am ersten Tag sah es so aus, als hätte sie viel für dich übrig." Der Elf grinste schief und trat an meine Seite. "Das hat sie für jeden, der sie ausreichend für ihren Mut und ihre Stärke bewundert. Damit will ich nicht sagen, dass sie von Grund auf schlecht ist. Nein...es ist vielmehr, dass ihr als Prinzessin alles zufliegt und es niemand wagen würde, ihr beispielsweise wirklich eine Niederlage beizubringen, so wie du heute."
    "Dann macht sie sich ja selbst was vor!"
    Der Elf schüttelte den Kopf. "Sie weiß selbst, dass die meisten nur vor ihr das Knie beugen, um nicht bei ihrem Vater in Ungnade zu fallen. Der König liebt seine Tochter wirklich, aber er sieht selbst nicht ein, dass er ihr keinen Gefallen damit tut, wenn er ständig seine Hand über sie hält. Eigentlich kann sie einem doch fast leid tun, oder?" vielleicht mochte Zaphykel recht haben, und wenn ich auch wusste, dass Mikata vielleicht wirklich nicht die gesamte Schuld an dem trug, was aus ihr geworden war- ich konnte für sie kein Mitgefühl aufbringen. "Das sah heute nicht so aus, als würde ich ihr auch leid tun," meine ich spitz und strich über mein verletztes Bein. Zaphykel seufzte. "Nein. Aber lassen wir das fürs Erste ruhen. Vielmehr interessiert mich, warum du nun trotzdem noch nach Murdaigean willst. Hör zu," seine Augen blitzten vor Aufregung, "ich könnte es sicher irgendwie arrangieren, dass ihr drei doch noch nach Hause kommt. Irgendwie bringe ich euch nach Druim Cain, denn unsere Portalfestung Druim Ligen ist tatsächlich unüberwindbar. Lady Glasny würde sich eher von den Zinnen stürzen, als Fremden ihre Kräfte zur Verfügung zu stellen. Irgendwie muss es..." ich schnitt seinem Redefluss mit einer leichten Handbewegung das Wort ab. "Zaphykel, bitte. Ich weiß deine Hilfsbereitschaft zu schätzen, wirklich. Aber ich will es sogar. Ich will nach Murdaigean und sehen, was dort los ist. Nicht für deinen König. Für mich. Du verstehst das vielleicht nicht..." er fuhr mir erregt ins Wort: "Nein, tue ich nicht! du setzt da womöglich dein Leben aufs Spiel," "...aber es ist so. Ich freue mich, dass ich dich hier kennen gelernt habe." Ich zögerte kurz und fuhr dann sachte lächelnd fort: "Und ich bin froh, dass du zu deinem Erbstück gekommen bist, auch wenn ich das Letzte war, was dein Vater gesehen hat, und nicht du. Ich werde jetzt wohl besser gehen. Hoffentlich sieht man sich wieder, Zaphykel. Bitte kümmere dich in der Zwischenzeit um Keena und Brakalu. Wenn ich versage, werden die beiden nicht nach Murdaigean reisen." Ich drehte mich um und er hielt mich mit scharfer Stimme zurück: "Llienne!"
    "Ja?" ich wandte noch einmal den Kopf. Der Elf sah mich ernst an. "Pass auf dich auf." Ich nickte. "Das werde ich." Und damit wandte ich mich endgültig um.
    Mein Ziel war Tir na nOgh, und ich erreichte es, ohne aufgehalten zu werden. Um die Hütte, in der sich Keena und Brakalu wohl noch immer aufhielten, machte ich einen etwas übertriebenen Bogen. Zwar konnte ich ein schlechtes Gewissen nicht leugnen -sollte ich mich wirklich ohne jede Form des Abschieds davonmachen?- aber wahrscheinlich wollten sie mich gar nicht sehen. So senkte ich nur den Kopf und beschleunigte meine Schritte, bis ich den kleinen Hügel erklommen hatte und Mag Mell damit aus meinem Blickfeld entschwand. Zu meiner Überraschung standen am Tor nicht die schwer bewaffneten Wächter- sondern der König und ein mir unbekannter Elf. Ich runzelte verwundert die Stirn und trat langsam näher. Als ich vor dem alten Lurikeen stand, bekam ich einen schmerzhaften Stich und spürte einen kurzen Schwall von Wut, der jedoch rasch abflaute. Zaphykels besorgte Worte klangen mir noch in den Ohren nach, doch ich ließ mir nichts anmerken, sondern machte einen höflichen Knicks vor dem alten Mann, ehe ich auch seinem Begleiter einen kurzen Blick aus dem Augenwinkel zuwarf. Ich war seltsamerweise nicht erstaunt, als ich sah, dass der Elf noch recht jung war- ich schätze ihn auf anfang zwanzig. Aber wollte denn der König keine seiner Männer mehr nach Murdaigean schicken? ein leises Räuspern lenkte meine Aufmerksamkeit wieder zu dem Lurikeen, der mich jetzt leicht anlächelte. "Ich habe mir überlegt, dass es unverantwortlich wäre, dich allein loszuschicken, wo dir doch deine Begleiter offenbar nicht beistehen wollen. Darf ich bekannt machen? Athriliath, diese junge Dame ist Llienne, von der du zweifellos schon gehört hast. Llienne, das ist Athriliath. Er wird mit dir reisen und dir nach Möglichkeit beistehen." Der Elf lächelte mich sachte an und tat eine kleine Verbeugung, worauf ich meine Verlegenheit niederstreckte und nun auch vor ihm einen Knicks machte. Der König lachte leise. "Wie ich sehe, versteht ihr euch. Na, das ist erfreulich und für euch beide nur von Vorteil. Wenn ihr dort irgendwelchen Gefahren begegnet, müsst ihr unbedingt zusammenhalten. Wann gedenkt ihr aufzubrechen?" er sah zwischen uns beiden hin und her, und als ich ratlos schwieg, sagte Athriliath: "Warum nicht schon morgen, Eure Majestät? je früher wir diesem Geheimnis auf die Spur kommen, desto besser. Oder was meinst du, Llienne?" er lächelte mich leicht an und ich beeilte mich, ihm zuzustimmen. "Ja, das denke ich auch." Der König klatschte in die Hände. "Sehr gut, sehr gut. Nun, dann schlage ich vor, ihr macht euch reisefertig. Ich habe viel zu tun, morgen früh reist ein Botschafter Albions an. Wir wollen über einen eventuellen Friedenspakt diskutieren und dafür brauche ich jetzt erst einmal meine Ruhe..." seine Worte verloren sich im Gemurmel, als er durch das Tor ins Innere der Festung zurückschritt und uns dabei offenbar völlig vergessen hatte. Athriliath sah ihm mit leicht schief gelegtem Kopf nach. "Frieden zwischen Albion und Hibernia? oje, jeder weiß doch, wie solche Konferenzen wieder ausgehen," meinte er schmunzelnd. Ich runzelte die Stirn, war aber zu befangen, um offen nachzufragen. Der Elf sah mich einen Moment an, ehe er leise lachte. "Prinzessin Mikata wird zum Wirbelsturm und der König...hmmm. Es müssen jedes mal neue Trinkgefäße und Bilder herangeschafft werden, seine Majestät lässt an diesen Dingen nur zu gern seine Wut aus." Er blinzelte, und ich musste lachen. "Dann will ich nicht hier sein, wenn das passiert," sagte ich, meine Scheu Stück für Stück verlierend. Athriliath knuffte mich freundlich in die Seite. "Ich auch nicht, dann doch lieber Murdaigean. Wie sieht es aus, möchtest du mir helfen, ein paar Sachen zusammenzupacken?" er grinste gequält und deutete auf seinen linken Arm. "Ich habe bei schweren Lasten manchmal ein paar Probleme." Ich sah ihn erstaunt an, doch es erschien mir unhöflich, nachzufragen oder seine Bitte abzuschlagen. So stimmte ich zu und folgte ihm ins Burginnere. Während wir uns durch die mir mittlerweile recht vertraut gewordenen Gassen schlängelten, nahm ich mir die Freiheit, meinen künftigen Kampfgefährten ein wenig genauer zu betrachten. Was mir in meiner Nervosität eben entgangen war, fiel mir nun auf: Der Elf war hübsch, zwar nicht gerade dem Schönheitsideal einer vollblütigen Nordfrau entsprechend, aber doch mehr als ansehnlich mit seiner schlanken, geschmeidigen Gestalt, den typisch langen, schneeweißen Haaren und den hellblauen Augen. Doch bei letzteren blieb mein Blick haften. Das linke Auge des Elfen wirkte irgendwie trüb und leer, und ich brauchte einen Moment, ehe ich begriff, dass Athriliath auf diesem Auge blind war. Einen Moment lang hielt ich den Zipfel eines vollen Gedankens in der Hand, schien zu begreifen, wieso der König mir ausgerechnet diesen Mann als Begleiter mitgegeben hatte. Doch ehe ich mir wirklich sicher sein konnte, entglitt mir der Gedanke wieder. Und erst jetzt bemerkte ich, dass ich Athriliath anstarrte. Verlegen senkte ich den Blick, doch der junge Elf schien mir nicht böse zu sein. "Ist etwas?" fragte er freundlich. "Nein, ich fragte mich gerade nur, wie du...Ihr..."
    "Bleib beim 'du'," unterbrach er mich gut gelaunt.
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  7. #22

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    "Gut, also...nun, ich fragte mich...wie das mit deinem Auge passiert ist," sagte ich schüchtern. Er seufzte halblaut. "Ah, ja...das ist noch ein Überbleibsel eines Kampfes in Thidranki." Ich sah ihn groß an, und er lächelte leicht. "Ich habe vor einigen Jahren eine Ausbildung als Champion begonnen. Nun, ich dachte damals, ich sei schon stark und erfahren genug, um mich in Thidranki zu beweisen. Da habe ich mich wohl überschätzt. Wir kämpften gegen eine Gruppe
    von Albionern und leichtfertig und überheblich, wie ich damals war, setzte ich mich einfach ab und erkundete das Ufer der albionischen Festung, während meine Gefährten an einer Brücke ihre Kräfte sammelten."
    "Und dann?" fragte ich atemlos. Ich liebte Kampfgeschichten. Athriliath massierte sich den linken Arm. "Die Festung war schon in Sichtweite und mein Herz hämmerte vor Kampfeslust. Doch ich hatte kaum das andere Ufer überquert, da stürzte sich ein Sarazene aus dem Schatten und griff mich an." Er schloss kurz die Augen, als ihn die Erinnerung übermannte. "Er war sehr viel stärker als ich und seine Waffen waren vergiftet. Bei seinem ersten Hieb spritzen einige Tropfen dieses Giftes auf mein Gesicht und zerstörten mein linkes Augenlicht. Ich dachte, ich werde wahnsinnig vor Schmerz, doch es war nichts gegen das Gefühl, als sich zweimal kalter, giftiger Stahl in meinen Arm bohrten und tatsächlich einen Teil des Knochens splittern ließen." Er schwieg einen Moment nachdenklich. "Das Ende war dann sehr unrühmlich. Ich ergriff wankend die Flucht und schrie um Hilfe, während der Sarazene sich davonmachte. Er wusste wohl, dass meine Gefährten in der Nähe waren und wollte keinen offenen Kampf riskieren. Hätte ich mich noch weiter von der Gruppe entfernt, wäre ich zweifellos tot." Ich senkte beschämt den Blick. "Das tut mir leid," murmelte ich. Er winkte ab. "Nein, nein, ich habe damals prompt die Strafe für meine Vermessenheit bezahlt. Ich war der Jüngste meiner Gruppe und hatte doch das größte Mundwerk. Dass sowas nicht gesund ist, wollte ich zu dem Zeitpunkt nicht glauben. Tja, ich wurde rasch eines besseren belehrt." Mittlerweile waren wir in einer steinernen Halle angelangt, von der aus viele Türen in verschiedene Gänge und neue Zimmer führten. Ein paar junge Elfenchampions unterhielten sich hier und warfen uns nur flüchtige Blicke zu. Lediglich einer klappte das Buch, was er gerade gelesen hatte, zu und grinste spöttisch. "Sieh mal einer an. Athriliath hat endlich wieder einen Auftrag bekommen. Und was für einen- er darf für eine fremde Barbarin Kindermädchen spielen. Eine große Aufgabe für einen Krüppel!" Athriliath fuhr sichtlich zusammen, doch ehe ich den Mund aufmachen konnte, ergriff er mich am Arm und zog mich auf einen der Gänge zu. "Lass ihn," sagte er leise. "Er hat für jeden eine dumme Bemerkung übrig. Am ehesten hört er auf, wenn man ihn gar nicht beachtet." Ich warf einen kurzen Blick über die Schulter zurück. Der Elf warf seinen braunen Zopf in den Nacken, schnaubte noch einmal verächtlich und widmete sich wieder seinem Buch. "So ein Idiot," knurrte ich. Athriliath lächelte leicht. "Ja, das ist er. Komm, wir sind da." Er öffnete eine schmucklose Eichentür und bedeutete mir, einzutreten. Das tat ich, und sah mich interessiert um. Der Raum war recht groß, und hell und freundlich eingerichtet. Auf dem Boden lagen weiß-grau gesprenkelte Felle, aufwendig gestickte Wandteppiche fielen mir ins Auge, und es gab mehrere Vasen mit angenehm duftenden Blumen. "Hübsch hast du es hier," sagte ich. Er lächelte sachte. "Wenn du möchtest, kannst du heute Nacht hier schlafen. Ich habe gehört, du hast dich mit deinen Freunden gestritten?" ich seufzte leise und trat an das einzige Fenster, das es gab. Es war doppelt so groß wie die Fenster, die ich gewohnt war, und das Glas war orange und gelb eingefärbt, was ein sanftes Licht und den Eindruck eines immerwährenden Sonnenuntergangs schuf. Die Sonne selbst war inzwischen gänzlich verschwunden und hinterließ nur einen roten Horizont, den ich vom Fenster aus erkennen konnte: Es war das entfernte Seeufer am Beschwörerwald. "Na ja, der Inconnu ist nicht wirklich mein Freund," antwortete ich mit einiger Verspätung. "Ich weiß selbst nicht, wieso ich darauf bestanden habe, ihn mitzunehmen. Und Keena..." ich seufzte erneut. "Ich bewundere sie sehr und habe das Gefühl, dass sie mir in allem überlegen ist. Aber zugleich werde ich nicht schlau aus ihr, und ständig hat sie nur Spott für mich über." Hinter mir öffnete Athriliath einen großen, weißen Holzschrank und hantierte darin herum. "Dein großer Tag wird kommen," sagte er. "Warum deine Freundin so handelt, weiß ich nicht. Aber sicher wirst du der Welt eines Tages zeigen, wer und was du bist." Ich drehte mich zu ihm herum und lächelte leicht. "Vielleicht. Wobei kann ich dir helfen?" leise ächzend förderte Athriliath einen großen, schweren Holzschild aus den Tiefen des Schrankes zutage. "Ich bin kein Musterbeispiel an Sorgfalt. Dieses gute Stück muss dringend gereinigt und geprüft werden, ich weiß beim besten Willen nicht, ob es einem gut geführten Schwertstoß überhaupt nocht standhält. Es ist ja auch schon Jahre her, dass ich kämpfen musste." Die Last war für den Elfen nicht leicht zu tragen, das sah ich auf den ersten Blick. Und wenn die Aussicht, einen fremden Schild von altem Schmutz zu befreien, mich sonst auch nicht gerade begeistert hätte- bei Athriliath machte es mir seltsamerweise nichts aus. Bereitwillig trat ich auf ihn zu und nahm im den Schild ab, der sich wirklich als recht schwer erwies. Athriliath seufzte auf. "Es ist schon ein Kreuz mit mir...ich bin eigentlich kaum noch zu etwas nütze. Und ausgerechnet ich, ein Krüppel, soll dir in Murdaigean beistehen." Missmutig ließ er sich in die Hocke sinken und griff nach einem schmucklosen Langschwert. Versonnen betrachtete ich seinen Rücken und strich über den Schild. "Red doch nicht so. Wir werden das Ding schon schaukeln. Und...ich bin froh, dass du mitkommst," fügte ich nach einem kurzen Moment schüchtern hinzu. Der Elf hob kurz den Kopf und lächelte ein wenig überrascht. "Im Ernst?" ich nickte. Athriliath wollte etwas erwidern, doch in dem Moment erklang hinter mir ein scharfes Klirren und irgendwas schlug auf dem Fußboden auf. Geistesgegenwärtig hatte der junge Champion mich nach vorn gerissen, die Arme um mich gelegt und sich in der gleichen Bewegung gedreht, wodurch die Splitter meinen ungeschützten Rücken verfehlten. Erschrocken schnappte ich nach Luft und wand mich aus seinem Griff. "Was war das? bist du verletzt?"
    Athriliath, der in eine leichte Kettenrüstung gehüllt war, schüttelte beruhigend den Kopf und wandte sich um. Auf dem Boden lag ein kleiner Stein, um den ein Stück Pergament gebunden war. "Scheint, als hätte hier jemand keine Lust gehabt, seine Nachricht persönlich bei uns vorbei zu bringen," meinte er trocken und hob das Geschoss mit spitzen Fingern auf. Ich war einen traurigen Blick zum Fenster. "Das schöne Glas..."
    "...ist, im Gegensatz zu deinem Körper, leicht ersetzbar. Mach dir nichts draus." Er lächelte zögernd und ich errötete sachte. "Was steht denn da?" fragte ich, um den mir peinlichen Moment zu überbrücken. Athriliath faltete das Blatt auseinander, öffnete den Mund und stockte. Verwundert runzelte er die Stirn. "Was, zum Teufel...ich kann es nicht lesen!" ich streckte die Hand aus. "Darf ich mal bitte?" wortlos reichte er mir die Nachricht. Meine Augen wurden groß, denn im Gegensatz zu Athriliath konnte ich die Zeilen sehr wohl lesen- sie waren in meiner Muttersprache geschrieben. Die Handschrift war sauber und hübsch anzusehen, höchstwahrscheinlich stammte der Text von einer Frau. Athriliath sah mich mit wachsender Verwirrung an, und ich las laut vor:

    Hör zu, Kindfrau!
    Wir werden es nur jetzt und einmal tun, also sieh dich vor! Komm nicht nach Murdaigean, bleib in Hibernia oder geh in dein Reich zurück, aber wage es nicht, einen Fuß nach Murdaigean zu setzen. Du bist gewarnt worden, Kindfrau. Tust du diese Warnung leichtfertig ab und kommst doch, so wirst du sterben. Und dein Freund, der Krüppel, ebenso. Vergiss das nicht!

    Ich sah Athriliath an, meine Hand schloss sich fest um den Brief. "Das ist alles." Der Elf war eine Spur blasser geworden und biss sich auf die Unterlippe. "Das klang...nicht nett," sagte er gepresst. "Hast du eine Ahnung, wer das geschrieben haben könnte?" ich schüttelte den Kopf. Nein, die hatte ich beim besten Willen nicht. Wer hätte schon einen Grund, mir einen solchen Brief zu schicken? und wer verstand sich auf die midländische Schrift? ich war ratlos. Plötzlich sagte der Elf: "Da, auf der Rückseite, steht noch ein Wort...ist das ein Name?" ich drehte das Blatt- und hatte das Gefühl, als schlüge mir jemand eine unsichtbare Faust in den Magen. Das Wort, das dort stand, war tatsächlich ein Name: Keena.
    "Ist etwas?" fragte Athriliath besorgt. "Du bist kreidebleich!" ich war fast im Begriff, die Nachricht zusammen zu knüllen, doch ich riss mich im letzten Moment zusammen und holte tief Luft. "Athriliath, bitte warte hier oder pack schonmal deine Sachen zusammen. Ich...ich habe noch etwas zu erledigen." Er sah mich neugierig an. "Soll ich mitkommen?" irgendwie schaffte ich es, ein etwas verkniffenes Lächeln auf meine Lippen zu zaubern. "Nein, bitte...pack einfach deine Sachen. Ich werd mich beeilen." Ich nickte ihm nur kurz zu, wartete seine Antwort nicht ab und verließ schnellen Schrittes das Zimmer. Während ich durch den Gang und die Halle ins Freie trat, zwang ich mich zur Ruhe und überdachte das eben Erlebte mit nüchterner Vernunft. Keena würde mir kaum einen so drohenden Brief schicken, dazu hatte sie nun gar keinen Grund. Und wenn es sich dabei auch um einen Scherz handelte- diese Art Humor passte nicht zu der Valkyn. Ich konnte Tir na nOgh ungehindert verlassen und steuerte, den Brief fest in der Hand, auf Mag Mell zu. Die beiden Wächter, auf deren Kommentare ich mich innerlich schon vorbereitet hatte, sah ich nirgendwo. Na, umso besser. Leise trat ich ein und brauchte einen Moment, um meine Augen an das schummrige Licht zu gewöhnen. Keena und Brakalu lagen auf ihrem Lager aus Kissen und Decken und schienen zu schlafen. Ich sah abschätzend auf die beiden hinunter, ehe ich mich behutsam neben Keena kniete und sie leicht, aber nachdrücklich an der Schulter rüttelte. "Keena, wach auf. Ich muss mit dir sprechen." Meine Bemühungen wurden von einem unwilligen Brummen begleitet, doch darauf nahm ich keine Rücksicht, sondern schüttelte sie fester. "Wach auf, es ist wichtig!" sagte ich ärgerlich. Endlich öffnete sie die Augen, blinzelte und sah mich an. "Llienne?"
    "So ist es."
    Noch immer verschlafen, stütze sie sich auf die Ellenbögen auf und musterte mich nicht sehr freundlich. "Ich dachte, du bist gar nicht mehr hier." Ich ignorierte ihre Worte, sondern hielt ihr den Zettel vor die Nase. "Kennst du das?" sie verstummte, kniff die Augen zusammen und las stumm die im Halbdunkel kaum erkennbaren Zeilen. "Was...?" murmelte sie verwirrt. Ich schwieg und sah sie nur abwartend an. Keena schüttelte den Kopf und stand auf. "Ich hab keine Ahnung, von wem dieser Brief stammt. Ich habe ihn nicht geschrieben."
    "Nein?"
    *Feder und Tintenfass reich*

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  8. #23

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    "Nein, verdammt. Traust du mir sowas wirklich zu? dass ich dich töten will?" sie lachte halb spöttisch, halb ungläubig. "Ich bitte dich!" ich zuckte die Achseln und stieß einen Stoßseufzer aus. "Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich glauben soll," sagte ich beinahe kläglich. "Aber wer wars dann? ich kenne hier niemanden, der unserer Sprache mächtig ist." Keena zwirbelte eine goldfarbene Sträne um den linken Zeigefinger. Durch die Wimpern hindurch warf sie mir einen scheelen Blick zu. "Wie wär es mit diesem Elfen? Zaphykel?" ich schüttelte beinahe automatisch den Kopf. "Ausgeschlossen, das würde er nicht tun.Guck mich nicht so an, ich bin mir sicher. Wir haben...recht viel miteinander gesprochen. Er hat sogar das Gefühl, als wäre er mir was schuldig. Außerdem sieht das nach einer Frauenhandschrift aus." Keena fuhr fort, ihre Haarsträhne zu zwirbeln und grinste leicht. "Na ja, bei ihm würd ich nicht drauf wetten, dass er wirklich 'n Kerl ist..." ich sah sie ärgerlich an. "Das ist überhaupt nicht komisch. Da hat mir jemand mit Mord gedroht, falls du es schon vergessen hast." Ihre Miene wurde schlagartig ernst. "Entschuldige." Plötzlich runzelte sie die Stirn und sah mich prüfend an. "Sag mal...wer ist eigentlich 'Dein Freund, der Krüppel'?" ich merkte, wie mir die Röte in die Wangen stieg. Gleich würden wieder böse Worte fallen, ich ahnte es schon. "Das...ist der Begleiter, den mir der König mitgegeben hat...nach Murdaigean, du weißt schon," antwortete ich unbehaglich. Und gleich darauf übermannte mich wieder das Gefühl, als müsse ich mich vor meiner Freundin rechtfertigen: "Du wolltest ja nicht." Sie zuckte bloß die Achseln. "Darüber haben wir ja schon gesprochen und du kennst meine Meinung. Und nur, weil ich dich jetzt nicht niedermache, habe ich nach wie vor eine Riesenwut auf dich oder besser deine Feigheit." Ich starrte sie an, während sich nebst Betroffenheit auch Zorn in mir breit machte. "Und was willst du stattdessen machen? dein restliches Leben in dieser Hütte eingesperrt sein? das ist für mich kein Trotz," ich verzog das Gesicht, "sondern die Feigheit, die du mir so gerne anhängst. Damit tust du nämlich rein gar nichts, um endlich hier rauszukommen. Na ja, deine Sache. Ich gehe jetzt. Grüß Brakalu, wenn er aufwacht."
    "Ich bin schon wach." Der Inconnu hatte sich still aufgesetzt und unserem kurzen Streitgespräch aufmerksam gelauscht. "Ich gebe sowas ungerrn zu...aberr ich glaube, ich habe heute Nachmittag nicht nachgedacht." Keena verdrehte die Augen, doch ich drehte mich stirnrunzelnd zu dem kleinen Nekromanten um. "Was meinst du?" er zuckte sachte die Achseln. "Du hast eben gut gesprrochen. Entschuldige meine Verrachtung." Diese knappen, beinahe kühlen Worte beglückten mich auf eigentümliche Weise und ich musterte ihn nachdenklich, während sich ein leichtes Lächeln auf meine Lippen stahl. "Ist schon in Ordnung. Bitte, das richtet sich jetzt an euch beide...wollt ihr nicht doch mitkommen?" meine Stimme klang weder bockig, noch flehend. "Wir sind zu dritt hier reingeraten, wollen wir nicht auch zu dritt einen Weg hinaus finden?" Keena öffnete den Mund und schloss ihn wieder, Brakalu betrachtete mich nur aus seinen unergründlichen, pupillenlosen Augen. "Ich will nicht allein gehen," gestand ich schließlich. "Nicht nur aus Feigheit..." ich warf Keena einen kurzen Blick zu, "...sondern weil es mir unerträglich wäre wenn ich sterbe und nicht weiß, was mit euch passiert, oder einen Weg nach Hause finde und das in dem Wissen, dass ihr immer noch hier seid." Keena gab sich einen sichtlichen Ruck. Doch gerade, als sie den Mund öffnen wollte, unterbrach sie eine barsche Stimme: "Komm jetzt endlich, Barbarin. Du wirst allein mit diesem Jämmerling gehen, die beiden da hatten ihre Chance." Mikata, natürlich. Langsam drehte ich mich um und musterte die Lurikeen voller Abneigung. "Am ersten Tag hat Euer Vater noch uns allen das Angebot gemacht, nach Murdaigean zu reisen," sagte ich steif. "Und jetzt wären die beiden eventuell bereit, darauf einzugehen. Warum also soll ich alleine gehen?" es kostete mich alle Mühe, meinen Tonfall ruhig klingen zu lassen und sämtliche Aggressivität aus meiner Stimme zu verbannen. Doch ich hätte in der Zwischenzeit eigentlich lernen müssen, dass ich es der Prinzessin niemals recht machen konnte. So erwiderte sie schneidend: "Ich bin mir durchaus bewusst, was mein Vater am ersten Tag gesagt hat, Teuerste. Doch das war, wie du schon treffend bemerkt hast, am ersten Tag. In der Zwischenzeit hat sich seine Meinung geändert. Pech für die beiden, sie hätten eher zusagen können. Also komm!" sie packte meinen Arm. Ich rührte mich nicht und starrte die Kleinere an. "Ich will mit dem König sprechen!" ihr Griff verstärkte sich und wurde schmerzhaft. "Du wirst mit mir kommen, du unverschämtes Weib!" fauchte sie. "Mein Vater ist in einer Besprechung mit einem albionischen Botschafter." Ein boshaftes Funkeln trat in ihre Augen, als sie Brakalu, der sich stocksteif aufgerichtet hatte, einen verächtlichen Blick zuwarf. "Mach dir keine Hoffnungen, Fischkopf. Dieser Idiot weiß nichtmal, dass du hier bist. Ich glaube, sie haben nur kurz über deinen tragischen Tod auf dem Schlachtfeld gesprochen. Und mehr muss der gute Mann ja auch nicht erfahren." Während der Inconnu sichtbar erschlaffte, spürte ich, wie der nur papierdünne Mantel meiner Selbstbeherrschung zu zerreißen drohte. Ich hatte meine Begleiter beinahe so weit gehabt. Wir hätten uns versöhnt, ausgesprochen, wären zusammen nach Murdaigean gereist und danach zusammen in unsere Heimat gegangen. Und nun kam dieses unerträgliche kleine Scheusal und machte binnen weniger Sekunden alles zunichte. Der Frust von Monaten, Wut und Enttäuschung ließen sich nicht länger zähmen. "Du...!" knurrte ich. Sie hob den Kopf- um nur noch meine geballte Faust zu sehen, die ihr zielsicher entgegen eilte. Vor Schmerz aufheulend, hielt sich die Prinzessin mit beiden Händen die Nase und taumelte ein Stück zurück. Ich setzte ihr nach und gab ihr einen kräftigen Tritt gegen das Knie, der sie zu Fall brachte. " Halt bloß die Klappe!" raunte ich drohend. Sie zuckte vor unterdrücktem Schmerz, aus ihrer Nase rann ein feiner Blutstrom. "Keena, hast du irgendwas, um sie zu knebeln?" fragte ich über die Schulter. Eilig zog das Katzenmädchen einen feinen Seidenbezug von einem der Kissen und reichte ihn mir. Ich packte das Stoffstück und riss mit den Zähnen einen unregelmäßigen Streifen heraus. Ehe sich die Lurikeen versah, war sie schon geknebelt und mit den Händen auf dem Rücken gefesselt. Das würde zwar nicht lange halten -ich hatte Mikatas Kräfte schon mehr als einmal unterschätzt- aber vielleicht gerade so lange, um uns einen nötigen Vorsprung zu verschaffen. "Haff hirft fu 'eheuen," brachte die Lurikeen durch den hinderlichen Knebel mühsam hervor. Ihre Augen tränten vor Schmerz und Zorn. Ich sah mitleidlos auf sie hinab. "Du bist nicht gerade in der Position, um mir zu drohen, weißt du?" Keena und Brakalu gingen an ihr vorbei, und Letzterer schenkte der Liegenden ein nie gesehenes, höhnisches Lächeln. Mikata wand sich wie ein Aal auf dem Trockenen. "Hamit 'ommt ihr nisch 'urch," röchelte sie, während sich ihr Gesicht vor Anstrengung rot verfärbte. Keena grinste. "Ich versteh dich so schlecht, was hast du gesagt?" durch das Stoffstück drang ein gotteslästerlicher, halb erstickter Fluch. Ich schüttelte den Kopf, obwohl ich den Genuss dieses Anblicks durchaus noch eine ganze Weile lang ertragen hätte. "Machen wir, dass wir wegkommen. Wenn sie uns erwischen, sind wir fällig." Und ich war ziemlich sicher, dass sie uns erwischen würden, wenn wir noch lange hier herumtrödelten. Die Folgen meines Tuns malte ich mir lieber nicht aus. Hätte ich Mikata in einem fairen Zweikampf niedergestreckt, hätte der König vielleicht noch Verständnis aufbringen können. Doch dies war eine ganz und gar ehrenlose Tat gewesen, noch unritterlicher als der vermeintliche Trainingskampf vor Tir na nOgh. "Tja," sagte Keena plötzlich. "Nun bleibt uns gar nichts anderes übrig, als mitzukommen. Wenn die Herren Wächter das hier sehen, werden sie uns den Schädel einschlagen." Ich musste gegen meinen Willen erleichtert lächeln. "Wir gehen zu dritt?" Keena nickte. "Ich denke, wir gehen zu dritt." Sie warf Brakalu, der sich noch immer am Anblick der Lurikeen waidete, einen fragenden Blick zu. Ohne den Blick abzuwenden, stimmte er zu: "Wirr gehen zu drritt."

    Unser Abenteuer hätte ein rasches, unrühmliches Ende genommen, wäre es jemand anderes als Zaphykel gewesen, der uns nach wenigen Schritten einholte. Er wirkte beinahe niedergeschlagen und räusperte sich leise. Wir fuhren herum und Keena machte schon Anstalten, sich auf den Elfen zu stürzen, doch ich hielt sie rasch zurück. "Zaphykel," sagte ich stirnrunzelnd. "Was willst du?" er trat langsam näher und musterte uns mit, so schien es mir, einem Hauch von Furcht. "Ich habe eben meine Prinzessin gefunden," sagte er leise. Keenas Gesicht blieb ausdruckslos und Brakalu zog die Brauen zusammen. Ich erwiderte seinen Blick ruhig. "Und nun? willst du uns aufhalten? tu uns beiden den Gefallen und versuch es nicht, Zaphykel. Für deine Hilfe bin ich dir dankbar und will nicht gegen dich kämpfen."
    "Ich habe auch nicht vor, gegen dich zu kämpfen, Llienne."
    "Sondern?"
    Er ließ kraftlos die Arme hängen. "Ich...denke, wir sind nun quitt." Fragend runzelte ich die Stirn. Neben mir scharrte Keena ungeduldig mit dem Fuß, und der Elf sagte beinahe wütend: "Ich habe nochmals gegen meinen König gearbeitet und ihm erzählt, ihr wärt Richtung Tir na mBeo geflohen. Da suchen sie euch nun. Haltet euch an diese Straße, dann kommt ihr in eine Ortschaft namens Ardee. Dahinter fließt ein Fluss, dem folgt ihr, bis ihr eine große Brücke seht. Haltet euch dort verborgen und wartet, bis Athriliath zu euch stößt. Ich denke, er wird Waffen für euch haben." Blass und mit einem Flackern in den Augen, drehte er sich um. Das Ausmaß seines Handels sickerte erst jetzt nach und nach in mein Bewusstsein. Das war reiner, gewollter Verrat gewesen. Für uns, besser für mich, eine Fremde, von der er glaubte, er sei ihr noch etwas schuldig. Impulsiv trat ich von hinten an ihn heran und legte kurz die Arme um ihn, ohne mich um sein Zusammenzucken zu kümmern. "Danke," flüsterte ich ihm ins spitze Ohr. "Ich werde nicht vergessen, was du für uns getan hast. Und ich werde zu Bragi beten, dass er seine Hand über dich hält, bis die Sache vergessen ist." Zaphykel ließ meine Umarmung einen Moment lang geschehen und lächelte ungläubig. "Eine Midgarderin bittet ihren Gott, über mich zu wachen. Du bist ein seltsames Mä...eine seltsame Frau," verbesserte er sich und streifte meine Arme sanft, aber bestimmt ab. "Viel Glück. Ich hoffe, ihr findet, was ihr sucht." Der Elf wandte noch einmal den Kopf, sah uns kurz an und entschwand dann einfach in die Dunkelheit. Ich blieb einige Sekunden stehen, straffte mich und drehte mich dann um. "Ich schätze...wir sollten diese Brücke suchen, oder?" Keena nickte leicht. "Ja. Llienne...?"
    "Hm?"
    "Kann es sein, dass du heulst?"
    Ich schenkte ihr ein trockenes Lächeln und stapfte los, den Blick trotzig nach vorn gerichtet.

    Gemäß Zaphykels Anweisungen folgten wir der Straße und stießen bald auf die von ihm genannte Stadt. Ardee war klein und beschaulich, es gab nur wenige Häuser und hinter jedem Fenster flackerte ein Licht. Draußen war niemand zu sehen. "Schnell jetzt," zischte Keena. "Wir müssen unser Glück ja nicht heausfordern." Ich nickte stumm und wir schlugen einen großzügigen Bogen um die Siedlung, ehe wir im Laufschritt wieder die Straße ansteuerten. "Was glaubst du, warum hat er das gemacht?" fragte Keena, nachdem wir eine ganze Zeit lang geschwiegen hatten. Ich hob den Kopf und sah sie stirnrunzelnd an. "Was?" sie warf einen kurzen Blick über die Schulter um sich davon zu überzeugen, dass wir immer noch nicht verfolgt wurden. "Warum riskiert er seinen Hals, um uns diese Flucht zu ermöglichen? wenn sie ihn kriegen, wird er in ernste Schwierigkeiten geraten." Ich nickte leicht. "Das wird er wohl. Und frag mich nicht, warum er das Riskio freiwillig in Kauf genommen hat. Vermutlich glaubte er, mir wegen dieser Geschichte mit seinem Erbstück immer noch etwas zu schulden." Keena rümpfte die Nase. "Elfen." Darauf erwiderte ich nichts. Wir setzten unseren Weg -oder besser unsere Flucht- schweigend fort. Bald hörten wir die Geräusche eines Flusses und ich glaubte, in der Ferne bereits die Brücke zu sehen. Plötztlich blieb Keena stehen, so ruckartig, dass Brakalu ihr fast in den Rücken gerannt wäre. Er knurrte unwillig, doch die Valkyn hob rasch die Hand. "Still!" wir gehorchten impulsiv, und das Katzenmädchen ließ sich auf die Knie sinken und legte das rechte Ohr an den Erdboden. So lauschte sie kurz und sprang dann in einer einzigen Bewegung auf die Füße. "Sie kommen," verkündete sie düster. "Und sie haben schnelle Pferde." Ich starrte sie an, packte den kurzbeinigen Inconnu am Arm und rannte unverzüglich los. Hatte man es bis eben noch nicht so bezeichnen können, so war es nun offensichtlich, dass wir wie die Hasen flüchteten. Wir rannten, so schnell wie wir konnten, wobei Keena immer wieder gehetzte Blicke über die Schulter warf und uns zu größerer Eile antrieb. "Tempo, sie sind bald da!" Brakalu grummelte irgend etwas, das ich nicht verstand, doch ich spürte, dass seine Kräfte bereits schwanden und zerrte ihn energisch hinter mir her, auf dass er beinahe das Gleichgewicht verlor. Es wurde ein wahres Wettrennen gegen die Zeit, und wir gewannen es buchstäblich um Haaresbreite: "Da ist die Brücke," rief Keena gedämpft. Ohne groß zu überlegen, sprang sie mit einem kraftvollen Hechtsprung ins Wasser, und ich folgte ihr, wobei ich den stolpernden Inconnu einfach hinter mir herzog. Wir drückten uns in der Dunkelheit gegen den mit feuchtem Moos bewachsenen breiten Pfeiler und hielten den Atem an. Lange brauchten wir nicht zu warten, denn kaum drei Sekunden später näherte sich der Trommelwirbel wilden Hufschlages und unsere Verfolger waren genau über unseren Köpfen. Sie zügelten die schnaubenden Pferde und eine Männerstimme sagte: "Das ist unmöglich, ich war mir sicher, sie eben gesehen zu haben." Ein weiterer Spreche gesellte sich dazu. "Aber sie können sich schlecht in Luft aufgelöst haben!" eine wütende Frauenstimme, die ich nur allzu gut kannte, fuhr den beiden ins Wort: "Dann sucht sie, verdammt noch mal. Und bringt sie mir lebend, vor allem diese nordländische Schlampe! los, eilt euch!" ein vierter Hibernianer mischte sich ein, und ich konnte beinahe hören, wie er Mikata beschwichtigend die Hand auf den Arm legte. "Regt Euch nicht auf, Herrin, wir finden sie schon. Soll ich hier bleiben und Wache halten, falls sie doch noch hier vorbei kommen?" Mikata fauchte eine Zusage und gab dann den Befehl zum Weiterreiten. Die Reiter preschten über die Brücke und der Hufschlag wurde leise, bis er schließlich ganz verebbte. Noch immer wagten wir es nicht, uns zu rühren. Keena drehte mir den Kopf zu und flüsterte beinahe lautlos: "Mit einem sollten wir fertig werden. Bist du bereit?" ich nickte wortlos und sah fragend den Inconnu an. Zu meinem Schrecken hatte er in vollem Konzentrationsaufwand die Augen geschlossen, murmelte stumme Worte und hatte die Arme leicht erhoben. Zwischen seinen Fingern glühte ein unirdisches, blaues Licht- das man in der beinahe völligen Finsternis sicher auch oben auf der Brücke sehen musste. Keena handelte so, wie es ihrer Art entsprach: Sie schlug Brakalu nicht gerade sanft auf die Finger und der Nekromant zuckte zusammen, verlor den geistigen Faden und das Leuchten hörte auf. "Bist du noch ganz dicht?" zischte Keena verärgert. Er sah sie trotzig an und in dem Moment sprang der Hibernianer über uns aus dem Sattel. Offenbar misstrauisch geworden, zog er vernehmlich ein Schwert aus der Scheide. "Prima," flüsterte Keena, wobei sie sich alle Mühe gab, sich möglichst leise zu ärgern. "Hast du gut hingekriegt!" Brakalu sah sie trotzig an und Keena wandte sich verächtlich ab, ehe sie mit einem Satz ans Ufer sprang. Ich folgte ihr, nickte ihr kurz zu und wir schwangen uns mit seinem Satz über die steinere Brüstung. Der Reiter -ich konnte ihn wegen der Ganzkörperrüstung und dem dunklen Kapuzenumhang nicht erkennen- war, obwohl er bereits Verdacht geschöpft haben musste, vollkommen überrascht. Keena hatte weder eine Waffe, noch legte sie Hand an den Mann, doch dieser stieß plötzlich einen halb verwirrten, halb schmerzerfüllten Laut aus und sein Pferd tänzelte nervös. "Leg dein Schwert ab," forderte ich und trat drohend auf ihn zu. Der Reiter fing sich wieder und schlug die Kapuze zurück.
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  9. #24

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    Wie zum Schutze hob er die Hände und ich erkannte verblüfft, dass es sich um niemand anderes als Athriliath handelte. "Es ist gut," sagte ich haste und ergriff Keenas Arm. "Er gehört zu uns." Die Valkyn sah den Elfen misstrauisch an. "So?" fragte sie und kniff die Augen zusammen. "Und wer ist das?" ich atmete erleichtert auf und fuhr mir durch die nassen Haare. "Das ist der, auf den wir warten. Wenn ich kurz vorstellen darf," ich nickte in die Richtung des Elfen, "das ist Athriliath. Athriliath, dies sind meine Kameraden, Keena und Brakalu." Der Elf lächelte leicht und neigte den Kopf. Brakalu erwiderte den Gruß stumm, nur Keena rührte sich nicht. Ich stieß sie leicht, aber nachdrücklich in die Seite und räusperte mich, worauf das Katzenmädchen gereizt die Arme hob. "Scheint so, als hast du uns gerade den Hals gerettet," sagte sie unwillig. "Danke." Ich verdrehte die Augen und warf Athriliath einen um Entschuldigung bittenden Blick zu, doch der junge Krieger schien das Benehmen der Valkyn nicht übel zu nehmen. "Zaphykel hat euch gesagt, dass wir uns hier treffen?" erkundigte er sich, während er sich an den gut gefüllten Packtaschen zu schaffen machte. Ich nickte, und nun kam auch die Verwunderung zurück. "Aber wann habt ihr beiden das überhaupt abgemacht? oder war es nur Zufall?" fragte ich, während ich geistesabwesend die silbern schimmernde Axt entgegen nahm, die mir Athriliath reichte. Dieser setzte eine besorgte Miene auf. "Nein, nein, das war durchaus geplant. Teilweise zumindest." Keena griff nach dem mit Runen verzierten Stab, den der Elf vom Sattel löste, und runzelte die Stirn. "Teilweise? was heißt das?" fragte sie ungeduldig, als der andere eine kurze Pause einlegte und tief seufzte. Zum ersten Mal blitzte nun doch so etwas wie Ärger im Gesicht des Elfen auf. "Ihr habt nicht besonders klug gehandelt," sagte er unwirsch. "Wir, also Zaphykel und ich, dachten eigentlich, dass wir Mikata und die Wächter irgendwie ablenken und euch dreien damit eine Möglichkeit geben, in aller Stille zu verschwinden. Danach wären wir euch gefolgt." Er seufzte nochmals und warf mir einen schrägen Blick zu. "Dass ihr die künftige Königin allerdings gleich niederschlagen würdet, konnte keiner von uns vorausahnen." Ich trat verlegen von einen Fuß auf den anderen, doch Keena knurrte nur."Die hat es nicht anders verdient." Athriliath schwieg, doch sein Unmut blieb, während er auch Brakalu einen kunstvoll verzierten Stab reichte. "Und...was ist nun mit Zaphykel?" fragte ich, als der andere keine Anstalten machte, fortzufahren. Athriliath warf mir einen schwer deutbaren Blick zu. "Er ist zurück gegangen und tut vermutlich sehr zerknirscht, weil die Wächter euch trotz seiner standhaften Behauptungen in Tir na mBeo nicht finden werden." Ich sah ihn weiterhin an. "Und was werden sie mit ihm machen, wenn sie rausfinden, dass er...dies alles in die Wege geleitet hat?"
    Darauf antwortete Athriliath nicht.

    Aus dem Tagebuch von Llienne Asmundsdottier, spätere Llienne Havocbringer:

    "...Es gibt wirklich viel, womit ich recht gut umgehen kann. Angst, Wut oder Enttäuschungen, auch wenn ich in diesem Falle schwer enttäuscht wurde und ich mir durch meine Blindheit wohl einen guten Teil selbst zuzuschreiben habe.Aber es ist beinahe nichts schlimmer als die Gewissheit, durch und durch schuldig zu sein. Ich werde die hohen Damen und Herren, die andere für ihre Ziele wie Schachfiguren einsetzen, niemals verstehen. Wie kann man nur auf den unwissenden Schultern anderer bauen und Pläne schmieden, ohne an diese Schultern und den dazugehörigen Menschen zu denken? ist es überhaupt möglich, einen würdigen Empfang in Walhalla zu bekommen, wenn man bis zu seinem Tod Schuldgefühle gehegt hat?..."

    Brakalu warf einen nervösen Blick über die Schulter und versuchte die Dunkelheit mit Blicken zu durchdringen. "Wirr sollten forrt von hierr," sagte er leise. Athriliath nickte, warf mir noch einen kurzen, mitfühlenden Blick zu und schwang sich wieder in den Sattel. "Also hört zu. Ich werde jetzt so tun, als hätte ich euch nicht bemerkt. Überquert die Brücke und haltet euch nach links. Allerdings liegt gleich da vorn der Basar, und wenn jetzt auch eigentlich nicht mehr die Zeit dafür ist, seid trotzdem vorsichtig. Am besten schlagt ihr wieder einen großen Bogen. Wenn ihr richtig gegangen seid, werdet ihr die Portalfestung bald sehen können. Und wartet dann, in Danas Namen! versucht nicht, allein dort hineinzukommen. Verstanden?" eindringlich sah er von einem zum anderen. Wir nickten gehorsam. Als ich jedoch Athriliaths starren, beinahe furchtsamen Blick bemerkte, überlegte ich es mir schlagartig wieder anders. "Aber warum eigentlich? sollten wir gefunden werden, könntest du immer noch so tun, als hättest du uns eingefangen. Keiner würde es merken und wir hätten immer noch eine Chance. Wenn wir Mikata aber allein in die Arme laufen, wird sie uns den Schädel einschlagen." Athriliath lächelte säuerlich. "Ob ich dabei bin oder nicht, macht keinen Unterschied. Du willst nicht wirklich wissen, was sie mit euch vorhat, wenn sie euch in die Finger kriegt, glaub mir." Wenn ich an dieses schreckliche, keifende kleine Biest dachte, wollte ich das vermutlich wirklich nicht. Doch mein Entschluss stand fest und ich griff energisch nach den Zügeln. Athriliath folgte der Bewegung mit den Augen, doch er seufzte nur. "Vermutlich warten sie schon in Druim Ligen, sie sind ja in die Richtung geritten. Eigentlich ist es vollkommen zwecklos." Neben mir schniefte Keena übertrieben laut und betrachtete den Elfen spöttisch, doch ich gebot ihr zu schweigen. "Dann warten wir halt," meinte ich gleichmütig. "Mal sehen, wer mehr Zeit hat. Also, was ist nun?" Athriliath stieg mit einem weiteren Seufzer wieder aus dem Sattel. "Wer mehr Zeit hat, kann ich dir sagen, immerhin befinden wir uns immer noch in Hibernia. Aber du gibst anscheinend niemals auf, wie?" ich grinste. "Doch, ab und an schon. Nur heute nicht." Keena scharrte ungeduldig mit dem Fuß und auch Brakalu warf einen weiteren, argwöhnischen Blick nach hinten. Ich nickte stumm, strich kurz über die Waffe an meiner Seite und ging dann entschlossen vor. "Das Pferd wird nur auffallen," warf Athriliath hinter mir ein. Das mochte wohl stimmen, doch was würde Mikata erst sagen, wenn ihr das Tier ohne einen Reiter über den Weg lief. "Das geht schon," antwortete ich deshalb beiläufig und sah mich misstrauisch um. Der Barsar lag tatsächlich wie ausgestorben da, und wenn es hier überhaupt Wächter gab, so waren sie offenbar ebenfalls an der wilden Jagd auf die 'nordländische Schlampe und ihre Kameraden' beteiligt. Hinter einem marmornen Wachturm, zu dem eine geschwungene, mit Efeu bewachsene Treppe hinaufführte, sah ich einen sanft ansteigenden Hügel sowie einen kleinen Wald. "Wenn wir uns hinter dem Hügel bewegen, können wir einfach an ihnen vorbeischleichen," schlug ich vor und setzte mich sogleich in Bewegung, ohne die Antwort meiner Freunde abzuwarten. Athriliath tätschelte sein unruhig schnaubendes Ross. "Ich weiß nicht so recht," sagte er zweifelnd. "Dort treiben sich gelegentlich finstere Gestalten herum. Alpluachras, Pookhas und sogar den Murgar will man gesehen haben." Ich blieb zwar nicht stehen, verlangsamte meine Schritte aber. "Und was sind das für Viecher?" der Elf sah mich an, als hätte ich etwas unbeschreiblich Dummes gesagt. Doch dann besann er sich wieder. "Ich vergesse ständig, dass ihr immer noch Midgarder seid- und Albioner," fügte er hinzu, als er Brakalus missmutiges Gesicht bemerkte. "Nun, über die eben Genannten gibt es nicht viel zu erzählen. Alpluachras werden von Reisenden manchmal für die guten Geister der Lurikeen gehalten. Sie sind aber alles andere als Heilige." Er rümpfte die Nase. "Verschlagene, kleine Diebe, das sind sie. Außerdem zerstören sie mutwillig die Felder der Bauern oder stiften im Basar Unruhe. Egal, wieviele man erschlägt, sie sind eine wahre Plage und kommen immer wieder." Er fuhr sich durch die Haare und seine Spur nahm einen deutlich nervöseren Ton an. "Und die Pookhas...über die weiß eigentlich keiner wirklich Bescheid. Wir nennen sie nur Pferdedämonen. Sie entführen mit Vorliebe Kinder, die nie wieder gesehen wurden. Und der Murgar ist angeblich ihr König. Tja..." unbehaglich hob Athriliath die Schultern. Lurikeenähnliche Bösewichte und unheimliche Pferdedämonen? das war etwas für mich, zweifellos. Ich klopfte auf den Stiel meiner Axt und pustete mir eine der etwas längeren Haarsträhnen aus dem Gesicht. "Dann sollten wir mal vorbeischauen und ihnen eine Lektion erteilen!" sagte ich mit einem nicht ganz echt wirkenden Grinsen. "Du spinnst," brummte Keena. "Wenn es soweit ist, ziehst du doch eh wieder den Schwanz ein." Ich fuhr herum und wollte ihr über den Mund fahren, als Athriliath erschrocken die Hand hob. "Seid ruhig! ich glaube, Mikata kommt zurück. Das nimmt uns die Entscheidung ab, los, zum Hügel!"
    Und wieder waren wir auf der Flucht. Brakalu seufzte sehr tief, folgte aber widerspruchslos, als wir in Richtung Bäume hetzten. Der Hügel ging doch steiler nach oben als ich gedacht hatte, und ich begann schon kurze Zeit später, keuchend nach Luft zu schnappend. Trotzdem eilte ich an Athriliaths Seite und half ihm, das sich sträubende Pferd ebenfalls vorwärts zu zwingen. Endlich blieb der Elf stehen, dirigierte das noch immer widerspenstige Pferd hinter zwei großgewachsene Tannen und hockte sich hin. Wir folgten seinem Beispiel, hielten den Atem an und lauschten. Wieder dauerte es nur wenige Herzschläge, ehe ein gutes Stück unter uns die Prinzessin samt ihrer Männer vorbei preschte. An der Brücke zügelten sie die Tiere und drehten sich unschlüssig im Kreis. Was sie miteinander besprachen, konnte ich von hier aus nicht verstehen, doch es war leicht zu erraten: Sie fragten sich, wo ihr zurückgebliebener Kamerad war. "Wie dumm sind die eigentlich," flüsterte Keena gedämpft und verfolgte mit ihren gelb leuchtenden Augen das Geschehen. "Ich hätte meine Leute schon längst in Zweiergruppen aufgeteilt und das Gebiet in alle Richtungen absuchen lassen. So verschwenden sie bloß Zeit." Ich sagte nichts, schon allein, weil ich ihr zustimmen musste. Athriliath jedoch grinste düster. "Mal den Teufel lieber nicht an die Wand," riet er gedämpft. Die Reiter konnten wenigstens keine Gedanken lesen und setzten Keenas Vorschlag nicht in die Tat um. Sie blieben noch etwa fünf Minuten an der Brücke, ehe sie diese überquerten und kurz darauf in der Finsternis verschwanden. Für den Fall, dass Mikata es sich anders überlegte und vielleicht doch noch jemanden zurückschickte, warteten wir jedoch noch eine Weile, ehe sich Athriliath langsam erhob. "Ich denke, wir können jetzt weiter," flüsterte er.
    Etwas zupfte mich von hinten an der Schulter.
    "Gut," gab ich ebenso leise zurück, ehe ich unwillig mit dem Arm wedelte. "Hör auf, Keena."
    "Was mach ich denn?"
    "Ach...schon gut."
    Athriliath schmunzelte und stand gänzlich auf. Beruhigend legte er seinem Pferd, das ganz offensichtlich immer unruhiger wurde, die Hand auf die Nüstern und streichelte es sanft. "Ssst, ssst, was ist denn, mein Guter. Ihr beide seid wohl nur froh, wenn ihr euch streiten könnt, hm? zeugt aber von einer guten Freundschaft." Keena verzog das Gesicht, ich grinste- und etwas kniff mir unsanft zwischen die Schulterblätter. "Hörst du jetzt wohl auf?" fauchte ich, fuhr herum und sah nur noch zwei kleine Hände, die mir einen derben Stoß vor die Brust gaben. Einen Moment lang kämpfte ich in einer beinahe komisch anmutenden Pose mit beiden Händen um mein Gleichgewicht, ehe ich einen spitzen Schrei ausstieß und rücklings den Hügel hinunter stürzte. Irrte ich mich, oder verschwand da tatsächlich eine kleine Gestalt unter gedämpften Gekicher und albernen Sprüngen hinter der Hügelspitze?
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  10. #25

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    "Llienne!" schrie Keena erschrocken und setzte mir nach. "Hast du dir was getan?" auch Brakalu und Athriliath stolperten mit verwirrten Gesichtern hinter ihr her. Ich selbst lag laut stöhnend im hohen Gras und versuchte die roten Schleier zu vertreiben, die sich über mein Gesicht legen wollten. Alles drehte sich und ich spürte einen unangenehm kupfernen Geschmack im Mund, offenbar hatte ich mir beim Sturz auch noch auf die Zunge gebissen. Dann kniete die Valkyn neben mir und legte besorgt eine Hand unter meinen Hinterkopf. "Was zur Hölle war das? bist du in Ordnung?" ich wollte nicken, überlegte es mir dann aber anders und versuchte, mich aufzusetzen. Dabei wallte schlagartig Übelkeit in mir auf und würgend drehte ich den Kopf zur Seite. Keena seufzte. "Auch das noch. Ja, sie ist noch ganz," sagte sie über die Schulter, als die beiden anderen hinter sie traten. "Aber offenbar," fügte sie hinzu und strich mir über die Stirn, "hat sie sich eine Gehirnerschütterung eingefangen."
    "Nein," sagte ich matt.
    Keena blinzelte irritiert.
    "Nein, ich bin nicht in Ordnung. Scheiße, ist mir schlecht..."
    Da musste die Valkyn leise lachen und griff mir unter die Achseln. Da ich keine Rüstung trug, konnte sie mich problemlos stützen, obwohl in mir schon wieder der Brechreiz aufstieg. Athriliath schüttelte verwirrt den Kopf. "Was war das? bist du gestolpert?" fragte er, wobei er meinen linken Arm nahm und ihn sich um die Schulter legte. Ich ächzte leise. "Nein, irgendwas hat mich geschubst." Der Elf war Keena einen kurzen Blick zu. "Hast du was gesehen?" sie schüttelte den Kopf und ging langsam wieder den Hügel hinauf. "Nein, aber wir sollten vorsichtig sein. Man lässt sich ja schlecht zum Spaß nach hinten kippen und riskiert ein Loch im Schädel. Wie auch immer, so kann Llienne nicht weiter."
    "Aberr wirr müssen weiterr," warf Brakalu ein. Die Valkyn schenkte ihm einen feindseligen Blick. "Das weiß ich auch," fauchte sie. "Aber sie muss eine Weile ruhen, wenn sie den Mist schon nicht ausliegen kann. Hinter dem Hügel sollten wir wohl sicher sein, und ich pfeif jetzt auf irgendwelche Mikatas oder Alpudingsdas. Kommt!"
    Dass wir uns einige Stunden des Nichtstuns eigentlich überhaupt nicht leisten konnten, waren sowohl Brakalu als auch Athriliath klar. Mir eigentlich ebenfalls, doch ich fühlte mich, als wäre eine Horde Trolle über meinen armen Körper getrampelt. Das Kreuz tat mir weh, mir war nach wie vor speiübel und morgen würde ich eine beachtliche Anzahl blauer Flecken vorzeigen können. Dass ich mir nichts gebrochen hatte, kam einem Wunder gleich. Und als ich an die vielen Steine und harten Baumwurzeln dachte, wurde mir klar, dass das Abenteuer sogar noch ein weitaus schlimmeres Ende hätte nehmen können. Trotzdem war ich dankbar, als ich mit Keenas und Athriliaths Hilfe den Hügel überwunden hatte und mich ins Gras legen durfte. Ich war müde, alles drehte sich und ich war schon in einen sachten Halbdämmer geglitten, als sich der Elf und die Valkyn mit gedämpfter Stimme zu streiten begannen. "Wir können uns kein Feuer erlauben," flüsterte Athriliath ungnädig und verschränkte die Arme vor der Brust. "Das weiß ich auch. Aber es ist kalt und sie wird sich was einfangen, wenn sie die ganze Nacht bewegungslos auf der Erde liegt!" Keena stand auf. "Warte du hier," bestimmte sie. "Ich suche Holz und du passt mit dem Inconnu auf Llienne auf. Bis gleich." Und ohne seine Antwort abzuwarten, verschwand sie auf der anderen Seite des Hügels. Ich sah ihr aus halbgeschlossenen Augen nach, ehe ich den Kopf wandte und Athriliaths Blick suchte. Schließlich merkte dieser, dass ich ihn ansah, und wandte sich mir ebenfalls zu. "Ich dachte, du schläfst schon."
    "Hab ich auch fast." Er wirkte zerknirscht. "Verzeih, wenn wir dich geweckt haben." Ich winkte leicht ab, versuchte mich aufzusetzen und sank ermattet zurück. "Wer oder was auch immer das war, ich dreh ihm den Hals um," murmelte ich. Vorsichtig betastete ich meinen Hinterkopf. Die leise Berührung tat schon weh und ich ertastete den Ansatz einer prächtigen Beule. "Hmmm...Athriliath?"
    "Ja?"
    Ich zog fröstelnd die Beine an den Körper. "Wegen dieser ganzen Geschichte...nun...du musst nicht mit uns kommen, wirklich nicht. Es wird dir nur Ärger einbringen. Du könntest mir auf eine andere Art einen viel größeren Dienst erweisen." Er sah mich aufmerksam an. "So?" ich seufzte leise und schloss kurz die Augen. "Verlass uns und schau nach Zaphykel. Ich kann den Gedanken, dass er wegen uns in Schwierigkeiten gerät, nicht ertragen. Geh und sieh, was du für ihn tun kannst. Würdest du das machen?" er sah bedächtig auf mich herab und spielte mit den Fingern. "Ich habe immer noch einen Befehl, nämlich dich nach Murdaigean zu begleiten." Ich lächelte spöttisch. "Und eben hattest du den Befehl, uns einzufangen. Das ist also kein Argument." Der Elf hob die Schultern. "Stimmt. Aber ich will gar nicht zurück, weißt du? ich tue es nicht nur für meinen König. Und auch nicht allein für dich." Sein gesundes Auge funkelte und er kniff die Lippen zusammen. "Zum guten Teil tue ich es für mich selbst. Frag jetzt nicht weiter, bitte. Lass mich einfach mitkommen, ich werde versuchen, dir kein Hindernis zu sein." Ich riss halb empört, halb erschrocken die Augen auf. "Hab ich doch auch nie behauptet!" der Elf wandte ruckartig den Kopf ab. "Das nicht. Aber der Herr hat dir nicht grundlos einen Mann mitgegeben, auf den er noch gerade verzichten kann."
    "Athriliath, du..."
    "Lass mich, bitte."
    Ich hab ihn verärgert, dachte ich betroffen. Auf jeden Fall einen Punkt berührt, der ihn schmerzt. Dass ich dazu kein Recht hatte und es nur fair war, seinen Wunsch zu respektieren, sah ich ein. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass mich der Elf nicht verstand. Ich hatte ihn nicht eine Sekunde lang als hinderlichen Krüppel empfunden, ich wollte nur nicht, dass jemand meinetwegen ins Unglück stürzte. Und Athriliath forderte dies geradezu heraus. Genau wie Zaphykel. Der Gedanke an ihn ließ mich schlucken. Wie es ihm jetzt wohl gerade erging... mitten in meinen Überlegungen kehrte Keena zurück. Sie trug genug Holz für ein wärmendes Lagerfeuer in den Armen und runzelte die Stirn, als sie mich wach und mit kummervoller Miene vorfand. "Warst du schon wach? oder wurdest du geweckt?" fragte sie und warf Brakalu und dem Elfen einen nicht sehr freundlichen Blick zu.
    Ich beeilte mich, den Kopf zu schütteln- und wurde abermals mit einer Welle von Übelkeit belohnt. "Bin von selbst aufgewacht," sagte ich gepresst und sog die kühle Nachtluft in tiefen Zügen ein, woraufhin der Drang zu würgen wieder nachließ. "Trotzdem wird man uns meilenweit sehen können," sagte Athriliath bedächtig und musterte den Haufen trockener Äste in Keenas Armen. Diese beachtete ihn nicht weiter, lud ihre Last ab und versuchte, das Holz durch heftiges Reiben von zwei Stöckern zum brennen zu bringen. Athriliath seufzte tief, setzte sich in eine bequeme Position und beobachtete ihre erfolglosen Mühen mit leisem Interesse. Keena fluchte gedämpft, als der erste Stock durchbrach und ihren Daumen ritzte. "Verdammt, das Zeug ist staubtrocken, wieso fängt es kein Feuer?!" in dem Moment stand Brakalu urplötzlich auf und starrte mit leerem Gesicht und schlaff herabhängenden Armen scheinbar gebannt Richtung Norden. "Ist was?" fragte Keena alarmiert und verlor schlagartig das Interesse an dem geplanten Lagerfeuer. Der Nekromant antwortete nicht sondern setzte sich mit langsamen, traumähnlichen Schritten in Bewegung, wobei er weiterhin nach Norden starrte, als könne sich dort gleich die Pforte ins Paradies öffnen. "Hallo, hörst du mir zu?" fragte Keena scharf und packte ihn am Arm. Athriliath war ebenfalls aufgestanden und musterte den Inconnu erstaunt. "Was hat er denn?"
    "Ich hab keine Ahnung. Hey, schläfst du?" es gab ein vernehmliches Klatschen, als sie ihn prompt ohrfeigte. Doch auch das schien Brakalu nicht weiter zu beeindrucken, beiläufig schüttelte er Keenas Hand ab und verschwand mit den gleichen, unsicheren Schritten in der Dunkelheit. Keena starrte ihm irritiert nach und schüttelte den Kopf. "Das ist doch..."
    "Hol ihn zurück," bat ich, während ich die vollkommene Finsternis mit Blicken zu durchdringen suchte. "Und wenn möglich, ohne ihn grün und blau zu schlagen." Keena grummelte leise. "Was das ´Blau schlagen` angeht, muss ich nicht mehr viel tun," sagte sie lakonisch und folgte dem Inconnu mit energischen Schritten. "Er ist ein bisschen sonderbar, aber das hab ich auch noch nicht erlebt," sagte ich zu dem noch immer verwirrt dreinblickenden Elfen. Er runzelte die Stirn und ließ sich zögerlich wieder auf seinem Platz nieder. "Wie kommt es überhaupt, dass zwei Midgarder mit einem Albioner herumreisen?" ich erzählte ihm unsere Geschichte in knappen Worten und seine Augen wurden groß. "Sehr edelmütig von dir!"
    "Vermutlich eher ziemlich dumm. Sowas bringe nur ich. Ich weiß nicht, ob ich darauf stolz sein sollte. Und darüber hab ich mit Zaphykel schon ausführlich diskutiert," fügte ich eine Spur lauter hinzu, als Athriliath den Mund öffnete. Er nickte verständnisvoll und im selben Moment wehte ein halb überraschter, halb erschrockener Schrei zu uns hinüber, der schlagartig wieder abbrach. Ich wurde bleich. "Das war Keena," flüsterte ich und setze mich unendlich vorsichtig auf. Athriliath schüttelte energisch den Kopf. "Warte hier und sei leise. Ich schaue nach."
    "Aber ich will nicht..."
    "Du kannst jetzt gar nichts machen. Sei vernünftig, Llienne, ich bin gleich zurück." Keine Widerworte mehr hinnehmend, sprang er auf, packte Schild und Schwert und verschwand mit einem einzigen großen Satz in der Finsternis. Ich war allein. Neben mir knackte etwas und ich drehte nervös den Kopf, konnte jedoch nichts erkennen. Beruhig dich, rief ich mich innerlich selbst zur Ordnung, sei kein solcher Hasenfuß. Lautlos und blitzschnell huschte hinter mir irgend ein Schatten vorbei, der nicht zu einem Strauch oder Baum gehörte. "Keena?" flüsterte ich gedämpft in die Dunkelheit. Hinter mir näherten sich leise, scharrende Schritte. Ich schluckte trocken, mein Herz pochte heftig. "Wenn das ein Scherz von euch sein soll, find ich ihn absolut nicht witzig!" verkündete ich finster -zumindest hoffte ich, dass meine Stimme nicht zitterte- und lauschte abermals.
    "Iiiyyahaha!"
    Ein schrilles, meckerndes Lachen ließ mich vor Schreck ebenfalls aufschreien und eine Sekunde später traff mich etwas Hartes mit voller Wucht am ohnehin schon schmerzenden Hinterkopf. Mein Schrei ging über in ein gequältes Ächzen und dieses Mal konnte ich den Brechreiz nur mit allerletzter Kraft niederringen. "Hiyyahaha!" irgendjemand -oder irgendetwas- wuselte wieselflink auf mich zu und ich riss die Augen auf, während ich vor Schreck wie gelähmt war und mich nicht einmal auf die andere Seite drehen konnte. Ein wütendes, durchdringendes Wiehren übertönte das hysterische Gelächter, ich hörte das Geräusch stampfender Hufe und ein klägliches, eindeutig schmerzhaftes Kreischen. "Hilfe!" brüllte ich, wobei mich die Dunkelheit, die absolut nichts vom Geschehen preisgab, beinahe um den Verstand brachte. Mit einem Mal kehrte wieder Ruhe ein, eine so vollkommene Ruhe, dass ich nichts als mein heftig rasendes Herz und das Rauschen meines Blutes in den Ohren hören konnte. Ich atmete heftig, zog die Beine an den Körper und wagte endlich, den Kopf zu drehen. Ich sah direkt in ein Paar schwarzglänzender, seelenloser Augen und einen winzigen idiotischen Moment lang dachte ich, Brakalu wäre zurückgekommen und hätte den ganzen Aufruhr verursacht. Stattdessen nahm der zu den Augen gehörende Körper rasch eine Form an und ich stellte verwirrt fest, dass es sich um nichts anderes als ein großes, muskulöses Pferd handelte. Ich sah mich irritiert um und hielt nach Athriliaths Reittier Ausschau, doch dies war ebenso verschwunden wie meine drei Gefährten. Das Pferd folgte meiner Bewegung mit dem Kopf, ehe es mich wieder durchdringend anstarrte. Sicher, es war albern, sich von einem gewöhnlichen Pferd aus der Fassung bringen zu lassen, doch irgendetwas an dem Tier versetzte mich in Unruhe. Über was hatte Athriliath noch gleich gesprochen? Pferdedämonen? unter einem Dämon stellte ich mir eigentlich etwas anderes vor. Das Pferd hatte einen herrlichen, rassigen Kopf, glänzend schwarzes Fell, das das spärliche Sternenlicht wiederzuspiegeln schien, und eine volle, leicht gelockte Mähne. Das Einzige, was vielleicht ein wenig dämonisch anmuten mochte, waren die beunruhigenden Augen. Sie hatten nichts mit den irgendwie immer sanft und treu wirkenden Augen der Pferde, die ich kannte, zu tun. Statt dessen schien es mir, als blickte ich in zwei uralte, verstaubte Spiegel. Ich schüttelte nervös den Kopf, versuchte, aufzustehen und verharrte für einen Moment mitten in der Bewegung, als schon wieder ein Feuerwerk glimmernder Punkte vor meinen Augen explodierte. "Geht es dir nicht gut?" fragte das Pferd und verursachte mir damit einen weiteren Beinahe-Herzanfall an diesem Tag. Eine Weile starrte ich das massige Geschöpf nur an, während meine Augen groß wie Murmeln wurden. "W-was...d-du hast...mit mir gesprochen...?" krächzte ich. Das Pferd schnaubte und nickte mit dem Kopf. "Sicher." Ich hatte es endlich geschafft und stand fest auf beiden Beinen. "Aber...das ist..." das Pferd senkte lauernd den Kopf. "Findest du mich komisch?" es scharrte mit den Hufen. "Sag ruhig, wenn du mich komisch findest. Das sagen mir viele Zweibeiner. Das heißt," es unterbrach sich und peitschte kurz mit dem Schweif, "wenn sie mir überhaupt mal was sagen." Dem letzten Satz schwang so etwas wie Bedauern mit, und ich fragte dümmlich -mir fiel einfach nicht ein, wie man am besten mit einem Pferd sprach-: "Du redest nicht oft mit Zweibeinern?" da lachte das Pferd, eine Mischung aus Wiehren und seltsamen Gluckslauten. Es verursachte mir eine Gänsehaut. "He he he, mit Zweibeinern wie euch Menschenwesen nicht, nein. Eher mal mit den kleinen Alpluachras, und meistens geb ich ihnen dann auch gleich einen Tritt in den Hintern."
    "Alpluachras? haben die..." das Pferd nickte bestätigend. "Aye, sie haben dich den Hügel hinunter gestoßen und halten in diesem Moment auch diese drei Zweibeiner gefangen." Ich fuhr zusammen. "Welche Zweibeiner?" fragte ich ahnungsvoll.
    "Och...eine sehr launische Zweibeinerin vom Volk der Valkyn, ein Elf mit einem schlechten Auge und ein höchst wortkarger kleiner Inconnu. Kennst du sie vielleicht?" ich ballte die Fäuste. "Allerdings, das sind meine Gefährten...und meine Freunde. Weißt du, wo sie sind?"
    "Aye."
    "Könntest du mich zu ihnen führen?"
    "Ah, freilich, ja."
    Mit einem Mal machte es mir überhaupt nichts mehr aus, mit einem sprechenden Pferd zu reden. Auch mein Misstrauen war wie weggeblasen. Entschlossen nahm ich die Axt, die ich ins Gras gelegt hatte, wieder an mich. Das Pferd wich ein wenig zurück. "Nimm das weg," zischte es. Ich blickte es erstaunt an. "Was meinst du?"
    *Feder und Tintenfass reich*

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  11. #26

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    "Dieses biestige kleine Eisen. Halt mir das ja vom Leib, es macht mich nervös. Kann sehr weh tun, aye." Ich befestigte die Axt mit verwirrtem Gesicht an meinem Gürtel. "Natürlich. Zeigst du mir jetzt, wo die drei sind?" das pechschwarze Geschöpf grinste. Ich hatte nie zuvor ein Pferd grinsen sehen, und wich nun meinerseits ein wenig zurück, als sich die dicken Lippen zurückschoben und ein für ein Pferd völlig untypisches Gebiss entblößten: scharfe, spitze Reißzähne, die viel eher zu einem Raubtier und Fleischfresser zu gehören schienen. "Ich werde dir die Zweibeiner zeigen. Unter einer klitzekleinen Bedingung." Ich tastete unwillkürlich nach meiner Waffe. "So?" fragte ich argwöhnisch. "Welche wäre das?" das Pferd kam näher, noch immer mit gebleckten Zähnen. "Du musst mich einmal richtig fein kraulen," sagte es gedämpft, als würde es sich schämen, diese Bedingung auszusprechen.
    "Kraulen?!"
    "Aye. Ich hab das so gern und komm mit den Hufen nicht an meinen Rücken, und das ewige Schubbern und Schabbern und Schrubben strengt auf die Dauer sehr an und ich bin doch nicht mehr der Jüngste..." ich konnte nicht anders, ich musste ungläubig grinsen, während ich dem eifrigen Redefluss lauschte. Ich hatte ja mit vielem gerechnet, aber damit nun doch nicht. "Okay, okay," sagte ich. "Ich werde dich kraulen und du führst mich zu meinen Freunden?"
    "Klar."
    "Gut. Wie wäre es, zeigst du mir erst wo sie sind und ich kraule dich dann? wer weiß, was die Alpuadingsdas mit ihnen anstellen." Das Pferd schüttelte wild den Kopf. "Den Trick kenne ich!" rief es. "Und nachher wirst du es ganz urplötzlich vergessen. Ich bin doch nicht blöd." Ich trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. "Ich verspreche...nein ich schwöre dir, dass ich´s nicht vergesse, ja? bitte, nachher tun sie ihnen was an, während wir hier reden." Das Pferd bedachte mich mit einem höchst unzufriedenen Blick und schnaubte. "Also meinetwegen. Aber vergiss es nicht, oder ich beiß dir die Hände ab!" bei den Worten wandte es den Kopf ab und ich konnte seine Augen nicht sehen, doch ich war eh zu aufgeregt, um den beiläufigen Worten eine größere Beachtung zu schenken. "Abgemacht." Das Pferd ließ sich beinahe anmutig auf der Erde nieder und knickte die vorderen Beine ein. "Steig auf meinen Rücken, Menschenmädchen. Das geht schneller." Ich trat zaghaft näher und griff unsicher in die wallende Mähne, das Pferd bockte ungeduldig- und ehe ich mich versah, saß ich auf dem breiten Rücken." "Übrigens," meinte das Tier, während es elegant aufstand. "Du könntest noch ´Danke´ sagen!"
    "Wofür?"
    "Zum Beispiel dafür, dass ich diesen frechen Alpluachra vertrieben hab, der dir ans Leder wollte."
    "Das warst du?"
    "Aye, aye."
    Ich lächelte schüchtern. "Na, dann herzlichen dank nochmals." Das Pferd schnaufte. "Keine Ursache. Bist du startklar?"
    "Bin ich."
    Der mächtige Körper setzte sich in Bewegung und ich versuchte, mich seiner Gangart anzupassen, soweit das ohne Sattel und Zaumzeug möglich war. Erst jetzt merkte ich, wie gigantisch das Pferd war- ich hatte das Gefühl, von einem kleinen Berg auf die Erde zu blicken. Athriliaths Ross musste neben diesem Tier wie ein Fohlen wirken. Und wenn mir jetzt Mikata über den Weg laufen würde... ich grinste gehässig in die Dunkelheit, als das Pferd unter mir wieder sein glucksendes Lachen ausstieß. "Sie würde schreiend davonlaufen, das glaube ich auch." Ich schrak zusammen. "Liest du meine Gedanken?" es schnaubte laut und blieb eine Antwort schuldig. Schon gar nicht mehr so vergnügt, hielt ich mich an der dicken Mähne fest und wünschte mir nichts sehnlicher, als mit Keena schnell wieder nach Midgard zurückkehren zu können. Wohin mich das Riesenpferd trug, konnte ich nicht erkennen, die schattenhaften Ungetüme links und rechts waren zweifellos Bäume und ich spürte vage, dass es bergauf ging. "Ist es noch weit?" fragte ich leise.
    "Nein, nicht mehr weit. Wir sind gleich da. Genaugenommen jetzt. Wenn ich bitten dürfte..." ich ließ mich nicht zweimal bitten, sondern rutschte eilig vom aalglatten Rücken des Tieres hinunter. Der Ritt war alles andere als unbequem gewesen, im Gegenteil, ich hatte selten ein Pferd mit einem so ruhigen, sanften Gang erlebt. Daran lag es auch nicht, viel eher flößte mir das mysteriöse Wesen echtes Unbehagen an, dessen Ursprung ich mir nicht erklären konnte. Unsere Endstation wurde aus einer großen, ovalen Höhle gebildet, die offenbar in den Berghang hineinführte. Links und rechts thronten die Skelette umgestürzer, verdorrter Bäume. "Dort drinnen?" flüsterte ich unsicher. Aus der Tiefe der Höhle flackerte ein schwacher Lichtschein nach oben. "Aye," sagte das Pferd hinter mir. "Geh schon." Mir war immer noch übel, doch dieses Mal lag es nicht allein an meinem schmerzlich dröhnenden Schädel. Ich setzte unsicher einen Fuß vor den anderen. Mein Unbehagen wuchs. "Nun geh schon!" forderte das Pferd und ich hatte das Gefühl, das Grinsen in seiner Stimme förmlich hören zu können. "Du wolltest doch deine Freunde retten, oder? also sei nicht so feige, Menschlein."
    "Ich bin nicht feige," knurrte ich und drehte mich um. Erschrocken zuckte ich zusammen- das Pferd stand kaum eine handbreit hinter mir. "Du traust mir nur nicht?" fragte es spöttisch und zeigte mir wieder sein schreckliches Grinsen. "Das ist auch gut von dir. Du bist ein unhöfliches Menschlein, hast gar nicht nach meinem Namen gefragt. Möchtest du ihn wissen, bevor ich dich esse?" ich erstarrte. "Bevor du mich...was?" das Pferd schnaubte ein paar Mal. "Du hast gelogen, du wolltest mich gar nicht kraulen. Ich habs in deinem Inneren gelesen. Und sowas mag ich nicht. Geh jetzt da runter, oder möchtest du noch einen Schubs?" hinter dem Pferd tauchte eine etwa lurikeengroße Gestalt mir karottenrotem Haar, einem albernen grünen Anzug und einem umso boshafteren Grinsen auf. "Iyahaha," kicherte das Männchen, sprang von einem Fuß auf den anderen und förderte einen Tannenzapfen aus seinen Taschen, den er mir gegen die Brust warf. "Geh runter...sofort!" donnerte das Pferd und schnappte nach meinen Händen. Ängstlich wich ich zurück und stolperte ins Innere der Höhle.

    "Oh Bragi..." ich starrte mit großen Augen auf meine Gefährten. Wie gigantische Bratenstücke waren sie an drei dünne Baumstämme gefesselt worden, Arme und Beine über den Stämmen gefesselt und knapp über der Erde baumelnd. Hinter ihnen prasselte ein offenes Feuer. "Llienne?" fragte Keena und verdrehte den Kopf, um mich ansehen zu können. Ich fuhr wütend zu dem Pferd -das ich mittlerweile doch als Dämon bezeichnen würde- herum und schrie es an: "Warum hast du mich so hereingelegt? wer bist du?" das Pferd gluckste und scharrte mit den Hufen. "Schön, dass du das endlich fragst. Mein Name ist Murgar." Athriliath stöhnte auf, was der Murgar mit einem hämischen Kichern quittierte. "Aye, jetzt habe ich vier köstliche Kinderchen für morgen Mittag. Welch ein Festmahl. Los! bindet sie zu den anderen. Und dann überlegt euch was Feines. Und reichert sie morgen mit Gemüse an!" laut lachend trabte der Murgar zurück zum gewundenen Gang und war alsbald verschwunden. Auf seinen Befhel hin schwärmten fünf Alpluachras in die Höhle und packten mich. "Madame muss sich leider ein Spießchen mit einem anderen Braten teilen, Platz ist rar, Platz ist rar," verkündete der Anführer, ein besonders albernes Exemplar seiner Art. Sie drängelten mich auf Brakalu zu. "Der ist am kleinsten, hängt sie dazu, hängt sie dazu!" und ehe ich mich versah, schwebte ich schon wenige Zentimeter über dem Erdboden und starrte zur Höhlendecke hinauf. "Wir gehen jetzt Gemüse suchen, hihi. Und danach werden wir euch ein bisschen filetieren. Feines Midgardfilet und zarte Albionlendchen für Meister Murgar. Dazu ein paar Pilzchen aus dem Wald..." sie starrten uns gierig an und ich konnte förmlich sehen, wie ihnen das Wasser im Munde zusammenlief. Brakalu zuckte nervös mit den Ohren und das fiel dem Anführer der Alpluachra sogleich auf. "He he he, ob´s der Meister Murgar sehr übel nimmt, wenn wir schonmal vom Fisch kosten?" fragte er und rückte näher, wobei er auf die ausgefrangsten Spitzohren des Nekromanten starrte. Brakalu wurde eine Spur blasser und drehte den Kopf zur Seite. Der Anführer packte ihn beim Kinn und schnüffelte an seinem Ohr. Brakalu sagte nichts, er zitterte nur leicht. "Lasst ihn zufrieden!" fauchte ich. Sofort wirbelte der Alpluachra herum. "Gegen weiche Mädchenschenkel hab ich auch nichts," zischte er und grabschte nach meinem Bein. Ich schmetterte ihm einen wütenden Kriegsschrei entgegen und er prallte zurück, als hätte er sich die Hände verbrannt. "Komm, komm, sei schon vernünftig, gibt Ärger wenn du sie zerschnibbelst," sagte einer seiner Kameraden beschwichtigend und sie packten ihn und zogen ihn trotz seiner Proteste zum Höhleneingang. "Lasst uns fein sammelm gehn!" kurz darauf waren sie verschwunden, nur vereinzeltes, meckerndes Gelächter wehte in die Höhle hinunter. "Danke," sagte Brakalu leise. Ich riss und zerrte an meinen Fesseln. "Selbstredend. Verdammt, wie konnte ich so dumm sein. Ich dachte wirklich, diese kleinen Kröten hätten euch entführt. Es tut mir Leid." Ich sah zerknirscht zur Decke. Keena seufzte nur. "Pech für uns alle, würde ich sagen. Aber woher solltest du das auch wissen. Nun ja. Lieber ende ich als Filet als hier weiterhin auf der Flucht zu sein." Ich dachte fieberhaft nach. Nein, das konnte nach all den Strapazen nicht unser unrühmliches Ende sein. Plötzlich wurde mir meine Axt bewusst, die noch immer an meinem Gürtel hing. Die schienen die kleinen Bestien einfach vergessen zu haben. "Brakalu, kommst du an meine Waffe ran?" zischte ich, während ich zum gewundenen Gang spähte. Der Inconnu seufzte. "Ich kann dich nicht einmal berrührren." Athriliath wandte den Kopf. "Was versucht ihr?" ich riss nochmals an den Fesseln. Sie waren relativ dünn, aber stramm geknotet und pressten sich schmerzhaft in meine Haut. "Was wohl? wir versuchen, uns loszumachen." Der Elf überlegte einen Moment, ehe sich sein Gesicht aufhellte. "In meiner Brusttasche ist ein kleines Messer. Ursprünglich für einen Freund, der als Nachtschatten öfter mal zu ein paar Tagen in einer Zelle verurteilt wurde, nachdem er...nun ja. Keena, kommst du da eventuell ran? ob es noch schneidet, weiß ich nicht, es ist nur ein Glücksbringer." Keena, die Kopf an Kopf mit dem Elfen hing, grinste ironisch. "Wieviel Glück es uns einbringen wird, zeigt sich jetzt wohl. Mach dich mal ein bisschen länger..." der Elf legte den Kopf in den Nacken und beugte den Oberkörper soweit vor, wie er nur konnte. Keena streckte sich, ihre Gelenke knackten, doch es fehlten nur wenige Zentimeter, die sie von der Brusttasche trennten. "Nur noch ein kleines Stück," sagte ich und verfolgte ihre Bemühungen mit bangen Blicken. "Ich brech gleich in der Mitte durch!" versetzte Keena und keuchte leise. Ihr Gesicht war vor Anstrengung verzerrt, doch sie reckte und streckte sich nochmals- und erwischte die Brusttasche des Elfen mit den Zähnen. Es war ein dünnes, weißes Lederwams, das er über der leichten Kettenrüstung trug, nicht sehr fest, aber dennoch ein würdiger Gegner für Keenas wütend zerrende Zähne. Sie riss nach Leibeskräften daran herum und endlich kapitulierte der kleine Zierstein, der das Leder fest zusammen gehalten hatte. Mit dem Griff voran rutschte ihr das Messer entgegen, gefolgt von diversem Plunder wie zwei kleinen Silbermünzen, einer bunt bemalten Vogelkralle und einem winzigen Beutelchen, das stark nach Kräutern duftete. Keena spuckte die unerwünschten Dinge vorsichtig aus, schloss die Zähne um den Messer griff und stemmte sich ächzend nach oben. Rasch begann sie zu schneiden, indem sie den Kopf vor und zurückschob. Das sah sowohl anstrengend als auch lächerlich aus, doch es war unsere einizige Chance. "Beeil dich," zischte ich und warf einen weiteren, nervösen Blick zum Gang. "Hasch 'ut 'eden," nuschelte Keena und säbelte weiter, "hasch isch 'ar 'icht 'o ein'ach." Schließlich schaffte sie es aber doch und landete mit einem dumpfen Plumps auf dem Hintern. Maulend rappelte sich auf, nahm das Messer aus dem Mund und löste in sehr viel kürzerer Zeit Athriliaths Fesseln. Der Elf seufzte erleichtert und rieb sich die Handgelenke, wo die Fesseln weiße Striemen hinterlassen hatten. Nachdem auch Brakalu und ich endlich wieder auf unseren eigenen Füßen standen, sagte ich wütend: "Eigentlich hat dieses Viech einen Denkzettel verdient." Athriliath lächelte nachsichtig. "Du willst den Murgar rausfordern? lass das lieber und versuch es irgendwann einmal. Noch ist er zu stark und würde dich im wahrsten Sinne des Wortes zum Frühstück verspeisen." Ich warf einen finsteren Blick auf das Feuer, in dem wir beinahe gebraten worden wären. "Ich werde wiederkommen. Wenn ich stärker geworden bin." Und das nahm ich mir fest vor. "Los jetzt," sagte Keena. "Ich will hier endlich weg!"
    Eilig sammelten die anderen die Waffen, die dankenswerterweise in der hinteren Ecke standen, auf und hasteten den Gang hinauf. "Vielleicht ist dieser Höllengaul ja so wütend über seine versaute Mahlzeit, dass er die kleinen Knilche statt uns frisst," mutmaßte Keena. Ich stimmte zu, dass sie das durchaus verdient hätten. Während Brakalu sich im Freien einen seiner unvermeidbaren Untoten beschwor, fragte ich Athriliath: "Was ist eigentlich aus deinem Pferd geworden?" das Gesicht des Elfen verdüsterte sich. "Eine kleine Vorspeise hatte dieses Ungeheuer schon."
    "Oh nein..."
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  12. #27

    Standard

    Der Elf hob die Schultern. "Ich kriege ihn noch. Sobald ich euch nach Murdaigean und nach Hause gebracht habe." Brakalus Gestalt schmolz lautlos zu einem körperlosen Schatten zusammen. "Wirr sollten nicht noch längerr hierr herrumstehen," meinte er. Athriliath nickte. "Durchaus richtig. So, nun werden wir endlich nach Druim Ligen gehen. Wir sind zwar ein gutes Stück vom rechten Weg abgekommen, aber ich finde den kürzesten Weg schon. Lasst uns dieses verdammte Rätsel um Murdaigean lösen und dann geht nach Hause."
    Ein roter Schimmer tauchte am Horizont auf- die Sonne würde bald aufgehen. Und plötzlich hatte ich wieder Angst. Warum, wusste ich nicht.

    Wir gingen eine ganze Weile schweigend, wobei wir die Hauptstraße vermieden und uns im Schatten und Schutze der Bäume bewegten. Nachdem die Stille schon eine ganze Weile vorgeherrscht hatte, lachte Athriliath plötzlich leise. Ich sah ihn fragend an und er wandte das Gesicht der Sonne zu und schloss für einen Moment die Augen. "Ehe ich als Champion anfing, war ich sowas wie der jüngste Barde des Reiches. Und natürlich nicht einmal ein anerkannter, denn Elfen wandeln nicht auf diesem Pfad. Ich hatte aber als kleiner Bengel soviel Spaß an Musik und Geschichten, dass sich meine Freunde diese dauernd anhören mussten. Die letzte habe ich ihnen erzählt, da sind wir hier auch entlang gegangen, und wir haben uns damals genauso davongestohlen, wie wir es heute auch tun." Er grinste, als wäre er wieder ein Kind geworden. "Wir hatten in Tir na nOgh Fisch gestohlen, sehr guten und teuren Fisch. Viel mehr wegen einer albernen Mutprobe als aus echtem Hunger. Und das haben unsere Eltern herausgefunden.Wir hatten solche Angst, dass wir uns nicht nach Hause trauten und beschlossen, die Nacht im Schutze der Portalfestung zu verbringen. Auf dem Weg hierher habe ich meine Freunde wieder mit einer Geschichte unterhalten." Er lächelte nostalgisch und ich schloss mich ihm an. Das klang nicht gerade nach dem Athriliath, den ich kennen gelernt hatte. Keena schien das Gespräch nicht sonderlich zu interessieren, sie musterte den Elfen kurz und heftete den Blick dann wieder nach vorn. Brakalu hingegen sah Athriliath aufmerksam an, wie er es immer tat, wenn jemand das Wort ergriff. "Erzähl uns doch jetzt auch eine Geschichte," schlug ich eher scherzhaft vor. Er sah mir ein wenig erstaunt an. "Willst du eine hören?"
    "Öhm...wenn du mich so fragst..."
    "Also dann. Zuerst muss ich zur allgemeinen Verständlichkeit ein wenig über die sogenannten Siabra erzählen. Das ist der Teil unseres Volkes, der sich von Hibernia und dem Licht abgewandt hat und dem Bösen dient. Sie sind verdorbene Elfen und ihre wahre Geschichte kenne ich nicht. Ich erzähle dir lieber meine. Pass auf."
    Und Athriliath begann zu erzählen:

    ...Lange, bevor junge Helden wie Llienne, Brakalu oder Keena für ihr Land und ihre Ehre kämpften, gab es die ALTEN. Von Zwergen, Nordmännern, Kelten, Bretonen und all den jungen Völkern der drei Reiche hatte noch niemand gehört. Sogar die Feindschaft, die Jahrhunderte später für Tränen, Tod und Krieg sorgen sollte, lauerte damals noch in ihren düsteren Ecken und wartete ihren Zeitpunkt ab. Die Bewohner Hibernias -damals nur bestehend aus den Shar und den Elfen- waren gut Freund miteinander. Tatsächlich stand es so, dass die Königin der Shar, ihr Name war Sh'llel und der Elfenkönig Llawlîen im Begriff standen, im Bund miteinander einzugehen und damit den Frieden zwischen Shar und Elfen auf ewig zu sichern. Aber wie Ihr sicher auch wisst, sind Missgunst und Neid der Wurm, der so manchen schönen Apfel zerstören kann. Und in diesem Fall war der Wurm besonders fett und sein Hunger groß...
    "Ich hab gehört, Sh'llel soll eine wahre Schönheit sein," sagte Ranaquél versonnen. Sein bester Freund Sânnas sah ihn verwirrt an. "Eine Shar?"
    "Natürlich. Sie kommt morgen abend mit großem Gefolge zu Besuch. Vater freut sich schon sehr auf ihre Ankunft."
    "Na, du als des Königs Sohn wirst sie ja wohl zu sehen bekommen..."
    "Ich hoffe es." Ranaquél kostete es echte Mühe, seine wahre Erregung zu verbergen. Er hoffte nicht nur, sie zu sehen- er sehnte es mit aller Macht herbei. Es war nämlich so, dass er Sh'llel in seinem Traum gesehen hatte. Sie war tatsächlich eine Schönheit. Gänzlich anders als eine Elfenmaid, aber gerade dieses Exotische ließen sie für den Prinzen geheimnisvoll und begehrenswert werden. Natürlich hatte er niemandem von seinen Träumen erzählt, nicht einmal Sânnas. Es durfte keiner wissen, es war sein Geheimnis, dass seine Träume nicht nur Träume waren, sondern ihm Botschaften -und oft auch Warnungen- schickten, die sich bisher nie als falsch erwiesen hatten. Und was Königin Sh'llel ihm in seinem Traum gezeigt und angeboten hatte, ließ dem Elfen bei der Erinnerung das Blut ins Gesicht schießen. Natürlich war er mit seinen achtzehn Jahren noch kein Erwachsener, aber mit DIESEN Dingen hatte er schon gewisse Erfahrungen sammeln können. Tatsächlich fühlte sich Ranaquél schon so, als teile er mit der Königin die er begehrte -und doch noch nie gesehen hatte- ein glühendes, leidenschaftliches Geheimnis, das keiner Worte bedurfte. Was sie im Traum schon längst waren, würden sie auch alsbald in der realen Welt sein, dessen war er sich ganz sicher.
    "Hey Rana, träumst du?" Sânnas packte spielerisch eine silberne Haarsträhne seines Freundes und zog daran. "Ranaquél?"
    "Hhmmm...?"
    Lachend gab Sânnas ihm einen Schubs. "Ich glaubs nicht, der Prinz persönlich hat sich verliebt!" das riss Ranaquél schlagartig in die Wirklichkeit zurück. "Warum hackst du darauf immer so herum? vielleicht daran, weil Ihr selbst keine abbekommt, Meister Sânnas?" prüfend betrachtete Ranaquél das Gesicht seines blonden Freundes. Dieser beugte sich mit einem neckischen Lächeln vor. "Vielleicht, oh Holde, weil Ihr die Dame meines Herzens seid." Damit küsste er Ranaquél ungestüm auf den Mund und floh lachend, ehe dieser Vergeltung üben konnte. Ranaquél tat nichts dergleichen. Er blieb ruhig sitzen und fuhr sich mürrisch mit dem Ärmel seines teuren Gewandes über die Lippen. Manchmal kostete Sânnas wirklich Kraft... leises Lachen aus dem Hintergrund ließ ihn den Kopf wenden und er rechnete schon fast damit, dass Sânnas in Damenbegleitung -was das anging, genoss er sein Leben in vollen Zügen- zurückkehren würde. Stattdessen sah er vier weibliche junge Shar, die sich ganz offensichtlich einen vergnüglichen Tag machten. Eine knabberte an einem süßen Gebäck, die andere hing ihr lachend eine Kette aus Blumen um den Hals und die anderen beiden unterhielten sich vergnügt. Ranaquél stockte der Atem, als er die Größte unter ihnen erkannte. Es war zweifellos Königin Sh'llel. In dem Wissen, dass dies ganz unmöglich sein musste, stand er auf und sah den jungen Frauen unverblümt entgegen. Doch es bestand kein Zweifel. Diese gleichzeitig erregenden wie beunruhigenden, dunkel purpurnen Augen konnten nur Sh'llel gehörne. Keine Shar teilte diese Augenfarbe, auch das hatte Rana in seinem Traum erfahren.
    "Schaut mal, der hübsche Jüngling dort schaut Euch an, als wolle er Euch mit seinen Blicken verschlingen," bemerkte die Shar, die rechts von Sh'llel stand. Sie schmunzelte nur sachte. "Das scheint wohl so."
    Ranaquél hatte bemerkt, dass er entdeckt worden war. Natürlich, so, wie er dort stand und sie angaffte, konnte es kaum verborgen bleiben. So fiel ihm nichts anderes ein, als scheu zu lächeln, und sein Herz brannte, als die Königin das Lächeln nach einem kurzen Moment des Zögerns erwiderte.
    "Ich glaube, wir gehen uns noch ein wenig in dieser hübschen Stadt umschauen," bemerkte eine der Shar amüsiert und warf ihren Begleiterinnen vielsagende Blicke zu. Diese verstanden, knicksten leicht vor Sh'llel und tänzelten davon. Nun standen sich nur noch die Königin und der Prinz selbst gegenüber.
    Ranaquél spürte, wie es in seiner Kehle trocken klickte. Sie hatte ihre Dienerinnen fortgeschickt, was nur eins bedeuten konnte: sie wollte den Moment mit ihm allein genießen. Seine Scheu überwindend, trat er mit Beinen, die nicht die seinen zu sein schienen, auf sie zu und verneigte sich ungeschickt. "MyLady Sh'llel." Sie sah ihn mit ihren entwaffnenden Augen forschend an. "Woher...?" er konnte den Blick kaum von ihrer Gestalt lösen, selbst nicht begreifend, was ihn so sehr in seinen Bann zog. "Ich habe Euch gesehen," sagte er ehrlich.
    "Ich Euch auch."
    "Nein, das meine ich nicht. Ich habe Euch im Traum gesehen. Uns," verbesserte er nach kurzem Zögern. Sie schlug die Augen nieder und schwieg, und er war sich fast sicher, zu weit gegangen zu sein. "Ich meine, was Ihr meint. Ich habe von uns geträumt. Und ich wusste, dass ich Euch hier finden würde." Sie leckte sich scheinbar nervös über die Lippen und er musste sich beherrschen, nicht die Hand nach ihr auszustrecken. "Möchtet Ihr ein wenig spazieren gehen?" fragte er leise. Ebenso leise erwiderte sie: "Ja, das möchte ich gern."
    Und er führte sie fort von der gerade erst erbauten Stadt namens Mag Mell, hin zum Heiligen Wäldchen, wo in kaum zwei Jahren die ersten Beschwörer ihre Riten zelebrieren würden. Unter ihnen übrigens auch ein zukünftiger Verräter, der einst versuchen würde, einen Elfen namens Zaphykel zu erdrosseln, um daran von einer jungen Fremden aus Midgard gehindert zu werden...
    "Es ist wunderschön hier," bemerkte Sh'llel und sah sich um. Ranaquél hatte irgendwann ihre Hand ergriffen, und beide ließen das geschehen. "Ihr seid wunderschön," erwiderte er leise. Sie wandte den Kopf und sah ihn stumm an. Was ihre Zunge nicht aussprach, las er in ihren Augen: >>Komm, schöner Jüngling. Ich weiß wohl, was du möchtest. Und ich bin gern bereit, es dir zu geben.<<
    "MyLady, ich..." stammelte Ranaquél. Sie legte ihm sanft einen Finger auf die Lippen. "Sagt nichts. Dieser Moment ist für Worte nicht geschaffen." Und während er an den Bändern fingerte, die ihr schlichtes Kleid hielten, und kurz darauf ihren nackten, sonnenbeschienenen Leib vor sich hatte, da musste er ihr recht geben...
    "Ranaquél, du bist heute abend in seltsamer Stimmung. Bedrückt dich etwas, mein Sohn?" Llawlîen sah den Prinzen aufmerksam an. Dieser stocherte lustlos in der Nachtmahlzeit, die er mit seinem Vater zu zweit einzunehmen pflegte. "Darf ich Euch eine Frage stellen, Vater?"
    "Soviele du willst."
    "Hm. Meine verehrte Mutter ist jetzt schon viele Jahre in Danas Schoß."
    "Ja, das ist wahr."
    "Wollt Ihr wieder heiraten?" die Frage traf den König offenbar unvorbereitet, denn er verharrte und stellte den Trinkpokal, den er gerade zum Mund geführt hatte, wieder auf den Tisch. "Wie kommt dir denn dies jetzt in den Sinn?" Ranaquél machte eine fahrige Handbewegung. "Ich weiß es nicht. Es fiel mir nur spontan ein."
    "Hm. Doch, aber du hast recht. Ich werde mir bald wieder eine Gemahlin nehmen. Das Reich braucht eine Königin, und du brauchst eine Mutter." Llawlîen lächelte leicht und nahm nun doch einen Zug aus seinem Becher. Ranaquél erwiderte das Lächeln nicht. "Wer ist es denn?"
    "Die Königin der Shar, Sh'llel lel Rhwin." Ranaquél glaubte für einen Moment, sein Herz würde stehen bleiben. "Oh," machte er nur. Und dann: "Sie ist schon hier, habe ich recht?" Llawlîen sah seinen Sohn höchst erstaunt an. "Bei Dana, wie hast du dies jetzt schon wieder herausgefunden? sie sollte offiziell erst morgen anreisen, aber sie wollte mich überraschen. Das ist ihr gelungen, du hingegen wirkst eher...reserviert. Gefällt sie dir nicht?"
    "Doch, sie ist wunderbar."
    "Was dann? warum bist du so verstimmt?" Llawlîen sah Ranaquél forschend an, und dieser verspürte das dringende Bedürfnis, einen Trinkpokal zu nehmen und an die Wand zu werfen. Weil ich mit ihr geschlafen habe und sie die einzige Frau auf der Welt ist, die ich haben will, hätte er sagen können. Die Worte, begleitet von einem höhnischen Lachen, brannten ihm auf der Zunge und er schluckte sie nur mit Mühe hinunter. "Es ist nichts weiter. Bitte verzeiht, wenn ich Euch die Stimmung verdorben habe. Mich plagt ein leichter Kopfschmerz und ich glaube, ich werde mich zurückziehen." Nach einer kurzen Verbeugung tat er dies auch.
    "Oh Junge, nicht so schnell, macht ein wenig langsamer!"
    "Das geht nicht, MyLady, oder ich zerspringe in tausend Stücke. Ich muss Euch haben. Jetzt." Sie lachte und spreizte bereitwillig die Schenkel.
    Ranaquél ging nicht in seine Kammer. Viel eher brauchte er jetzt Gesellschaft. Er brauchte Sânnas. Obwohl dieser sein bester Freund war, würde er ihm nicht von seinem Geheimnis erzählen, aber es tat gut, dass jemand da war, jemand, bei dessen Anblick ihm nicht speiübel war. Leise schlich er den dunklen Korridor entlang und klopfte leise an Sânnas' Tür. Dahinter waren leises Rascheln und gedämpftes Murmeln zu hören, doch er wurde nicht hineingebeten. Was solls, dachte er grimmig, ich bin der Prinz. Ich darf hinein, wenn ich es nur will. Und so riss er die Tür auf- und glaubte, der Schlag müsse ihn treffen.
    "Ranaquél!" Sânnas sah erschrocken auf und riss die seidene Bettdecke hoch, um seine und Sh'llels Blöße zu bedecken. "Ich..."
    "Sei still."
    "Rana, du...verstehst das falsch..."
    Ranaquél trat langsam näher. "Was gibt es hier bitte nicht zu verstehen?" fragte er tonlos. Sh'llel fand als erste ihre Fassung wieder. Sie zog das seidene Betttuch von ihrem Liebhaber und hüllte ihre schlanke Gestalt darin ein. Der Blick, den sie Sânnas zuwarf, sprach nur Mitleid aus. Ohne ein Wort, die Augen jetzt auf den Boden gerichtet, schwebte sie an Ranaquél vorbei. Sânnas wurde feuerrot und suchte irgendetwas, um seine Blöße zu bedecken. Ranaquéls Blick vermochte er kaum standzuhalten. "Lass das sein," sagte der Prinz leise. Sânnas gehorchte, er seufzte tief. "Ranaquél, nun lass mich erklären..."
    "Ich bin gespannt." Der gefährlich ruhige Ton und das steinerne Gesicht gaben dem armen Sünder den Rest. "Du warst doch auch mit ihr im Bett!" rief er hitzig.
    "Hat sie das gesagt?"
    "Ja."
    "Wie bedauerlich."
    Ranaquél schloss bedächtig die Tür und zog den Dolch, den er immer an den linken Oberschenkel geschnallt trug. "Es tut mir so leid, Sânnas," sagte er und klang dabei so, als meine er dies auch. "Aber das kann einfach nicht...darf nicht...nun, es tut mir leid. Ich liebe dich, Sânnas. Wie einen Bruder und noch mehr."
    "Ranaquél, was tust du?! warte, was machst du? warte...Ranaq...!!"
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  13. #28

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    Der Dolch fuhr herab und ritzte Sânnas' Wange auf, knapp unter dem rechten Auge und bis hin zum Mundwinkel. Ranaquél keuchte leise, Sânnas saß wie erstarrt. Dann wurde ihm bewusst, dass er noch lebte, der Schmerz meledet sich mit reißenden Fängen und der Elf schlug mit einem erstickten Schluchzen, dem wohl eher noch die Fassungslosigkeit des gerade Geschehenen anhaftete, die Hände vor das Gesicht. "Ich will dir was sagen," sagte Ranaquél leise. "Halt den Mund und ich werde auch dich zufriedenlassen. Du bist mein Freund, zumindest glaube ich das. Ich würde dich ungern töten müssen. Hast du das verstanden?" Sânnas sagte nichts, seine Schultern zucken. An diesen packte ihn Ranaquél und schüttelte ihn wie ein Stück Wäsche. "Hast du das verstanden?!"
    "J...ja, hab ich..."
    "Gut." Angewidert ließ Rana seinen Freund los, ehe abermals ein gefährliches Glitzern in seine Augen trat. "Und wenn ich noch einmal sehe, dass du und sie..." beinahe zärtlich ließ er den Dolch über Sânnas' nackte Hüften zu seinem Oberschenkel und über diesen wandern. "Das möchtest du doch sicher nicht, oder?" Sânnas war leichenblass und konnte nur schwach den Kopf schütteln. Und während Ranaquél wortlos das Zimmer verließ, fragte er sich, was für ein Wahnsinn es sein mochte, der scheinbar langsam aber sicher von seinem besten Freund Besitz ergriff.
    Die Königin Sh'llel war in der Zwischenzeit gänzlich anders beschäftigt. Unverzüglich hatte sie das Gemach ihres Zukünftigen aufgesucht und lag nun langgestreckt auf seinem Bett. Sie hatten sich nur ganz kurz vereinigt, Llawlîen wollte durchaus, doch die scheinbar völlig in Gedanken Versunkene unter ihm hatte ihm kaum Beachtung geschenkt und weckte in ihm den Eindruck, als würde sie ihn lediglich aus gelangweilter Großzügigkeit gewähren lassen. Das hatte den König verstimmt und so saß er nun wieder vollständig angekleidet neben ihr und drehte einen Weinkrug zwischen den Händen. Umso erstaunter war er, als Sh'llel plötzlich leise zu weinen begann. "MyLady," sagte er erschrocken und ließ beinahe das kristallene Gefäß fallen, "oh MyLady, was plagt Euch? liegt es an mir? dann bitte ich Euch inständig um..." sie winkte ab, noch immer leise schluchzend. Sie war eine perfekte Schauspielerin. Dann erzählte sie ihm, was ihr widerfahren war.
    Sânnas hatte sich gerade wieder angekleidet und einigermaßen beruhigt, als die Tür zu seinem Gemach aufgerissen wurde. Fast schon rechnete er damit, dass Ranaquél zurückgekommen war und es sich anders überlegt hatte, doch die ungebetenen Gäste stellten sich als Soldaten des Königs heraus. "Sirs?" fragte Sânnas halb beunruhigt, halb verärgert. Sein Vater war ein enger Vertrauter des Königs und genoss allseits Respekt und dieser erstreckte sich normalerweise auch auf Sânnas. Ein solch unhöfliches Benehmen war er nicht gewohnt. "Sânnas mab Gwyllon, wir müssen Euch bitten, uns zu folgen." Der junge Elf sah die Männer verärgert an. "Erstens könnt ihr gefälligst anklopfen, bevor ihr hier so einfach..." die Soldaten ließen ihn nicht aussprechen. "Sânnas mab Gwyllon, im Namen des Königs! Ihr seid verhaftet."
    Ranaquél lag indes in seinem Gemach und versuchte, die Dämonen aus seinem Kopf zu vertreiben. Sânnas war schuld, dass es ihm so schlecht ging, kein Zweifel. Er hatte ihn mit der Frau betrogen, mit der er seinen Vater betrogen hatte. Dieser Gedanke war so abstoßend und sinnfrei, dass der Elf am liebsten die Hände vor das Gesicht geschlagen und haltlos gekichert hätte. Und natürlich würde dieser blonde Bastard es wieder tun, kein Zweifel. Dazu hatte er Sh'llel einfach zu...gierig angesehen. Und Sh'llel? welches Spiel trieb diese wunderschöne schwarze Witwe mit ihm? in dem Moment riss ihn ein empörtes Gezeter von den Korridoren aus seinen Gedanken. Neugierig schwang er die Beine aus dem Bett, öffnete die Tür und spähte hinaus. Dort stand Sânnas und rang mit drei gerüsteten Kriegern, die ihn offenbar gegen seinen Willen mitzuziehen versuchten. "Was geht hier vor?" fragte er gelassen und trat vollends ins Freie. "Ranaquél, du hast gesagt, du lässt mich..." setzte Sânnas an und brach ab, als ihm einer der Männer quer über den Mund schlug. "Für dich ist er Prinz Ranaquél, du schamloser, widerwärtiger Hundesohn!" Sânnas hob den Kopf, von seiner aufgeplatzten Lippe troff Blut. Er starrte Ranaquél an und aus seinem Blick sprachen Verwirrung sowie tiefe Anklage. "Komm jetzt, der König will dich sehen!"
    Ranaquél stand am Fuße der alten Eiche, von dem noch der Rest der abgeschnittenen Schlinge baumelte, an der sie Sânnas noch in der gleichen Nacht aufgeknüpft hatten. Er empfand nichts. Gar nichts. Die Sonne ging auf, langsam und höhnisch tauchte sie den Baum, an dem schon so viele Verräter gebaumelt hatten, in ein rotes Licht. Ranaquél dachte zurück an die folgende Nacht, während er ohne zu blinzeln in den zum Leben erwachenden Tag starrte:
    "...Und hiermit gibt es überhaupt keinen Grund, die Worte der Lady Sh'llel anzuzweifeln. Ihr, Sânnas mab Gwyllon, seid schuldig am Verbrechen, das Lady Sh'llel diese Nacht angetan wurde. Das Verbrechen lautet Vergewaltigung und Hochverrat und die Strafe der Tod durch den Strick."
    Ich habe ihn getötet, ging es Ranaquél durch den Kopf. Hätte ich die beiden nicht überrascht, hätte Sh'llel nichts gesagt und Sânnas wäre noch am Leben. Er war wie betäubt, zum guten Teil aus Unverständnis. Wieso um alles in der Welt behauptete die Shar-Königin solche Dinge? Rana konnte es sich beim besten Willen nicht erklären. Mit Schuld an seinem tranceähnlichen Zustand war die Tatsache, dass sein Vater Sh'llel unverzüglich zu heiraten gedachte. Keine prunkvolle Feier mit hunderten von Gästen und einem freien Tag für jeden Bauer, keine Blumen aus echtem Gold für die Braut, sondern eine hastige, beinahe überstürzte Hochzeitsfeier, deren bescheidenes Ausmaß einem Paar wie Llawlîen und Sh'llel schon beinahe unwürdig war: es gab lediglich die Vorräte, die derzeit in Tir na nOgh gelagert wurden, keine minderwertigen Sachen, aber eben nicht die Klasse, die ein König und eine Königin erwarten konnten. Und keine Musiker vom anderen Ende Hibernias, nur die Barden der näheren Umgebung. Trotzdem schien das bis auf Ranaquél niemanden zu stören. Die Bewohner der Hauptstadt rannten glücklich und kopflos umher, um das an Prunk herzurichten, was eben herzurichten war. Am allerwenigsten betrübt schien Sh'llel selbst. Wenn die vermeintliche Vergewaltigung ihr noch irgendwo zu schaffen machte, so verbarg sie das meisterhaft. Mit leuchtenden Augen kommandierte sie die Dienerinnen herum, schwang das Szepter und benahm sich schon fast wie die neue Herrin Hibernias.
    Die Hochzeit selbst wurde dann trotz ihres bescheidenen Ausmaßes ein rauschendes Fest. Vielleicht lag es gerade an den ungewöhnlichem Umständen, dass sowohl König wie Untertanen bester Stimmung waren. Am Abend gab es in Tir na nOgh kaum jemanden, der noch nüchtern war, abgesehen vielleicht von Sh'llel, die ein zufriedenes, beinahe raubtierhaftes Lächeln auf dem Gesicht hatte, als sie den Blick über die Elfen und Shar gleiten ließ, die sie als ihre alte und neue Königin hochleben ließen. Und mit dem Tag hielt das Unglück Einzug un Hibernia.
    "Prinz Ranaquél?"
    Er musste sich nicht umdrehen, um ihre Stimme zu erkennen.Sein Herz schlug wieder einmal schneller.
    "Habt Ihr ein wenig Zeit für mich?"
    Jetzt drehte er sich doch um und betrachtete ihre zierliche Gestalt, die in ein feines, blutrotes Gewand gehüllt war, welches unter den üppigen Brüsten eng geschnürt war und kaum Fragen offen ließ. "Für Euch habe ich immer Zeit, meine Königin." Sie lächelte schwach. "Ist das alles, was ich für dich bin, Ranaquél? deine Königin?" sie glitt leichtfüßig auf ihn zu und er erstarrte. Sie war einfach zu viel für ihn. Er konnte ihrem Zauber nicht widerstehen, war zu schwach dazu, und hasste sich sowie auch sie einen kurzen Moment dafür. "Ihr seid meine Königin und die Frau, die mein Vater liebt," erwiderte er steif. Sie lachte leise. "Und was ist mit dir?" sie kam noch näher, ihre Brust rieb leicht an der seinen. Er stöhnte nur gedämpft. "Warum tut Ihr das mit mir, Sh'llel? wieso...reißt Ihr mir das Herz heraus und zerquetscht es anschließend?" Sh'llel küsste sanft sein Schlüsselbein. "Ich bin ein grausames Wesen, und ich bin selbstherrlich. Ich pflege mir das zu nehmen, was ich möchte. Und weißt du, was ich möchte, Ranaquél?" ihre Hand tastete über seinen Bauch und verschwand unter dem langen Hemd, ruhig, spinnengleich, geübt und erfahren. Der junge Elf erschauderte merklich. "Mein Vater..."
    "...ist nicht der, den ich will. Liebster, warum wehrst du dich dagegen? möchtest du mich nicht?" ihre Hand drückte zu, entspannte sich, übte abermals Druck aus. Ranaquél glaubte, er stünde kurz davor, in Stücke zerspringen zu müssen. "Dafür werden sie uns beide töten," keuchte er, während sich seine Hände wie von selbst auf die wiegenden Hüften dieser elenden Verführerin legten. Sh'llel ließ ein sanftes Lachen hören. "Das glaube ich nicht, weil du deinem Vater da nämlich zuvorgekommen bist." Ranaquél riss die Augen auf. "Was meint Ihr...?" Sh'llel zog endlich die Hand zurück. "Kommt und seht selbst, mein Prinz." Ihre Stimme hatte einen kühlen, distanzierten Ton angenommen. Er folgte ihr widerspruchslos und sie führte ihn in das prunkvolle Schlafgemach, das sie mit Llawlîen teilte. Ranaquél trat ein und stieß einen erstickten Schrei aus. "Oh nein...oh bei Dana...!" sein Vater lag auf dem Bett, mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht und seinem, Ranaquéls, Dolch in der Brust. Sh'llel stand völlig reglos hinter ihm, die Arme vor der Brust verschränkt. "Das war ich nicht," flüsterte Rana heiser. "Das war ich nicht!" Sh'llel lächelte statuengleich. "Aber es ist dein Dolch, mein Schatz. Deiner. Und komm doch erst einmal zu dir und denke nach. Der König ist tot, lang lebe der König, verstehst
    du? hmm?" er sah sie aus glasigen Augen an. "Was..." die Shar trat auf ihn zu und schlang die Arme um seinen Bauch. "Ich bin mit dem König von Hibernia verheiratet. Du bist der König von Hibernia, ich gehöre dir und du gehörst mir. Du hast deinen Vater umgebracht, vielleicht nicht mit deiner eigenen Hand, aber deinen Gedanken, und diese haben sich den passenden Körper dafür gesucht und deine Waffe gewählt, nur deine! du hast zwei Möglichkeiten, Ranaquél." Er starrte sie an und wusste nicht, ob er einen Dämon oder Engel vor sich hatte. "Was für Möglichkeiten?" Sh'llel lächelte leicht. "Als der Mann, der seinen Vater umbrachte, an der Eiche endend, noch dazu mit herausgerissenen Eingeweiden und leeren Augenhöhlen, denn du hast das Schlimmste getan, was du nur tun konntest." Ranaquél glaubte, sich übergeben zu müssen. Seine Beine gehorchte ihm nicht mehr und er sank auf das Bett nieder, genau neben dem Toten. Die Bewegung ließ den Kopf der Leiche zur Seite kippen, die glasigen Augen schauten Ranaquél an und der noch immer lächelnde Mund schien zu sagen: Das hast du nun davon, hast du nun davon...
    "Und was wäre die Alternative?" flüsterte er matt. Sh'llel schmiegte sich an ihn. Der Blick, den sie ihrem toten Gatten zuwarf, spiegelte nur Verachtung wieder. "Oder du lässt mich an deiner Seite regieren und wirst der neue Herrscher Hibernias. Was das da angeht..." sie machte eine wegwerfende Handbewegung, "wir werden eine Erklärung finden. Nun, was sagst du, mein wunderhübscher König?" er sah sie ratlos an, seine Eingeweide schienen sich schmerzhaft zusammen zu ziehen. "Das wird niemals funktionieren," sagte er schwach.
    "Oh, das wird es, sei unbesorgt. Wenn ich eins kann, dann ein unschönes Problem lösen und das Beste aus der Situation machen." Ja, das habe ich schon gemerkt als du Sânnas so ans Schlachtbeil geliefert hast, dachte er flüchtig, doch seltsamerweise machte es ihm kaum etwas aus. Zwei Bilder tanzten abwechselnd vor seinen Augen:
    "Tod dem Verräter!"
    "Hängt das Schwein auf!"
    "Wir wollen ihn tanzen sehen!"
    Männer seines Vaters, die noch vergangene Nacht vor ihm auf die Knie gesunken waren und vor seiner Erscheinung den Blick senkten, die ihn, der er jetzt nichts weiter als ein zerfetztes und verschmutztes Hemd trug, grob an den Schultern packten und auf die Eiche zu zerrten. "Ich war es nicht!" schrie Ranaquél verzweifelt und trat wild um sich. "Hängt ihn auf!" brüllten die Leute -seine Untertanen!- zurück. Und Sh'llel, mit einem schwarzen Schleier auf dem Gesicht, der ein leichtes, zufriedenes Lächeln verbarg.
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  14. #29

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    Das andere war durchaus angenehmer...
    "Lang lebe König Ranaquél!"
    Die Krone Hibernias auf seinem Haupt, der Thron seines Vaters. Lächelnde Minister, schöne Dienerinnen und alle gingen sie auf die Knie und Sh'llel tat es ihnen gleich, lächelte ihn warm an und flüsterte eine lautlose Liebesbezeugung.
    Sh'llel betrachtete sein Gesicht, in dem es fieberhaft arbeitete. "Ich glaube, du kennst deinen Weg?" fragte sie sanft. Rana nickte kaum merklich. "Ich will nicht sterben," gestand er tonlos. Sie küsste ihn behutsam auf die Stirn. "Und ich will auch nicht, dass du stirbst." Er war gerade im Begriff, ja zu sagen, sie zu seiner Königin zu machen, als eine leise, eindringliche Stimme in seinem Kopf befahl: "Ranaquél, nicht!" Ranaquél blinzelte verwirrt, ohne auf Sh'llels fragenden Blick einzugehen. "Wer...?"
    "Sag ihr nicht zu, spiel ihr nicht Hibernia in die Hände. Sag nein, Ranaquél. Der Tod ist besser als das, was du dir und Hibernia antun wirst wenn du ja sagst."
    "Wer ist da?"
    "Ich, dein Freund Sânnas."
    "Sânnas ist tot. Ich habe ihn getötet. Du kannst es nicht sein!" die letzten Worte schrie der junge Elf und schwankte wie ein Betrunkener vor und zurück. Sh'llel ohrfeigte ihn, nicht sehr hart, aber doch spürbar. "Mit wem sprichst du?" fragte sie scharf. Ranaquél ignorierte sie weiterhin und starrte mit weit aufgerissenen Augen ins Nichts. "Ranaquél," wiederholte Sânnas' Stimme beharrlich, "mach sie nicht zur Königin. Sie wird Hibernia ins Unglück stürzen und dich mit dazu. Hör mir zu, mein Freund. Ich trage dir nichts nach, du kannst nichts dafür. Ich bitte dich inständig als dein jahrelanger Gefährte..." Sh'llel ohrfeigte ihn wieder, dieses Mal mit mehr Kraft. Der Kopf des Elfen flog zur Seite und der Abdruck ihrer Hand zeichnete sich auf seiner Wange ab. "Sânnas," hauchte Ranaquél.
    "Ich bin bei dir. Ich werde dir helfen. Mach die Augen zu...und träume." Ranaquél sank bewusstlos zu Boden.
    Wie er erwartet hatte, suchte ihn auch dieses Mal ein Traum heim, und er übertraf in Bezug auf Realität alles, was der Prinz überhaupt jemals zuvor geträumt hatte. Es waren Bilder, die einen normalen Schläfer normalerweise sofort hochschrecken und zittern und nach Luft ringen ließen und auch Ranaquél wollte aufwachen, vor dem fliehen, was sein Traum ihm zeigte. Aber Sânnas ließ es nicht zu:
    Mag Mell brannte. Die freundliche Schmiedin vor dem Haus des Heilers, die ihm immer Leckereien geschenkt hatte, als er noch ein Kind war, lag zusammengesunken über ihrem Amboss, aus ihrem Rücken ragte der Griff eines Dolches, den sie einst selbst geschmiedet hatte. Das Haus des Heilers selbst stand auch in Flammen, der vordere Teil war eingestürzt. Im kleinen Wasserbecken vor den Einganstüren trieb ein lebloser Körper. Die Luft war heiß und stank nach Rauch und Ranaquél konnte kaum atmen, so sehr brannte sie in seinen Lungen. Er wollte um Hilfe schreien, doch er brachte nur ein trockenes Krächzen zustande. Sânnas stand still neben ihm, um seinen Hals zog sich ein schrecklicher, rotblauer Ring, sein Henkersmal. Der Elf sagte kein Wort, sondern deutete ernst in Richtung Tir na nOgh. Ranaquél verstand und hetzte los. Überall lagen Tote, viele Bürger, die er gekannt oder zumindest schon einmal gesehen hatte. Das Erdreich war aufgewühlt und brannte an vielen Stellen, zerbrochene Schwerter und Speere steckten im Boden. Und Tir na nOgh...das prächtige, von goldenen Kuppeln gezierte Schloss hatte seine Pracht und Herrlichkeit gänzlich verloren. Die Kuppeln schmolzen zusammen, die Mauern waren zum größten Teil eingestürzt und das mächtige Einganstor aus seinen Angeln gerissen. Und natürlich brannte es auch hier. Ranaquél ging mit weichen Knien um die Toten herum und merkte gar nicht, dass er dabei leise vor sich hinwimmerte. "Sei gegrüßt, mein Prinz. Schön, dass wir uns noch einmal sehen!" er hob den Kopf und prallte zurück. Sh'llel stand mitten im zerstörten Einganstor, sie war in eine nachtschwarze Kettenrüstung gehüllt und ein blutroter Umhang flatterte um ihre Schultern, obwohl es keinen Wind gab. Sie kam langsam näher und Ranaquél wollte fliehen, doch seine Beine versagten ihm den Dienst. Sânnas stand wortlos neben ihm. "Hilf mir," hauchte Ranaquél tonlos und wollte nach dem Arm seines Freundes greifen, doch auch diesen konnte er nicht bewegen. Sânnas sah ihn nur traurig an. Sh'llel hatte ihn erreicht. Mächtig und überhaupt nicht mehr zierlich stand sie vor ihm, und er konnte absolut nicht begreifen, wie er an diesem grausam lächelnden, unirdischen Wesen jemals etwas Verführerisches oder Anziehendes hatte finden können. "Ich möchte dir ein erstes und letztes Geschenk machen, Ranaquél," sagte sie leise. "Du hast es dir redlich verdient, denn keiner war mir eine größere Hilfe als du. Es ist dir vielleicht kein Trost, aber Hibernia wird ein völlig neues Zeitalter erleben und ich werde dafür sorgen, dass sich jeder daran erinnert. Möchtest du mein Geschenk haben?" sie strahlte ihn an, und er hatte Angst, dass ihm die Blase versagte. "Hexe," brachte er gepresst hervor, "widerwärtige Hexe. Du Ungeheuer!" die letzten beiden Worte schrie er ihr ins Gesicht, ehe ihm die Stimme brach und Tränen der Verzweiflung seinen Blick verschleierten. "Na, na," mahnte Sh'llel sanft. "Du warst auch ein gutes Stück naiv, oder? im Prinzip hasst du dich gerade selbst. Wir hatten beide ein Ziel...ich wollte Hibernia und du wolltest den Platz deines Vaters und mich als Bettgefährtin. Ist es nicht so?"
    "L-lass mich..."
    "Ranaquél. Ist es nicht so?"
    "Du sollst mich in Ruhe lassen!!" Sie trat zurück und schnalzte missbilligend mit der Zunge. "Mein kleiner, dummer Siabra." Er wusste nicht, was ein Siabra war, er wollte es auch gar nicht wissen. Er verfluchte sich voller Inbrunst, während die Tränen ungehemmt über seine Wangen strömten. "Also schön," murmelte Sh'llel, die ihm eine Weile zugehört hatte. "Weißt du, was ´Siabra´ auf shar bedeutet? Verrottung. Und da du dich so in die Hölle und noch tiefer wünschst, gebe ich dir, was du möchtest." Sie trat abermals auf ihn zu, schlang einen Arm um seinen Nacken und gab ihm einen innigen, gierigen Kuss. Ranaquél versuchte, sie abzuschütteln, ihr in die Lippe zu beißen, zu schreien- zwecklos. Ihre Zunge schob sich in seinen Mundraum, tiefer und tiefer und er war sich sicher, dass er jetzt sterben müsste, ersticken an ihrem letzten Kuss. Stattdessen biss sie ihm heftig in die Zunge, was ihm ein schrilles, aber halb verschlucktes Wimmern entlockte. Endlich gab sie ihn frei, trat zurück und leckte sich über die Lippen. Sein Blut blieb daran zurück. "Siabra," sagte sie und lächelte.
    Mit einem hysterischen Aufschrei schlug Ranaquél die Augen auf. Es war still um ihn herum, von Sânnas oder Sh'llel keine Spur. Sein Leib zitterte wie Espenlaub und ein dunkler Fleck hatte sich auf seinem Untergewand gebildet. "Nur ein Traum," flüsterte er heiser. "Nur ein Traum, ein Traum, ein Traum. Nichts als ein..." er stockte, als er den unverkennbaren Kupfergeschmack von Blut im Mund spürte. Schwankend stand er auf und stolperte zum Schrank. Wollte er das wirklich? wollte er ihn öffnen und in den Spiegel schauen? würde ihm dann das Gesicht eines Mörders entgegen lächeln, womöglich mit blutigen Lippen? "Es war nur ein Traum, ein verdammter, elender Alptraum!" stöhnte Ranaquél.
    Seine Träume waren Warnungen und Botschaften, erinnert Ihr Euch? und sie irrten sich nie. Wisst Ihr noch?
    Ranaquél riss nun doch die Schranktür auf. Siabra.Verrottung. Das hinterste, schmutzigste Plätzchen in der Hölle, ein Dasein als... er befühlte beinahe neugierig seine schwammigen Wangen und blickte verwirrt auf seine schuppigen Fingerspitzen, an denen ein kleiner Rest Haut zurückgeblieben war. Siabra.

    Athriliath brach ab, und ich starrte ihn gebannt an. "Und dann?" er lächelte fragend. "Mmhh?" ich hob die Hand, formte sie zu einer Klaue und führte sie an mein Gesicht. Er lachte leise. "Er ist natürlich fortgelaufen, so konnte er ja im Schloss nicht bleiben. Er hat sich in den Wäldern versteckt und ist endgültig zum Siabra geworden, eine leere, verfaulende Hülle, die ihre Seele verloren hat. Macht ist eben nicht alles." Meine Augen funkelten, ich hatte einen schlechten Geschmack im Mund. "Aber das ist nicht wirklich passiert?" er musste abermals lachen und legte mir die Hand auf die Schulter. "Habe ich doch schon gesagt, es ist nur ein weiteres Märchen von vielen, das über die Feindschaft zwischen Shar und Elfen und die Entstehung der Siabra erzählt. Kein Wort davon ist wahr, zumindest wäre mir das neu. Es tut mir Leid, wenn ich dich damit aus der Fassung gebracht habe."
    "Oh nein, sie war...eh...na ja der Inhalt war neu für mich, aber sonst...sehr spannend. Und dieses Weib hätte ich erwürgen können." Athriliath sagte nichts, sondern lächelte nur still. Brakalu mischte sich unerwartet in das Gespräch ein. Auf seinem Gesicht lag fast so etwas wie Ekel. "Höchst bizarr," sagte er kühl. "Und es ging viel zu viel um..." er räusperte sich, eine Wangen wurden etwas dunkler und er brach mürrisch ab, offenbar ärgerlich mit sich selbst. Keena grinste breit, offenbar hatte sie der Geschichte zumindest doch mit einem Ohr gelauscht. "Ein prüder Fisch, wie köstlich!" Brakalu sah sie ungnädig an und schwieg wieder. Athriliath strich sich ein wenig verlegen über das zerfetzte Wams. "Nein, nein, das ist seine Meinung und ich kann sie durchaus nachvollziehen. Da ist wohl irgendwas mit mir durchgegangen." Keenas Grinsen wurde immer breiter. "Ach? was denn?" Athriliath blieb eine Antwort erspart, denn inzwischen waren wir, ohne es zu bemerken, an eine große, steinerne Festung gelangt. Es war vollkommen still, weder Wachen noch eine zornentbrannte Mikata warteten auf uns. Athriliaths Gesicht wurde ernst, aufmerksam sah er sich um. "Es hat lange gedauert, aber nun sind wir da. Das ist Druim Ligen."
    Wir blickten versonnen zu dem mächtigen Gebilde empor, als Brakalu neben mir halblaut murmelte: "Überrhaupt nicht gut." Ich sah ihn fragend an. "Was ist nicht gut?" er zuckte die Achseln, ohne den Blick von dem massiven Eichenholztor zu nehmen. "Die Geschichte. Das Ende derr Geschichte." Athriliath, der sich ebenfalls zu dem Inconnu umgedreht hatte, schenkte ihm ein durch und durch warmes Lächeln. "Ich mache dir einen Vorschlag. Bevor ihr wieder nach Hause zurückkehrt, werde ich dir die Geschichte richtig erzählen, so, wie sie sein sollte. Was hältst du davon?" Brakalu sah den Elfen nun doch an und musterte abschätzend sein Gesicht, ehe er sachte nickte. "Einverrstanden."
    *Feder und Tintenfass reich*

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  15. #30

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    Auszug aus einem inzwischen fast vergessenen Kriegslied der Skalden:

    "...Ehre, Ehre
    zu dem, der sie verdient,
    Brechende Knochen,
    für den, der lieber sühnt:
    Brüder, Schwestern, hört mir zu:
    Im Kampfe verzeiht man nicht,
    nur ich oder du,
    Wer weicht, der hat verloren,
    verdammt und nicht erneut geboren,
    denn in Walhalla ist kein Platz
    für kriegsmüde Toren..."

    "Komm, hilf mir mal!"
    "Man wird uns meilenweit hören."
    "Vielleicht, aber nur durch rumstehen kommen wir nicht weiter. Fass an!"
    Keena stand vor einem schweren, massiven Hebel, der das Tor öffnen sollte. Sie zog daran, doch der Hebel rührte sich nicht. Wütend starrte sie mich an, und ich trat gehorsam an ihre Seite. Zu zweit zerrten wir mit aller Kraft, ehe ein leises Knarren uns verriet, dass wir Erfolg hatten. Entgegen meiner Prognose quietschte weder uraltes Eisen, noch klirrten irgendwelche Ketten: das Tor schwang völlig lautlos auf und präsentierte uns einen verlassenen Burghof, der dem meiner Teleporterfestung Svasud nicht unähnlich war. Athriliath zögerte einen Moment, ehe er entschlossen in den Hof trat und sich umschaute. Es war beinahe beunruhigend still. "Sehr seltsam," murmelte der Elf und winkte uns heran. Keena hielt ihren Stab etwas fester, bereit, sich beim kleinsten Anzeichen von Gefahr ins Getümmel zu stürzen. Doch der große Hof blieb unverändert friedlich, mein Gefühl von Unbehagen hingegen wuchs. Ich hatte mich schon mehr oder weniger darauf vorbereitet, mich mit einer erzürnten Mikata auseinandersetzen zu müssen oder gar die Waffe gegen unbeteiligte Bürger zu richten. Und nun schien es, als könnten wir gemütlich und ohne weitere Scherereien nach Hause spazieren. Wo sich mir gleich der naheliegendste Gedanke aufdrängte: Wie kommen wir hier weg?! Athriliath drehte sich zu uns um und musterte unsere Gesichter. Das junge Morgenlicht präsentierte ihm erschöpfte Züge und ich war mir bewusst, dass mein Körper ein Bad dringend nötig haben musste. Doch das war es nicht, was ihn nun nachdenklich auf der Unterlippe kauen ließ. "Ihr fallt sofort auf, sollte jemand kommen. Vor allem ihr beide werdet aus der Masse stechen wie bunte Hunde," er nickte Keena und Brakalu zu, die seinen Blick ratlos erwiderten. Plötzlich musste Athriliath grinsen. Er löste die Spange, die seinen Mantel hielt, und trat mit dem Kleidungsstück auf Keena zu. Die war ein wenig misstrauisch zurückgewichen, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte. "Was?" fragte sie argwöhnisch. Athriliath bemühte sich, das freche Grinsen zurückzuhalten und verbeugte sich leicht vor ihr. "Mutter, Euch ist sicher kalt, legt das hier an. Und drückt Euren armen, kleinen Sohn an Eure Brust, damit auch seine Gesundheit keinen Schaden nimmt." Keena starrte ihn einen Moment sprachlos an, ehe sie herrisch nach dem Umhang griff. "Sehr witzig! und Llienne, hör auf zu lachen oder es setzt was!" ich war bei Athriliaths Vorstellung in haltloses Gekicher ausgebrochen und griff mir bei Keenas Worten an den von der vergangenen Nacht noch immer schmerzenden Schädel, ohne auf ihre Forderung einzugehen. "Bitte nicht, Mutter." Ihr Blick machte deutlich, dass sie mir das irgendwann mit Freuden heimzahlen würde, doch sie widersprach nicht mehr, schlang sich den Umhang um die Schultern und stülpte sich die Kapuze über den Kopf, ehe sie Brakalu am Arm packte und zu sich heranzog. "Also komm schon her, mein Sohn," sagte sie ironisch. Der Inconnu, der offenbar der Meinung war, dass wir alle drauf und dran waren, den Verstand zu verlieren, seufzte nur ergeben und drückte sich unter dem Mantel gehorsam an ihren Körper. Athriliath räusperte sich. "Fein. Und du senk einfach den Kopf, Llienne. Ich werde nachsehen, ob Lady Glasny anwesend ist. Wenn alles gut geht, sind wir in zwei Minuten in Murdaigean." Ich sah ihm mit gemischten Gefühlen nach, wie er eine hölzerne Treppe erklomm, die zu einem Wehrgang führte, von dem man den gesamten Hof und das Tor im Auge behalten konnte. "Das ist wirklich komisch, so viel Aufregung und dann kein würdiger Empfang," brummte Keena unter ihrer Kapuze, wobei in ihrer Stimme beinahe so etwas wie Bedauern mitschwang. Ich seufzte nur tief und massierte meinen verspannten Nacken. "Ich bin für die nächste Zeit bedient. Wenn wir in Murdaigean waren, kann Athriliath allein nach Hibernia zurückkehren und sagen, dass ich im Kampf gefallen bin und euch die Flucht gelungen ist. Das wird der königlichen Hoheit vermutlich nicht gefallen, aber sie werden sich damit zufrieden geben, vor allem Mikata. Hoff ich zumindest," setzte ich trocken hinzu und behielt die Treppe im Auge. Und tatsächlich...ich senkte hastig den Kopf, als ich Athriliath in Begleitung einer kleinen Gruppe Elfen die Treppe hinunterkommen sah. Mein Herz begann vor Erwartung ein wenig schneller zu schlagen. Würde unser Schwindel auffliegen? verstohlen beobachtete ich die Elfen durch die Wimpern hindurch. Die Anführerin war eine junge Frau mit einem silbrigen Zopf und einer bodenlangen, türkis schimmernden Robe. Ihre männlichen Begleiter steuerten still auf den steinernen Kreis zu, auf welchem sie gleich ihre Magie wirken würden. Athriliath flüsterte leise mit der Fremden und deutete auf eine leere Ecke des Hofes. Glasny, die Elfe, zuckte die Achseln und drückte ihm vier dünne Silberketten in die Hand. Er verbeugte sich vor ihr, griff nach der Hand, die ihm die Schmuckstücke reichte, und küsste sie formvollendet. Glasny errötete leicht, gab ihm einen sanften Klaps und mit einem Auflachen drehte sich Athriliath zu uns um. "Kommt, wir wollten doch in den Schnee. Nirgendwo bekommt man einen klareren Kopf als an der frischen Luft von Odins Tor." Ich ging auf sein Spiel ein, gähnte herzhaft und schlurfte auf den Steinkreis zu. Jetzt...jetzt würde es sich entscheiden. Meine Handflächen wurden feucht. Unsere Maskerade war mehr als lächerlich, es konnte gar nicht gutgehen...Athriliath beugte sich vor, warf mir einen eindringlichen Blick zu und reichte mir eine der Ketten. "Guck nicht so entsetzt," wisperte er. Ich nickte nur und streifte mir das Schmuckstück über. Er hatte ja gut reden, ihn als Hibernianer würden sie im Falle einer Entlarvung sicher nicht allzu hart bestrafen. Was bei solch einer Unverschämtheit aber aus Keena, Brakalu und mir werden mochte, darüber wollte ich nicht einmal nachdenken. Ich hielt mich dicht hinter Athriliaths Rücken, ließ meine ungleichmäßigen, zerzausten Haare ins Gesicht hängen und schickte ein Stoßgebet zu Bragi. Hinter mir stand Keena, ließ zwei Ketten unter ihrem Umhang verschwinden und täuschte gleichzeitig ein krächzendes Husten vor. Als unter dem Mantel keine Reaktion erfolgte, trat sie Brakalu nachdrücklich auf den Fuß, woraufhin er ein nicht besonders überzeugend kindliches Wimmern ausstieß. Glasny bedachte uns mit einem schiefen Blick, doch vermutlich hatte sie während ihrer Zeit als Portalmeisterin schon seltsamere Gestalten gesehen, so dass wir ihr nicht übermäßig auffällig erschienen. Auf ihren Wink hin spreizten die Magier die Beine und unwirkliches, blaues Licht explodierte, was unsere Körper vollkommen einhüllte und mich wieder einmal nahe an den Rand eines Zusammenbruchs brachte.

    "...frage mich, wann sie sich das endlich abgewöhnt..."
    "Ist sie in Ordnung?"
    "Ja, ihr ist nur mal wieder schlecht."
    Ich blinzelte, hustete erstickt und riss die Augen auf. Wenig überrascht sah ich die drei Gesichter meiner Gefährten über mich gebeugt. Athriliath wirkte besorgt, Brakalu sah mich an, als wäre ich eine interessante neue Tierart und Keena seufzte genervt. Ich ignorierte ihre hilfreich ausgestreckte Hand und stand in einer einzigen Bewegung auf. "Tut mir Leid, ich hab mir das auch nicht ausgesucht," brummte ich und stimmte, jegliche dumme Bemerkung im Keim erstickend, mein helles Reiselied an. Brakalu konzentrierte sich und machte sich daran, seinen untoten Diener zu sich zu rufen. Keena tat es ihm gleich und Athriliath schulterte seinen Schild. Ernst sah er von einem zum anderen. "Wir machen es so, wie Llienne gesagt hat. Wir schauen nach, was in der Burg los ist und danach helfe ich euch bei der Heimreise. Anschließend kehre ich nach Tir na nOgh zurück und sage, dass der Inconnu und die Valkyn entkommen konnten und du, Llienne, im Kampf getötet wurdest. Es wird alles gut werden." Er lächelte zuversichtlich und ich griff, ohne zu wissen warun, plötzlich nach seiner Hand. Überrascht hob er die Braue, schwieg aber. Ich erwiderte seinen nun ernst gewordenen Blick. "Dir und Zaphykel verdanke ich sehr viel," meinte ich. "Bitte setz dich für ihn ein, wenn du zurückkommst." Er nickte. "Ich verspreche es dir." Plötzlich mischte sich ungefragt eine mir fremde Männerstimme ins Gespräch ein: "Du meinst wohl, wenn er zurückkommen sollte!" wir fuhren herum und brauchten einen Moment, ehe wir den Sprecher ausmachen konnten: Es war ein elfischer Bogenschütze, der sich über uns an die Zinnen lehnte. Auf seinen Lippen spielte ein leichtes, alles andere als vertrauenderweckendes Lächeln. Athriliath legte den Kopf in den Nacken und betrachtete seinen Waffenbruder gelassen. "Wie meint Ihr das?" fragte er. Statt zu antworten, hob der Elfenschütze die Hand, und urplötzlich erschienen auf der Brüstung fünf oder sechs weitere Männer. Sie hatten schlanke Langbögen, die sie alle gleichzeitig spannten und dann zu meinem Entsetzen auf Athriliaths Brust richteten. "Du bist ein Verräter," sagte der Anführer leidenschaftslos, doch in seinen grünen Augen funkelte es bedrohlich, "und Verräter verdienen den Tod." Athriliath blieb ruhig. "Was wirft man mir vor?" der Bogenschütze lachte ungläubig und nun verzerrte sich sein Gesicht doch. "Du hast dich mit Midgardern und einem Albioner eingelassen, du hast deine Prinzessin hintergangen...du hast Hibernia entehrt!" schloss er schneidend und hob die Hand. Doch ehe er einen Befehl aussprechen konnte, erklang ein schlangengleiches Zischen und seine Gestalt wurde für einen Moment von einem schwarzvioletten Licht eingehüllt. Der Elf schrie auf, riss beide Arme in die Luft und schoss, ohne hinzusehen- sein Pfeil flog nutzlos über die Burgmauer. Ich drehte den Kopf und sah Brakalus widerlichen Diener, der sich in eben diesem Moment zu einem weiteren Angriff bereit machte. Und dann brach das Chaos aus. Die Elfen schrien wütend in ihrer Muttersprache durcheinander und feuerten ihre Pfeile auf uns ab. Ich warf mich verzweifelt zur Seite und spürte den Luftzug, als das Geschoss nur wenige Millimeter neben meinem Gesicht funkensprühend auf das Kopfsteinpflaster prallte. Athriliath warf sich vor Keena und hob den Schild, an welchem gleich drei Pfeile abprallten. Der verletzte Elf hatte sich wieder aufgerappelt, ein feines Blutrinnsal floss an seiner Schläfe hinab. "Tötet sie," gellte er, "lasst sie nicht nach draußen!" ich sprang wie der Blitz auf und brachte mich hinter einem hölzernen Pfeiler in Sicherheit, in welchen sich prompt ebenfalls ein paar der tückischen Geschosse bohrten. "Wirr müssen hierr rraus!" rief Brakalu und schwang seinen Stab. Athriliath nickte gehetzt, fasste Keena am Arm und rannte auf das Tor zu. "Llienne," brüllte er, "komm h..." sein Ruf verwandelte sich in einen lauten Schmerzensschrei, als einer der Pfeile seinen Kettenpanzer durchschlug und zwischen den Schulterblättern stecken blieb. Er geriet ins Stolpern und Keena, die geistesgegenwärtig versuchte, ihn festzuhalten, stürzte nach einem kurzen Kampf um die Balance ebenfalls zu Boden. "Lasst den Verräter und das Menschenmädchen leben!" fauchte der Anführer. "Sie gehören dem Herrn. Kümmert euch um die da!" ein reichlich mitgenommen wirkender Bogenschütze kniff die Augen zusammen und zielte. Der Treffer war mehr als kritisch, und mit einem klagenden Laut brach Brakalus Diener zusammen. Schlagartig verließen auch den kleinen Inconnu alle Kräfte und er taumelte kurz, ehe die Beine ihm den Dienst versagten. Unter den Elfen brach Jubel los. "Nein!" schrie ich. "Lauf weg!" Brakalu warf mir einen kurzen, schmerzerfüllten Blick zu, ehe in ein Pfeil mitten in die Seite traf. Mit einem halb erstickten Keuchen stürzte er gänzlich zu Boden und schloss kraftlos die Hände um das Geschoss. Von wildem Zorn ergriffen, brüllte ich mein Schlachtenlied, hob die Axt und stürmte die Treppe hinauf. "Dafür werdet ihr bezahlen!" schrie ich und schlug blind um mich. Die Elfen wichen hastig zurück, doch einen streifte ich dennoch. Der Mann taumelte kurz, schlug beide Hände vor das Gesicht und fiel rücklings über die Mauer, noch immer schreiend. "Ich hab genug von diesem Scheißland! ich hab genug vom Krieg! ich will nach Hause!" warum ich dies sagte, wusste ich selber nicht genau. Und eigentlich sagte ich das auch nicht, sondern brüllte, dass man meinen konnte, es würde mir die Stimmbänder herausreißen. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Keena, die sich mühsam aufgerappelt hatte, wieder zu Boden ging. Sie rührte sich nicht mehr. Das löste so etwas wie einen Kurzschluss in mir aus, wie in Zeitlupe ließ ich die Axt sinken und starrte auf ihren zusammengesunkenen Körper. Die Elfen ließen die Chance nicht ungenutzt verstreichen, und einer hob irgend etwas Schweres hinter mir, was mir einen Moment später kraftvoll auf die Schläfen hinabfuhr. Die Welt explodierte in einem rotem Feuerwerk und ich merkte, dass ich fiel...
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

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