Llienne´s Life - Seite 3
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Thema: Llienne´s Life

  1. #31

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    ...und träumte. Was doch eigentlich völlig unmöglich sein musste, denn ich dachte bis dato immer, dass man in einer echten Ohnmacht nicht träumt. Und überdies auch nicht denkt. Der Gedankengang war so bizarr dass ich im Traum in leises Gelächter ausbrach. Ich lag im Wasser, doch meine Kleidung wurde nicht nass. Ich starrte zu einer Sonne hinauf, die mich nicht blendete. Ich hatte das Gefühl, als besäße ich keine feste Form mehr und mein Gelächter erstarb und machte zögerlich einer mir wohlbekannten Furcht Platz. Plötzlich tropfte etwas auf meine Wange und ich wollte die Hand heben, um es fortzuwischen. Mein Ensetzen wuchs, als ich feststellen musste, dass ich nicht einmal imstande war, mit einer Fingerspitze zu zucken. War ich vielleicht die steinerne Brüstung hinuntergestürzt, hatte mir das Rückgrat gebrochen und setzte mich nun mit den Todesgeistern auseinander, die mir den Rückzug aus dem Leben schwermachen wollten? wieder benetzte etwas Feuchtes meine Wange und rann daran hinab, kitzelte mein Ohr. Ich stieß einen wütenden Laut aus, weil es mir auch nicht gelang, wenigstens den Kopf zur Seite zu drehen. Lautlos fiel neben mir ein Tropfen ins Wasser und vermischte sich mit diesem. Mein Mund schnappte wie der eines Fisches, ehe ich mich in einen kraftlosen Schrei befreite, denn nun hatte ich endlich erkannt, was da gnadenlos auf mich niederregnete: Blut.
    Ich schrie noch immer, als mir der Anführer der Elfen abermals ein paar Tropfen kühles Wasser ins Gesicht spritzte. Die anderen standen furchtsam in einigem Abstand um uns herum und sahen ratlos auf meine Elendsgestalt hinab, offenbar unsicher, was sie von der ganzen Sache halten sollten. Der Elfenschütze rüttelte mich halbherzig an der Schulter und versuchte, meine Stimme zu übertönen: "Nun hör auf zu jaulen, verdammt nochmal, du hast doch überhaupt nichts!" ich ignorierte ihn und wimmerte und stöhnte weiter, noch ganz gefangen von meinem Traum. Dabei wusste ich selbst nicht einmal, was mich so in Panik versetzte. Da hatte ich schon viel schrecklichere Dinge geträumt, der letzte lag gar nicht so lang zurück, nur ein paar Jahre. Die Erinnerung durchzuckte mich wie ein Elektroschock:
    Schatten und Feuer. Etwas Gewaltiges regt sich in der Dunkelheit. "Hhaaah..." Anstatt endgültig in Hysterie zu versinken, stellte ich mein Geheul ein und starrte den Elfen über mir nur an. Dieser runzelte halb ärgerlich, halb unsicher die Stirn. Mein Sinnungswandel war ihm offenbar unheimlich. "Bist du jetzt friedlich?" fragte er. Ich nickte nur und fühlte beiläufig meine Schläfen. Es tat weh und vermutlich bildete sich dort nicht zum ersten Mal eine prächtige Beule. Aber als ich meine Fingerspitzen einer eingehenden Untersuchung unterzog, sah ich keine Spur von Blut. Das tröstete mich auf eigentümliche Weise. "Ja, ich bin friedlich," sagte ich mit einiger Verspätung. Dann kamm die Erinnerung zurück und ich spürte einen gallebitteren Geschmack auf der Zunge. "Was ist...mit meinen Freunden?" unwillkürlich drehte ich den Kopf und suchte den Schauplatz des vergangenen Kampfes nach den Leichen von Brakalu und Keena ab, konnte aber weder den einen noch die andere finden. Auch von Athriliath fehlte jede Spur. Der Elf verzog das Gesicht. "Oh, mach dir keine Sorgen, sie alle sind noch am Leben." Ich hörte seine Worte zwar, konnte sie aber im ersten Moment kaum begreifen. Mit gerunzelter Stirn starrte ich ihn an. "Sie...leben noch? aber...die Pfeile, sie..." der Bogenschütze erhob sich und sah kopfschüttelnd auf mich, die ich immer noch wie ein Käfer auf dem Rücken lag, hinab. "Du machst dir zuallererst Gedanken um andere, hm? wie töricht." Ich verzichtete auf eine passende Antwort, dazu fehlte mir ganz einfach die Kraft. "Wo sind sie?" fragte ich nur und versuchte, mich aufzurappeln. Dass ich wie ein Wurm vor ihm im Staub kroch, ärgerte mich. Der Elf öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch ich hörte ihn gar nicht- ein grauenhafter Schmerz explodierte in meinem Schädel, ich rollte mich auf die Seite und erbrach mich kraftlos. Mein Körper hatte sich erst vor kurzem trotzig mit einer deftigen Gehirnerschütterung auseinandergesetzt doch die zusätzliche Belastung des gemeinen Hiebes auf die Schläfen hatte ihn letztlich doch bezwungen. Der Elf seufzte tief und besah sich angeekelt die Sauerei. "Ich wollte dich gerade warnen. Nun ja, du bekommst bald ein heißes Bad, frische Kleider und ein Bett." Ich starrte ihn aus tränenden Augen an und hätte trotz der erbärmlichen Situation beinahe aufgelacht. "Ihr Hibernianer...seid komisch. Erst...schießt ihr mit Pfeilen auf mich...dann zertrümmert ihr mir fast den Schädel...und nun wollt ihr die zuvorkommenden Gastgeber spielen?" der Anführer machte eine ungeduldige Handbewegung. "Beschimpf mich, so viel du willst, ich habe meine Befehle und mir steht´s nicht zu, diese in Frage zu stellen." Seine Stimme nahm einen schneidenden Tonfall an: "Sei versichert, ich hätte es auch vorgezogen, dich mit Pfeilen zu spicken, glaub nicht, ich würde auch nur eine Sekunde zögern wenn man mir freie Hand ließe. Und nun steh auf, wir haben schon genug Zeit vertrödelt." Ich versuchte, den widerlichen Geschmack auf meiner Zunge zu verdrängen und wischte mir den Mund mit dem Handrücken ab. "Wenn meine Freunde nicht tot sind, wo hat man sie hingebracht?" fragte ich abermals, nun schon sehr viel gefasster. Ich würde nicht sterben und meine Gefährten waren noch am Leben, nur das zählte. Alles weitere würde ich irgendwie auch überstehen. Als meine Beine mir trotz gutem Willen den Dienst versagten, winkte der Elfenführer mit ungeduldiger Geste einen seiner Männer heran. Der Bogenschütze packte mich gehorsam unter den Achseln und zerrte mich auf die Füße. Ich schwankte und wäre um ein Haar wieder gestürzt, doch der Elf griff reflexartig nach meinen Schultern und hielt sie fest. Der Führer bedachte mich mit einem kühlen Blick. "Du wirst sie sehen wenn der Herr will, dass du sie siehst. Los Männer, wir gehen zur Festung Murdaigean." Und jegliche Proteste einfach ignorierend, setzten sich mein Bewacher und Helfer und die übrigen Elfen in Bewegung. Mir blieb nicht anderes übrig, als mich ihrem raschen Schritt anzupassen, obwohl ich mich immer noch so elend fühlte, dass ich mich am liebsten irgendwo eingegraben und die nächsten Tage nicht mehr gezeigt hätte. In einer geordneten Zweierreihe passierten wir das Tor, das wie von Geisterhand aufschwang und die hibernianische Teleportfestung blieb still und verlassen hinter uns zurück. Ich riskierte einen schnellen Blick in das Gesicht des Mannes, der mich zwar energisch, aber nicht böswillig vorantrieb. "Ihr verratet Euer Reich, das wisst Ihr, oder?" fragte ich beiläufig. Im Gesicht des Elfen zeigte sich nicht die geringste Regung. Unbeherrscht fuhr ich fort: "Euer Herr hat inzwischen zwar Wind davon bekommen, dass irgend etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, doch ich wette, damit hat er nicht gerechnet." Die Mundwinkel des Mannes zuckten leicht, doch er riss sich zusammen. Ohne zu wissen, wieso ich den Hibernianer dermaßen provozierte, sinnierte ich im aufsässigen Plauderton laut weiter. "Das wird sie alle mehr als nur den Kopf kosten. Wie können die sich bei soviel Verrat eigentlich noch ohne Scham im Spiegel betrachten..." nicht mein Begleiter, sondern der Anführer fuhr wie eine wütende Schlange herum und schrie mich an: "Halt endlich dein verfluchtes Maul, oder ich werde es dir eigenhändig stopfen." Ich grinste leicht. "Oh, meldet sich da das schlechte Gewissen eines unehrlichen Eidschwörers?" Llienne, was tust du, sagte eine entsetzte Stimme in meinem Hinterkopf. Schnappst du nun vollends über? und dieses Mal war ich offenbar wirklich zu weit gegangen, denn der Elf starrte mich einen Moment sprachlos an, ehe er ein langes Rapier von seinem Gürtel löste und mit weit ausgreifenden Schritten auf mich zustapfte. Leise pfeifend bohrte sich genau vor seinen Füßen ein schmaler Dolch in die Erde, und er sprang mit einem überraschten Aufschrei zurück. "Wer wagt es...?!" eine junge Frauenstimme erwiderte gelassen: "Hauptmann Delcari, wie mir scheint, ist auf Euch absolut kein Verlass. Ich gehe doch recht in der Annahme, dass der Zorn gerade Euren Verstand vernebelte und Euch Hand an die Geisel hätte legen lassen, oder etwa nicht?" der Angesprochene sah sich wild um. "Wer seid Ihr? und vor allem, wo seid Ihr?!" fast genau neben mir stand wie aus dem Boden gewachsen eine kleine, schlanke Gestalt mit einem bodenlangen, dunkelgrünen Kapuzenumhang. Ich zuckte überrascht zusammen. Das musste dann wohl einer der Schleicher sein, vor denen Keena mich damals gewarnt hatte. Hauptmann Delcari überwand seine Überraschung schnell. "Und wer seid Ihr, Nachtschatten?" fragte er kalt. "Zeigt Euer Gesicht!" der Neuankömmling, der aufgrund seiner kleinen, beinahe zart anmutenden Gestalt nichts anderes als eine Lurikeen sein konnte, schlug bereitwillig die Kapuze zurück. Ich erkannte ein schmales Gesicht mit sandfarbenem Haar, in dem ein kleines, goldgrünes Abzeichen steckte. "Eine persönliche Späherin von Prinzessin Mikata," rief einer der Elfen überrascht aus. Die Lurikeen nickte knapp. "So ist es. Hauptmann Delcari, Ihr dürft zur Teleportfestung zurückkehren, und Eure Möchtegernhelden nehmt am besten alle mit. Und mir wäre es wirklich lieb, wenn Ihr Euch sofort entfernen würdet." Atemlose Stille trat ein, ehe der Elf wütend die Fäuste ballte. "Persönliche Späherin hin oder her, wie redet Ihr mit mir?!" die Kleine erwiderte seinen Blick unbeeindruckt. "Ihr könnt froh sein, dass Ihr nicht vom Dienst suspendiert werdet, Ihr Narr. Beinahe hättet Ihr eben eine bodenlose Dummheit begangen. Also geht mir schon aus den Augen." Der Elf verlor nun wirklich die Beherrschung. "So sprichst du nicht mit mir, Weib!" fauchte er und tastete nach seinem Rapier. Er führte die Bewegung nicht einmal ansatzweise aus. Fasziniert beobachtete ich, wie die Lurikeen mit beinahe unheimlicher Schnelligkeit auf ihn zuraste und ihm -ohne auch nur eine Miene zu verziehen- in der gleichen Bewegung einen schimmernden Krummdolch in den Bauch trieb. Die Augen des Elfen wurden rund vor Überraschung und Schmerz. Ungläubig tastete er nach der Waffe, die aus seinem Körper wuchs, öffnete den Mund zum Schrei und brachte stattdessen bloß ein rauhes Krächzen hervor. "Ihr...elende...Verr..." er stöhnte dumpf und ging vor der Lurikeen in die Knie, ehe er kraftlos auf die Seite fiel. Die junge Frau betrachtete ihn angewidert, ehe sie sich mit einem Ruck an die vor Schreck erstarrten Elfen wandte. "Wenn ihr euch nicht für den Rest eures Lebens als königliche Gemüseputzer betätigen wollt, nehmt ihr jetzt die Beine in die Hand und bewegt euch zur Teleportfestung zurück. Wer sich beschweren will, kann das später bei Prinzessin Mikata persönlich tun. Und jetzt verschwindet!" die Elfen starrten auf ihren gefallenen Anführer, doch die Aussicht auf das Schicksal als Küchenjungen schien sie weit mehr zu entsetzen als sein rascher, unrühmlicher Tod. Die Philosphie eines Kriegers, dachte ich flüchtig. Nichts ist wichtiger als eine makellose, verdiente Ehre. Und so zögerte keiner der Bogenschützen länger, stattdessen formierten sie sich unaufgefordert wieder in zwei Reihen und stapften mit beinahe fluchtartigen, aber dennoch geordneten Schritten zurück in Richtung Hauptburg. Während ich den Danvonziehenden staunend nachblickte, wurde mir erst klar, was ich da eben gehört hatte. Die Fremde war eine direkte Untergebene von Mikata?! ich drehte mich langsam um und wich einen Schritt zurück. Die Lurikeen verfolgte die Bewegung aus zusammengekniffenen Augen. Ich ballte die Fäuste, doch ich machte mir nichts vor: Würde es zu einer handfesten Auseinandersetzung kommen, hätte ich nicht einmal den Hauch einer Chance. Von der gnadenlosen Präzision des Nachtschattens hatte ich ja eben eine Gratisvorstellung bekommen. "Und jetzt? bin ich schon wieder gefangen?" fragte ich trocken und starrte die andere an. Die Lurikeen hob langsam die Schultern. "Das kommt nur darauf an, wie du dich verhältst, mein Kind. Du kannst ohne jegliche Unannehmlichkeiten mit mir kommen, oder aber auch in Ketten. Deine Entscheidung." Ich entspannte mich nicht. "Und wohin soll ich mitkommen?" fragte ich in unverändertem Ton weiter. "Derzeit bin ich ja richtig gefragt. Sehr gruselig." Irrte ich mich, oder blitzte es in den Augen der Kleinen kurz belustigt auf? sie ließ sich jedoch nichts anmerken, wandte den Kopf und lauschte einen Herzschlag lang. "Wie mir scheint, musst du sogar überhaupt nirgendwo hingehen. Die, die dich erwarten, kommen bereits." Ich folgte ihrem Blick und sah in der Ferne zwei Gestalten im Gleichschritt auf den Nachtschatten und mich zuschlendern. Die eine war klein und schlank und vermutlich ebenfalls ein Lurikeen, die andere konnte ich irgendwie nicht ganz zuordnen: Für einen Elfen war sie zu klein, bulliger und breiter als ein Kelte aber auch wieder kein Koloss von Firbolg. Als ich mich umdrehte, stellte ich verblüfft fest, dass die Lurikeen verschwunden war. Nur einen ganz kurzen Moment dachte ich an Flucht, gab die Idee dann aber auf, noch ehe sie sich wirklich in meinem Kopf materialisiert hatte. Zermürbt, erschöpft und angeschlagen wie ich war, würde ich wohl keine zehn Schritte weit kommen. So ließ ich die Arme baumeln, setzte eine ausdruckslose Miene auf und sah den beiden Fremden gefasst entgegen. Als sie näher kamen, erkannte ich, dass sie beide bodenlange, verhüllende Mäntel mit Kapuzen trugen. Sie waren komplett schwarz gefärbt, ebenso ihre Kleidung. Das verlieh ihnen etwas ungemein Bedrohliches, was von dem völligen Gleichschritt und der Gemächlichkeit, mit der sie sich bewegten, noch unterstrichen wurde. Ich zögerte kurz, ehe ich ihnen mit entschlossenen Schritten entgegen trat- so hilflos im Irgendwo stehend, fühlte ich mich wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank zu tragen gedachte. Als uns nur noch wenige Meter trennten, blieben die beiden Fremden und ich wie auf ein lautloses Kommando hin stehen. Eine Weile betrachtete ich die beiden stumm, doch ein Blick unter ihre Kapuzen blieb mir verwehrt. "Du bist also doch gekommen, Kindfrau," sagte die kleinere der Gestalten endlich. Ich zuckte zusammen. Also doch... "Mikata, ich hätte es mir denken können." sagte ich ausdruckslos. "Was soll dieser ganze Firlefanz? warum jagst du mich wie ein Tier, schickst mir diese albernen Warnungen und...", meine Augen blitzten auf und ich fuhr sie laut an: "...fügst meinen Freunden solches Leid zu?! warum das alles, ich kenne dich nichtmal!" meine Stimme steigerte sich zum Schrei, in dem keine Hysterie, sondern nur echte Wut mitklang. Mikata schlug endlich die Kapuze zurück und schenkte mir einen spöttischen Blick. "Du brauchst nicht so zu brüllen, ich verstehe dich durchaus, wenn du in normaler Lautstärke zu mir sprichst. Überdies hast du nicht ganz Recht, die Warnung stammt nicht von mir. Und auch deine sogenannten Freunde sind mir ehrlich gesagt scheißegal. Frag ihn nach dem Warum," sie nickte ihrem Begleiter zu. Ein leises Gefühl von Unbehagen begann in mir hochzukriechen, doch für den Moment war die ungehemmte Wut stärker. "Mir auch recht. Also? antworte mir!" herrschte ich den Mann an. Dieser schwieg nachdrücklich, drehte mir den Rücken zu und machte eine auffordernde Handbewegung. Ich begriff- ich sollte ihm folgen. Dabei hasste ich nichts mehr, als wenn man eine Frage gefliessentlich ignorierte, vor allem wenn sie wichtig war. Doch vielleicht lag der Schlüssel zu all den Ereignissen ja gar nicht in einfachen Worten, und ich versuchte, meinen Zorn zu bezwingen. Mit einem Ruck drehte ich mich ebenfalls um, ignorierte Mikatas höhnisches Grinsen und folgte dem mysteriösen Fremden, der sich jetzt gemächlich auf einen kleinen Hügel zubewegte, ohne auch nur ein einziges Mal nachzusehen, ob ich ihm denn nun folgte oder nicht. Auf dem Hügel angekommen, deutete er stumm nach vorn und winkte mich heran. Ich gehorchte, und schnappte eine Sekunde später entrüstet nach Luft: Vor mir wuchsen eine kleine Anzahl halb verwitterter Säulen und einstmal weißer, nun mit grünlichem Moos überzogener Marmorbrocken in die Höhe. Und an eine dieser Säulen gefesselt, die Augen geschlossen und halb bewusstlos, hing Athriliath. Der Elf bot einen erbärmlichen Anblick: Das Haar hing ihm wirr ins Gesicht, in welchem die Lippen aufgeplatzt und von vielen Schlägen unschön angeschwollen waren, der Umhang hing zerfetzt um die gebeugten Schultern und der Ringfinger der rechten Hand stand in einem grotesken Winkel nach oben, offenbar hatte man ihn gewaltsam gebrochen. "Oh Bragi...ihr Schweine, was habt ihr getan?" ich stürzte zu ihm, um mich davon zu überzeugen, dass er überhaupt noch lebte. Sein Atem war ein leises Keuchen und er zuckte zusammen, als ich sein Gesicht vorsichtig in beide Hände nahm. "Athriliath, was haben sie mit dir gemacht, hörst du mich?" fragte ich leise, aber eindringlich. Er stöhnte dumpf. "...weg."
    "Ich gehe nicht weg, Athriliath, ich helfe dir. Was ist passiert? wo sind Keena und Brakalu?"
    "L-lauf weg...er wird dich..."
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  2. #32

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    "Nicht wieder einschlafen! Athriliath!" ich widerstand mit Mühe dem Impuls, ihm eine Ohrfeige zu geben- dafür hatte sein Gesicht schon zu viele unliebsame Bekanntschaften gewalttätiger Hände machen müssen. Ich drehte mich wieder um und starrte Mikata und den Fremden an. "Was wird hier gespielt?" fragte ich heiser, meine Augen glühten vor Zorn. "Was, zur Hölle nochmal? sagt es mir!" statt einer Antwort trat Mikata auf den geschwächten Elfen zu, packte seinen gebrochenen Finger und riss daran. Athriliaths Kopf ruckte hoch und er schrie gequält auf. "Na siehst du, für einen Halbtoten hast du noch eine ziemlich laute Stimme," bemerkte Mikata mit einem spitzen Lächeln. Ohne sich um sein schmerzerfülltes Keuchen zu kümmern, schloss sie ihre schmalen Hände nun um seinen kleinen Finger- und brach ihn mit einem kurzen Ruck, der von einem übelkeiterregenden Knacken begleitet wurde. Athriliath schrie nochmals, nun schon schwächer als zuvor. "Hör auf, du Miststück!" gellte ich und wollte mich auf sie stürzen, als mich plötzlich zwei starke Arme von hinten packten und scheinbar beiläufig festhielten. Ich zerrte und strampelte, doch der Fremde war zu stark für mich. "Lass mich los, du Arschloch, nimm deine Dreckspfoten weg!" brüllte ich. Indes ging Mikata in die Hocke und nahm Athriliaths Schwert auf, das halb versteckt hinter einem der Marmorbrocken lag. "Los, du Weichling, nimm es, und führe es ein letztes Mal," sagte sie angewidert. Ich ächzte vor ungläubiger Wut. "Bist du noch ganz dicht? er kann das Ding nicht mal halten!" Mikata lächelte noch immer, während sie sich abermals hinunter beugte und scheinbar mühelos den Schild des Elfen aufhob. "Das ist dann aber bitter für ihn," verkündete sie unbarmherzig. "Selbst wenn man das bei einem heulenden Krüppel wie ihm kaum glauben mag, ist und bleibt er immer noch ein Krieger, und wenn er sich auch als verfluchter Verräter erwiesen hat, so will ich ihm die Möglichkeit, mit wenigstens ein bisschen Ehre aus dem Leben zu scheiden, nicht vermiesen." Ich starrte sie voll echtem Ekel an. "Oh wie großmütig du doch bist, willst du ein letztes Mal die Klinge mit ihm kreuzen, ja? und um ganz sicher zu gehen, lässt du ihn vorher halbtot prügeln. Du bist so eine feige Ratte, es ist...widerlich." Mikata fuhr zusammen, beherrschte sich aber. "Schon wieder falsch, Schlampe," sagte sie geringschätzig. "Ich werde ganz sicher nicht mit ihm kämpfen..." bedächtig sah sie mich an. Ich erschlaffte förmlich im Griff des Schwarzgekleideten, der mich noch immer ungerührt festhielt. "Du glaubst nicht allen Ernstes, dass ich...?!" sie starrte mich weiterhin an, ehe das breite Grinsen auf ihrem Gesicht sich in ein verächtliches Lachen verwandelte. "Oh ja, ich gebe zu, das hätte einen ganz speziellen Reiz, zumal selbst eine Möchtegernheldin wie du dieses Wrack dort besiegen dürfte. Nein, sei getröstet, vielleicht hetze ich dich mal auf diesen Flohbeutel oder den Fisch, aber heute wartet schon jemand anderes darauf, dir sein Können zeigen zu können. Man könnte sagen..." sie leckte sich genüsslich über die Lippen und waidete sich an meinem Gesichtsausdruck, "du bekommst eine ganz private Vorstellung im größten Kolosseum der Welt. Ein netter Zweikampf in Murdaigean. Du solltest dankbar sein." Ich spuckte ihr vor die Füße. "Fahr zur Hölle." Sie schnellte herum und packte mich bei den kurzen Haaren. Schmerzhaft zog sie meinen Kopf zu sich herunter und fixierte mich aus tückischen Augen. "Vielleicht werde ich das, aber wenn es so weit ist, nehme ich dich mit, verlass dich drauf." Als wäre ich eine räudige Hündin, stieß Mikata meinen Kopf wieder von sich und wandte den Blick abermals Athriliath zu. "Was du aus den letzten fünfzehn Minuten deines verräterischen Lebens machst, bleibt dir überlassen, Elf. Du kannst dich in den Dreck werfen und um Vergebung flehen und damit das letzte bisschen Würde wegwerfen, was du noch hast, oder du stirbst im Kampf mit ihm," sie nickte dem Schwarzen zu. Athriliaths Blick flackerte, doch seine Stimme klang trotz Schmerz und Furcht fest: "Ich ziehe einen ehrenhaften Tod einem Leben in Schande und unter deinen Sohlen vor, falsche Prinzessin," sagte er. Mikata fuhr bei seinen letzten Worten merklich zusammen, doch sie hielt sich noch immer erstaunlich ruhig. "Nicht übel. Aber dafür bist du immer noch ein Hibernianer, alles andere hätte mich fast enttäuscht. Mein Herr," sie nickte dem Schwarzen zu, "bedient Euch. Ich wünsche recht viel Vergnügen." Träge stieß mich der Mann von sich. Ich strauchelte, kämpfte einen Moment um die Balance und fiel dann auf den Hintern. Mikata drehte sich blitzschnell zu mir um. "Und wage es nicht, dich einzumischen, Schlampe," sagte sie mit ihrem abstoßenden, strahlenden Lächeln. "Bedenke, in welchem Zustand du dich befindest. Du möchtest ja sicher nicht, dass man dir noch mehr weh tut, hm?" ich konnte sie bloß entgeistert anstarren. Vor Wut fehlten mir sprichtwörtlich die Worte und ich brachte nur halb erstickte Wortfetzen heraus, die die Lurikeen abermals auflachen ließen. Währenddessen war der Schwarze auf Athriliath zugetreten und hatte ihm mit irgend etwas die Fesseln durchtrennt. Der Elf taumelte und wäre beinahe gestürzt, woraufhin der Mann tatsächlich die Arme ausbreitete und ihn auffing. Sofort wich Athriliath zurück und bückte sich nach seinen Waffen, die Mikata ihm großmütig vor die Füße gelegt hatte. Ich hatte für einen Moment das Gefühl, als würde der verhüllende Mantel des Schwarzen kurz zittern- schüttelte er sich darunter etwa vor unterdrücktem Gelächter? der Gedanke machte mich schier rasend und plötzlich brüllte ich ein rauhes Kriegslied und stand ohne weitere Schwierigkeiten oder Schmerzen auf. "Mach ihm Beine, Athriliath. Los, du schaffst das!" sagte ich beinahe zornig. Der Elf schaffte den Anflug eines Lächelns, doch sein gesundes Auge war groß und dunkel vor Erkenntnis. Er nickte nur leicht, hob endlich Schwert und Schild auf und verneigte sich knapp vor dem Schwarzen. Dieser tat es ihm gleich und stürzte sich dann keinen Herzschlag später auf seinen Gegner. Die Waffen, die er zückte, ließen mich für einen Moment in Missklänge ausbrechen: Zwei gewaltige Streitäxte, so sorgsam poliert und geschliffen, dass sie das schwarz des Mantels förmlich aufzusaugen schienen. Ein einziger kritischer Treffer musste reichen, um selbst einen Ochsen zu fällen, und ich spürte, wie mein Magen sich schmerzhaft zusammenzog. Athriliath stolperte zurück und hob den Schild, und mit einem furchtbaren Krachen prallten die beiden Axtblätter auf das Holz. Es knirschte leise, doch es hielt. Ich hielt den Atem an, zum weitersingen fehlte mir die Konzentration. Los doch, du kannst es schaffen, dachte ich inbrünstig und biss mir auf die Fingerknöchel, hau diesen schwarzen Affen aus seiner Rüstung. Doch Athriliath war zunächst nur damit beschäftigt, zurückzuweichen und nicht von den beinahe perfekt geführten Äxten getroffen zu werden. Er parierte mühsam und ich erinnerte mich daran, was er mir über die Begegnung in Thidranki und die Folgen für sein Augenlicht und seinen Arm erzählt hatte. Entsetzt beobachtete ich, wie der Elf vor Schmerzen den Mund aufriss und mehr durch Glück als Können einer weiteren heimtückischen Attacke entging. Ich konnte da nicht zusehen, ich musste helfen! meine Fäuste ballten und entspannten sich und ich hatte die Lippen fest zusammen gekniffen. Würde ich denn überhaupt etwas tun können, oder brachte ich endgültig Schande über Athriliath wenn ich, ausgerechnet ich halbstarke Skaldin, mich in seinen womöglichen allerletzten Kampf einmischte? so rang ich mit mir selbst, während der junge Elf endlich auch angriff: Er duckte sich ungelenk unter einem vernichtenden Schlag, drehte sich in der selben Bewegung herum und stieß frontal mit dem Schwert zu. Ich stieß einen Jubelschrei aus, um eine Sekunde später feststellen zu müssen, dass ich mich anscheinend zu früh gefreut hatte: Der Schwarze schwankte nicht einmal sichtlich und hatte sich sofort wieder in der Gewalt, Athriliath hingegen wirkte, als könne er sich kaum noch auf den Beinen halten. Nochmals bewahrte ihn sein Schild davor, von den zielsicheren Waffen getroffen zu werden, doch dieses Mal war das gefährliche Knirschen schon lauter, und als eine der Äxte gleich darauf wieder auf das Holz prallte, kapitulierte es mit einem berstenden Laut und Athriliath hielt nur noch einen jämmerlichen Rest in der Hand. Er zögerte nicht sondern warf den zerstörten Schild unverzüglich von sich und umklammerte das Heft seines Schwertes mit beiden Händen. Neben mir lächelte Mikata noch immer, ihre Augen leuchteten vor Begeisterung. Ich wandte mich ab, aus Angst, mich übergeben zu müssen. Praktisch im selben Moment geriet Athriliath abermals ins Stolpern, kämpfte vergebens um sein Gleichgewicht und fiel dann mit einem überraschten Aufschrei auf den Rücken. Sofort war der Schwarze über ihm und hielt ihm eine Axt unter die Kehle, die andere über die Brust. Abrupt trat Stille ein, nur gestört von Athriliaths heftigen, keuchenden Atemzügen. Ich wüsste gern, was für ein Gesicht der Schwarze nun wohl machte, als er ganz langsam zurücktrat und die Äxte hob. Auffordernd nickte er Athriliath zu. Der Elf, halb besinnungslos vor Zorn, Schwäche und Scham, sprang in einem plötzlichen Anflug von Kampfeswillen auf, umklammerte sein Schwert und stürzte sich auf den Schwarzen. Dieser spannte sich, wich halb geduckt zur Seite aus und war in der selben Bewegung hinter Athriliath, um ihm dann -ohne weiter zu zögern- die Äxte in den ohnehin verletzten Rücken zu stoßen. Mein Entsetzensschrei vermischte sich gleichzeitig mit Mikatas höhnischem Gelächter. Ich sah aus geweiteten Augen, wie alle Farbe aus Athriliaths Gesicht schwand, wie er mit fahrigen Bewegungen über seine Schultern tastete, wobei er einen Moment vor- und zurückschwankte und nicht imstande war, an die Axtstiele zu gelangen, die unbarmherzig aus seinem viel zu schmalen Rücken wuchsen. Dann schloss er mit einem beinahe ergebenen Seufzen die Augen und abermals trat Stille ein. Mikata sah mich triumphierend an. "Wie sagte ich schon, Kindfrau...wenn du herkommst, wirst nicht nur du dafür bezahlen. Du bist schuld an seinem Tod, denn du hast unsere Worte nicht ernst genommen." Sie lächelte dem Schwarzen zu, der gerade dabei war, die blutigen Äxte, die er dem Elfen aus dem Leib gerissen hatte, mit einem dunklen Lederlappen zu reinigen. Ich betrachtete Mikatas grinsende Visage, ihre boshaft funkelnden Augen und dachte nicht weiter nach: Ruhig, beinahe beiläufig schlang ich einen Arm um Mikatas Kehle und drückte sie nachdrücklich, während meine geballte Rechte genau vor ihrem Gesicht schwebte. Ich wusste genau, dass ich sie jetzt töten könnte. Ich musste nur zudrücken oder ihr präzise die Faust zu spüren geben und sie würde sterben. Die Erkenntnis ließ mich zum ersten Mal ebenfalls lächeln, Mikata hingegen war plötzlich erschlafft und starrte fassungslos den Schwarzen an, der mitten in der Bewegung erstarrt war. "Ich schulde dir eine ganze Menge, Prinzessin," sagte ich. Sie machte einen schwachen Versuch sich zu wehren, und sofort übte ich ein wenig stärkeren Druck auf ihre lächerlich kleine Kehle aus. Sie hielt wieder still. "Ich schulde dir wirklich viel, ganz ehrlich. Du warst mitverantworlich, dass ich monatelang in einem stinkenden kleinen Haus wie ein Tier gehalten wurde, du hast mich gedemütigt, du hast meine Freunde gequält und du hast geholfen, Athriliath zu töten, obwohl er dir nie auch nur einen einzigen Schaden zufügte." Ich sah bedächtig auf sie hinab und konnte spüren, wie sie anfing zu zittern. Ein herrliches Gefühl. Plötzlich sagte der Schwarze: "Mach keinen Unsinn, Llienne. Lass sie lieber los." Ich fuhr zusammen und starrte den vermeintlichen Fremdling an. "Du?" flüsterte ich nur, zu geschockt für weitere Worte. Konnte das wirklich wahr sein?

    Auszug aus einem bösen Spottlied auf die Albioner:

    "Kommt, ihr Leute, kommt gelaufen
    Kommt zu mir in Scharen
    Denn nur für euch, da hab ich hier
    Geschichten ganz besonderer Plagen:
    Ratet mal, wer lieber flieht
    Wenn´s Verhältnis hundert zu vierzehn steht
    Ganz recht, da hab ich auch gelacht:
    Die Albioner in der Schlacht.
    Was glaubt ihr wohl, wer einsam bleibt
    Weil alle Freunde geh´n im Streit
    Da habt ihr Recht, ihr wisst es schon:
    Eine albionische Diskussion..."
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  3. #33

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    "Bist du es wirklich?" fragte ich fassungslos und merkte kaum, wie sich Mikata rasch meinem plötzlich schlaff gewordenem Griff entwand. Der Mann schlug die Kapuze zurück, schüttelte sein rotbraunes Haar und nickte. "Ja doch," sagte er, "und es freut mich auch, dich wiederzusehen, Schwesterchen." Es war tatsächlich mein Bruder Storvag. Ich starrte ihn an, unfähig, auch nur einen Muskel zu rühren. "Aber du..." sagte ich schwach, "wieso in Bragis Namen bist du..." er grinste leicht. "Wieso ich hier bin? das ist eine berechtigte Frage. Ich werde dir alles erklären. Aber hier ist ein ungünstiger Ort." Ich starrte ihn weiterhin unverwandt an. "Storvag," sagte ich langsam, "warum hast du Athriliath getötet? warum?" meine Stimme wurde gefährlich laut. "Was tust du hier?! steckst du mit ihr unter einer Decke? bist du etwa..." ich brach stockend ab. Storvag grinste weiterhin, keine Bösartigkeit sprach aus seinem Gesicht, nur Spott und Belustigung. "Du kannst mich den Herrn von Murdaigean nennen, Schwesterherz. Ich glaube, das trifft es am besten. Ich bin zwar nicht oft mit Mikata einer Meinung, aber in diesem Falle muss ich ihr zustimmen: du warst sehr, sehr dumm. Llienne, meine kleine, süße Schwester...unbelehrbar, eben doch noch eine Kindfrau." Ich taumelte zurück, als hätte er mich geohrfeigt. Fast behutsam legte er einen Arm um meine Taille, zog mich zu sich heran und holte einen winzigen Zierdolch aus seinem Mantel. Ich wehrte mich nicht, mein Schock saß für den Moment zu tief. "Wirst du mich töten?" fragte ich leise. Er schmunzelte und küsste mich auf die Nasenspitze. "Was denkst du von mir, du bist doch meine Schwester. Ich weiß, man hat dir in letzter Zeit oft gegen deinen Willen das Bewusstsein gestohlen, und ich fürchte, nun werde ich auch damit anfangen müssen." Ich sah ihn aus halbgeschlossenen Augen an und machte immer noch keine Anstalten, mich zu wehren. "Warum, Storvag? sag mir das, nur das. Warum?" vorsichtig steckte er sich den Dolch zwischen die Zähne, griff nach meiner Hand und drehte sie um, dass die Fläche nach außen zeigte. "Später, Llienne, später." Mit einem entschuldigenden Lächeln nahm er den Dolch aus dem Mund und fügte mir einen raschen, winzigen Schnitt zu. Es tat nicht weh, trotzdem riss ich die Finger reflexartig zurück. Immer noch entsetzt und mit einem schwer zu beschreibenden Gefühl totaler Enttäuschung erwiderte ich seinen Blick, ehe eine schwere Müdigkeit meine Beine hinaufkroch und sich in meinem ganzen Körper ausbreitete. Es war nach wie vor völlig schmerzfrei und im Gegenteil ein beinahe angenehmes Gefühl: Mein Körper schien meinem Geiste einfach davonzudriften, eine wohlige Wärme ergriff mich und die Welt zog sich in einen sanften Schleier zurück. Ich schlief.

    Etwas klapperte leise, als die Welt sich ein paar Stunden später dafür entschied, den Schleier wieder abzulegen. Oder war ich es, die einfach nur langsam erwachte? ich erinnerte mich an kaum etwas und zu meiner leisen Überraschung stellte ich fest, dass mir absolut nichts mehr weh tat. Mein Kopf fühlte sich frei und leicht an, die Beine vielleicht noch ein wenig zu weich, aber ansonsten ging es mir ausgezeichnet. Und noch etwas fiel mir auf: Meine völlig verdreckte Rüstung -oder das, was zuletzt davon übrig geblieben war- war verschwunden und mit einem bodenlangen Seidengewand vertauscht worden. Einen Moment befühlte ich den fliederfarbenen Stoff neugierig zwischen Daumen und Zeigefinger. Ich hatte sehr selten Stoffkleidung getragen und wenn, dann nur grobe Baumwolle oder Mutters abgetragene Leinenhemden, die ich ob meiner geringen Körpergröße als kurze Kleider hatte nutzen können. Dieses Gewand war an den Hüften und Ärmeln geschlitzt und besaß auf der Brust eine feine, dunkelblaue Stickerei. Auch meine unzähligen winzgen Verletzungen waren nicht nur versorgt, sondern nahezu verschwunden, hier musste ein wahrer Meisterheiler am Werk gewesen sein. Ich fühlte mich, wie ich mir eingestehen musste, wie neu geboren. Doch wo war ich? wieder ertönte ein leises Klappern und ich setzte mich behutsam auf. Nun...ein Zimmer für mich allein und ein geräumiges Bett wären dann wohl des Guten zuviel gewesen, und somit passte ich in meiner feinen Kleidung nicht so ganz in die Kerkerzelle, in welche man mich gesperrt hatte. Der Raum war allerdings auf den zweiten Blick sehr viel komfortabler, als ich zunächst gedacht hatte: Es gab fünf schmale Schlafgelegenheiten in Form von zwei Doppelbetten an beiden Wänden und dem fünften quer dazwischen, ein großes Fenster -vor dem natürlich Gitter hingen- ein winziger Kamin, vor welchem ein paar Felle lagen sowie ein oder zwei schlichte Wandteppiche. Ganz rechts in der Ecke gab es eine kleine, eiserne Tür, die vermutlich den Gang zu einem Abort öffnete. Ja, insgesamt war das kein Vergleich mit den Verliesen, von denen man sonst hörte und in denen die Gefangenen an die Wand gekettet in fauligem Stroh und ihren eigenen Ausscheidungen schlafen mussten. Ich selbst hatte, wie ich feststellte, auf dem fünften Bett geschlafen. Und obwohl die Matratze und Steppdecke relativ dünn waren, hatte ich nicht wenig Lust, mich auf die Seite zu drehen und die Augen erneut zu schließen. Obwohl ich mich eigentlich sehr gut fühlte, fehlten mir in der letzten Zeit bestimmt hundert Stunden Schlaf und allein die Hälfte davon, um meinem für all die Strapazen viel zu jungen Körper ein Geschenk zu machen. Doch jetzt galt es erst einmal, herauszufinden wo ich war. Wieder klapperte es und ich sah mich um, um den Verursacher des Geräusches ausfindig machen zu können. Er trat in Form eines Kobolds auf, der mit einem unförmigen, schwarzen Kleiderhaufen am Kamin saß und Suppe aus einer Schale schlürfte. Ich setzte mich gänzlich auf und hätte mich dem Kobold am liebsten an den Hals geworfen- nach all den Monaten endlich wieder ein Midgarder unter den ganzen Hibernianern! ich beugte mich über das Bett und räusperte mich leise. Der Kobold bemerkte es nicht, sondern schlürfe ungerührt weiter. "Ähm...Entschuldigung," sagte ich höflich. Der Kobold schrak zusammen und sah sich um. "Wer, wo, was? ach, die Neue. Na, wie gehts, ausgeschlafen?" ich zog die Beine an den Körper und schlang die dünne Decke um die Schultern. Trotz des Feuers war mir plötzlich irgendwie kalt. "Mhm," machte ich und nickte fröstelnd. Der Kobold klopfte einladend auf ein Schafsfell neben sich. "Magst mir nicht ´n bisschen Gesellschaft leisten? deine Suppe haben sie leider schon wieder mitgenommen, hast ja auch gepennt wie ´ne Leiche, aber ich geb dir was ab, wenn du willst." Ich schmunzelte, irgendwie war mir der andere auf Anhieb sympathisch, und das nicht nur, weil er ein Midgarder war. "Gern," nickte ich und ruschte vom Bett. Tatsächlich fühlten sich meine Beine an wie Pudding, und ich griff hastig nach der Bettkante, um nicht einfach zusammenzusacken. "Hey, hey, alles in Ordnung?" fragte der Kobold erschrocken, sprang auf und legte seinen Arm um meine Schultern. Dass er sich dafür auf die Zehenspitzen stellen musste, sah ungemein komisch aus und ich kicherte leise. Der Kobold blinzelte verstört und ich winkte ab, noch immer glucksend. "Ja...ja, ja, alles in Ordnung, es liegt wohl nur noch an den Nachwirkungen des..." und plötzlich verloren sich meine Worte in einem hilflosen Schluchzer. Sämtliche Erinnerungen der vergangenen Stunden waren schlagartig zurückgekehrt, und ich fühlte mich elend. Athriliath war von meinem eigenen Bruder umgebracht worden, ich war seine Gefangene und gackerte in seinem Kerker wie ein kleines Kind. Unfassbar. "Schon gut," sagte ich, noch immer weinend, "es ist nicht Eure Schuld..." in den anderen Betten bewegte es sich und ich erkannte erschrocken, dass der Kobold und ich nicht allein waren. Und bei wem es sich um die Mitgefangenen auch handeln mochte, ich hatte ihre Ruhe gestört- sowas konnte einem im Gefängnis schlecht bekommen. Der Kobold bemerkte meinen Gesichtsausdruck und winkte beschwichtigend ab. "Die sind alle ganz in Ordnung, auch wenns Albs und ´n Hibbi sind. Mach dir keinen Kopf drum, Wuff hat die auch schon oft genug geweckt und ich hab keinen Ärger bekommen." Ich blinzelte irritiert. Wuff? ein ziemlich komischer Name für einen Kobold. Der andere schien den Gedanken förmlich aus meinem Gesicht zu lesen, denn er grinste noch breiter. "Nein, nein, mein Name ist Nipitas. Das hier ist Wuff," er deutete auf seinen Kleiderhaufen. Ich starrte ihn an. Doch urplötzlich begann das Knäul, sich zu bewegen und ich riss verblüfft die Augen auf: Was ich erst für einen Berg verfilzter Fellkleider gehalten hatte, entpuppte sich jetzt als der wohl hässlichste Köter aller Zeiten. Das Viech schien mehr Wolf als alles andere in sich zu haben, doch fehlte ihm jegliche Schönheit oder Anmut dieser wilden Tiere. Es hatte ein pechschwarzes, zotteliges Fell, krumme X-Beine und einen viel zu buschigen Schwanz. Die rosafarbene Zunge hing ihm aus dem Maul und es hechelte unentwegt. "Öhem," machte ich endlich, was mir in dem Moment doch noch als relativ einfallsreich erschien. Der Kobold war also ein Jäger und Wuff war sein Gefährte und Beschützer. Nipitas grinste stolz, strich sich über seinen spärlichen, dunkelbraunen Bart und streichelte Wuff. Dieser stieß einen einzigen Heulton aus und schnappte nach Nipitas' Hand. "Meine Güte, kannst du das Vieh nicht endlich ruhig stellen?" brummte plötzlich ein Frauenstimme. Ich wandte den Kopf und blickte zu meiner Überraschung in das verstimmte Gesicht einer Inconnu, die im rechten Hochbett geschlafen hatte. Außer Brakalu hatte ich noch nie einen Inconnu gesehen und war mir sicher, dass sie sich irgendwie alle ähnlich sein müssten -ein Fehler, den am Anfang jeder macht, wie ich später erfuhr- doch dem war ganz und gar nicht so. Die Augen der Inconnu waren genauso schwarz wie die von Brakalu, aber ihr Haar sehr viel kürzer, dunkelbraun und mit kunstvoll an den Kopf angeflochtenen Zöpfen durchzogen. Insgesamt wirkte ihre Gestalt ein wenig zarter, das Gesicht offener und feiner und jetzt huschte ob meines offensichtlichen Staunens sogar ein flüchtiges Lächeln über ihre Lippen. "Ist was?" fragte sie, doch es klang weder aggressiv noch herausfordernd. Ich schüttelte mit einiger Verspätung den Kopf. "Ihr habt mich nur gerade an jemanden erinnert," sagte ich und konnte ein tiefes Seufzen nicht unterdrücken. "Einen Freund von mir, der Eurem Volk angehört." Die Inconnu runzelte überrascht die Stirn. "Eine Midgarderin schließt Freundschaft mit einem Albioner? höchst merkwürdig." Ich stellte beiläufig fest, dass die Inconnu nicht nur sehr viel redseliger als Brakalu war, sondern auch die Gemeinsprache um einiges besser beherrschte, man hörte beinahe überhaupt keinen Akzent hindurchsickern. Sollte ich den Kleinen wiedersehen, werde ich ihm von ihr erzählen, dachte ich resigniert. Ehe ich antworten konnte, regte es sich in dem Bett unter der Inconnu und ein dunkelhaariger, noch recht junger Mann schälte sich aus seinen Decken. "Der Krieg schafft die seltsamsten Freunde, Jerali. Das weißt du doch auch gut genug. Und wir bilden hier ja schließlich auch keine Ausnahme, was, Nipitas?" er winkte dem Kobold zu, der den Gruß mit einem breiten Grinsen erwiderte. Meine verwirrung wuchs mit jeder Minute. Der Mann schwang die Beine aus dem Bett, stand auf und streckte sich ausgibig. Er hatte dichtes, schwarzes Haar und einen sorgsam gestutzen Bart, der ihn noch ein paar Jahre älter machte, als er wahrscheinlich war. Das Lächeln, das er mir schenkte, war durch und durch freundlich. "Aber ich finde, wir sollten uns alle einmal vorstellen. Mein Name ist Gindar, Ordensbruder im Reiche Albion und seit neuestem irgendwie Feind von niemandem mehr," er warf der Inconnu einen kurzen Blick zu und beide mussten schmunzeln. Die Inconnu sprang behende aus dem Bett, setzte sich unaufgefordert neben mich und wärmte ihre Hände am Feuer. "Tja, mein Name ist Jerali, Nekromantin von Albion und auf der glücklosen Suche nach meinem Mündel." Ihre Züge verhärteten sich. Ich legte kurz die Hand aufs Herz und senkte den Kopf. "Mein Name ist Llienne." Gindar setzte sich ebenfalls, und wir mussten ein wenig zusammenrücken. "Tja, und welche Geschichte hast zu du erzählen?" fragte er und fiel sich gleich danach selbst ins Wort: "Und wieso zum Henker haben die Pfeifen unsere Suppe wieder mitgenommen, ich komme bald um vor Hunger!" Nipitas grinste und schlürfte nachdrücklich. Gindar hob die Braue, murmelte etwas, das nach 'Gehässiger Schlumpf' klang, und wandte sich mir wieder zu. "Entschuldige." Ich winkte knapp ab. "Meine Geschichte ist eh unrühmlich," sagte ich lustlos. Gindar sah mich neugierig an, drängte mich aber nicht. Jerali rieb nachdrücklich die Finger über dem Feuer. "Ich glaube, da bist du nichts Besonderes," unkte sie. "Gindar und ich haben uns auch gründlich in die Nesseln gesetzt. Wir sind hergekommen, um unseren Freund zu suchen. Der Kleine ist gleichzeitig mein Mündel und ich hab ihm eigentlich noch nicht erlaubt, alleine in den Kampf zu ziehen." Ihre Fingerknöchel knackten leise, als sie die Fäuste ballte. Ich zog die Decke ein wenig höher. Mehr aus Höflichkeit fragte ich: "Wer ist denn dieses Mündel?" sie seufzte tief. "Wenn sie ihn getötet haben, werde ich diese Festung in Schutt und Asche legen, das schwöre ich. Sein Name ist Brakalu." Ich fuhr leicht zusammen und starrte sie an. "Oh," sagte ich langsam, "ich glaube...dann dürfte euch meine Geschichte vielleicht doch interessieren."
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    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  4. #34

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    Es fiel mir nicht sonderlich schwer, einen geeigneten Anfang zu finden. Ich berichtete, wie ich mit einer Freundin nach Dun Abermenai aufgebrochen war, wie Brakalu uns angegriffen hatte, von seiner Überwältigung und der anschließenden Gefangennahme durch hibernianische Bogenschützen. Ich erzählte auch von dem unglaublichen Angebot, das uns der alte Lurikeen gemacht hatte und wie ich schließlich dazu gekommen war, es doch anzunehmen. Über Zaphykel, Mikata, die Flucht durch die Nacht, den abscheulichen Murgar und letztlich der Kampf in der Teleportfestung, wo man uns getrennt hatte. Jerali ballte, während ich leise sprach, die Fäuste und hatte mich auch ein- oder zweimal aufgebracht unterbrochen -"Dieses Viech wollte ihn fressen?!"- und als ich endlich schwieg, war sie gar aufgestanden und betrachtete mich mit mühsam unterdrücktem Zorn. "Dann seid ihr beide, du und diese Valkyn, schuld daran, dass er jetzt vielleicht tot ist!" zischte sie und ihre schwarzen Augen glitzerten gefährlich. Gindar drückte ihren Arm herunter und schüttelte mahnend den Kopf. "Gemach, Jera. Wie hättest du gehandelt? unsere Reiche sind nach wie vor verfeindet, was hätten sie tun sollen? außerdem hat Braka die beiden angegriffen und nicht umgekehrt." Sie schnaubte, entspannte aber die Faust wieder. "Pah!" ich senkte tief den Kopf. "Ich wünschte, ich wäre nie nach Aegirham gegangen," sagte ich leise. "Dann wäre das alles nicht passiert." Gindar betrachtete mich mit schwer deutbarem Blick, doch Jerali schnaubte abermals. "Jammer nicht, es ist aber passiert. Alles. Und ich gedenke nicht, hier noch einen Tag länger zu schmoren." Wütend sprang sie auf und stieß dabei Nipitas an, der seine Suppe verschüttete und diese versehentlich auf Wuff spritzte. Der Wolfshund jaulte erneut und schnappte nach Nipitas' Bein. "Hey, hey, hey, mal vorsichtig hier!" quietschte der Kobold erschrocken und zog rasch das Bein zurück. Jerali drehte sich einmal um die eigene Achse und seufzte voller Inbrunst. "In welchem Sauhaufen bin ich hier nur gelandet." Gindar erwiderte meinen leicht hilflosen Blick gelassen und hob die Schultern. "Sie ist verständlicherweise ein bisschen gereizt. Brakalu ist fast wie ihr eigenes Kind und außerdem kann sie so enge Räume schlecht vertragen." Die Inconnu warf ihm einen drohenden Blick zu. "Pass lieber auf, mein Freund, sonst zeig ich dir, was du schlecht vertragen kannst." Gindar verdrehte die Augen, lächelte aber leicht und ließ sich ergeben zurücksinken. Im selben Moment regte es sich auch im letzten Bett, und ein junger, reichlich abgemagerter Elf schälte sich aus den dünnen Laken. Mit großen, dunklen Augen musterte er unsere Gesichter. Schließlich deutete er mit dem Kopf auf mich. "Wer ist das?" der Klang seiner Stimme ließ mich schaudern. Müde, abgekämpft und zugleich schrill, beinahe ängstlich. Um nicht zu sagen wahnsinnig. Gindar und Jerali wechselten einen kurzen Blick, und nur Nipitas schien als Einziger völlig unerschüttert zu sein. Ungnädig leckte er sich die suppenfeuchten Finger ab und schaute auf die Lache, die sich auf dem Fußboden ausgebreitet hatte. "Das ´s Llienne," teilte er großzügig mit. Der Elf starrte ihn verständnislos an, und Nipitas zuckte die Schultern, die verschüttete Suppe beschäftigte ihn mehr als seine neue Zellengenossin. Gindar verschränkte die Arme vor der angezogenen Knien. "Auf dass ihr euch auch kennen lernt...Llienne, das ist Feeyas, seines Zeichens Waldläufer. Feeyas, das ist die Schlachtensängerin Llienne." Ich wusste nicht so recht, was ich darauf erwidern sollte und nickte nur sparsam. Feeyas hingegen grinste breit und ein wenig kindlich. "Fein. Dann wird es hier vielleicht ein wenig lauter. Ich mag die Stille nicht, musst du wissen. Sie macht einem immer so unfreundlich klar, dass man allein ist und nicht wieder fort kann. Irgendwann fängt sie sogar an, dich zu verspotten. Das ist...ganz entsetzlich..." seine Stimme verlor sich, und ich warf Gindar einen erschrockenen Blick zu. Der Ordensbruder legte dem plötzlich heftig zitternden Hibernianer beruhigend die Hand auf die Schulter. "Ist ja gut, Feeyas," sagte er leise. "Wir wollen uns bemühen, dass es nicht leise wird. In Ordnung?" der Elf starrte ihn angstvoll an und konnte nur nicken. Meine Güte, dachte ich bestürzt. Was ein paar dunkle Wände und Gitter aus einem Mann machen können. "Wie lange seid Ihr schon hier?" fragte ich ungeschickt, darum bemüht, das seltsame Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Der Elf warf das dunkelgrün schimmernde Haar zurück und stieß einen tiefen Seufzer aus. "Exakt seit dem Tag, an dem die Herrin Brigit entführt wurde. Weh, weh! das ist Hibernias Strafe. Ein falscher König auf dem Thron hat Dana erzürnt und nun müssen wir dafür bezahlen. Ich kann seit vier Jahren den Wind und die Wälder nicht mehr spüren...ich will hier raus!" er hämmerte mit den Fäusten auf die Matratze ein. Jerali warf Gindar einen flehenden Blick zu, und dieser griff abermals und mit mehr Nachdruck nach den Schultern des leise wimmernden Elfen. "Feeyas, reiß dich zusammen," sagte er ruhig. "Wir wollen alle heim, aber es nützt uns gar nichts, wenn wir darüber den Kopf verlieren."
    "Wir kommen nicht heim. Vorher wird er uns töten. Er wird uns töten!"
    "Das wird er nicht."
    Ich neigte den Kopf und wandte mich flüsternd an Jerali. "Wovon, zum Teufel, spricht er?" die Nekromantin erwiderte ebenso leise: "Er meint den Führer der Rebellen. Den sogenannten Herrn Der Blutigen Drei." Ich zog die Augenbraue in die Höhe. Der Herr Der Blutigen Drei...das klang mir einfach zu sehr nach einer zu oft gelesenen oder gesungenen Geschichte, als dass ich so etwas wie Beunruhigung empfinden konnte. Tatsächlich hörte es sich fast schon ein wenig lächerlich an. Feeyas war da offenbar anderer Meinung, denn er verstummte schlagartig und seine Augen weiteten sich entsetzt. "Ihr...sprecht über ihn?" rückwärts wich er bis an die Wand zurück, als fürchte er, wir hätten eine todbringende Krankheit. Nipitas sah ob der kurzen Stille verwirrt auf, seine Hand ruhte in der kalt werdenden Suppe. "Ist was?" fragte er. Feeyas schlang die Arme um die Knie und wippte sachte vor und zurück, sein Blick wurde abwesend. Gindar ließ von ihm ab und setzte sich wieder auf seinen Platz. "So ist er nicht immer," sagte er mit gedämpfter Stimme, wobei er dem verstörten Waldläufer noch einen kurzen Blick zuwarf. "Aber die Gefangenschaft ist ihm nicht gut bekommen." Ich nickte nur und legte Wuff geistesabwesend die Linke auf den Kopf, um ihn zwischen den Ohren zu kraulen. Der Wolfshund brummte leise und ließ es sich huldvoll gefallen. "Dieser Herr Der Blutigen Drei...wer ist das? seit meiner Gefangenschaft in Hibernia wollte der König nur eins von uns, nämlich dass wir nach Murdaigean reisen und eine Verschwörung aufdecken. Ich jage irgendetwas oder irgendwem hinterher und habe überhaupt keine Ahnung, was hier gespielt wird. Andauernd macht irgendwer eine zweifelhafte Bemerkung oder versichert mir, dass ich alles später erfahren werde. Aber es kommt nie etwas. Ich will jetzt endlich Klarheit." Jerali griff sich ein schweres, schwarzbraunes Fell und legte es sich über den Schoß. Auffordernd nickte sie Gindar zu. "Die letzten Male hab ich erzählt, jetzt bist du dran." Ich sah den Ordensbruder erwartungsvoll an, und der junge Mann spielte bedächtig mit den Fingern, sein Blick hing an den träge flackernden Flammen.
    "Eine Verschwörung ist es zweifellos, und gleichzeitig ein Verrat, wie ich ihn mir unverschämter nicht vorstellen kann. Die Geschichte ist allerdings sehr lang und nimmt ihren Anfang mit der letzten Königin Hibernias." Ich nickte auffordernd. "Wir haben Zeit." Gindar lehnte sich noch ein wenig weiter zurück, räusperte sich und begann. "Den größten Teil meines Wissens habe ich auch nur aus dem, was mir andere erzählt haben. Es ist wohl so, dass in Hibernia derzeit die Hölle los ist. Die rechtmäßige Reichsvertreterin ist seit einiger Zeit spurlos verschwunden und ihre Berater haben sich über sämtliche Wünsche und Vorschläge des Hofes und Volkes gestellt und einen unrechtmäßigen Mann auf den Thron gesetzt. Wie ich mitbekommen habe, hast du ihn ja gut genug kennen gelernt." Ich knirschte mit den Zähnen und nickte schweigend, um ihn nicht zu unterbrechen. "Über den Verlauf der Dinge waren wohl einige nicht ganz unbedeutende Personen alles andere als erfreut und entschlossen sich spontan, dem nicht akzeptierten König abzuschwören und ihre eigenen Ränke zu schmieden. Und jetzt kommen wir zum delikaten Teil." Er beugte sich vor, seine dunklen Augen blitzten. "Da so ein kleiner Haufen von Rebellen schwerlich gegen ein gesamtes Reich bestehen kann, blieb ihnen nur ein Ausweg: sie verbündeten sich mit Verrätern aus Albion und Midgard. Es gibt immer irgendwen, dem die Regierung oder die regierende Person nicht gefällt, da stand Hibernia nicht alleine da. Sie versammelten sich klammheimlich im Vorposten Murdaigean, der aus nach wie vor unbekannten Gründen schon seit längerer Zeit unbeachtet blieb, und dort hielten sie lange Beratungen, planten für die Zukunft und einigten sich darauf dass sie, wenn ihre Zahl größer und ihre Position sicherer geworden war, auch in der Öffentlichkeit auftreten würden. Dafür zu sorgen, dass ihnen in Murdaigean niemand auf die Schliche kommen würde, war dann kein großes Problem mehr. Jedes Reich säte Angst unter seinen Landsmännern und festigte den Glauben mit dem ein oder anderen Meuchelmord oder dem spurlosen Verschwinden ganzer Gruppen." Ich nickte langsam und dachte an das, was Zaphykel mir erzählt hatte. Allmählich wurde mir so einiges klar.
    "Dieser Lurikeenkönig ist also unrechtmäßig auf den Thron gekommen und jetzt arbeiten seine eigenen Leute gegen ihn? was für eine Ironie des Schicksals." Gindar lächelte zynisch. "Ich würde das mit weit weniger Humor sehen. Was meinst du, warum die Kerker hier so gut gefüllt sind? das sind überwiegend alles tapfere Leute, die allen Warnungen zum Trotz nach Murdaigean reisten, um sein Geheimnis zu lüften. Und man hält sie hier so lange wie Vieh gefangen, bis sie ihren Widerstand aufgeben und sich den Rebellen anschließen. Viele tun es, andere bleiben bis zuletzt standhaft. Na ja und andere..." er warf einen schnellen Blick zu Feeyas, der von dem Gespräch scheinbar nichts mitbekommen hatte. Ich krallte die Hände in mein Kleid und starrte in die Flammen. "Und mein werter Bruder hat es offenbar sogar zu ihrem Anführer gebracht. Die Tochter des hibernianischen Königs nannte ihn ihren Herrn. Wie konnte er nur...so tief sinken." Gindar berührte flüchtig meinen Unterarm. "Das muss schrecklich für dich sein, aber du hast doch keine Schuld daran." Ich sah auf, meine Augen verdunkelten sich vor Zorn. "Ich rechne mit ihm auf meine Weise ab. Da gibt es auf jeden Fall noch etwas, was ich ihn unbedingt fragen muss." Der Ordensbruder sah mich gespannt an, und ich erzählte ihm vom sehr seltsamen Verhalten Storvags gegenüber meinem jüngeren Bruder Lars. Gindar nickte bedächtig. "Das sollte dein Hauptanliegen sein. Deinen kleinen Bruder vor diesem Mann zu beschützen. Was immer ihn vorwärts treibt, euer Bruder wird da vermutlich noch eine tragende Rolle spielen." Unerwartet mischte sich Jerali in das Gespräch ein, ihre Stimme klang hitzig: "Wo wir gerade bei beschützen sind...hast du inzwischen eine Idee, wie wir hier rauskommen? ich will endlich Brakalu zurück haben und aus diesem dreckigen Loch raus." Sie warf ihr Fell angewidert von sich und stand auf. Gindar wollte etwas erwidern, doch das Geräusch von schweren Schritten, die sich langsam unserer Zelle näherten, ließ ihn verstummen. Ich sah auf und gewahrte einen hageren, rothaarigen Mann in den Farben Midgards. "Sind die anderen jetzt wach?" brummte er und hob ein Holztablett, auf dem sich vier kleine Schüsseln voll dünner Suppe befanden. Ich betrachtete ihn und hatte urplötzlich eine ganz und gar unschickliche und vermutlich völlig unsinnige Idee. "Ja, wir sind wach," antwortete ich mit samtener Stimme, erhob mich und stolzierte zur Tür. Der Wärter betrachtete mich argwöhnisch, ging in die Hocke und stellte das Tablett ab. Ich sah ihm lächelnd zu. "Was grinst du so unverschämt?" fragte der Mann gereizt, offenbar war er abgestumpfte oder zornige Gefangene gewöhnt. Ich hob andeutungsweise die Schultern. "Ich habe so lange keinen stattlichen Midgarder mehr gesehen, da konnte ich nicht anders, als Eure Gestalt zu bewundern. Vergebt mir." Der Mann fummelte an seinem Gürtel, an dem ein schwerer Schlüsselbund hing. Er brummelte irgendetwas in seinen Bart und schloss grimmig die Zellentür auf. Ungnädig nickte er auf das Tablett. "Da, heb du es auf." Ich trat folgsam näher, ehe ich plözlich einen halb überraschten, halb schmerzerfüllten Laut von mir gab, das Gleichgewicht verlor und beinahe graziös auf den kalten Boden fiel. Der Wärter fluchte und trat in die Zelle. Wenn er wohl auch zu den Männern gehörte, die die Gefangenen bestenfalls als lästige, kostspielige Maden ansahen, so hatte er seine Befehle. Und ein verletzter Gefangener war für die Rebellen nicht nützlich, sollte er sich doch noch besinnen und die Seiten wechseln.
    *Feder und Tintenfass reich*

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  5. #35

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    "Was hast du?" knurrte er unwirsch, ging neben mir in die Hocke und berührte mich an der Schulter. "Au, ich glaube, ich habe einen Krampf. Ich kann das Bein kaum bewegen," sagte ich mit leidener Stimme und hob den Seidenstoff hoch, um es ihm zu zeigen. Der Mann war Midgarder und hatte ein gehöriges Maß an Selbstbeherrschung- so etwas lernte man im rauhen Norden schon im Kindesalter. Doch er war dennoch nur ein Mann und wohl schon ein paar Monate zu lange in diesen düsteren, freudlosen Gewölben, ging es mir sarkastisch durch den Kopf. Seine Augen begannen jedenfalls leicht zu schielen, er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Ich sah ihn einen Moment lang schweigend an, ehe mein Fuß urplötzlich hochruckte und mit einem nachdrücklichen Laut gegen sein Kinn schlug. Der Mann ächzte und fiel auf den Rücken, sein Kopf landete mit einem neuerlichen Rumms auf dem Tablett mit den Suppenschalen. Für den Moment war es absolut still, ehe ich mit einem triumphierenden Lächeln zu seiner gefällten Gestalt hinüber robbte und ihm die Schlüssel entwand. "Will jemand mitkommen?" fragte ich und stand auf. Jerali trat näher und bedachte den Bewusstlosen mit einem faszinierten Blick. "Und das in deinem Alter!" stellte sich nüchtern fest. Nipitas grinste breit. "Ich glaub, ich sollte auch Gefängniswärter werden. Spezialisiert auf Frauen mit Beinkrämpfen!" ich hob eine Augenbraue und scharrte demonstrativ mit dem Fuß, was sein Grinsen noch ein wenig breiter werden ließ. Indes sprach Gindar leise auf Feeyas ein, der überhaupt nicht zu begreifen schien, was soeben geschehen war. Furchtsam betrachtete er den ohnmächtigen Nordmann und ließ sich nur widerstrebend in richtung Zellentür ziehen. "Das geht nicht gut, oh das geht niemals gut," sagte er nervös. Jerali trat mit großer Umsicht auf den Bewusstlosen und strich sich einen ihrer Zöpfe hinter das Ohr. "Was haben wir denn zu verlieren," sagte sie schroff. "Du kannst dich ja wieder ins Bett legen und weiterjammern." Die Aussicht schien dem Elfen noch weit weniger zu behagen, und er klammerte sich erschrocken an Gindars Arm. Ich betrachtete den Nordmann einen Moment und sah dann an meinem feinen, im Falle eines Kampfes völlig untauglichen Kleid hinab. "Dreht euch doch mal kurz um," bat ich und begann sogleich, die Arm- und Beinschienen des Wärters zu lösen. Gindar sah mich fast entgeistert an, doch Jerali kniete sich unverzüglich neben mich und half mir. "Da haben wir es wieder einmal," sagte sie spöttisch und warf Gindar, Nipitas und Feeyas einen gutmütigen Blick zu. "Männer verkraften wirklich weit weniger als Frauen."
    Kaum drei Minuten später lag der beinahe bemitleidenswerte Nordmann in einer Ecke der Zelle, wo man ihn nicht auf den ersten Blick sehen würde. Und gefesselt, geknebelt und im tiefsten Schlafe würde er wohl auch in absehbarer Zeit noch nicht Alarm schlagen. Seine Kleider waren mir selbstredend zu groß und auf die Stiefel hatte ich verzichtet, ganz einfach deshalb, weil sie schon im Falle von eventuellen Kletter- und Fluchtaktionen zu einer echten Behinderung oder gar meinem Verhängnis werden könnten. Soweit, so gut. Doch mein Handeln war eher eine spontane Idee gewesen und nun hatte ich keine Ahnung, wie es weitergehen wollte. "Lasst uns Brakalu und meinetwegen deine geliebte Valkyn suchen und dann von hier verschwinden," zischte Jerali und sah sich nicht zum ersten Mal unbehaglich um. Es musste sicher bald jemand vorbei kommen, schon allein deshalb, weil man den Wärter vermisste. Ich nickte langsam. "Ja. Und die anderen Gefangenen lassen wir auch frei." Gindar riss die Augen auf, und Jerali schnappte nach Luft. "Was? alle?" ich nickte irritiert. "Natürlich, die schmoren hier genauso unschuldig, oder?" die Inconnu schüttelte den Kopf. "Ja, aber...stimmt, natürlich tun sie das, aber hast du eine Ahnung, wie lange das dauert? und vor allem...das schaffen wir definitiv nicht unbemerkt!" ich stampfte leicht mit dem Fuß auf. "Dann sollen sie es halt bemerken. Die Gefangenen werden sicher gern bereit sein, für ihre Freiheit zu kämpfen. Und wie du sagtest," ich nickte Gindar zu, "es sind überwiegend tapfere Krieger. Die Rebellen können es ja gerne versuchen, es mit allen aufzunehmen. Also, noch jemand Einwände?" niemand widersprach. Ich nickte erleichtert. "Nipitas, es wäre wohl besser, wenn du voran gehst." Der Jäger warf sich in die Brust und salutierte zackig. "Logo, mach ich gern. Wuff, gib mir Rückendeckung." Der Wolfshund knurrte ungehalten, und Nipitas setzte sich eilig in Bewegung.
    Wir befanden uns offenbar im Keller, denn über uns erklangen mehrmals gedämpfte Schritte und jedes Mal sahen wir uns hektisch nach einem Fluchtweg um. Aber für den Moment blieb das Glück unser Verbündeter- es schien heute keine Neuzugänge zu geben, die Gefangenen hatten ihre Mahlzeiten bekommen und somit bestand für die Aufseher erst einmal kein Grund, in die kühlen, nach abgestandener Luft riechenden Gewölbe hinunter zu gehen. Die erste Zelle, an die wir traten, war weitaus weniger luxuriös als die, die ich mir mit den anderen geteilt hatte. Statt Betten gab es hier nur zwei unordentliche Haufen zerwühltes Stroh. Die Zelle war leer, doch es war anzusehen, dass sie bis vor kurzem noch einen Gefangenen beherbergt hatte: neben dem Lager stand eine halbvolle Schale mit noch frischer Suppe und im Stroh zeichnete sich grob der Umriss eines Menschen ab. Wir schlichen weiter und kamen bald darauf an eine weitere, kleinere Zelle. Nipitas bedeutete uns mit einer knappen Handbewegung, zu warten und trat an die Gitter heran. "Pssst, seid Ihr wach?" ich hörte ein leises Rascheln und eine sehr misstrauische Männerstimme: "Wer seid Ihr und was wollt Ihr?" Nipitas nickte uns zu und ich stellte mich neben ihn, um einen Blick auf den Insassen erhaschen zu können: es war ein junger Nordmann, etwa so alt wie Gindar, aber ein gutes Stück größer und muskulöser. Er hatte hellblondes, recht langes Haar und einen gleichfarbigen Bart, der von zwei kurzen, geflochtenen Zöpfen geschmückt wurde. Seine Augen verengten sich argwöhnisch, als er unsere kleine Gruppe betrachtete. "Bei Modis Eiern, was wird hier gespielt? meine Antwort lautet nein, also schert euch zum Teufel." Ich sah mich nervös um, der Nordmann hatte ziemlich laut gesprochen. "Seid etwas leiser, bitte. Wir sind keine Rebellen, man hat uns hier ebenso eingesperrt wie Euch, aber wir konnten entkommen." Der Blonde hob zweifelnd die buschigen Brauen. "Und wie habt ihr," das Wort betonte er leicht spöttisch, "geschafft, was anderen wackeren Männern nicht gelungen ist?" Jerali bedachte den großen Nordmann mit einem spöttischen Blick. "Manchmal braucht es eben nicht nur die pure Muskelkraft, Berserkerchen." Der junge Mann knurrte drohend. "Pass auf, dass ich dir nicht zu spüren gebe, wie wenig Muskelkraft ich für dich brauche, Fischgesicht." Jerali schnappte empört nach Luft. "Gehen wir weiter, soll dieser Tölpel hier bis zum jüngsten Tag hocken, das ist doch..." ich schnitt ihr rasch das Wort ab. "Wir werden von hier fortgehen, wenn nötig mit Gewalt. Und wir wollen niemanden zurücklassen. Im Gegenteil...wenn es zum Kampf kommen sollte, brauchen wir jedes Paar Hände. Was ist? wollt Ihr als Midgarder noch einen Tag länger hier gefangen sein, oder nach Hause zurückkehren und Euch irgendwann im Namen aller Milesier rächen?" der Blonde lauschte meinen Worten mit leicht gesenkten Kopf. Als ich geendet hatte, war er aufgesprungen und an die Gitter getreten. "Bei Modi, nein. Ich hab diesen Schweinestall hier satt. Holt mich hier raus und ich werde Euch meine Hände und meine Muskelkraft," er warf Jerali einen kurzen Blick zu, "gerne zur Verfügung stellen." Ich nickte und löste die Schlüssel vom Gürtel. Es dauerte nur einen kurzen Moment und der Mann war frei. "Endlich," brummte er. "Ich hab diese elenden Wände schon fast näher kommen sehen. Ah ja...mein Name ist Vewo, Berserker aus Galplen." Wir stellten uns der Reihe nach vor und setzten unseren Marsch fort, wobei wir dem getarnten Nipitas in einem großzügigen Abstand langsam folgten. Der düstere Gang wurde allmählich heller und die Geräusche der Oberwelt lauter. Meine Zweifel kehrten nun langsam auch zurück. Bisher hatten wir beinahe unverschämtes Glück gehabt, schon angefangen bei der grenzenlosen Dummheit des Wärters. Doch wie lange würde es uns hold bleiben?
    Auf dem Weg waren wir an viele weitere Zellen gekommen und zu meinem Unverständnis und auch Schrecken hatten sich längst nicht alle Gefangenen bereit erklärt, uns zu folgen. Im Gegenteil- unsere Zahl war bedenklich klein und ein paar der Befreiten zogen es nach langem Hin und Her tatsächlich vor, freiwillig wieder in ihre Zellen zurückzukehren. Jerali packte einen weißhaarigen Inconnu voller Ärger am Arm und riss ihn zurück. "Bei Arawns Meute, was soll das werden? du bist frei und kannst es vielleicht schon bald für immer sein, aber ein bisschen musst du uns schon dabei helfen! was ist nur los mit dir? mit euch allen?!" der Inconnu machte sich rasch los, starrte uns angstvoll an und antwortete in einer schnellen, melodisch klingenden Sprache von der ich kein Wort verstand. Gindar neigte den Kopf. "Er sagt, er glaubt nicht, dass wir Erfolg haben. Tatsächlich ist er noch nichtmal sicher, ob er uns vertrauen kann. Und ehe er das Risiko eingeht, dass sie ihm zur Strafe ein Auge ausbrennen, bleibt er lieber gleich hier. Denn wir werden das sowieso nicht schaffen." Ich lauschte ihm sprachlos und wandte mich an den Inconnu. "Ist das wahr?" doch der Kleine wich hastig zurück, vollführte eine rasche Handbewegung -vermutlich ein albionisches Schutzzeichen- und verkroch sich wieder in seiner Zelle. Vewo grunze ärgerlich. "Albioner!" Jerali warf ihm einen flammenden Blick zu. "Es waren auch genug Nord-Barbaren, die die Hosen voll haben, mein Junge!" Vewo hob drohend die Faust und Gindar drängte sich rasch zwischen die Streithähne. "Verdammt nochmal! geht das nicht noch ein bisschen lauter?! schlimm genug, dass die Leute hier nicht mit uns gehen wollen, müsst ihr beiden euch da auch noch gegenseitig provozieren? denkt mal drüber nach!" Jerali und Vewo sahen das offenbar ein und schwiegen beide, ließen es sich jedoch nicht nehmen, sich böse Blicke zuzuwerfen. Durchaus erschüttert ließen wir die, die uns trotz gutem Zureden absolut nicht folgen wollten, letztlich in ihren Zellen zurück und setzten unseren Weg mit etwas gedämpften Optimismus fort. Der lange Gang war nun schon sehr viel heller und musste bald sein Ende finden. Tatsächlich machte er nach wenigen Schritten eine Biegung und wir warteten, während Nipitas voran schlich. Einen Moment war es ruhig, ehe ein überraschter Aufschrei erklang, der rasch und abgehackt abbrach. "Ich glaube, nun können wir uns die Heimlichkeiten sparen, das muss einfach jemand gehört haben," sagte Jerali finster. Gindar legte ihr besänftigend eine Hand auf die Schulter und wir folgten traten nun ebenfalls um die Ecke. Wie ich beinahe erwartet hatte, befand sich hier ein Wachraum, der derzeit nur von einem Mann besetzt gewesen war. Hierbei handelte es sich um einen silberhaarigen Elfen, der jetzt langgestreckt und aus Nase und Ohren blutend im Stroh auf dem Fußboden lag. Nipitas enttarnte sich genau neben ihm und verbeugte sich. "Ist er tot?" fragte ich und spürte einen Kloß im Hals, als mir die Ähnlichkeit zwischen dem Reglosen und Athriliath auffiel. Nipitas zuckte die Achseln. "Weiß nich, vermutlich pennt er nur ´n Stündchen. Aber was jetzt? das is viel zu riskant, mit der Meute den direkten Weg zu nehmen, da können wir gleich warten, bis die nächste Ablösung kommt. Und außerdem wolltet ihr doch noch wen suchen, oder?" ich drehte mich zu den Männern und Frauen um, die sich uns angeschlossen hatten. Wir sind wirklich wenige, ging es mir durch den Kopf. Viel zu wenige. Und bei Bragi, die scheinen sich alle nur auf mich zu verlassen. "Ich weiß auch nicht, was jetzt die idealste Lösung wäre," gab ich zu, die ausgezehrten, teilweise sehr jungen, teilweise schon älteren Gesichter der Befreiten betrachtend. "Nipitas hat recht, wenn wir den Hauptweg nehmen, wird es im Chaos enden." Vewo räusperte sich. "Llienne, du bist erst seit kurzem hier, ich aber kenne mich recht gut aus. Such deine beiden Gefährten und überlass es mir, sie hier unbemerkt an einen halbwegs sicheren Ort zu führen. Ich werde dir dann jemanden schicken der dir sagt, wo wir uns treffen. Wenn du die beiden gefunden hast, geben wir das Versteckspiel auf. Ich bin es leid, vor elenden Verrätern wegzulaufen." Ich nickte langsam. "Gut, Vewo. Dann führt sie und schickt mir einen Schleicher. Wir," damit deutete ich auf Gindar und Jerali, "werden uns jetzt die oberen Stockwerke vornehmen. Wenn...wenn wir kein Glück haben...dann wartet nicht auf uns, ja?" Vewo nickte, doch in dem Moment mischte sich Feeyas, der bisher die ganze Zeit geschwiegen hatte, voller Empörung in das Gespräch ein: "Ich will aber auch mit euch gehen!" Gindar lächelte dem Elfen kurz zu. "Aber du wirst hier gebraucht, weißt du? vielleicht wird Vewo dich nachher zu uns schicken müssen, wenn wir nicht schnell genug zu euch zurückkehren können. Da wärst du sehr viel wichtiger." Feeyas lächelte strahlend und lenkte sofort ein. "Na gut." Ich nickte Vewo knapp zu. "Bragis Stimme mit Euch." Er legte kurz die Faust ans Herz und erwiderte meinen Blick. "Es wird schon gutgehen. Und wenn nicht...nun, dann haben wir uns unseren Platz in Walhalla zumindest ehrenhaft erkämpft." Damit drehte er sich um und trat in den Gang zurück, in welchem Nipitas bereits wieder verschwunden war. Jerali sah ihm halb verächtlich, halb sorgenvoll nach. "Na, wenn das mal gut geht..." Gindar war schon an der gegenüberliegenden Seite des Raumes. "Aber er hat ja recht. Auch wenn ich nach meinem Ableben höchstwahrscheinlich nicht in...eh...Walhalla enden werde." Jerali schnaubte leise, und nacheinander traten wir durch die Tür.
    *Feder und Tintenfass reich*

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  6. #36

    Standard

    Ich wappnete mich insgeheim schon gegen einen eventuellen unfreiwilligen Besucher, doch noch immer blieb es verdächtig ruhig. "Sind die alle ausgeflogen?" fragte ich beunruhigt. Gindar zuckte die Schultern. "Also ich werde mich nicht beschweren, auch wenn ich dir zustimmen muss. Das ist schon ziemlich seltsam." Zu unserer linken Seite tauchte ein schmales Fenster auf. Wir drängten uns zu dritt an die Öffnung und starrten beinahe gierig ins Freie. Es war inzwischen später Nachmittag und von draußen wehte ein kalter Wind herein, der jedoch wunderbar süß und berauschend in unsere Lungen drang, denn ihm folgte der Geruch von Freiheit. Wir gönnten uns die Aussicht jedoch nur einen kurzen Moment, ehe wir zögernd weitermarschierten. Da war etwas oberfaul, zweifellos. Vielleicht wieder ein bösartiger Schachzug von Mikata und meinem verräterischen Bruder?
    Der Gang machte alsbald eine erneute Biegung und verwandelte sich in eine gewundene Treppe, welche endlich nach oben führte. Es geschah so schnell, dass ich vor Schreck beinahe rücklings die Treppe hinunter stürzte. Inzwischen hatte ich mich an die vorherrschende Stille und Menschenlosigkeit fast gewöhnt, zumal weder Schritte, Stimmen oder Waffenlärm von Feinden zeugten. Und nun trat uns urplötzlich doch einer der Rebellen entgegen. Die Frau, die wohl auch an nichts Böses dachte, trug eine rot und blau gefärbte Plattenrüstung und einen roten Schottenrock. Sie war mindestens ebenso überrascht wie wir, denn sie prallte mit Gindar zusammen, fuhr heftig zusammen und starrte uns einen Moment lang völlig irritiert an. "Wer zum...wer hat euch rausgelassen? Wa..." ehe sie um Hilfe brüllen konnte, legte Gindar ihr rasch die Hand auf den Mund und stieß sie gegen die Wand. Die Frau trug keinen Helm, und ihr Kopf prallte unsanft gegen den kalten Stein. "Seid still und Euch geschieht nichts," sagte Gindar leise, was seinen drohenden Tonfall nicht entschärfte. Die Frau wehrte sich, doch als Jerali sich vor ihr aufbaute, erstarrte sie und nuschelte irgend etwas, was durch Gindars Finger hindurch nicht zu verstehen war. "Ihr solltet tun, was er sagt, Verehrteste," sagte die Nekromantin mit funkelnden Augen. "Oder wollt Ihr Bekanntschaft mit einem guten Freund von mir machen?" die Highlanderin schüttelte schweigend den Kopf und Jerali nickte zufrieden. "Erst vor einigen Stunden wurden drei neue Gefangene hierher gebracht. Sie," die Inconnu deutete mit dem Kopf auf mich, "eine Valkyn und ein Inconnu. Weißt du davon?"
    Nicken.
    "Gut, weißt du auch, wo man sie hingebracht hat?" die Frau zögerte und Jerali spreizte die Beine und hob langsam die Hand. Ich konnte die offensichtliche Furcht der Frau nicht nachvollziehen und warf Jerali einen fragenden Blick zu. Die Antwort folgte auf dem Fuße. Die Gestalt der Nekromantin wurde zu einem körperlosen Schatten und neben ihr stand plötzlich die hässlichste Kreatur, die ich je gesehen hatte, dagegen wirkte sogar das abstoßende Leichending von Brakalu anziehend. Ich musste spontan an die schauerlichen Moratänzerinnen aus dem Myrkwood Forest denken. Dieses Etwas war genauso dürr und bleich, bewegte sich unablässig hin und her und griff mit abstoßenden langen Leichenfingern nach Dingen, die ich nicht sehen konnte. Doch wo die Moratänzerinnen leichentuchähnliche Fetzen und bizarre Hüte trugen, war der Beschworene in eine zerfetzte Hose gekleidet, und statt einem Hut zierte ihn ein atemberaubend hässlicher Ziegenbart. Die Highlanderin wurde drei Nummern blasser und nickte heftig, worauf Gindar die Hand zurück zog. "Ja, ja, ich weiß wen ihr meint und ich weiß, wo man sie hingebracht hat," sagte sie eilig. "Bitte...hetzt nicht dieses...Ding auf mich." Jerali schwebte ein winziges Stück näher. "Das habe ich auch nicht vor," sagte sie eisig. "Sofern Ihr mir sagt oder besser noch zeigt, wo sie sind. Hat man sie zusammen eingesperrt?" die Unglückliche schüttelte schweigend den Kopf und Jerali knurrte leise. "Herr im Himmel! lasst Euch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen..." auf ihren unmerklichen Wink hin kroch das blasse Ding näher, hob die Arme und ließ die schuppigen, feuchten Finger über die Wangen der Highlanderin gleiten. Sie öffnete den Mund zum Schrei und Jerali hob mit einem scharfen "Na, na!" den Zeigefinger. Ich betrachtete die vor Angst Schlotternde ohne großes Mitgefühl. "Ihr müsst uns nur ein wenig weiterhelfen und könnt danach sofort Eurer Wege gehen. Holt ruhig Verstärkung, schreit ganz Murdaigean zusammen. Aber erst helft Ihr uns, oder..." ich ließ den Satz offen, schon allein weil ich selbst nicht sicher war, wie sich das `Oder´ auswirken würde. Jeralis Diener leckte sich über die verkümmerten Lippen und die Highlanderin stöhnte leise. "Ist ja gut, ich...ich werde euch hinführen. Z-zu wem wollt ihr...zuerst?" die Worte kamen ihr nur schwer über die Lippen, vermutlich schämte sie sich bereits jetzt ihrer eigenen Feigheit. Jerali wirkte höchst zufrieden. "Wer ist näher dran?"
    "Der Inconnu."
    "Wunderbar! bringt uns hin. Und mein kleiner Liebling wird genau hinter Euch gehen, es wäre also ein denkbar schlechter Moment, es sich jetzt doch anders zu überlegen. Müssen wir oben mit Besuch rechnen?" die Highlanderin schüttelte knapp den Kopf. "Das gesamte Heer ist..." sie biss sich auf die Lippen und brach ab. "Ja?" fragte Jerali drohend. Doch die Frau stöhnte nur erneut, schüttelte den Kopf und schwieg. Ich wollte der Nekromantin die Hand auf die Schulter legen und stellte zu meinem Erstaunen fest, dass sie durch sie hindurchglitt. "Komm schon, sonst sagt sie gleich überhaupt nichts mehr. Erstmal sollten wir die beiden finden, danach sehen wir weiter." Die Inconnu zögerte kurz und nickte dann unwillig. "Ja, du hast recht. Also los, Teuerste." Die Wächterin biss sich heftig auf die Lippen und schluckte das, was ihr zweifellos auf der Zunge lang, mit einiger Mühe hinunter. Ich konnte mir gut vorstellen, welche Qualen sie gerade durchlitt- die Situation war alles andere als ehrenhaft. Mit steinerner Miene schritt die Frau die Treppenstufen, die sie gerade hinter sich gelassen hatte, wieder hinauf und sah sogar kurz über die Schulter zurück, ob wir ihr folgten. Sie führte uns durch einen nun schon sehr viel freundlicheren Gang, an den Wänden hingen sogar kostbar aussehende Teppiche. "Hier," sagte sie schließlich mit frostiger Stimme. Links von uns war eine doppelte Reihe von Fenstern in den Stein gebaut, doch zu unserer rechten Seite, auf welche die Highlanderin deutete, befand sich eine einzige Tür. "Herzlichen Dank," sagte Jerali lächelnd. "Wir werden uns gleich noch einmal eingehend unterhalten. Und damit Ihr dann noch hier seid, wird er Euch Gesellschaft leisten," sie deutete auf ihre Kreatur, die sich bei ihren Worten scheinbar mit diebischem Vergnügen auf die Highlanderin zubewegte. Die sagte izwischen gar nichts mehr, sondern starrte trotzig zu einem der Fenster hinaus und ballte nur leicht die Fäuste.
    Während wir durch die Tür traten, sagte Gindar beinahe bewundernd: "Ich vergesse immer wieder, was für ein Biest du sein kannst." Jerali hob nur leicht die Schultern. "Alles reine Trainingssache, und...oh, bei Arawn!" sie stürzte an Gindar und mir vorbei auf die andere Seite des Raumes zu. Wir folgten in gemäßigtem Tempo. Mich ergriff ein kalter Zorn, als ich die offenbar bewusstlose Gestalt des Inconnu betrachtete, den man mit weit weniger Zärtlichkeit als mich, statt ins Bett zu legen, an die steinerne Wand gekettet hatte. Der Nekromant hatte die Augen geschlossen, der Kopf war ihm auf die Schulter gesunken. Jerali drehte sich herrisch zu mir um. "Los! du hast die Schlüssel!" ich nickte und trat an ihre Seite. "Ich mach ja schon." Die Schlösser, die die metallenen Fesseln um die Handgelenke umschlossen, waren die gleichen wie an den Kerkerzellen. Ein kurzer Ruck, und ich konnte sie Brakalu vorsichtig abstreifen. Gindar betrachtete schweigend die violett glänzenden Spuren, die die nachlässig angebrachten Schellen angebracht hatten, während Jerali ihr Mündel erschrocken auffing und sich mit ihm auf den Boden setzte. "Braka," sagte sie eindringlich, "wach auf, los, wach auf. Es ist vorbei. Ich bins, Jerali! hörst du?" der Nekromant öffnete mühsam die Augen und blinzelte. "Je...ra?" fragte er, wobei bei der Aussprache des Namens plötzlich kein Akzent mehr zu hören war. "Du...hierr?" sie starrte ihn an und hab ihm dann zu Gindars und meinem Schrecken eine nicht gerade sanfte Ohrfeige. "Du verdammter Idiot! was sollte diese Aktion?! weißt du, welche Sorgen ich mir gemacht habe? meine Güte..." Brakalu blinzelte erneut und sah sie verstört an, ehe er sich mühsam in eine sitzende Pose erhob und das Gesicht an ihrem Hals verbarg. Ich betrachtete die beiden Nekromanten regelrecht gerührt und lächelte leicht. Plötzlich fasste mich Gindar am Arm und deutete zum einzigen Fenster, das es im Raum gab. "Übrigens...wir sind nicht allein."
    Ich folgte seinem Blick und kniff die Augen zusammen. Tatsächlich, wie hatte ich die hochgewachsene Gestalt, die im späten Nachmittagslicht beinahe zu verschwimmen schien, nur übersehen können? der Fremde erkannte offenbar, dass er entdeckt worden war, stieß sich leicht vom Fensterbrett ab und tat einen Schritt auf uns zu. Gindar spannte sich merklich und auch ich ballte instinktiv die Fäuste. "Wer seid Ihr?" fragte ich argwöhnisch. Die Gestalt hob den bisher tief gesenkten Kopf und betrachtete uns scheinbar desinteressiert. Ich hielt einen Moment unwillkürlich den Atem an- solche Schönheit hatte ich selten erblickt. Der Unbekannte war eine Frau, der übermäßig schlanken und großen Gestalt zu urteilen eine Elfe. Das Haar war in tiefblaues Tuch eingeschlagen, welches auch ihre Stirn bedeckte. Dafür leuchteten die Augen umso heller, klar und scharf wie die eines Fischadlers blieben sie an Gindars und meiner Gestalt hängen. Ihre Gesichtszüge erinnerten mich an jemanden, doch mir fiel nicht ein, an wen. "Seid nicht Ihr in mein Gemach eingedrungen?" fragte die Fremde mit ruhiger, beinahe gebieterischer Stimme. "Kommt es der Höflichkeit nicht näher, Ihr würdet mir Eure Namen zuerst sagen, ehe Ihr meinen erfragt?" Jerali hob hinter uns den Kopf, ohne Brakalu aus der Umarmung zu entlassen. Argwöhnisch, fast feindselig starrte sie die schöne Elfe an. "Für Höflichkeit haben wir derzeit nicht viel übrig, und auch an Geduld mangelt es uns," sagte sie scharf. Die Elfe wandte ihr langsam den Kopf zu und starrte sie schweigend an, ohne zu blinzeln oder gar zu antworten. Die Nekromantin runzelte halb verwirrt, halb ärgerlich die Stirn, hielt dem durchdringenden Blick jedoch stand. Schließlich schmunzelte die Elfe leicht und verschränkte die Arme vor der Brust. "Nun gut. Mein Name ist Brigit." Ich öffnete überrascht den Mund und auch Gindar blinzelte verblüfft. "Die...Königin von Hibernia?" fragte er nach einem Moment großen Staunens zweifelnd. Brigit neigte den Kopf und betrachtete den Ordensbruder aus halbgeschlossenen Augen. "Zweifelt Ihr daran?" Gindar entspannte sich und ließ rasch die drohend erhobenen Hände sinken. "Wie käme ich dazu." Ich betrachtete die Elfe noch immer beinahe ehrfürchtig. Brigit schien mir mein Starren nicht übel zu nehmen, strich eine Falte ihres langen Gewandes glatt und sah uns auffordernd an. Ich brauchte einen Moment, ehe der Groschen fiel, und rasch stellte ich Jerali, Brakalu, Gindar und mich selbst vor. Die Königin nickte. "Wir kennen uns ja schon," sie sah kurz zu Brakalu, der sich noch immer an Jerali lehnte und seine Fassung inzwischen wieder gewonnen hatte. "Und wir haben die Zeit genutzt, ein wenig zu plaudern," fuhr sie fort. "Also ist es wahr? Midgarder, Albioner und Hibernianer tun sich zusammen und ziehen gemeinsam ins Unbekannte. Wirklich interessant." Sie betrachtete uns nachdenklich und ihr Tonfall klang, als fühle sie sich in irgend etwas bestätigt. Ich lauschte unsicher zur Tür- ob die unglücksselige Wächterin wohl Wort hielt und noch immer still dort wartete? nun, Jerali hatte ihr ja einen -meiner Meinung nach- überzeugenden Grund da gelassen. Brigit bemerkte meine Unruhe nicht, oder ignorierte sie. "Aber wie ich sehe, wart auch ihr nicht erfolgreich. Bald werden sie euch ebenfalls foltern und drohen. Entweder gebt ihr nach, oder ihr bleibt standhaft. Zumindest das kann die einstige Königin Hibernias noch von sich behaupten." Sie ließ ein zynisches Lächeln aufblitzen, und hob die Hände, die schön und feingliedrig waren, doch ich bemerkte, dass ihr an der Linken der Ringfinger und Daumen fehlten, während man ihrer rechten Hand gewaltsam den kleinen Finger genommen hatte. "Grausame Mistkerle," sagte ich erschüttert. Brigit winkte ungehalten ab. "Jedenfalls ist eure Mission tapfer und beachtenswert, aber vermutlich leider völlig sinnlos. Es sind schon zu viele und die meisten haben Angst. Sie werden sich nicht gegen die Rebellen auflehnen." Ich gestattete mir ein kleines, hoffnungsfrohes Grinsen. "Die meisten haben Angst, da habt Ihr Recht. Aber nicht alle. Wir konnten einige Gefangene befreien und die meisten haben zugestimmt, uns im Kampf gegen den," ich zögerte kurz, "den Herrn Der Blutigen Drei zu unterstützen." Ich betrachtete die leicht zweifelnd dreinschauende Elfe einen Moment, ehe sich meine Augen vor Erkenntnis weiteten. "Und vor allem die Hibernianer werden sicher neuen Mut schöpfen, wenn sie sehen, dass ihre rechtmäßige Königin noch am Leben ist! wenn...wenn Ihr mit uns kommt, werden uns sicher auch alle Hibernianer hier folgen und dann müssen wir einfach gewinnen." Brigit sagte weder ja noch nein. Sie betrachtete mich und ich konnte mir gut vorstellen, was hinter ihrer Stirn vorgehen mochte: Was machte ein junges Mädchen, das eigentlich noch genau auf der Schwelle vom Kind zur Frau stand, dermaßen vermessen, tapfere Krieger und Kriegerinnen führen zu wollen, die lange vor ihr den selben Auftrag hatten und gescheitert waren? während sie noch zögerte, erscholl von draußen ein überraschter Aufschrei, doch ich hörte sofort, dass er nicht von der Highlanderin stammte.
    *Feder und Tintenfass reich*

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  7. #37

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    Jerali hob ruckartig den Kopf und legte Brakalu einen Arm um die Hüften, um ihn mit hochzuziehen, doch der Inconnu gab ein leises Keuchen von sich und schlug reflexartig ihre Hand weg. "Was hast du?" fragte sie verwirrt, während der Jüngere sich die Seite hielt. "Nichts," brachte Brakalu zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. "Geh nurr." Sie sah irritiert und besorgt auf ihn herab, strich ihm kurz über den Kopf und wandte sich zur Tür. Gindar tat es ihr gleich, winkte mich heran und stiße die Tür dann mit einem Ruck auf. Ich trat hinter den Ordensbruder und blinzelte verblüfft: Genau zu unseren Füßen lag der Waldläufer Feeyas am Boden und starrte mit entsetzten Augen Jeralis Diener an, der sich wie ein Raubtier über ihn beugte und den Blick gierig erwiderte. Von der Highlanderin war nichts zu sehen. "Du?" fragte Gindar verblüfft, während die Kreatur auf Jeralis ungeduldigen Wink hin eilig von ihm herunter kroch. "Was ist das für ein Ungeheuer?" stöhnte der Elf und starrte das blasse Etwas mit abscheuverzerrtem Gesicht an. "Wo ist die Wächterin hin?" gab Jerali scharf zurück und starrte auf den leeren Gang. "Hat Fersengeld gegeben, als dieses...Ding mich angefallen hat," gab der Waldläufer matt zurück. Jerali schüttelte ungeduldig den Kopf, aber Gindar mahnte sie mit einem ruhigen Blick zur Mäßigung und legte dem verwirrten Elfen die Hand auf die Schulter. "Schickt dich Vewo?" fragte er. Feeyas nickte stolz. "Sie haben sich im Burghof versammelt. Es ist wirklich wie verhext...gab kaum Widerstand. Man könnte meinen, Murdaigean wäre total verlassen." Gindar nickte nachdenklich. "Das ist wirklich seltsam." Feeyas wollte etwas erwidern, doch dann fiel sein Blick auf die Gestalt, die hinter mir durch die Tür trat. Seine Augen weiteten sich, er ließ die Arme sinken und fiel ungeschickt auf ein Knie herab. "Meine...meine Königin!" stammelte er fassungslos. Brigit sah auf den jungen Waldläufer ohne Spott an und ließ den Anflug eines huldvollen Lächelns aufblitzen. "Erhebt Euch." Feeyas rappelte sich mühsam auf, ohne den Blick von der schönen Elfe zu nehmen. In seinen Augen schimmerte es verdächtig, und er wandte rasch den Kopf ab. "Ich will ja nicht drängen, aber für Sentimentalität ist jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt," sagte Gindar behutsam. Ich nickte und schaute schweigend die Elfe an. Brigit erwiderte meinen Blick einen Moment, ehe sie langsam nickte. "In Ordnung. So lange es noch einen Menschen mit Hoffnung gibt, sollte man selbige nicht aufgeben. Ich komme mit euch." Ich unterdrückte gerade noch so einen triumphalen Ausruf und wartete ungeduldig auf Jerali, die nochmals in das Zimmer zurück gegangen war, um Brakalu zu holen.

    Auszug aus einer Lagerfeuergeschichte der Skalden:

    "...Und so war es, dass der Krieger stand
    Tapfer und mit erhobener Hand
    Alleine er aufs Schlachtfeld trat
    Jedem Mann ins Antlitzt gestarrt
    Und sein Lachen über die Ebene hallte
    Wie Meeresrauschen und Donner schallte
    Bis hundert Bögen sich nun hoben
    Und hundert Pfeile windschnell flogen..."

    Feeyas führte uns durch die Gänge, wobei er immer wieder ehrfürchtige Blicke zu seiner Herrin warf. Wenn die Highlanderin Alarm geschlagen hatte, so ließ man sich mit der Jagd nach uns Zeit, denn auf dem Weg zum Burghof wurden wir nicht ein einziges Mal aufgehalten. Der Waldläufer stieß eine ovale Eichentür auf und rotgoldenes Nachmittagslicht flutete mir ins Gesicht. Ich blinzelte gegen die Sonne und bekam einen unsanften Stoß in den Rücken, als Gindar durch einen ungeduldigen Schubs von Jerali gegen mich prallte. Ich stolperte ins Freie und sah vor mir all die Männer und Frauen, die wir aus den Zellen befreit hatten. Auf ihren Gesichtern zeigten sich Aufregung und Ungeduld, aber auch eine grenzenlose Erleichterung, endlich dem ewigen Zwielicht der Kerker entkommen zu sein. "He, Llienne!" ich fuhr zusammen und sah mich suchend um. Grinsend löste sich Keena aus der Menge und trat auf mich zu. Wir musterten uns einen Moment beinahe andächtig, ehe die Valkyn lachend die Arme um meine Schultern schlang. Hey, das ist das erste Mal, dass ich sie wirklich gelöst und ohne Spott oder Bittkerkeit lachen höre, dachte ich flüchtig und schloss die Freundin ebenfalls in die Arme. "Das Bild, was sich mir hier bietet, ist viel mehr als ich zu hoffen gewagt habe," raunte ich ihr leise ins Ohr. "Ich war fast davon überzeugt dass ich dich und das normale Tageslicht nie wieder sehe." Keena drückte sachte meinen Oberarm. "Aber es liegt nicht in deiner Natur, dich mit einem Schicksal einfach so abzufinden." Ich lächelte still und senkte den Kopf, damit sie meine Verlegenheit nicht bemerkte. Keena wandte sich Brakalu zu, der sie ernst betrachtete. "Und dich gibts auch noch, hm?" fragte sie augenzwinkernd. Der Inconnu nickte zögernd. "Die Gastfrreundschaft hierr ließ zu wünschen übrrig." Jerali beobachtete die beiden argwöhnisch und baute sich vor der Knochentänzerin auf. "Du bist also Keena, wie?" fragte sie beinahe herausfordernd. Die Angesprochene erwiderte den Blick verwirrt. "Stimmt." Jerali unterzog sie einer eingehenden Betrachtung, ehe sie sich einfach abwandte. "Die ist in Ordnung," teilte sie Gindar mit. Keena sah mich stirnrunzelnd an und ich biss mir auf die Lippen, um das Grinsen zurückzuhalten. "Ich mache euch später bekannt, okay?"
    Die Krieger und Kriegerinnen hatten in der Zwischenzeit offenbar die Waffenkammern geplündert, denn überall lagen Rüstteile, Schilder und Waffen aller Art herum. Vewo löste sich aus einer Unterhaltung mit einem Kelten und einer Koboldin und trat auf mich zu. "Und, bist du zufrieden?" fragte er mit mühsam verborgenem Stolz. Ich lächelte schon wieder. "Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr. Ist auch noch was für mich übrig? ich glaub, ich scheppere bei jedem Schritt. Und außerdem habe ich kalte Füße." Er lachte dröhnend, packte mich am Arm und zog mich zu einem kleinen Berg voller Kettensachen hinüber. "Hier solltest du mal stöbern." Er entfernte sich disrekt ein paar Schritte und ich beugte mich über den unordentlichen Haufen. Ich wurde tatsächlich fündig, und zu meiner leisen Freude handelte es sich bei Kettenpanzer und Axt um Stücke midländischer Herkunft. Ich wählte noch einen einfachen, weißgrauen Umhang mit Kapuze und warf ihn mir über die Schultern, ehe ich zu Vewo zurückkehrte, der inzwischen in eine Unterhaltung mit Gindar, Jerali, Keena und Brigit vertieft war. "...verstehe Eure Bedenken durchaus, MyLady, aber es ist der einzige Weg." Ich schüttelte mein kurzes Haar und stellte mich zu der kleinen Gruppe. "Hab ich was verpasst?" Vewo schüttelte knapp den Kopf. "Lady Brigit macht sich Sorgen, was passieren wird wenn wir auf offenem Feld von den Rebellen angegriffen werden. Das ist natürlich korrekt, aber wir können uns jetzt nicht einfach aufteilen und Albioner, Midgarder und Hibernianer zu ihren Teleportfestungen zurückschicken. Getrennt sind wir viel verwundbarer." Ich nickte leicht. "Wohl wahr." Brigit, die ihr Kleid gegen einen silber schimmernden Schuppenpanzer und einen bodenlangen, roten Kapuzenumhang getauscht hatte, bedachte Vewo mit einem kühlen Blick. "Und wer wird unsere," sie zögerte kurz, "Armee, oder wie immer Ihr das nennen wollt, führen? Ihr? dieses Mädchen?" sie nickte mir zu. "Bei allem Respekt, ich bin tief beeindruckt von Eurer Tapferkeit und Gerissenheit. Aber meine Leute in die Hände wildfremder Halbstarker zu geben..." sie schüttelte sachte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust.
    Ich war seltsamerweise nicht beleidigt, Keena hingegen schon. "Immerhin haben wir Halbstarken mehr erreicht als Ihr und Eure erwachsenen Helden," entgegnete sie spitz. Brigits Raubvogelaugen verdüsterten sich kurz. "Das habe ich doch gerade selbst gesagt," sagte sie schroff. "Trotzdem. Ich plädiere dafür, dass jedes Reich hier einen Sprecher wählt, welcher für alle einsteht. Ich selbst werde das für meine Leute tun, wem Ihr diese Aufgabe übertragt, bleibt ja Euch überlassen. Und nun sollten wir dieses Tor öffnen und uns einen Lagerplatz suchen- da können wir unser Gespräch gerne fortführen." Sie drehte sich auf dem Absatz um, dass ihr Umhang hinter ihr flog, und trat auf eine Gruppe ihrer Landsmänner zu. Gindar sah ihr in einer Mischung aus Ärger und widerwilliger Bewunderung nach. "Auf jeden Fall eine Frau, die weiß, was sie will," stellte er lakonisch fest. Jerali schnaubte. "Ich nenn das einfach mal Arroganz. Sie kann es halt nur nicht ertragen, dass da jemand besser gehandelt hat als sie, obwohl sie eine Königin ist...oder war, was weiß ich." Ich zuckte die Achseln. "Akzeptieren wir es einfach. Wer soll denn für euch Albioner sprechen?" Gindar grinste leicht und stieß Jerali verspielt in die Seite. "Sprechen und sich Gehör verschaffen kann kaum jemand besser als sie, davon hast du ja schon mehrere Beispiele bekommen." Jerali funkelte ihn an, sagte aber nichts. "Und nachdem die ganze Rettungsaktion hier deine Idee war, ist es auch nur recht und billig, wenn du den Part für Midgard übernimmst," dröhnte Vewo, schlug mir so heftig auf die Schulter, dass ich ein wenig in die Knie ging, und stapfte zu den anderen hinüber, die sich um das schwere Tor bemühten. "Moment mal..." rief ich ihm nach, doch Keena berührte flüchtig meine Hand, schüttelte den Kopf und grinste. "Lass doch," sagte sie. "Er hat doch recht. Du hast es dir verdient." Ich schüttelte den Kopf. "Ich hab doch überhaupt keine militärischen Fähigkeiten," sagte ich unsicher, doch Keena fegte auch diesen Einwand einfach beiseite. Ich wandte seufzend den Kopf ab und bemerkte aus dem Augenwinkel Nipitas, der offenbar mit größtem Vergnügen versuchte, den schweigsamen Brakalu zu irgend einer -wahrscheinlich unsinnigen- Debatte zu bewegen.
    "Man sagt, dass Kobolde und Inconnu sich sehr ähneln. Hast du davon auch schon gehört?" fragte Nipitas eifrig. Brakalu zuckte nur leicht die Achseln. "Ich habe davon gehörrt." Der Kobold setzte sich neben ihn und scharrte mit dem Fuß auf dem Kopfsteinpflaster. "Und? was sagste dazu? wie würd man wohl ´ne Kreuzung zwischen Kobold und Inconnu nennen? Kobonnu? oder Incobold?" ich schmunzelte und trat auf die beiden zu. "Hallo Nipitas." Er sprang auf und verbeugte sich mehr oder weniger galant. "Llienne! hatte dich gar nich so hübsch in Erinnerung!" Brakalu verdrehte leicht die Augen und wollte aufstehen, doch Nipitas drückte ihn grinsend wieder hinunter. "Hey, halt, moment noch. Ich muss dir unbedingt noch jemanden vorstellen, der wird dir gefallen." Er stieß einen durchdringenden Pfiff aus, und kaum drei Sekunden später stürmte Wuff an zwei erschrocken aufschreienden Lurikeen vorbei. Der Wolfshund hechelte begeistert und sprang an mir hoch, und ich grinste breit und kraulte ihm den unschönen Kopf. "Guck mal, Wuff! das ist Brakalu. Er ist ´n Inconnu, wie Jera. Sag mal hallo zu ihm!" Wuff tappte auf den Nekromanten zu, der regelrecht erstarrt war, offenbar vor Schreck. Das konnte man ihm schlecht verdenken, denn seine und Wuffs gelbglühende Augen befanden sich fast auf gleicher Höhe. Der Wolfshund fand offenbar Gefallen an Brakalu, denn er hechelte begeistert, stürzte sich mit einem Satz auf ihn und brachte ihn mühelos zu Fall, ehe er sich mit den mächtigen Vorderpfosten auf seine Schultern stemmte und die lange Zunge ungestüm über das Gesicht des Nekromanten gleiten ließ. Der Anblick war zuviel für mich, und Nipitas und ich brachen gleichzeitig in lautes Gelächter aus. Endlich ließ Wuff von seinem Opfer ab und trottete schwanzwedelnd wieder davon, als sei nichts gewesen. Noch immer lachend beugte ich mich über den Inconnu und half ihm auf. "Oh man, bitte entschuldige, aber..." Brakalu wischte sich mit steinerner Miene über das Gesicht und löste damit einen erneuten Heiterkeitsanfall aus. "Wie lustig," grummelte er leise, wurde aber von einem triumphierenden Ausruf am Tor unterbrochen. "Es ist geöffnet!" mein Herz begann zu klopfen. "Es geht los. Kommt!" ohne auf die beiden zu warten, marschierte ich zum gewaltigen Tor, das nun tatsächlich weit offenstand und uns förmlich einlud, in die Freiheit zu spazieren. Ich wandte mich an den erstbesten Mann, der mir gerade gegenüberstand. "Es waren doch ein paar einzelne Wachen in der Burg, was ist mit ihnen?" der Mann nahm Haltung an und konnte ein flegelhaftes Grinsen nicht ganz unterdrücken. "Die schlafen tief und fest, MyLady." Ich betrachtete ihn leicht verstört. Das Gesicht erschien mir vage bekannt, vermutlich hatte ich persönlich geholfen, ihn aus seiner Zelle zu befreien, und wurde nun mit tiefer Verehrung belohnt. Trotzdem machte es mich schrecklich verlegen, so genannt zu werden, und ich nickte nur knapp und wandte mich schleunigst wieder ab. Königin Brigit rief ein paar laute, zackige Befehle und bald marschierte der hibernianische Teil unserer großen Gemeinschaft ins Freie. Jerali nickte mir aufmunternd zu und scharte die Albioner um sich. Auf ihr Zeichen hin folgten sie den Hibernianern, und nur befand sich nur noch der midländische Teil der Gemeinschaft -meine Leute- im Burghof. Ich schluckte schwer, als sich all die Augenpaare erwartungsvoll auf mich hefteten. "Seid wachsam und bleibt dicht zusammen!" rief ich und bemühte mich, meine Stimme fest klingen zu lassen. Dann holte ich nochmals tief Luft, setzte mich an die Spitze des kleinen Zuges und marschierte hoch erhobenen Hauptes in die Freiheit.
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  8. #38

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    Wir schlossen uns den Hibernianern und Albionern schnellstmöglich wieder an, denn ich fand nach wie vor, dass Vewo recht hatte: Wenn wir in drei kleinen Gruppen getrennt durch die Gegend marschierten, würden wir leichter zu überrumpeln sein, als wenn wir zusammenblieben. Mit einem seltsamen Gefühl von Zufriedenheit beobachtete ich, wie sich bald hier und da einzelne Angehörige der verschiedenen Reiche aus ihrem Zug lösten und sich zu einem anderen gesellten. Offenbar hatten sich während der eintönigen, gemeinsamen Zeit von Gefangenschaft und Leid die ein oder anderen Freundschaften gebildet. Und nicht nur Freundschaften...fasziniert und gleichzeitig ungläubig betrachtete ich einen jungen Elfen, der eine blonde Bretonin an sich zog, den Kopf senkte und die Lippen auf die ihren legte. Absurderweise kam mir plötzlich mein Vater in den Sinn, mein großer, kampferprobter Vater, der die Hibernianer und Albioner stets verflucht hatte. Wenn er das hier sehen könnte, was würde er wohl tun? Gindar hatte sich ebenfalls von den Albionern entfernt und trat an meine Seite. "Unglaublich, nicht wahr?" bemerkte er mit einem leichten Lächeln. Ich nickte. "Wirklich unglaublich." Sein Lächeln wurde eine Spur spitzbübischer, während er mich ungeniert betrachtete. "Und?" ich hob fragend den Kopf. "Hm?" er machte eine weit ausholende Geste. "Ist das nichts für dich? eine verbotene Verbindung zu einem anderen Reich, eine Liebesbeziehung, die von niemandem verstanden und von den wenigsten gebilligt wird, eine..." ich hob rasch die Hand, um seinen spöttisch angehauchten Redefluss zu unterbrechen. "Ist ja gut, ich habs verstanden. Und nein, ich glaube, das ist nichts für mich. Außerdem...außerdem bin ich verlobt." Diese kleine, aber irgendwo nicht ganz unwichtige Tatsache war mir soeben zufällig auch wieder eingefallen. Wenn ich erst einmal wieder nach Hause gekommen war, würde dort nach wie vor ein Leifnir Havocbringer sein. Andererseits war ich nun schon so lange fort, er war jung und beliebt, und wenn ich Glück hatte, war in der Zwischenzeit vielleicht schon eine andere Frau an seiner Seite. Gindars Lächeln erlosch, als er mein düsteres Gesicht bemerkte. "Offenbar ist dein Verlobter nicht so ganz nach deinem Geschmack," sagte er gleichmütig. Ich nickte nur. Die Sache ging ihn nun wirklich nichts an. Er klopfte mir aufmunternd auf die Schulter. "Das wird schon. Und selbst wenn man dich wirklich zur Heirat zwingt- mach das Beste daraus, vielleicht stellt er sich ja als gar nicht so übel heraus." Ich schnaubte ganz kurz. "Es würde mich zwar durchaus wundern, aber es sollen ja noch Zeichen und Wunder geschehen." Der Ordensbruder grinste und kümmerte sich überhaupt nicht um meinen hohntriefenden Tonfall. "Da siehst du´s."
    Wir wanderten noch eine ganze Weile weiter, ehe vor uns ein eher spärlicher Wald auftauchte. Die Männer und Frauen hatten lange ohne großartige Bewegung in den Verliesen gehockt, und viele waren durch die ungewohnte Anstrengung bereits jetzt erschöpft. Brigit bestand jedoch darauf, noch ein wenig tiefer ins Unterholz vorzudringen, damit man uns nicht auf den ersten Blick entdecken würde. Natürlich gab sich niemand die Blöße und protestierte öffentlich, außer dem ein oder anderen gereizten Blick oder auch Seufzer tat niemand seine Unzufriedenheit kund. Ich musste aber zugeben, dass die Elfenkönigin recht hatte- wenn wir einen sicheren Platz gefunden hatten, konnten wir immer noch ausruhen. Und das Schicksal schien es gut mit uns zu meinen, bald konnten wir die Burg Murdaigean kaum noch erkennen, über unseren Köpfen erhob sich eine natürliche Wand aus Zweigen und grünen Blättern, und weiches Moos bedeckte den Boden. Der Trupp hielt an, man ließ sich auf umgestürzten Bäumen, Wurzeln oder im Moos nieder, rieb sich die schmerzenden Füße oder streckte die müden Beine aus. Von hinten wehte ein begeistertes Gemurmel zu mir hinüber und ich wandte neugierig den Kopf. Die diebischen Seelen unter uns -vorzugsweise Lurikeen, Kobolde und Sarazenen- hatten es sich nicht nehmen lassen, neben den Waffenkammern auch gleich die Vorratsräume zu plündern. Jetzt breiteten sie stolz ihre Schätze auf dem blanken Boden aus: Krüge mit billigem Wein, Beutel voller Pökelfleisch- und fisch, harten Käse und getrocknete Früchte. Zwei grinsende Sarazenen verwiesen mit spöttischen Verbeugungen sogar auf ein bauchiges Bierfass, das neben allem thronte. Ich wollte lieber nicht wissen, wie sie sich angestrengt haben mussten, um die Last den ganzen Weg und über alle natürlichen Hindernisse hierher zu schleppen. Beim Anblick der Speisen schien bei manchen der Verstand einfach auszusetzen, und ein massiger Highlander stieß den Zwerg neben sich roh zur Seite und langte gierig nach einem der Krüge. "Nimm sofort die Finger weg!" brüllte Jerali, und der Missetäter fuhr erschrocken zusammen. Die Inconnu erkundigte sich nach dem Befinden des Zwergs, welcher verlegen abwinkte, und baute sich unheilvoll vor dem so viel größeren Highlander auf. "Wir werden teilen- alle. Jeder hat etwas zu bekommen, und keiner benimmt sich hier wie ein Tier." Nicht nur die Albioner, auch alle Umstehenden stimmten sofort zu. Noch eine Tatsache, die mich faszinierte. Gemeinsame Entbehrungen und Qualen schweißten zusammen und ließen bei allen nahezu die gleichen Gedankengänge entstehen. Jerali nickte zufrieden und wandte sich abermals dem Unglücksraben zu. "Du, mein Freund, siehst mir noch recht stark und bemuskelt aus. Deswegen wird es dich sicher nicht stören, wenn du die erste Wache übernimmst und dich als letzter an diesen großzügigen Gaben gütlich tust." Der Mann starrte sie einen Moment lang fast hasserfüllt an, besann sich aber und stampfte ohne ein weiteres Wort davon. Ich kam nicht umhin, die kleine, herrische Inconnu zu bewundern. Verstohlen warf ich Keena einen kurzen Blick zu und grinste. Die beiden ähnelten sich wirklich sehr.
    Ich ließ mich zurücksinken, bettete meinen Kopf an einen harten Baumstamm und schloss die Augen. Ich konnte wirklich stolz auf mich sein. Auf mich und alle hier. Bis auf den ein oder anderen kleinen Zwischenfall verhielten sich alle absolut vorbildlich. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Männer und Frauen so gewissenhaft taten, was man ihnen auftrug, dass sie zusammen statt nebeneinander oder gar gegeneinander arbeiteten. Ich konnte wirklich stolz sein. Der leicht muffige Geruch von getrocknetem Fleisch stieg mir aus nächster Nähe in die Nase und ich öffnete das linke Auge. Keena hockte vor mir und wedelte grinsend mit einem Streifen Pökelfleisch vor meinem Gesicht hin und her. Ich verfolgte ihre Bewegungen eine Weile mit den Augen, ehe ich wie ein Hund vorschnellte und ihr den Streifen aus der Hand schnappte. Lachend ließ sie sich auf den Hintern plumpsen und reichte mir auch einen halbvollen, kleinen Krug mit Bier. "Eine Kriegerin sollte nicht mit verwässertem Wein bewirtet werden," erklärte sie zwinkernd. "Aber dieses Bier hier schmeckt eigentlich auch nicht viel besser. Warm und süffig, wie Pferdepisse." Unbekümmert stürzte ich das tatsächlich ziemlich abscheuliche Getränk herunter und wischte mir grinsend den Mund ab. "So, so, Keena weiß also, wie Pferdepisse schmeckt. Interessant." Sie schüttelte ihre blonde Mähne und gab mir eine spielerische Kopfnuss. Im selben Moment gesellten sich auch Jerali, Brakalu und Gindar wieder zu uns. "Kaum zu fassen," bemerkte Jerali belustigt, "zwei tapfere Kämpferinnen aus Midgard sitzen hier im Grünen und tollen wie die Kinder." Keena zuckte unbekümmert die Achseln. "Wir haben es uns verdient. Andere schlagen sich zum Zeitvertreib ein paar Zähne aus oder saufen, bis sie in Ohnmacht fallen. Aber erstens sind mir meine Zähne dafür zu schade und zweitens haben wir leider nicht genug zu trinken." Jerali nickte. "Klingt weise." Sie setzte sich hinter Brakalu und begann, die ohnehin halb aufgelösten Zöpfe auseinander zu zupfen und ihm die wirren Strähnen aus dem Gesicht zu streichen. Ich seufzte tief, faltete die Hände vor dem Bauch und lehnte mich wieder zurück. Versonnen sah ich Jerali zu, die in Ermangelung eines Kamms eine Hand zur Klaue formte, und die Finger vorsichtig durch die langen, schwarzen Haare ihres Mündels gleiten ließ. "Und was werdet ihr tun, wenn ihr wieder daheim in Albion seid?" Jerali überlegte, während sie andächtig weiterkämmte, doch Brakalu murmelte: "Ein Bad nehmen, mindestens eine Stunde lang." Gindar grinste. "Das hast du auch nötig. Wie wir alle, fürchte ich. Na ja abgesehen von baden werde ich...jetzt lacht nicht...ein Haus bauen." Er schloss träumerisch die Augen. "Endlich mein eigenes Haus. Nicht, dass ich etwas gegen die Gasthäuser in Cotswold und Camelot hätte, aber ein eigenes kleines Häuschen, komplett mit Garten und allem...ach ja, das hätte was für sich."
    Ich schmunzelte. "Warum nicht, daran ist doch nichts verwerfliches." Keena, die einem Firbolg und einem Nordmann beim Armdrücken zugesehen hatte, runzelte plötzlich die Stirn. "Sag mal Llienne, wo ist eigentlich Athriliath? ich hab ihn schon die ganze Zeit gesucht, aber er ist nicht da." Das Lächeln erstarb auf meinem Gesicht und ich wandte den Kopf ab. "Er ist tot. Der Rebellenführer hat ihn umgebracht." Keena ballte kurz die Fäuste. "Dafür wird er bezahlen." Ich nickte, ohne sie anzusehen. "Ich hoffe, dass er das tut. Vor allem, weil es mein eigener Bruder ist, der uns alle verraten hat." Die Valkyn starrte mich an. "Dein Bruder?!" ich schwieg und starrte verbissen zur Erde. Jerali sah zwischen uns hin und her. "Nützt doch nichts, deswegen jetzt in Melancholie zu verfallen," sagte sie gelassen. "Rechnet mit ihm ab, wenn ihr ihm gegenübersteht. Und dann tut es gründlich." Sie flocht Brakalu geschwind zwei neue Zöpfe und schlang dann die Arme um seinen Bauch, woraufhin der Jüngere heftig zusammenzuckte und ein abgehacktes Keuchen ausstieß. Jerali zog sofort die Arme zurück und starrte ihn an. "So, und nun wirst du mir sofort sagen, was mit dir lost ist. Das ist nun schon das zweite Mal." Brakalu verzog das Gesicht, löste die Schnürung, die seine Tunika an den Seite zusammen hielt und schob sie unwillig ein kurzes Stück nach oben. Jerali beugte sich vor und zog scharf die Luft ein. Ich lehnte mich über ihre Schulter, um auch einen Blick auf die Verletzung -oder was immer es war- erhaschen zu können. Tatsächlich handelte es sich um die Pfeilwunde vom Kampf in der Teleportfestung. Sie nässte leicht, blutete aber nicht, und die Haut um die Schussstelle herum hatte sich stark gerötet. "Verdammt nochmal, wieso hast du denn keinen Ton gesagt?" fauchte Jerali. Brakalu fühlte sich offenbar zurechtgewiesen und senkte den Kopf. Gindar legte der Nekromantin beschwichtigend die Hand auf die Schulter, schob sie mit sanfter Gewalt zur Seite und nahm ihren Platz ein. "Die Wunde ist verseucht, deswegen heilt sie nicht. Tut vermutlich verdammt weh, aber sie wird ihn nicht umbringen. Du hast in letzter Zeit aber auch gar kein Glück, was, Kleiner?" Brakalu verzog sarkastisch das Gesicht. "Ja, ich glaube, ich werrde mich beschw..." der Rest des Satzes ging in einem gequälten Keuchen unter, als Gindar prompt die Fingerspitzen auf das entzündete Fleisch presste und in voller Konzentration die Augen schloss. Bald wurde der Atem des Inconnu ruhiger und er ließ sich aufseufzend zurücksinken. "Na, so ist es doch schon viel angenehmer, hm?" sagte Gindar freundlich. "Man muss sich nur helfen lassen. Aber das lernst du auch noch." Er tätschelte dem Nekromanten tröstend die Wange und stand dann auf. "Ich werde dir etwas Wein holen, das kann nicht schaden." Ich spürte ein gewisses Bedürfnis und stand verlegen auf. "Und ich werd mich mal kurz unsichtbar machen. Bis gleich." Eilig entfernte ich mich von der Gruppe und tauchte tiefer in den Wald ein. Hinter einem Baum nestelte ich an den Lederschnallen und ließ die Beinlinge sinken. Während ich mich hinhockte und erleichterte, hört ich zwei gedämpfte Stimmen, die offenbar in einen Streit verwickelt waren. Erschrocken zog ich zog ich mein Beinkleid wieder hoch und duckte mich hinter den Baum. Wann würde ich endlich lernen, dass sich lauschen nicht gehörte? aber wie üblich behielt die Neugier die Oberhand.
    *Feder und Tintenfass reich*

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  9. #39

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    Vorsichtig schielte ich hinter dem Baumstamm hervor und sah zwei Gestalten, die sich nur wenige Meter entfernt gegenüber standen und heftig diskutierten. Verblüfft erkannte ich, dass es sich bei den Streithähnen um Vewo und Königin Brigit handelte. Vewo hob gerade die Hände, als wolle er die Elfe beruhigen. Ich spitzte die Ohren- das interessierte mich nun doch. "Brigit, ich weiß, wie du dich fühlst. Aber was glaubst du, was passiert, wenn du da einfach reinspazierst und der versammelten Meute die Situation erklärst? entweder wird man dir überhaupt nicht glauben und du endest ebenfalls am Galgen, oder es wird einen Massenaufruhr geben. Dabei könnten viele sterben, dein Sohn mit eingeschlossen. Und dieser falsche Lump hätte die Gelegenheit, sich im allgemeinen Chaos einfach aus dem Staub zu machen." Brigit hörte sich die fast beschwörenden Worte an, ehe sie wild den Kopf schüttelte. "Das mag ja alles sein, aber was glaubst du, was geschieht, wenn ich gar nichts tue und hier herumsitze? ich muss sofort zurück, am besten noch heute Nacht." Als der Berserker sie unterbrechen wollte, hob sie die Stimme, so dass ich sie nun ganz deutlich verstand. "Spar dir den Atem, Vewo. Ich weiß, du meinst es gut mit mir, aber Zaphykel ist mein Kind, und ich werde ihn retten." Meine Augen weiteten sich leicht, und hastig zog ich mich wieder hinter den Baum zurück.
    Vewo, den ich nun nicht mehr sehen konnte, sagte beschwichtigend: "Brigit, hör mir zu..." die Elfenkönigin antwortete nicht, vermutlich brachte sie den Berserker durch eine herrische Handbewegung zum Schweigen. Einen Moment später sagte sie mit schneidender Stimme: "Mehr habe ich nicht zu sagen. Vor Tagesanbruch bin ich zurück in Hibernia. Du solltest dich jetzt besser ausruhen." Nur das Geräusch ihrer sich entfernenden Schritte war noch zu hören. Ich starrte verwirrt auf den Erdboden und versuchte, einen Sinn in dem nur teilweise
    belauschten Gespräch zu finden. Zaphykel als Brigits Sohn? soviel hatte ich verstanden. Aber was meinte Vewo, als er die Elfe vor dem warnte, was geschehen würde wenn sie ´einfach da hinein spazieren und die Situation erklären täte´? ich erhob mich vorsichtig. Das musste ich sofort Keena erzählen. Doch ich hatte kaum zwei Schritte getan, als ich auf einen trockenen Ast trat, der natürlich prompt und mit einem deutlichen Knacken unter meinen Stiefeln zerbrach. Ich erstarrte und hörte das klirrende Geräusch von Eisen, das aus seiner Scheide gezogen wird. "Wer ist da, zeig dich!" knurrte Vewo hinter dem Baum. Während ich noch überlegte, ob ich nicht lieber schleunigst abhauen oder mich reuevoll zu erkennen geben sollte, tauchte der junge Mann schon zu meiner linken Seite auf. Erstaunt starrte er mich an, Schwert und Axt noch immer erhoben. "Llienne, was machst du denn hier?" ich schaute mit scheelem Blick auf die beiden Waffen, die keinen Zentimeter wichen. "Ahem, ich...ich musste mich erleichtern und hab euch zufällig...also, ich wollte nicht..." stotterte ich verlegen. Vewo folgte meinem Blick, schüttelte kaum merklich den Kopf und ließ hastig seine Waffen sinken. Er sah mich einen Moment prüfend an, ehe er sich mit einem schweren Seufzer an dem Baum hinabsinken ließ. "Setz dich. Ich sehe keinen Grund, warum du es eigentlich nicht wissen solltest. Vielleicht fällt dir ja sogar eine Möglichkeit ein, sie zur Vernunft zu bringen." Ich tat, wie mir geheißen, und kreuzte die Beine übereinander, während ich die Arme vor der Brust verschränkte. "Wen meinst du mit sie? Brigit?" Vewo nickte und sah einen Moment in die Richtung, in die die Elfe entschwunden war. "Hast du verstanden, was du da eben gehört hast?" fragte er. Ich schüttelte sachte den Kopf. "Nicht ganz," gab ich zu. Er seufzte nochmals. "Tja, nun, ich wusste zwar, dass Brigit einen Sohn hat...aber ich dachte, er wäre tot. Genau wie sein Vater." Ich sah ihn schweigend an. Vewos Blick verdüsterte sich noch mehr. "Das ist eine lange Geschichte, Llienne. Und eigentlich geht sie weder mich noch dich etwas an. Aber in diesem Falle ist es wichtig. Ohne Brigit werden wir den morgigen Kampf nicht überstehen." Ich schrak zusammen.
    "Von was für einem Kampf sprichst du?" der Berserker deutete vage nach Norden. "Unsere Späher haben sie schon bemerkt. Die Rebellenarmee kehrt zurück und sie sehen aus, als hätten sie schon eine siegreiche Schlacht hinter sich, denn bei ihnen waren Verletzte und Gefangene. Sie rasten nur ein paar Stunden entfernt und wenn sie weiterziehen, werden sie uns entdecken. Und dann," fügte er hinzu und seine Brauen zogen sich zusammen, "dann wird es ein Blutbad geben." Ich blinzelte verstört. "Dann müssen wir Brigit zurückholen, ehe sie ihnen geradewegs in die Arme läuft. Und anschließend sofort von hier verschwinden." Vewo schüttelte sachte den Kopf und zu meiner Verwunderung begann er, gedankenverloren zu lächeln. "Das ist ausgeschlossen. Wenn Brigit einen Entschluss gefasst hat, kann keine Macht der Welt sie davon abbringen, zu tun was sie für richtig hält. Oder glaubst du, es macht einen guten Eindruck wenn wir Hibernias Königin in Ketten zu ihnen zurückbringen? anders würde es nicht gehen." Ich studierte aufmerksam sein Gesicht. "Ihr kennt euch wohl schon länger?" Vewo schwieg einen Moment und machte damit deutlich, dass er über dieses Thema nicht reden wollte. Doch letztlich nickte er knapp, ehe er nach eine weiteren Moment fortfuhr: "Wie auch immer. Ich muss jetzt ein bisschen weit ausholen, es ist wie gesagt eine lange Geschichte. Sie beginnt dort, wo sich Lugh Lamfhota, König von Hibernia, seine Gemahlin Brigit nahm." Er seufzte einmal mehr und zwirbelte an seinem dichten, blonden Bart. "Anfangs brachten wohl nur politische Interessen die beiden zusammen. Lugh Lamfhotas erste Gemahlin war kinderlos gestorben und es wurde dringend Zeit, dass er einen Erben zeugte. Doch," er senkte die Stimme ein wenig, "die beiden...nun ja, lebten und herrschten schon viele Jahre gemeinsam über Hibernia, aber niemals traf die Nachricht ein, auf die sie alle hofften. Bis es eines Tages dann doch geschah und zwar völlig unerwartet. Der Anfang einer mittleren Katastrophe." Ich starrte ihn gebannt an. "Was passierte?" Vewo starrte zu Boden, und ich dachte schon, er hätte mich vergessen, als sein Kopf sich ruckartig wieder hob und er mich beinahe herausfordernd anfunkelte- als könnte ich etwas dafür, was immer sich vermutlich lange vor meiner Zeit abgespielt hatte. "Ein Kind wurde geboren, ein Sohn, wie ganz Hibernia es sich wünschte. Das Seltsame war, dass der Kleine seinem Vater absolut nicht ähnlich sah. Das machte viele stutzig, doch man nahm es hin. Als der Knabe heranwuchs, wurden die Fragen um seine Geburt immer drängender, Gerüchte entstanden, wie das nunmal so ist. Und dann begannen einige neugierige Seelen, in Sachen zu schnüffeln, die sie eigentlich nichts angingen." Er holte kurz Luft, und sein Blick wurde noch etwas wilder. "Und dabei wurde dann ein ziemlich schmutziges Geheimnis aufgedeckt. Brigit und Lugh hatten feststellen müssen, dass sie beide zusammen niemals ein Kind haben würden, und dass es auch demnach niemals einen rechtmäßigen Erben ihres Blutes für Hibernia geben würde. Da tat Brigit etwas, was genauso irrsinnig wie tapfer war. Hier muss gesagt werden, dass Lugh Lamfhota noch einen jüngeren Bruder hatte, der das höfische Leben, Politik, Macht und Korruption gleichermaßen ablehnte und eine schattengleiche Existenz mitten unterm gemeinen Volk führte. Und Brigit...ging zu ihm." Ich hob beide Augenbrauen. "Sie hat mit ihm...und dabei...?" Vewo nickte. "Ja, sie haben das Lager geteilt und endlich wurde Brigit schwanger. Sie erzählte Lugh nichts davon, denn wenn das Reich auch dringend einen Erben brauchte, wäre diese Schande die sie ihrem Gemahl damit einbrachte, sein Genickbruch gewesen. Wie gesagt, Zaphykel wurde also geboren und wuchs als rechtmäßiger Thronfolger auf. Als er aber etwa vier oder fünf Lenze zählte, hatten die besagten Schnüffler endlich konkrete Hinweise. Wie sie daran kamen, wurde niemals bekannt, aber das ist ja jetzt auch unwichtig. Lugh befahl, den Kleinen sofort zu...zu beseitigen. Er selbst zog unverzüglich in eine verfrühte Schlacht gegen Albion, um seine Ehre auf dem Schlachtfeld wieder herzustellen oder auf diesem zu sterben. Letzteres war dann der Fall, aber sein Befehl galt noch immer. Sie kamen in der Nacht und wollten Zaphykel umbringen und Brigit überließ ihn meiner Obhut." Er schwieg, ein Schatten huschte über sein Gesicht, als die Erinnerungen ihn offensichtlich übermannten. Leise fragte ich: "Und was hast du getan?" Vewo schlang die Arme um den Oberkörper, als wäre ihm kalt. "Ich schaffte ihn aus Tir na nOgh und reiste quasi bis ans hintere Ende Hibernias, wo meine Eltern lebten. Sie waren vor langer Zeit nach Hibernia entführt worden wie du, aber damals gab es noch keine Reibereien in Murdaigean und man behielt sie als Arbeitskräfte im Land. Ich wurde als Kind nach Tir na nOgh gebracht und leistete dort Küchendienst. Nur Brigit, die Königin selbst, hatte ab und an einmal ein freundliches Wort oder wenigstens ein Lächeln für mich übrig und darum hatte ich auch das Gefühl, als wäre ich ihr das einfach schuldig." Er lächelte traurig. "Zaphykel war völlig verängstigt und verwirrt und wir erzählten ihm haarsträubende Geschichten und Lügen. Es war ja zu seinem eigenen Schutz, weißt du? keiner hatte bei dem Aufruhr von Lugh Lamfhotas plözlichem Tod an den Kleinen gedacht und ich konnte mich mit ihm ungesehen davonstehlen. Brigit erklärte, sie selbst habe die Blutschande gerächt und ihren Sohn in Danas Schoß geschickt. Danach ging sie freiwillig ins Exil und wurde nie wieder in Hibernia gesehen. Erst Jahre später konnte man Lughs geflohenem Bruder habhaft werden und verbannte auch ihn. Was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht." Ich senkte den Blick. "Ich schon." Und als er mich groß anblickte, erzählte ich ihm, wie ich den verletzten Elfen in unseren Wäldern gefunden und sein letztes Andenken für seinen Sohn an mich genommen hatte.
    Vewo nickte. "Das ergibt damit alles einen Sinn. Zaphykel vergaß seine hohe Herkunft und wuchs bei meinen Eltern auf, und die Verräter, die die ganze Sache aufgedeckt hatten, setzten ihr Oberhaupt auf den hibernianischen Thron." Ich starrte finster auf einen imaginären Punkt am Erdboden. "Mikata und ihren Vater." Vewo nickte erneut. "Tja. Sie müssen Brigit irgendwo aufgespürt haben, und als die ersten Unruhen in Murdaigean losgingen, sperrten sie sie dort ein. Denn es hätte ja immer noch mal die Situation kommen können, wo sie sich als wertvolle Geisel entpuppen würde." Ich stand umständlich auf und klopfte mir Moos und Blätter von der Rüstung. "Wenn Zaphykel jetzt etwas zustößt, dann ist es nur meine Schuld. Er fühlte sich mir gegenüber zu Dank verpflichtet, bloß weil ich ihm seinen verdammten Kristall zurückgebracht habe. Und darum hat er Mikata aus freiem Willen belogen. Ich werde Brigit nach Hibernia folgen," fügte ich beinahe beiläufig hinzu. Vewo riss die Augen auf. "Du bist verrückt! nach allem, was du mir erzählt hast, besteht Mikatas einziger Wunsch wohl nur darin, dir eigenhändig den Kopf abzuschlagen." Ich schüttelte nachdrücklich den Kopf. "Mag sein, dass ihr das gefallen würde, aber sie wird es nicht tun, dafür sorgt mein Bruder schon. Außerdem hatte sie schon genug Gelegeheiten dazu. Ich will nicht in dem Wissen von hier fliehen, dass jemand meinetwegen den Tod findet." Vewo schwieg ratlos, ehe er hervorstieß: "Hätte ich das gewusst, ich hätt' meinen Mund gehalten. Erst schaffe ich es nicht, Brigit aufzuhalten, und nun willst du dich auch noch in ein völlig irrsinniges Abenteuer stürzen. Du hast jetzt nach all der Zeit die Chance, nach Hause zu kommen. Nutze sie und sei nicht so eine gedankenlose Närrin!" ich maß ihn mit einem abschätzenden Blick und seufzte tief. "Ich will ja auch nach Hause, Vewo, ich will es wirklich. Aber...ich kann nicht." Der Berserker hatte die Stirn in tiefe Falten gezogen und seufzte erneut, diesmal sehr tief. "Ach zur Hölle damit, ich kann dich ja verstehen. Doch um diesen Irrsinn mit wenigstens dem Hauch einer Chance anzugehen, brauchen wir Brigit." Ich runzelte die Stirn: "Aber du hast doch eben noch gesagt, dass..." ruppig fiel er mir ins Wort: "Das weiß ich. Aber was meinst du, was passiert wenn zwei Midgarder in Hibernia einfallen und..." er unterbrach sich ungeduldig. "Das können wir vergessen." Ehe ich antwortem konnte, wehte aus unserem Lager ein lauter Schrei zu uns herüber: "Die Rebellen! wir werden angegriffen!" Vewo sprang so heftig auf, dass seine Schulter über den Baumstamm schrammte und ein paar kleinere Zweige losriss. "Die Rebellen? jetzt schon?" fragte ich halb entsetzt, halb zornig. Umso besser, zischte eine Stimme in meinem Inneren. Mit etwas Glück würde Mikata dabei sein. Und dann... ich knirschte mit den Zähnen und schloss die Rechte um den Schaft meiner Axt. Mit sturmumwölkten Gesicht folgte ich Vewo, der im Laufschritt unser Lager ansteuerte.

    "Der Regen, das Blut, die Schreie, soviel Schmutz und Elend und überall Stahl und Schreie. Ich glaube, an diesem Tag sind die Götter zu uns gekommen und haben mitgespielt."
    Bericht eines Überlebenden aus einem schon vor langer Zeit gekämpften Krieges
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  10. #40

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    Der Kampf hatte noch nicht begonnen, als wir eintrafen. Hibernianer, Midgarder und Albioner, die zu uns gehörten, hatten sich auf irgend einen Befehl hin in drei ordentlichen Reihen aufgestellt und blickten starr geradeaus, wo ihnen es die Rebellen gleich getan hatten. Zahlenmäßig würden sich beide Parteien in etwa gleichen, wie ich nach einem prüfenden Blick feststellte. Aber wir hatten überwiegend entmutigte Gefangene, von denen einige sehr lange keine Waffe mehr in den Händen gehalten hatten. Die Feinde hatten gerade eine Schlacht hinter sich und verspürten noch immer Blutdurst, was in ihren in wilder Vorfreude und vor Wut verzerrten Gesichtern recht deutlich zu lesen war. Ich blickte mich um und entdeckte Keena, Brakalu, Jerali und Gindar. Für einen kurzen, unangebrachten Moment schwoll mein Herz vor Zuneigung regelrecht an. Sollten wir alle oder einer von uns fallen, dachte ich beklommen, möchte ich euch in einem anderen Leben wiedertreffen, bitte. Rasch verscheuchte ich den Gedanken und schalt mich in Gedanken eine Närrin: noch stehen wir alle fest auf den Beinen, Mädchen. Reiß dich bloß zusammen. Zauber wurden gesprochen, Waffen gezückt und die Unruhe unter den Männern und Frauen wuchs merklich. Schließlich löste sich eine hochgewachsene, schwarzgekleidete Gestalt aus der vorderen Feindesreihe und trat zwei Schritte vor. Obwohl der Mann eine schwarze Gesichtsmaske trug und die Kapuze übergestülpt hatte, wusste ich, dass es sich um meinen Bruder handelte. "Verräter," sagte der Mann, und obwohl er nicht sehr laut gesprochen hatte, wurde es schlagartig still, so dass auch der letzte seine Stimme vernehmen konnte. "Ihr sollt diese heutige Narrentat bitter bereuen. Es wäre für euch alle besser gewesen, ihr wärt in euren Käfigen geblieben. Nun werdet ihr sterben." In seiner Stimme schwang fast so etwas wie Bedauern mit und ich verspürte eine wilde Wut. Er spricht mit uns, als wären wir verlauste Tiere, dachte ich schäumend. Niedere Existenzen, die er mit dem Stiefel treten kann. Das soll er büßen. "Und Ihr macht Euch lächerlich, Jungchen," erklang plötzlich die schneidende Stimme einer Frau. Alle wandten den Kopf und sahen Brigit, die ohne eine Spur von Furcht durch die schmale Gasse schritt, die sich durch die fest wie Bäume stehenden Reihen gebildet hatte. In der Mitte blieb sie stehen, drehte sich bedächtig um und betrachtete Storvag, obwohl sie sein Gesicht wohl ebenfalls nicht sehen konnte. "Und du wagst es, das Wort ´Verräter´ in den Mund zu nehmen?" fragte sie spöttisch. Mit einer herrischen Geste wandte sie sich an die Hibernianer, die hinter Storvag standen. "Denn Verräter seid nur ihr. Ich bin die rechtmäßige Königin Hibernias und ihr alle habt mich und euer Land aufs schändlichste enttäuscht." Ihre Worte blieben nicht ganz ohne Wirkung, wie ich erstaunt feststellte: mehr als nur einer der Hibernianer war bei ihren Worten wie unter einem Peitschenhieb zusammengefahren, viele scharrten nervös mit den Füßen und nur die allerwenigsten vermochten ihrem durchdringenden Blick standzuhalten. Brigit gab ihnen einen Moment, um die Worte zu verarbeiten, ehe sie im selben Tonfall fortfuhr: "Doch Hibernias Königin war und ist nicht bekannt für Rachsucht. Ich biete es euch jedoch nur einmal an. Besinnt euch und tretet an meine Seite. Ich will niemanden bestrafen. Ich will das Land wieder zusammenführen. Der Krieg untereinander soll und muss aufhören. Was sagt ihr?" sie schwieg einen Moment, und die darauffolgende Stille war beinahe unerträglich. "Was sagt ihr?" rief sie erneut, mit einer Stimme so kalt und scharf wie geschliffenes Eis. Storvag lachte höhnisch, doch ganz echt klang es nicht- selbst er blieb von der Autorität Brigits nicht gänzlich unbeeindruckt. "Sie werden gar nichts sagen, Elfe. Du sollst vielmehr spüren, was sie davon halten. Aber du kannst gut reden, Elfe, das muss er Neid dir lassen. Und darum biete nun ich dir etwas an. Lass uns doch testen, wer der Bessere ist. Bist du nach all den Jahren noch stark genug, um überhaupt jemanden zu führen?" seine Stimme wurde lauter und eine Spur gehässiger, sein gesamtes Selbstvertrauen war wieder da: "Komm und kämpfe mit mir, Brigit, ehemalige Herrscherin Hibernias. Nur du und ich, danach sollen unsere Untergebenen selbst entscheiden, ob sie noch eine Schlacht wollen oder nicht." Ich betrachtete Brigit und Storvag mit so etwas wie morbider Faszination. Beide strahlten Kraft und Sicherheit aus. Sie waren vielmehr kaum gezähmte Kräfte als normale Sterbliche und ich wusste nicht zu sagen, wem ich in einem Kampf die größeren Chancen einräumen würde.
    "Was ist, Elfe?" fragte Storvag dröhnend, als Brigit einen Moment zögerte. "Verlässt dich da plötzlich der Mut?" Brigits Augen funkelten vor Kriegslust. "Verfluche den Tag, an dem du mich getroffen hast, Bengel," sagte sie kalt. "Denn der heutige wird dein letzter sein." Sie scheuchte die Hibernianer, die sich um sie drängten, mit einer befehlenden Geste zurück. Storvag nahm die Kapuze ab und löste auch die Maske von seinem Gesicht. Wortlos fixierte er die Elfenkönigin und flüsterte einem der Hibernianer knapp hinter sich etwas zu, woraufhin der junge Elf hastig nickte und in der Menge verschwand. "Ich schätze, du möchtest eine Waffe deines Reiches in den Händen halten?" fragte Storvag. Brigit erwiderte seinen Blick starr. "Womit ich dir den Kopf abschlage, ist mir im Prinzip egal," erwiderte sie schlicht. Storvag lachte leise. "Wir werden sehen."
    Die Stille hüllte uns ein wie ein Laken aus Nebelschwaden. Langsam wichen sowohl die Gefangenen als auch die Rebellen zurück und bildeten einen großzügigen Kreis, in dessen Zentrum Brigit und Storvag standen. Die Elfenkönigin nahm mit unbewegtem Gesicht einen gewaltigen Zweihänder entgegen, welchen ihr der von Storvag fortgeschickte Elf gesenkten Blickes überreichte. Zu meiner leisen Verwunderung löste Storvag seine midländischen Waffen vom Gürtel, warf sie achtlos hinter sich und ließ sich ebenfalls ein hibernianisches Schwert reichen. Um seinen Mund spielte der Hauch eines Lächelns und in seinen Augen bemerkte ich ein bis dato nie dagewesenes fanatisches Funkeln. Er ist verrückt, dachte ich flüchtig, während eine unsichtbare Hand sich kalt um meine Kehle legte. Vollkommen besessen von diesem Krieg, von dem keiner weiß, wozu er gut ist. "Wir haben lange genug gewartet," sagte Storvag ruhig und verneigte sich, noch während er sprach. Brigit antwortete nicht, vollführte jedoch ebenfalls eine knappe Verbeugung und der Kampf begann ohne weiteres zögern. Storvag stürzte mit einem einzigen Satz auf die Elfe zu, so schnell und geschmeidig, dass er sein leicht schwerfällig anmutendes Äußeres Hohn strafte. Brigit war auf die Attacke jedoch vorbereitet, hob ihre Klinge und parierte den Hieb. Die Waffen klirrten unter der Wucht und beide Kontrahenten wichen wieder etwas zurück. Langsam, wie Raubtiere, begannen sie sich zu umkreisen, wobei jeder die Waffe fest mit beiden Händen gepackt und angriffsbereit hielt. Ich begriff- sie wollten jeder zunächst nur einen Eindruck vom Können des anderen gewinnen. Storvag stieß einen tiefen, grollenden Ruf in unserer Muttersprache aus und gab seine Passivität auf. Die Klinge leicht hin und her bewegend, trieb er Brigit vor sich her und drängte sie langsam an den Rand des Kreises. Meine Unruhe wuchs und ich spürte kurz ein unagenehmes Ziehen im Bauch. Brigit ließ sich jedoch beinahe ruhig in die von Storvag gewünschte Position manövrieren, ehe sie einen blitzschnellen Ausfallschritt zur Seite tat und sich in der selben Bewegung drehte. Ihr Schwert blitzte auf, und Fetzen von schwerem, vernarbten Nietenleder flogen in die Luft. Ich blinzelte dümmlich und erkannte erst jetzt, was passiert war: die Elfe hatte den ersten Treffer gelandet, mein Bruder war verwundet. Unter den Gefangenen brach kurz Jubel los, ich hingegen schwieg. Storvag zögerte kurz. Die Verletzung war nicht schwerwiegend, seine Rüstung hatte einen Teil der Wucht abgefangen und die Klinge war lediglich über seine Schulter geschrammt und hatte einen flachen, harmlosen Schnitt hinterlassen. Dennoch wirkte der Berserker über den Umstand, dass er verwundet worden war, milde erstaunt. Mit einem anerkennenden Nicken fasste er sein Schwert fester und setzte Brigit nach- der Kampf wurde ernst. Ich fuhr jedes Mal zusammen, wenn die schweren Klingen kreischend und funkensprühend aufeinander trafen, wenn die Kämpfenden unter den Stößen ihrer eigenen Wucht zurücktaumelten und sich verbissen wieder attackierten. Ganz wie in den völlig überzeichneten Abenteuergeschichten fauchte plötzlich ein kalter Windzug über den Kampfplatz und der Himmel wurde dunkler- die Luft roch nach Regen. Ich begann zu frösteln, auf Storvags und Brigits Gesichtern hingegen glänzte feiner Schweiß. Wie lange der Kampf inzwischen dauerte, konnten nur die Götter wissen. Und endlich beginn Storvag einen schwerwiegenden Fehler. Brigit hatte ihr Kampftempo merklich gesenkt, parierte schwerfälliger und wich immer häufiger zurück und mein Bruder deutete dies als eindeutige Zeichen von Erschöpfung. In seinen Augen glomm bösartiger Triumph auf, er hob sein Schwert höher und sprang auf Brigit zu. Die Elfe fixierte ihn aus halbgeschlossenen Augen, ließ ihn gefährlich nahe an sich herankommen- und führte einen Streich, den man mit dem bloßen Auge kaum mehr verfolgen konnte. Storvag grunzte überrascht, seine Augen wurden größer. Ohne alle Eleganz taumelte er an Brigit vorbei- um dann dennoch seine Klinge herumschnellen zu lassen. Die Menge hielt den Atem an, nur ein fernes, dumpfes Grollen erscholl vom Himmel. Brigit stand still und hoch aufgerichtet, ehe ihre linke Hand mit den verbliebenen drei Fingern sich hob und zögerlich über ihre Seite strich, wo die schwere hibernianische Klinge einen gezackten Riss hinterlassen hatte. Storvag schwankte noch immer, presste eine Hand auf die Brust und brach endlich in die Knie. Noch immer war es gespentisch ruhig. Dann begann die Rebellenarmee wie auf ein unsichtbares Kommando hin bedrohlich zu raunen, es klang nach einer Horde verärgerter Schlangen. Die Gefangengen hingegen blieben still, offenbar starr vor Entsetzen. Nur einer stieß plötzlich einen lauten Schrei aus und ein einzelner Pfeil sirrte aus unseren Reihen, traft Storvag in die Schulter und schmetterte ihn zu Boden. Mein Kopf ruckte herum und ich sah Feeyas, der zwei Schritte aus der Masse hervorgetreten war und meinen Bruder mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Sein Blick ließ mich abermals frösteln- kaum mehr Wahnsinn stand darin, dafür umso mehr Rachsucht. Als wäre dies das endgültige Zeichen gewesen, brach auf dem Platz die Hölle los. "Für die Königin!" brüllten die Hibernianer, die uns begleiteten. In diesen Schlachtruf stimmten die Vertreter der anderen Völker zwar nicht ein, doch auch sie hoben Waffen und Hände und stürzten sich mit grimmigen Gesichtern in den Kampf. Die Rebellen schienen für einen Moment verdutzt, mit einem solchen Kampfgeist derer, die noch vor kurzem verschüchtert in tiefen Kellergewölben gehockt hatten, hatten sie offenbar wirklich nicht mehr gerechnet. Nur zu schnell wurden sie eines Besseren belehrt. Wie bei Feeyas loderte den Gefangenen der Rachedurst aus den Augen, und ehe die Rebellen wussten wie ihnen geschah, waren die Angreifer unter ihnen und schlugen bereits wütend auf sie ein.
    Ein Kelte stürmte, Schwert und Schild angriffsbereit erhoben, direkt auf mich zu. Ich duckte mich unter seinem Hieb und war für einen Moment wie zerrissen. Dies war mein erster wirklicher Kampf und diesmal war es weder ein Spiel, noch ein Rachefeldzug an den Morvaltar oder ein ehrenloser Trainingskampf gegen Mikata. Ich würde jetzt entweder sterben oder kämpfen müssen. Nach einem halben Herzschlag kam ich zu dem Entschluss, dass ich Letzteres deutlich vorzog. Mit fest zusammengekniffenen Lippen schnellte ich wieder hoch und schleuderte dem Mann meine Kriegsschreie entgegen. Er prallte zurück, starrte mich einen Moment an und griff knurrend wieder an. Ich verengte die Augen und schaffte es erneut, einem seiner Hiebe auszuweichen. Er fluchte, holte ein drittes Mal aus- und stürzte mit weit aufgerissenen Augen zu Boden, während sein Mund ein perfektes O formte. "Was machst du denn da?" schrie Vewo, der ihn niedergestreckt hatte. Er schüttelte kurz den Kopf und verschwand wieder in der Menge. Ich blickte mich wild um und gewahrte für einen Moment Keena, die mit einem Troll und einem Nordmann gleichzeitig kämpfte. Wir tun das wirklich, schoss es mir durch den Kopf. Midgarder bekämpfen Midgarder. Wir bringen uns gegenseitig um! mit einem hellen Schrei stürzte sich eine braunhaarige Elfe auf mich und schwang gleich zwei Schwerter. Ich stolperte nach hinten, während die Klingen pfeifend die Luft zerschnitten, wo noch eben mein Gesicht gewesen war. Die Elfe wollte erneut ausholen, doch eine schimmernde blaue Kugel schoss genau über den Kopf eines Nordmanns hinweg und fegte die Frau einfach von den Füßen. Die Magier, die zu uns gehörten, hatten sich ein Stück vom eigentlichen Schlachtfeld zurückgezogen und wirkten im Hintergrund ihre Zauber. Ein vielstimmiger Aufschrei erscholl, als erneut ein tiefes Grollen vom Himmel kam und mit ihm eine Masse lodernder Speere, welche mit furchtbarer Wucht mitten auf die Wiese stürzten. Die feindlichen Magier folgten dem Beispiel und mir schien es wirklich, als würde die Erde beben. Ich spürte, wie jemand von hinten gegen mich prallte und fuhr mit einem Aufschrei und erhobener Axt herum. Gindar starrte mich aus großen Augen an, er atmete bereits schneller. Vor Erleichterung nickte ich ihm zu und er wurde wieder von der Masse verschluckt.
    *Feder und Tintenfass reich*

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  11. #41

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    Die ersten Regentropfen fielen vom Himmel und verdampften in den Flammen, die bereits an vielen Stellen das trockene Gras verbrannten. Die Schreie der Kampfeswütigen und die der Verletzten erfüllten die Luft, ebenso das beständige Toben der vielen Zauber und die Geräusche des Himmels, die sich inzwischen zu lauten Donnerschlägen gesteigert hatten. Alles floss ineinander und verschmolz zu etwas Gigantischem, Unbezwingbarem. Plötzlich schienen die Rebellen einen neuen Plan gefasst zu haben, denn sie ließen die Waffen sinken und begannen, sich in Richtung Wald zurückzuziehen. Schreie und Spottrufe wurden laut und ein paar Einzelne, die noch wie besessen vom Blutdurst waren, setzten ihnen nach. Ohne zu wissen, was ich tat, kreischte ich so laut ich nur konnte: "Bleibt hier! das ist eine Falle, verdammt noch mal, bleibt zusammen!" Gindar, Jerali und Brakalu stolperten aus der Masse auf mich zu. Bis auf Kratzer und harmlose kleine Schnitte schienen sie unverletzt. "Verflucht nochmal, was machen diese elenden Idioten da?! Llienne, Llienne...bist du in ordnung?" Keena stürzte auf mich zu. Ihr blondes Haar war wild zerzaust und hing ihr ins Gesicht, und ihr fehlte die oberste Spitze vom rechten Ohr, was sie allerdings gar nicht zu bemerken schien. Ich starrte sie an. "Ja, mir gehts gut, und euch?" Jerali und Brakalu nickten nur, sie waren wieder in Schattengestalt und ihren abscheulichen Dienern schien ebenfalls nichts zu fehlen. Auch Gindar nickte. "Alles nicht der Rede wert. Aber was in Gottes Namen ist denn jetzt los?" während er sprach, wandte er sich unaufgefordert Keena zu und hantierte an ihrem Ohr. Sie zuckte mit demselben, ließ ihn aber gewähren. "Sie ziehen sich mit ziemlicher Sicherheit in die Festung zurück und von da sind sie uns überlegen," antwortete sie grimmig. Ich stöhnte leise. "Und die Leute rennen ihnen blind nach. Wir müssen sie aufhalten!" Keena lächelte ohne eine Spur von Humor. "Du willst sie aufhalten? sie, die sie grad im absoluten Rausch sind? na, dann mach mal, viel Glück." Ich seufzte tief und Keena klopfte mir auf die Schulter. "Na komm schon, Llienne." Ich nickte, wandte mich aber zögernd wieder dem Schlachtfeld zu. "Ich komme gleich, wartet nicht auf mich." Die anderen schienen von der Vorstellung wenig angetan. "Du weißt nie, wer da noch im Dreck liegt und nur die Leiche spielt!" warnte Jerali. "Sei nicht dämlich und komm mit." Ich funkelte sie an, und zu meiner Überraschung verstummte sie. "Gleich," sagte ich kühl. "Ich hol euch mühelos ein, sei versichert." Und damit ließ ich sie stehen.
    Langsam ging ich zum nunmehr verlassenen Kampfplatz zurück. Ich brauchte einen Moment, ehe ich feststellte, dass die leisen, zischenden Geräusche mein schweres ein- und ausatmen waren. Der Anblick war erschütternd. Waffen steckten in der Erde, welche aufgewühlt war und an nicht wenigen Stellen noch immer brannte. Dazwischen lagen überall reglose Körper. Mein Herz hämmerte heftig, als ich einen großen Schritt über den gefallenen Leib eines Trolls tat und mich suchend umschaute. Etwas kratzte an meinem Stiefel und ich schrie leise auf. Zu meinen Füßen lag eine schwach zuckende Keltin. Ihr dunkles Haar war von Blut verkrustet und ihr rechtes Auge starrte mich hilflos an, während das linke überhaupt nicht mehr vorhanden war, stattdessen zeigte sich dort eine scheußliche Wunde, die mit Dreck und Blut zur Unkenntlichkeit verschmiert war. "...hi...fe, bi...te!" krächzte die Frau. Sie konnte sich offenbar nicht mehr rühren, denn ihr Kopf lag ruhig im zertrampelten Gras, nur das verbliebene Auge bewegte sich hektisch und fixierte mich dann wieder. Ich hatte kurz die Befürchtung, mir müsse sich der Magen umdrehen. "Ja," sagte ich leise. "Ich helfe Euch." Ob die Keltin meine beinahe geflüsterten Worte überhaupt noch verstanden hatte, bezweifelte ich, doch mein beruhigender Ton schien zu wirken- trotz ihrer Qual schlich sich ein verkrampftes Lächeln auf ihre Lippen. Zitternd hob ich meine Axt und tat, was ich versprochen hatte.
    Mit einem noch stärker revoltierenden Magen fuhr ich mit der Suche fort, doch ich brauchte dann tatsächlich volle fünf Minuten, ehe ich Storvag zwischen all den Gefallenen gefunden hatte. Er war auf die Seite gefallen, eine Hand hatte sich in ein paar Grasbüschel verkrallt, die andere lag schlaff über seiner Brust, auf der das Blut langsam trocknete. Mit weichen Knien hockte ich mich neben ihn und strich ihm die rotbraunen Haare aus der Stirn. Seine Augen waren geschlossen, das Gesicht wächsern. "Storvag," sagte ich heiser, und danach fiel mir erst einmal nichts Gescheites mehr ein. Ich betrachtete das Gesicht meines Bruders. Jetzt, da es entspannt war und nicht von einem boshaften Lächeln verunstaltet, wirkte es jung. Sehr jung sogar. "Storvag," sagte ich wieder. "Damals trugst du noch keinen Bart. Und damals haben wir auch nicht gegeneinander gekämpft." Die Worte waren so überaus idiotisch und sinnfrei, dass mir ein trockenes Kichern die Kehle empor kroch, während mein Blick zu verschwimmen begann. Plötzlich näherten sich leise Schritte hinter mir. Ich blieb einen Moment sitzen, federte dann jedoch in einer einzigen Bewegung hoch und wirbelte herum. Meine blutbesudelte Axt war nur Zentimeter von Brakalus Kehle entfernt. Ich gab ein ersticktes Keuchen von mir und ließ die Waffe fallen. Der Nekromant zeigte sich nicht im mindesten erschrocken, sah mich nur ernst an und ließ sich dann neben mir auf der Erde nieder. "Bist du wahnsinnig?" fauchte ich. "Ich hätte dir..." Brakalu hob kurz die Schultern. "Ja. Aberr du hast ja nicht." Fassunglos wandte ich den Blick wieder ab und löste Storvags Hand vom Grasbüschel. Sie war noch warm. "Warum hat er das getan, Braka?" fragte ich leise. "All dies...es war...er wollte es so. Oh verdammt, er ist mein Bruder...war mein Bruder. Und ich kann ihn noch nichtmal in Schutz nehmen. Warum hat er das getan?" statt zu schreien, wurde meine Stimme leise. Brakalu legte den Kopf schräg und betrachtete den Leblosen aus halbeschlossenen Augen. "Ich weiß es nicht," sagte er. "Aberr du hast an all dem keine Schuld." Ich legte vorsichtig Storvags Hand zurück und ließ sie los. "Wirklich nicht?" fragte ich leise. "Ich habe all das angefangen. Der Ausbruch, die Flucht, die...die...alles einfach. Ich bin schuld, dass Athriliath sterben musste, dass du fast sterben musstest, all das...oh..." ich wusste nicht mehr weiter und schlug die Hände vor das Gesicht. Statt mir Trost zu spenden, seufzte Brakalu leise. "Athrriliath wusste, was err tat. Und diesen Kampf solltest du nicht bedauerrn." Mein Kopf ruckte hoch und nun konnte ich endlich doch schreien. "Ach nein? sollte ich nicht? so viele sind heute gestorben und viele werden heute noch sterben. Mein Bruder ist tot! wie soll ich meinen Eltern jemals wieder unter die Augen treten? einfach alles ist schief gegangen, die ganzen vergangenen Monate, einfach alles!" ich brüllte ihn hemmungslos an und irgendwie tat es gut. Brakalu betrachtete mich aufmerksam. "Wirr und all die Gefangenen aus Murrdaigean haben heute durrch dich ihrre Frreiheit errlangt. Du sagtest doch selbst...es sind tapferre Rrecken. Glaubst du nicht, dass sie den Heldentod hierr dem Dasein im Kerrkerr vorrziehen?" ich stutzte kurz und gab mir Gelegenheit, das Gehörte zu überdenken. Ich begann mich zu schämen, denn der Nekromant hatte Recht. Das hatte ich gesagt, ja. Und vermutlich dachten die nunmehr Befreiten wirklich so. Aber ob es den Heldentod, von dem Brakalu sprach, wirklich gab- das wagte ich inzwischen zu bezweifeln. Vielleicht lag es auch nur an meiner Erschöpfung und dem Umstand, dass es meine erste Schlacht war, nämlich, dass ich einen für eine stolze Midgarderin reichlich untypischen Gedanken pflegte: All die Schlachten zwischen den Reichen sind einfach nur sinnlos. Ich erschauderte und rieb mir über die Augen. "Ja," sagte ich heiser. "Stimmt vermutlich. Bitte entschuldige, dass ich dich angeschrien hab." Brakalu nickte und wollte antworten, doch plötzlich wurden seine Augen groß. Ich folgte seinem Blick und bemerkte Brigit, die ebenfalls zu Boden gestürzt war. Ich seufzte tief und zuckte in der selben Sekunde zusammen, als die Elfenkönigin sich schwach bewegte und versuchte, sich auf die andere Seite zu drehen. "Meine Güte, sie lebt noch!" ich rappelte mich auf und stürzte zu ihr. Tatsächlich, Brigit hielt die Augen geschlossen, aber ihr rauher Atem ging verhältnismäßig kräftig und ihre linke Hand, die noch immer ihre verletzte Seite umklammert hielt, zuckte schwach. Ich hatte keinerlei Erfahrungen als Heilkundige, doch ich hob vorsichtig ihren Kopf an und winkte Brakalu zu mir herüber. "Pass auf sie auf. Ich werde zur Festung laufen und Hilfe holen." Der Nekromant nickte folgsam, ging in die Hocke und ich bettete Brigits Kopf auf seinen Schoß. "Beweg dich nicht, ich bin gleich wieder da!" sagte ich, stimmte das Reiselied der Skalden an und beeilte mich, in Richtung Festung zu stürzen.
    So schnell mich meine Füße trugen, hetzte ich nach Norden. Als ich näher kam, sah ich, dass die Schlacht bereits wieder im Gange war. Der Lärm der Kämpfenden wehte zu mir herüber und von irgendwoher stieg Rauch auf. Die Rebellen hatten sich ausnahmslos ins Innere der Festung zurückgezogen. Nur die Magier erschienen hin und wieder kurzzeitig auf den Zinnen, um sich hastig wieder in Sicherheit zu bringen, da man sie bereits mit einem Pfeilhagel begrüßte. Auch der ein oder andere Schleicher wagte sich dann und wann vor das Tor, um einen heimtückischen Angriff zu starten und wieder wie eine Maus im Dunkeln zu verschwinden. Der Regen stürzte inzwischen mit grimmiger Entschlossenheit vom Himmel und wurde von gelegentlichen Donnerschlägen und Blitzen begleitet. Schlamm spritzte auf, als ich über die offene Grasebene zum Fluss und der darüber führenden Brücke eilte. Unsere Krieger besaßen keinerlei Kriegsmaschinerie wie beispielsweise ein Katapult und das große, beschlagene Einganstor war äußerst widerstandsfähig, doch die Männer und Frauen schlugen wütend mit allem darauf ein, was sie zur Hand hatten. Ich entdeckte Vewo, der sein Schwert gegen eine zweie Axt getauscht hatte und mit beiden Waffen voller Zorn das Tor bearbeitete, in vorderster Reihe. Sein Gesicht war zur Grimasse verzogen und seine Knöchel traten weiß hervor, so fest umklammerte er die Axtstiele. "Vewo," rief ich über das allgemeine Getöse und bahnte mich durch die Leiber nach vorn. "Vewo!" er wandte nur den Kopf und starrte mich verärgert an, ohne auch nur einen Moment in seiner Tätigkeit inne zu halten. "Verdammt, was ist denn?" fragte er unfreundlich. Er blutete aus einem Schnitt am Mundwinkel und sein linker Oberarm wurde von einer hässlichen, handtellergroßen Verbennung verunziert. "Brigit," keuchte ich, "Brigit lebt noch! ich brauche Hilfe!" er ließ seine Waffen fallen. Wilde Hoffnung glomm in seinen Augen auf. "Sie lebt?" fragte er heiser und packte mich so fest bei den Schultern, dass ich meinte, den Griff durch mein Kettengeflecht zu spüren. "Ja, aber ich weiß nicht, wie schwer sie verletzt ist. Brakalu ist bei ihr." Vewo brüllte irgend einen Namen, und auf seinen Ruf hin erschien ein gedrungener Zwerg in einer dunkelgrünen Kettenrüstung. Er keuchte leise und rote Flecken blühten auf seinen Wangen. "Was gibt es?" Vewo nickte herrisch in meine Richtung. "Die Elfenkönigin lebt noch. Wir müssen sie sofort in Sicherheit bringen und sie behandeln." Der Zwerg nickte."Dann führt mich zu ihr, Beeilung!"
    Die magischen Melodien meines Reiselieds fuhren nun auch meinen Begleitern in die Beine und flink wie die Hasen rannten wir über die Brücke und in Richtung Schlachtfeld. Der rote Bart des Zwergs flatterte im Gegenwind und er jauchzte leise. "Aaah, ich weiß schon, wieso ich es liebe, mit den Skalden zu reisen!" seine Worte wurden vom Donnergrollen und dem peitschenden Regen beinahe verschluckt, dennoch konnte ich sie verstehen und musste sachte schmunzeln. Das Grinsen gefror mir auf dem Gesicht, als wir die ersten Toten im Schlamm liegen sahen. Ich kniff die Augen zusammen, schüttelte mir das Wasser aus dem Gesicht und sah mich um. "Es war doch gleich hier, ich verstehe das nicht..." der Heiler stieß einen überraschten Laut aus. "Was ist das?" er deutete nach vorn und ich folgte seinem Blick. Am Waldrand sah ich eine reglose Gestalt liegen, so verdreckt von Schlamm, dass ich ihre Gestalt nicht identifizieren konnte. Daneben hockte -ebenfalls vor Schmutz starrend- Brakalu, der sich wie zum Schutz vor dem oder der Bewusstlosen aufgebaut hatte. Und eine dritte Person, die uns den breiten Rücken kehrte. Ich hatte eine leise Ahnung, um wen es sich da handeln konnte, aber das war doch völlig unmöglich...Vewo sog zischend die Luft ein. "Das ist Brigit!" er stürmte vorwärts, und der Heiler und ich bemühten uns, ihm zu folgen. "Hey!" brüllte Vewo, kam schlitternd und nach allen Seiten Matsch verspritzend zum stehen und packte den Fremden bei den Schultern. "Was zum Teufel geht hier vor?" Brakalu sah ihn mit großen Augen an, er wirkte leicht desorientiert und blinzelte in einem fort. Mit dem Regen rann ein feiner Blutstrom aus einer üblen Platzwunde an seiner Schläfe. "Achtung," sagte er matt. Der Fremde hob den Kopf, schlug den Kapuzenumhang zurück und betrachtete Vewo abschätzend. Der Berserker fuhr zurück. "Ihr?!" stieß er hervor. "Ich." Storvag nickte ungerührt, doch die herablassende Geste konnte nicht verbergen, dass er entkräftet war und vermuttlich starke Schmerzen litt. Ich starrte ihn fassungslos an und ihm gelang ein schwaches Lächeln. "Hallo, Schwesterchen. Ich musste mich eben wirklich zusammenreißen, du kannst ja überraschend rührselig werden." Hilflosigkeit, gepaart mit eisiger Wut, wallten in mir auf. Ohne nachzudenken, was ich tat, war ich mit zwei-drei Schritten bei ihm und gab ihm eine laut klatschende Ohrfeige. "Bei allen Göttern, Storvag! was ist nur mit dir passiert?! wieso tust du dies alles? du wolltest mir den Grund nennen. Sag es mir! sofort!!" ich beachtete die anderen überhaupt nicht mehr und packte meinen Bruder bei den Schultern, wobei ich die Pfeilwunde vergaß, die Feeyas ihm beigebracht hatte. Er schrie leise auf und ich sah frisches Blut zwischen meinen Fingern hervorquellen. "Helft ihm," fuhr ich den Heiler an, der ein paar Schritte hinter uns stand und die Szene reichlich hilflos verfolgte. Der Zwerg zögerte, und ich sprang auf. "Los!" meine Stimme knallte wie ein Peitschenhieb und mein Atem kam rauh und keuchend. Vewo nickte kaum merklich. "Tut, was sie verlangt." Der Heiler trat nervös näher, er hatte meinen Bruder sehr wohl erkannt. "Setzt Euch," befahl er unbehaglich. Storvag grinste knapp. "Ich werde es überleben. Die Elfe sollte Eure Hauptsorge sein." Es folgte einen Moment ratloses Schweigen, und ich nickte unwillig. Der Heiler stapfte sofort zu Brigit hinüber und ließ sich neben ihr auf ein Knie nieder. "Hier kann ich sie unmöglich behandeln," sagte er kopfschüttelnd. "Viel zu viel Unrat. Schmutz und Gifte könnten in ihre Wunden gelangen und das Blut verseuchen." Brigit stöhnte leise und schlug plötzlich die Augen auf. Als ein Regentropfen ihr prompt in die selben fiel, knurrte sie protestierend und blinzelte heftig. "Wieso bin ich so dreckig?" fragte sie unvermittelt, wollte sich aufrichten und sank stöhnend zurück. Der Heiler bedeutete ihr mit einer raschen Handbewegung, ruhig zu liegen. "Wir dachten, Ihr wärt tot, MyLady. Dieses Mädchen hat Euch gefunden." Sie folgte seinen Augen und lächelte mich schwach an. "Du schon wieder, hm? allmählich stehe ich...wirklich tief in deiner Schuld." Ich verzog die Lippen zu einem kurzen, krampfhaften Lächeln und wandte mich dann wieder Storvag zu. "Wie du siehst, müssen wir um unsere Hauptsorge nicht mehr bangen," sagte ich schroff. "Also hast du nun Gelegenheit, mir verdammt nochmal zu erzählen wieso du diesen...diesen dreimal verdammten Irrsinn hier angefangen hast!" meine Augen loderten und ich verspürte wieder einen heftigen Drang, Hand an ihn zu legen, beherrschte mich jedoch. Storvag maß mich von Kopf bis Fuß. "Wie selbstsicher und erwachsen du in all der Zeit geworden bist," sagte er.
    "Lenk nicht ab!"
    "Tue ich keineswegs, Schwesterchen. Das ist so. Ich bin beeindruckt."
    "Storvag!" ich wusste kaum mehr weiter, doch ich befürchtete, gleich an meinem Zorn zu ersticken. Selbst in so einer erbärmlichen Lage schaffte der elende Kerl es noch, mich aus dem Konzept zu bringen. "Sag es mir," sagte ich leise. "Oder..." "...oder?" Storvag betrachtete mich aufmerksam. "Oder ich töte dich," fuhr ich tonlos fort. Er blinzelte und begann dann leise zu lachen. Dabei bewegte er sich, und das Gelächter ging in einen Schmerzlaut über. Verstohlen presste er die Hände auf seinen Oberkörper. "Nun, wenn das so ist," keuchte er, "dann mach. Töte mich." Ich starrte ihn an. "Willst du mich auf die Probe stellen, Bruder?" Storvag hustete leise. "Das ist nicht nötig. Ich kenne dich schon ein paar Jährchen, liebste Schwester." Brakalu, der vorsichtig seine Schläfe betastete, sah mich ebenso vorsichtig an. "Wirr haben keine Zeit," sagte er leise. "Du hältst dich da raus!" blaffte ich ihn an und er schwieg gehorsam. Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder Storvag zu. "Ich zähle jetzt bis drei. Entweder machst du den Mund auf oder ich bringe dich um, du hast mir dafür genug Gründe gegeben." Mein Bruder sagte nicht und seine Miene wurde verschlossen. Ich hob meine Axt.
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  12. #42

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    "Eins."
    Der Regen peitschte unbeeindruckt vom Himmel, der Heiler sprach leise auf Brigit ein und Vewo und Brakalu starrten mich wortlos an.
    "Zwei."
    Storvag legte den Kopf ein wenig in den Nacken, schloss die Augen und ließ sich den Regen ins Gesicht fallen,
    "Drei..."
    Ich hob meine Axt und registrierte, dass sie heftig zitterte. Storvag öffnete träge das linke Auge. "Nanu," machte er. "Ich leb ja noch!" Tränen schossen mir in die Augen und ich sank kraftlos in den Schlamm. Die anderen starrten mich betroffen an. Storvag seufzte schwer. "Weißt du übrigens das Neueste, Llie? ach nein, kannst du ja gar nicht wissen. Na, ich werds dir sagen. Mutter ist tot." Die Axt fiel mir aus den Händen und verfehlte knapp meinen Fuß. Storvag nickte ungerührt. "Sie litt monatelang unter Angst und Kummer. Sie war wie besessen in ihrer Sorge um dich, was ja auch irgendwo schon gerechtfertigt ist. Ich meine...meine Tochter sagt mir, dass sie für eine Weile zwecks ihrer Ausbildung nach Aegir reisen will, und dann kommt sie einfach nicht mehr heim. Sie schlief kaum noch, aß so gut wie nichts mehr. Keiner konnte ihr helfen. Sie...verging einfach. Und Vater und Lars sind sich zum ersten Mal seit langem wirklich einig- nämlich darin, dass du Schuld an ihrem Tod bist." Ich robbte mich langsam von ihm weg, meine Augen waren leicht geweitet. "Lügner," sagte ich heiser. "Das ist nicht wahr, das stimmt nicht!" Storvag öffnete nun auch das andere Auge. Sein Blick war kalt und gnadenlos. "Und ob das stimmt. Vermutlich ist es ihnen völlig egal, wenn du hier zusammen mit den anderen verreckst. Nein, nein, fang nicht wieder an zu weinen, Llie. Das solltest du dir jetzt allmählich wirklich abgewöhnen. Oder bist du doch noch ein Kind, he?" ich presste eine schlammverschmierte Hand vor den Mund und wusste nichts zu sagen. "Halt dein schlangengleiches Schandmaul, du verräterischer Bastard!" brüllte Vewo plötzlich und gab Storvag einen so heftigen Tritt, dass der andere diesen trotz seines Nietenleders spüren musste, denn er keuchte leise und krümmte sich. "Llienne, er ist ein niederträchtiger Haufen Scheiße. Dein Bruder, ja, ich weiß, und wenn du ihn deswegen nicht töten kannst, versteh ich das wohl. Lass es mich für dich tun, ich mache es mit Freuden!" er hob seine Waffen, als wolle er meine Antwort auf sein Angebot gar nicht abwarten. Ich schüttelte den Kopf. "Nein, Vewo, nein. Bitte...nein." Ich sah Storvag an, der meinen Blick aufmerksam erwiderte. "Geh," flüsterte ich. "Geh. Ich bete, dass wir uns niemals wiedersehen." Storvag hob lächelnd die Schultern. "Ich fürchte, dazu brauche ich noch ein wenig Zeit zum ausruhen, Llie. Tut verteufelt weh, die Schöne hat einen bemerkenswerten Stil," bei den letzten Worten nickte er kurz in Brigits Richtung. Ich ertrug es nicht, mich auch noch eine Sekunde länger von ihm verhöhnen zu lassen. "Dann kriech meinetwegen!" schrie ich. "Verschwinde!" Storvag überlegte kurz und nickte dann. "Gut. Ich weiß, du glaubst mir nicht, aber dann geh nach Hause und überzeug dich selbst, Llienne. Vernichte meine Rebellen, im Prinzip ist es mir egal. Vernichte sie und geh nach Hause und überzeug dich selbst." Ich überhörte das. "Geh!" brüllte ich. Storvag quälte sich trotz seiner Verletzungen auf die Beine, nickte nur und humpelte langsam und schwerfällig in die Tiefen des Waldes davon. Ich starrte ihm mit hämmernden Herzen hinterher und drehte mich ruckartig zu Brigit um. Vewo nahm hastig seinen Blick von mir und sah dem Heiler zu, der Brigit leicht angehoben hatte, damit der Regen den ärgsten Schmutz fortspülen konnte. Brakalu hingegen betrachtete mich noch immer mit der völlig undurchschaubaren Miene, die er dann und wann plötzlich aufsetzte. "Glotz mich nicht so an," raunte ich ihm zu, wobei ich selbst beim Klang meiner eigenen Stimme erschrak. Die peinliche Stille, die für einen Moment folgte, war noch unerträglicher. "Wie geht es Euch?" fragte ich rauh. Brigit zog eine Grimasse und tat, als müsse sie nachdenken. "Ach, den Umständen entsprechend...aber ja, ich hatte schon bessere Tage." Sie stöhnte leise, als der Zwerg fachkundig, aber nicht übermäßig sanft an ihrer verletzten Hüfte hantierte. "Das wird wieder, MyLady. Hättet Ihr diese Rüstung nicht getragen, hätte Euch der Hieb vermutlich halbiert. So werdet Ihr nur eine Narbe davontragen." Die Elfe lächelte zynisch. "Auf noch eine kommt es nicht an. Wie steht es um die Schlacht?" Vewo warf mir abermals einen kurzen Blick zu. "Es zieht sich hin. Die Rebellen haben sich in die Hauptfestung zurückgezogen und unsere Leute versuchen, das Tor zu öffnen. Brigit nickte, dann seufzte sie tief. Plötzlich ruckte ihr Kopf hoch und etwas sehr seltsames flackerte in ihrem Blick- ich hätte schwören können, dass es sich dabei um Panik handelte. "Wie spät ist es?" fragte sie atemlos. "Wie lange habe ich hier gelegen?" sie wollte aufstehen, doch Vewo hielt sie mit sanfter Gewalt zurück. "Einen Moment noch. Es wird bald Nacht. Und der verdammte Regen lässt endlich nach, wie es scheint." Er warf einen kurzen Blick zum Himmel und durfte feststellen, dass er recht hatte. Der nasse Strom wurde schwächer, das Grollen klang ab und die dicke graue Wolkendecke wies bereits mehrere Löcher auf. "Danach habe ich nicht gefragt!" fauchte Brigit. "Wie lange liege ich hier schon untätig herum? sag es, schnell!" Vewo blinzelte verwirrt. "Vielleicht...eine halbe Stunde. Wie lange die Schlacht dauerte, weiß ich nicht. Warum ist denn das so wichtig?" Brigit wurde bleich. "Ich spüre es," murmelte sie und sprach damit wohl hauptsächlich zu sich selbst. "Was spürst du?" fragte Vewo leise, aber eindringlich und fasste ihre Schulter fester. Obwohl die Elfe die Berührung durch den stabilen Schuppenpanzer hindurch eigentlich nicht fühlen durfte, verzog sie das Gesicht und sah den Berserker mit fest zusammengepressten Lippen an. "Mein Sohn stirbt," sagte sie. "Ich fühle es. Er wird bereits zum Richtplatz geführt und dort werden sie ihn umbringen. Lass mich los!" die letzten Worte schrie sie ihm ins Gesicht, stand den Protesten des Heilers zum Trotz auf und tat zwei oder drei Schritte, ehe sie haltesuchend nach einem Baumstamm griff. Ihr Gesicht verzog sich vor Schmerz. "Bist du dir sicher?" fragte Vewo entsetzt. Die Elfe nickte nur. Der Berserker sprang auf und löste seinen Umhang, der sich inzwischen mit Wasser vollgesogen hatte und schwer und hinderlich um seine Beine schlabberte. Brigit stöhnte leise und hielt sich die Seite. "Ich muss sofort nach Hibernia. Mein Sohn!" sie wollte ihren Plan unverzüglich in die Tat umsetzen, doch bei dem durch den Kampf bedingten Sturz hatte sie sich offenbar auch noch den Kopf angeschlagen, da sie abermals ins taumeln geriet und reflexartig nach Vewos Hand griff, die der Berserker ihr geistesgegenwärtig hinhielt. "Du kannst nicht reisen, Brigit, starr mich nicht so an, es ist so. In deinem Zustand schaffst du es nie zur Teleportfestung. Und wenn dich unterwegs irgend eine verdammte Kellerassel aufgreift, dann bist du tot- und diesmal wirklich." Brigit ließ ihn los und blieb ruhig stehen. "Dann erwartest du von mir, dass ich hier seelenruhig abwarte, während sie meinen Sohn ermorden?" krächzte sie. Ich konnte nicht an mich halten und schnitt Vewo, der sofort verstand was ich vorhatte und protestieren wollte, schon im Ansatz das Wort ab. "Ich gehe für Euch, Brigit. Vertraut mir, nur noch dieses eine Mal. Zaphykel und ich...sind so etwas wie Freunde, ich bin ihm eh noch etwas schuldig. Bitte, ruht Euch noch ein wenig aus und folgt mir dann meinetwegen. Wenn ich Erfolg habe, werde ich mit Zaphykel in richtung Basar fliehen, da haben Keena, Brakalu und ich uns schon beim letzten Mal erfolgreich vor dieser kleinen Kröte namens Mikata versteckt." Und sollte es soweit kommen, würde ich dieses Mal nicht auf ein bösartiges Pferd hereinfallen, das von mir verlangte, dass ich ihm den Rücken kraulte, wahrlich nicht. Brigit starrte mich an, als sei ich wahnsinnig geworden. "Du bist eine Midgarderin. Ich bin die rechtmäßige Königin Hibernias!" ich nickte. "Ja, das ist wahr," sagte ich behutsam. "Aber für die meisten seid Ihr...nun ja...tot. Und der restliche Teil gehört zweifellos zu der Verräterbande, die Euch entführt haben." Brigit schwieg pikiert. Ich nahm kurz ihre Hände und umschloss sie fest mit den meinen. Ernst sah ich sie an. "Ich habe es heute nicht geschafft, meinen Bruder zu töten, der mir so ziemlich alles angetan hat, was er mir antun konnte. Wenn ich es nicht schaffe, Euren Sohn zu retten, dann bitte ich Euch, dass Ihr mich tötet." Meine Worte sorgten für eine neuerliche kurze Pause, die ich als Zustimmung auffasste. Ich drehte mich um, doch Brakalu hielt mich zaghaft am Ellbogen zurück. "Kann ich mit kommen?" seine großen, fragenden Augen entlockten mir ein schwaches Lächeln. Vorsichtig strich ich ihm eine nasse Haarsträhne hinter das ausgefranste Spitzohr. "Ich bin doch nicht wahnsinnig. Was erzähle ich Jerali, wenn dir schon wieder was passiert?" Brakalu sah mich trocken an: "Wenn die uns dorrt errwischen...garr nichts mehrr." Gegen diese Logik war kein Kraut gewachsen, doch ich schüttelte den Kopf. "Ich bin bald zurück." Und da wir schon wirklich genug Zeit verschwendet hatten und ich nicht gedachte, mich jetzt noch aufhalten zu lassen, nickte ich noch einmal in die Runde und rannte, was meine Beine hergaben.
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  13. #43

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    Es wurde jetzt schnell dunkel. Durch den raschen Lauf waren meine Beine bald bis zu den Oberschenkeln mit Schlamm bespritzt, doch ich bemerkte es kaum. Kurzzeitig rannte ich durch den Wald, wobei ich auf dem unebenen Grund mehr als einmal den Halt verlor und der Länge nach hinschlug. Überdies zerkratzten mir die tiefhängenden Zweige das Gesicht, denn ich hielt mich nicht damit auf, einen bequemeren Umweg zu machen. Als die Teleportfestung endlich wie ein bedrohliches Untier in der jungen Nacht vor mir aufragte, schluchzte ich fast vor Erleichterung. Ich hättes es niemals zugegeben, aber der Marsch durch den dunklen, nassen Wald hatte mich doch mehr als nur in Unruhe versetzt. Und jetzt, wo ich langsam etwas ruhiger wurde, offenbarte sich mir gleich das nächste Problem: Wie überredete ich den Teleportmeister dazu, mich zurück nach Hibernia zu schicken? auf dieser Seite gab es nur Verräter. Andererseits trug ich eine gestohlene, tadellose Rüstung und war bewaffnet. Sich einfach als ein Rebellenmitglied auszugeben, dürfte möglich sein. Ich beschloss, es drauf ankommen zu lassen, strich mir die regennassen Haare hinter die Ohren und setzte einen mürrischen Blick auf. Gemäßigteren Schrittes stapfte ich auf die Burg zu, blieb einen Moment vor dem Einganstor stehen und gab diesem dann einen derben Tritt. Wie von Geisterhand sprang es auf und während ich noch eintrat, schrie ich: "Ich muss nach Hibernia, aber dalli. Ein bisschen schneller hier!" der Portmeister erschien aus einer schmalen Tür und kramte bereits hektisch in einem gut gefüllten Beutel. Ich starrte ihn ungeduldig an, und er wühlte hektischer. Endlich förderte er ein Transportmedallion hervor und hielt es mir hin. Ohne ein Wort des Dankes riss ich es ihm aus den Händen und legte es um meinen Hals. Der Mann grinste scheu. "Lady, Ihr...äh...müsst noch bezahlen." Zum Teufel, das hatte ich vergessen. Finster starrte ich ihn an. "Ich bin mit einem Sonderauftrag des Herrn unterwegs," schnappte ich, wobei ich nicht die leiseste Ahnung hatte, ob Storvag überhaupt Männer und Frauen alleine losschickte. Der Mann schien die Lüge jedoch zu schlucken. "Oh, so ist das. Ja, aber...hmmm...wer bezahlt mir denn dann das Medallion?" fragte er weinerlich. Himmel, ich hatte keine Zeit, mich mit solch trivialem Unsinn aufzuhalten! "Raub mir nicht meine Zeit, du Idiot," fauchte ich. "Es ist wichtig. Der Herr wird dir dein verdammtes Geld später persönlich vorbei bringen und nun teleportiere mich, oder muss ich erst wütend werden?" der Mann konnte einem fast Leid tun, aber eben nur fast. Er wurde um drei Nuancen blasser und nickte heftig. Der verkniffene Gesichtsausdruck, der mich beim betreten des Porterkreises überkam, war nun nicht mehr gespielt, denn ich wusste genau, dass mich gleich wieder ein heftiger Würgereiz überkommen würde. An die Teleporterei würde ich mich wohl in zehn Jahren nicht gewöhnen. "Wie lange braucht Ihr denn noch?" raunzte ich und registrierte mit boshafter Freude, wie der arme Kerl vor unglücklichem Eifer beinahe über seine eigenen Füße stolperte. Das Grinsen gefror ebenso schnell, wie es gekommen war, denn kaum eine Sekunde später bekam ich Recht- die Welt drehte sich in einem unmöglichen Wirbel und meine Kehle schnürte sich zu.
    Ich riss mich tapfer zusammen und schaffte es sogar, binnen zwei Herzschlägen wieder auf den Füßen zu sein. Totenstille hüllte mich ein und als ich langsam den Blick wandte, sah ich Lady Glasny und ihre Hilfsmagier, die wohl gerade jemanden teleportiert hatten. Ich schluckte trocken und dachte nur: Oh, verdammt. Glasny war einen Moment völlig überrumpelt und starrte mich an, ehe sie einen lauten Ruf in ihrer Muttersprache ausstieß. Fluchend rannte ich auf das Tor zu, trat so fest dagegen, dass ich den Aufprall durch meine schweren Stiefel spürte und riss gleichzeitig mit aller Anstrengung an dem massiven Hebel, der das Tor öffnen sollte. "Geh auf, verflucht!" brüllte ich. Und ausnahmsweise blieb das Glück auf meiner Seite. Gerade, als sich von der Holztreppe bereits hastiges Fußgetrappel näherte, kapitulierte das Tor und schwang gerade so weit auf, dass ich mich hindurchquetschen konnte. Keine Sekunde zu früh, wie ich einen Moment später feststellte- laut sirrend flog ein Pfeil keine zwei Fingerbreit neben meinem Kinn vorbei und verschwand in der tiefschwarzen Nacht. Diesen Zeitenumschwung nahm ich nur am Rande meines Bewusstseins wahr. In Murdaigean war es auch schon Abend gewesen, aber hier hatte die Uhr einen guten Sprung von vielleicht sechs Stunden nach vorn gemacht. Das Rätsel würde ich später lösen, vorher galt es, am Leben zu bleiben. Ich rannte wie der Teufel und japste dabei hastig mein Reiselied. Die Melodie fuhr mir in die Knochen und einen Moment später flitzte ich gleichermaßen triumphierend wie erleichtert in die Dunkelheit. Ich konnte zwar kaum etwas erkennen, aber ich folgte so gut es ging dem Pfad, den Athriliath erst vor kurzem mit Keena, Brakalu und mir eingeschlagen war. Ich wusste, ich hatte absolut keine Zeit, aber dennoch spürte ich, wie in meinen Beinen eine bleierne Schwere hinaufkroch, die mit dem magischen Lied nichts zu tun hatte. Immerhin hatte ich erst kurz zuvor in einer Schlacht gefochten, und die Anstrengung forderte allmählich ihren Tribut. Reiß dich zusammen, fuhr ich mich in Gedanken selbst an. Du hast es nach Hibernia geschafft, bist im Moment relativ sicher und dann willst du aufgeben, nur weil du müde bist? weiter, los, lauf weiter! ich knirschte grimmig mit den Zähnen und gehorchte meinem eigenen Befehl, wobei meine Orientierung langsam besser wurde- meine Augen begannen, sich an das Dunkel zu gewöhnen. Jetzt brauchte ich nur noch einen genialen Plan, um den Elfen in Anwesenheit von vermutlich halb Hibernia in Sicherheit zu bringen. Ich überlegte einen Moment, mich wieder als schlecht gelaunte Botin auszugeben, verwarf den Gedanken jedoch sofort. Meine komplette Gewandung war midländisch und würde unter den Hibernianern sofort auffallen. Ich nagte konzentriert an der Unterlippe und merkte kaum, wie meine Füße mich langsam in die Nähe der Murgarhöhle trugen. Erst ein leises, sich langsam näherndes Kichern riss mich zurück in die Wirklichkeit und mit einem unterdrückten Fluch hechtete ich hinter einen Baum. Abermals geschah dies keinen Moment zu spät, denn kaum hatte ich mich hinter dem Stamm zusammengekauert, da sah ich auch schon die kleingewachsene Gestalt eines Alpluachras, die sich offenbar auf dem Rückweg zur Höhle befand. In dem Augenblick musste sich mein Denken wohl kurzzeitig abgestellt haben und ich handelte impulsiv und völlig unüberlegt: Mit weit ausgebreiteten Armen sprang ich hinter meinem Versteck hervor und stürzte mich auf den Alpluachra, der von meinem plötzlichen Erscheinen viel zu überrascht war, um entsprechend zu reagieren. Ich stieß einen zirpenden Laut aus und das lurikeenähnliche Wesen begann erst zu schielen, dann leise zu schnarchen. Die Arme noch immer erhoben, schlich ich vorsichtig um die Kreatur herum, sah mich nach eventuellen weiterem Gegnern um und packte den Kleinen, um ihn unsanft hinter den Baum zu zerren. Als ich ihn so unsanft anpackte, wachte der Alpluachra schlagartig wieder auf und riss den Mund zu einem Hilfeschrei auf. Diesen unterdrückte ich rasch, indem ich dem Kerl meine Hand vor den Mund hielt. Der Kleine zappelte und wand sich wie ein Aal und versuchte, als seine Bemühungen erfolglos blieben, in meine Finger zu beißen. Es knirschte vernehmlich, als die splitterigen Zähne des Wesens auf meine Kettenrüstung trafen, und die Kreatur stieß ein gedämpftes Heulen aus. "Sssch," machte ich und drückte ein wenig fester zu, "halt die Klappe und dir passiert nichts. Ich werd dich jetzt loslassen, aber wenn du schreist oder wegrennst," vorsichtig klopfte ich mit der anderen Hand auf den Schaft meiner Axt, "dann wird dir das verdammt schlecht bekommen. Verstanden?" der Alpluachra nickte und glotzte mich mit
    großen, feuchten Augen entgeistert an. Angewidert gab ich ihn frei, und er schniefte dreimal. "Mei, mei, Madame ist aber höchst brutal, da kriegt der arme Flapp Angst, große Angst. Bitte tu mir nichts, Madame, tu dem armen Flapp nichts." Ich sah auf die schnüffelnde Kreatur hinab und setzte ein finsteres Gesicht auf. Wie heimtückisch die kleinen Kerle waren, hatte ich am eigenen Leib erfahren und ich ließ mich nicht zum Narren halten. Grob packte ich ihn am Kragen, und er quietschte entsetzt auf. "Sei ruhig und halt still," zischte ich und begann seine Sachen zu durchwühlen. Der Alpluachra gehorchte und wandte nur vorsichtig den Kopf, um einen abgebrochenen Zahn ins Gras zu spucken. Ich erleichterte ihn um zwei Feuersteine, ein seltsames, nach Ruß riechendes Päckchen, einen zweifellos gestohlenen Beutel voller hibernianischer Gold- und Silbermünzen und ein schwarzes Stück Schnur. Ohne zu wissen, was ich mit dem Tand anfangen sollte, ließ ich alles in meiner schweren Ledertasche verschwinden. "So," sagte ich leise, "dein Name ist Flapp?" der Kleine nickte furchtsam. "Jep, Madame." Ich grinste finster. "Fein. Du wirst mir jetzt ein wenig weiterhelfen, Flapp." Der Alpluachra wimmerte misstönend. "Ich hab doch gar nix, Madame. Armer Flapp ist eine arme Kirchenmaus und nun hat er gar nix mehr, hast mir doch schon alles weggeno..." Ich presste ihm abermals die Hand auf den Mund und deutete auf die Höhle. "Ist dein Herr da? der...Murgar?" in den Augen des Wesens blitzte es alarmiert auf. "Was will Madame vom Herrn?" ich schüttelte den Kopf und meine Hand kroch wie beiläufig zur Axt. "Ja, ja, ja! ja, der Herr ist da. Bitte nicht weh tun, bitte, ich bin brav, ich schwörs." Ich gab ihm einen unsanften Stoß. "Wenn du auch weiter brav bist, werd ich dir nicht weh tun. Du kannst mir noch einen Gefallen tun." Flapp krümmte sich wie unter Schmerzen. "Mach ich, Madame, aber bitte..." ich unterbrach ihn, denn ich spürte, dass mir die Zeit davonlief. "Sammel trockenes Holz. Soviel du tragen kannst. Und beeil dich. Wenn du abhaust, werde ich dich finden. Und du weißt ja, was dann passiert." Lässig klopfte ich ein weiteres Mal auf meine Axt und wunderte mich im Stillen selbst ein wenig über die Kaltblütigkeit, zu der ich plötzlich wieder fähig war. Flapp nickte schaudernd und stob davon. Ich selbst ging rasch in die Knie und riss trockene Grasbüschel aus. Als ich schon einen kleinen Haufen vor dem Höhleneingang aufgeschichtet hatte, kam ein unter seiner Holzladung ächzender Flapp zurück. "Was nu, Madame?" schnaufte er leise. Ich deutete auf das ausgerupfte Gras. "Leg es dort hin." Er tat, was ich befohlen hatte. "Was wird denn das, Madame?" fragte er kläglich. Ich grinste finster. "Das wirst du gleich sehen. Gib mir dein Wams." Flapp blinzelte, das Geschehen wurde ihm ganz offensichtlich immer unbegreiflicher. "Äh?" machte er. Ich streckte zornig die Hand aus. "Du strapazierst meine Geduld, Flapp. Her mit dem Wams oder..." er beeilte sich, das grün gefärbte Kleidungsstück über den Kopf zu ziehen. "Schon gut, schon gut, hier isses ja." Ich riss es ihm aus der Hand, tastete nach den gestohlenen Feuersteinen und schlug sie vorsichtig gegeneinander. Nichts passierte. Ich versuchte es ein zweites und drittes Mal, worauf ein zögerlicher Funke aufblitzte, der so rasch verschwand, wie er gekommen war. Der Alpluachra begann zu begreifen, was ich vorhatte, und er sprang von einem Bein aufs andere, wie jemand, der dringend einem Bedürfnis nachgehen müsste. "Was macht sie denn da, das geht doch nicht, und der böse Flapp ist schuld, mei, mei!" jammerte er, aber vorzugsweise so leise, dass ich keinen Grund hatte, ihn abermals mit meiner Axt zu bedrohen. Endlich hatte ich Erfolg und die Funken gingen auf das trockene Gras und Holz über.
    Ich wartete einen Moment, ehe ich das Wams an mich nahm um damit die Luft aufzuwirbeln, was die gierig züngelnden Flammen rasch größer werden ließ und darüber hinaus für eine Menge stinkenden Rauch sorgte. "So," sagte ich angespannt, ohne mich um den vor Entsetzen heulenden Alpluachra zu kümmern. "Murgar," rief ich laut. "Zeig dich!" es vergingen kaum drei Sekunden, ehe unten aus der Höhle verwirrte und zornige Stimmen laut wurden. Ich fächerte dem Feuer mehr Luft zu, und dicker Rauch drang in die Tiefen der Höhle. Die Stimmen schwollen an, und ich hörte zufrieden, wie sich der Ärger der Bewohner langsam in Panik verwandelte. Hustend und schnaubend tauchte dort unten der schwarzgelockte Pferdekopf des Murgars auf. Er blinzelte mit seinen silbrigen Augen und blähte dann die Nüstern, als er mich erkannte. "Duuu?" entfuhr es ihm, ehe er abermals mächtig husten musste. "Ja, ich," bestätigte ich kalt. Rasch griff ich hinter mich und zerrte den in höchsten Tönen jammernden Flapp zu mir heran. Die an staubige Spiegel erinnernde Augen des Murgar verengten sich gefährlich. "So, so, ein Verräter aus meinem eigenen Haus. Dafür werde ich dich höchstpersönlich zu meinem nächsten Mittagsmahl machen, aye!" Flapp begann zu kreischen und ich gab ihm einen kurzen Schlag auf den Hinterkopf. "Wenn du nicht ein paar Kleinigkeiten für mich erledigst, wirst du gar nichts mehr tun, Murgar. Aber Mittagsmahl ist keine schlechte Idee. Geröstetes Pferdefleisch gehört zu meinen Leibgerichten." Der Murgar ächzte. "Was willst du, Menschenmädchen? sag es, was willst du? rasch, rasch!" ich hob rasch die Hand. "Einen Moment. Wenn wir uns hier unterhalten, wirst du ersticken und ich selbst vermutlich auch gebraten. Schwör mir, dass wir uns vernünftig unterhalten, dann muss keiner von uns unnötige Scherereien haben. Abgemacht?" der massige Pferdedämon brüllte zornig. "Garstiges, unverschämtes, dreistes kleines Gör! du weißt ja nicht, wer ich bin. Ich mache mit keinem Menschen Geschäfte!" ich zuckte bedauernd die Achseln. "Dann schau ich morgen zur Mittagszeit nochmal vorbei. Leb wohl." Ich wandte mich langsam ab, und der Murgar hustete erstickt. "Aye, bleib stehen. Na schön, gut, ich schwöre es, ich werde dir nichts tun. Mach das verdammte Feuer aus!" ich nickte und bemühte mich, mir meine Erleichterung nicht anmerken zu lassen. Nun wurde es auch höchste Zeit- das Feuer wurde allmählich zu groß, um es noch unter Kontrolle zu halten. Rasch trat ich es auseinander und trampelte auf den einzelnen Flämmchen herum, während ich mich gleichzeitig bückte und Erde auf die rauchenden Überreste warf. Das Kettengeflecht unter meinen Füßen wurde schwarz und unangenehm heiß, doch ich ignorierte es. Erwartungsvoll blickte ich dem Murgar entgegen, der zusammen mit einem halben Dutzend Alpluachras aus der Höhle torkelte. Flapp stürzte an mir vorbei und warf sich vor seinem Meister auf den aschebedeckten Boden. "Meister, verzeih mir, ich wollt es nicht, ich schwöre es, ich wurd gezwungen..." der Murgar betrachtete die vor ihm kauernde Gestalt, stieg wortlos über den Alpluachra hinweg und gab ihm beinahe beiläufig einen gewaltigen Tritt in den Hintern. Der Unglückliche jaulte laut auf und kugelte ins Innere der Höhle.
    Ich selbst war zwei Schritte zurück getreten und betrachtete den Pferdedämon wachsam. Das einstmal seidige, nachtschwarze Fell wirkte gräulich, das konnte ich sogar in der Dunkelheit erkennen, und die Mähne hing ihm unordentlich in die breite Stirn. Der Murgar erwiderte meinen Blick prüfend und trat nachdrücklich einen letzten, glimmernden Rest verkohlten Holzes aus. "Wirst du mir zuhören?" fragte ich eisig. Der Pferdedämon schnaubte. "Ich bin gespannt." Ich erzählte ihm in kurzen Sätzen von meinem Problem. Der Murgar hörte schweigend zu und senkte seinen mächtigen Hals, bis der Kopf beinahe zwischen den Vorderbeinen ruhte. Sein unangenehmer Blick löste sich jedoch nicht ein einziges Mal von meinem Gesicht. "So, so, du versprichst also etwas, was du nicht halten kannst und dann kommst du zu mir und legst ein widerliches, böses Feuer vor meiner Höhle?" ich fuhr wütend zusammen. "Was du auch verdient hast. Du hast mich belogen und wolltest mich auffressen."
    "Pah."
    "Das Thema regeln wir später, im Moment habe ich jedenfalls dieses Problem. Und ich denke, du könntest mir dabei helfen. Das würde einen guten Teil wieder wett machen."
    "Ah, ich wüsste nicht, wieso ich dir helfen sollte, Menschenmädchen."
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  14. #44

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    Ich starrte ihn zornig an. "Ich muss diesen Elfen retten, aber alleine schaffe ich das vermutlich nicht. Darum warne ich dich- wenn du mir nicht hilfst, wird deine verdammte Höhle brennen, das schwöre ich dir." Murgar lachte glucksend und in seinen Augen blitzte es kurz auf. "Ich gebe zu, ich habe nicht damit gerechnet, dich wiederzusehen und war auf so einen heimtückischen Überfall nicht vorbereitet. Jetzt bin ich es. Was hindert mich daran, dich hier und jetzt aufzufressen, mh?" ich ballte die Fäuste. "Dein Wort," sagte ich mit eiserner Selbstbeherrschung. Der Murgar lachte wieder. "Befehlen lasse ich mir nichts, Menschenmädchen. Da musst du schon etwas einfallsreicher sein." Ich sah ihn schräg an. "Zum Beispiel? soll ich dich wieder kraulen?" fragte ich zynisch. Der Pferdedämon grinste breit und entblößte seine scharfen Raubtierzähne. "Aye, das wäre eine willkommene Abwechslung." Ich schaffte es irgendwie, das Grinsen zu erwidern. "Das letzte Mal wolltest du mir nur die Hände abbeißen, weißt du?" Murgar schüttelte ein paar Mal den Kopf und schnaubte. "Das stimmt, Menschenmädchen. Weil du das von anfang an nicht vorgehabt hast. Du hast mich nur benutzt. Und widersprich nicht, so war es," fügte er etwas lauter hinzu, als ich aufbegehren wollte. Er schwieg einen Moment nachdenklich und blinzelte zum ersten Mal. "Beim letzten Mal warst du schwach, schwach und unsicher. Heute erlebe ich dich nicht viel stärker, aber du hast da etwas an dir, so etwas Verschlagenes...bist doch eine Skaldin, he? hättest mal über eine Karriere als einer dieser heimtückischen Schleicher nachdenken sollen. Passt auch nicht schlecht zu dir. Aye, das gefällt mir irgendwie..." ich trat urplötzlich näher, legte meine Hand auf den breiten Rücken des Dämons und begann, diesen zu streicheln und zu kratzen. Der Murgar seufzte und grunzte tief- und schnellte plötzlich mit dem Kopf herum, um nach meiner Hand zu schnappen. Reflexartig tauchte ich unter seinem Bauch hinweg, kam an der anderen Seite wieder hoch und kraulte einfach weiter, ohne mich um das leise Zittern meiner Hand zu kümmern. Der Pferdedämon lachte schallend. "Blitz und Donner, das gefällt mir sogar sehr." Er schwieg eine ganze Weile, ich kraulte weiter. "Hm," machte ich gleichmütig und konzentrierte mich ganz darauf, den mächtigen
    Leib des Murgars zu kosen. Meine Angst war plötzlich in den Hintergrund gedrängt worden, und auch von dem anfänglichen Zorn war nicht viel geblieben. Stattdessen erfüllte mich eine schon beinahe unheimliche Ruhe- als wäre es völlig normal, in tiefster Nacht mit einem menschenfressenden Dämon zu kuscheln. Sehr viel langsamer als zuvor drehte mir der Murgar mir seinen mächtigen Schädel zu. "Dann lass mal hören, was du dir ausgedacht hast." Ich grinste leicht und erzählte ihm, was mir in den letzten fünf Minuten eingefallen war.

    Der Platz, den man sich für Zaphykels Hinrichtung ausgesucht hatte, war schnell gefunden- die Büger sprachen von nichts anderem mehr. "Wie schade," seufzte eine pausbäckige Keltin, "so ein hübscher junger Elf! wie können sie das nur tun." Ihr Gemahl schnaubte missbilligend und kratzte sich am Bart. "Bedenke aber, dass er ein Verräter ist. Und da er der engste Vertraute von Prinzessin Mikata war, ist der König ihrer Bitte nachgekommen und hat ihr persönlich die Aufsicht über die Hinrichtung übertragen. Arme Prinzessin, sie hat ihm doch so vertraut..." ich knirschte leise mit den Zähnen, mahnte mich aber innerlich zur Ruhe. "Komm, gehen wir, Liebste. Bei einer Hinrichtung gibt es immer lohnende Überraschungen," sagte der Kelte und fasste seine Frau am Arm. Ich verbarg mein Gesicht im Schatten der Kapuze und verdrängte die Abscheu, die sich in mir breitmachte. Ich werd dir schon eine Überraschung bereiten, du ekelhafter Fettsack, dachte ich bei mir und folgte dem sensationslüsternen Pärchen in einigem Abstand. Dass ich so viel Zeit in der hibernianischen Gefangenschaft verbracht hatte, zahlte sich jetzt aus- ich verstand schon den größten Teil der Landessprache, wenngleich ich sie selbst noch nicht besonders gut sprechen konnte. So erfuhr ich, dass die Hinrichtung vor der Hauptstadt stattfinden sollte, genauer gesagt auf dem Hügel, auf dem Mikata und ich vor schätzungsweise einer Million Jahren ein unrühmliches Duell ausgetragen hatten. Ich schlängelte mich zwischen den wartenden Hibernianern hindurch und postierte mich in der vordersten Reihe. Unruhig stellte ich mich auf die Zehenspitzen und spähte über die Köpfe einiger Lurikeen zum Tor von Tir na nOgh. Lange musste ich nicht warten. Die Masse teilte sich und bildete eine schmale Gasse, um die erbärmlich aussehende Gestalt eines dunkelhaarigen Elfen durchzulassen, welcher von wenigstens sechs Kelten und zwei Firbolg bewacht wurde. Mein Herz machte einen kurzen Sprung, als ich Zaphykel in der ausgezehrten, erschöpften Kreatur erkannte. Mikata hatte ihn nicht so übel zugerichtet wie Athriliath, tatsächlich schien er bis auf die geschwollenen Lippen und die vielen blauen Flecke an Schultern und Oberkörper unverletzt. In seinen Augen jedoch stand die gleiche Hoffnungslosigkeit, das Haar hing ihm in wirren Strähnen ins bleiche Gesicht und er wurde mehr von den Wachen geschubst, als dass er selbstständig ging. Ich hielt den Atem an, zwang mich neuerlich zur Ruhe und wartete ab.

    Zaphykel sah mit leerem Blick auf den Galgen, den man extra für diesen Tag aufgestellt hatte. "Geht weiter," brummte einer der Firbolg und gab ihm einen leichten Stoß zwischen die Schulterblätter, der jedoch ausreichte, den Elfen ins Stolpern zu bringen. Ein leises Raunen ging durch die gespannt wartende Menge. Abermals machten sie Platz, diesmal für Prinzessin Mikata, die eine tiefblaue Kettenrüstung und einen nachtschwarzen Umhang trug. "Zaphykel mab Llew-Llaw Gyffes, Ihr steht hier heute wegen eines unverzeihlichen Verbrechens an Eurem König," begann sie mit lauter Stimme und die gierigen Zuschauer verstummten, um ja nichts zu verpassen. "Dieses Verbrechen, was Euch vorgeworfen wird, Zaphykel mab Llew-Llaw Gyffes, ist nicht mehr und nicht weniger als Hochverrat in seiner schändlichsten Form. Ihr seid dafür verantwortlich, dass drei wertvolle Gefangene midländischer und albionischer Herkunft entkommen sind, diese habt Ihr aus freien Stücken aus der Obhut der Wachen entlassen und dann noch schamlos gelogen, indem Ihr Eure eigenen Reichsgefährten wissentlich in die Irre geführt habt. Außerdem tragt Ihr die Schuld am tödlichen Unglück, das unseren treuen Bruder Athriliath mab Lectithion ereilt hat. Die Strafe für diese Vergehen muss hart ausfallen, und der Rat von Tir na nOgh hat beschlossen, dass in diesem Falle nichts anderes als der Tod angemessen ist. Habt Ihr dazu etwas zu sagen, Zaphykel mab Llew-Llaw Gyffes?" Zaphykel hob den Kopf, und ein Hauch des früheren Stolzes kehrte in seine bernsteinfarbenen Augen zurück. "Dass ich den Gefangenen zur Flucht verholfen habe, kann und werde ich nicht abstreiten. Der Grund, warum ich dies tat, ist schnell gesagt. Ihr, Prinzessin, und auch Euer Vater, ihr wolltet die beiden Midgarderinnen und den Albioner dem völlig irrsinnigen Murdaigean-Plan opfern. Dies hielt ich für feige und meinem König und seiner Tochter nicht würdig." Er musste kurz abbrechen, denn zornige Stimmen wurden unter den Zuhörern laut. Einer klaubte einen Stein auf und warf ihn wütend nach dem Elfen. Zaphykel machte nicht einmal Anstalten auszuweichen, als der spitze Kiesel an ihm vorbeisauste und einen blutigen Schnitt in seiner Wange zurückließ. "Was den Vorwurf bezüglich des Mordes an meinem Reichsgefährten Athriliath mab Lectithion angeht, so sei auch dies schnell gesagt," fuhr er im gleichen beinahe königlichen Tonfall fort, "Nun, Ihr sprecht die Unwahrheit. Ich habe ihn nicht getötet. Und mehr kann ich dazu nicht sagen, außer, dass ich zu dem stehe, was ich getan habe." Seine Augen funkelten und er schwieg. Mikata starrte ihn böse an. "So, so. Habt Ihr Zeugen, die beschwören können, dass Ihr am Todestag von Athriliath mab Lectithion hier in Mag Mell wart?"
    "Nein, Prinzessin."
    "Habt Ihr Zeugen, die beschwören können, dass sie Euch am Todestag von Athriliath mab Lectithion überhaupt irgendwo gesehen haben?"
    "Nein, Prinzessin."
    "Habt Ihr irgendwelche Zeugen?!"
    Zaphykel straffte sich ein wenig, obwohl Mikatas Worte auf ihn niederfuhren wie Peitschenhiebe. "Nein, Prinzessin, ich habe keine Zeugen. Aber," seine Augen verdunkelten sich und seine Stimme zitterte ein wenig vor Furcht und Zorn, "habt IHR denn jemanden, der das beschwören kann, was Ihr mir vorwerft?" Mikata erbleichte vor Zorn. "Du unverschämter kleiner Hundesohn," zischte sie und nickte dem Kelten, der unmittelbar hinter Zaphykel stand, herrisch zu. Der Mann versetzte Zaphykel einen kurzen, heftigen Schlag, der dem Elfen ein ersticktes Stöhnen entlockte und ihn noch ein stück weiter auf den Galgen zutaumeln ließ. "Im Namen des Königs und dem des Hohen Rates spreche ich Euch schuldig, Zaphykel mab Llew-Llaw Gyffes. Wegen Beihilfe zur Flucht, Mord- und Majestätsbeleidigung," fügte sie schäumend hinzu. Abermals nickte sie den Wächtern zu. "Hängt den Verräter." Zaphykel erbleichte noch mehr, seine Lippen zitterten und bebten, doch er jammerte oder bettelte nicht, was Mikata zweifellos erwartet hatte. Der Kelte, der den jungen Elfen geschlagen hatte, verbeugte sich tief vor diesem, führte ihn mit sanfter Gewalt an den Galgen heran und bedeutete ihm, auf den bereit gestellten Holzhocker zu steigen. Zaphykel gehorchte stumm und ließ die Augen über die ungeduldig wartende Menge schweifen. Gerade als der Kelte die Schlinge um den Hals des vermeintlichen Verräters legen wollte, löste sich eine recht kleingewachsene Gestalt aus der vorderen Reihe, trat zu dem Kelten und flüsterte ihm so leise etwas zu, dass es außer dem Mann niemand verstehen konnte. Die Augen des Kelten weiteten sich, er öffnete den Mund- und stieß plötzlich einen heiseren Schrei aus, während er nach hinten fiel und dabei das Heft des Dolches umklammerte, welcher aus seiner Brust wuchs. Die kleinwüchsige Gestalt war ich.
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

  15. #45

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    Zaphykel erkannte mich zunächst gar nicht. Völlig fassungslos starrte er auf den gestürzten Kelten, ehe er ein ungläubiges "Was zur Hölle-" hervorbrachte. Ich packte ihn und stieß gleichzeitig einen lauten, schrillen Pfiff aus. Die Gaffenden hatten sich inzwischen auch von ihrem Schrecken erholt und brüllten nun zornentbrannt durcheinander, wobei es ihnen wohl eher um das betrogene Schauspiel als den Kelten ging, wie ich angewidert feststellte. Im Grunde waren Hibernia, Albion und Midgard wirklich nicht sehr verschieden- floss Blut, wurden Mann und Frau gleichermaßen zu Bestien. Gerade als die ersten schon Vergeltung üben wollten, erklang plötzlich ein schriller, wiehrender Schrei und die Umstehenden drehten sich um- um nun selbst aufzuschreien: Von Tir na nOgh her näherte sich eine pechschwarze Masse von... "Pookhas! bei Dana, sind das Pookhas?" eine junge Elfe riss in fliehender Hast ihr Kind an sich und stürzte Richtung Mag Mell davon. Und tatsächlich, die kleine Armee von schaurigen Pferdegestalten waren tatsächlich Pookhas. An ihrer Spitze galoppierte ihr Anführer, der Murgar. Und nicht genug, auf jedem Pferderücken saßen ein, manchmal sogar zwei Alpluachras und schnatterten und krähten wild durcheinander. Die Menge stob auseinander wie Spelt im Wind. An die Hinrichtung dachte keiner mehr. Der Murgar stürmte auf mich zu und neigte den Hals. Ich griff in seine Mähne, schwang mich mit einem makellos eleganten Satz auf seinen Rücken und zog Zaphykel in der gleichen Bewegung hinter mich. Noch immer schien der Elfenprinz völlig verstört und begriff offenbar gar nicht, was hier vor sich ging. Ich schüttelte die Kapuze meines Umhangs ab und sah mich nach Mikata um. Sie wehrte sich gegen gleich zwei Alpluachras, die ihr in die Ohren schrien, sie bespuckten, an den Haaren rissen und versuchten, sie zu Boden zu ringen. Dennoch schien sie meinen Blick zu spüren und sah auf. Als sie mein Gesicht erkannte, klappte ihr die Kinnlade herunter. "Du?!" krächzte sie. "Das darf nicht wahr sein!" ich riss einen hibernianischen Dolch von meinem Gürtel und schleuderte ihn ihr vor die Füße. "Nimm ihn und bewahre ihn auf, bis du den Mumm hast, dich mir in einem fairen Zweikampf zu stellen, Miststück," sagte ich. "Und merk dir diesen Tag. Die Zeit deiner Scheinherrschaft ist vorbei, finde dich besser schnell damit ab, falsche Prinzessin." Ich trat dem Murgar in die Flanken, als wäre er ein gewöhnliches Reittier und kein Dämon. Der Murgar jedoch stieg in einer imposanten Geste auf die Hinterläufe, ließ ein gänsehauterregendes Wiehren hören und stürmte dann davon. An eine Verfolgung dachte niemand, denn die Eindringlinge hatten ganz offensichtlich jede Menge Spaß, und die Luft war erfüllt von erschrockenen Schreien, Gewiehr und dem hysterischen Gelächter der Alpluachras. Als die Angreifer sich kaum drei Minuten später genauso schnell zurückzogen, wie sie gekommen waren, waren Zaphykel und ich schon längst verschwunden.

    Der Ritt auf dem Rücken des Murgars verlief eine ganze Weile schweigend. Ich passte mich der Gangart des Pferdedämons an und genoss das Gefühl der sehnigen Muskeln, die ich unter mir spüren konnte. Dabei sickerte nur langsam durch mein Bewsstsein, was so schnell und so leicht geschehen war- Zaphykel war befreit, er war bei mir und für den Moment in Sicherheit. Das Hochgefühl pulsierte noch immer in mir, als der Murgar vor seiner Höhle zum stehen kam, schnaubte und ein wenig in die Knie ging. Ich glitt von seinem Rücken und half Zaphykel, ebenfalls abzusteigen. Danach wandte ich mich wieder an den schwarzen Pferdedämon und wusste plötzlich nicht genau, was ich zu sagen hatte. Der Murgar bemerkte meine Verlegenheit und schnaubte kurz. "Aye, das war ein ziemlicher Spaß, was?" bemerkte er und ließ seine spitzen Zähne aufblitzen. Ich merkte, wie Zaphykel neben mir zusammenfuhr, und legte ihm beiläufig die Hand auf den Arm. "Ja, das war es. Das Gesicht dieser kleinen Kröte werde ich niemals vergessen. Ich...ich danke dir. Ohne dich hätte ich es niemals geschafft." Der Murgar nickte ein paar mal heftig. "Aye, das ist wohl wahr. Aber gelohnt hat es sich, oh, das hat es sich wahrhaftig. Du gefällst mir, kleine Skaldin, gefällst mir sogar sehr. Wenn ich es mir recht überlege, wärst du sogar viel zu schade, um gefressen zu werden. Aye, du kannst gut kraulen und die kleine List da hätte von mir stammen können. Aber das war das erste und einzige Mal, Menschenmädchen," fügte er mit verändertem Tonfall hinzu. "Normalerweise mache ich keine Geschäfte mit gewöhnlichen Zweibeinern, das hab ich dir gesagt. Aber du hast mich durchaus beeindruckt. Nun geh, hier könnt ihr nicht bleiben. Nicht wegen dieser garstigen kleinen Lurikeen," der Dämon grinste noch breiter, "aye, nein, sonst gerate ich doch noch in Versuchung. Schmackhaft siehst du nämlich schon aus, und wenn wir das Spitzohr da ein wenig mästen, könnten wir auch aus dem was besseres als einen mageren Suppenknochen machen." Ich nickte schnell und verneigte mich vor dem Murgar, es erschien mir einfach angebracht. "Ich werde dich nicht wieder belästigen. Ebensowenig werde ich mich nochmal deiner Höhle nähern oder welche der Deinen je angreifen. Nochmals danke und leb wohl." Zaphykel sah mich fassungslos an. "Wir...dürfen gehen? einfach so?" flüsterte er. Der Murgar lachte gackernd. "Wenn du bleiben willst, Elfchen, halte ich dich nicht zurück. Ich würde dich gerne zum Mittagessen einladen." Die seelenlosen Silberaugen des Pferdedämons funkelten gierig, und ich beeilte mich, Zaphykel am Arm zu packen und davonzueilen.
    "Tja," begann ich, als wir die Höhle ein gutes Stück hinter uns gelassen hatten. Zaphykel sah mich stumm an, und ich strich mir unbehaglich über das Kinn. "Tut mir Leid, wenn ich dich aus der Fassung gebracht habe, ich wusste mir keinen anderen Weg, als..." ich stockte und brach ab, als der Elf die Arme um meine Schultern schlang und sich kurz an mich drückte. Verlegen und verblüfft schielte ich zu ihm empor, er war ein gutes Stück größer als ich. "Danke," flüsterte er rauh. "Ich weiß nicht, ich dachte...ich würde..." seine Stimme verlor sich und unbeholfen klopfte ich ihm auf den Rücken. "Ist ja gut. Ich hatte nie vor, dich im Stich zu lassen. Irgendwie hab ich gespürt, dass sie dich erwischen würden. Ich hatte schon eine ganze Weile vor, hierher zurückzukehren, aber...hmm...das war nicht so ganz einfach. Ich will dir gern alles erzählen, aber zuerst brauchen wir ein Versteck. Kennst du einen sicheren Ort?" nur zögernd gab mich Zaphykel frei und wischte sich beschämt über die Augen, wobei er meinen Blick mied. "In der Nähe von Darkness Falls ist eine Waldlandschaft. Dort ist nie jemand." Ich nickte und ergriff scheu seine Hand. "Dann führ mich hin. Da können wir reden." Ich summte mein Reiselied und folgte Zaphykel, der gehorsam voranging. Während des Marsches betrachtete ich ihn verstohlen von der Seite. Er wirkte wirklich sehr ausgezehrt, offenbar hatte man hier die psychische Folter der physischen vorgezogen. Blass und verletzlich und in halb zerfetzten Kleidern hatte er wenig mit dem ernsten, stolzen jungen Elfen gemein, den ich hier kennen gelernt hatte. "Zaphykel, nur damit du eins weißt," sagte ich leise, aber eindringlich, und er wandte mir den Kopf zu. "Es wird jetzt alles wieder gut. Klar?" er betrachtete mich einen Moment und ließ dann den Kopf hängen. "Ja," antwortete er nur. Ich seufzte im Stillen und überlegte fieberhaft, wie ich ihm die derzeitige Situation erklären sollte. Und wo sollte ich anfangen? erst hier wurde mir wieder einmal bewusst, wie lange sich diese bizarre Geschichte schon hinzog. Ich hatte überhaupt keine Lust, noch ein weiteres Mal tief im Strudel meiner Erinnerungen zu suchen. Noch einmal wirklich alles erzählen, mich rechtfertigen, drum herum reden, wo ich mir ziemlich sicher war, wie Zaphykels Reaktion ausfallen würde? ich ließ mich schwerfällig auf den Rücken fallen und blinzelte zum bereits wieder aufgehenden Mond. Nachdem ich den Murgar überredet hatte, mir ein paar seiner gestohlenen Rüstungsteile und Waffen zu borgen und mir zu helfen, hatte ich tatsächlich eine unruhigen Tag in seiner Höhle verbracht. Dieser war allerdings wie gesagt sehr unruhig ausgefallen -so weit traute ich dem Pferdedämon ganz bestimmt nicht, als dass ich es wagen täte, in seinem Reich ins Koma zu fallen, obwohl mein Körper dies sicher begrüßt hätte- und ich schloss gerädert die Augen. Auf der Geschichte mit dem Murgar ritt ich nicht weiter herum, viel dringender war die Frage, wie ich Zaphykel erklären sollte, dass ich rein zufällig seine leibliche Mutter wieder gefunden hatte und er ganz nebenbei noch der rechtmäßige Thronfolger dieses Landes war. Bei dem Gedanken wurde mir ein wenig übel. Der Elf schien zu spüren, dass ich höchst nervös und unruhig war. "Ist sonst noch irgend etwas...Schlimmes passiert?" fragte er leise. Ich drehte ihm den Kopf zu, betrachtete sein blasses, mutloses Gesicht und schloss abermals die Augen. Ich brachte es nicht über mich. "Jede Menge ist passiert. Viel zu viel sogar. Und...und es tut mir schrecklich leid. Ich weiß nicht, wieviel Schuld ich an dem Unglück hier trage, aber ich wünschte, all das wäre nie passiert, wirklich," sagte ich tonlos. Zaphykel rückte ein Stück näher und tastete nach meiner Hand. "Was meinst du, Llienne? kannst du es mir nicht erzählen?" seine Stimme klang so ehrlich, so unwissend und abermals schauderte es mich bei dem Gedanken, wie dieses Gesicht aussehen würde, wenn er erfahren müsste, dass sein ganzes Leben auf Lügen aufgebaut worden war. "Später?" bettelte ich beinahe. "Kann ich es dir später erzählen?" meine Stimme zitterte, und er drückte meine Hand etwas fester. Ich konnte das durch das Kettengeflecht hindurch nicht spüren, aber ich fühlte mich ein klein wenig getröstet. "Ja, sicher," sagte er leicht verstört. Ich schlug die Augen nieder und wälzte mich schwerfällig auf die Seite, ihm den Rücken kehrend. Sicher, das war feige, und der kleine Aufschub zögerte das Unvermeidliche nur heraus, aber ich war für den Moment erleichtert. Natürlich könnte ich es mir auch einfach machen und ihm eine weitere Lüge auftischen. Aber das würde ich nicht tun, niemals. Eher schneidest du dir die Zunge ab, sagte ich mir in Gedanken und knirschte leise mit den Zähnen. Abermals breitete sich Schweigen aus und ich merkte, wie ich trotz der missligen Lage im Begriff war, einfach wegzudämmern. Meine Beine fühlten sich erneut bleischwer an, meine Augenlider schienen Tonnen zu wiegen und ich hatte einen unangenehmen, piepsenden Ton im linken Ohr. Ich war schon fast in den Schlaf geglitten, als eine warme, schmale Hand eine unordentliche Strähne aus meinem Gesicht strich und sanft über meine Schläfen fuhr. Ich biss mir erschrocken und verwirrt auf die Lippen und blieb ruhig. Die Hand fuhr mit ihren Liebkosungen fort, strich über meine Wange und suchte sich ihren Weg in Richtung meiner Lippen. "Ich weiß, dass du wach bist, Llienne," sagte Zaphykel leise. Schamesröte stieg mir ins Gesicht und ich wandte langsam den Kopf, wobei es nun beinahe aussah, als würde ich mein Gesicht auch noch absichtlich in seine warme Handfläche schmiegen. Ich sagte nichts und sah ihn nur fragend, mit einem unguten Gefühl im Bauch an.
    Zaphykel zögerte, dann legte er den freien Arm um meine Schultern und zog mich behutsam wieder hoch. "So schön...und so tapfer," murmelte er, wohl mehr zu sich selbst als zu mir. Das ungute Gefühl wurde drängender, und eine innere Stimme warnte mich, dass ich seine Hand beiseite schlagen und ihn zur Rede stellen sollte. Aber ich tat nichts dergleichen. Zaphykel sah mich aus halbgeschlossenen Augen an und senkte langsam, beinahe furchtsam den Kopf. Ich blieb weiterhin völlig passiv, zuckte nicht zurück und verwies ihn auch nicht in seine Schranken. Ich war nicht gerade entsetzt, aber dennoch sehr überrascht, vor allem von mir selbst. Wenn ich mir vorstellte, dass Leifnir Havocbringer mich so anfassen würde...die Gedanken lösten sich in Rauch auf, als der Elf seine Lippen auf die meinen legte, nur ganz flüchtig und sehr behutsam. Das brach den Bann. "Zaphykel," flüsterte ich rauh, "was soll das werden, wenn´s fertig ist? wir können und dürfen nicht..." ich verstummte, als die Hand, die meinen Nacken stütze, diesen sanft zu streicheln begann. Eine kurze Gänsehaut überzog meinen Rücken. Ich will das nicht, hätte ich protestieren mögen, hör auf, was immer du dir vorstellst, es ist absolut nicht recht. Zu meiner eigenen Überraschung öffnete ich stattdessen ein klein wenig die Lippen und legte meinerseits die Arme um seinen Nacken. Ich trug noch immer meine schlammbespritzte Kettenrüstung und er ein zerfetztes Stoffgewand, und wir beide waren erschöpft und entkräftet von den letzten Tagen. Dennoch schienen all die Probleme, die wir noch hatten, plötzlich ein wenig in den Schatten gerückt zu sein. "Darf ich das, Llienne?" wisperte er und ich spürte seinen warmen Atem auf meinem Gesicht. "Darf ich es?" ich erkannte mich beinahe selbst nicht wieder, als ich ein wenig näher an ihn heranrückte. "Du darfst es."
    Er löste sich vorsichtig von mir, beugte sich vor und küsste mich abermals, während seine geschickten, schlanken Finger wie Spinnenfüße über die Lederschnallen meiner Kettenrüstung huschten und diese ohne größere Schwierigkeiten lösten. Der Mond stieg teilnahmslos zur Gänzlichkeit in den Himmel auf und beleuchtete Stiefel, Kettenhemd, Handschuhe, Helm und Umhang, die verstreut im Gras herumlagen- kurz darauf gesellte sich auch eine grauweiße, zerrissene Leinenrobe dazu. Wir geben sicher keinen hübschen Anblick ab, dachte ich flüchtig, als ich im Mondlicht einen kleinen Bluterguss betrachtete, der sich auf Zaphykels nackter
    Schulter abzeichnete. Ich selbst musste auch mit Narben, frischen Kratzern und blauen Flecken übersät sein. "Warum, Zaphykel?" fragte ich leise. "Warum gerade ich?" er sah mich eine ganze Weile schweigend an, vergrub eine Hand in meinem noch immer ziemlich kurzen Haar und strich mit der anderen über mein Schlüsselbein. "Du bist alles, was ich haben möchte, tapfere junge Kämpferin aus dem Norden," sagte er ernsthaft. Ich blinzelte, nickte aber leicht. Beinahe scherzhaft fragte er: "Und warum darf gerade ich dich so berühren?" ich ließ den Abklatsch eines verwegenen Grinsens aufblitzen. "Du bist heute das, was ich haben möchte, schöner
    junger Elf aus dem grünsten Land," antwortete ich. Einen Moment lang starrte er mich groß an, dann lachte er leise, zog mich wieder an sich und küsste mich erneut, dieses Mal deutlich stürmischer. Ich stellte das Denken ab, wischte die noch immer nagenden Zweifel fort und erwiderte den Kuss, ließ zu, dass seine Zunge, die sich wie eine kleine Schlange in meinen Mundraum stahl, die meine aufdringlich umspielte. Seine Hand schloss sich vorsichtig um meine noch knospende Brust, wog und drückte sie sachte. Ich krallte eine Hand in sein langes, dunkles Haar und streichelte mit der anderen seinen Rücken hinab. Langsam, als würde es ihn große Mühe kosten, löste sich Zaphykel aus dem Kuss. Seine Brust hob und senkte sich ein wenig schneller als gewöhnlich, und seine Stimme klang heiser: "Bist du wirklich sicher, Llienne? ich...ich will dir nichts aufzwingen." Ich legte einen Finger an seine Lippen. "Ich bin sicher." Und während ich ihn wieder zu mir hinunterzog, leuchtete der Mond unbeeindruckt weiterhin hell und klar vom nächtlichen Himmel.
    *Feder und Tintenfass reich*

    Aion, Balder: Kiminayu, 50. Gladiator | Alazais, 46. Kleriker | Kirunrael, 33. Zauberer

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