Valkyn
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Thema: Valkyn

  1. #1

    Standard Valkyn

    Hi ihr Fans von Valtäryn und seinen Gefährten,
    hi ihr, die diese Geschichte das erste mal lesen.

    Bedingt dadurch, dass das Forum umstrukturiert worden ist und ich im alten Themenbereich *Valkyn* keine Fortsetzungen mehr reinsetzen kann, da es ins Archiv gelegt worden ist dachte ich mir, ich werde alle Kapitel hier rüber in einen aktiven bereich verschieben. Zusätzlich ist das Kapitel 55. fertig geworden. Ich wünsche allen viiiiiel Spaß beim lesen.

    - Die Kapitel werd ich im Laufe des heutigen tages alle nach und nach reinsetzen -

    gruss
    goldi
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    Kapitel 1.

    Der Verlust

    Der Knochentänzer legte nasse, saubere Tücher neben der sterbenden Valkyn ab. Langsam gebeugt vom Alter, kniete er sich zu ihrer Lagerstätte herunter, die mit Stroh, Federn und Decken gepolstert war. Mit ruhiger Hand berührte er die Stirn der Valkyn und betrachtete sie dabei mit einem traurigen Ausdruck, der das Verlangen aussprach sie zu retten und doch konnte er nichts ausrichten. Das Wundfieber war bei ihr in ganzem Umfang ausgebrochen. Er nahm eines der nassen Tücher und tupfte ihr behutsam mit der linken die Schweißperlen von der Stirn, während seine rechte Hand den gewölbten Bauch der Valkyn betastete. Sie stöhnte im Wahn und unter Schmerzen auf. Beruhigend legte der Knochentänzer seine Hand auf die Brust der Valkyn und murmelte unverständliche Worte. Immer mehr ebnete das Stöhnen ab und sie versank wieder in einen unruhigen, qualvollen Schlaf.
    Das Tuch, welches am Eingang der Hütte als Schutz vor Blicken von außen schützte, wurde zur Seite geschoben und ein Valkyn in einer imposanten Kettenrüstung betrat die Hütte, an seiner Seite ein prachtvolles Schwert haltend. Blut tropfte von der Klinge des Schwertes. Der wolfsähnliche Kopf des Valkyn schüttelte sich kurz und dann richteten sich seine Augen auf die Valkyn, die sich unruhig im Schlaf hin und her wälzte.
    Der Krieger sprach mit einer wohltuenden, etwas bellenden Stimme: „Wie geht es ihr?“
    Der Knochentänzer spreizte die Hände, um seinen Anführer zu grüßen.
    „Sie wird diese Nacht nicht überleben. Das Wundfieber ist ausgebrochen und ich habe keine Kräuter, um es zu stoppen oder gar zu heilen.“
    Der Krieger kniete neben der sterbenden Valkyn nieder und flüsterte: „Geliebte Mahira, ich werde deinen Tod rächen. Bis mein letztes Blut aus meinem Körper weicht werde ich kämpfen. Jeden einzelnen Morvalt der sich mir in den Weg stellt werde ich für dich nach Walhalla schicken.“
    Er nahm Mahiras Hand und küsste sie zärtlich.
    Plötzlich fuhr Mahira hoch und schrie. Die Wände der Hütte erzitterten bei dem Schrei, als würde ein Troll einen Felsen gegen die Wand schmeißen. Dann krallte sich ihre Hand in das Kettenhemd des Kriegers und zog ihn mit erstaunlicher Kraft zu sich herunter.
    „Hortan, hör mir zu, bevor meine Sinne ganz schwinden. Ein gleißend, goldenes Licht erfüllte mich und gab mir eine Botschaft. Rette unsere Nachkommen und sorge dafür, dass sie dieses Leid, was an unser Volk durch die mordenden Morvalts angerichtet wird, nie wieder vorkommt“, keuchte sie. Sie nahm seine Hand und legte sie auf ihren Bauch.
    „Kümmere dich um sie und gebe ihnen eine Welt in der sie in Frieden leben können.“ Sie lächelte ihn zärtlich an. „Ich liebe dich.“
    Die Kraft in ihrer Stimme wurde schwächer. Kraftlos ließ sie seine Hand los. Schwerer Nebel umspülte ihre Sinne. Mit letzter Kraft erhob sie sich ein wenig von ihrer Lagerstätte und schaute den Knochentänzer mit trüben Augen an. „Tu was du tun musst.“
    Sie sackte zurück, verkrampfte ihre Hände in den Decken und fing wieder an zu schreien, als die erste Wehe eintrat.
    Schnell erhob sich der Knochentänzer und nahm ein ellenlanges Messer zur Hand.
    Im selben Augenblick stürmte ein weiterer Krieger ins Zelt.
    „Hortan!! Die Morvalts! Sie stürmen das Lager!“ Seine Stimme überschlug sich fast.
    Ein letztes Mal schaute Hortan zu seinem Leben, seiner Existenz, seinem Sein. Als er sich von dem Anblick, der sich im Todeskampf windenden Mahira, abwandte, sprühten seine Augen vor Zorn, Wut und Hass.
    „Mach dein Werk, Jildio. Trage dazu bei, dass Mahiras Wunsch in Erfüllung geht. Ich werde dir die nötige Zeit geben.“ Er wandte sich dem Krieger zu und schrie: „Los raus!! Ruf die letzten Überlebenden des Volkes der Valkyn zusammen. Die letzte Schlacht giert nach uns. Vielleicht verschlingt sie uns, aber wir werden uns teuer verkaufen.“
    Mit diesen Worten verließ er mit dem Krieger die Hütte.
    Jildio war allein mit Mahira. Er machte sich ans Werk, wie es sein Anführer von ihm verlangte. Während seiner Arbeit wurden die Todesschreie der sterbenden Valkyns immer lauter. Die Schlacht war im vollen Gange und verlagerte sich immer mehr in die Mitte des Dorfes.
    Mit dem Messer schlitzte Jildio Mahiras Bauch vorsichtig auf. Blut spritzte auf den Boden der Hütte und sickerte in die Erde. Ein paar schnelle Handgriffe später hielt er ein kleines Bündel hoch. Blutüberströmt lag es in Jildios Arm. Eine schnelle Bewegung seiner Hand, auf das Hinterteil des Bündels, ließ es aufschreien. Hastig zog er einige der Decken unter der toten Mahira hervor und wickelte das Baby ein.
    „Du bist unsere Zukunft,“ sagte Jildio zu dem Valkynbaby. Hastig griff er nach seinem Stab und flüchtete zum Eingang der Hütte. Noch einmal drehte er sich zur Toten um. Tränen rannen seine Wangen herunter. „Die Anführerin des Valkynvolkes ist tot, aber die Saat ist gesetzt.“
    In der Mitte des Dorfes herrschten brutale Kämpfe. Bedrängt wichen die Valkyns immer wieder, vor den zahlenmäßig überlegenen Morvalts, zurück. Die Reihen der Valkyn lichteten sich. Schnell. Zu schnell.
    Hortan stand erhaben auf dem Platz, umringt von zahlreichen Gegnern. Dennoch zollte sein Schwert hohe Verluste in den Reihen seiner Feinde. Sirrend strich das Schwert durch die Körper der Morvalts und sie fielen reihenweise um. Die Wut gab ihm unerschöpfliche Ausdauer. Ein Schlag nach dem anderen fällte die Körper der Feinde, wie zerbrechliche, kleine Bäume.
    Mit sicherer Präzision, bohrte sich ein Pfeil in Hortans Hals. Blut schoss aus der Wunde und besudelte die Gegner. Zwei der Morvalts rutschten, auf dem nun glitschigen Boden, aus und töteten sich gegenseitig.
    Hortan brüllte. Gurgelnde Geräusche hinderten sein Geschrei und blubbernd sackte er in die Knie. Sein Blick erfasste Jildio und er entdeckte das Bündel mit seinen Augen, deren Sehkraft immer schwächer wurde.
    Ein Lächeln umspielte seinen blutverschmierten Mund, bevor er Blut spuckte und nach vorn in die Erde des Dorfplatzes stürzte.
    Jildio wartete nicht erst ab wie die Morvalts reagieren würden, wenn sie merkten, dass soeben der Anführer des Valkynvolkes tot auf Midgards Erde lag. Rasant sprintete er an ein paar kleinere Hütten vorbei, bis er den Wald erreichte. Trotz seines Alters spornte er seinen Körper zu noch höherer Schnelligkeit an.
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    Kapitel 2.

    Die Flucht

    Ungeachtet der Schmerzen, die in seiner Brust zu Pochen begannen, rannte Jildio weiter durch den Wald. Schützend drückte er das kleine Valkynbaby an seinen Körper. Riesige, knotige Wurzeln und Äste in Höhe seines Gesichtes erschwerten ein schnelles vorankommen. Immer wieder musste er Bäumen ausweichen, die wie aus dem Nichts auftauchten. Schweißperlen rannen sein Gesicht herab und als ein Schweißtropfen in sein Auge tropfte, musste er blinzeln. Der Salzgehalt des Schweißtropfens brannte in seinem Auge, doch es ließ ihn nicht langsamer werden. Im Gegenteil zog er noch mehr von seiner Ausdauer ab und sprintete durchs Unterholz. Die Schmerzen in seiner Brust pochten in seinem Kopf in einem regelmäßigen Rhythmus, als würde jemand mit einem Stock gegen seine Brust schlagen.
    Aus dem Augenwinkel nahm er einen Schatten wahr, der blitzartig wieder verschwand. Morvalts?
    Lass es keinen Morvalt sein, sondern nur einen Hirsch oder einen Luchs, dachte Jildio.
    Seine Flucht führte ihn tiefer in den Wald. Jildio konnte nicht sagen wie lange er gelaufen war, aber es musst einige Zeit vergangen sein, denn die Sonne verschwand über dem Blätterdach und er konnte vereinzelt Sterne zwischen den Kronen der Bäume erblicken, die den Himmel faszinierend leuchten ließen. Die Dunkelheit wurde schwärzer im Wald, doch seine guten Valkynaugen bewahrten ihn vor Zusammenstössen mit auftauchenden Bäumen. Bedrohlich neigten die Bäume ihre Äste und ein Wind pfiff durch das Geäst, als würden Geister in unmittelbarer Nähe Unterhaltungen führen.
    Seine Ausdauer versagte. Er lief noch ein paar Meter und verfiel dann in einen ruhigen Schritt. Sein Atem ging heftig und sein Herz klopfte bis zu seiner Kehle hoch. Jildio versuchte innerlich eine Harmonie seines Geistes zu erwirken, um seine Energie wieder zurück zu erhalten. Ein schwieriges Unterfangen, da er von seiner Umgebung beachtlich abgelenkt wurde.
    Zu spät hörte er das Bersten in seinem Rücken. Trockenes Holz brach und zischte, dann wurde sein Rücken heiß wie flüssige Lava. Ohne auf den schrecklichen Schmerz zu achten, wirkte er einen Schutzzauber und drehte sich um. Vor ihm stand ein Morvalt, welcher mit seinen Händen Zeichen formte.
    Oh nein. Ein Morvaltmagier.
    Jildio ging langsam Rückwärts und suchte dabei fieberhaft eine Möglichkeit zur Flucht. Seine Kraftreserven waren aufgebraucht und ein Kampf gegen den Morvaltmagier würde sein sicheres Todesurteil bedeuten. Und das Valkynbaby würde ebenso sterben.
    „Vergiss es. Du wirst nicht entkommen können“, trug der Wind die Worte des Morvalts an Jildios Ohren heran. „Du bist in einer Sackgasse und kannst nirgendwo hin.“
    Der Morvalt grinste bösartig.
    Jildio machte einen weiteren Schritt nach hinten und ihm stockte der Atem. Der Tritt ging ins Leere. Sofort zog er den Fuß wieder zurück und blickte sich um.
    Die Tiefe einer gähnenden Schlucht starrte ihm entgegen. Ganz weit unten konnte er einen reißenden Fluss entdecken, deren schaumiges Wasser an den Steilwänden der Schlucht brach. Das Mondlicht und die Sterne hellten die Schlucht in einem weißlichen Grauen auf. Schatten tanzten auf den Steilwänden und verhöhnten den Valkyn.
    Ein Blitz schlug in Jildios Gehirn auf und formte sich zu einer Idee. Einem Ausweg. Aber nicht für ihn, sondern nur für das Valkynbaby.
    Still lag das kleine Bündel in seinen Armen und bekam von der Gefahr nichts mit.
    Leise murmelte Jildio ein Stoßgebet an Bogdar und bat um Beistand. Sofort erfüllte der Gott Jildios Wunsch und die Erde fing an zu zittern. Vor dem Morvalt teilte sich die Erde und Skeletthände krallten sich im Gras fest und zogen sich nach oben. Das Skelett erhob sich immer schneller aus der Erde und fixierte den Morvalt. Dieser zögerte und wusste nicht was er tun sollte. Diese eine Sekunde genügte Jildio. Er warf das Baby in die Schlucht und erhob gleichzeitig seine Hände, um seinen letzten Zauber auszusprechen. Dabei rief er: „Die Götter mögen dich beschützen!“
    Aus seinen Händen blitzte es auf und ein Lichtstrahl entfuhr aus seinen Handflächen. Gleichzeitig spickten ein Dutzend Pfeile seine Körper auf. Ein Pfeil traf seine Stirn und tot sank Jildio am Rande der Schlucht zu Boden.
    Der Lichtstrahl holte das fallende Baby ein und umhüllte es. Der Fall wurde abgebremst und das Baby schwebte dem reißenden Fluss entgegen. Eine Windböe erfasste das schwebende Bündel und trug es weiter Flussabwärts. Irgendwann verschwand es aus dem Blickfeld der Morvalts. Knurrend sah der Morvaltmagier dem schwebenden, von einer Lichtkugel umhüllten Baby nach.
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    Kapitel 3.

    Traurige Wahrheit

    Brakoo schaute auf als die beiden Jungen in die Scheune eintraten. Sein Sohn war für seine zehn Jahre schon von beachtlicher Statur. Für einen zukünftigen Nordmann zeichneten sich schon im jungen Alter die breiten Schultern und die muskulösen Beine aus. Der Junge würde in Zukunft mit Sicherheit ein hervorragender Krieger werden. Er liebte sein einziges Kind mehr als alles andere auf der Welt. Die Mutter seines Sohnes war bei der Geburt gestorben. Der hohe Blutverlust war dafür verantwortlich gewesen. Selbst der Heiler hatte eine solch schwierige Geburt schon lange nicht miterlebt. Brakoo erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen. Diesen Tag an dem sein Sohn das Licht der Welt erblickte, war wie eine Felszeichnung in seinem Gehirn für ewig eingemeißelt.
    Es war eine unangenehme Nacht gewesen. In dieser Nacht war der Himmel erfüllt von den Schreien der Valkyns die durch die Morvalts nahezu abgeschlachtet wurden. Boten die nach Bjarken unterwegs waren, um dort Meldungen zu machen, brachten schreckliche Nachrichten von der Ausrottung ganzer Valkyndörfer im Norden. Es hieß die Morvalts marschierten auf das Zentrum der valkynischen Macht zu. Brakoo war damals, während seine Frau in den Wehen lag, auf Jagd östlich des großen Mammuttals. Er jagte seit einem vollen Tag einen Säbelzahntiger, dessen Spuren Brakoo die Richtung anzeigten. Die Nacht ließ ihn nicht viel erkennen, doch seine erfahrenen Jägerinstinkte bewahrten ihn vor unachtsamen Schritten. Schließlich erreichte er ein kleines Flussbett. Als er sich dem Flussbett nähern wollte vernahm er ein leises winseln, japsen und keuschen. Es hörte sich an wie das eines Wolfsjungen. Pirschend schlich er in die Richtung aus der das Geräusch kam und wäre fast über ein kleines Bündel gestolpert. Es lag in der Nähe des Flussbettes, eingewickelt mit dreckigen Decken und eingekeilt zwischen zwei Felsen. Zum selben Zeitpunkt, als seine Frau der schwierigen Geburt erlag und sein Sohn die Welt erblickte, hob er ein kleines Valkynbaby aus dem Schlamm des Flusses hoch.
    Brakoos Blick wanderte von Tjelvo, seinem Sohn zu Valtäryn, dem Valkynjungen. Auch für Valtäryn empfand er eine große Zuneigung und es stimmte Brakoo traurig, wenn er an das Schicksal der Valkyns vor zehn Jahren dachte. Seit dieser schrecklichen Nacht hatte er nie wieder von Valkyns gehört, die das Massaker der Morvalts überlebt haben. Oft dachte Brakoo darüber nach, wie dieses kleine Baby damals den Morvalts entkommen konnte, doch immer wenn er zu keinem Schluss kam, tat er es als Zeichen der Götter ab.
    „Du hast mich rufen lassen?“ fragte Valtäryn. Der große wolfsähnliche Kopf mit den spitz zulaufenden Ohren neigte sich leicht. Seine goldenen Augen leuchteten Brakoo an. Die schlaksige Gestalt Valtäryns stand aufrecht und Valtäryn schaute seinen Ziehvater fragend an, auf eine Antwort wartend.
    Brakoo hatte schon früher an das Verhalten Valtäryns gemerkt, dass er ein geborener Führer wäre.
    Welche Position wohl sein Vater innerhalb der Valkyn innehatte? fragte sich Brakoo.
    „Ja. Es ist gut dass du so schnell gekommen bist. Hast du die Pferde gestriegelt?“
    „Ja Vater. Zehrus machte erst einige Probleme. Er ist noch sehr wild, doch ich denke das wird sich legen.“
    „Dieses Pferd hat heißes Blut in sich … so wie du.“
    Valtäryn zog fragend die Augenbrauen hoch.
    „Wie meinst du das?“ Nun verunsichert worum es hier eigentlich ging trat er von einem Fuß auf den anderen.
    Brakoo gab Tjelvo ein Handzeichen er solle sich entfernen. Als Tjelvo außer Hörreichweite war fuhr Brakoo fort: „Du weißt das ich nicht dein richtiger Vater bin. Die Götter gaben dich in meine Obhut, damit ich dich aufziehen konnte. Du bist etwas Besonderes und ich denke du solltest die ganze Wahrheit erfahren. Ich erzählte dir immer, dass du von einem Wanderer hier abgegeben wurdest, doch das stimmt nicht. Ich war in der Nacht als auch Tjelvo geboren wurde auf Jagd. Unruhen überzogen die Gripklosaberge und das Umland. Marodierende Morvalts schlachteten in dieser Nacht über 15000 Valkyns ab. Sie machten vor nichts halt. Nicht nur Krieger töteten sie in Massen, sondern auch Kinder, Frauen und die Alten. Dein Volk.“ Brakoo machte eine kurze Pause. Valtäryn schaute ihn entsetzt an.
    „Ich fand dich in der nähe eines kleinen Flussbettes und nahm dich mit. Ich schützte dich jahrelang vor wandernden Morvalts und versteckte dich auf meinem Hof. Nun sind zehn Jahre vergangen und ich kann und will dich nicht länger anlügen. Du solltest die Wahrheit über dich, dein Volk und deine Herkunft erfahren.“
    Eine Träne entstand im Auge Valtäryns. Er stand da, wie erstarrt und sagte nichts. Seine Lippen zitterten und seine kleinen Hände ballten sich zu Fäusten.
    Als die Starre von Valtäryn fiel sagte er nur drei Worte: „Zeige mir wo!“
    Es war keine Bitte oder ein Flehen in der Stimme des kleinen Jungen, sondern unmissverständlich ein Befehl.
    Brakoo seufzte. „Ja. Es ist das Beste ich zeige dir die Stelle wo ich dich fand. Sattel die Pferde. Wir reiten in einer Stunde los.“
    Wortlos wandte sich Valtäryn um und verließ die Scheune. Brakoo blieb allein zurück.
    Was habe ich getan?
    Das was er in den Augen des kleinen Jungen gesehen hatte, war nicht gut. Valtäryns Augen waren von Hass erfüllt gewesen. Aber nicht ihm gegenüber, sondern gegen die Morvalts.
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    Kapitel 4.

    Schicksal

    Valtäryn trat aus der Scheune. Seine Schritte führten ihn zu dem Stall, in dem die wenigen Pferde, welche Brakoo besaß untergebracht waren. Tjelvo lief von der Seite auf ihn zu. Er hatte auf einem Felsen in der Nähe der Werkstatt gewartet, bis das Gespräch zwischen seinem Vater und Valtäryn beendet war.
    „Was habt ihr besprochen?“ fragte Tjelvo, sah aber das erzürnte Gesicht seines Freundes und wusste er würde keine Antwort bekommen.
    Ruckartig hob Valtäryn seine rechte Hand. „Ich möchte nicht darüber reden.“
    Tjelvo nickte und folgte Valtäryn wortlos zum Stall.
    Die Gedanken Valtäryns machten unablässig Purzelbäume. Warum musste ihm sein Ziehvater so etwas sagen? Wer war sein richtiger Vater gewesen? Und seine Mutter? Was war mit seinem Volk geschehen? Warum lebte er?
    Für Valtäryn brach eine Welt zusammen. Die Geschichte über mordende Morvalts hatten ihn fast umgehauen. Er kannte die Geschichten über die letzte Schlacht der Valkyns vor zehn Jahren, aber wie passte seine Geschichte da hinein? Wollten ihn die Götter strafen? War es Schicksal? Konnte es sein, dass er der letzte war? Er hatte nie einen anderen Valkyn gesehen. Gab es überhaupt noch welche? Und wenn ja, wo waren sie? Wo war sein Volk?
    Die letzte Frage donnerte so stark in seinem Kopf, dass er schwankte.
    Tjelvo hielt ihn instinktiv fest. „Alles in Ordnung?“
    „Ja danke. Es geht wieder.“
    Als sie den Stall betraten kam ihnen schon der strenge Pferdegeruch entgegen. In den vier Boxen befand sich jeweils ein Pferd. Drei Braune und ein Schwarzfuchs. Der Schwarzfuchs scharrte nervös mit den Hufen als er die Neuankömmlinge bemerkte und schnaubte aus seinen Nüstern. Die beiden Jungen machten sich an die Arbeit, die Pferde zu satteln. Zügel, Sattel und Zaumzeug waren ordentlich entlang der Stallwand an Hacken aufgehängt worden. Nach kurzer Zeit waren die drei Braunen fertig gesattelt. Die Jungen führten die Pferde aus dem Stall in die Mittagssonne und banden sie an einem niedrigen Holzzaun fest.
    „Ho. Ich gehört schon von eurer Reise vom Herrn. Wünsche viel Glück den kleinen Herrn“, polterte Draponark los, ein riesiger Troll. Seine Pranken waren so groß, dass sie ein Wagenrad umfassen konnten. Draponark war schon sehr lange im Dienste von Brakoo. Er arbeitete in der Werkstatt, auf dem kleinen Gemüsefeld hinter dem Haus, im Stall, ging öfters mit auf Jagd oder machte dringende Botengänge nach Bjarken oder gar Dyrfell.
    „Hoffe kommt wohlhalten zu mir zurück“, grinste er.
    „Wohlbehalten heißt das Drapo“, sagte Tjelvo und verdrehte die Augen. „Er wird es nie lernen. Trolle sind einfach dumm“, meinte er zu Valtäryn.
    „Kleiner Herr müssen aufpassen was aus Mund kommt, sonst er muss sich neuen Hals in Bjarken kaufen, denn ich habe ihn ihm dann umgedreht“, grinste Draponark weiter und tätschelte Tjelvo auf dem Kopf.
    Trotz der schlimmen Nachricht, die Valtäryn von Brakoo vor nicht all zu langer Zeit bekommen hatte, musste er schmunzeln. Immer wenn sich Tjelvo mit Draponak anlegte wurde es eine so köstliche Unterhaltung zwischen den beiden, dass seine Sorgen, egal welche er hatte, mit einem Mal verflogen waren.
    Tjelvo wischte mit einer Hand Drapos Pranke vom Kopf. „Eh. Ich bin doch kein kleiner Junge mehr“, meinte Tjelvo beleidigt und verschränkte daraufhin sein Arme über die Brust. Schmollend schaute er zu Valtäryn: „Sag doch auch mal was dazu!“
    „Was soll ich sagen, Tjelvo? Soll ich mich mit Drapo anlegen? Ich glaub da könnt ich mich gleich in ein Greifennest legen.“
    „Ruhe jetzt! Alle drei! Hast du den Proviant, Drapo?“ fragte Brakoo der soeben aus dem Hauptwohnhaus auftauchte und die Diskussion soweit mitbekommen hatte, dass er mit seiner Vermutung richtig lag, Draponark und Tjelvo wieder einer ihrer berühmten Gespräche hatten.
    „Ja Herr. Ich packen Hartkäse, Kekse, weich Brot und Kräuter ein paar ein.“
    Draponark machte sich daran den Proviant in den Satteltaschen der Pferde zu verstauen.
    „Valtäryn. Geh zur alten Brista und las dir Feldflaschen mit Wasser füllen. Ich muss noch was aus der Werkstatt holen, dann geht die Reise los.“
    Valtäryn begab sich sofort zum Feld hinter dem Hauptwohnhaus und umrundete es. Hinter dem Feld zwischen zwei Tannen, welche versuchten mit ihren Spitzen den Himmel zu berühren, stand eine einfache, kleine Hütte. Die Tür stand offen und als Valtäryn eintrat nahm er einen würzig, wohltuenden Duft war.
    Die Hütte bestand nur aus einem einzigen Raum, welcher karg eingerichtet war. Eine einfache Kochecke befand sich an der Ostwand. Über der Kochecke waren drei Ebenen Regale angebracht, die verschiedene Tongefässe beherbergten. Ein einfacher Tisch, mit allerlei verschiedenen Kräutern stand in der Mitte der Hütte, umgeben von zwei einfachen Schemeln. In der Westwand standen aufgestapelt Kisten mit Obst und Gemüse. Eine alte Frau bückte sich über eine der Kisten und nahm eine Karotte nach der anderen aus der Kiste, betrachtete sie eingehend und legt sie in einen Korb, der neben ihr stand.
    Ohne das sich die Frau umdrehte sagte sie: „Valtäryn, mein Goldjunge. Sei so lieb und helf mir den Korb auf den Tisch zu stellen.“
    Die Frau war eine Seherin und konnte die Anwesenheit von anderen spüren, gar bestimmen wer es war ohne denjenigen zu erblicken.
    Valtäryn stiefelte zu Brista nahm den schweren Korb auf und hob ihn ächzend auf den wackligen Tisch.
    „Die gefüllten Feldflaschen liegen auf der Anrichte neben der Kochstelle.“
    Nun drehte sich Brista zu Valtäryn um und blickte ihn tief in seine goldgelben Augen.
    „Schau doch nicht so traurig. Ich weiß, dass es eine schlimme Nachricht ist die dir Brakoo mitteilte, aber Eir besuchte mich in der Nacht und flüsterte mir in meinen Verstand, dass du für etwas Großes bestimmt bist. Die Götter haben etwas mit dir vor und du solltest niemals vergessen, dass Hass kein Mittel ist ein Ziel zu erreichen. Ich werde für dich beten, damit deine lange Reise unter einem guten Stern stehen wird. Dein Schicksal wird Midgard drehen. Soweit drehen, dass die Bewohner Midgards dem Frieden ein Stück näher kommen werden.“
    Sie ging zu ihm rüber und zog den Ärmel seines rechten Armes hoch. Auf seinem Unterarm glänzte in Gold ein Falke mit ausgebreiteten Flügeln. Sie strich über dieses seltsame Mal und runzelte die Stirn. Dann erhellte sich wieder ihr Gesicht und sie sagte: „Du wirst Freunde auf deiner langen Reise finden. Verbündete und Weggefährten. Sie alle werden zu einem Teil deines Schicksals werden. Sie alle werden dazu beitragen das du dein Schicksal erfüllen kannst. Und nun leb wohl junger Valkyn und vergiss meine Worte niemals.“
    Abrupt drehte sich Brista wieder um und fing an die Karotten in einem Wasserzuber zu waschen.
    Wie angewurzelt schaute Valtäryn Brista an. Was hatten ihre Worte zu bedeuten?
    „Aber wir kehren doch in ein paar Tagen zurück Brista“, brach es aus Valtäryn aus. „Was haben deine Worte zu bedeuten? Was redest du von einer langen Reise?“
    Brista hob die Hand. „Geh. Geh deinem Schicksal entgegen. Ich wünsche deine Anwesenheit nicht mehr.“
    Valtäryn fühlte sich wie ins Gesicht geschlagen und stand immer noch verdattert da ohne ein Wort zu sagen. Dann drehte er sich um. Eine weitere Träne kullerte Valtäryns Wange herab, das zweite Mal an diesem Tag. Er verstand die Welt nun gar nicht mehr.
    Als Valtäryn längst aus der Hütte verschwunden war hob Brista ihr Haupt und schaute an die Hüttendecke. Tränen sprudelten aus ihren Augen und sie fing an zu schluchzen.
    „Beschützt ihn ihr Götter. Ich flehe euch an. Er ist ein guter Junge. Egal was ihr mit ihm vorhabt, lasst ihm sein reines Herz.“
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    Kapitel 5.

    Die Wildnis

    Valtäryn ritt neben Brakoo, der das Tempo der Pferde vorgab. Der Zügel des dritten Pferdes war am Sattel von Brakkos Pferd befestigt und das Pferd trottete bepackt mit einem Zelt, Decken, den Nahrungsmitteln, Essgeschirr und anderen nützlichen Dingen, die für die Wildnis überlebensnotwendig waren hinterher. Brakoo trug auf dem Rücken einen Köcher mit Jagdpfeilen und ein einfacher Kompositbogen lag quer vor ihm über dem Sattel. An der Seite baumelte in einer Scheide ein Schwert, das aber vom Leder der Scheide verdeckt war. Das einzige was herauslugte war der reich verzierte Knauf des Schwertes.
    Valtäryn drehte sich im Sattel um und schaute auf den kleiner werdenden Hof. Am Rande des Hofes sah er zwei kleine Gestalten. Tjelvo und Draponark. Valtäryn meinte zu erkennen, dass die beiden Gestalten ihnen als Abschied zu winkten, doch es hätte auch eine Sinnestäuschung sein können. Auf diese Entfernung war es schwer abzuschätzen.
    Ihr Weg führte nach Norden durch kleine Mulden und weitläufige Täler. Tannen- und Kiefernwälder wiegten sich wie kleine Kinder an den Hängen der Täler. Weiter im Norden und Westen erhoben stolz die Gripklosaberge ihre weiß getünchten Gipfel gen Himmel.
    Immer wieder trafen sie auf Spuren von Megalozeros die in Herden durch die Berge streiften, auf der Suche nach geeigneten Weideplätzen. Einmal entdeckte Brakoo sogar die Spur von einem Höhlenlöwen der wohl einer Herde im gebührenden Abstand gefolgt war, um die richtige Gelegenheit auf ein Opfer abzupassen.
    Je weiter sie in den Norden vordrangen, umso mehr machte ihnen der nun immer häufiger auftretende Schnee Probleme. Die Pferde kamen nur noch leidlich voran. Einige Male mussten sie die Pferde an den Zügeln durch den hohen Schnee führen, bis die Schneedecke wieder weniger dick war.
    Als die Dämmerung einbrach suchte Brakoo einen geeigneten Lagerplatz zum nächtigen. Geschützt in einer kleinen Mulde vor plötzlich auftretenden Schneewehen schlugen sie ihr Lager auf. Valtäryn suchte in der Nähe des Lagerplatzes trockenes Holz, was bei diesen Wetterbedingungen ein schwieriges Unterfangen war. Schließlich trug er einen ganzen Haufen Feuerholz nach müheseliger Suche zum Lager zurück. Das Zelt war schon aufgebaut und rund um den Zeltplatz war der Boden von Schnee gesäubert worden.
    „Mach du schon mal unser Abendessen und ein kleines Lagerfeuer fertig. Ich stelle noch ein paar Fallen rund um das Lager auf, um uns vor unliebsamen Überraschungen zu schützen.“
    Brakoo verschwand in der Nacht und ließ Valtäryn allein am Lagerplatz. Die Pferde kauerten nahe einer Steilwand an einer hohen Tanne und standen eng zusammen, um sich so gegenseitig etwas zu wärmen.
    Valtäryn machte sich an die von Brakoo aufgetragenen Aufgaben. Er schichte die Holzscheite zu einem Haufen, in deren Mitte ein Hohlraum entstand. Mit Feuerstein und Zunder entfachte er das Holz. Er nahm sich zwei längere Stöcke und spitzte sie mit einem scharfen Messer. Auf die spitzen Holzstöcke trieb er jeweils zwei große Stücke Hartkäse, um sie im Feuer aufzuweichen. Brot legte er bereit. Als er grade fertig wurde tauchte aus der Dunkelheit Brakoo auf und setzte sich ans Feuer.
    „Ich hoffe wir werden eine ruhige Nacht haben“, dabei nahm er einen der Stöcke und hielt den Hartkäse ins Feuer.
    Valtäryn machte es seinem Ziehvater gleich. Im Schneidersitz setzte er sich gegenüber dem Ziehvater, auf die andere Seite des kleinen Feuers.
    „Vater?“
    Brakoo hob schnell den Kopf und schaute Valtäryn genau in die Augen. Er nannte ihn immer noch Vater, dass war ein gutes Zeichen. „Ja?“
    „Was weißt du über das Volk der Valkyn?“
    Mit dieser Frage hatte Brakoo gerechnet.
    „Ich weiß jede Menge über dieses Volk, schließlich hab ich einen Valkyn in meiner Familie“.
    In seiner Stimme schwang purer Stolz mit.
    „Das Volk der Valkyn waren zu ihrer Blütezeit ein angesehnes Volk aus Jägern, Kriegern und Kräuterkundigen. Sie lebten in große Sippschaften, doch alle waren durch einen einzigen Anführer miteinander eng verbunden. Ihre Jäger waren die besten in ganz Midgard. Sie bevölkerten die Gripklosaberge in weiten Teilen dieses Landes, zusammen mit den Morvalts, Rothauben und den Bergklans. Naja. Einige von ihnen waren sesshaft andere wiederum Nomaden des Nordens. Doch es gab wohl ein großes Zentrum des ganzen Volkes. Eine Art sich bewegender Stadt. Wo sie nach der letzten Schlacht den Untergang fand kann daher heute keiner mehr sagen. Viele Abenteurer haben in den letzten zehn Jahren versucht diese Stadt zu finden, doch bis jetzt erfolglos, wenn diese Stadt nicht nur eine Legende ist. Gesehen hat sie wohl von den anderen Völkern noch nie jemand.“
    Valtäryn hatte der kurzen Erzählung gebannt zu gehört. Nun starrte er ins Feuer. Eine sich bewegende Stadt? Sein zu Hause?
    „Warum haben die anderen Völker den Valkyns damals nicht geholfen?“
    Brakoo schnaufte und holte den geschmolzenen Käse aus dem Feuer, um ihn auf ein Stück Brot zu legen.
    „Weil sie feige waren. Die anderen Völker wollten sich nicht in einen Krieg zwischen den Morvalts und den Valkyn einmischen, da ihnen die Verluste wohl zu hoch gewesen wären. Viele glaubten auch sich da nicht einmischen zu müssen, weil sie es nichts anging. Außerdem gehörten die Valkyns nicht dem Pakt der Völker Midgards an und genossen somit nicht den Schutz der verbündeten Völker. Hätten sie doch damals doch geholfen, wären die Morvalts nicht wie Heuschrecken in alle Teile der Insel Aegir gelangt und hätten auch da für Unruhe gesorgt.“ Er biss in sein Brot und kaute schweigend.
    Auch Valtäryn kaute nachdenklich auf sein Brot. Zwischen den Bissen schob er sich immer wieder ein Stück vom aufgeweichten Hartkäse in den Mund. Der herbe Geschmack war zwar nicht seine Lieblingsspeise, doch der Hunger trieb es runter.
    Nach der Mahlzeit sagte Brakoo mit einer Handbewegung zum Zelt: „Lass uns schlafen, damit wir morgen früh aufbrechen können. Morgen Nachmittag werden wir, wenn alles gut läuft unser Ziel erreichen.“
    Sie legten sich schlafen und bald waren nur noch leise Schnarchgeräusche aus dem Zelt zu hören.
    In der Dunkelheit leuchteten rote Augen auf die wie zwei Saphire leuchteten. Sie fixierten das Zelt. In weiter Ferne heulte ein Wolf auf. Die roten Augen blinzelten und erwiderten das Heulen. Flatternd erhob sich was aus den Wipfeln der umgebenden Tannen.
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    Kapitel 6.

    Beginn des Leids

    Mitten in der Nacht fuhr Valtäryn aus dem leichten Schlaf hoch. Hatte er da nicht ein Geräusch gehört? Ein Brechen? Als würde ein Holzstamm entzwei gebrochen werden?
    Seine Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit die im Zelt herrschte. Das Lager, auf welchem Brakoo liegen sollte war verlassen. Langsam kroch Valtäryn zum Zelteingang und schob die Plane weg, um in die Nacht zu spähen. Das Feuer war heruntergebrannt und nur noch ein kleiner Haufen Asche deutete darauf hin, dass es hier ein Lagerfeuer gegeben hatte.
    Er rieb sich die Augen und versuchte weiter außerhalb des Lagers irgendwas zu entdecken, was ihm Aufschluss darüber geben könnte, wo Brakoo geblieben war. Nichts. Ein kalter Wind wehte durch die Mulde und ließ Valtäryn frösteln. Er tastete nach seinem Umhang und erfasste aber stattdessen den Griff von Brakoos Schwert. Es steckte immer noch in der Scheide und lag unberührt neben Brakoos Schlafplatz. Erschrocken über die Erkenntnis, dass Brakoo weg war ohne sein Schwert mitzunehmen, ließ ihn weiter im Zelt suchen. Seine Finger glitten über den Bogen und den Köcher mit Pfeilen.
    Nun breitete sich eine fast panische Angst in Valtäryn aus. Wo war bloß Brakoo? Ohne Waffen in die Nacht hinaus zu gehen, verhieß nichts Gutes. Es musste irgendwas passiert sein, als Valtäryn noch schlief aber was?
    Valtäryn zog sich rasch den Umhang um und nahm sich Kompositbogen und den Köcher. Dann verließ er das Zelt und horchte vor dem Zelteingang in die tiefschwarze Nacht hinein. Der kalte Wind wurde stärker und zog an Valtäryns Umhang. Sein anschwellendes Heulen sprach von Kummer und Leid. Ein markerschütternder Schrei drang durch die Mulde, welcher große Pein und noch viel größeren Schmerz aussprach. Valtäryn erkannte die Stimme. Es war Brakoo.
    Seine Finger packten den Bogen fester. Mit einer schnellen Bewegung zog er einen Pfeil aus dem Köcher und legte ihn auf die Sehne. Mit gespanntem Bogen verließ er die Mulde und ging in die Richtung, aus der er den Schrei vermutete. Vorsichtig schlich er durch einen kleinen Tannenwald, der sich an den Hang einer Schlucht schmiegte in welche die Mulde endete. Die Konturen der Tannen waren verschwommen. Äste und Zweige griffen nach seinen Haaren und Baumwurzeln versuchten ihm ein Bein zu stellen. Geschickt konnte er allem ausweichen und bewegte sich langsam vorwärts. Angstschweiß trat aus seinen Poren und er hatte das Gefühl die herrschende Dunkelheit wollte ihn erdrücken. Nur einmal im Leben hatte er mit einem Bogen geschossen, damals als er einmal mit auf Jagd gehen durfte. Sein Ziel war damals ein Hase gewesen und durch einen präzisen Schuss konnte er den Hasen von den Pfoten fegen. Brakoo meinte zu dem Schuss er hätte unglaubliches Talent und er würde mit Sicherheit ein hervorragender Jäger werden. Diese Situation jetzt war anders. Schlimmer. Er befand sich allein in der Wildnis auf der Suche nach seinem Ziehvater, der vor wenigen Augenblicken einen markerschütternden Schrei von sich gab. Konnte er bei Gefahr rechtzeitig reagieren und Feinde in die Flucht schlagen? War es ein Tier, welches Brakoo angefallen hatte? Oder die verhassten Rothauben oder vielleicht sogar einer der Bergklans?
    Seine Hände waren so stark am zittern, dass Valtäryn befürchtete nicht mal ein Mammut zu treffen, wenn eins direkt vor ihm stehen würde. Mit geschlossenen Augen versuchte er wieder Ruhe in sein Innerstes zu bringen. Als das Zittern seiner Hände aufhörte öffnete er wieder die Augen und schlich weiter. Die Angst um seinen Ziehvater trieb ihn weiter vom Lager weg. Die Schlucht dehnte sich auf eine breite Schneise. Schneematsch vorm Vortag erschwerte ihm das Vorankommen. Die Geräusche seiner Stiefel, die durch den Schnee glitten, ließ ihn mehr als einmal verharren. Konnten andere seine knirschenden Schritte hören?
    Wieder durchzog Brakoos gellender Schrei durch die Schlucht und verstummte abrupt. Auch wenn ihm langsam klar wurde nicht viel ausrichten zu können, beschleunigte Valtäryn seine Schritte. Schließlich erreichte er eine kleine Lichtung in deren Mitte eine menschliche Gestalt lag. Über ihr stand eine Gestalt. Sie redete auf die am Boden liegende Gestalt ein, doch als diese nicht antwortete gab sie dem am Boden liegenden einen Tritt. Der Getretene keuchte und krümmte seinen Rücken. Um die beiden Gestalten standen noch mehr Personen. Wegen der Dunkelheit konnte Valtäryn allerdings nicht erkennen um wenn es sich hier handelte. Er hob seinen Bogen auf Augenhöhe und zielte auf den Kopf dessen, der getreten hatte.
    Die Gestalt hob langsam die Arme und murmelte unverständliches. Ein grelles Licht erhellte die Lichtung plötzlich, als würde ein Blitz einschlagen. Nun erkannte Valtäryn...alles.
    Brakoo lag am Boden. Gesicht und Oberkörper waren blutüberströmt. Seine Kleidung hing in Fetzen von seinem Körper. Die Stelle auf der er lag war blutdurchtränkt. In den Augen von Brakoo stand eine Angst geschrieben, wie sie Valtäryn in seinem ganzen kurzen Leben noch nie gesehen hatte. Flehend schaute er auf die Gestalt die vor ihm stand und mit seinen Händen eine Energiekugel wob.
    Valtäryns Augen starrten die Gestalt an. Sie war in einen langen schwarzen Umhang gekleidet, der reich mit Runen verziert war. Schwarze Beinlinge und Armlinge aus Stoff schützten ihn. Ein Stirnreif saß auf den schwarzen Haaren, in denen aber vereinzelt das grau hervorstach. Die roten Augen flackerten irre.
    Valtäryn hatte noch nie einen Magiebegabten erblickt, aber für ihn stand es ohne Zweifel sofort fest, dass ein solcher auf der Lichtung stand. Noch viel schrecklicher war es jedoch, dass es ein Morvalt war. Noch nie war er einem begegnet, aber durch Brakoss genaue Beschreibungen erkannte er ihn sofort diesem Volk angehörend. Morvalts in Lederrüstung und bewaffnet mit langen Messern standen um die beiden herum und hielten anscheinend Wache.
    Ein bitterer Geschmack belegte Valtäryns Zunge und eine Hitze schoss aus seinem Herzen in alle Teile seines Körpers, dass sein Kopf rot anlief.
    Die Mörder seines Volkes?
    Der Hass durchdrang seine Venen und pumpte Blut mit einem solch großen Druck, dass ihm schwindlig wurde. Die Hand ließ die Sehne los. Der Jagdpfeil beschrieb einen Bogen und schoss so schnell auf sein Ziel zu, dass das bloße Auge eines einfachen Bürgers Midgards dieses Geschoss nicht mehr erfassen konnte. Der Kopf des Morvaltmagiers kam näher.
    Ein Ruck ging durch den Körper des Morvaltmagiers und er wirbelte herum. Innerhalb eines Augenblicks verblasste die Energiekugel in seiner Hand und wurde durch eine matte Scheibe blauen Lichts ersetzt. Der Pfeil drang in die blaue Materie aus Energie und blieb einen Fingerbreit vor dem Auge des Morvalts stecken.
    Langsam verschwand die magische Scheibe und der Pfeil fiel wirkungslos zu Boden.
    „Wen haben wir denn da?“ grinste der Morvaltmagier.
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    Kapitel 7.

    Verrat

    Der Morvaltmagier schaute interessiert zu Valtäryn.
    „Hast du dich verlaufen?“
    Ohne auf die Frage zu antworten schrie Valtäryn den Magier an: „Lass ihn in Ruhe! Sofort!“
    Der Magier zog seine buschigen Augenbrauen hoch: „Ich soll diesen Hund in Ruhe lassen? Jemand der dein Volk verraten hat? Damals? Vor fast 10 Jahren?“ Er lachte auf und sein kehliges Lachen hörte sich so bösartig an, dass sich die Nackenhaare von Valtäryn senkrecht stellten. „Du bist lustig. Wusste nicht das euer Volk solchen Sinn für Humor hat“, dann wurde sein Gesicht eine grimmige Maske, „Er versprach uns auf seinem Hof ein Basislager einrichten zu dürfen, um von dort Überfälle auf die Städte Aegirs zu verüben. Nun sträubt er sich. Soll ich so was tolerieren? Niemals. Sein Hof wird ein Lager der Morvalts werden und daran kann und wird niemand mehr rütteln können. Midgard wird ein neues Zeitalter erleben und wir werden dabei eine entscheidende Rolle spielen. Mmh. Aber ob du das noch erleben wirst ist eine andere Frage.“
    „Tut ihm nichts“, röchelte Brakoo und umfasste den Knöchel des Magiers. „Er ist doch noch ein Kind. Bitte.“
    Der Magier wandte sich zu dem am Boden liegenden Brakoo und trat mit aller Gewalt auf dessen Handgelenk. Man hörte ein Knacken, als es brach.
    „Halt dein Maul.“ Und an die Morvaltkrieger gewandt sagte er: „Tötet ihn!“
    Ein weiteres Mal brach etwas in Valtäryns Herzen. Er war in einen Strudel geraten, aus dem er nicht mehr entkam. Dinge spielten sich in so kurzer Zeit ab, die er nicht verstand und die doch so entsetzlich waren. Was sollte das bedeuten, Brakoo sei für den Untergang seines Volkes verantwortlich gewesen? Was meinte der Magier mit Brakoos Verrat. Valtäryn suchte die Augen von Brakoo und er starrte ihn aus Augen an die nur eines aussagte. Verzeih mir. Aber was sollte er verzeihen?
    Die Krieger schritten auf Brakoo zu und hoben ihre Waffen. Ihre Speere und Kurzschwerter blitzten im Sternenlicht auf, als sie auf Brakoos Körper niederfuhren. Seine Schreie verstummten nach einigen Attacken, denen er sich nicht erwehren konnte. Valtäryn stand da wie erstarrt, unfähig irgendeine Handlung auszuführen und beobachtete die grausige Tötung. Nachdem Brakoos Schrei verstummte, erkannte Valtäryn nur noch einen zerfetzten Körper. Er bekam nicht einmal mehr mit, wie der Magier einen Befehl bellte und die Krieger Valtäryn packten und mit Fesseln banden. Unter Schock schleiften sie ihn zu dem Magier, der auf ihn einsprach, doch von alldem bekam er nichts mit. Seine Augen waren auf die Überreste seines Ziehvaters festgefroren. Erst als sie ihn von der Lichtung schleppten, löste sich sein Blick und er verfiel in eine Art Halbwachsamkeit. Seine Gedanken schweiften zu einer anderen Zeit. Einer Zeit in der er noch glücklich war. In der sein Herz noch existierte. In eine Zeit in der er wusste zu wem er gehörte und wo sein Platz war. Brakoos Hof. Kaminfeuer. Geschichten über Helden, die Brakoo ihm und Tjelvo erzählte. Die gute alte Brista mit ihren wohltuenden Kräutertees. Draponark, der Troll, welcher ihm das Reiten beigebracht hatte. Das Gemüsefeld. Die Arbeit auf dem Hof. Das Lachen von ihm und Tjelvo, wie sie ihre erste Forelle aus dem nahe gelegenen Fluss angelten. Liebe. Zärtlichkeit. Geborgenheit.
    Mit jedem Gedanken an seine vergangenen zehn Jahre, starb ein Teil von ihm. Die einzigartigen Erinnerungen verblassten umso mehr er an sie dachte. Jede Erinnerung die er aus seinem Gedächtnis hervorholte, färbte sein Herz schwärzer. Und noch schwärzer. Bis es diese Erinnerungen nicht mehr gab. Dafür war etwas Neues geboren. Das pulsierende schwarze Herz. Kühle schlang sich wie ein Umhang um seinen Körper. Wut und Hass fraß sich in seine Eingeweide. Der Magier sprach von einem neuen Zeitalter. Ja. Dieses Zeitalter war für Valtäryn angebrochen. In seinem tiefsten Inneren herrschten nur noch drei Dinge. Wut, Zorn und unsägliche Qualen. Ein dunkler Schatten huschte über sein Gesicht.
    Das Mal auf seinem Unterarm, der goldene Falke, fing an sich schwarz zu färben.
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    Kapitel 8.

    Der vergessene Schatz

    „Also ich kann von hier oben überhaupt nichts erkennen. Wer kam eigentlich auf die abartige Idee einen Zwerg auf einen Baum zu schicken?“
    Aghorsch hielt sich krampfhaft an einem dicken Zweig fest und betrachtete das Umland.
    Thealunia musste schmunzeln.
    „Hör auf zu jammern und halte nach dem Lager Ausschau. Es muss hier irgendwo sein“, keifte ihn Prikos und zog seinen Mantel enger. Der Mantel war mit allerlei Runen bemalt und verstärkte die Runenmagie, welche der kleine Kobold wirken konnte.
    Aghorsch grunzte und betrachtete weiter das Umland. Der Baum befand sich am Rande einer Schlucht die sich in einen weiten Talkessel ausbreitete. Schneebedeckte Hänge durchzogen das Land. Auf der anderen Seite erhoben sich Ausläufer der Gripklosaberge mit ihrem massiven Gestein. Vereinzelte Baumgruppen im Tal verteilt machten das Entdecken des gesuchten Lagers schwieriger. Hin und wieder zogen Schneewehen vor Aghorschs Augen vorbei. Aus Richtung der Gripklosaberge kamen die Schreie der vielen Greifen, die diese Gegend bewohnten. Kalter Wind zerrte an Aghorschs Umhang und Kettenrüstung.
    „Ich hab es“, schrie Aghorsch von der Spitze des Baums und wäre fast vor lauter Freude vom Baum gestürzt. Im letzten Moment konnte er sich an einem Ast festhalten, schwang sich zum Stamm hin und rutschte am Stamm auf die sichere Erde. Unten angekommen schnaufte er kurz und sagte zu seinem Bruder gewandt: „Alles noch da?“
    „Natürlich Aghorsch.“ Mit diesen Worten reichte er ihm einen mächtigen Einhandhammer und ein großes Schild. Das Schild wies magische Gravuren auf und verschönerte dessen Anblick.
    „Und?“ fragte Thealunia. Ihre spitzen Frostalfarohren zuckten hin und her.
    „Was und?“ fragte stattdessen Aghorsch.
    „Das Lager“, meinte Thealunia lächelnd und dachte gleichzeitig: Zwerge!
    „Achso.“ Er deutete in eine Richtung. „Etwa einen halben Sonnenumlauf in diese Richtung. Dürfte nicht allzu schwierig sein, das Lager zu erreichen. Das Gelände scheint nicht so schwierig zu sein, obwohl“, dabei bedachte er den Runenmeister und die Heilerin mit zusammengekniffenen Augen, „nicht jeder so gut marschieren kann, wie wir Zwerge.“
    „Was soll das denn heißen? Meinst du wir können nicht durch schwieriges Gelände?“ rief Prikos empört.
    „Ruhe ihr beiden. Seit unserer Abreise aus Bjarken, seid ihr nur am streiten. Das hört ab jetzt auf.“
    Ein hoch gewachsener Nordmann trat aus einem der Büsche und schüttelte den Kopf, dann wies er die Gruppe an ihre Gepäcke aufzunehmen und endlich weiter zu marschieren.
    „Wir haben noch ein Stück Weg vor uns und ich möchte, wenn möglich, die ganze Aktion bis morgen früh hinter uns bringen.“
    Hintereinander marschierte die Gruppe los. Rechts lag die Schlucht und vor ihnen der Talkessel. Das Wetter war für eine Reise in diesem unwirtlichen Land fast optimal und sie kamen zügig voran.
    Der Nordmann führte die Gruppe an. Thealunia schloss nach vorne und lief neben dem Nordmann, der ein schnelles Tempo vorgab.
    „Wir sind nun schon seit fast einer Woche dieses Lager am suchen und ich wüsste nun gerne, so kurz vor unserem Ziel, welcher Schatz uns da erwartet.“
    Von hinten wurden Stimmen laut.
    „Ja. Das wüsste ich auch mal gerne“, meinte Prikos.
    „Gold? Juwelen?“ fragten die beiden Brüder Aghorsch und Fabulgo gleichzeitig.
    Der Nordmann zog die Augenbrauen hoch: „Gold? Juwelen? Das könnt ihr euch aus euren Bärten kämmen. Es ist etwas viel wertvolleres. Etwas ganz besonderes.“
    „Ja. Das hab ich jetzt kapiert. Wertvoll. Besonders. Aber was ist es?“ Den letzten Satz hatte Prikos geschrieen.
    „Ja Okar, sag uns endlich was es ist“, raunte die Frostalfar ihm ins Ohr.
    Okar zuckte mit den Achseln. „Ich hab keine Ahnung was es genau ist.“
    „Was? Hältst du uns für dumme Rothauben?“ Aghorsch blieb prompt stehen. „Wir laufen hier durch die trostlosen Gripklosaberge um einen Schatz zu heben, den es gar nicht gibt?“
    Okar drehte sich um: „Ich hab nie behauptet das es ihn nicht gibt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir ihn heute Abend in den Händen halten werden.“
    Auch die anderen Gefährten waren stehen geblieben. „Aber woher willst du das so genau wissen?“ fragte Prikos.
    „Weil der von dem ich die Information in Aegirhamn erhalten habe sehr vertrauensvoll wirkte. Er meinte es wäre ein Schatz der in Vergessenheit geraten sei und dieser Schatz wäre angefüllt mit der reinen Essenz der Hoffnung. Hoffnung Midgard und die Insel Aegir endlich von dem festen Griff der Morvalts zu befreien.“
    „So einen Quatsch hab ich mein ganzes Leben noch nicht gehört.“ Aghorsch schüttelte sein bärtiges Gesicht, so dass seine zwei roten Zöpfe hin und her flogen und setzte sich in den Schnee. „Ich werde mich solch einer Expedition bestimmt nicht anschließen. Am Ende landen unsere Köpfe noch auf Morvaltspeeren.“
    Thealunia legte den Kopf schief und raunte wieder mit ihrer sanften Stimme: „Ich bin sehr neugierig geworden, was dass wohl für ein Schatz sein soll, der die Morvalts in ihre Schranken weisen soll.“
    Pirkos nickte: „Ja. Mit Sicherheit eine mächtige Waffe. Ich werde den Weg wohl dann auch weiter mit euch fortsetzen.“
    Fabulgo sah seinen Bruder an: „Komm Aghorsch. So kurz vor dem Ziel werde ich auch nicht kneifen.“
    Aghorsch verschränkte die Arme und starrte stur in den Himmel, dabei verzog er sein Gesicht zu einem trotzigen Ausdruck: „Ihr könnt euch ja selbst in Gefahr bringen. Ich bleibe hier. Wenn ihr seht, dass die Geschichte über diesen verloren gegangenen Schatz wohl ein schlechter Witz eines Betrunkenen war, werdet ihr an meine Worte denken.“
    Fabulgo flüsterte den anderen Gefährten zu: „Er wird schon nach kommen. Glaubt mir.“ Dabei lächelte er verschmitzt.
    Okar nickte zustimmend: „Also gut Aghorsch. Wenn du hier bleiben willst akzeptiere ich das.“ Mit diesen Worten drehten sich die Gefährten um und marschierten weiter in die Richtung des gesuchten Lagers.
    Aghorsch schaute ihnen nach. Die Stimmen seiner Gefährten wurden immer leiser bis sie plötzlich verstummten. Kurze Zeit danach verschwanden auch sie aus seinem Blickfeld.
    Er betrachtete die Umgebung. Der Schnee unter seinem Hintern schmolz und das kalte Wasser drang zwischen den Kettenringen in sein Unterwams und schließlich an seinen Allerwertesten heran. Aghorsch brummte, da ihm das kalte Wasser unangenehm wurde.
    „Man kann diese Grünschnäbel doch nicht einfach so losziehen lassen. Was würden sie machen, wenn sie nicht meinen Hammer hätten, der Morvaltköpfe ohne Probleme zertrümmern kann.“
    Er schnaufte und erhob sich, dabei rieb er sich sein Hinterteil, von dem Wassertropfen auf den Boden fielen. Dann lief er seinen Gefährten so schnell wie möglich hinterher, um sie wieder einzuholen. Dabei hoffte er, dass sein Hinterteil bloß schnell trocknete, bevor er seine Gefährten erreichen würde.
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    Kapitel 9.

    Das geheimnisvolle Lager

    „Ich wüsste mal zu gerne warum wir immer diejenigen sind, die Gebiete auskundschaften sollen. Wir sollten mal darüber nachdenken einen Jäger in die Gruppe zu nehmen. Wir sind Krieger und keine Kundschafter“, murrte Aghorsch und bog einen Ast nach hinten um an diesem vorbei zu kommen.
    „Ach Bruder. Ich sehne den Tag herbei, an dem du dich nicht über alles beschwerst“, meinte Fabulgo und wich dem zurück schnellenden Ast aus, den Aghorsch losließ.
    „Trotzdem. Immer müssen wir Zwerge die Drecksarbeit machen. Warum hat Okar nicht diesen dummen Kobold vorgeschickt? Ich hab das Gefühl wir wären für Okar schneller ersetzbar als dieser Runenmeister.“
    „Ich denke eher, dass Okar uns lieber vertraut als einen Kobold aus der Koboldstadt, den wir auch erst seit knapp einem Monat kennen.“
    Aghorsch brummte nur zur Antwort und schaute über ein dichtes Gebüsch auf das Lager.
    In der Mitte des Lagerplatzes brannte ein helles Feuer und beleuchtete die umstehenden Gebäude. Fabulgo gesellte sich zu ihm und beide suchten den Lagerplatz nach Wachen ab.
    Eine steile Felswand ragte im Norden des Lagers auf, an deren Fuß sich ein großes Steingebäude befand. Die Häuser und Hütten, welche um den großen Lagerplatz verstreut standen bestanden aus Holz. Hier und da entdeckten sie Zelte aus Leinen. In allen vier Himmelsrichtungen waren hohe Spähtürme errichtet, die mit zusätzlichen Fackeln erhellt wurden. Auf den Spähtürmen konnten sie Gestalten sehen. Trotz der fortgeschrittenen Nacht herrschte im Lager ein emsiges Treiben. Morvaltwachen stiefelten durch den Schneematsch, der sich zwischen den Häusern und Hütten ablagerte, auf das große Steingebäude zu. Arbeiter brachten ganze Ladungen an Holz zu dem Gebäude. Morvaltfrauen brachten Nahrung dorthin und zwischen den Beinen der erwachsenen Morvalts huschten Morvaltkinder.
    „Morvalts!“
    Fabulgo nickte. „Ja. Und es handelt sich um ein ziemlich großes Lager.“
    „Was machen die zu so später Stunde? Da steht doch irgendwas bevor“, Aghorsch verzog die Miene zu einem grimmigen Gesichtsausdruck. „Ich hab das ungute Gefühl das es nichts Erfreuliches ist. In dieses Lager einzudringen ist unmöglich. Da bräuchte man schon eine kleine Armee.“
    Fabulgo legte seine Hand behutsam auf die Schulter seines Bruders. „Wir werden eindringen, den Schatz holen und so schnell wieder weg sein, dass die Morvalts davon gar nichts mitbekommen werden.“
    „Bei Tyr, was redest du da, Fabulgo? Ich dachte immer du wärst der Vernünftigere von uns beiden. Wenn wir da eindringen werden wir so schnell nach Walhalla fahren, dass wir noch nicht mal Zeit haben welche von den Bastarden mit zu nehmen. Und wir müssen wissen wo sich dieser Schatz befindet“; er machte eine Geste in Richtung des Lagers, „Ich glaube kaum, dass sie uns in Ruhe ihr Lager durchsuchen lassen.“
    Ein Lächeln huschte über Fabulgos Gesicht: „Schau mal darüber.“
    Aghorsch schaute in die gezeigte Richtung und entdeckte etwas abseits vom Lager an der Felswand einen Höhleneingang, bewacht von zwei Wachen. Rechts und links des Eingangs waren Stockfackeln in die Erde getrieben worden. Eine große Glocke hing an einer langen Schnur von der Felswand herab.
    Aghorsch machte große Augen. „Du meinst darin befindet sich der Schatz?“
    „Ich bin davon überzeugt.“
    „Dann nichts wie zu den anderen. Wir können diese Wachen ohne Probleme ausschalten. Im Lager sind alle beschäftigt, da werden sie nicht so schnell was merken.“
    „Bruder. Wenn wir jetzt erst zu den anderen zurückkehren, verlieren wir wertvolle Zeit. Wir wissen nicht was im Lager vor sich geht und wie lange die noch beschäftigt sind. Wir sollten zusammen sofort dort hin. Die zwei Wachen dürften für uns beide wohl eine nette Zwischenmahlzeit sein“, dabei grinste ihn Fabulgo an.
    Aghorsch nickte begierig. „Ja. Du hast absolut recht.“
    Aghorsch fasste seinen Hammer fester. Wie ein Trugbild fing der Hammer an zu verschwimmen. Dann packte er sein großes Schild. Auch Fabulgo nahm seine Axt auf, deren Klinge im Sternenlicht blutig glitzerte. Sein Schild strahlte eine Wärme aus, als er es in die Hand nahm.
    Beide umschlichen in sicherer Entfernung das Lager und gelangten schließlich an die steile Felswand. Ein Blick nach oben ließ beide kurz schwindeln, dann konzentrierten sich beide auf die beiden Wachen, die den Höhleneingang bewachten.
    „Es muss schnell gehen. Sie dürfen keine Chance haben die Glocke zu betätigen. Du nimmst den rechten, ich den linken“, flüsterte Fabulgo.
    Aghorsch nickte und bereitete sich auf den Kampf vor. Im Stillen betete er zu Tyr nach Beistand.
    Auf ein Zeichen von Fabulgo stürmten beide mit gezückten Waffen plötzlich aus dem Unterholz vor.
    Die beiden Wachen waren so überrascht, dass sie den ersten Angriff nicht abwehren konnten.
    Aghorsch schlug zu. Sein Hammer beschrieb eine Kurve und prallte auf den Kopfschutz des Morvalts. Stöhnend stolperte dieser nach hinten. Aghorsch setzte nach und der Hammer entfaltete seine Wirkung. Eine Welle aus Wasser schlug durch die Brust des Morvalts und färbte den Schnee um den Höhleneingang blutig. Der Moravlt versuchte den Schlag mit seinem Speer abzuwehren, doch es war zu spät. Das Wasser drang in die Lungen des Morvalts und erstickte seine Schreie. Tot stürzte er zu Boden.
    Fabulgos Axt schlug indes mächtige Wunden in die andere Wache. Hilflos versuchte der Morvalt den Schlägen auszuweichen.
    „Schenke mir Tyrs Zorn“, rief Fabulgo und schlug mit der Axt in die rechte Schulter seines Gegners. Ein helles Leuchten fraß sich noch tiefer in die Wunde und verschwand in den Körper des Morvalts. Mit erschrockenen Augen starrte er Fabulgo an, dann schoss ein Blutschwall aus dessen Augen und auch diese Wache brach zusammen.
    Beide schleiften die Wachen ins nahe liegende Gebüsch und versteckten die Leichen dort, danach begaben sie sich zum Höhleneingang.
    Rechts und links waren in regelmäßigen Abständen Fackeln angebracht und beleuchteten den Höhlengang der sich tiefer in den Berg schlängelte. Vorsichtig und wachsam schlichen sie vorwärts bis sie einen Raum erreichten in dem ein Wachposten döste. Mit schnellen Hammer- und Axthieben töteten sie ihn. Der Raum besaß keinen weiteren Gang, sondern nur eine Zellentür. Der Wachraum selber war bis auf einen Tisch und einem Hocker leer.
    „Oje.“
    „Das kannst du wohl laut sagen. Ich sehe hier keinen Schatz. Ich bin mir fast sicher, dass dein Gefühl dich betrogen hat.“
    „Das kann nicht sein. Ich war mir so sicher.“
    Langsam näherte sich Fabulgo der Zelle und schaute hinein.
    „Das gibt es nicht!“
    „Was? Hast du wieder einer deiner Eingebungen?“
    „Nein. Ich hab etwas entdeckt, dass dich fast von einem Hocker schmeißen würde.“
    Aghorsch runzelte die Stirn und trat neben seinem Bruder, um auch in die Zelle blicken zu können.
    „Hola. Das gibt es nicht.“
    „Hab ich doch gesagt.“
    Die Zelle war mit Unrat bedeckt. Auf dem Boden lagen verschimmelte Essensreste. Die Zelle war absolut leer, außer den Verankerungen im hintersten Teil der Zelle. An diesen Verankerungen war mit verstärkten Eisenketten eine Gestalt gekettet. Sie hing schlaff an ihren Fesseln. Der Kopf hing nach vorn. Die Haare waren verdreckt, die Kleidung zerrissen. Der ganze Körper wies Male schlimmster Folterungen auf. Das wolfsähnliche Gesicht des Gefangenen wies tiefe Schnittwunden auf, die noch immer bluteten. Auf dem rechten Arm des Gefangenen konnte Aghorsch das Mal eines schwarzen Falken erkennen, welcher aber anscheinend nichts mit den Folterungen zu tun hatte.
    Die ausgemergelte Gestalt schien nicht älter als zwanzig Sommer zu sein.
    „Ein Valkyn!“ hauchte Aghorsch.
    „Ja. Ein Valkyn. Das ich so was noch auf meine alten Tage erleben darf.“
    Vom Höhleneingang hörten die beiden Zwerge plötzlich Stimmen und Gepolter.
    Fabulgo schaute seinem Bruder in die Augen.
    „Jetzt haben wir ein Problem.“
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    Kapitel 10.

    Unerwartete Hilfe

    Das Echo der Stimmen vom Höhleneingang schallte von einer Wand zur anderen und hinterließ Spuren von Verwirrung, Zorn und Besessenheit. Es schien als würden die Stimmen heftig diskutieren. Fabulgo schaute Aghorsch hilfesuchend an.
    „Wenn das die Morvalts sind, haben wir ein echtes Problem und viel Zeit bleibt uns nicht.“
    „Da hast du Recht“, antwortete Aghorsch und schaute sich in dem Raum unglücklich um.
    „Viele Versteckmöglichkeiten oder gar einen Fluchtweg gibt es hier anscheinend nicht“, kopfschüttelnd sprach er ein Gebet an Tyr und zupfte nervös an seinem Umhang.
    „Befreit mich!!“
    „Bin nicht grade zu Scherzen aufgelegt, Fabulgo. Wer soll dich jetzt befreien? Okar und die anderen sind mit Sicherheit nicht in der Nähe.“
    „Ich hab doch gar nichts gesagt. Ist mir schon klar, dass uns hier wohl keiner raus holen kann.“
    „Befreit mich!! Die Zeit drängt! Befreit mich!!“
    Überrascht schauten sich beide an und dann fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen. Beide rannten zur Zelle und schauten hinein. Ein ausgemergeltes Gesicht stierte beide an. Goldene Augen fixierten die beiden Zwerge und seine dünnen Arme zerrten an seine Fesseln. Unbändiger Hass sprach aus diesen Augen. Jahrelange Qual war wie ein Brandzeichen in seinen Augen verewigt.
    „Wenn wir schon hier sind und sterben müssen, wollen wir für unseren törichten Plan wenigstens als Wiedergutmachung noch eine gute Tat vollbringen. Lass uns ihn befreien.“
    Sofort stimmte Fabulgo mit einem Kopfnicken zu und hob schon seine Axt, um die Zellentür auf zu schlagen.
    „Halt!“ rief die trockene Stimme des Valkyns. Fabulgos Axt hielt mitten im Flug inne. Fußgetrampel dröhnte vom Höhlengang her und das Waffengeklirr betonte die feindliche Nähe. „Ist deine Waffe magischen Ursprungs?“
    Fabulgo runzelte die Stirn, lächelte aber sofort und streichelte liebkosend über die Axt. „Natürlich“, er hielt die Axt hoch und sie glitzerte blutig im Schein der Fackeln. „Es ist die Axt des Blutes. Tausenden Feinden saugte sie das Blut aus und gab es anderen Feinden mit erschreckender Gewalt zurück“, sagte er stolz.
    „Dann tue es. JETZT!“ Das letzte Wort schrie der Valkyn und in seiner Stimme schwang eine kleine Brise Hoffnung mit.
    Die Axt des Blutes fuhr herab und schlug funke sprühend auf die Zellentür. Knisternde Energien flackerten kurz auf und verschwanden dann sofort wieder. Die Zwerge stürmten in die Zelle. Mit schnellen Hieben waren die Ketten durchschlagen. Auch hier knisterte magische Energie auf, verschwand aber ebenso schnell wieder, wie bei der Zellentür. Der Valkyn sackte auf die Knie. Die Zwerge wollten ihm helfen, doch er winkte ab. „Ich brauch nur ein paar Sekunden.“
    Vom Gang her waren jetzt schon Schatten an den Wänden zu sehen. Die Morvalts näherten sich nun mit unglaublicher Geschwindigkeit. Irgendwo tief im Berg erschal eine Glocke. Ein brummendes Geräusch begleitete die Glocke und ein Beben durchlief den Berg.
    „Nicht schon wieder. Haben wir etwa wieder einen Fehler begangen?“ rief Aghorsch.
    „Nein. Ihr habt keinen Fehler begangen. Ihr habt mich befreit und dafür bin ich euch dankbar. Viel zu lange bin ich hier schon ein Gefangener des bösartigen Morvaltmagiers Breguhugg. Seine Herrschaft wird nun ein Ende finden.“
    Neue Kraft durchströmte den Valkyn, angetrieben vom blinden Hass und von übernatürlichem Zorn. „Bleibt einfach dicht hinter mir. Das wird ein Schauspiel.“ Er erhob sich und ging schnurstracks in den Raum, wo sich die tote Wache befand. Er ging zu dem Toten und nahm dessen Schwert auf, dann wandte er sich dem Höhleneingang zu. Die Zwerge folgten ihm mit gezückten Waffen und folgten seinem Blick. Hinter der ersten Kurve kamen die ersten Morvaltkrieger hervor und bremsten überrascht ab. Sie riefen etwas nach hinten und wilde Bewegung kam in die Krieger. In keiner erkennbaren Formation stürmten sie nach vorn. Hinter ihnen stand ein hoch gewachsener Morvaltkrieger in voller Nietenrüstung. Er bellte Befehle und herrschte zögernde Morvalts mit einer überlangen Peitsche an.
    Breitbeinig standen die Zwerge und der Valkyn vor den nahenden Morvalts. Ruhig schauten sie den herannahenden Feinden entgegen. Der Valkyn beruhigte die Zwerge, in einer für sie unerklärlichen Weise.
    Der Kampf begann.
    Geändert von Goldbogen (11.10.08 um 18:00 Uhr) Grund: Automatisch zusammengefügter Doppelpost

  2. #2

    Standard

    Kapitel 11.

    Befreiung

    Die ersten beiden Gegner erreichten den Valkyn. Mit einer blitzschnellen Bewegung zog das Schwert die Linie eines Halbmondes und schlitzte beide den Brustkorb auf. Die anderen Morvalts bekamen nichts davon mit, was sich in nicht mal einer Sekunde zugetragen hatte. Im Kampfrausch erschienen schon anstelle der Gefallenen ein Trio und setzte den Versuch eines Angriffs fort. Mit einem unerwarteten Sprung landete der Valkyn mit seinen Füssen auf dem Brustkorb eines Feindes. Die Krallen der freien Hand bohrten sich tief in die Kehle des Opfers. Bevor der Morvalt anfing nach hinten zu kippen, drückte sich der Valkyn ab und vollführte dabei einen Rückwärtssalto. Sirrend zerriss das Schwert die Luft und wirbelte herum. Gleichzeitig landete der Valkyn zwischen den beiden Zwergen und die Köpfe der Morvalts prallten auf dem Boden. Vom Schwert tropfte Blut.
    Der Valkyn grinste die Zwerge an: „Ihr seid dran.“
    Während die Zwerge sich ungläubig anstarrten stoppten die Morvalts hinter dem Valkyn und starrten auf ihre Gefährten, die in nur einem kurzen Augenblick den Tot fanden. Sie hatten es nicht mal geschafft einen einzigen Treffer zu landen.
    „Jüngelchen. Wir werden dir schon zeigen wie Zwerge kämpfen können“, antwortete Fabulgo respektvoll. Auch er lächelte. Fabulgo war vom Valkyn von der ersten Sekunde an angetan, als er ihn das erste Mal in der Zelle hocken sah. Fabulgo war schon sehr alt und hatte viel im Leben mit seinem Bruder erlebt, doch einen Valkyn hatten sie noch nie zuvor erblicken dürfen.
    „Ja Fabulgo“, rief Aghorsch, „ zeigen wir dem Jüngelchen wie wir die Waffen zu schwingen vermögen.“
    Mutig stürmten die beiden Zwerge vor.
    Hinter den Morvalts erscholl die Stimme des Anführers: „Die Bogenschützen und Speerbewaffneten!!“
    Sofort drückten sich alle Morvalts zur Seite an die Höhlenwände. Eine breite Schneise entstand. Ein halbes Dutzend Morvalts bildeten eine Linie. Mit Speeren bewaffnet rückten sie langsam vor. Hinter ihnen erschienen drei Bogenschützen. Sie hoben ihre Bögen und eröffneten das Feuer. Mit schnellen, gleichmäßigen Bewegungen schossen sie einen Pfeil nach dem anderen auf die Zwerge und den Valkyn. Kaum erreichten die ersten drei Pfeile ihre Ziele, rissen Fabulgo und Aghorsch ihre Schilder hoch.
    Ein Pfeil berührte Fabulgos Schild und flammte auf. Asche schwebte zu Boden. Im selben Augenblick machte er eine komplette Drehung und seine Axt fuhr durch die Bäuche der Morvalts die sich gegen die linke Höhlenwand drückten. Vier Morvalts gingen mit blutigen Bäuchen zu Boden. Die toten Blicke zeigte Unglaube.
    Zwei weitere Pfeile bohrten sich in Aghorschs Schild. Dieser glühte plötzlich blau auf und ein Schwall blauen Lichts umschloss die beiden Pfeile. Dann zog sich das blaue Licht zusammen und barst plötzlich. Dutzende von kleinen Eiskristallen schwirrten mit unglaublicher Geschwindigkeit auf die Speerträger zu. Die Speerträger rissen ihre Waffen hoch um die fliegenden Geschosse abzublocken, doch mehr als die Hälfte konnte durchkommen und schlugen auf die Körperpartien der Morvalts wie Kraterbrocken ein. Als die Morvalts durch den Druck der Eiskristalle nach hinten geschleudert wurden, nahmen sie die Bogenschützen mit.
    Panisch schauten sich die anderen Morvalts nach ihrem Anführer um, doch von ihm war nichts mehr zu sehen. Er lag tot neben den anderen Morvalts, getötet von einem besonders großen Eiskristall, der aus seinem Auge stak.
    Die hinteren Reihen fingen an sich aufzulösen. Viele der Morvalts suchten die Flucht und liefen in Richtung Ausgang. Die vorderen Reihen hatten jedoch keine Chance.
    Das Trio walzte nur so hinter den flüchtenden Morvalts hinterher und hinterließ dabei dutzende Leichen.
    Beim Höhlenausgang stoppten die drei und blickten den Morvalts hinterher die in das Lager flüchteten und dabei mit lauten Rufen Alarm schlugen.
    Die goldenen Augen fixierten die beiden Zwerge: „Ich danke euch für meine Rettung. Das werde ich euch niemals vergessen und ich stehe tief in eurer Schuld. Wenn mein Schicksal es will werden wir uns vielleicht wieder sehen.“
    „Moment, Moment. Jetzt mal langsam. Du sagst uns du bist uns dankbar für deine Befreiung, aber dafür können wir uns nichts zu Essen kaufen“, schimpfte Aghorsch.
    Die Valkynaugen verengten sich. „Was willst du damit sagen?“
    Fabulgo mischte sich ein bevor sein Bruder noch Schlimmeres Unheil herauf beschwören konnte: „Ähm. Was mein Bruder sagen will ist, ob wir uns nicht noch für kurze Zeit zusammenschließen könnten, um das Lager aufzuräumen. Hier soll ein Schatz sein.“
    Der Valkyn zog die Brauen hoch. „Ihr beide sucht einen Schatz? Was soll das für ein Schatz sein?“
    „Also um genau zu sein wir beide und unsere Freunde. Die müssten auch noch hier in der Nähe sein. Wir werden dich auch am Schatz beteiligen. Was meinst du?“
    Uninteressiert winkte der Valkyn seine Frage mit einer Hand ab. „Mich interessiert euer Schatz nicht, aber falls euch die Morvalts bei eurem Vorhaben stören, macht euch darüber keine Sorgen. Kehrt bei Sonnenaufgang hierher zurück und ihr könnt dieses Lager in aller Ruhe nach eurem Schatz durchsuchen.“
    Ohne die Antwort abzuwarten, drehte er ihnen den Rücken zu und lief Richtung Morvaltlager. Das Schwert, welches er in der Hand hielt, hinterließ eine blutige Spur.
    „Warte auf uns“, riefen Fabulgo und Aghorsch gleichzeitig aus und folgten der blutigen Spur bis sie den Valkyn erreichten. Er war gerade dabei dem unbeholfenen Hieb eines Morvalts auszuweichen und ihn kurzerhand zu köpfen. Wie ein Spielball kullerte der Kopf den Weg zum Lager runter.
    „Wir wissen noch nicht mal deinen Namen. Verrätst du ihn uns?“ fragte Fabulgo.
    Der Valkyn drehte sich zu ihnen um. „Ihr wollt meinen Namen wissen? Früher nannte man mich Valtäryn, doch das ist, so scheint es mir, schon eine halbe Ewigkeit her.“
    Er hob einen herum liegenden Bogen auf, den einer der Bogenschützen in Panik fallen ließ und prüfte die Sehne.
    Er legte einen Pfeil auf die Sehne und suchte nach einem Ziel. Seine goldenen Augen erfassten einen vorbeilaufenden Morvalt, der das große Steingebäude zu erreichen versuchte. Im Zickzackkurs lief er über den Lagerplatz.
    Valtäryn grinste so breit, dass seine Eckzähne zum Vorschein kamen und im Mondlicht milchig aufblitzten, als die Sehne den Pfeil verließ. Mit einer unglaublichen Präzision beschrieb der Pfeil einen leichten Bogen und flog auf sein Ziel zu.
    Fabulgo sah wie zwei goldene Falkenflügel dem Pfeil wuchsen und wie durch Magie erhöhte sich die Geschwindigkeit des Pfeils kurz vor dem Einschlag noch mal um das dreifache. Sauber drang der Pfeil in den Augapfel des Morvalts ein. Tot wurde er in den Schneematch geworfen, der sich gleich rot färbte. Er schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn.
    Was war das? Es muss eine Halluzination gewesen sein. Der Abend war stressig. Oh man. Was würde ich für einen Krug Met geben.
    Mit diesen Gedanken schüttelte er das Gesehene ab.
    Mittlerweile steuerte Valtäryn das große Steingebäude an, gefolgt von Aghorsch, der ihn grade fragte, was der Name Valtäryn beim Volk der Vakyns bedeutete.
    Die Augenränder und die Stirn Valtäryns verdunkelten sich und seine Stimme wurde aggresiv und provokant: „Was weiß ich? Willst du mir Löcher in den Bauch fragen, um mich von meinem Ziel abzubringen?“
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    Kapitel 12.

    Massaker

    „Was waren das für Geräusche?“ fragte Pirkos.
    „Hörte sich an, als wäre irgendwo Alarm geschlagen worden“, antwortete Okar beunruhigt und schaute in die Richtung, in der die Zwerge vor langer Zeit ihre Erkundungstour begonnen hatten.
    Thealunia zog ihren Umhang enger um sich. „Haben die Zwerge etwa eine Dummheit begangen? Du hast ihnen ausdrücklich gesagt, sich dem Lager nicht zu weit zu nähern.“
    Pirkos spuckte aus: „Pah. Zwerge. Nie kann man sich auf die verlassen. Wenn die einen Stein sehen, der vom Sonnenlicht erhellt wird und wie ein Klumpen Gold aussieht, stürzen die sich doch wie wilde Hunde da drauf.“
    „Ruhig Pirkos! Ich vertraue den Zwergen und wenn sie auch eine Dummheit begangen haben, hast du nicht das Recht über sie so herablassend zu sprechen. Es wird Zeit nach zu sehen was da in dem Lager los ist“, damit erhob sich Okar und nahm sein Schwert und sein Schild auf. Das Schwert glühte eisig in der Dunkelheit und erleuchtete das Drachensymbol auf dem Schild.
    Pirkos legte seine Hände um seinen Runenstab und erhob sich ebenfalls. Thealunia streckte ihre Finger und zog ihr kleines Schild über das Handgelenk.
    „Fertig?“ fragte Okar und als beide nickten schlüpfte er leise durch die Büsche, dicht gefolgt von seinen Gefährten.
    Langsam schlichen sie durch den Wald auf das Lager zu. Sie hatten das Lager noch nicht erreicht, als sie Schreie hörten und durch den lichten Wald Feuer entdeckten.
    „Und ich bin mir sicher, dass es doch die Zwerge sind“, zischte Pirkos.
    „Psst“, fuhr ihn Okar an, woraufhin Pirkos sofort verstummte.
    Aus sicherer Entfernung beobachteten sie das Lager. Was sie sahen verschlug ihnen den Atem.
    Im Lager schien ein Massaker abzulaufen. Überall lagen Tote. Hütten und Zelte brannten und panisch liefen Morvalts zwischen den Holzbauten herum. Ein Steingebäude, welches an einer steilen Felswand angelehnt war, wurde von annähernd zwei Dutzend Morvalts verteidigt. Immer wieder drängten sie drei Gestalten zurück, nur um ihnen dann wieder Platz zu machen. Die Zahl der Morvalts, die das Steingebäude verteidigten schrumpfte mit jedem Angriff der drei Gestalten. Zwei von den Gestalten waren von kleiner Statur, so dass Okar eins und eins zusammen zählen konnte.
    „Thor stehe uns bei. Was haben die beiden bloß angerichtet. Thea? Kannst du die drei Gestalten erkennen, die sich den Weg zum Steingebäude freizukämpfen versuchen?“
    Thealunia erhob sich etwas und schaute angestrengt auf den tobenden Kampf.
    „Sie sind es. Aghorsch und Fabulgo kämpfen an der Seite einer dritten Person. Ich kann die dritte aber nicht genau erkennen. Es könnte ein … ein … das gibt es nicht“, jauchzte Thealunia.
    „Was ist? Wer ist der Dritte? Spann uns nicht auf die Folter“, begehrte Pirkos auf.
    „Es ist ein Valkyn“, flüsterte die Frostalfar ehrfürchtig.
    „Ein Valkyn? Bist du dir da sicher?“ hackte Okar ungläubig nach.
    „Ja. Wenn ich es doch sage. Aghorsch und Fabulgo kämpfen an der Seite eines Valkyns und ich möchte anmerken, so gut sie auch kämpfen, sieht es für die drei nicht gut aus. Mir scheint es, dass Fabulgo verletzt ist. Er humpelt. Und der Valkyn sieht noch schlimmer aus. Wir müssen sofort was unternehmen, ansonsten werden sie von den Morvalts überwältigt.“
    „Du hast Recht Thea. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“
    Thea erhob sich und vollführte mit ihren zierlichen Frostalfarhänden magische Kreise. Ein stärkendes Licht leuchtete über Okar auf. Dann umhüllte ein heller Lichtstrahl Pirkos Körper und klärte seine Gedanken.
    Pirkos sprach einen Zauberspruch in einer unverständlichen Sprache und ein kleiner Wirbelwind wirbelte um die Beine der drei Gefährten.
    Schnell liefen sie den Hang herunter und erreichten wenige Augenblicke später den Rand des Lagers. Die Zelte und Holzhütten zogen an ihren Gesichtsrändern vorbei und sie erreichten den Weg der zum Steingebäude führte. Soeben traf ein Morvaltpfeil Fabulgo, der es nicht mehr vermochte dem Pfeil auszuweichen. Der Pfeil schleudert ihn einige Fuß nach hinten, wo er reglos liegen blieb. Der Pfeil hatte sein Kettenhemd durchdrungen und stak in seiner Schulter.
    Während Okar nach vorne zu Aghorsch und dem Valkyn lief, vollführten Thealunias Hände wieder Kreise in der Luft. Weiße Sterne fuhren aus ihrer Hand und hüllten spiralförmig Fabulgos Körper ein.
    Pirkos schlug mit seinem Stab auf den Boden. In der weichen Erde blieb er stecken. Dann sprach er wieder in einer fremden Sprache und kurz danach schob sich eine rötliche Maske aus seinen flach haltenden Händen, schwebte auf den Stab zu, berührte ihn und schoss mit hoher Geschwindigkeit auf die Morvalts zu, die vor dem Steingebäude eine neue Verteidigungslinie aufbauten. Die Maske traf einen Morvalt gegen die Brust und warf ihn in einem hohen Bogen gegen die Außenwand des Gebäudes. Ein riesiges Loch klaffte in der Brust des Morvalts und das spritzende Blut malte eine rötliche Maske auf die Wand.
    Ohne auf die beiden Kämpfenden zu achten streckte Okar seinen ausgestreckten Waffenarm in die Höhe. Die Schwertspitze zeigte in den Himmel. „Bei Thor“, schrie er, woraufhin ein riesiger Blitz über den Köpfen der Morvalts den Himmel spaltete. Zuckend suchte sich der Blitz den Weg auf die Erde und traf etliche Morvalts die zuckend zu Boden gingen. Wie ein Hase hüpften die Blitze von einem Morvalt zum anderen und versengten ihre Körper. Annähernd ein Dutzend ging verletzt zu Boden.
    Stöhnend setzte sich Fabulgo auf und schaute in das wunderschöne Antlitz Thealunias.
    „Das hat aber lange gedauert“, grinste er sie säuerlich an und spuckte Blut auf einen toten Morvalt.
    „Genau dasselbe könnte ich jetzt auch sagen“, lächelte sie zurück.
    Die verbliebenen Morvalts, die noch unverletzt waren rotteten sich zusammen, um einen verzweifelten allerletzten Angriff zu wagen. Sie stürmten auf die Angreifer zu und hoben ihre Waffen.
    „Typisch Morvalts“, lachte Aghorsch. „Kaum sehen sie ihr Ende wollen sie es nur noch beschleunigen.“
    „Das lachen wird dir noch vergehen Aghorsch. Was soll das? Wer ist der Valkyn?“ brachte Okar wütend hervor.
    „Das ist Valtäryn und wir haben ihn aus einer Zelle außerhalb des Lagers befreit.“ Er wollte auf Valtäryn zeigen, doch dieser war nicht mehr neben ihm, sondern lief den heranstürmenden Morvalts im Alleingang entgegen.
    Ungeachtet der Schmerzen glühte nur ein einziger Gedanke in Valtäryns Kopf. Er musste das Steingebäude erreichen.
    Er wirbelte herum und stach den ersten Ankömmling in den Bauch, nur um gleich daraufhin mit einer drehenden Bewegung zwei weiteren Morvalts die Köpfe abzuschlagen. Das Schwert, was er mittlerweile mit beiden Händen führte blieb nicht einmal stehen. Sirrend zog es seine Linien und suchte nach Opfern, welche es auch fand. Ein herber Schlag in die Seite ließ Valtäryn kurz taumeln. Er torkelte an zwei Morvalts vorbei und stieß das Schwert nach hinten. Der aufschreiende Morvalt stürzte durch den Herzstich leblos zu Boden. Der andere Morvalt stolperte über seinen Kampfgefährten, fiel nach vorne und schlitzte sich die Kehle an der rasiermesserscharfen Klinge auf. Valtäryn hatte das Steingebäude erreicht und auf seinem Weg dort hin mehr als die Hälfte der verbliebenen Verteidigern das Leben genommen. Seine Hand legte sich auf die schmerzende Stelle an der Hüfte und zog die blutdurchtränkte Hand wieder mit schmerzerfülltem Gesicht zurück.
    Die Tür des Steingebäudes stand halb offen und aus dem inneren quoll ein helles, loderndes Feuer. Langsam näherte Valtäryn sich mit erhobenem Schwert der Tür und griff nach dem Türgriff, um die Tür vollends auf zu stoßen.
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    Kapitel 13.

    Sieg oder Niederlage?

    Hinter der Tür offenbarte sich Valtäryn eine große Halle, getragen von vier Säulen. Am Ende der Halle stand ein Altar auf dem viele verschiedene Opfergaben lagen. Früchte, Schalen mit reinem, klaren Gebirgswasser, Blumen, frisch geschlachtete Tiere, Waffen, Werkzeuge, reich verzierte Tonkrüge mit unbekannten Flüssigkeiten und andere alltägliche Gegenstände zierten den Boden vor dem Altar. Zwischen den Säulen befand sich eine etwa im Durchmesser zwei Mal zwei Meter breite Mulde in der das helle, wärmende Feuer empor loderte. An den Seitenwänden waren weitere Holzstapel aufgeschichtet worden.
    Vor dem Altar stand mit dem Rücken zu Valtäryn ein Morvalt, bekleidet in einer schwarzen Kutte, die mit seltsamen Symbolen verziert war. Rechts und links des Feuers standen vier Morvaltwachen, die beim Eintritt Valtäryns grimmig drein schauten. Sie hatten ihre langen Schwerter gezogen und richteten ihre Klingen auf den Eindringling.
    „Ich kann es einfach nicht verstehen und doch schwebt mir langsam vor, warum dein Volk den Untergang fand.“
    Langsam drehte sich der Morvalt um und Valtäryn erkannte ihn sofort. Es war der Morvaltmagier, welcher Brakoo damals töten ließ und ihn gefangen genommen hatte. Es war derjenige, der die Befehle zu den ganzen Folterungen gab, mit denen Valtäryn sich in den letzten zehn Jahren seines Lebens auseinandersetzen musste. Dieser Morvalt war dafür Verantwortlich, dass Valtäryn nicht mehr der war, bevor er diesem Magier in die Hände gelaufen ist. Seine heller Lebensfunke zur Zeit auf Brakoos Hof war durch sein Tun erloschen und statt dessen hauste nun ein so triefend dunkle Seele in seinem Inneren, nur noch erfüllt von Zorn, Hass und in gewisser weise auch abgrundtiefer Bösartigkeit. Es war Breguhugg.
    Breguhugg zeigte mit seinem Stab aus einem unbekannten Material auf Valtäryn.
    „Ihr lernt es nie! Wenn ihr eine Niederlage erlitten habt, meint ihr eine zweite würde euch auch gut tun, statt um euer erbärmliches Leben zu winseln. So konntet ihr in dieser Welt nie euren rechten Platz zwischen den Völkern finden und aus dem Grund ist euer Ende auch so nah, wie es niemals mehr näher sein wird. Pah. Erbärmlich! Vor deiner Zeit am Tage der Eroberung der bewegenden Stadt, der zentralen Macht eures Volkes, widerfuhr es mir, dass einer der deinen fliehen konnten. Doch ich konnte ihn stellen und er starb kurzer Hand. Bedauerlicherweise entkam dabei ein Valkynbaby. In dieser Nacht hab ich mir geschworen dieses Baby zu finden und das Ende deines Volkes endlich zum Abschluss zu bringen. Als sich unsere Wege vor zehn Jahren kreuzten, war ich mir sicher, dass ich den letzten des Valkynvolks gefunden hatte. Ich erneuerte meinen Schwur mit dem Versprechen, dich zehn Jahre zu schonen, um dich an dem Tag, zwanzig Jahre nach Eroberung der bewegenden Stadt unserem Gott zu opfern“, der Stab donnerte auf den Steinboden und das Geräusch hallte von den Wänden wider. „Und jetzt wirst du aufmüpfig und versuchst dass zu retten, was noch zu retten ist? Das ich nicht lache. Ein weiteres Mal wird dein Volk eine Niederlage verzeichnen können, mit den Konsequenzen eurer endgültigen Ausrottung. Ich habe lange genug gewartet. Jetzt ist dein Ende gekommen!!“
    Mit den letzten Worten ballte er die freie Hand zur Faust und sprach ein Wort in einer fremden Sprache. Eine Kugel löste sich von seiner Hand, so rot wie das Blut der gefallenen Valkyns vor zwanzig Jahren. Die magische Kugel schoss durch die Halle, mitten durch das lodernde Feuer auf Valtäryn los. Er konnte nicht mehr rechtzeitig ausweichen und die Kugel streifte ihn an der Schulter. Schmerzerfüllt schrie Valtäryn auf, als ein heißer Strahl seine Schulter bis zu seinem Kopf hochschoss.
    In die Wachen kam Bewegung und sie erreichten Valtäryn, als dieser grade den Schmerz verbannt hatte. In letzter Sekunde konnte er das Schwert hochreißen, um einen gezielten Schlag auf seinen Kopf zu parieren. Die Faust rammte er einem Morvalt in den Magen, zog sein Schwert ein Stück in die Höhe und schlitzte der Länge nach den ersten Morvalt auf. Einen weiteren Hieb parierte er, wich einem Tritt aus und schubste mit beiden Händen einen Morvaltkrieger nach hinten zum Feuer. Schnell hockte er sich hin und federte in die Höhe über die Köpfe der überraschten Morvalts hinweg. Im Flug drehte er sich um seine eigene Achse und köpfte einen weiteren Gegner. Kaum berührten seine Zehenspitzen den Boden, als er wieder von einer heißen Kugel im Rücken getroffen wurde. Taumelnd stürzte er nach vorn und riss einen unachtsamen Morvalt mit zu Boden. Ohne lange über den Schmerz nachzudenken, packte er den Kopf des mitgerissenen Morvalts und brach ihm das Genick.
    Durch die Tür hüpften zwei kleinere Gesatlten, sprangen über die gefallenen Gegner und schlugen ihre Waffen blitzschnell in den Körper des übrig gebliebenen Morvalts.
    „Was … was tun Zwerge in meinem Lager?“ schrie der Magier und schickte eine Energiekugel auf Fabulgo. Ohne jede Möglichkeit dieser Kugel auszuweichen, fuhr sie Fabulgo in die Brust und warf ihn zu Boden. Die Energie der Kugel umhüllte seinen Körper und wenige Sekunden später fand Fabulgo seinen Tod.
    „Nein!“ rief Aghorsch voller Entsetzen und lief blindlings auf den Magier mit erhobenem Hammer zu. Im selben Augenblick betraten Pirkos, Okar und Thealunia die Halle. Mit ungläubigen Augen sahen sie auf Fabulgo.
    Thealunia erhob ihre Arme und webte mit ihren Händen Magie.
    Auch Valtäryn hatte sich mittlerweile aufgerafft und nahm ebenfalls den kürzesten Weg auf den Magier ein. Doch es war vergebens.
    Der Magier erkannte die Gefahr in der er sich befand und berührte einen Goldring an seinem Finger. Von einem zum anderen Augenblick verschwand der Magier mit den Worten: „Wir werden uns wieder sehen Valkyn. Es ist noch nicht zu Ende.“
    Aghorschs Körper schüttelte sich und kraftlos ließ er den Hammer fallen, schlug die Hände vors Gesicht, fiel an der Stelle, wo der Magier noch vor einem Augenblick stand, auf die Knie und fing an zu schluchzen.
    Okar betrachtete hoffnungsvoll Thealunia, doch als die Frostalfar traurig den Kopf schüttelte, zerbrach seine Hoffnung Fabulgo noch zu retten.
    Missmutig und voller Enttäuschung starrte Valtäryn auf die Stelle vor dem Altar. Der Magier war entkommen.
    Pirkos stand an einer der Säulen, bleckte sich die Lippen und sagte: „Ein gutes hat es ja. Wir haben gesiegt.“
    Haben wir das wirklich, dachte Okar?
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    Kapitel 14.

    Traum

    „Aghorsch, Aghorsch, Aghorsch, Aghorsch.“
    „Was willst du Fabulgo? Ich wollt eigentlich ne Runde schlafen bevor….“, Aghorsch stockte und richtete sich von seinem Lager auf.
    Seine Blicke schweiften zu dem Lager, doch da war keines. Dann schaute er zum Waldesrand, doch auch dort war kein Wald.
    „Wo bin ich und was bei Tyr geht hier vor?“
    Er stand auf und bemerkte ein Knirschen unter seinen Kettenstiefeln. Als er herab blickte, stellte er erschrocken fest, dass es nicht mehr der weiche, schneebedeckte Waldboden beim Morvaltlager war, sondern dass es sich um Felsen handelte.
    Ein Blick in die Runde verstärkte noch seine Befürchtung. Er befand sich auf einem riesigen Felsplateau. Wolken hingen träge in der Luft und er hätte nur die Hände ausstrecken müssen, um eine Wolke zu berühren. Die Luft war kalt. Er dachte daran, in welcher Höhe er sich befinden musste und es schwindelte ihm. Breitbeinig tastete er sich langsam zum Rand des Plateaus vor und spähte vorsichtig nach unten.
    „Meine Güte“, stammelte er erschrocken und wich vom Rand zurück. „Tyr hilf mir.“
    Das Felsplateau war so hoch, dass Aghorsch nicht mal Midgards Erde erkennen konnte.
    „Aghorsch, Aghorsch, Aghorsch, Aghorsch.“
    Aghorsch drehte sich schnell um seine eigene Achse und griff nach seiner Waffe, doch da wo seine Waffe hätte sein sollen war… nichts.
    Die Stimme kam von überall. Von oben und von unten. Von rechts und von links. Von vorne und von hinten. Ihm wurde bewusst wem diese Stimme gehören musste, realisierte erst jetzt, dass es sich um seinen Bruder handeln musste. Seinen Bruder Fabulgo. Fabulgo welcher im Kampf gegen die Morvalts von dem niederträchtigen Magier Breguhugg getötet wurde.
    „Das kann doch nicht sein“, flüsterte Aghorsch und schloss die Augen. „Das muss ein böser Traum sein.“
    „Es ist ein Traum, mein geliebter Bruder, doch handelt es sich nicht um einen bösen Traum.“
    Aghorsch öffnete leicht die Lider und konnte zwischen den halb geschlossenen Lidern eine Gestalt sehen, die in etwa genauso groß war, wie er selbst.
    Überrascht riss Aghorsch seine Augen auf und wäre vor Freude fast vom Rande des Felsplateaus gestürzt: „Fabulgo!“
    „Ja mein Bruder. Ich bin es und ich bin gekommen um dir etwas Wichtiges mitzuteilen, bevor ich endgültig unseren Ahnen nach Walhalla folge.“
    Fabulgo stand von einem verzerrenden Nebel verhüllt in der Mitte des Felsplateaus und lächelte seinen Bruder herzlich an.
    Bevor Aghorsch einen Schritt in seine Richtung machen konnte, hob Fabulgo abrupt seine Hand.
    „Halt ein mein Bruder. Mir ist leider nicht viel Zeit vergönnt worden, dir die wichtige Botschaft zu überbringen, daher höre mir genau zu und präge dir jedes meiner Worte genaustes ein. Diese Worte stammen von Tyr selbst, daher behandele sie mit dem nötigen Respekt.“
    Aghorsch fröstelte und fühlte gleichzeitig eine warme strahlende Sonne in seinem Inneren aufgehen, die seinen Stolz widerspiegelte. Eine Botschaft von Tyr selbst. Eine solche Ehre wurde nicht allen Kriegern gegeben. Konzentriert saugte Aghorsch jedes Wort seines Bruders in sich auf, wie es die Vampyre aus Hibernia tun, um sich von der Magie der Feinde zu bereichern.
    „Valtäryns Schicksal ist unlösbar mit der Existenz der Völker Midgards verbunden. Es ist wichtig, dass er sein Schicksal erfüllt, denn ansonsten würde es das Ende allem bedeuten. Du hast die Aufgabe Valtäryn hilfreich zur Seite zu stehen. Ihn im Kampf gegen Feinde den Rücken zu stärken. Ihn zu ermutigen seinem Schicksal entgegen zu treten. Ihm zu helfen seinen Weg zu finden und alles daran zu tun, schließlich sein Schicksal zu erfüllen. Ich liebe dich mein Bruder und ich weiß, dass du der richtige für diese Aufgabe bist. Ich vertraue dir. Tyr vertraut dir! Nehme diese Herausforderung an, um unsere Ahnen stolz zu machen. Nehme die Herausforderung an, um dich selbst zu beweisen. Nehme diese Herausforderung an. Nehme diese Herausforderung an.“
    Mit den letzten Worten verblasste Fabulgo immer mehr, bis seine Gestalt wie vom Erdboden verschluckt war.
    Allein gelassen stand Aghorsch auf dem Felsplateau. Seine roten Zöpfe wirbelten vom Wind erfasst herum. Sein Gesichtsausdruck zeigte Verzückung, Entspanntheit, Entschlossenheit und Beherrschtheit.
    Energiegeladen schrie er den Wolken entgegen: „Ich nehme die Herausforderung an!!“
    Dann wurde alles schwarz.
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    Kapitel 15.

    Beratung

    „Was sollen wir jetzt machen, Okar?“ fragte Thealunia.
    „Ich weiß es nicht.“ Er schüttelte den Kopf und schaute traurig auf den Boden. „Der Verlust ist momentan zu groß, als dass ich einen klaren Gedanken fassen könnte.“
    Thealunia nickte. „Ja. Ich kann dich verstehen. Fabulgos Tod ist für mich fast genauso schlimm, wie für dich. Überleg aber doch mal. Meinst du Fabulgo hätte gewollt, dass wir nun hier untätig herum sitzen und lange um ihn trauern, wenn andere wichtige Dinge zu besprechen sind?“
    Okar, Thealunia und Pirkos saßen um ein kleines Lagerfeuer. Etwas abseits des Lagerfeuers lag Aghorsch eingerollt in eine Schlafdecke und murmelte unverständliches, bis er wieder ruhig da lag und weiter schlief. Die Flammen des Lagerfeuers züngelten nach oben in den Himmel. Die Nacht war fast vorüber und die aufsteigende Sonne sendete ihre ersten Strahlen über das verschneite Land. Ein frischer Wind wehte die ersten Schneeflocken auf Midgards Erde und kündigte einen unangenehmen Tag an. Aus Westen zog eine Wolkendecke langsam heran. Bald würden die Sonnenstrahlen hinter dieser Wolkendecke verschwunden sein.
    Okar raffte sich zusammen: „Nein. Wahrscheinlich würde er darauf bestehen, dass wir die Probleme anpacken und dafür Lösungen finden.“
    „Wo ist eigentlich dieser Valkyn? Ich traue ihm nicht und würde ihn lieber im Auge haben“, meinte Pirkos.
    „Wem vertraust du eigentlich überhaupt?“ fuhr Okar ihn an. „Lass den Valkyn in Ruhe. Er wird mit Sicherheit genug mit sich selbst beschäftigt sein, schließlich war er anscheinend lange Zeit ein Gefangener der Morvalts und du hast ja gesehen, was sie ihm angetan haben“, und ruhiger zu Thealunia gewandt fragte er. „Wie ist eigentlich die Heilung verlaufen?“
    „Keine Möglichkeit. Ich habe versucht seine Wunden zu heilen, doch ohne Erfolg. Es ist eigenartig, aber meine Magie schlägt nicht an. Zwar fangen die Wunden langsam an sich zu schließen, aber dass nur auf natürliche Weise.“ Als Thealunia den verwirrten Ausdruck von Okar sah fügte sie noch hinzu: „Ich kann mir das wirklich nicht erklären, aber ich wüsste jemanden der uns sagen könnte was mit diesem Valkyn ist und warum die Magie bei ihm nicht funktioniert.“
    „Das ist gut. Wir werden diesen Punkt zurückstellen, aber halten ihn im Hinterkopf, diese Person aufzusuchen. Kommen wir zum nächsten Punkt.“ Okar überlegte kurz und sagte dann weiter: „Pirkos. Du hast lange Zeit das Lager nach dem Schatz durchsucht. Irgendwelche Anhaltspunkte?“
    Pirkos lachte auf: „Na du bist lustig Okar. Ich weiß ja nicht mal wonach ich genau suchen soll. Eine magische Waffe? Schmuck? Edelsteine? Ein Buch mit Informationen? Eine Essenz? Ist es überhaupt magischen Ursprungs? Ich hab das Lager komplett durchsucht und nichts gefunden. Und wenn ich nichts sage meine ich nichts was irgendwie auf eine Hoffnung hindeutet. Die Suche nach dem Schatz war meiner Ansicht nach reine Zeitverschwendung.“
    Okar brummte missmutig und scharrte mit den Füssen im Schnee.
    „Ich war mir so sicher.“
    „Okar. Du vergisst etwas“, sagte Thealunia.
    „Was hab ich vergessen Thea?“
    „Valtäryn.“
    Pirkos schlug die Hände über den Kopf: „Ist dieser Valkyn eigentlich das einzige an was du denken kannst?“
    Die Augen der Frostalfar wurden schmale Schlitze und sie fixierte Pirkos mit ihren blauen Augen. Tadelnd sagte sie zu ihm: „Anscheinend ist dir trotz deiner Magie nicht bewusst mit was wir hier zu tun haben. Dieser Valkyn ist … anders. Von ihm geht etwas aus.“
    „Anders? Hast du denn schon so viele Valkyns getroffen, dass du das beurteilen kannst? Und klar geht von ihm was aus und ich möchte es vor Okar nicht verheimlichen. Von diesem Valkyn geht etwas Böses aus.“
    „Ja. Das habe ich leider auch bemerkt“, sagte Thealunia bekümmert, „doch ist dir auch aufgefallen, das in ihm eine Hoffnung keimt?“
    „Eine Hoffnung? Wie meinst du das?“ mischte sich Okar plötzlich interessiert ein.
    „Während ich ihn versuchte zu heilen, berührte ich versehentlich das Mal an seinem Arm. Es ähnelt einem Falken. Ich spürte sofort unsägliche Qual, Hass, Zorn und tiefste Bösartigkeit. Es überraschte mich so sehr, dass ich ihm direkt tief in die Augen schaute und da konnte ich in seinen goldenen Augen Angst, Verwirrtheit, Trauer und auch Hoffnung lesen. Diese Gefühle waren viel schwächer, als die anderen, doch sie schienen vorhanden.“
    Alle drei sahen sich an und Pirkos sprach aus was alle dachten: „Ist er vielleicht der Schatz?“
    Nach einer langen Zeit der Stille meinte Pirkos weiter: „Das kann doch nicht sein.“
    Fasziniert von dieser Idee meinte Okar: „Natürlich. Er ist ein Valkyn, der einzige wahrscheinlich, den es noch gibt. Thealunia meinte in ihm keime Hoffnung. Und habt ihr gesehen wie sehr er diese Morvalts hasst? Ich kann es ihm nicht verübeln. Sie sind dafür verantwortlich, dass es sein Volk nicht mehr gibt. Warum sollte nicht grade er derjenige sein, welcher die Völker von dieser Plage befreit?“
    Thealunia berührte mit ihrem schlanken Zeigefinger die Luft und sagte: „Ja. Manchmal sind es die unscheinbaren Dinge, die Rettung bringen.“
    „Wir sollten die Person aufsuchen, von der du gesprochen hast. Wie heißt sie und wo können wir sie finden?“
    „Ich kenne sie nur unter dem Namen Brista und sie lebt seit vielen Jahren südlich von Dyrfell. Sie ist eine Seherin und nachdem ihr zu Hause in der Nähe von Bjarken von Morvalts übernommen wurde, ist sie in das ruhigere Aegir gezogen. Sie wohnt in einer Hütte abseits vom Wege, welcher von Dyrfell nach Aegirhamn führt. Sie kann uns Antworten geben, denn sie kennt viele Legenden über de Valkyns.“
    „Hört sich ja alles toll an, aber wie sollen wir diesen Valkyn überzeugen mit uns zu gehen? Vor allem da er immer noch einen gewissen Groll gegen uns verspürt, nachdem wir so unerwartet ins Steingebäude geplatzt sind.“
    Okar überlegte fieberhaft bis ihm eine Möglichkeit einfiel.
    „Er will diesen Magier. Vielleicht weiß die Seherin auch etwas über ihn. Wir werden ihm erzählen, dass es für ihn die einzige Möglichkeit wäre, heraus zu finden wo sich dieser Morvalt aufhalten könnte.“
    „Ist das nicht eine Lüge?“ fragte Thealunia.
    „Nein. Wir werden es ihm erklären, dass diese Seherin es vielleicht wüsste, aber es dafür keine Gewissheit gibt.“
    Aghorsch regte sich im Schlaf und öffnete seine Augen. Er richtete sich auf und schaute seine Gefährten an: „Hab ich irgendwas verpasst?“ fragte er verschlafen.
    „Ja Aghorsch. Es gibt Arbeit.“
    Die Gefährten klärten ihn über ihre Schlussfolgerungen auf und über ihren Plan. Als sie mit ihren Ausführungen geendet hatten, dachte Aghorsch mit einem innerlichen Lächeln: Meine Herausforderung fängt also an, mein Bruder.
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    Kapitel 16.

    Aufbruch


    Valtäryn betrachtete die aufgehende Sonne. Ihre Strahlen berührten die ewige Winterlandschaft und Farben spielten um die Tannen und ließen beeindruckende Lichtspiele entstehen. Ein Schneehase hoppelte über den Schnee, blieb stehen und hob seine Löffel. Sie zuckten im morgendlichen Sonnenlicht. Ein Falke erhob sich schreiend über das zerstörte Lager und zog im Tal seine Kreise. Wie ein Schatten suchte er nach geeigneter Beute. Die Rauchsäulen der verbrannten Hütten und Zelte wurde vom Wind gegen die Felswand gedrückt und schlichen an dieser in die Höhe. Vereinzelte Feuer gaben dem Lager im Morgengrauen ein bizarres Bild.
    Der Valkyn wandte seine Aufmerksamkeit wieder den Leichen vor seinen Füßen zu. Ein Morvaltjunge und seine noch junge Mutter starrten ihn mit schrecklich weit auf gerissenen Augen an. Ihre toten Blicke schauten ihn anklagend an.
    Er hatte sie aufgelesen, als sie aus dem Lager schleichen wollten. Zu ihrem Leidwesen entdeckte Valtäryn die beiden bei ihrem Fluchtversuch. Er nahm sie kurzer Hand gefangen und fing an ihnen Fragen zu stellen. Der Junge bekam vor lauter Angst keinen Ton heraus, daher tötete er ihn schnell und schmerzlos. Seine Mutter stammelte daraufhin unter Schock stehend zusammenhanglose Worte. Nachdem er sich überzeugte, dass auch sie ihm nicht seine Fragen beantworten konnte, starb sie unter einem präzise ausgeführten Schwertstreich.
    Nun mehrere Stunden danach wusste er immer noch nicht was er jetzt machen sollte. Mehr als einmal war er versucht gewesen zu dieser Gruppe hinüber zu gehen und alle zur Rede zu stellen. Immerhin waren sie diejenigen gewesen, die ihn daran gehindert hatten Breguhugg zu töten.
    Seine Fingerspitzen berührten die Wunden am Arm. Warum aber sollte er zu ihnen gehen. Selbst die Heilerin konnte ihm nicht helfen. Sie hatte versucht seine Wunden zu heilen, doch leider ohne Erfolg. Also entschied er sich dagegen, diese eigenartige Gruppe auf zu suchen.
    Seine Fäuste ballten sich. Breguhugg. Dieser verdammte Morvalt war ihm entkommen. Wo war er? Wie sollte er ihn jetzt noch finden, so ganz ohne Anhaltspunkte?
    Leise entrang Valtäryn ein Knurren. Gerade wollte er einer der Leichen einen Tritt verpassen, als er eine Stimme hinter sich vernahm: „Valtäryn. Wir müssten mit dir reden. Hast du vielleicht kurz Zeit?“
    Erbost über die Störung drehte er sich um und funkelte den Störenfried böse an: „Was willst du?“
    Okar räusperte sich. Der Blick ließ ihn frösteln. Ihn möchte ich nicht als Feind haben, dachte er.
    „Habt ihr nicht schon genug Ärger verursacht? Durch euch hab ich mein Ziel verloren. Es wird Zeit dass ihr euer Wege geht und mich in Ruhe lasst.“
    Das wird wohl nicht möglich sein, dachte Aghorsch und laut sagte er: „Ich kann dich verstehen warum du so aufgebracht bist Valtäryn. Breguhugg hat meinen Bruder getötet und ich als sein Bruder muss dieser Tat Vergeltung geben. Um diese Tat rein zu waschen, muss Breguhugg sterben.“
    Ruckartig erhob sich Valtäryn und fuhr die Gruppe zornig an: „Willst du dich jetzt sogar noch einmischen und mir Breguhugg abnehmen? Hast du eigentliche eine Ahnung, was du da grade gesagt hast? Packt eure Sachen und verschwindet, bevor ich noch was Unüberlegtes tue. Glaubt mir es würde euch nicht gefallen.“ Grimmig schaute er sie an und hob sein Schwert.
    Thealunia ergriff das Wort. Mit beruhigender Stimme sprach sie auf Valtäryn ein: „Du hast uns falsch verstanden. Wir wollen dir niemanden wegnehmen. Wir wollen dir helfen. Deine Wunden heilen zwar, müssen aber trotzdem behandelt werden. Du suchst Breguhugg und weißt nicht wo du anfangen sollst? Wir kennen jemanden der dir in beiden Sachen helfen kann. Komm mit uns.“
    Argwöhnisch betrachtete Valtäryn die Gruppe. Die Spitze seines Schwertes zeigte immer noch mahnend auf sie.
    „Wer soll das sein, der mir helfen kann? Ist das ein Trick von euch, um mich in eine Falle zu locken?“
    „Man ist der Typ stur. Da kann man gleich einem Troll versuchen zu erklären was Magie ist“, meinte Prikos.
    „Halt den Mund Prikos“; fuhren ihn die drei an und wandten sich wieder Valtäryn zu.
    „Die Person lebt in der Nähe von Dyrfell. Wir reisen mit dir dorthin und führen dich zu dieser Person. Wenn alles gut läuft dürften wir in etwa zwei Wochen Dyrfell erreichen“, Okar lächelte Valtäryn freundlich an. „Vertrau uns. Wir sind nicht deine Feinde.“
    Nachdenklich schaute Valtäryn auf den Boden, dann fragte er: „Was habt ihr davon wenn ihr mir helft?“
    Ohne zu zögern sagte Aghorsch: „Weil du vielleicht der letzte Valkyn bist! Die Völker haben vor zwanzig Jahren versagt die Valkyns zu schützen. Das soll nicht wieder passieren. Ich werde im Namen der Zwerge für deinen Schutz nach Dyrfell sorgen“, er kniete nieder und bot seinen Hammer in seinen flachen Händen Valtäryn an. Nacheinander knieten sich auch Okar und Thealunia nieder. Feierliche Worte begleiteten diese Prozedur.
    „Ich werde im Namen der Nordmänner für deinen Schutz sorgen. Das schwöre ich bei Thor.“
    „Die Frostalfar werden durch mich für deine sichere Reise sorgen.“
    Zögerlich schaute Pirkos zu seinen Gefährten. Schließlich kniete er auch nieder und sprach einen Schwur im Namen des Koboldvolkes aus, Valtäryn auf seiner Reise zu schützen.
    Valtäryn war verwirrt. Was hatte das zu bedeuten? Er sah auf die vier herunter und nickte schließlich.
    „Ich werde eure Versprechen so akzeptieren, wie ihr sie ausgesprochen habt.“
    Ein winziger Tropfen Hoffnung traf die Seele Valtäryns und der schwarze Falke auf seinem Arm leuchtete kurz in golden gleißendem Licht auf, nur um dann wieder schwarz zu werden.
    Die anderen bemerkten dieses kurze Aufleuchten und unabhängig von einander schworen sie im Stillen, diesen Valkyn bis zum Ende zu folgen, egal wo sein Weg, sein Schicksal und seine Bestimmung ihn hin führen würden.
    Mit fester und bestimmter Stimme sagte Valtäryn: „Steht auf. Wir werden sofort aufbrechen. Zeigt mir den Weg den ich zu gehen habe. Zeigt mir wo ich hin muss, um die Person zu finden, die mir helfen kann.“
    Sie erhoben sich alle und packten ihre Ausrüstung zusammen. Nach kurzer Zeit brachen sie auf. Ihr Weg führte sie nach Süden.
    Im Unterholz beobachteten rote Augen die Gruppe, wie sie sich ihren Weg durch die Wildnis bannte. In ausreichendem Abstand folgte die Kreatur der Gruppe. Leise knurrte der Wolf vor sich hin, während er die Gruppe immer im Blick behielt. Wenn er sie mal nicht mehr sehen konnte, hob er schnüffelnd seine Nase und saugte den anziehenden Duft ein. Der Valkyngeruch führte ihn immer weiter nach Süden.
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    Kapitel 17.

    Rothauben

    Nach etwa einer Woche beschwerlicher Reise erreichten sie einen weiten Talkessel. In der Ferne konnten sie eine Wollmammutherde entdecken die von nahe gelegenen Bäumen ihr Essen herunter holten. Bei den Wollmammuts befanden sich auch einige Megalozeros mit ihren Jungen. Kleine schneebedeckte Hügel ließen es nicht zu den Talkessel in seiner ganzen Größe überblicken zu können. Tannen, Eichen und Fichten füllten die Hügel aus. Der Talkessel zog sich nach Südosten, allerdings konnte man sein Ende nur erahnen. Die breite Schneise aus der die Gefährten den Talkessel betraten führte in eine Senke. Mit vorsichtigen Schritten folgten sie der Schneise und erreichten schließlich die Senke.
    Misstrauisch suchte Okar die Hänge des Talkessels und die Hügel ab, ob sich was verdächtiges regen würde.
    „Ich hab ein mulmiges Gefühl, Okar“, sagte Aghorsch.
    Das hätte Valtäryn nur bestätigen können, doch er hielt seinen Mund. Mit vorsichtigen Tritten folgte er den neu gewonnenen Gefährten. Seit sie das Morvaltlager vor einer Woche verlassen hatten, war er sehr still geworden. Nur das nötigste sprach er mit den anderen und auch dann eher zögerlich und ohne jegliche Lust. Trotz der Schwüre die sie ihm gegenüber ausgesprochen hatten, war er sich einfach nicht sicher wie ernst sie es wirklich meinten. Immer wieder bemerkte Valtäryn wie ihm der Zwerg freundlich zu zwinkerte, trotz dem Unglück, welches seinem Bruder widerfahren war. Konnte er ihm vertrauen? Darauf wusste er keine Antwort. Genauso wenig wie auf die Frage, ob die Frostalfar ihn wirklich nicht heilen konnte oder ob sie es nicht wollte. Sachte strich er mit seinen Händen über die verbliebenen Narben in seinem Gesicht. Immerhin waren die Wunden auch ohne Magie schnell verheilt. Misstrauisch betrachtete er den Kobold. Er war von allen derjenige, der ihm am meisten missfiel. Warum wusste er nicht, aber irgendwas haftete an diesem übellaunigen und vorlauten Kobold, was Valtäryn in höchste Alarmbereitschaft ihm gegenüber versetzte. Einzig dem Nordmann, Okar, fühlte er sich etwas mehr hingezogen. Den Grund konnte er aber nicht benennen. Valtäryn zog den Umhang enger um den Hals, als ein eisiger Wind aus Norden durch seinen Körper fuhr. Den Umhang wie auch andere neue Kleidungsstücke wurde ihm von Okar gegeben und Valtäryn hatte sie dankend angenommen.
    Plötzlich rief Okar von vorne laut: „Formation!“
    Von Aghorsch wusste Valtäryn, dass dieser Ruf nur eines bedeuten konnte. Feinde! Sofort zog er sein Schwert und versuchte an seinen Gefährten vorbei zu schauen.
    Vor ihm war Thealunia stehen geblieben und vollführte ihre Gesten. Magie züngelte durch die Körper der Gefährten und stärkte sie.
    Auch Pirkos blieb stehen und murmelte unverständliche Worte. Zwei kleine, rote Kugeln, durchzogen von dunklen Linien erschienen jeweils um die Gefährten und vollzogen Kreise um deren Körper bis sie einen Augenblick später wieder verschwanden.
    Aghorsch und Okar standen mit gezückten Waffen nebeneinander und deckten Thealunia und Pirkos.
    Valtäryn kam sich irgendwie ausgeschlossen vor. Die Gefährten waren ein eingespieltes Team und jeder von ihnen wusste was zu tun war. Sie hatten Valtäryn aber während der Reise nicht erklärt wie er sich bei Feindkontakt verhalten sollte. Nicht wissend was er genau machen sollte drehte er sich um, damit er seinen Gefährten den Rücken frei halten konnte und rettete somit sein Leben.
    Ein Speer wurde nach vorne gestoßen und er konnte nur noch um Haaresbreite dem Stoß ausweichen. Der Speer zielte auf seinen Kopf, doch durch einen schnellen Ausfallschritt konnte er dem Tod entkommen.
    Vor ihm stand eine Gestalt die etwa die Größe des Zwerges hatte. Ihre Arme waren fast so lang wie der Körper. Eine zerschlissene Nietenrüstung schützte die Kreatur. Das aschfahle Gesicht grinste ihn an und Valtäryn erkannte eine Reihe von gelblich, schwarzen Zähnen.
    Hinter sich hörte er Waffengeklirr und die keuchenden Worte Thealunias: „Rothauben.“
    Der zweite Angriff kam, doch Valtäryn war diesmal besser vorbereitet. Er parierte den Angriff der Rothaube und setzte seinerseits einen Angriff an. Das Schwert zog er unter den Speer hindurch und stieß zu. Die Rothaube nutzte den Schwung des Angriffs um aus Valtäryns Angriffszone heraus zu kommen. Knapp verfehlte das Schwert den Brustkorb des Feindes und ging ins Leere. Erstaunt schaute Valtäryn auf seine Klinge. Was war bloß los mit ihm? Den Morvalts war er weit überlegen gewesen und nun stand ein ebenbürtiger Gegner ihm gegenüber? Hilflos versuchte er den nächsten Stoß mit seinem Schwert abzuwenden. Der Speer kam heran, doch in allerletzter Sekunde zog die Rothaube den Speer nach unten und stieß mit voller Wucht den Speer das letzte Stück an Valtäryns Verteidigung vorbei in sein Herz. Valtäryns Gesicht wurde bleich. Stimmen hinter ihm rückten weit von seinem Bewusstsein. Ein greller Lichttunnel explodierte vor seinen Augen und etwas zog mit unglaublicher Kraft nach seiner Seele. Er versuchte zu schreien, doch aus seiner Kehle entrang nur ein leises Röcheln. Seine Hände packten den Speer, welcher in seinem Körper stak und seine Lebensessenz aussaugte. Er merkte wie er immer schwächer wurde. Der Tunnel kam näher und geblendet schloss er die Augen. Dann packten ihn zwei grobe Hände und schüttelten seine Seele. Sie rissen so hart daran dass ein kurzer, aber starker Schmerz durch seinen Kopf jagte. Erschrocken riss er die Augen auf und schaute in den Himmel. Weiße Wolken schwebten aus seinem Lichtblick. Die Stimmen um ihn herum wurden lauter.
    „Er lebt!“
    „Oje. Das war knapp.“
    „Valtäryn? Valtäryn? Hörst du mich?“
    „Eh ihr. Bezahlt den Tribut!“
    „Wir bezahlen gar nichts. Ihr seid nicht in eurem Hoheitsgebiet.“
    „Hoheitsgebiet? Das ich nicht lache.“
    Der Himmel drehte sich um Valtäryn langsam und Übelkeit kroch seine Kehle hoch. Er setzte sich auf und erbrach sich.
    „Ihm scheint es wieder besser zu gehen. Er hat die Übelkeit bekommen.“
    Thealunia kniete sich neben Valtäryn, legte einen Arm auf seine Schulter und meinte: „Mach dir keine Sorgen. Die Übelkeit ist nur von kurzer Dauer. Das ist gleich vorbei.“
    „Was ist mit ihm los? Ich dachte er ist ein so toller Kämpfer Aghorsch. Will er uns ans Messer liefern?“ vernahm Valtäryn Pirkos Stimme.
    „Halt den Mund Pirkos, sonst werde ich dir eine Glatze verpassen“, knurrte Aghorsch.
    „Wie sieht es mit unserem Tribut aus?“ sprach wieder die fremde Stimme. Sie hörte sich schrill, fast quiekend an.
    Valtäryn hob den Kopf. Der Schwindel war weg.
    Sie waren von zwei Gruppen Rothauben umzingelt. Alle waren in derselben schäbigen Rüstung wie Valtäryns Angreifer gekleidet und hielten bedrohlich ihre Speere auf die Gefährten.
    „Was verlangt ihr?“ fragte Okar.
    „Das entscheidet ihr, aber sollten wir damit nicht zufrieden sein bedeutet das euer Todesurteil.“
    Okar kramte missmutig in seinem Gepäck und förderte schließlich einen roten Rubin zu Tage. Mit einer Hand reichte er den Rubin dem Sprecher der Rothauben. Gierig fasste die Rothaube nach dem Rubin und brachte ihn in seinen Besitz.
    „Die sind ja gierig wie Zwerge“, schnappte Pirkos.
    „Achte auf deine Worte Kobold“, brachte Aghorsch wütend hervor.
    „Wo ist das Ziel eurer Reise?“ fragte die Rothaube.
    „Vorerst Bjarken“, antwortete Okar.
    „Bjarken? Da werdet ihr aber Schwierigkeiten haben, diesen Aussenposten lebend zu erreichen. Die Gegend um Bjarken ist von Morvalts verseucht. Selbst die Bergclans haben sich in ihre Dörfer zurückgezogen, um der Übermacht an Morvalts nicht im Weg zu stehen. Der Nordpass ist von den verfluchten Morvalts versperrt. Sie überwachen auch alle anderen Zugänge nach Bjarken und nach Aegirs Bucht. Um sicher an ihnen vorbei zu kommen müsstet ihr entweder sehr geschickt vorgehen oder aber einen ziemlich weiten Umweg über den Dellingkrater in Kauf nehmen.“
    Ungläubig schaute Okar die Rothaube an: „Die Morvalts bewachen alle Pässe und Zugänge nach Bjarken und Aegirs Bucht?“
    „Spreche ich eine andere Sprache als Ihr? Das sagte ich doch grade. Es scheint, dass die Morvalts sich auf einen Angriff auf Bjarken vorbereiten.“
    „Oh nein. Das kann nicht wahr sein. Damit würden die Morvalts in Kauf nehmen die Wut der Völker auf sich zu ziehen“, sagte Thealunia.
    „Ich glaub das ist denen relativ egal“, grinste die Rothaube die Frostalfar an.
    „Was machen wir jetzt?“ Aghorsch schaute Okar fragend an.
    In Grübeln vertieft meinte Okar: „Ich weiss es nicht.“
    „Ich kenne noch eine dritte Möglichkeit nach Bjarken zu kommen.“ Wieder zeigte die Rothaube seine schwarz, gelben Zähne. Seine tief liegenden Augen schauten die Gruppe amüsiert an.
    „Welche?“ herrschte ihn Pirkos an.
    „Oh. Umsonst kann ich diese Auskunft nicht geben. Das kostet was. Mir gefällt dein Umhang Kobold.“
    Aghorsch grinste so breit dass sein Mund fast seine Ohren berührte.
    „Was? Meinen Umhang? Seid ihr von Sinnen? Niemals werde ich meinen Umhang an eine Rothaube abgeben“, rief Pirkos empört aus.
    „Pirkos! Gib ihm den Umhang und sei endlich still. Es wird Zeit dass du auch was für unsere Ziele opferst“, sagte Okar.
    Aghorsch nickte eifrig. „Ja. Okar hat Recht. Wir brauchen diese Information, also stell dich nicht so an oder bist du etwa gierig und geizig wie Zwerge?“
    Das saß. Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren händigte Pirkos seinen Umhang der Rothaube aus. Gierig strich die Rothaube mit ihren grauen Fingern über den fein gearbeiteten Stoff.
    „Gut“, sagte die Rothaube genüsslich. „Geht nach Osten durch dieses Tal.“ Die Rothaube zeigte auf die andere Seite des Talkessels, aus der eine weitere Schneise führte. „Folgt ihr etwa zwei Tagesläufe, dann erreicht ihr einen kleinen Berg. Besteigt ihn und stellt euch vor. Erklärt euch und bittet um Hilfe.“
    Mit diesen Worten drehte sich die Rothaube um und trabte mit seinem Gefolge auf die Hänge des Talkessels zu.
    Stirnrunzelnd sah Okar den Rothauben nach.
    Pirkos begehrte auf. „Was soll das? Das war die Information? Hörte sich eher an wie ein Rätsel. Für den Umhang hab ich mehr erwartet. Bei Walhalla und allen Göttern die sonst wohlgesinnt auf uns herab blicken, soll das ein Scherz sein?“
    „Erzürne nicht mit deinen Worten die Götter Pirkos. Irgendwann wird dich deine scharfe Zunge noch in eine Dämonenküche verschlagen. Zügel besser dich selbst um das zu vermeiden“, gab Thealunia dem Kobold ratend ans Herz.
    „Genug der Worte. Lasst uns den Weg beschreiten, den die Rothaube uns vorgab“, befahl Okar und schritt auf die Schneise zu.
    Die anderen folgten.
    Valtäryn hatte sich wieder gefasst. Die Anwesenheit der Rothauben hatten unangenehme Fragen seitens seiner Gefährten verhindert, bezüglich seines Verhaltens beim Kampf, aber er war sicher, dass die noch kommen würden. Grübelnd welche Erklärung er ihnen geben sollte trabte er hinter seinen Gefährten hinterher.
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    Kapitel 18.

    Die Lösung: Hass!

    Valtäryn saß zwischen Thealunia und Aghorsch am Lagerfeuer. Ihm Gegenüber saß Okar und neben Okar stützte sich Pirkos auf seine Ellenbogen. Er fühlte sich verloren, denn sie sprachen über ihn in seiner Gegenwart und das war nicht nur unangenehm, sondern auch irgendwie eigenartig. Seit dem Vorfall mit den Rothauben wusste er das unangenehme Fragen kommen würden und den ganzen Tag hatte er fieberhaft überlegt was er antworten sollte. Selbst rauchte sein Schädel stundenlang während dem Marsch um nach Antworten zu suchen, aber er fand keine. Als sie sich daran machten ein Lagerplatz für die Nacht zu suchen, gab er es auf eine Lösung zu finden, warum ihn seine Kampfkraft bei den Rothauben verlassen hatte. Sein Körper war total leer gewesen, ohne jede Kraft sich dieser Rothaube zu erwehren. Bei den Morvalts strotzte er vor Kraft und kämpferisches Können und bei den Rothauben hatte er sich wie ein ungelernter Laie angestellt. Was war bloß los mit ihm?
    Pirkos schaute zu Valtäryn und in seinem Blick lag ein Vorwurf den man nicht übersehen konnte: „Bei den Morvalts zeigte sich Valtäryn als ein hervorragender Kämpfer und nahm es mit Dutzenden Morvalts auf. Er tötete sie schnell und präzise. Als würden die Götter hinter ihm stehen und seine Schwerthand persönlich führen. Und bei dieser einen Rothaube verliert er plötzlich sein Können. Seine Fähigkeit mit dem Schwert umzugehen ist da wie weg geblasen gewesen. Ich bin ehrlich zu euch, aber da ist ein riesiges, faules Boobrieei im Nest.“
    „Was willst du damit sagen?“ brauste Aghorsch auf.
    Pirkos erhob sich aus seiner halb liegenden Haltung und zeigte anklagend auf Valtäryn: „Was ich damit sagen will? Bist du blind? Hat dir eine Blutmücke die Augen ausgestochen? Schau ihn dir doch an. Er tut ja fast so als hätte er keinen blassen Schimmer was mit ihm selbst los ist. Das kann er einem Troll erzählen, aber nicht mir! Der wollte uns ans Messer liefern, daher hat er sich so Tölpelhaft angestellt als er gegen die Rothaube angetreten ist.“
    Aghorsch wollte hochfahren, eine Hand an seinem Hammer, doch Thealunia kam ihm zuvor.
    „Ich denke du irrst dich Pirkos. Ich habe eine Vermutung, warum Valtäryn keine Chance gegen die Rothaube gehabt hätte“, sprach sie mit sanfter Stimme.
    „Ach tatsächlich? Wie kannst du denn erklären, dass er sich im Morvaltlager nicht von dir heilen ließ. Das deine Magie dort nichts bewirkte und dann aus heiterem Himmel, schon auf dem Weg nach Walhalla deine Magie ihre Entfaltung zeigt und ihn aus dem Tunnel des Lichts zurückholt? Hast du dafür auch eine Erklärung? Es scheint mir fast ihr alle seid diesem Valkyn verfallen, nur weil er vielleicht der letzte seiner Art ist.“
    Das Wort Valkyn hatte Pirkos so herablassend ausgesprochen, dass Valtäryn immer kleiner wurde. Er wünschte sich seine Entscheidung mit dieser Gruppe zu gehen rückgängig machen zu können. Doch das war unmöglich.
    „Jetzt sei still Pirkos und lass Thealunia sprechen.“
    Pirkos setzte sich im Schneidersitz hin und blickte Valtäryn ärgerlich an.
    Thealunia sprach mit sanfter Stimme weiter, unbeeindruckt von Pirkos Ärgernis.
    „Valtäryn war lange Zeit in Gefangenschaft dieses Morvaltmagiers und war während dieser Zeit Folterungen, Peinigungen und vielleicht noch schlimmerem ausgesetzt. Es entstand ein unbändiger Hass gegen sie. So stark, dass dieser Hass nicht nur seine Seele in Besitz nahm, sondern auch seine körperlichen Fähigkeiten und vor allem seine Kraft. Haben die Rothauben dir jemals was Schlimmes angetan? Oder andere Kreaturen?“ wandte sich Thealunia an Valtäryn.
    Dieser schüttelte energisch seinen Kopf das seine blonden Haare hin und her flogen. Kleinlaut sagte er: „Ich kenne nur Morvalts.“
    „Seht ihr. Seine Kampfkraft richtet sich ausschließlich gegen die Morvalts. Lasst ihn gegen Pirkos antreten und ihr werdet sehen das Valtäryn keine Chance hat.“
    Pirkos Augen wurden groß. Der Ärger wich Angst und mit dem Zeigefinger zeigte er auf Okar. „Das kannst du nicht zu lassen. Ich werde mich doch nicht für demonstrative Zwecke von dem Valkyn zerhacken lassen.“
    Aghorsch, Thealunia und Okar lächelten. Valtäryn schaute unsicher drein, da er nicht ganz verstand was hier vor sich ging.
    „Du brauchst keine Angst zu haben Pirkos. Ich denke solch ein Duell wird wohl nicht nötig sein. Thealunia hat wohl die Lösung gefunden und ich zweifle nicht daran, dass sie der Wahrheit sehr nahe gekommen ist.“
    „Ich habe keine Angst Okar. Ich will ihn nur nicht verletzen. Glaubt mir.“
    „Schon klar. Erzähl das einem Troll“, meinte Aghorsch und musste sich ein neuerliches Lächeln verkneifen.
    „Was meinst du hat es mit der Magie auf sich?“ fragte Okar an Thealunia gewandt.
    Nachdenklich tippte sie auf ihr Knie. „Ich bin mir da nicht so sicher, aber ich glaube das hier eine ähnliche Lösung wie bei der Kampfkraft Valtäryns vorliegt, nur kann ich da die Lösung noch nicht erkennen. Ich hoffe die Seherin weiß mehr und kann diese Frage beantworten.“
    „Okay. Wie fühlst du dich Valtäryn?“
    „Gut“, antwortete er Okar knapp.
    „Du hattest einen anstrengenden Tag. Leg dich schlafen. Morgen wird unsere Situation hoffentlich anders, wenn wir diesen Hügel erreichen. Ich und Pirkos werden die erste Wache übernehmen. Die zweite macht dann Aghorsch mit Thealunia.“
    Wieder kam Valtäryn sich überflüssig vor. Andererseits konnte er verstehen warum sie ihn von der Wache ausschlossen. Wenn das stimmte, was Thealunia gesagt hatte, war er für andere Kreaturen ein gefundenes Fressen.
    Okar und Pirkos bezogen schweigend ihre Wachposten ausserhalb des Lagerfeuers, während die anderen es sich am wärmenden Feuer gemütlich machten. Nach wenigen Augenblicken legte sich eine natürliche Stille über das Lager. Einzig Pirkos Augen suchten den zusammengerollten Valkynkörper und starrten ihn böse an.
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    Kapitel 19.

    Der Hügel des Greifens

    Man war das knapp, dachte Aghorsch, fast hätte ich gestern Schmach über die Zwerge gebracht. Die Herausforderung wäre verloren gewesen, wenn Thealunia nicht reagiert hätte. Aber ein weiteres Mal wird mir das nicht passieren. Energisch riss er an seinem Waffengurt, welcher mit Zwergrunen verziert war. Wie zur Bekräftigung leuchtete der Hammer kurz Wasserblau auf. Er dankte innerlich Thealunia und schickte ein Schutzgebet an die Götter, sie mögen Thealunia vor Schaden bewahren. Schon oft hatte sie ihm das Leben gerettet und nun schon wieder. Wäre Valtäryn gestorben, wäre seine Mission gescheitert. Durch die Schmach, die seinem Volk entstanden wäre, wäre Aghorsch zu einem Ausgestoßenen geworden. Innerlich wäre er zerbrochen und folglich auch gestorben. Er riss sich von diesem Gedanken los und dachte an sein Ziel. Valtäryn würde er vor allem bewahren was für diesen Valkyn von Schaden sein könnte. Misstrauisch betrachtete Aghorsch Pirkos der vor ihm lief. Seine Augen stachen den Kobold förmlich an und wenn aus den Augen Aghorschs blitze schießen könnten, wäre Pirkos jetzt Geschichte. Im Gegensatz zu Okar und Thealunia, denen er blind vertrauen würde, vertraute er dem Kobold nicht. Gründe vielen Aghorsch auch sofort dazu ein. Warum hatte Pirkos gezögert, als jeder von uns den Eid gegenüber Valtäryn schwor? Dieses ständige, gehässige Aufbegehren gegen Valtäryn. Was will er damit bewirken? Okar bekommt davon wahrscheinlich nichts mit. Nach so langer Abenteuerzeit mit ihm weiß ich, dass er immer an das Gute in einem glaubt. Er weiß zwar eine Gruppe zu führen und weiß immer die richtigen Fragen an die richtige Person am richtigen Ort zu stellen, aber eine gute Menschenkenntnis ist unserem Donnerkrieger nicht vergönnt. Von Okars Gestalt, die wachsam die Steilhänge der Schneise beobachtete, schweifte Aghorschs Blick wieder auf den Kobold. Ich werde dich so genau beobachten, dass ich beim kleinsten Anzeichen irgendeiner Aggressiven Einstellung sofort handeln kann.
    „Ich glaub wir sind am Ziel“, hörte Aghorsch Okar rufen.
    Aghorsch konnte am Horizont einen kleinen Hügel ausmachen. Undeutlich nahm er wahr, dass etwas Großes auf dem Hügel stand.
    Die Gruppe beschleunigte ihre Schritte, nachdem Pirkos wieder den kleinen Wirbelwind herbeizauberte, wie er es schon einmal in dem Lager der Morvalts tat. Etwa eine Stunde später erreichten die Ausläufer des Hügels. Im Durchmesser war er an die dreißig Meter breit und berührte mit seinen Ausläufern fast die Steilwände der Schneise. Die Länge des Hügels konnten die Gefährten nicht abschätzen, da der Hügel die Sicht versperrte. Die höchste Stelle des Hügels war fünfzehn Meter. Fasziniert betrachteten die Gefährten den glatt geschliffenen Felsen in der Mitte des Hügels. Der graue Stein war an allen fünf Seiten glatt wie die Seiten einer Axt.
    Langsam bestiegen die Gefährten den Hügel, wachsam nach allen Himmelsrichtungen schauend. Okar und Aghorsch hielten ihre Waffen bereit und auch Pirkos und Thealunia bereiteten sich auf unliebsame Überraschungen vor. Allein Valtäryn schaute sich unsicher um und wusste nicht genau, wie er sich verhalten sollte.
    Als sie den makellosen Fels erreichten blieben sie stehen.
    „Was nu? Hier scheint ja schon seit Ewigkeiten keiner mehr gewesen zu sein“, flüsterte Aghorsch und klopfte mit dem Stiel seiner Axt auf den Fels.
    Direkt nach dem letzten Klopfzeichen färbte sich der Himmel plötzlich dunkel. Wie eine Gewitterwolke zog ein Schatten über die Köpfe der Gefährten und hüllte sie ein. Nun bemerkte man das eingespielte Team der Gefährten. Durch den Fehler bei den Rothauben hatte man gelernt. Einen winzigen Augenblick später stand ein Schutzwall um Valtäryn herum. Ihre Rücken zeigten in die Mitte des kleinen Schutzwalles in der sich der Valkyn befand.
    In weiter Ferne hörten sie Kreischen. Es stammte allerdings nicht nur von einer Kreatur, sondern von Hunderten. Okar konnte das Kreischen sofort zu ordnen.
    „Greifen!“
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    Kapitel 20.

    Minoi

    Eine riesige Gestalt senkte sich auf den glatten Stein. Ihr Kopf und die Krallen waren die eines Adlers. Der Vorderleib war bedeckt mit braun, goldenen Adlerfedern und gingen dann am Hinterleib in das beige Fell eines Löwen über. Die starken Muskeln eines Löwen traten majestätisch an Vorder- und Hinterbeinen hervor, als der Greif auf die glatte Oberfläche des Steines landete. Erhaben reckte der Greif seinen Kopf gen Himmel und stieß einen lauten Schrei aus. Der Boden zitterte unter den Füssen der Gefährten und von weiter Ferne hörten sie ein Grollen, als Felsbrocken von den Steilwänden in die Schneise stürzten. Die Flügel des Greifs breiteten sich bei seiner Landung in ihrer vollen Größe aus und nachdem er vollends auf dem Felsen aufsetzte legte er die Flügel wieder an seinen riesigen Leib.
    Dieser Greif war viel größer als alle Greifen die Okar in seinem Leben bisher gesehen hatte. Wie ein König der Berge und der Lüfte thronte er auf dem Felsen. Mit seinen kleinen, aber dennoch scharfen Adleraugen betrachtete er die Gruppe neugierig. Das Greifengeschrei in weiter Ferne war verstummt und nur noch der Klang des Windes sauste durch die Schneise. Okar spürte keinerlei Gefahr von diesem Greifen ausgehend.
    Mutig trat er vor und die Worte der Rothaube in seiner Erinnerung sagte er: „Mein Name ist Okar vom Volk der Nordmannen. Dies hier sind Aghorsch vom Volk der Zwerge, Thealunia vom Volk der Frostalfar, Pirkos von dem Volk der Kobolde und Valtäryn vom Volk der Valkyns. Wir bitten dich um Hilfe. Wir suchen einen sicheren Weg über die Gebirgspässe nach Bjarken. Sie sind von Morvalts bewacht und somit unpassierbar.“
    Erwartungsvoll und respektvoll trat Okar einen Schritt vom Felsen zurück und wartete.
    Der Greif sah erst Okar eindringlich an und nahm sich dann sehr lange Zeit jedem Gefährten direkt in die Augen zu schauen. Schließlich blickte er zuletzt Valtäryn in die Augen. Unbehagen breitete sich in Valtäryns Magengegend aus, während die Adleraugen ihn betrachteten. Schließlich konnte Valtäryn dem Blick des Greifen nicht mehr standhalten und schaute zu Boden.
    Der Greif setzte sich nach der Betrachtung der Gefährten auf die Hinterläufer und schaute in den Himmel.
    „Ich bin Minoi der Flügelgreif, Herr der östlichen Gripklosaberge, Fürst des nördlichen Dellingkraters, Statthalter von Greifenklippe und König der Greifen. Ich bin Abgesandter der Götter, um den Sterblichen zu helfen wenn sie die Etikette mir gegenüber einhalten. Das habt ihr getan, doch bin ich nicht Willens der Dunkelheit zu dienen, daher muss ich es abschlagen euch zu helfen.“
    Okar schaute verwirrt. „Der Dunkelheit zu helfen? Was meint ihr damit?“
    Der Greif erhob seine Stimme: „In eurer Gruppe ist etwas Dunkles und Böses. Diesem kann ich nicht helfen.“
    Aghorsch wollte trotz der imposanten Gestalt des Greifen aufbegehren, doch Valtäryn hielt in davon ab. Warum er das tat wusste er auch nicht. Er packte Aghorsch am Arm woraufhin Aghorsch sofort das was er sagen wollte herunterschluckte.
    Unglücklicherweise verrutschten der Umhang und der Ärmel seines Hemdes, so dass das Mal an seinem Arm zum Vorschein kam. Hastig versuchte Valtäryn das Mal wieder zu verdecken, doch der Greif war schneller als er. Mit einem Satz sprang er vom Felsen und warf Valtäryn zu Boden. Mit einer Kralle drückte er Valtäryn zu Boden, während er mit der anderen leicht das Mal berührte.
    Aghorsch holte vor Schreck tief Luft und Okar schaute erschrocken auf den Greif. Thealunia und Pirkos standen überrumpelt da und wussten nicht was sie tun sollten. Es war alles so schnell Geschehen, dass niemand nur eine Möglichkeit zu einer Handlung hatte. Nun regte sich keiner, vor Angst dem Greif einen Anlass zu geben, Valtäryn den Gnadenstoss zu verpassen.
    Der Schnabel des Adlerkopfes kam ganz nahe an Valtäryns Ohr heran und er hörte leise die Worte des Greifen: „Kaiser der Lüfte. Ich habe lange darauf gewartet. Nun ist es endlich geschehen. Du bist gekommen, damit ich dir helfe, so wie du mir vor so vielen Jahrzehnten geholfen hast. Gleiches mit Gleichem. Stärke mit Hoffnung. Hoffnung für Stärke. Bös gegen Gut. Gutes gegen Böses. Dunkelheit bedeckt Licht. Licht siegt über Dunkelheit. Wie kann ich dir und deinen Gefährten helfen, Valtäryn?“
    Valtäryn verstand kein einziges Wort, aber er nutzte die Chance die Frage des Greifen zu beantworten.
    „Bringe uns nach Dyrfell!“
    Über seine eigenen Worte erschrak er unvermittelt, den in seiner Stimme war keine Bitte gewesen, sondern unmissverständlich ein Befehl. Sein Arm mit dem Mal war glühend heiß. Ihm schwindelte und seine Kehle schien trockener zu sein als der Sand Stygias.
    Mit einemmal erhob sich der Greif, packte den Valkyn mit seinem Schnabel am Kragen und warf ihn auf seinen Rücken. Unsanft landete er dort und krallte sich im Gefieder des Greifen fest um nicht abzurutschen.
    „Lasst ihn runter“, riefen seine Gefährten panisch und richteten ihre Waffen auf den Greif.
    „Keine Bange. Mir wurde aufgetragen euch nach Dyrfell zu bringen und das werde ich tun.“
    Lautstark schrie er gegen die Steilwände die den Schrei in alle Himmelsrichtungen zurückfederten. Flattern wurde laut und in der Ferne konnte man vier Schatten am Himmel sehen, die schnell näher kamen. Es waren ebenfalls Greifen, doch viel kleiner als Minoi.
    „Für Scherze bin ich nicht aufgelegt. Ich werde mich bestimmt nicht auf den Rücken eines Greifen setzen, um in schwindelerregender Höhe nach Dyrfell zu fliegen“, trotzte Aghorsch und verschränkte die Arme. Er ahnte was auf ihn zukommen sollte. „Da lauf ich ja lieber und kämpfe mich durch die Reihen der Morvalts.“
    „Aghorsch hat absolut recht. Ich setze mich ebenfalls nicht auf einen solchen Vogel“, meinte Pirkos.
    Thealunia verstand zwar nicht warum ihnen Minoi so plötzlich helfen wollte und er seine Einstellung änderte, aber der Gedanke auf einem Greif zu reiten gefiel ihr. Sie konnte sich allerdings nicht verkneifen Aghorsch und Pirkos zu ärgern. „Es scheint ihr habt doch etwas gemeinsam“, sagte sie zu den beiden und schmunzelte.
    Okar war ebenfalls noch verwirrt über den plötzlichen Wandel Minois, doch wiegte die Erleichterung über Hilfe schwerer, um sich darüber ernsthafte Gedanken zu machen.
    „Die Zwerge sollen gemeinsames mit Kobolden haben? Pah. Ich werde euch zeigen, dass auch ein Zwerg auf einem Greif reiten kann“, grunzte er verärgert Thealunia an und wandte sich an einen der gelandeten Greifen. Er steckte den Hammer weg und kletterte unbeholfen auf den Rücken des Greifs.
    Thealunia lächelte Okar an und nickte. Es war ein stummes einvernehmen zwischen den beiden.
    „Tja Pirkos. Sieht wohl so aus als hätten die Zwerge euch Kobolden was voraus“, meinte Okar und musste sich das Lachen verkneifen.
    Ärgerlich schaute Pirkos erst Okar und dann Aghorsch an. Mit entschlossenen Schritten steuerte er auch einen Greif an und bestieg diesen. Trotz seiner kleinen Figur stellte er sich nicht so unbeholfen an wie der Zwerg.
    Nachdem alle auf den Greifen saßen erhoben sie sich in die Luft.
    Geändert von Goldbogen (11.10.08 um 23:49 Uhr) Grund: Automatisch zusammengefügter Doppelpost

  3. #3

    Standard

    Kapitel 21.

    Zauber der Berge

    Sacht gewann Minoi an Höhe. Der Aufwind half ihm dabei an Höhe zu gewinnen. Mit ausgebreiteten Flügeln schwebte er der Sonne entgegen. Valtäryn hielt sich krampfhaft im Gefieder des Greifs fest.
    „Pack nicht so fest zu Valtäryn, ansonsten werde ich den ganzen Weg Schmerzen haben und das willst du doch nicht, oder?“
    „Nein, nein. Diese Höhe macht mir nur etwas zu schaffen.“
    „Die Höhe? Dir? Haha. Das ist lustig. Als ich dich das letzte Mal traf warst du eher derjenige, welcher mir beibrachte die Höhe zu lieben.“
    „Ich? Was meinst du damit? Ich bin mir sicher noch niemals zuvor einen Greif gesehen zu haben.“
    Die Scheu vor Minoi und die heimliche Angst war wie fortgeblasen. Er fühlte sich in der Nähe des Greifs so sicher und … irgendwie geborgen, wie es ihm wohl noch nie in seinem Leben geschehen war.
    Minoi kreischte verwirrt. Sein Adlerkopf senkte und hob sich im Takt des Windes.
    „Versuche meine Bewegungen zu spüren. Spüre den Wind, die Sonne, die Luft. Werde eins mit alldem und öffne deinen Geist. Erwarte in Verzückung die unerwartete Wärme, die dir das Fliegen gibt.“
    Valtäryn schloss die Augen. Der pfeifende Wind sauste an seinen Ohren vorbei und er spürte die Luft, die ihn vom Greif wegziehen wollte. Sein Körper fühlte die Bewegungen Minois. Gleichmäßig spannten sich Muskeln, nur um gleich wieder locker zu werden und sich dann wieder zu spannen. Die Wärme der Sonne kribbelte auf seiner Haut und ließ ihn aufkeuchen. Er atmete die Luft ein und schmeckte eine natürliche Frische auf seiner Zunge. Verzückung breitete sich in seinem Körper aus, begleitet von einer unerwarteten Wärme die von mehr als nur von der Sonne stammte. Konzentriert öffnete er seinen Geist für all diese Eindrücke und er riss seine Augen auf. Ein Schrei höchster Verzückung und erhabener Liebe entrang seinen Lippen und balancierte auf den Wellen des Windes hinab auf Midgards Erde zu.
    „Du hast es geschafft. Meine Hochachtung“, freute sich Minoi. „Und nun werde mit diesen Eindrücken eins und genieße.“
    Minoi schlug mit seinen Flügeln und gewann noch mehr an Höhe. Dann plötzlich legte er die Flügel an und schoss senkrecht nach unten. Valtäryn schmiegte sich an Minois Körper. Schraubenartig kreiselte er dem Boden entgegen. Immer näher kam er und wie ein heran nahender Schatten verdunkelte Minois Körper den unter ihnen befindlichen Wald. In letzter Sekunde drehte er zum Horizont und schoss über die Wipfel des Waldes. Blätter stoben auf und Vögel kreischten verärgert über diese Störung. Kaum erreichte Minoi das Ende des Waldes schoss er über eine Felsklippe hinweg und segelte in die Tiefe. Glitzernd zog sich unter ihnen, wie eine Silberschlange, der einzige Fluss der Gripklosaberge durch die Schluchten. Puderzuckerbedeckte Hänge verzauberten die Landschaft. Hohe Gebirgsspitzen ragten in den Himmel. Umgeben von kleinen Tannenwäldern, die sich schützend vor Wind und Wetter an deren Gebirgsausläufern schmiegten, schrien sie die Kraft der Natur gegen die Sonne, welche das zauberhafte Bild in ihrem grellen Schein erhellte.
    So zogen sie weiter Richtung Süden. Schluchten und Täler überflogen sie, die wie von gespreizten Greifkrallen die Berge durchzogen. Vereinzelte Bergclandörfer waren wie Sonnenflecken in der Landschaft verteilt und verschönerten noch den Anblick. Hügel wechselten sich mit Mischwäldern ab. Der Tau des Frühlings ließ die kleinen Ebenen im Sonnenlicht wie Diamanten glitzern.
    „So etwas schönes hab ich noch nie gesehen“, jauchzte Valtäryn.
    Minoi kreischte: „Dann schau dir das mal an.“
    Er hob kurz seinen Adlerkopf und glitt dann mit dem gesamten Körper auf eine Ebene zu. Wenige Meter über dem Boden schoss er hinweg. Valtäryn hätte nur die Hand ausstrecken müssen, um das saftige Gras zwischen schmelzendem Schnee zu berühren. Eine Herde Wollmammuts floh auseinander als Minoi durch sie hindurch schoss. Voller Panik flohen Megalozeros in alle Richtungen davon. An einem der Hänge eines Tals hielten Bergclanjäger inne und beobachteten das Schauspiel. Minoi schlug wieder mit den Flügeln und erreichte wieder Höhe.
    Noch immer fasziniert von dem Zauber der Berge fragte Valtäryn Minoi: „Wie lange brauchen wir bis Dyrfell?“
    „Nicht lange. Wir werden gleich eine Rast einlegen und dann noch mal so weit fliegen um Dyrfell zu erreichen.“
    „So schnell?“
    Valtäryn schaute auf und sah wie die Sonne den Horizont berührte. Ungläubig fixierte er die untergehende Sonne. Es wird Nacht. Wie lange sind wir unterwegs?
    Minoi schien zu spüren, was Valtäryn verwirrte. Er lachte kreischend auf und rief: „Das ist der Zauber der Berge! Jetzt hast auch du ihn kennengelernt.“
    Vor ihnen erschien ein Felsplateau und Minoi setzte zur Landung an. Sachte berührten seine Krallen den Fels. Er machte noch zwei Hüpfer und blieb dann stehen.
    „Hier werden wir rasten.“
    ----------------------------------------
    Kapitel 22.

    Die Legende

    Der wolkenfreie Sternenhimmel sah in seiner Unendlichkeit faszinierend aus. Tausende und abertausende von Sternen glitzerten wie Glühwürmchen in der Nacht. Ehrfürchtig über diese Unendlichkeit blickte Valtäryn in den Sternenhimmel. Er erinnerte sich an den Morgen nach dem Massaker in dem Morvaltlager, wo er auch den Himmel und die aufgehende Sonne betrachtet hatte. Oft warf er solche Blicke in den Himmel und er fragte sich, ob das mit seiner langen Gefangenschaft bei den Morvalts in Verbindung stand. Seit seiner Befreiung durch Aghorsch und Fabulgo genoss er die Freiheit. Natürlich konnte er sie erst in vollen Zügen genießen wenn sein Peiniger Breguhugg durch seine Hand starb und er war sich sicher dass dieser Tag kommen würde.
    Seine Augen schweiften zu Minoi. Er lag auf seinen Vorderpfoten und betrachtete Valtäryn. Die Gesellschaft des Greifs war Valtäryn recht. Es war besser als mit seinen Gefährten jetzt irgendwo an einem Lagerplatz zu sitzen. Nicht das er sie nicht in gewisser weise mochte, doch fühlte er sich bei ihnen unbehaglich. Irgendwas an dieser Gruppe war nicht gut, doch so sehr er seinen Kopf zermarterte, er kam einfach nicht darauf was ihm so missfiel.
    „Denkst du an deine Gefährten?“ fragte Minoi.
    Überrumpelt durch diese Frage und seine grade gedachten Gedanken schaute er Minoi nur sprachlos an.
    Minoi kicherte melodiös. „Es scheint ich habe wohl einen Treffer gelandet.“ Wälzend drehte sich Minoi auf die Seite um Valtäryn noch besser anblicken zu können.
    „Ich frage mich ob du in Dyrfell die Antworten auf all deine Fragen bekommen wirst.“
    „Auf meine Fragen? Wie meinst du das? Ich bin eigentlich auf dem Weg nach Dyrfell, um Hilfe von einer Seherin zu erbitten.“ Valtäryn verschwieg absichtlich seinen Erzfeind Breguhugg. Der Greif war mehr als vertrauensvoll, doch musste er ihm nicht gleich alles erzählen. Außerdem ging es dem Greif nichts an, welche genauen Ziele er noch verfolgte.
    „Fragst du dich nicht, wo dein Volk ist?“
    Diese Frage war, als hätte Minoi ihm einen Dolch in seine Brust gestoßen. Seine Kehle wurde trocken und er schluckte schwer. Gleich zwei Dinge gefielen ihm nicht an dieser Frage. Der erste Punkt war die Tatsache, dass er nie auf den Gedanken kam, sich zu fragen wo sich das Volk der Valkyn befinden mochte. Für ihn war es durch die Erzählungen seiner Gefährten offensichtlich, dass er der letzte seiner Art war. Der zweite Punkt, welcher ihn noch weitaus mehr störte waren die Worte *dein Volk*. Valtäryn dachte über diesen Ausdruck kurz nach und kam zu dem Schluß, dass ihm niemals ein Volk gehörte und in Zukunft würde ihm auch nie ein Volk gehören, ganz davon abgesehen, dass es ein Volk der Valyn nicht mehr gab. Es war ihm zuwider solch einen Ausdruck zu akzeptieren, denn es hörte sich nach Besitz an und ein Volk besitzen wollte er ganz und gar nicht.
    „Nein. Das Volk der Valkyn suche ich nicht“, antwortete er nach kurzem Zögern knapp.
    Valtäryn meinte im Gesicht des Greifs einen flüchtigen Ausdruck von Überraschung gesehen zu haben, doch es war schwer aus dem Gesicht eines Greifs irgendeine Gefühlsregung heraus zu lesen.
    „Was meintest du mit den Worten die du mir gestern ins Ohr sagtest?“ Valtäryn versuchte vom angefangenen Thema abzulenken und es schien zu gelingen.
    „Dein Mal zeichnet dich als etwas Besonderes aus. Du hast mir vor vielen Jahrzehnten geholfen und es ist mir eine Ehre dir jetzt zu helfen.“
    Verständnislos schüttelte Valtäryn seinen blonden Schopf.
    „Ich verstehe nicht. Gestern sah ich dich das erste Mal in meinem leben, wie kann ich dir da vor Jahrzehnten geholfen haben. Ich kenne zwar nicht mein genaues Alter, aber vor Jahrzehnten dürfte ich wohl keine große Hilfe gewesen sein.“
    „Es geht hier nicht darum wer oder was du bist, sondern warum du bist.“
    Sein Magen machte einen Salto. Valtäryn wurde es von diesen ganzen rätselhaften und unlogischen Sätzen Minois schwindelig und er stützte sich mit einer Hand ab, um nicht auf den kalten Felsboden zu stürzen.
    Sofort richtete sich Minoi auf und fragte besorgt: „Geht es dir nicht gut?“
    Kleinlaut sagte Valtäryn: „Ich komm da nicht ganz mit Minoi. Ich verstehe das alles einfach nicht.“
    Valtäryns Schwindel legte sich wieder und er setzte sich wieder aufrecht. Minoi legte sich ebenfalls wieder hin, doch sagte er mitfühlend: „Langsam verstehe ich. Gut Valtäryn. Um es dir einfacher zu machen, dies alles besser zu verstehen erzähle ich dir jetzt etwas. Eine Legende: Die Legende vom goldenen Falken.“

    Vor vielen hundert Jahren strömten Dämonen ins herrliche Midgard. Es waren Geschöpfe der Nacht. Bösartige Kreaturen die nur Zerstörung und Tod brachten. Viele tausende starben zu dieser Zeit. Ganze Heere die sich dieser Pest entgegen stellten wurden aufgerieben. Nicht nur Städte und Dörfer, sondern ganze Landstriche wurden verwüstet. Midgard war dem Untergang so nah, wie nie zuvor. Das Gleichgewicht, welches diese Welt in ihren Fugen hielt, wurde mit aller Gewalt herausgerissen. Midgard bezahlte einen hohen Zoll an Blut und Schweiß, nur um dem Ende immer näher zu rücken. Die Armeen Albions und Hibernias holten zum finalen Schlag aus, denn Midgard war zu schwach um sich diesen Feinden noch zu erwehren. Das Land war zerrüttet und zerfiel mit jedem Tag, jeder Stunde und jeder Minute mehr.
    Da traten Tyr, Modi, Thor, Bragi, Kelgor, Odin, Hel, Bogdar, Ymir, Eir, Loki und Skadi zusammen. Die Götter waren sich darin einig, dass sie eingreifen mussten, bevor der Untergang Midgards besiegelt wurde. Sie grübelten darüber, welche Lösung die beste war. Viele Ideen brachten sie hervor, doch keine garantierte das Gleichgewicht Midgards wieder herstellen zu können. Schließlich brachte Skadi die rettende Idee vor. Es sollte ein Symbol des Gleichgewichts geschaffen werden. Etwas das allein dafür verantwortlich war, das Gleichgewicht zwischen Gut und Bös in die Waage zu halten. So bündelten sie Teile ihrer göttlichen Macht in dem Symbol des goldenen Falken. Die Farbe Gold sollte für die Macht der Sonne stehen. Das strahlende Gold war dafür gedacht das Böse zu blenden. Gold sollte für die Allmacht der Götter stehen. Der Falke war das Symbol des Guten. Es stand für Zielsicherheit, Vertreibung des Bösen und für das Gleichgewicht der Natur. Dieses göttliche Symbol sandten die Götter auf die Erde. Es traf auf einen neugeborenen Waisen, welches gezeichnet mit diesem Symbol, dass Gleichgewicht zwischen Gut und Bös, zwischen Midgard und seinen Feinden Albion und Hibernia wieder herstellen sollte. Damit Midgrad eine Gnadenfrist erhielt, griffen die Götter wiederum ein. Thor schickte Gewitterwolken und Donner auf Midgard, um den Feinden die Sicht zu nehmen. Ymir schickte mit seinem Körper ein göttliches Beben auf die Erde, so dass die feindlichen Heere orientierungslos durch die weiße Landschaft von Yggdrawald liefen. Odin schickte einen göttlichen Impuls auf Odins Tor und verwirrt, ihrer Fähigkeiten beraubt, musste ein riesiges Heer Albions bei Bleedmeer Faste mehrere Monate lagern. Modi traf ein Heer Hibernias mit einem Paukenschlag von Wut und die Krieger unter ihnen wüteten in ihren eigenen Reihen. Hel ließ die Gefallenen Midgards, die auf der Ebene bei Glenlok Faste seit Generationen lagen auferstehen. Mit diesem Heer der Seelenlosen konnte ein weiteres Heer Hibernias schwere Verluste zugefügt werden. Bogdar rief nach dem geheimen Kult, dessen Name nicht ausgesprochen werden durfte und warf sie gegen die Dämonen, welche Midgard heimsuchte. Der Kult konnte die Dämonen in die Irre führen und die Gnadenfrist Midgards verlängern. Bragi sendete kraftvolle Lieder in eine Schlacht in Jamtland, wo sich eine kleine Streitmacht von Midgarder gegen eine Übermacht von Albion in einem Turm verteidigte. Sie gewannen die Schlacht und das feindliche Heer zog sich nach Nottmoor zurück, welches sich in der Hand der Feinde befand. Eir beschwor die Bäume des Waldes. Sie sollten sich gegen jegliche Eindringlinge verteidigen, welche den Wald betraten. Kurz danach betrat ein Dämonenzug den Wald und kehrte nie mehr aus diesem Wald zurück. Loki flüsterte göttliche Worte in die Hirne der feindlichen Offiziere Albions. Kurze Zeit danach herrschte eine Revolte im Heer und bedingt durch hohe Verluste unter den Offizieren, musste das Heer abdrehen und ins Heimatland zurückkehren, um die Verluste wieder aufzustocken. Kelgor rief die wilden Tiere in der Nähe von Mularn. Sie versammelten sich und zogen gegen die eingedrungenen Dämonen, welche Mularn im festen Griff hielt und vernichteten sie. Tyr raubte einem Hibernianischen Heer die Fähigkeit zur Kriegskunst und saugte alle Ehre aus den Kämpfern. Das Heer zog sich wie ängstliche Hasen zurück und verbrachte Monate damit neuen Mut zu schöpfen.
    Nur Skadi warf den Feinden nichts entgegen, sondern schulte und formte den Geist ihres Schützlings. Sie gab eine weitere Welle von göttlicher Macht in den Jungen, welcher das Symbol des goldenen Falken trug. Das Bogenschießen war eine göttliche Fähigkeit, die der Junge mit dieser göttlichen Macht gewann. Es sollte ihm dabei helfen sein Schicksal zu erfüllen.
    Der Junge wuchs heran. Der Preis den er zahlen musste, dass er der der Auserwählte war, war immens. Trauer, Leid und Qualen begleiteten seine Jugend. In einem solch zerrütteten Land wie Midgard beschrieb seine Jugend einen einzigen Kampf ums Überleben.
    Schließlich erfüllte er sein Schicksal. Er hob ein Heer hoch, bestehend aus den letzten Helden Midgards. Ein riesiges Dämonenheer walzte schließlich auf Jordheim zu, der letzten Zuflucht Midgards. Der goldene Falke verteidigte Midgard mit seinen Männern und siegte. Die Verluste waren hoch, doch nun war das Land von der Plage der Dämonen getilgt. Die Gefahr noch nicht vorbei, rückten feindliche Heere aus Albion und Hibernia auf die wenig verteidigenden Grenzfestungen Midgards zu. Der goldene Falke sammelte sein kleines Heer und erreichte nach kurzer Zeit Svasud Faste. In einer letzten, alles entscheidenden Schlacht stellte der goldene Falke das Gleichgewicht wieder her. Die Welt war wieder im Einklang und das Gleichgewicht bewahrte Midgard vor dem Untergang.


    Minoi endete seine Geschichte und blickte Valtäryn ernst an.
    „Du bist, weil du dein Schicksal erfüllen musst.“
    Langsam verstand Valtäryn und seine Hand krampfte sich um das verdeckte Mal an seinem Unterarm. Er wollte es nicht wahrhaben und suchte verzweifelt nach Ausflüchten. Es konnte einfach nicht sein, dass er der goldene Falke sein sollte. Das Gleichgewicht in Midgard war nicht aus den Fugen. Warum sollte es also den goldenen Falken geben? Außerdem müsste das Mal doch dann golden sein. Es war schwarz, schwärzer als die Nacht.
    „Ich kann nicht der goldene Falke sein. Mein Mal ist schwarz. Nichts Goldenes sehe ich in dem Mal.“
    „Ja. Das ist mir auf dem Hügel des Greifens auch aufgefallen, doch muss man oft unter die Oberfläche der Dinge schauen, um die Wahrheit zu erkennen.“
    Minoi schaute in den Himmel: „Es wird Zeit unseren Weg fortzusetzen. Bevor die Sonne den höchsten Stand erreichen wird, werden wir am Ziel sein.“
    Erschrocken schaute Valtäryn auf die aufgehende Sonne im Osten. Wie konnte das sein? In letzter Zeit verflog die Zeit, als würde sie Valtäryn keinen Aufschub gönnen. Missmutig stand Valtäryn auf und kletterte auf Minois Rücken. Nach wenigen Augenblicken flog der Greif weiter nach Süden, auf dem Rücken einen nachdenkenden Valkyn.
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    Kapitel 23.

    Schreckensnachricht

    Valtäryn stand am Ufer des sich nach Süden schlängelnden Flusses und schaute traurig zu Minoi. Es war für Valtäryn nicht leicht von diesem Geschöpf Abschied zu nehmen, zumal er sich in Minois Gegenwart sehr wohl gefühlt hatte. Die Sonne rückte ihren höchsten Stand immer näher. Der Himmel war blau und klar. Nur wenige kleinere Wolken zogen nach Osten und Süden weiter.
    „Ich schätze sobald die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat, werden deine Gefährten hier ebenfalls eintreffen. Ich gebe dir den guten Rat hier zu verweilen, bis sie eingetroffen sind. Auch wenn Aegirs Bucht nicht so gefährlich ist wie die Gripklosaberge, lauern hier dennoch Gefahren, denen man lieber aus dem Weg gehen sollte. Hinter dem Wald befindet sich ein Weg der nach Dyrfell im Norden führt“, meinte Minoi freundlich, dabei deutete er auf den Wald der sich diesseits des Ufers befand.
    „Ich danke dir für deine Hilfe Minoi. Werden wir uns je wieder sehen?“
    „Das zu entscheiden Valtäryn liegt nicht in unserer Hand. Wenn es das Schicksal und die Götter für nötig halten, dass sich unsere Wege wieder kreuzen, dann würde ich mich allerdings sehr darüber freuen.“ Minoi schlug mit seinen Flügeln.
    Valtäryn nickte und hob zum Abschied die Hand. Der Greif nahm Anlauf und hopste das letzte Stück mit weiten Sprüngen, bis ein Aufwind ihn schließlich mit in die Lüfte nahm. Kreischend zog er noch mal einen weiten Bogen um die Stelle, an der sich Valtäryn befand, bis er schließlich beidrehte und die Gripklosaberge ansteuerte. Nach wenigen Augenblicken war von Minoi nichts mehr zu sehen. Minois Geschwindigkeit verblüffte Valtäryn, denn auf dem Rücken des Greifs war es ihm nicht so schnell vorgekommen.
    Neugierig schaute er sich um.
    Auf der anderen Seite des Ufers konnte er Mischwälder erkennen, die sich entlang des Ufers und bis weit nach Osten ins Land ausbreiteten. Auch auf seiner Seite zog sich ein großer Wald nach Süden und Norden entlang des Ufers hin. Weit im Süden und nur mit allergrößter Anstrengung erkannte er, wie sich der Fluss verbreiterte und sich in dessen Mitte eine Insel befand, die von einem kleinen Wald vollkommen bedeckt wurde. Seine feine Nase nahm aus dem Osten einen sehr stark salzigen Geruch wahr, den ihm der Wind aus dieser Richtung zutrug.
    Er fragte sich woher dieser salzige Geruch wohl kommen mag und machte ein paar Schritte auf den Wald zu. Zwischen den hohen Stämmen drang das Sonnenlicht nur spärlich auf den Waldboden. Die Blätterkronen verhinderten umfassende Helligkeit in diesem Wald und viele Stellen im Unterholz waren dunkel, so dass sich alles Mögliche in dem Unterholz verstecken konnte.
    Angetrieben von dem salzigen Geruch und seiner Neugier betrat Valtäryn mit gespanntem Bogen den Wald und ging an den hohen Bäumen vorbei. Minois Rat an der Stelle zu bleiben, um auf seine Gefährten zu warten hatte er vergessen. Langsam schlich er weiter vorwärts, tiefer in den Wald hinein. Trotz der diffusen Lichtverhältnisse gewöhnten sich seine Augen relativ schnell an die neuen Sichtverhältnisse und er konnte ein gutes Stück voraus blicken. Suchend schaute er sich immer wieder nach allen Seiten um, damit er eine anstürmende Gefahr rechtzeitig erkennen und dann dementsprechend handeln konnte. In weiter Ferne ertönte ein Brüllen. Das Brüllen konnte er nicht zuordnen und weil er lieber auf Nummer sicher gehen wollte, versuchte er einen weiten Bogen um das Brüllen zu machen. Kurze Zeit später erstarb das Brüllen und es kehrte schon fast eine unheimliche Stille ein. Der Geruch von feinem Salz blieb gleichbleibend und Valtäryn überlegte grade ob er nicht doch zurückkehren sollte, um am Ufer des Flusses auf seine Gefährten zu warten, als er auf einen breit ausgetretenen Weg stolperte. Überrascht blieb er stehen. Der Weg verlief von Süden nach Norden. Im Norden machte der Weg einen Knick nach Westen und verschwand hinter einem großen Felsen. Auf der anderen Seite des Weges wurde der Wald viel lichter und er endete nach wenigen Metern. Dahinter öffnete sich eine weite Ebene die bis an den Horizont im Westen ging.
    „He du. Mach Platz!!“
    Erschrocken sprang Valtäryn in den Wald zurück, wobei er fast seinen Bogen fallen gelassen hätte. Zwanzig berittene Krieger donnerten an ihm vorbei, alle in prachtvollen Kettenrüstungen gekleidet und mit Schwertern und Schilden schwer bewaffnet. Sie ritten nach Norden. Erstaunt und immer noch erschrocken starrte er den Berittenen mit offenem Mund hinterher. Schließlich verschwand der Trupp hinter der im Norden befindlichen Biegung.
    Fieberhaft überlegte Valtäryn was wohl eine ganze Schar Schwerbewaffneter in den Norden führte, doch ihm fiel keine Lösung ein und daher beließ er es dabei. Ihm wurde bewusst, dass dieser Weg direkt nach Dyrfell führen musste und wenn schon Schwerbewaffnete dorthin unterwegs waren konnte er den Weg wohl auch benutzen. Er schulterte den Bogen und marschierte hinter dem Trupp her.
    Als er die Wegbiegung hinter sich ließ, bemerkte er die ersten Anzeichen von Zivilisation, wie er sie in seinem Leben noch nicht gesehen hatte. Rechts und links des Weges waren breite Ackerfelder angelegt worden, geschützt von instabilen Holzzäunen. Hier und da entdeckte er Karren auf den Feldern stehen und Bauern ihre Arbeit verrichten. Kleine Scheunen standen vereinzelt am Rande der Felder.
    Ein Karren, gezogen von Ochsen kam an ihm vorbei. Die zwei Nordmänner, welche den Karren begleiteten, betrachteten Valtäryn mit Argwohn und Unsicherheit.
    Je weiter er sich Dyrfell näherte, umso öfters kamen ihm Leute entgegen. Zwerge, Nordmänner und Trolle. Handwerker, Bauern, Jäger, Wachen, Krieger und Träger.
    Schließlich erreichte er Dyrfell.
    Eine hohe Mauer umschloss Dyrfell. Davor war noch ein breiter Wassergraben entlang der Mauer angelegt worden. Die Ringmauer wies mehrere Spählöcher in regelmäßigen Abständen auf. Der dahinter befindliche Wehrgang wurde von Wachen pattrouliert.
    Valtäryn fiel auf, dass eine menge Wachen die Mauer pattroulierten, für ihn absolut übertrieben.
    Der Eingang nach Dyrfell wurde ebenfalls von fünf Wachen bewacht. Die Flügel des schweren Holztores standen offen und ließen auf eine zweite Teilmauer blicken, die sich nach links und rechts ein Stück weit fortsetzte. Zwischen Ringmauer und Teilmauer führten zwei Wege in entgegen gesetzten Richtungen in die kleine Stadt hinein.
    Die fünf großen Wachen standen breitbeinig vor dem Eingang, in ihren klobigen Trollhänden Streitäxte haltend. Argwöhnisch beobachtete der Hauptmann der Wache jeden seiner Schritte, als würde von Valtäryn eine Bedrohung ausgehen.
    Valtäryn überlegte dass er genauso gut in Dyrfell auf seine Freunde warten könne und wollte grade mit einer entschlossenen Miene an den Wachen vorbei gehen, als von Norden ein lauter Ruf erschall.
    Alle die den Ruf hörten drehten sich nach Norden und erstarrten.
    Aus dem Norden ritten mit bahnbrechender Geschwindigkeit zwei bewaffnete Nordmänner auf Dyrfell zu. Einer der beiden hatte ein langes Bündel vor sich auf dem Pferderücken liegen und hielt es mit einer Hand fest. Der andere rief immer wieder in Richtung der Wachen, doch keiner konnte ihn auf die Entfernung verstehen. Weiter Wachen strömten aus Dyrfell und bezogen Stellung. Das einfache Volk, welches grade im Begriff gestanden hatte Dyrfell zu verlassen, flüchtete wieder ins sichere Dyrfell. Valtäryn war sich nicht sicher wie er sich verhalten sollte und blieb daher stehen und beobachtete mit großem Interesse, wie die Reiter näher kamen. Als die Reiter nah genug waren erkannte Valtäryn die blutverschmierten Gesichter der beiden. Ihre Rüstungen wiesen vielerlei Beulen auf und die Waffen schienen schartig zu sein, als kämen sie grade aus einer großen Schlacht. Das Bündel war eine weitere Person, die mit Leinen zugeschnürt war.
    Kurz vor den Wachen stoppten die Reiter und der eine der beiden sprang vom Pferd.
    Er nahm seinen Helm herunter und er schüttelte sein dunkelblondes, langes Haar. Seine blauen Augen fixierten den Hauptmann der Wache von Dyrfell.
    „Ich muss sofort den Ältesten sprechen!“
    Die muskulöse und breitschultrige Gestalt des Nordmanns kam Valtäryn irgendwie bekannt vor, aber woher sollte er jemanden kennen, da er sein Leben in Gefangenschaft der Morvalts verbracht hatte. Auch die Gesichtszüge des Kriegers weckten eine verschwommene Erinnerung in ihm, die er jedoch nicht aufrufen konnte. Vielleicht würde er sich später daran erinnern.
    „Was ist passiert“? fragte der Hauptmann der Wache.
    „Morvalts! Sie haben Bjarken überfallen. Sie kamen wie Heuschrecken aus allen Himmelsrichtungen. Erst konnten wir die erste Angriffswelle abwehren, doch dann kam etwas Riesiges, Grauenhaftes. Es war so abscheulich, dass ich es nicht mit Worten beschreiben kann. Die Morvalts gewannen nach harten Kämpfen und hohen Verlusten schließlich den Außenwall. Bevor die Morvalts den Ring um Bjarken ganz schließen konnten, bekam ich von meinem Vorgesetzten, dem Schwertmeister Furbhan den Auftrag durch die Linie der Morvalts zu brechen und hierher zu reiten, um euch zu warnen. Von meinen dreißig Kriegern sind nur ich und mein Gefährte hier übrig geblieben“, die Augen des Kriegers richteten sich bei seinen letzten Worten auf Valtäryn.
    Ihre Blicke trafen sich und etwas Starkes zog Valtäryns Herz zusammen. Er konnte nicht bestimmen warum oder weshalb es geschah, aber es geschah. Unerbittlich wurde der Druck auf sein Herz intensiver. Unerbittlicher.
    „Mein Name ist Tjelvo, Wachoffizier in Bjarken und ich möchte nun bei dem Ältesten in Dyrfell vorsprechen!“
    Bei dem Namen schoss heiße Glut in Valtäryns Schädel. Wie ein Erinnerungsgeschoss durchschlug es Zelle um Zelle und … verfehlte das Zentrum. Keuchend fiel Valtäryn zu Boden und schlug hart auf dem Boden auf. Schwärze umspielte seine Stirn und ein reißender Strudel erfasste ihn. Mit beklemmender Stimme sagte er: „Tjel…“
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    Kapitel 24.

    Zentrum der Erinnerungen

    Valtäryn öffnete die Augen und schaute in einen Himmel, wie er ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Grünlich schimmerte er. Immer wieder zogen eigenartig rote Gebilde am Himmel vorbei und verschwanden aus seinem Sichtbereich. Die Luft sirrte und flirrte unnatürlich und ein leises monotones Summen erfüllte die Luft. Eine Sonne konnte er nirgends entdecken. Auch Sterne oder den Mond füllten den Himmel nicht. Wo nur war er? War er noch auf Midgards Erde? Das bezweifelte er stark. Langsam bewegte er seine Hände und seine Zehen. Schläfrig bewegten sie sich mit einem leichten kribbeln. Seine Lippen formten ein Wort. Was?
    Vor Schreck schloss er sofort wieder seine Lippen. Kein Ton war über seine Lippen gekommen und doch hatte er dieses eine Wort deutlich gesprochen. Konzentriert versuchte er ein weiteres Wort. Er spitzte seine Lippen, zog Luft zwischen seine Zähne ein und sagte: Ich.
    Diesmal riss er panisch die Augen weit auf, als wieder kein Ton seinen Mund verließ. Ruckartig erhob er sich und schaute sich um.
    Die weite kahle Fläche zog sich bis zum Horizont in alle Richtungen. Eine braune Masse legte sich über das gesamte, sichtbare Land (?). Die braune Masse schluckte das grünliche Licht des Himmels ohne irgendwas von dem Grün zu absorbieren. Es war einfach weg. Verwirrt schaute er an sich herunter und erschrak ein weiteres Mal. Splitter nackt stand er auf der braunen Masse die sich mit klebrigen Gliedmassen um seine Beine schlang. Fassungslos zog er einen Fuß aus der Masse und sofort löste sich diese braune Brühe von seinem Fuß. Er machte einen Schritt nach vorn und sein Fuß versank wieder darin. Das klebrige Gefühl ließ ihn nicht los und er schauderte. Verzweifelt sah er sich nochmals um, darauf hoffend etwas übersehen zu haben. Weit entfernt sah er ein Gebilde in den Himmel ragen. War es ein Gebäude, ein Berg oder vielleicht eine Halluzination? Er konnte es nicht sagen, aber da es das einzige war, was ihm Hoffnung gab aus diesem Dilemma heraus zu kommen, marschierte er ohne zu zögern darauf zu.
    Valtäryn marschierte schon seit geraumer Zeit auf das Gebilde zu, doch kam er ihm nicht näher. Hatte er die Entfernung unterschätzt? Konnte er überhaupt dorthin gelangen? Verzweifelt fing er an in einen leichten Trab zu verfallen, steigerte das zu einem Lauf bis er schließlich wie ein Irrsinniger rannte. Um sich besser konzentrieren zu können starrte er auf den Boden.
    Seine Gedanken flitzten in einem Tempo durch seinen Valkynschädel, dass er nicht mehr wusste wie lange er gelaufen war, als er erschöpft über sein eigenes Bein stolperte und der Länge nach in die braune, klebrige Brühe fiel. Grade noch konnte er verhindern, dass sein Gesicht die klebrige Substanz berührte, indem er mit beiden Händen voran stürzte. Ohne nach vorne zu blicken fing er an zu schluchzen. Tränen kullerten über seine Wange und fielen in die Brühe. Kaum berührten die Tränen den Boden, verschwanden sie auch schon. Ein Weinkrampf durchschüttelte ihn so stark, dass er zur Seite kippte und gegen etwas Hartes, glattes stieß. Noch immer schluchzend schaute er auf das Hindernis und blickte in sein Gesicht. Schwarzes, glattes Glas schraubte sich in die Höhe. Das Ende dieses Gebildes war nicht aus zu machen. Es verlief sich in ihrer Unendlichkeit.
    Valtäryn schluchzte ein letztes Mal und wischte sich mit seinem nackten Unterarm die Tränen weg, dabei fiel sein Blick auf sein Mal. Böse funkelte er es an. Dieses Mal brachte ihm Unglück. Hätte er eine Waffe bei gehabt war er sich sicher, er hätte sich den Arm amputiert. Grimmig wandte er seinen Blick von dem Mal ab und betrachtete das Gebilde genauer. Es war aus schwarzem, glattem Glas. Keine Unebenheit oder eine Wölbung zierte das Glas. Mit einem Finger berührte er es und zog ihn gleich wieder zurück. Kalt. Die Kälte hinterließ auf seiner Zunge einen eigenartigen Nachgeschmack. Auf seiner Zunge? Wie war das möglich? Er hatte das Glas mit dem Finger berührt und nicht mit seiner Zunge. Neugierig berührte er das Glas nochmals und diesmal fühlte er eisige Kälte in seinem Rücken. Wie eine Lawine krabbelte die Kälte von seinem Nacken runter bis zu seinem Steißbein. Unmöglich. Langsam ging er an dem Glas entlang. Nach einiger Zeit fand er etwas seltsames, wenn das in diesem Land (?) überhaupt möglich war. Eine Ausbuchtung stak aus dem Glas hervor. Auf der oberen Seite zeigte eine dicke Naht ein Bildnis. Überrascht ging Valtäryn einen Schritt nach hinten. Ein Falke. Die Naht und das Glas waren schwarz, daher glich dieses Bildnis seinem Mal wie ein Ei dem anderen. Zögernd trat Valtäryn wieder vor und in Zeitlupe streckte er einen Finger aus, um die Naht zu berühren. Schweiß trat ihm auf die Stirn und sein Herz schlug schmerzhaft gegen seine Brust. Als sein Finger die Naht berührte zitterte er am ganzen Leib so heftig, dass ihn ein leichter Wind umgeworfen hätte.
    Benutze den Schlüssel!
    Was? Wer ist da? rief Valtäryn ohne dass ein Wort über seine Lippen kam.
    Benutze den Schlüssel!
    Ängstlich schaute er sich um, doch niemand stand in seiner Nähe, der ihm die Worte entgegen werfen konnte. Dann bemerkte er eine Bewegung im Spiegel und er schaute genauer hinein.
    Im Spiegel grinste ihn sein Spiegelbild an. Das war vielleicht nichts ungewöhnliches, wenn Valtäryn auch gelächelt hätte, doch seine ernste, versteinerte und auch ängstlich Miene unterschied sich so sehr von dem Gesichtsausdruck seines Spiegelbildes, wie sich Feuer und Wasser unterschieden.
    Benutz den Schlüssel!
    Dabei zeigte das Spiegelbild auf seinen eigenen Unterarm, wo sich das schwarze Mal des Falken befand.
    Unentschlossen stampfte Valtäryn an Ort und Stelle mit den Füssen auf den braunen Untergrund.
    Nun tu es endlich oder willst du da draußen Wurzeln schlagen?
    Die Neugier siegte über seine Unentschlossenheit und er drückte sein Mal auf die Oberfläche der Ausbuchtung.
    Plötzlich öffnete sich ein Strudel und einen einzigen Augenblick später stand er in einem dunklen Raum. Ein unwirkliches Licht aus unbekannter Quelle beleuchtete den dunklen Raum, so dass Valtäryn erschrocken fest stellen musste, im Inneren des Glasgebildes zu sein.
    Er drehte sich um seine eigene Achse und suchte den Ausgang, doch es gab keinen.
    Was soll das? schrie er ängstlich die Glaswände an.
    Komm mal wieder runter Valtäryn. Du wolltest doch hier rein oder hast du keine Lust nach so langer Zeit deine Erinnerungen wieder zurück zu holen?
    Stirnrunzelnd starrte Valtäryn sein Spiegelbild an, welches wieder dämlich vor sich hin grinste.
    Wo bin ich?
    Du bist in dir. Das ist das Zentrum deiner Erinnerungen und es wird Zeit diese endlich freizusetzen. Seit du deine Erinnerungen verloren hast, sitzen sie in diesem schwarzen Glaskäfig fest und können von dir nicht mehr abgerufen werden.
    Ich verstehe nicht ganz. Soll das heißen ich habe Erinnerungen an etwas vor meiner Gefangenschaft bei den Morvalts? Es gibt eine Vergangenheit von mir?
    Schlaues Köpfchen.
    Unglaublich.
    Faszinierend schaute sich Valtäryn im Glaskäfig um.
    Wo sind meine Erinnerungen?
    Hier.
    Mit einem Schlag schlugen tausende Erinnerungen mit brutaler Gewalt gegen seine Brust.
    Tjelvo. Brakoo. Brista. Draponark. Brakoos Hof. Geborgenheit. Zu Hause. Freundschaft. Liebe. Bogenschießen mit Tjelvo. Streitereien zwischen Draponark und Tjelvo. Die Wahrheit über sich und seiner Herkunft. Angeln. Liebe. Gelächter auf dem Hof. Die Reise mit Brakoo. Familie. Zuneigung. Die Hütte von Brista. Das Lagern mit Brakoo in der Wildnis. Bristas Worte in der Hütte vor Valtäryns Reise. Brakoos Verschwinden. Reiten mit Draponark. Arbeiten auf dem Hof. Brakoos Verrat.
    Erschöpft sackte Valtäryn in sich zusammen, die Hände vors Gesicht geschlagen.
    Oh ihr Götter. Nein. Warum? Oh ihr Götter. Welches Leid bringt ihr über mich. Warum?
    Seufzend stand Valtäryn wieder auf und blickte auf sein Spiegelbild.
    Was muss ich tun um meine Erinnerungen aus diesem Glaskäfig zu befreien?
    Du musst …
    Angespannt und ängstlich schaute sich sein Spiegelbild plötzlich um. Der Gesichtsausdruck des Spiegelbilds hatte sich so schnell geändert, dass Valtäryn misstrauisch nach rechts und links schaute.
    Er kommt! Es tut mir sooo unendlich Leid Valtäryn, aber ich muss dich retten bevor er es merkt.
    Wer soll was merken? Nein. Warte. Ich muss doch wissen wie ich…
    Weiter kam Valtäryn nicht. Die Hände des Spiegelbilds kamen aus dem schwarzen Glas und packten Valtäryn ins Haar. Sie zerrten ihn nach vorn und stießen ihn dann mit solcher Gewalt ab, dass er mit einem lautlosen Schrei gegen die Wand flog. Im selben Augenblick als er durch die Wand schwebte zog wie ein Strudel etwas Unheimliches all seine kurz gewonnen Gedanken aus seinem Inneren, bis er Leer in eine unendliche Weite landete und diese Weite ihn mit sich riss.
    Er fiel lange. Sehr lange.
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    Kapitel 25.

    Der Merutago

    Der Schock saß tief. Tiefer als Tjelvo es sich eingestehen wollte. Eben noch hatte er dem Hauptmann von dem Überfall der Morvalts auf Bjarken berichtet, im nächsten Augenblick schweifte sein Blick zu der Person, die am Wegesrand stand. Sofort erkannte Tjelvo welches Geschöpf ihn von dort mit goldenen Augen beobachtete und als er dann unbewusst dem Hauptmann seinen Namen, seinen Rang und sein Anliegen vortrug, wiederholte das Geschöpf seinen Namen zum Teil und stürzte dann wie von einem Blitz getroffen in den Straßendreck.
    Ihm waren keine Zweifel gekommen wen er da vor sich hatte, obwohl er ihn zuletzt vor annähernd zehn Jahren auf Brakoos Hof sah. In dem Straßendreck lag Valtäryn
    Ohne zu zögern sprang Tjelvo von seinem Fuchs elegant herunter, warf die Zügel seinem Gefährten zu und war mit ein paar großen Schritten bei dem am Boden liegenden Valtäryn.
    Die Augenlider zuckten unablässig, blieben aber geschlossen. Ein leichtes Beben fuhr durch Valtäryns Körper, dann lag er nur noch schlaff im Staub.
    Sachte berührte Tjelvo den Valkynkörper, wohl eher um sich zu überzeugen nicht einem Trugbild zum Opfer zu fallen. Die feste Struktur des Körpers warf Tjelvo zurück ins Hier und Jetzt und verärgert schaute er sich nach den Wachen um.
    Die Trolle standen noch immer vor den Toren Dyrfells. Ihre Blicke zeigten reinste Verwirrung.
    „Wollt ihr bald mal in Bewegung kommen! Das ist ein Valkyn und ich denke ihm steht in einer solchen Situation Hilfe zu oder ist es jetzt schon so, dass Dyrfell jeglichem friedfertigen Volk Hilfe abschlägt?“
    „Aber…“ wollte der Hauptmann der Wache erwidern, doch der stechende Blick, den Tjelvo ihm zuwarf, ließ ihn den Rest der Worte verschlucken.
    „Trolle! Typisch!“
    Erbost über die Unfähigkeit der Trolle schnell zu handeln, packte er Valtäryn und warf ihn sich über die Schulter. Mit grimmigem Blick stampfte er an den Wachen vorbei nach Dyrfell rein. Sein Gefährte folgte ihm zu Pferd. Auch der Hauptmann der Wache trabte hinter ihnen her, gestikulierte wild mit seinen überlangen Trollarmen und fluchte so laut, dass er verwunderte Blicke vieler Leute kassierte. Sie überquerten den kleinen Marktplatz und Tjelvo steuerte direkt auf die Hütte des Ältesten zu, die neben der örtlichen Taverne errichtet war. Eine Ansammlung von Neugierigen folgte ihnen bis zur Hütte und blieb davor stehen, als Tjelvo die Wolldecke, welche den Eingang der Hütte markierte, grob beiseite schob und eintrat.
    Die Hütte bestand aus einem einzigen, aber geräumigen Raum. In der hintersten Ecke befand sich eine Schlafstätte, die mit Wollmammutfellen ausgelegt war. Mittig im Raum befand sich eine Feuerstelle und dünne Rauchwolken zogen nach oben aus dem Loch ins Freie. Auf der linken Seite an der Wand stand ein großer Holztisch, umgeben mit einer Vielzahl an Sitzgelegenheiten. Auf dem Boden vor dem Eingang lag ein dunkelroter Teppich. Die dunkle Färbung zeigte, dass diese Hütte oft Besucher hatte. Ein Alchemietisch nahm die rechte Wand der Hütte ein, auf der etliche Reagenzien und Flaschen standen. Komplettiert wurde die Ansammlung von Reagenzien durch zwei lange Regale, die über dem Alchemietisch an der Wand befestigt waren und allerlei Kräuter, Flüssigkeiten, Innereien von Tieren und andere tierische Körperteile beherbergten.
    Ein alter Nordmann schaute beim Eintreten Tjelvos auf und runzelte seine grauen Augenbrauen.
    Ungeachtet dessen stiefelte Tjelvo um den Tisch zur Schlafstätte und legte Valtäryn sanft auf die Felle. Jetzt erst bemerkte er die vielen Narben in dessen Gesicht und er fragte sich, woher Valtäryn bloß so plötzlich kam, was ihm in der langen Zeit passiert war und was Valtäryn jetzt hier in Dyrfell suchte.
    „Kann ich euch irgendwie helfen?“
    Im selben Augenblick als der Älteste das fragte, stürmte der Hauptmann der Wache rein. Er verbeugte sich vor dem Ältesten und dann sprudelten die Worte nur so aus ihm raus.
    „Ehrwürdiger. Ich schaue und da kommen. Er sagt Bjarken ist Überfall. Morvaltgezücht überall dort. Alle tot. Dann fällt Mann in Dreck und er springt von Pferd. Ihm helfen und laufen hierher. Ich konnte tun, aber so schnell alles, kann doch nichts tun.“
    Trolle konnten die Sprache der verbündeten Völker eigentlich ganz gut, doch wenn sie in Hektik verfielen oder in eine starke andere Gefühlsregung verfielen wie Angst oder Trauer, dann strömte ein solch starker Akzent ihres Trollisch mit ein, dass man sie kaum verstehen konnte.
    Der Älteste verstand trotz der schweren Aussprache des Trolls alles und was er von dem Hauptmann hörte gefiel ihm ganz und gar nicht.
    Langsam stand Tjelvo auf und wandte sich dem Ältesten zu. Obwohl ihm immer noch viele Fragen bezüglich Valtäryn im Kopf schwirrten, musste er jetzt Fassung behalten und dem Ältesten alles genau berichten.
    Er berichtete von dem plötzlichen Überfall der Morvalts in den frühen Morgenstunden des gestrigen Tages und der heftigen Verteidigung Bjarkens. Die Streitmacht der Morvalts war in der Überzahl gewesen und jeder tote Morvalt wurde durch zwei neue ersetzt. Bis zum Abend hin gab es harte Gefechte, aber die Verteidigung wurde mit jeder Stunde schwächer. Schließlich löste sich die Streitmacht der Morvalts in zwei Hälften und zwischen ihnen erschienen Geschöpfe die im dunklen hellblau leuchteten. Diese neue und unbekannte Streitmacht war zwar kleiner als das Morvaltheer aber, so schien es jedenfalls den Verteidigern, unüberwindbar. In der Nacht nahmen die Wesen ohne Probleme die Wälle ein und ab diesem Zeitpunkt wurde aus den harten Gefechten nur noch ein Gemetzel. Vor nichts machten die Wesen halt und schlachteten Frauen, Kinder und Alte ab. Schließlich erhielt Tjelvo von seinem Vorgesetzten den Befehl die Linie des Feindes zu durchbrechen und hierher zu reiten, um primär Dyrfell zu warnen und sekundär Hilfe zu erbitten. Er berichtete weiter von seiner Flucht und davon, dass fast sein gesamter Trupp bei dem Versuch die Linie des Feindes zu durchbrechen aufgerieben wurde. Tjelvo endete seinen Bericht niedergeschlagen ohne jedoch noch einen Anmerkung fallen zu lassen.
    „Auf der Flucht stießen wir kurz vor der Schlucht noch auf eins dieser Wesen und konnten das Wesen töten. Wir haben es in Leinen verschnürt und hierher mitgebracht, um es genauer untersuchen zu lassen.“
    Mit weit aufgerissenen Augen fragte der Älteste: „Ihr habt eines dieser leuchtend, blauen Wesen mitgebracht?“
    „Wie ich es grade erwähnte.“
    „Ich muss es sehen.“
    „Dann folgt mir.“
    Mit diesen Worten verließen sie die Hütte.
    Vor der Hütte des Ältesten war die Ansammlung von Trollen, Kobolden, Nordmännern und Frostalfar größer geworden. Jung und Alt, Mann und Frau waren versammelt um zu sehen wer für die Aufregung in Dyrfell verantwortlich war und was die Ursache sein sollte.
    Tjelvos Gefährte stand neben seinem Pferd auf dem ein Menschengrosses Bündel, verschnürt in Leinen, quer über dem Pferderücken lag. Tjelvos Fuchs stand daneben und schaute desinteressiert auf die Zuschauermenge.
    Mit einem Handzeichen gab Tjelvo seinem Gefährten den Befehl das Bündel vom Pferd zu nehmen. Laut klatschte das Bündel auf den Boden, es entrollte sich und als jeder einen Blick auf das Wesen richten konnte, rollte eine Oha-welle durch die Menge. Das Wesen ähnelte den Valkyns, doch war ihr Fell dicker. Die hellblaue Farbe des Felles glitzerte im Sonnenschein. Die Kreatur war komplett nackt und man konnte die messerscharfen Krallen an Händen und Füssen erkennen. Die schmalen, spitzen, enganliegenden Ohren zogen sich bis Höhe der Schädeldecke. Lange, scharfe Eckzähne traten aus dem Mund des Wesens hervor. Die Augen waren schmale Schlitze, obwohl sie weit geöffnet waren. Die platte Nase ähnelte entfernt an die Nase eines Trolls. Die Wangenknochen waren hoch. Trotz der zierlichen Gestalt des Wesens konnte man harte Muskeln erkennen, die wahrscheinlich zu einem enormen Kraftaufwand fähig waren.
    Erschrocken zog sich die Menge etwas zurück, um einen großen Abstand zu dem eigenartigen Wesen zu erreichen. Der Älteste zog scharf die Luft ein und flüsterte: „Merutago.“
    Nur Tjelvo hörte was der Älteste soeben geflüstert hatte, denn die anderen standen alle zu weit weg. Er wollte den Ältesten grade darauf ansprechen, als dieser schon bissig Befehle in Richtung des Hauptmanns schrie: „Sofort einen Melder nach Aegirhamn schicken. Den Brief werde ich jetzt noch aufsetzen. Er soll dem Rat der Völker diesen Brief übergeben. Außerdem möchte ich, dass alle umliegenden Gehöfte benachrichtigt werden, sie sollen sich unverzüglich hierher begeben. Doppelte Patrouille an der Schlucht nach Bjarken. Ach was sag ich. Vierfache Patrouille. Ein Reiter soll Brista, die Seherin aufsuchen und sie hierher beordern. Wir benötigen ihre Hilfe. Und du“, damit wandte er sich an Tjelvo, „schaff diese Kreatur sofort in meine Hütte.“ Damit drehte sich der Älteste abrupt um und ging in seine Hütte rein.
    Tjelvo bedeutete seinem Gefährten, den Befehl des Ältesten auszuführen. Nachdenklich schaute er auf das befremdliche Wesen.
    Merutago? Was hatte das zu bedeuten?
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    Kapitel 26.

    Vermisst

    Aghorsch und Pirkos stritten sich nun seit Stunden und Thealunia hielt es bald nicht mehr aus. Wo blieb bloss Okar, der versuchte die Fährte von Valtäryn aufzunehmen? Er war schon viel zu lange weg und das war ihm gar nicht ähnlich.
    Nachdem die Greifen sie hier am Flussufer abgesetzt hatten, waren sie gleich auf Valtäryns Spuren gestoßen. Nach genauerer Untersuchung mussten sie aber leider feststellen, dass sich die Spuren in der Nähe des Waldes im Westen verliefen. Das Flussufer war matschig, so dass sich die dortigen Fußspuren leicht erkennen ließen, doch je näher sie dem Wald kamen umso undeutlicher wurden sie, bis sie am Waldesrand gänzlich verschwunden waren. Okar hatte sie angewiesen an Ort und Stelle zu bleiben, falls Valtäryn zum Flussufer zurückkehren sollte. Er wollte indes nach seinen Spuren tiefer im Wald suchen. Nun waren Stunden vergangen ohne das Valtäryn aufgetaucht oder Okar zurückgekehrt war. Thealunia machte sich ernsthaft sorgen. Okar konnte sich in einer gefährlichen Situation immerhin verteidigen, doch Valtäryn wäre für die hier herumstreifenden Säbelzahntiger ein gefundenes Fressen.
    „Du Dumpfbacke. Hättest du dich gegenüber dem Jungen nicht immer so misstrauisch verhalten, wäre er jetzt noch hier.“
    „Achja“, meinte Prikos erbost, „seit wir mit ihm unterwegs sind haben wir nur Ärger am Hals. Morvalts, Rothauben, Greifen! Ich habe die Schnauze gestrichen voll.“
    „Der Junge ist die einzige Hoffnung für Midgard diese Plage von Morvalts loszuwerden und du sprichst von ihm, als solle er immer noch in seinem Verlies dahin vegetieren. Du hast gleich mehr als deine Schnauze voll, wenn ich dir mit meinem Hammer eins überbrate.“ Drohend hob Aghorsch seinen Hammer, der auch wie zur Antwort sofort bläulich schimmerte.
    „Idiot. Du hast doch keine Ahnung. Wäre dein Bruder Fabulgo hier, könnte er dir wenigstens ein wenig Verstand in deinen Schädel schlagen.“
    „Furzgesicht. Nimm den Namen meines Bruders nie wieder in deine verlogene Koboldfresse.“
    „Du vergisst wer an dem Tod deines Bruders schuld ist. Ich bestimmt nicht! Es war dieser Valkyn, der die Schuld daran trägt.“
    Aghorsch knurrte. Sein Geduldsfaden wurde immer dünner und er stand kurz davor innerlich zu explodieren. „Valtäryn ist an gar nichts Schuld! Bei dir sehe ich das allerdings alles etwas anders. Warum rebellierst du so gegen ihn? Was führst du im Schilde?“
    „Fress Trollscheiße! Vor dir brauch ich mich gar nicht zu verantworten.“ Mit einer herablassenden Handbewegung winkte er ab.
    Das war zuviel für Thealunia. „Jetzt seid endlich ruhig. Ihr streitet seit Stunden und kommt zu keinem Ergebnis. Jetzt verlier ich langsam die Lust euren Beschimpfungen weiter zu zuhören. Okar ist immer noch nicht zurück und auch Valtäryn ist hier nicht aufgetaucht. Wir sollten langsam was unternehmen, sonst schlagen wir noch Wurzeln und dazu hab ich schon mal gar keine Lust.“
    Die beiden Streithähne sahen überrascht zu Thealunia, denn es war das erste Mal, dass sie Thealunia so aufgebracht erlebten.
    Frostalfar waren eigentlich sehr ruhige Wesen. Selten wurden sie zornig und noch seltener verloren sie ihre Beherrschung, doch wenn sie die Beherrschung verloren konnten sie sehr unangenehm werden.
    Als Thealunia registrierte, dass sie soeben kurz davor stand ihre Beherrschung zu verlieren, errötete sie.
    Ruhiger sprach sie weiter.
    „Wir müssen überlegen wie wir jetzt vorgehen. Was sollen wir tun?“
    Pirkos murmelte: „Am besten nach Dyrfell gehen und die ganze Sache auf sich beruhen lassen.“
    Zornig funkelte Aghorsch den Kobold an: „Wenn du kneifen willst, dann geh. Ich halte dich jedenfalls nicht auf.“ Und zu Thealunia gewandt sagte er: „Ich denke wir sollten nach Dyrfell gehen. Vielleicht hat Okar Valtäryn gefunden und ist mit ihm dorthin. Schließlich war es eh unser Ziel. Und sollte Okar nicht in Dyrfell zu finden sein, besteht jedenfalls eine kleine Chance den Kleinen dort anzutreffen.“
    Mit dem letzten Wort biss er sich auf die Unterlippe. Was hatte er da grade gesagt? Ihm wurde klar, dass er in ein Fettnäpfchen getreten war und da nun schwer wieder raus kam. Um das Unglück noch etwas abzuschwächen wandte er sich wieder an Pirkos und meinte beiläufig: „Wenn du willst kannst du bis Dyrfell noch mitkommen. Willst da ja schließlich auch hin.“
    Thealunia grinste insgeheim, trotz dieser miesen Situation. Wenigstens taten sie jetzt was und ihr blieb auch noch die Hoffnung, die beiden anderen vielleicht irgendwo auf dem Weg aufgabeln zu können.
    Sie nahmen ihr Gepäck auf und betraten den Wald Richtung Dyrfell.
    Nachdem sie einige Zeit schweigend durch den Wald gewandert waren, erreichten sie die Straße von Aegirhamn nach Dyrfell, die alle drei nur zu gut kannten. Schon oft diesen Weg gereist, wandten sie sich nach Norden und schritten weiter. Die Sonne küsste mittlerweile Midgards Erde und es würde nicht mehr lange dauern bis sie ihr Ziel erreichen würden. Thealunia hoffte dass sie es noch vor Einbruch der Nacht schaffen würden. Unmerklich erhöhte sie ihr Tempo und ohne es zu merken, schlossen ihre beiden Gefährten auf.
    Kaum erreichten sie die ersten Getreidefelder, die rings um Dyrfell angelegt waren, kam ihnen ein Trupp bewaffneter Reiter entgegen. Thealunias Sehvermögen erkannte, dass es sich ausschließlich um Trolle handelte, die auf riesigen Kriegspferden ritten. Auch der Trupp hatte die drei Reisenden bemerkt und hielt geradewegs auf sie zu. Als der Trupp sie erreichte hielt er an und ein Troll mit weißem Kettenhemd fragte sie barsch: „Wo wollt ihr hin?“
    „Wir wollen nach Dyrfell. Wir haben dort geschäftliche Angelegenheiten zu regeln“; antwortete Thealunia lächelnd.
    „Gut. An eurer Stelle würd ich das auch tun, denn der Weg nach Bjarken ist versperrt,“
    „Versperrt? Warum?“
    Der Troll blickte Thealunia traurig an. „Die Morvalts haben Bjarken erobert. Daher ist die Schlucht nach Bjarken versperrt.“
    „D-Die Morvalts haben was?“ rief Aghorsch ungläubig.
    „Oh Gott. Gibt es Überlebende?“
    „Ja. Zwei Wachen aus Bjarken haben überlebt und sind nach Dyrfell gekommen um uns zu warnen. Der Älteste hat den Ausnahmezustand über das gesamte Gebiet verhängt und auch schon Boten nach Aegirhamn geschickt um dort Hilfe zu erbitten.“ Der dicke Kopf des Trolls schüttelte sich. „Und als wenn das noch nicht genug wäre erscheint plötzlich auch noch ein Valkyn in Dyrfell, als würden die Götter uns neue Prüfungen auferlegen wollen.“
    Alle drei schnappten gleichzeitig nach Luft. „Sagtet ihr ein Valkyn?“
    „Ja. Er wurde in die Hütte des Ältesten gebracht und Brista die Seherin kümmert sich dort um ihn. Er ist vor den Toren Dyrfells zusammengebrochen.“
    „Brista“, flüsterte Thealunia.
    Die Gefährten bedankten sich bei dem Troll und setzten ihren Weg mit doppelter Geschwindigkeit fort. Pirkos kleiner Wirbelwind begleitete sie und ermöglichte es ihnen schnell die Felder hinter sich zu lassen und in der Ferne die Tore Dyrfells entdecken zu können.
    Thealunia dachte an die Worte des Trolls.
    Die Mosaiksteine des Schicksals fügen sich zusammen. Die Götter lenken das Licht auf den rechten Weg.
    Dann runzelte Thealunia ihre Stirn. Aber wo war Okar?
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    Kapitel 27.

    Kriegsbeginn

    Als sich die Gefährten dem Eingang Dyrfells näherten, senkte sich die Sonne vollends und die Nacht brach herein. Fackeln beleuchteten ganz Dyrfell. Vor dem Eingang stand ein ganzer Trupp Trollwachen, welche die Arbeiten der Troll- und Menschenarbeiter beobachteten. Von überall erklangen Hammerschläge. An allen Ecken und Enden wurde unter Hochdruck gearbeitet. Rechts und links des Einganges entstand ein breiter, tiefer Graben bei dem selbst der beste Springer Probleme hätte, diesen zu überspringen. Vereinzelt zogen Bauern Karren mit ihrem Hab und Gut nach Dyrfell rein. Sie wurden von den Trollwachen genauestens inspiziert, bevor sie das okay bekamen Dyrfell zu betreten.
    Auf der hohen Mauer, die Dyrfell umgab, standen in regelmäßigen Abständen Bogenschützen und beobachteten das Umland. Ein Großteil der Bogenschützen waren Nordmänner, doch Thealunia erkannte auch hier und da einige ihres Volkes.
    Einer der Wachleute hielt sie am Eingang nach Dyrfell mit erhobener Hand an. Seinem Abzeichen nach war er wohl der Hauptmann der Wache.
    „Was führt euch nach Dyrfell?“
    „Wir suchen jemanden. Einen Valkyn. Von einer herumstreifenden Patrouille erfuhren wir, dass er wohl hier in Dyrfell sein sollte“, antwortete Thealunia.
    „Ihr sucht den Valkyn?“
    „Seid ihr so begriffsstutzig? Es gibt wohl nicht so viele Valkyns mehr, so dass die Auswahl etwas klein ausfällt“, begehrte Aghorsch auf. Er konnte es nicht erwarten wieder bei Valtäryn zu sein.
    Beruhigend legte Thealunia eine Hand auf Aghorschs breite Schulter. „Entschuldigt meinen Gefährten. Er macht sich seit geraumer Zeit große Sorgen um den Valkyn, da sie etwas verbindet“, versuchte Thealunia die Situation zu entschärfen.
    Grummelnd betrachtete der Hauptmann erst den Zwerg und winkte die Gefährten dann durch.
    „Ihr findet den Valkyn in der Hütte des Ältesten.“ Mit diesen Worten wandte er sich wieder den Arbeiten zu.
    Thealunia schritt durch das schwere Holztor und umging die Teilmauer nach links. Ihre Gefährten folgten ihr. Als sie um die Ecke bogen, bot sich ihnen ein fürchterlicher Anblick. Der kleine Marktplatz platzte fast aus allen Nähten. Das gemeine Volk drängte sich dort zusammen. Überall waren behelfsmäßige Zelte aufgebaut. Schreiende und kreischende Babys und Kinder füllten die Luft an. Rufe von Erwachsenen zogen den Geräuschpegel noch an. Dazu kam das ständige Hämmern, Sägen, Schleifen und Schlagen von Arbeiten der Handwerker. Gebrüll der Wachen versuchte Ordnung ins Chaos zu bringen, doch bei solch einer Ansammlung war es ein aussichtsloses Unterfangen. An der Mauer entlang war ein hohes Gerüst errichtet worden. Auf dessen Gerüst verlief ein Rundsteg, auf dem die Bogenschützen standen. In regelmäßigen Abständen des Gerüstes liefen Holzstiegen in die Höhe. Die Zelte waren nicht nur beim Marktplatz vorhanden, sondern standen auch an dem Gerüst entlang und zwischen den Gebäuden. Sie standen so eng nebeneinander, dass ein Durchkommen ein einziger Kampf war. Ein Trupp Wachen lief zwischen dem einfachen Volk hindurch und zog jeden mit, welcher alt genug war eine Waffe zu tragen. Frauen und Männer, Junge und Alte. Jeder wurde aus der Masse gerissen und zu einer Art Rüstkammer geschleppt, bei der er Rüstung und Waffe, sowie Anweisungen erhielt.
    „Das ist fürchterlich“, flüsterte Aghorsch.
    „Ja. Das ist es“, stimmte ihm Thealunia zu.
    „Was soll es. Dann lernen die Bauern auch mal, sich mit Schwert und Axt zu verteidigen. Wird auch mal Zeit, solch ein Pack in solchen Situationen heranzuziehen.“
    Wütend wollte Aghorsch auf Pirkos Aussage was erwidern, doch Pirkos war schon in der Menge verschwunden.
    „Der soll mir noch mal unter die Augen kommen“, schnaubte Aghorsch.
    „Lass gut sein Aghorsch. Wir sollten die Hütte des Ältesten aufsuchen, damit wir sehen wie es Valtäryn geht. Brista ist ja auch schon da.“
    Zustimmend nickte Aghorsch und folgte Thealunia durch die Menge.
    Nach kurzer Zeit erreichten sie die Hütte, die von vier großen Elitewachen bewacht wurde.
    Thealunia trat vor und sprach einen der Wachen an: „Ich bin Thealunia Windspiel und dies ist Aghorsch Hammerfaust. Wir wollen mit dem Ältesten sprechen. Es ist wichtig, denn es geht um den Valkyn, der sich bei ihm befindet.“
    Der Troll nickte. „Wartet kurz“, und damit verschwand er in die Hütte.
    Einen Augenblick später trat er wieder aus der Hütte und machte eine einladende Geste. „Ihr dürft eintreten.“
    Die beiden Gefährten schlüpften durch den Eingang der Hütte und fanden sich in einem geräumigen Raum wieder.
    Drei Personen saßen an einem Holztisch auf Hockern und unterhielten sich angeregt. Als die Personen die Neuankömmlinge bemerkten drehten sie sich zu ihnen um. Sofort fiel Thealunias Blick auf eine sehr alte Frau. Ihr Gesicht war von Falten übersäht und die tiefliegenden, grauen Augen musterten Thealunia. Ein Lächeln umspielte ihre runzligen Lippen. Weiterhin saßen ein alter und ein junger Nordmann am Tisch. Der alte Mann schien der Älteste zu sein. Der junge Mann trug eine Kettenrüstung und ließ nur die Möglichkeit zu, dass er ein Kämpfer war. Sein Abzeichen zeichnete ihn als Wachoffizier aus und die weiße Schneeflocke ließ erkennen, dass er aus Bjarken stammte.
    Brista erhob sich und begrüßte die beiden.
    „Thealunia. Schön dich wieder zu sehen. Ich grüsse dich und deinen Zwergengefährten. Setzt euch zu uns und berichtet, was euch zu uns führt.“
    Thealunia schritt auf den Tisch zu und setzte sich gegenüber dem jungen Mann. Aghorsch setzte sich neben sie und stemmte seinen Hammer an seine Seite.
    Thealunia wurde sich des Blickes bewusst, den der junge Mann ihr neugierig zuwarf. Sie lächelte ihn an und errötend schaute der junge Mann in die andere Richtung.
    „Es geht um den Valkyn der sich bei euch befinden soll, ehrwürdige Brista. Wir haben ihn vor etwa einer Woche aus den Klauen der Morvalts befreit und führten ihn bis nach Dyrfell.“
    Langsam und ohne eine Einzelheit zu vergessen erzählte Thealunia von der Suche nach dem geheimnisvollen Lager und den dort befindlichen Schatz. Sie erzählte wie die Zwerge den Valkyn in einer abgelegenen Höhle fanden, befreiten und sich hinaus kämpften. Von dem anschließendem Massaker im Morvaltlager, wie sie den Magier stellten und wie Fabulgo starb. Die Erinnerung an Fabulgos Tod stimmte sie kurz traurig, doch sie erzählte weiter. Thealunia erzählte von den Folgerungen, die sie und ihre Gefährten an diesem Abend schlossen, von der Überredung Valtäryns ihnen nach Dyrfell zu folgen und von der Reise durch die Gripklosa Berge. Die Begegnung mit den Rothauben und der Information, dass die Wege nach Bjarken versperrt waren. Die Reise zum Hügel des Greifs und von dem Flug nach Aegirs Bucht. Von Okars Suche und sein Verschwinden und die anschließende Reise nach Dyrfell. Mehr als einmal konnte Thealunia beobachten, wie Bristas Augen groß wurden und auch der junge Mann starrte sie mit erstaunten Augen immer wieder an. Als sie endete seufzte sie und schaute erwartungsvoll in die Runde.
    „Breguhugg. Ich hätte es mir denken können.“
    „Wie meint ihr das, ehrwürdige Seherin?“ fragte der Älteste und erhob sich.
    „Er war derjenige, der damals Brakoos Hof übernahm, nachdem wir von dort fliehen konnten. Er führt die Morvalts an. Ich bin mir sicher, dass er auch hinter dem Überfall auf Bjarken steckt. Vielleicht ist er auch derjenige, welcher die Morvalts dazu angestiftet hat, sich gegen die restlichen Völker zu stellen. Er ist durch und durch böse und trachtet nur nach seinem eigenen Vorteil.“
    „Aber was will er damit erreichen? Welche Ziele verfolgt er? Ich frage mich die ganze Zeit, warum er Valtäryn nicht schon längst tötete.“ Der junge Mann erhob sich wie der Älteste und schritt nachdenklich durch den Raum. „Das alles ergibt doch keinen Sinn.“
    „Oh Tjelvo. Das ergibt alles einen Sinn. Breguhugg versucht die Herrschaft über die Insel Aegir zu erlangen. Ich will mir gar nicht ausmalen, was das bedeuten würde, wenn es ihm gelingt. Verbündete hat er ja anscheinend gefunden und den ersten Vorposten erobert. Das war wahrscheinlich aber nur ein kleiner Schritt seines großen Plans. Sein Stolz und seine Selbstsicherheit sind riesig. Ihm wäre nie in den Sinn gekommen eine solche Trophäe wie Valtäryn sofort zu töten. Den Beschreibungen Thealunias nach zu urteilen, bin ich mir ziemlich sicher, dass er ein Ritual vorbereitete und ihr da hinein geplatzt seid. Das Opfer dieses Rituals sollte vielleicht Valtäryn sein. Wenn dem so ist, seid ihr in letzter Sekunde erschienen und konntet das verhindern.“
    Aghorsch räusperte sich. „Wo wir grade von Valtäryn sprechen. Ich würde ihn gerne sehen.“
    Mit festem Blick schaute er Brista an. „Es ist mir unglaublich wichtig.“
    Lange hielt er dem Blick der Seherin stand, die ihn interessiert und neugierig in die Augen starrte. Dann stellte sie unvermittelt eine Frage. „Warum würdest du dein Leben für Valtäryn geben?“
    Überrascht zuckte der Zwerg zusammen, so dass es alle sahen. Mit dieser Frage hätte er nie gerechnet.
    „Ähm. Na ja. Also. Mmh. Es ist so…“ Sprachlos brach er den Versuch eine Erklärung abzugeben ab und schaute betreten auf die Tischplatte. Seine Hände verkrampften sich um den Stiel seiner Waffe, dass die Handgelenke eine weißliche Farbe annahmen.
    „Ich sehe deine Entschlossenheit in deinen Augen, Valtäryn vor allem Bösen zu beschützen. Ich verstehe zwar nicht warum, aber ich kann die Ehrlichkeit in deinen Augen erkennen. Du wirst einen guten Grund dafür haben“, sie deutete in Richtung der Schlafstätte, „gehe zu ihm.“
    Unverzüglich sprang Aghorsch auf und rannte zur Schlafstätte. Zwischen Wollmammutfellen erblickte er das Gesicht Valtäryns. Er schien zu schlafen. Runzelnd betrachtete er Valtäryns Gesicht näher. Bleich war das Gesicht. Vom Tisch her hörte er Bristas Stimme.
    „Valtäryn war vor einigen Stunden in Dyrfell eingetroffen, zeitgleich mit Tjelvo. Plötzlich fiel er vor dem Stadttor um und stürzte in den Straßendreck. Er scheint in eine Art Schockzustand zu sein. Ich vermute, dass es Tjelvos Anblick war. Wenn er wirklich seine Erinnerungen an die Zeit vor seiner Gefangenschaft verloren hat, war Tjelvos Anblick wohl ein Auslöser in ihm und versetzte ihn in den jetzigen Zustand.“
    „Ich verstehe nicht“, Stirn runzelnd betrachtete Thealunia den jungen Nordmann näher. Was hatte dieser Tjelvo damit zu tun?
    „Tjelvo wuchs mit Valtäryn auf dem Hof seines Vaters auf“, fuhr Brista erklärend weiter. Sie kennen sich seit klein auf. Bis zu dem Tag vor fast genau zehn Jahren, als Brakoo Valtäryn die Wahrheit über seine Herkunft erzählte. Am selben Tag reisten sie noch ab. Brakoo wollte ihm den Ort zeigen, wo er ihn gefunden hatte. Brakoo fand ihn an dem Tag, an dem Tjelvo geboren wurde und die Valkyns von den Morvalts abgeschlachtet wurden. Beide kehrten nie zurück. Schließlich mussten wir fliehen, als die Morvalts über Brakoos Hof fielen und ihn für sich einnahmen.“
    So langsam verstand Thealunia, doch irgendwie gefiel ihr das alles nicht. Solch einen Zufall konnte es doch nicht geben. Nur die Götter selbst konnten so was in die Wege leiten. Aber warum? Was war mit Valtäryn? Was war sein Schicksal? Und was war ihre Aufgabe in dieser ganzen Sache?
    „Ihr spracht von Verbündeten, Ehrwürdige?“
    „Ja. Merutagos haben sich mit den Morvalts verbündet.“
    Merutagos? Thealunia erschauerte. Das darf nicht sein.
    „Es scheinen nur vereinzelte, kleinere Verbände zu geben. Bislang haben wir jedenfalls nur die kleine Streitmacht von etwa hundert bei Bjarken sichten können“, meinte Tjelvo.
    In dem Augenblick wurde der Vorhang der Hütte grob beiseite geschoben und einer der Trolle bückte sich herein.
    „Ältester! Der Bote ist zurück!“
    Erregt rief der Älteste: „Immer herein mit ihm!“
    Sofort machte der Troll platz und ein Nordmann in einer grünlichen Nietenrüstung betrat die Hütte. In seiner Hand hielt er einen Langbogen und über seiner Schulter hing ein Köcher mit gefiederten Pfeilen. An der Seite hing ein Schwert. Seine blonden Haare waren vom schnellen Ritt durcheinander und ein abgehetztes Gesicht schaute in die Runde. Nach einer Verbeugung begann der Mann zu reden.
    „Ich habe schlechte Kunde aus Aegirhamn. Der Rat lehnte eine Hilfe ab.“
    „Was?“ schrie der Älteste außer sich. „Warum?“
    Tjelvo starrte den Jäger entsetzt an und als der Mann nicht sofort antwortete schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. „Ja warum? Sprecht endlich.“ Aufgebracht schritt er auf den Jäger zu.
    Ängstlich antwortete der Jäger.
    „Die Morvalts haben Hagall gestern eingenommen und marschieren mit einer großen Streitmacht auf Knarr zu. Ein großer Verband versperrt den Weg nach Muninsund. Aegirhamn ist im Ausnahmezustand. Viele fliehen durch das Portal nach Jordheim. Andere mobilisieren ein Heer, um die eroberten Städte zurück zu erobern. Das Volk ist zersplittert. Viele sprechen vom Untergang Aegirs, andere sagen es sei eine Prüfung der Götter. Der Rat selbst ist geteilt. Meinungsverschiedenheiten schaffen große Schluchten zwischen den Völkern. Aber alle sind sich einig, dass keine Soldaten nach Dyrfell geschickt werden können, weil sie einfach nicht zur Verfügung stehen. Der große Rat von Jordheim schickte die Nachricht Aegir zu evakuieren. Viele folgen dem Rat, aber nicht alle.“ Zittrig beendete der Jäger seinen Bericht. Ein Tuch der Stille legte sich über die Anwesenden. Grauen breitete sich wie eine Pestilenz aus. Unaufhaltsam wurde allen klar, was das zu bedeuten hatte.
    Tjelvo sprach es schließlich aus: „Oh, ihr Götter. Jetzt bekriegt sich Midgard nicht nur mit Albion und Hibernia außerhalb des eigenen Landes. Jetzt ist im Inneren auch der Krieg ausgebrochen.“
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    Kapitel 28.

    Kriegsbeginn (2)

    Nachdem Thealunia sich noch kurz mit Brista unterhalten hatte, folgte sie Tjelvo nach draußen vor die Hütte des Ältesten.
    Brista meinte, jetzt wäre nicht der rechte Augenblick über Valtäryn, seine Wunden und auch über die unerklärlichen Auswirkungen der Magie auf seinen Körper zu sprechen. Wichtigere Dinge hatten eine viel höhere Priorität, wie z.B. das Voranschreiten der Verteidigungsanlagen Dyrfells. Da keiner wusste inwiefern die Morvalts und die Merutagos über magische Angriffe verfügten, mussten sie vom schlimmsten Ausgehen. Tjelvo konnte dazu auch wenig sagen, da er beim Überfall auf Bjarken zu sehr damit beschäftigt war, seine Leute durch die Angriffslinie des Feindes zu bringen. Bristas Auftrag war klar und deutlich gewesen. Thealunia sollte feststellen, wo sich magische Schutzvorrichtungen errichten ließen und wo mögliche Schwachpunkte solcher Angriffe waren. Tjelvo sollte ihr als Führer zur Seite stehen.
    Vor der Hütte wartete schon Tjelvo und lächelte ihr zu. Trotz seines noch jungen Alters ging von ihm ein geheimnisvoller Charme aus, den Thealunia zusprach. Sie lächelte zurück.
    Nebeneinander umrundeten sie den Markt.
    Die Sonne war schon längst versunken und die Nacht herrschte über Aegirs Bucht. Überall brannten Feuer. An den Mauern Dyrfells und auf dem hölzernen Rundgang loderten Fackeln und erhellten die Umgebung. Trotz der Nacht herrschte überall emsiges Treiben. Stählerne Eisenplatten wurden zur Verstärkung und zum Schutz des Rundgangs angebracht, damit dieser bei einem Angriff nicht Feuer fing. Aus der einzigen Schmiede Dyrfells ertönte das Hämmern auf Eisen. Eine Rauchwolke floh aus dem riesigen Kamin der Schmiede und verschwand in der Nacht.
    Ein Trupp Arbeiter lief an den beiden vorbei, in jeder Hand einen Eimer mit einer pechschwarzen Flüssigkeit, die beim Laufen immer wieder über den Rand der Eimer schwappte. Sie liefen geradewegs auf den Ausgang Dyrfells zu.
    Thealunia runzelte die Stirn.
    Anscheinend hatte Tjelvo ihren Blick bemerkt, denn er antwortete erklärend: „Ich habe den Hauptmann angewiesen brennbares Pech in den Graben zu schütten, der geschaufelt wurde. Bei einem Angriff von Fußtruppen können wir ihnen wenigstens an den Mauern damit Einhalt gebieten und unsere ganze Stärke auf das Tor konzentrieren.“
    Thealunia war nicht der mitschwingende Stolz in seiner Stimme entgangen, daher fragte sie freundlich: „War das eure Idee?“
    Überrascht blieb Tjelvo stehen, dann wurde er rot wie eine Mularner Tomate: „Ja. Das war meine Idee, so wie all die anderen Verteidigungsanlagen. Nennt mich doch bitte Tjelvo, schließlich kämpfen wir für dieselbe Sache“, dabei lächelte er sie wieder an und wurde noch eine Nuance roter.
    „Ich danke dir Tjelvo. Nenne mich dann bitte Thea“, dabei ließ sie ihr süßestes Lächeln auf ihre Lippen zaubern.
    Tjelvo nickte.
    Sie erreichten das schwere Holztor, an dem auch fleißig Eisenplatten angebracht wurden. Von Innen wie von Außen. Die Eisenplatten verwandelten das Tor in ein verstärktes Eisentor. Feuer konnte es nun nicht mehr zerstören.
    Anerkennend blickte Thealunia Tjelvo in die Augen, dann wandte sie sich wieder dem Tor zu. Sie konzentrierte sich und spürte sofort die starke magische Kraft, welche durch Hexenmeister, Geisterbeschwörer, Knochentänzer und Runenmeister auf das Tor gewoben war. Damit sollten magische Angriffe abgewehrt werden und anlässlich der gewaltigen Ansammlung magischer Verbindung könnte das auch erfolgreich werden.
    Nun begannen sie ihren Rundgang an der Mauer entlang und Thealunia prüfte jeden Mauerabschnitt auf die gleich starke magische Kraft. Hier und da wurde die Kraft schwächer und Thealunia bedeutete dann Tjelvo jedes Mal, diesen Mauerabschnitt mit Hilfe der magiebegabten Helden innerhalb Dyrfells nochmals zu überarbeiten und auszubessern.
    So arbeiteten sie sich langsam, aber kontinuierlich vor. Als sie die Hälfte hinter sich hatten, bedeutete Tjelvo ihr plötzlich stehen zu bleiben und legte den Zeigefinger auf seine Lippen. Seine Hand fuhr zum Schwert und zog es langsam aus der Scheide heraus.
    Still lauschten sie in Dunkelheit hinein. War da nicht ein Geräusch gewesen? Lange standen die beiden sich gegenüber und verharrten still, um jedes Geräusch zu vermeiden. Ihre Blicke trafen sich. Etwas kitzelte in Thealunias Magengegend und stieß weiter nach oben. Es kribbelte und krabbelte, als würden kleine Höhlenspinnen sich in ihrem Körper fortbewegen.
    Was ist das?
    Ihr Herz wurde warm und der Blick, den sie Tjelvo zuwarf noch intensiver. Auch in Tjelvo schien sich was zu regen, denn er trat plötzlich von einem Fuß auf den anderen ohne den Blick von der Frostalfar zu wenden. Er führte sich auf wie ein kleiner Junge, der etwas angestellt hatte und es ihm peinlich war darüber zu reden. Irritiert schauten beide gleichzeitig weg, nur um sich einen Augenblick später wieder anzustarren. Das ging eine geraume Weile so weiter, bis sich Tjelvo laut räusperte.
    „Entschuldige Thea, aber ich dachte ich hätte was gehört.“
    „Ich meinte auch etwas gehört zu haben, aber es scheint, dass das Geräusch weg ist.“
    Verlegen schauten sich beide lächelnd an und widmeten sich dann wieder ihrer Aufgabe zu, ohne jedoch dieses eigenartige Gefühl zu vergessen. Mit beiden war etwas geschehen. Allerdings wurde ihnen nicht klar, welche Ursache das Gefühl hatte.

    Die dunkle Mithrilkugel verströmte eine unheilvolle Macht. Kalt lag sie in Pirkos Hand. Ärgerlich wischte er mit einem Ärmel über die Kugel und murmelte leise magische Worte.
    Was für ein Unding, dachte er. Erst diese tagelange Suche nach dem Schatz, dann die Enttäuschung über den Fund. Ein Valkyn. Ungeheuerlich. Hätte es sich um eine magische Waffe, ein Juwel, eine magische Rüstung oder ähnliches gehandelt, wäre sein Auftrag schon längst erledigt. Pirkos knurrte. Es musste ja wieder alles anders kommen. So wie immer.
    In der Kugel waberte plötzlich Nebel auf und durchzog das Innere der Kugel milchig. Eine dunkle Gestalt schälte sich aus dem Nebel.
    „Hast du deine Aufgabe erledigt, Pirkos?“ fragte die Gestalt.
    „Meister! Es sind unerwartet Probleme aufgetreten.“
    „Probleme?“ donnerte die Gestalt. „Was meinst du mit Problemen, du nichtswürdiger, verlogener Kobold?“
    Pirkos zuckte zusammen. Sein blaues Gesicht nahm einen fahlen Teint an und sein Körper fing an zu zittern. Angst schlich sich in seine Gedanken und eine unsägliche Qual verzerrte seinen Gesichtsausdruck. Die blauen Koboldhände verkrampften sich um die Kugel.
    „D-die Hoff-hoffnung Midgards ist ein Valkyn. Ich hatte keine Möglichkeit diesen Valkyn zu töten. Er war unter ständiger Beobachtung seiner Gefährten. E-er befindet sich mom-momentan bei dem Ältesten von D-dyrfell und ich habe keine Möglichkeit an ihn ran zu kommen.“
    „Was erzählst du da, schwachsinniger Idiot? Haben dir Maden dein Gehirn zerfressen.“
    „Nein Meister. E-es ist so wie ich sagte. Der Sch-schatz den wir in dem Morvaltlager bargen, w-war ein gefangener Valkyn. Er ist die Hoffnung Midgards.“
    Die Gestalt riss ihr Maul weit auf und schnappte gegen die Innenseite der Kugel. Vor Schreck ließ Pirkos die Mithrilkugel falllen und sie kullerte in den Schlamm.
    „Was macht ihr da?“ fragte eine Stimme hinter Pirkos.
    Pirkos schloss die Augen. Er war sich so sicher gewesen, zwischen der Schmiede und der Taverne, in dieser dunklen Gasse würde ihn keiner stören, wenn er Kontakt mit seinem Meister aufnahm und wie immer kam wieder alles anders. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Wache. Nun musste es schnell gehen, bevor andere auf ihn aufmerksam wurde.
    Verdeckt zwischen seine Hände wob er magische Energien. Die Konzentration fiel ihm schwer. Der Wutausbruch seines Herrn hatte ihn kurz aus dem Gleichgewicht gebracht. Hinter ihm kamen Schritte näher und dieselbe Stimme sagte wieder: „He ihr da. Ich spreche mit euch. Erhebt euch sofort und dreht euch zu mir. Die Hände schön sichtbar, dass ich sie sehe“
    Einfaltspinsel. Das kannst du gerne haben, dachte Pirkos und ein böses Lächeln zog durch sein Gesicht.
    Schnell wirbelte er herum und erblickte den Wachsoldaten wenige Schritte von seiner Position mit erhobenem Schwert. Pirkos hob ruckartig seine geschlossenen Hände und öffnete sie. Eine dunkle Wolke umhüllte den Wachsoldaten zog sich blitzschnell zusammen, nur um sich dann in Sekundenschnelle Auszudehnen. Lila und Violette Ränder zogen die Wolke immer weiter auseinander. Erschrocken ließ der Wachposten sein Schwert fallen und verkrampfte sich. Schmerzhaft hielt er sich erst den Bauch, dann die Brust und bevor er tot nach vorn in den Schlamm fiel, presste er seine Hände noch um den Hals. Mit einem erstickten Laut ging er zu Boden. Die Wolke verblasste.

    Pirkos sprang auf den Soldaten zu und rollte ihn an die Wand der Taverne. Danach drückte er sich selbst platt an die Wand und schaute sich um, ob jemand auf ihn und den toten Wachsoldaten aufmerksam geworden war. Die Gasse entlang zur Stadtmauer erschienen zwei Gestalten die plötzlich stehen blieben.
    Mist. Jetzt bloß ruhig verhalten.
    Verstohlen schaute er zur Mithrilkugel, die mitten in der Gasse lag. Es kam Pirkos wie eine Ewigkeit vor, bis die zwei Gestalten die Mauer entlang aus seinem Gesichtsfeld verschwanden. Seufzend sackte er an der Tavernenwand in den Schlamm und holte tief Luft.
    Das war knapp.
    Länger durfte er aber nicht verharren, denn wenn sein Meister auf Antwort warten musste, konnte das sehr ungemütlich ausgehen. Auf allen vieren kroch er zur Kugel und zog sie zu sich. Den Runenumhang warf er über seinen Kopf und über die Kugel.
    In der Kugel schaute ihn das Gesicht seines Meisters finster an.
    „Es tut mir leid Meister. Ein Wachposten hat mich grade entdeckt und unser Gespräch gestört.“
    Warnend hob sein Meister eine Klaue: „Lass mich nie wieder warten!“
    „Nein Meister. Nie wieder.“ Die Angst kam zurück gekrochen.
    „Du sagst ein Valkyn ist die Hoffnung Midgards und du hast keine Möglichkeit mehr an ihn ranzukommen?“
    „Ja Meister. Aber wenn ihr mir noch etwas Zeit gebt, dann erledige ich die Aufgabe zu eurer vollsten Zufriedenheit“, flüsterte Pirkos.
    „Das kannst du vergessen. So viel Zeit habe ich nicht. Der hohe Rat der Völker ist gespalten und das ist unsere Chance. Die Armee steht bereit. Du wirst nach Mularn reisen und dich dort mit Fealdur treffen. Er hat genaue Instruktionen von mir erhalten und wird dich einweihen. Midgard ist geschwächt und ich will innerhalb kürzester Zeit zuschlagen. Du wirst mit Fealdur mein Heer anführen. Das ist meine Stunde. Enttäusche mich diesmal nicht, ansonsten weißt du was mit dir geschehen wird. Hast du verstanden Pirkos?“
    „Ja Meister.“
    Im selben Moment verblasste die Gestalt und der Nebel in der Kugel wurde dichter, bis auch er verschwunden war. Grunzend steckte Pirkos die Mithrilkugel wieder in sein Gepäck und erhob sich. Also nach Mularn musste er. Das Heer seines Meisters war bereit. Niemals hätte Pirkos gedacht, dass der Untergang Midagrds so schnell voranschritt. Leise lachte er in sich hinein. Ihn sollte es jedenfalls nicht stören. Sollte sein Meister sein Ziel erreicht haben, würde er eine gottgleiche Belohnung bekommen.
    Kurze Zeit später schlüpfte ein kleiner Kobold, bekleidet mit einem Runenumhang unbemerkt durch das Tor Dyrfells. Mit schnellen Schritten folgte er der Straße nach Aegirhamn.
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    Kapitel 29.

    Der letzte Auftrag

    Im Schatten der Bäume bewegte sich Okar langsam durch den Wald. Suchend betrachtete er den Waldboden, die Büsche und Bäume nach Spuren von Valtäryn. Er hatte sich nach Süden begeben, um sich später einen Weg nach Westen zu suchen und so einen großen Radius als Suchgebiet abzudecken. Durch die Bäume konnte er den Fluss rauschen hören, der nach Süden Richtung Aegirhamn floss. Je weiter Okar nach Süden kam, desto sicherer war er sich Valtäryn hier nicht zu finden. Er wollte sich grade nach Westen wenden, als er in der Nähe des Flusses ein Geräusch hörte. Es war zwar nur ein Plätschern gewesen, als wäre jemand in den Fluss gesprungen, doch seine Aufmerksamkeit war geweckt.
    Geduckt schlich er zum Waldrand und spähte zwischen dichtem Gestrüpp hinunter zum Flussufer.
    Unten am Flussufer stand ein Geschöpf wie er es noch niemals zuvor erblickt hatte. Er war schon weit herum gekommen, doch solch ein Wesen war ihm fremd.
    Am Flussufer stand ein nacktes Wesen. Das blaue, nasse Fell glitzerte in der Abenddämmerung. Das Wesen hatte ihm den Rücken zugewandt und schöpfte Wasser mit der hohlen Hand aus dem Fluss. Neben dem Geschöpf lagen Rüstungsteile aus Leder. Die grüne Färbung der Kleidungsstücke verschmolz fast mit dem grünen Gras. Mit Wasserspritzer säuberte das Wesen ihr Gesicht und den Brustbereich. Die schlanke Gestalt des Wesens war einer Frostalfar gleich. Okar bemerkte die weiblichen Rundungen. Fasziniert betrachtete er die Kreatur. Eine fremde Schönheit bedeckte diesen Körper wie ein feiner Mantel aus Blütenstaub.
    Hinter Okar knackte es.
    Mit gezogenem Schwert wirbelte er herum und sah sich einem Morvaltkrieger gegenüber. Ohne Vorwarnung griff der Morvalt an. Überrascht konnte Okar den langen Speer des Morvalts noch grade so abwehren. Sofort ging Okar zur Gegenwehr über. Mit einer Wirbelattacke schlug er den Speer aus der Hand des Morvalts und ein weiterer Schwung seines Schwertes trennte den Kopf des Morvalts von dessen Rumpf. Suchend schaute er sich um, ob noch mehr Feinde in der Nähe waren. Nachdem er sich versichert hatte, dass kein weiterer Morvalt in der Nähe war, wandte er sich wieder dem Flussufer zu.
    Die Kreatur war verschwunden, nur das niedergetrampelte Gras zeugte davon, dass sich vor kurzem dort jemand aufgehalten hatte. Achtsam trat er aus dem Wald heraus und ging zu der Stelle rüber an der sich das Wesen gewaschen hatte. Dort angekommen schaute er sich um konnte jedoch keine Spur des Wesens entdecken.
    Plötzlich schoss ein blauer Körper aus dem Wasser und sprang an das Ufer. Ein Schlag vor Okars Brust warf ihn zu Boden. So sehr er sich bemühte, schnell wieder auf die Beine zu kommen, das Wesen war schneller. Kaum hatte er sich halb aufgerichtet, als auch schon eine gekrümmte Schwertklinge an seiner Kehle verharrte. Ein leichter Druck ließ ein kleines Rinnsal Blut seinen Hals hinunter laufen. Okars Hand öffnete sich und sein Schwert fiel ins Gras.
    „Ganz ruhig, Nordmann. Versuche nichts unüberlegtes, denn das würde deinen Tod bedeuten“, prophezeite ihm eine wohltuende, schnurrende Stimme.
    Die gekrümmte Schwertklinge wurde von seinem Hals genommen und grob wurde er nach vorne gestoßen. Taumelnd kam er zum Stillstand und drehte sich um. Vor ihm stand das Wesen, gekleidet in der grünen Lederrüstung. Die schmalen Augen betrachteten ihn mit einer Mischung aus Neugier, Interesse und unverhohlenem Hass. Die schlanken Finger, die rasiermesserscharfe Krallen aufwiesen hielten ein gekrümmtes Schwert, an deren Spitze Widerhaken abstanden. Das Metall leuchtete weiß. Es schien ein unbekanntes Material zu sein. Okar erkannte sofort, dass diese Waffe eine sehr gute Arbeit war. Die Waffe wirkte jedoch genauso befremdlich, wie das Wesen selbst. Die schmalen Lippen spitzten sich und ein langgezogener Pfiff erschall. Der Pfiff schmerzte in seinen Ohren und eine seltsame Taubheit setzte in Okars Gliedern ein. Verblüfft merkte er, wie er sich um sich selbst drehte und dann auf dem Boden aufschlug. Alle seine Sinne schienen wie betäubt, nur seine Augen konnte er noch nutzen und was er sah gefiel ihm ganz und gar nicht. Aus seiner Perspektive sah er wie Dutzende Morvaltkrieger aus dem Wald brachen. Ihre Münder öffneten sich und Okar vermutete, dass sie wohl Siegesschreie von sich gaben. Das alles konnte er jedoch nicht hören. Dann wurde er hochgehoben und durchs Wasser geschleift. Kurz erhaschte er noch mal einen Blick auf die Frau, die ihn mit ihrem Pfiff betäubte, dann schloss er die Augen.
    Erschöpft von dieser neuen Situation glitt sein Verstand in einen unruhigen Schlaf. Irgendwann erwachte er und stellte fest, dass er gefesselt war. Starke Riemen waren um seine Hände und Füße gebunden. Eine Kette um seinen Hals führte zu einem Pflock, der in die Erde gerammt worden war. Mittlerweile war es tiefste Nacht. So sehr er sich auch anstrengte, er konnte nur schemenhaft erkennen wo er sich befand. Eine Hütte aus Holz und Stroh war seine Zelle und der einzige Zugang war mit einem zerfledderten Tuch versperrt. Probeweise zerrte er an seine Fesseln und merkte missmutig, dass die Fesseln zu stark waren, als das er sich befreien könnte.
    Das Tuch wurde zur Seite geschoben und jemand betrat mit einer Fackel die Hütte.
    „Wie geht es dir Nordmann?“
    Die Stimme kannte er. Sie stammte von dem Wesen am Fluss.
    Mit trockener Stimme antwortete er: „Mir geht es sehr gut. Danke der Nachfrage.“
    Ein Lächeln huschte im Fackelschein über die Züge des Wesens.
    „Dir scheint wohl noch nicht klar zu sein in welch auswegloser Situation du bist, dass du noch scherzen kannst.“
    „Was soll ich denn sonst auf eine solch dämliche Frage antworten“, antwortete Okar trotzig.
    Nachdenklich betrachtete das Wesen Okar und kam näher.
    „Du könntest recht haben. Vielleicht war die Frage in dieser Situation nicht angebracht. Mich interessiert es auch eigentlich gar nicht wie es dir geht. Ich bin gekommen damit du mir Informationen mitteilst.“
    „Informationen? Welche Informationen? Willst du wissen was ich mit dir mache, sobald ich frei bin?“
    „Du bist wirklich lustig. Wenn du frei bist? Du überschätzt dich gewaltig. Hier wirst du wohl nie wieder weg kommen. Vielleicht wirst du frei sein, wenn Midgard unter gegangen ist, bis dahin allerdings wirst du uns als Informant dienen.“
    Okar runzelte die Stirn. Jetzt erst fragte er sich was dieses Wesen überhaupt mit den Morvalts zu tun hatte. Woher kam das Wesen?
    „Ein Informant soll ich für euch werden? Was willst du denn wissen? Wie du dein Fell von der blauen Farbe reinwaschen kannst?“
    Erbost schaute das Wesen auf ihn herab.
    „Entweder bist du töricht, leichtsinnig oder ausgesprochen mutig. Wie nennt man dich Nordmann?“
    „Okar Sturmhaar. Und mit wem hab ich die Bekanntschaft zu machen?“
    „Zahilian Felgoran. Oberste Eisschöpferin der Merutagos.“
    Das verwirrte Okar. Was war eine Eisschöpferin? Jetzt erst fiel ihm ein, was den Pfiff begleitet hatte. Ein klirrendes, helles Geräusch, wie als würden Eiszapfen einander prallen.
    „Eisschöpferin? Merutagos? Ich verstehe nicht.“
    „Das brauchst du auch nicht. Ich bin diejenige, welche die Fragen stellt. Wie viele Soldaten beherbergt Dyrfell?“
    „Dyrfell. Ich weiß es nicht.“
    Langsam wurde Okar klar, was diese Frage bedeuten sollte. Anscheinend bereiteten die Morvalts mit diesen Merutagos eine Invasion auf Dyrfell vor.
    Ein herber Schlag riss ihn von diesen Gedanken weg.
    „Dieser Schlag ist nichts im Vergleich zu dem was dich noch erwarten wird, wenn du nicht aufrichtig antwortest.“
    „Pah. Würdest du dein Volk verraten?“
    „Ich sehe schon. Es erfordert mehr Überzeugungskraft meinerseits. Das sollte kein Problem sein.“
    Die nächsten Minuten, Stunden waren eine Qual. Die Merutago überzog ihn mit einer Folter, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. Ein erfrierender Schlag folgte dem nächsten. Wellen eisiger Kälte krampften sein Herz zusammen. Drosselnde Kälte würgte seine Kehle ab. Nach unzählbaren Schmerzen sprudelten seine Worte aus ihm heraus, wie ein Vulkan, der ausgebrochen war. Alle Fragen beantwortete er so gut es ging nur damit die Kälte aus seinem Körper verschwand. Irgendwann sackte er erschöpft in seiner blutigen Rüstung zusammen.
    Tränen liefen ihm über die Wangen, die sofort in kleine Eiskristalle einfroren. Zahilian verließ die Hütte und ließ Okar in seinem Kummer allein. Er trauerte darüber ihr alles Wichtige gesagt zu haben. Alle Verteidigungsanlagen, Soldatenanzahl, Kampftechniken, Formationen und andere wichtige Informationen hatte er ihr offenbart. Schluchzend flehte er Thor an ihm zu vergeben.
    Plötzlich durchflutete eine göttliche Wärme seinen Körper. Vor seinem inneren Auge blitzte es auf. Wie ein Sturmgewitter wurde die Kälte in seinem Köper zerstreut und eine erhabene Stimme sprach zu ihm: Okar Sturmhaar. Du hast dein Volk verraten, doch gebe ich, Thor, dir die Möglichkeit das wieder gut zu machen. Du erhältst von mir einen göttlichen Auftrag und wirst ihn unter allen Umständen zu meiner Zufriedenheit erfüllen. Es gibt kein zurück mehr, denn dies wird dein letzter Auftrag sein, bevor ich dich in Walhalla willkommen heißen werde. Begebe dich sofort nach Dyrfell. Du wirst meinen göttlichen Hammer dort einsetzen. Wann du ihn einzusetzen hast wirst du wissen, wenn du da bist. Bis dahin gebe ich dir meine Kraft, damit du dein Ziel erreichen kannst. Nehme deinen letzten Auftrag an Okar Sturmhaar!
    Eine göttliche Macht durchströmte Okar und im selben Augenblick zersprang die Halskette in tausend Stücke. Okar zerrte an seinen Fesseln und riss sie auseinander.
    Seine Tränen versiegten und er erhob sich. Ein Blitzartiges Leuchten erfüllte den Raum und durchzog die Wände wie Risse. Okar wischte sich das Blut aus dem Gesicht und raffte seine Schultern. Nur eins war für ihn nun wichtig. Seinen Fehler wieder gut zu machen. Seinen letzten Auftrag auszuführen und nach Walhalla einzukehren. Wie ein Blitzgewitter durchzog sein bisheriges Leben seinen Kopf. Er hatte ein erfülltes Leben geführt. Er konnte sich nicht beklagen. Und jetzt für Thor einen Auftrag zu erfüllen war für ihn das größte Geschenk.
    Er stiefelte auf den Ausgang der Hütte zu und begann seinen letzten Auftrag zu erfüllen.
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    Kapitel 30.

    Die Schlacht im Nebel

    Irgendetwas kitzelte an Valtäryns Nase. Was konnte das bloß sein? Es war ein unangenehmes Gefühl und um das Kitzeln los zu werden hob er eine Hand und wischte sich über die Nase. Dabei bekam er was Haariges zu fassen.
    „Ho. Ich glaub unsere Schlafmütze ist wach geworden“, rief eine vertraute Stimme. „Ihm scheint mein Zopf zu gefallen.“
    Valtäryn öffnete seine Augen und schaute in das grinsende Gesicht von Aghorsch. Seine Hand hielt einen langen, roten Zopf, welcher wohl die Ursache des kribbelnden Gefühls an seiner Nase war. Errötend ließ Valtäryn den roten Zopf los und grinste frech zurück.
    „Warum musst du mich auch kitzeln?“
    Aghorsch lachte. „Nichts anderes hätte ich erwartet. Den Göttern sei Dank das du wach bist.“
    Sanft packte er Valtäryn an die Schultern und zog ihn nach vorn. In aufrechter Haltung sah Valtäryn nun wo er sich befand. Er saß auf einer Schlaffstätte, die mit Wollmammutfellen ausgelegt war. Hinter Aghorsch erschienen zwei weitere Gesichter. Beide strahlten Erleichterung aus. Das eine Gesicht gehörte Thealunia und das andere dem jungen Krieger, der sich vor den Toren Dyrfells als Tjelvo vorgestellt hatte.
    Eine weitere Stimme meldete sich zu Wort: „Los. Macht Platz. Bin schließlich nicht mehr die Jüngste, dass ich euch ohne Probleme zur Seite schieben kann.“
    Die drei machten Platz und eine alte Frau erschien und trat an die Schlafstätte heran, in einer Hand einen dampfenden Becher mit einer übel riechenden Flüssigkeit haltend.
    „Hallo Valtäryn. Man nennt mich Brista, die Seherin und ich habe von deinen beiden Gefährten gehört, dass du mich aufsuchen wolltest. Na ja. Nun hast du mich ja gefunden, aber bevor du deine Fragen stellst solltest du erst mal diesen Erfrischungstrunk zu dir nehmen. Er schmeckt zwar nicht wie ein Schluck frisches Met, aber danach wirst du dich besser fühlen.“
    Freundlich lächelte Brista ihn aus ihrem zahnlosen Mund an und hielt ihm den Becher hin. Aus dem Augenwinkel sah Valtäryn, wie sich Aghorschs Gesicht anlässlich des widerwärtigen Geruchs, den die Brühe verströmte, verzog. Daraufhin verzog auch Valtäryn das Gesicht und meinte: „Danke, aber mir geht es hervorragend. Gebt das Gebräu jemandem der es nötiger hat.“ Hinter Brista verkrampfte Tjelvo seine Lippen um nicht laut aufzulachen.
    „Mmh“, machte Brista, „wenn du dir sicher bist, dass nicht zu benötigen, dann okay. Komm zum Tisch, setz dich und stell deine Fragen, für die du eine solch gefährliche Reise angetreten hast.“
    Valtäryn nickte und stand von der Schlafstätte auf. Sofort setzte ein starkes Schwindelgefühl ein. Um ihn herum drehte sich alles und fast wäre er hinten über zurück auf die Wollmammutfelle gestürzt, wäre Aghorsch nicht rechtzeitig zur Stelle gewesen und hätte ihn gehalten.
    „Mir scheint du brauchst den Trunk wohl doch“, grinste ihn Brista an.
    Widerwillig nahm er ihr den Becher ab und setzte an.
    „Einfach schnell runterschütten, dann ist es nicht allzu schlimm“, flüsterte ihm Aghorsch ratend ins Ohr.
    Gesagt, getan. In einem einzigen Zug leerte er den Becher und gab ihn an Brista zurück. Kaum war der letzte Tropfen dieses warmen Trunks seinen Rachen hinuntergespült setzte auch schon die Wirkung ein. Eine angenehme Wärme zog sich durch seinen Körper und sein Kopf klarte auf. Die Steifheit in seinem Körper wich einer frischen Kraft. Erholt und zufrieden seufzte er und lächelte in die Runde: „Dafür das dass Gesöff so eklig schmeckt, scheint es eine erfrischende Wirkung zu haben.“
    „Was du nicht sagst. Die Worte kommen mir irgendwie bekannt vor, aber einer alten Frau glaubt man ja nicht so leicht.“
    Nach diesen Worten verließen Tjelvo, Aghorsch und Thealunia die Hütte auf Geheiß von Brista. Sie wollte mit Valtäryn alleine reden.
    Valtäryn war das nur recht, denn obwohl Aghorsch und Thealunia bis Dyrfell seine Gefährten waren und Tjelvo eigenartigerweise vertrauensvoll wirkte, mussten sie ja nicht gleich alles wissen, was er Brista fragen wollte. Das ging nur ihn allein was an. Er nahm auf einem der Hocker Platz und wartete bis sich Brista ihm gegenüber niedergelassen hatte. Erwartungsvoll schaute sie ihn an und als er nicht von selber anfing zu reden, meinte sie: „Deine Fragen.“
    Ja. Seine Fragen. Angestrengt überlegte er, welche Fragen er Brista der Seherin stellen wollte. Ein Gedanke kam ihm und sein Magen krampfte sich zusammen. Seine Kehle fühlte sich plötzlich rau an, als würde Stygias Sand in seiner Kehle einen Weg durch seine Speiseröhre suchen. Krächzend flüsterte er: „Wo ist er?“
    Aufmerksam betrachtete sie Valtäryn und nickte schließlich.
    „Ich hab es schon von Thealunia gehört. Du suchst diesen Morvaltmagier. Wie war noch sein Name?“
    „Breguhugg“, antwortete Valtäryn voller Verachtung und grenzenlosem Hass.
    „Breguhugg“, Brista grübelte. Sie schaute an Valtäryn vorbei. Ihr Blick sagte Valtäryn, dass sie ihre geistigen Fühler in weite Ferne tasten ließ.
    Lange starrte sie so an ihm vorbei und Valtäryn wurde langsam ungeduldig. Seine Hoffnung sackte in ein Moor. Tiefer und tiefer. Ihm wurde klar, wenn diese Hoffnung versunken war, würde er sterben. Mit jeder Sekunde und jeder Minute, in der Brista nichts sagte und seine Frage nicht beantwortete, schweiften seine Gedanken schon zu einem weit entfernten Ort von dem es kein Zurück mehr geben würde. Jedenfalls nicht diesmal. Auch Thealunia könnte ihn diesmal davon nicht mehr zurückholen. Erst rückte Trauer in seine Gesichtszüge, wurden aber in sehr kurzer Zeit von Zorn und Wut abgelöst. Altbekannte Gefühle. Die Einzigen die er eigentlich sein Leben lang verspürte. Das kurze Gefühl der Trauer verwirrte ihn zwar kurz, doch drängten die anderen beiden Gefühle die Trauer in eine dunkle Ecke und er vergaß das Gefühl ebenso schnell, wie es gekommen war.
    „Dein Volk.“
    Überrascht blickte Valtäryn Brista an. „Was?“
    „Um ihn zu finden musst du dein Volk finden.“
    Valtäryn verstand nicht. „Was soll das? Mein Volk existiert nicht mehr. Sie sind alle tot. Alle!“ Zornig stand Valtäryn auf und warf dabei den Hocker um. „Deine Antwort ist schwachsinnig. Mein Volk kann ich nicht finden. Es kann niemals die Lösung sein, um Breguhugg zu finden.“ Er knurrte und fletschte die Zähne.
    Brista wusste es nun genau. Damals in ihrer Hütte hatte sie sich von dem jungen Valtäryn verabschiedet, denn sie wusste es damals schon. Sie würde ihn niemals wieder sehen. Der Valkyn der vor ihr stand, war nicht derselbe. Sie seufzte. Trotzdem musste sie diesem Valkyn, der so voller Hass, Zorn und Wut war klar machen, dass es doch möglich war. Ihre Antwort hörte sich im ersten Augenblick vielleicht schwachsinnig an, doch es war die einzige richtige Antwort auf seine Frage.
    Sanft sprach sie weiter und erläuterte ihre Antwort: „Du musst die Iarnzwerge im Iarnwald aufsuchen, denn sie wissen wo sich das Volk der Valkyns befindet. Dort solltest du mit deiner Suche beginnen. Es wird nicht einfach sein dort hinzukommen, denn Berichte zu folge haben die Morvalts den Zugang zu diesem Gebiet versperrt. Sie sind überall. Du brauchst Hilfe. Und diese Hilfe wirst du bekommen.“
    Valtäryn dachte über das gesagte nach. Iarnzwerge? Er hatte noch nie von solchen Zwergen gehört. Wieder eine Suche? Das konnte nicht sein. Da hatte er gehofft klärende Antworten zu bekommen und bekam wieder nur ein neues Ziel, welches so abwegig von seinem eigentlichen Ziel war. Warum sollte er sein Volk suchen, um an Breguhugg ranzukommen? War sein Volk nicht vernichtet worden? Und wer versicherte ihm, dass diese Zwerge wirklich wussten wo sein Volk war? Was war, wenn dieser Weg Zeitverschwendung war? Blieb ihm eine andere Wahl?
    Missmutig nickte er: „Okay. Ich werde den Iarnzwergen einen Besuch abstatten. Ich werde nach meinem Volk suchen. Ich werde Geister jagen gehen.“ Er stockte, dann fuhr er fort. „Ich brauche keine Hilfe. Das werde ich schon alleine schaffen“, mit diesen Worten drehte er sich um und wollte die Hütte verlassen doch ihm versperren drei Gestalten den Weg. Thealunia, Tjelvo und Aghorsch standen da und schauten mit gemischten Gefühlen auf Valtäryn.
    Aghorsch brummte. „Das kannst du vergessen alleine los zu ziehen und uns hier zu lassen. Du musst zu den Iarnzwergen? Umso besser. Mein Weg führt auch dort hin. Jemand der dort lebt schuldet mir noch was und jetzt ist ein guter Zeitpunkt die Schuld einzutreiben.“ Um seine Worte zu unterstreichen schlug er mit dem Hammer auf den Boden.
    „Auch ich werde dich begleiten Valtäryn“, sagte Thealunia mit ihrer weichen Stimme. „Ich hab dich nicht den langen, weiten Weg hierher begleitet um dich jetzt allein weiter ziehen zu lassen.“
    Tjelvo schaute betreten zu Boden. Ihm fiel kein passender Grund ein, den er vorbringen konnte, um sich der Gemeinschaft anzuschließen, daher sagte er nichts. Wenn es die Götter wollten würden sie einen Weg finden, dass er sich ihnen anschließen konnte.
    In diesem Augenblick wurde der Vorhang am Eingang der Hütte grob beiseite geschoben und der Hauptmann Dyrfells polterte herein.
    „Ehrenwerte Seherin. Ihr müsst sofort an die Stadtmauer kommen und euch das anschauen. Irgendwas passiert da draußen.“
    Verständnislos blickte Brista zu Tjelvo. Auch die anderen schauten verständnislos zu dem Troll, bis Tjelvo und Thealunia gleichzeitig aus der Hütte stürmten. Aghorsch folgte ihnen.
    Gerade wollte sich auch Valtäryn dem Hüttenausgang zuwenden und schauen was los war, als Brista ihn zurückhielt: „Warte Valtäryn. Ich möchte dir noch etwas geben, bevor sich unsere Wege wieder trennen.“
    Die Worte zeigten Wirkung, denn Valtäryn hielt in der Bewegung inne und drehte sich zu ihr um. Wieder trennen würde? Was meint sie damit? fragte sich Valtäryn.
    Brista beugte sich neben ihrem Hocker nieder und nahm ein längliches, in Leder gebundenes Bündel auf. Als sie sich wieder aufrichtete schimmerte etwas in ihren Augen, was Valtäryn als Tränen erkannte. Stirn runzelnd wartete er ab.
    „Ich möchte dir das hier schenken, dass es auf deiner Reise hilfreich sein soll. Ich hoffe du wirst das finden wonach du suchst.“ Mit diesen Worten reichte sie ihm das Bündel rüber und er nahm es entgegen. Er wusste nicht was er sagen sollte. Ihm versagte die Stimme.
    „Du musst nichts sagen. Denke immer nur daran wer du bist. Das darfst du nie vergessen!“
    Wer ich bin? Wer bin ich denn? Der goldene Falke? Ein Waise? Ein Niemand? dachte Valtäryn, dann kam ihm ein Gedanke und er sagte laut mit fester Stimme zu Brista: „Ich bin Valtäryn vom Volke der Valkyns!“
    „Ja. Das bist du!“
    Sie lächelte ihn an und wies dabei freundlich zum Ausgang der Hütte.
    „Nun geh. Dein Schicksal wartet auf dich.“
    Ohne ein weiteres Wort zu sagen drehte sich Valtäryn um und verließ die Hütte. Draußen betrachtete er das Bündel genauer. Es war mit einem Seil umwickelt. Langsam öffnete er das Bündel und wickelte das Geschenk heraus. Es handelte sich um ein Schwert. Die Klinge war eine Meisterarbeit. Die scharfe Klinge des Schwertes pulsierte golden. Der Knauf war aus einem Stosszahn gefertigt, in deren Mitte ein grüner Bernstein in eine goldene Schablone eingearbeitet war. Fremde Zeichen waren sauber und mit großem Geschick rund um die Schablone in den Knauf geritzt worden.
    Valtäryn nahm die Waffe in seine Waffenhand und spürte sofort wie leicht die Waffe war. Probehalber schwang er die Waffe durch die Luft. Dieses Schwert lag nicht nur sehr gut in seiner Hand, sondern schien perfekt ausbalanciert zu sein. Zufrieden nickte er und dankte innerlich Brista für dieses wundervolle Schwert.
    Neugierig schaute er sich auf dem Marktplatz vor der Hütte um. Niemand war zu sehen. Der Platz war menschenleer. Hatte der Troll nicht etwas von Dyrfells Stadtmauer gesagt? In einem schnellen Sprint erreichte er wenige Minuten später die Stadtmauer. Hier sah es ganz anders aus, als auf dem Marktplatz. Wie ein schützender Wall standen dicht an dicht die Krieger gedrängt. Sie waren in Gruppen aufgeteilt, welche jeweils von einem Gruppenführer befehligt wurde. Warum nur konnte er die Krieger so schlecht erkennen? Erst jetzt fiel ihm das diffuse Licht auf. Als er nach oben blickte entdeckte er die Sonne hinter einer dicken Nebelschicht, die wie zähflüssiger Brei über die Stadt hinweg zog. Der Nebel schien sich in jede noch so kleine Ecke auszubreiten.
    Neben Valtäryn stand plötzlich Aghorsch: „Da bist du ja. Wir dachten schon du legst dich wieder schlafen“, grinsend betrachtete er Valtäryn. Sein Blick fiel auf das Schwert, welches Valtäryn immer noch in der Hand hielt. „Ui. Feines Ding. Hat das dir die Seherin geschenkt?“
    „Ja“, antwortete er. „Was ist hier los?“
    „Wir sind uns nicht ganz sicher, aber es scheint, irgendwas passiert vor den Stadttoren. Komm. Wir gehen zu den anderen. Du kannst dir dann selbst ein Bild davon machen.“
    Aghorsch schritt bewaffnet mit seinem Hammer voraus und Valtäryn folgte ihm. Sie bestiegen eine der Aufgänge, die zu dem Rundgang führten, welcher in so kurzer Zeit von den Bewohnern Dyrfells errichtet worden war. Dann stiefelten sie über den Rundgang bis sie genau über dem Tor auf Thealunia und Tjelvo trafen. Auch der Hauptmann der Stadtwache stand dort und schaute mit tiefen Sorgenfalten hinab auf etwas, dass sich wohl unterhalb des Rundgangs auf der anderen Seite der Stadtmauer befinden musste.
    Valtäryn warf einen Blick über die Stadtmauer.
    Dichter Nebel überzog das Land und man konnte nicht weiter als zwei Armeslängen weit sehen. Die dicke Suppe waberte noch dichter vor der Stadt und es schien, als wolle der Nebel die Stadt umzingeln. Bewegungen waren in dem Nebel auszumachen, doch sie waren so verschwommen, dass selbst Valtäryn mit seinen scharfen Augen nicht erkennen konnte, um wen es sich da handelte und wer sich um die Stadt schlich.
    „Der Nebel ist nicht natürlichen Ursprungs. Ich spüre die Magie, die den Nebel wie ein Spinnennetz durchzieht“, sagte Thealunia.
    Tjelvo wollte was darauf antworten, doch plötzlich war in weiter Ferne ein Zischen zu hören.
    Aghorsch schrie entsetzt: „Pfeilhagel“, der das Zischen sofort zuordnen konnte.
    Alle auf dem Rundgang warfen sich auf den Boden oder hoben ruckartig ihre Schilder. Zu spät. Etliche der Krieger, Bogenschützen und Magiebegabten wurden von Pfeilen getroffen, nicht wenige davon tödlich. Die Schreie der Verletzten hallten durch den Nebel.
    Valtäryn wurde von einem Pfeil in der Schulter getroffen. Er taumelte, knallte gegen die Stadtmauer, strauchelte und stürzte von der Mauer. Oben auf der Mauer schrie Aghorsch: „Valtäryn!“
    Trotz der Schmerzen und des dichten Nebels versuchte Valtäryn sich auf den Aufprall vorzubereiten. Das Schwert fest in seiner Schwerthand haltend prallte er mit den Füßen auf den Boden und federte sich Katzengleich ab, um dann mit einer Rolle den Sprung abzufangen. Er kam wieder auf seine Füße und schaute sich misstrauisch in dem Nebel um. Hinter sich vermutete er das Tor. Langsam drehte er sich um, als er eine Bewegung neben sich spürte. Der Lufthauch der ihn erreichte, zeigte ihm, dass es sich um einen Angriff handeln musste. Reflexartig schwang er sein Schwert in diese Richtung und fing einen Stoß mit einem Speer ab. Ein Morvaltkrieger knurrte ihn an und fletschte die Zähne. Ohne das brodelnde Gefühl in seinem Inneren zu beachten wirbelte er das Schwert durch die Luft und einen Augenblick später rollte der Kopf des Morvalts in den dichten Nebel. Der blutbesudelte Rumpf sackte in sich zusammen.
    Hass spuckten seine Gedanken hoch und verwandelten ihn in Adrenalinstösse. Er brach mit einem wütenden Knurren den Pfeil ab, welcher seine Schulter durchbohrt hatte. Kaum berührte der weggeworfene Pfeil den Boden, als zwei weitere Morvalts aus dem Nebel auf ihn zu stürmten. Beide hielten Äxte in den Händen und schwangen sie über ihren Köpfen.
    Den einen Hieb parierte er mit seinem Schwert, duckte sich unter dem anderen hindurch und zog eine gerade Linie mit seinem Schwert über die Knie des einen Movalts. Kreischend brach er zusammen. Ein weiterer Stich in seinen Hals ließ ihn verstummen. Schnell drehte sich Valtäryn um und täuschte einen Schlag von der Seite an. Verbissen versuchte der Morvalt den Schlag abzuwehren, doch bevor die Waffen zusammenschlugen, schlängelte Valtäryn das Schwert nach unten und schlitzte den Feind der Länge nach auf.
    Wieder hörte er ein Zischen auf die Stadt zu kommen und genau wie vorher kam ein Ruf von der Stadtmauer: „Pfeilhagel.“
    Verdammter Nebel, dachte Valtäryn.
    Ein weiterer Angriff blieb zunächst aus und Valtäryn versuchte sich zu orientieren. Der kurze Kampf hatte ihn so in Rage gebracht, dass er die Orientierung verloren hatte. Langsam tastete er sich durch den Nebel. Aufmerksam beobachtete er den Nebel, um auf jede kleinste Bewegung sofort reagieren zu können. Mit einem Fuß trat er ins leere und zog ihn sofort zurück. Er musste den Graben erreicht haben, welcher Dyrfell umschloss. Mit vorsichtigen Schritten schlich er an dem Graben entlang. Plötzlich drang von rechts lautes Plätschern an sein Ohr, als scheinbar viele Füße in dem Graben landeten. Geduckt wartete er am Rande des Grabens ab, wer da versuchte über den Graben zu kommen. Die ersten Gestalten krochen den kleinen Hang hoch, als aus dem Nebel hinter Valtäryn ein lautes Quietschen zu vernehmen war. Das Stadttor wurde geöffnet.
    Valtäryn konnte die dunklen, verschwommenen Gestalten schwach durch den Nebel erkennen, wie sie über den Rand des Grabens geduckt hoch schlichen. Kaum erreichte die erste Gestalt den Rand vollends, schlug Valtäryn zu. Mit tödlicher Präzision schlug er auf den Arm der Gestalt und amputierte ihn. Schreiend rutschte die Gestalt zurück in den Graben. Blut strömte aus dessen Stumpf und besudelte die Erde. Die anderen Gestalten zögerten kurz, bis eine Stimme hinter ihnen einen Befehl bellte. Mit gezückten Waffen stürmten die Angreifer aus dem Graben. Es waren viele. Morvalt neben Morvalt kamen sie aus dem Graben und schrien ihre Kampfschreie Valtäryn entgegen.
    Unbeeindruckt richtete sich Valtäryn auf. Zorn und Wut loderten in seinen Augen. Hasserfüllt und verächtlich starrte er die anstürmenden Morvalts an. Sein Gesicht war zu einer einzigen Fratze verzogen, die eher einem Dämon glich, als einem Valkyn. Das Schwert hoch erhoben warf er ihnen einen Ruf entgegen, welcher die erste Reihe der Morvalts ins Stocken gerieten ließ: „Für das Volk der Valkyns!“
    Die hinteren drückten die vorderen Morvalts nach vorne und Valtäryn erntete mit einem schnellen Querschlag gleich mehrere Köpfe. Die hinteren Morvalts trampelten über ihre toten Gefährten und erreichten Valtäryn. Dieser parierte den Schlag eines Morvalts, schubste ihn zurück in die Nachfolgenden, setzte nach und zog einen weiteren Querstreich durch ihre Reihen. Aufgeschlitzt stürzten ein halbes Dutzend zurück in den Graben. Er spaltete einem weiteren Morvalt den Kopf, zog eine erweiterte Linie um sich selbst schlitzte weitere Morvalts auf. Ein Langspeer kam von der Seite auf ihn zu geschossen. Er duckte sich unter diesen Angriff, machte zwei große Schritte in die Richtung des Angreifers und schlug ihm den Schwertknauf ins Gesicht, bevor er das Schwert mit einer schnellen Bewegung nach unten zog und den Waffenarm des Morvalts abschlug. Rasend vor Schmerz und Wut warf sich der Morvalt auf ihn. Das Blut schoss aus dem Stumpf und befleckte die Kleidung Valtäryns. Valtäryn griff sich den durchgedrehten Morvalt am Kragen und warf ihn mit unglaublicher Kraft in den Graben zurück.
    „So kenn ich unseren Valtäryn“, sagte eine Stimme neben ihn.
    Kampfbereit drehte sich Valtäryn um und sah in das Gesicht von Aghorsch. Hinter ihm stand Thealunia und Tjelvo. Weitere Trollkrieger waren hinter ihnen aus zu machen.
    „Willst du uns nicht auch noch was übrig lassen?“ fragte Aghorsch frech und seine Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen.
    „Bedient euch. Es ist genug für alle da“, grinste Valtäryn zurück.
    Durch den dichten Nebel konnten die Gefährten eine breite Front von Morvaltkriegern erkennen, welche ohne jegliche Formation wild aus dem Graben stürmten. Die Trolle formierten sich links und rechts neben den Gefährten zu einer langen Linie und zückten ihre Waffen. Schwerter, Äxte, Hämmer und Speere wurden gehoben. Schilder wurden schützend empor gerissen. Abwartend standen die Verteidiger am Rand des Grabens, darauf wartend, dass die ersten Feinde auf die Verteidigerlinie brandeten. Bevor die ersten Morvalts aus dem Graben kamen, hob Tjelvo eine Hand. Sofort hob ein Nordmannjäger seinen Langbogen und schoss einen Brandpfeil in den Himmel. Wie zur Antwort hörte man etwas durch die Luft fliegen und dann waren auch schon Tonkrüge über den Köpfen der Verteidiger drüber und prallten in den Graben. Beim Aufplatzen der Tonkrüge gab es kleinere Explosionen und der Graben verwandelte sich in Sekundenschnelle in ein Inferno. Wie eine Schlange fraß sich das Feuer durch den Graben und umschloss Dyrfell. Todesschreie waren aus dem Graben zu hören. Viele der Morvalts, welche grade noch versucht hatten, aus dem Graben zu kommen, wurden vom ausbrechenden Feuer in Brand gesetzt und liefen als lebende Fackeln, sterbend und orientierungslos durch die Gegend. Wenige schafften es bis zu den Verteidigern, die jedoch ohne Gnade als Willkommensgruß Stahl in die Morvaltkrieger schlugen. Das Feuer schob den Nebel zurück und ersetzte ihn durch dicke Rauchwolken.
    Valtäryn schaute verbissen durch die Feuerwand, nach neuen Feinden Ausschau haltend. Über der Feuerwand bemerkte Valtäryn, wie sich der Nebel verformte. Eine riesige Nebelhand schälte sich heraus und schlug mit einer magischen Kraft auf das Flammenmeer. Bevor Valtäryn noch eine Warnung rufen konnte schossen Flammenspritzer über die Verteidigerlinie herein. Allein Aghorsch schaffte es dank seiner Reflexe sein Schild hochzureißen. Schützend hob er es über sich und Thealunia. Kaum berührten die ersten Flammenspritzer sein Schild verwandelten sie sich schon in winzige Eiskristalle und fielen gefahrlos zu Boden.
    Andere hatten nicht so viel Glück. Einige Trolle wurden von den Flammenspritzern getroffen und fraßen sich in die Rüstung und in das darunter befindliche Trollfleisch. Die getroffenen Trolle schrien vor Schmerzen auf und wanden sich auf dem Boden, als sie innerlich verbrannten. Auch Tjelvo wurde von zwei Flammenspritzern getroffen. Am Arm und Brust traten sie in sein Kettenhemd ein und berührten mit ihrer Hitze seine Haut.
    Thealunia formte mit ihren Händen magische Energien und sendete sie auf Tjelvos gepeinigten Körper. Die Hitze erlosch augenblicklich und die Heilung trat sofort ein.
    Mittlerweile fing das Flammenmeer an zu verlöschen. Die Nebelhand erstickte die Flammen, bis das Feuer ganz gelöscht war und löste sich auf. Letzte Rauchschwaden zogen in den Himmel ab. Der Nebel war viel lichter geworden und zog sich immer weiter zurück. Er gab freie Sicht auf die Ebene vor Dyrfell und was die Gefährten, Trollkrieger und die restlichen Verteidiger auf der Stadtmauer erblickten ließ sie zusammenzucken.
    Eine breite Front von vielen hundert Morvalts stand um Dyrfell, wie eine Schlinge, die im Begriff stand sich enger um sein Opfer zu ziehen. Valtäryn schätzte die Zahl der Angreifer annähernd auf Tausend! Die Morvalts waren ohne jeden Zweifel in der Überzahl. Zusätzlich zu den Morvalts machten die Gefährten leuchtend, blaue Gestalten aus, die sich etwas abseits der Morvalts sammelten. Merutagos! Schon allein der Gedanke daran, dass sich in der Armee der Morvalts Merutagos auf hielten, ließ ein erschrockenes Raunen durch die Verteidiger rauschen. Ängstlich wichen einige der Trollkrieger zur Stadtmauer zurück und auch auf der Stadtmauer schien Panik auszubrechen.
    „Stellungen halten“, schrie Tjelvo mit seiner befehlenden Stimme. „Eröffnet das Feuer.“
    Was kaum jemand bemerkt hatte, war die Tatsache, dass sich der Feind zu nah an die Stadt gewagt hatte. In der sicheren Überzeugung, der Nebel würde sie vor Fernkampfattacken schützen, hatten sie sich zu weit vorgewagt.
    Zögerlich schossen die Bogenschützen die ersten Pfeile auf die Feinde, doch als sie den Erfolg ihrer Attacken sahen, schossen sie in regelmäßigen Abständen Pfeilhagel über die nahende Armee. Entmutigt sahen die Gefährten, wie sich die Reihen aber nicht lichteten, sondern für jeden gefallenen Morvalt zwei neue erschienen.
    „Bei den Göttern, es sind zu viele. Sie werden uns überrennen“, hauchte Tjelvo.
    „Schaut. Die Merutagos setzen sich in Bewegung“, wies Thealunia ihre Gefährten auf die drohende Gefahr hin.
    Die Merutagos liefen mit erstaunlicher Geschwindigkeit in die Flanke der Verteidiger. Einige der Merutagos setzten sich ab und sprangen gegen die Stadtmauer, um mit zwei weiteren Sätzen diese zu überwinden. Oben auf der Stadtmauer setzten sie ihr Blutbad fort und die Schreie der Sterbenden ließ die Gefährten frösteln. Die Trollkrieger setzten sich gegen die Merutagos verbissen zur Wehr, doch der Sieg der gegnerischen Armee schien immer näher zu rücken.
    Auch die Gefährten waren nun von etlichen Morvalts umzingelt. Sie wehrten sich mit ihren Waffen und Kampfkünsten so gut es ging, doch auch wenn sie massenweise Morvalts ins Jenseits beförderten, schafften die Gegner es doch immer wieder tiefe Wunden zu schlagen. Thealunia war mittlerweile nicht mehr in der Lage die Wunden der Gefährten wieder zu schließen. Erschöpft sank sie in sich zusammen. Tjelvo, aus vielen Wunden blutend schrie: „Thealunia! Nein!“
    Er stürzte sich zwischen zwei Morvalts, die im Begriff standen Thealunia nach Walhalla zu schicken und schlug sie mit zwei schnellen Schlägen nieder. Kaum war er bei ihr, musste er sich einem weiteren Angriff von zwei Morvalts wehren. Es schien kein Ausweg zu geben. Aghorsch schlug mit seinem Hammer einen Morvaltschädel nach dem anderen ein. Er rückte näher zu Tjelvo und schützte ebenso wie Tjelvo Thealunias Körper vor einem Todesschlag. Die Wut, welche Valtäryn führte schubste ihn weiter in Blut und Tod. Seine Erschöpfung kam nicht und wie am Anfang der Schlacht strotzte er noch vor Energie. Er schaffte es einen weiten Kreis mit Hilfe von Aghorsch um Tjelvo und Thealunia frei zu halten. Doch wie lange würden sie sich noch wehren können?
    Aus Dyrfell schossen Flammen in den Himmel. Die Schreie der sterbenden Bevölkerung wollten nicht enden.
    War dies das Ende? Sollten die Morvalts siegreich aus dieser Schlacht gehen? dachte Thealunia und Tränen flossen ihre Wangen zum Hals herunter.
    Geändert von Goldbogen (12.10.08 um 15:34 Uhr) Grund: Automatisch zusammengefügter Doppelpost

  4. #4

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    Kapitel 31.

    Thors Zorn

    Die Schlacht schien entschieden. Morvalts strömten durch das zerstörte Tor Dyrfells und metzelten die verblieben Bewohner nieder. Merutagos plünderten die Häuser und brannten sie nieder. Vor der Stadtmauer wehrten sich die letzten Verteidiger und kämpften um ihr Leben. Doch vergebens. Immer weiter wurde die Schlinge des Todes gezogen und es schien kein Entkommen zu geben. Unweigerlich schauten die Gefährten dem Tode ins Auge.
    Plötzlich donnerte es in der Ferne. Blitze zuckten am wolkenlosen Himmel. Schienen aus dem Nichts auf die Erde zu schlagen.
    Eine einzelne Person lief über die Felder auf Dyrfell zu.
    Das entfernte Knistern blauer Blitze, die seine Rüstung umspielten war zu hören. Mit weit ausholenden Sprüngen rannte er der Morvaltarmee entgegen, als hätte diese Person etwas Wichtiges zu erledigen und es diesbezüglich keinen Aufschub geben durfte. Als die ersten Morvalts die Gestalt bemerkten und sich ihr zuwandten, zog diese ein Schwert. In schnellen Drehungen wirbelte er das Schwert um seinen Körper, so dass er nur noch verschwommen wahr zu nehmen war. Ein Schrei kam von dieser Gestalt. Dieser Schrei erschütterte die Morvaltarmee und wo sie grade noch im Begriff stand Dyrfell dem Erdboden gleich zu machen, wandte sie sich jetzt, wie ein einziges Ungetüm der neuen Bedrohung zu. Eine hellblaue Energiekugel umschloss die Gestalt. Wieder ein Schrei.
    Über der Gestalt ballten sich drei Energiekugeln zusammen. Das laute Knistern, welches die Kugeln von sich gaben, war bis Dyrfell zu hören.
    Unentschlossen starrten die Morvaltkrieger der einen Gestalt entgegen, bis die ersten Anführer Befehle bellten. Die Armee setzte sich in Bewegung.
    Auch die Morvalts, welche die Gefährten traktiert hatten, ließen von ihnen ab. Valtäryn blutete aus unzähligen Wunden, genau wie Aghorsch und Tjelvo. Grade wollte Valtäryn den davon eilenden Morvalts nachsetzen, als Aghorsch ihn am Arm fest hielt.
    „Lass gut sein. Diese Schlacht haben wir verloren. Wir sollten so schnell wie möglich fliehen“, mit einer Geste zu Thealunia fuhr er fort, „Thealunia ist am Ende ihrer Kräfte, genau wie Tjelvo und ich. Wenn wir jetzt nachsetzen, ist das unser sicherer Tod.“
    „Verdammt“, brüllte Valtäryn, dann antwortete er beherrschter: „Okay. Lasst uns von hier verschwinden.“
    Tjelvo warf sich Thealunia über die Schulter und die Gefährten flüchteten nach Süden. Weg von Dyrfell. Weg von der Armee.
    Die ersten Ausläufer der Armee hatten mittlerweile die Gestalt erreicht. Wie die Sense durchs Korn fuhr die Gestalt mit dem Schwert durch die Reihen der Feinde. Wer nicht von dem Schwert niedergestreckt wurde, starb durch die blaue Kugel, welche die Gestalt umgab. Blitze schossen aus der Kugel und die Blitze sprangen von Feind zu Feind und rösteten sie. Die drei Energiekugeln wurden immer Größer. Wo sie anfangs noch kleinen Hühnereiern glichen, waren sie nun zu riesigen Katapultgeschossen herangewachsen. Die Gestalt arbeitete sich weiter vor und hinterließ massenhaft Tote. Als sie die Mitte der Armee erreichte und von allen Seiten die Feinde auf ihn eindrangen rief er laut einen Namen. Der Name hallte von den kleinen Rundschildern der Feinde ab, verstärkte sich und traf über die Gefährten herab, wie ein Gruß.
    „Valtäryn!“
    Die Gefährten drehten sich verdutzt um. Valtäryn verengte seine Augen zu schmalen Schlitzen und versuchte zu erkennen wer seinen Namen gerufen hatte, aber er sah nur Morvaltkrieger.
    Dann kam wieder ein Ruf herüber: „Vergiss mich nicht Valtäryn. Erfülle dein Schicksaaaaal.“
    Der Schrei verstummte. Dutzende Morvalts hackten mit ihren Waffen auf die Gestalt, um sie so zum Schweigen zu bringen.
    Blutüberströmt schrie die Gestalt letzte Worte in den Himmel, bevor eine Axt ihm den Schädel spaltete: „Thors Zorn!“
    Die blauen Energiekugeln entluden sich mit einer gewaltigen Explosion genau über die Morvaltarmee. Hunderte Blitze fuhren zwischen ihnen in die Erde, die zur Antwort bebte. Die Blitze schmalzen zusammen und formten einen riesigen, glühend blauen Hammer. Thors Hammer. Die Schlagseite des Hammers umfasst die Hälfte der Armee und als der Hammer mit göttlicher Gewalt auf die Armee niederging, zerquetschte sie hunderte Morvalts unter sich. Die Druckwelle riss viele Morvalts von ihren Beinen und schleuderte sie hunderte Meter von der Einschlagstelle weg. Dies wiederholte sich dreimal, dann verschwand der Hammer mit einem lauten Plopp.
    Zurück blieb ein aufgeriebenes Morvaltheer. Die Erde um Dyrfell war Blutdurchtränkt und es gab keine Stelle wo nicht Tote lagen. Die verbliebenen Morvalts liefen desorientiert durch die Gegend.
    Von Norden erschall eine Sirene und einen kurzen Augenblick später erhaschten die Gefährten einen Blick auf ein kleines Kontingent von Merutagos die unaufhaltsam auf Dyrfell zu marschierte.
    „Wer war das?“ fragte Valtäryn.
    „Ich weiß es nicht, aber wir sollten jetzt wirklich machen, dass wir hier weg kommen, bevor wir den anrückenden Merutagos in die Hände fallen“, meinte Aghorsch keuchend. Seine Entkräftung machte sich rascher bemerkbar, als er vermutet hatte.
    Thealunia krächzte etwas, doch konnte keiner der Gefährten verstehen was sie sagte. Sie versuchte es noch mal und diesmal konnte Tjelvo verstehen was Thealunia unter großer Mühe hervorbrachte.
    „Okar?“ wiederholte Tjelvo fragend.
    „Okar?“ wiederholten Aghorsch und Valtäryn wie aus einem Munde.
    „Bei Thor. Das war tatsächlich Okar.“
    Ihnen allen, außer Tjelvo, wurde nun bewusst, was Okar gerufen hatte und sie erkannten jetzt im Nachhinein auch die Stimme des vermissten Gefährten. Aghorsch klärte Tjelvo über den vermissten Gefährten auf, nur um gleich daraufhin in Trauer zu verfallen.
    Bedrückt setzten sie ihren Weg nach Süden fort. Thealunia trauerte nicht nur über Okar. Ihre Trauer wurde noch verstärkt, als ihr bewusst wurde, wen sie in Dyrfell zurück gelassen hatten. Brista war noch in der Stadt gewesen und keiner hatte im Augenblick der Flucht gedacht sie daraus zu holen. Ihr wurde klar, dass dies auch ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen wäre. Ob Brista noch lebte? Sie war zwar schon eine sehr alte Frau, doch ihre Kräfte suchten in Aegir ihresgleichen. Sie betete in Gedanke zu Ymir, dass Brista einen Weg gefunden hatte, dem Tode zu entkommen.
    Valtäryn dachte an Okar. Er hatte ihn gemocht und es war eine Schande von Thor oder wem auch immer, ihn so sterben zu lassen. Das hatte er nicht verdient. Innerlich verdammte er die Götter und verfluchte sie aufs tiefste. Die kurze Trauer über den getöteten Gefährten wurde von altbekannten Gefühlen abgelöst. Zorn und Wut begleiteten Valtäryns weitere Reise nach Aegirhamn. Er schwor sich, diese Tat der Morvalts, Okar getötet zu haben, zu rächen. Ihm wurde bewusst, dass seine Liste für Rache Angelegenheiten immer größer wurde. Doch statt sich darüber Sorgen zu machen, genoss er es sichtlich immer mehr Gründe zu bekommen, diese Saat des Bösen ein für alle Mal auszulöschen. Das nährte seinen Hass. Das nährte sein inneres Ich. Es nährte dass, was in ihm steckte.
    Aghorsch dachte ebenfalls an Okar und an seinen heldenhaften Untergang. Nun würde Okar in Walhalla einkehren und dort auf seinen Bruder Fabulgo treffen. Er würde dafür sorgen, dass ihre Taten nicht in Vergessenheit geraten würden. Aghorsch nahm sich vor in Aegirhamn einen Stadtskalden aufzusuchen, der ihre Taten gebührend ehren sollte.
    In Tjelvos Gedanken entfachte die Erinnerung an Brista, wie sie ihm als Junge Geschichten erzählt hatte. Der Schmerz saß tief und er hoffte inständig, dass Brista die Schlacht bei Dyrfell überlebt hatte. Irgendwie. Hautsache überlebt.
    Die weitere Reise verlief ruhig. Sie erholten sich von der Schlacht schon nach der ersten Nacht sehr gut und auch Thealunia gewann ihre verlorenen Kräfte wieder. Verfolger konnten sie nicht ausmachen, was sie aber nicht dazu veranlasste langsamer zu werden. Die Bilder der Schlacht im Nacken erhöhten die Gefährten ihre Reisegeschwindigkeit noch mal um ein vielfaches. So erreichten sie schon am Abend des dritten Reisetages Aegirhamn. Sie überquerten die Brücke und betraten das Zentrum des Kontinents Aegir.
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    Kapitel 32.

    Ankunft in Aegirhamn

    Aegirhamn war das Zentrum Aegirs und somit auch die größte Ansiedlung. Händler aller Art bevölkerten mit ihren Ständen und Geschäften die Märkte. Der Hafen war einzigartig in Aegir und Midgard. Die Plätze füllten sich mit Ausbildern, die immer wieder neue Schüler aus den Massen pickten und sie in ihre Künste anlehrten. Die Wache der Stadt war allgegenwärtig. Überall standen Nordmänner und Trolle in prunkvollen Rüstungen und beobachteten mit aufmerksamen Augen das Treiben der Bevölkerung. Im Osten, in der Nähe des Osttors, welches nach Muninsund führte, stand das große und beeindruckende Portal, dass Aegir mit Midgard verband. Porter in blauen Umhängen standen in der Nähe des Portaltors und boten ihre Dienste an. Schmieden, Alchemietische und Werkbänke zierten die Handelsplätze, an denen die Handwerker ihre Fähigkeiten probten oder kunstvolle Schwerter, Rüstungen und Schilde für Kunden herstellten. Das monumentale Hauptgebäude Aegirhamns stand wie ein riesiger Wächter auf der höchsten Anhöhe dieser Stadt. Dort befanden sich die Vertreter des Ältestenrats, sowie Schatzhüter, Gildenregistratur, Segelmacher und andere Verwaltungsfunktionen des Reiches.
    Nachdem die Gefährten die Brücke hinter sich gelassen hatten, erreichten sie das Westtor Aegirhamns. Thealunia erkannte sofort die hohe Anzahl an Wachposten. Auch Aegirhamn bereitete sich auf den Krieg vor.
    Ein hochgewachsener Nordmann versperrte ihnen den Weg:„ Was ist euer Begehr in Aegirhamn?“
    Tjelvo trat vor und sprach zu dem Nordmann: „Mein Name ist Tjelvo Jurnaborg. Ich bin Wachoffizier aus Bjarken und muss zu den Vertretern des Ältestenrats. Ich habe Neuigkeiten aus dem Norden.“
    Tjelvo vermied es bewusst den Wachen zuviel mitzueilen, um eine frühzeitige Panik in der Stadt zu vermeiden.
    „Aus dem Norden sagt ihr? Ich bete zu den Göttern, dass es sich um gute Neuigkeiten handeln wird, denn es wird langsam Zeit ein Licht in diesen dunklen Zeiten zu erkennen.“ Mit diesen Worten winkte er einen Führer herbei, der die Gefährten durch Aegirhamn zu den Vertretern des Ältestenrats führen sollte.
    Der Führer, ein dürrer, junger Nordmann, führte sie auf einer Nebenstrasse zum großen Platz vor dem Hauptgebäude.
    Auf dem Vorplatz herrschte reger Betrieb. Abenteurer aus ganz Midgard tummelten sich zwischen den Ausbildern, Händlern und Handwerkern. Potenzielle Auftraggeber schritten durch die Menge auf der Suche nach fähigen Streitern, die ihnen in der Stunde der Not helfen konnten. Wachposten patrouillierten auf ihren vorgegebenen Streifenwegen entlang.
    Valtäryn betrachtete es erstaunt. So viele Nordmänner, Trolle, Kobolde und Frostalfar hatte er noch nie auf einen Haufen gesehen. Selbst Dyrfell war im Vergleich zu Aegirhamn nur ein kleines Dorf.
    „Da staunst du, was?“
    Valtäryn drehte sich um und schaute in Tjelvos grinsendes Gesicht. Die Augen schrien im etwas entgegen. Eine Vertrautheit, wie er sie zuvor noch nie gespürt hatte überwältigte ihn fast. Die Gesichtszüge, die Stimme und der Tonfall kamen ihm bekannt vor.
    „Unglaublich hier“, sagte er freundlich zurück.
    Aghorsch betrachtete ihn von der Seite. „Das ist noch gar nichts. Du müsstest mal die Hauptstadt Jordheim sehen. Da ist Aegirhamn ein mickriger Trollfurz.“
    „Jordheim?“ fragte Valtäryn.
    „Oh. Entschuldige mein Junge. Von Jordheim hast du noch nichts gehört“, Aghorsch schüttelte sein rotes Haar und die Zöpfe flogen hin und her. „Wenn du hart verdientes Gold ausgeben willst solltest du nach Jordheim. Die Tavernen sind erstklassig. Und wenn Feste anstehen, verwandelt sich Jordheim in ein Kesselhaus der Freude. In Jordheim sitzt der Ältestenrat. Jordheim ist die größte Stadt in Midgard und Aegir und daher nicht umsonst die Hauptstadt unseres Reiches.“
    Valtäryn konnte das nicht glauben. Aegirhamn war für ihn schon mehr als beeindruckend, wie würde Jordheim dann auf ihn wirken.
    „Jordheim ist die einflussreichste Stadt“, sprach Aghorsch fort. „Von dort kommt man in alle Teile des Reiches. In die Koboldstadt, nach Gotar, in die beiden Grenzfestungen Vindsaul Faste und Svasud Faste, auf den Kontinent Aegir und zu den versunkenen Ruinen in Atlantis. Auch im Reiche Midgard kann man von Jordheim über Mularn in den Norden. Junge Wikinger suchen oft im Norden den Eingang , um so ihren Mut gegenüber ihren Clans zu beweisen. Wenige kommen jemals zurück“, dabei zog Aghorsch seinen Zeigefinger über die Kehle und verdrehte die Augen, “doch die die zurückkommen ernten Ruhm und Reichtum. Sie werden oft von Gilden angeheuert, die Unterstützung gegen das Böse in Midgard brauchen oder mutige Streiter, die sich in die Grenzlande wagen, um gegen Albion und Hibernia zu kämpfen. Im Westen von Jordheim stößt man über Ost- und Westsveland durch eine kleine Schlucht ins verfluchte Raumarik.“
    Aghorsch beendete seine Beschreibung, denn sie hatten das Hauptgebäude Aegirhamns erreicht.
    Überwältigt von der Vielzahl an Informationen schaute Valtäryn zu Tjelvo.
    Tjelvo zuckte lächelnd seine Schultern. „Ich versteh genau so viel wie du.“
    „Mach dir nichts draus. Bei Gelegenheit zeig ich dir alles“, meinte Aghorsch und klopfte Valtäryn freundschaftlich auf die Schulter. Danach stiefelte er in das große Hauptgebäude, ohne weitere Worte zu verlieren.
    Der junge Nordmann, der sie hierher geführt hatte, verabschiedete sich von den anderen Gefährten und wünschte ihnen Tyrs Segen. Dann verschwand er in der Menge.
    Valtäryn folgte seinen Gefährten durch das breite zweiflüglige Tor. Das Tor schien neu zu sein. Die Farben glitzerten noch feucht und die riesige Eisenscharniere glänzte hell. Hunderte Wappen zierten das Tor und farbenfroh lud das Gebäude zum Einlass ein. Auch die Wand des Gebäudes erschien ihm neu. Die Wand war aus einem einzigen Stein gehauen. Bisher waren keine Wettereinflüsse zu erkennen. Die hohe Steinmetzkunst der Zwerge prahlte in Form von Reliefs an der Wand.
    Hinter dem Tor standen zwei hochgewachsene Trolle in eindrucksvollen Kettenrüstungen und betrachteten mit grimmigem Gesichtausdruck jeden Besucher.
    „Epische Helden“, raunte Thealunia. „Sie sind der rechte Arm des Ältestenrates.“
    Eindrucksvoll schaute er die grimmigen Trolle an, bevor sein Blick weiter durch die riesige Halle glitt.
    Die Halle war an den Wänden mit weiteren Wappen geschmückt, Als Valtäryn zur Decke schaute, erblickte er ein riesiges Relief, dass die ganze bandbreite der Decke einnahm. Es zeigte eine epische Schlacht, in deren Mitte ein hoher Berg in die Höhe ragte. Bestien und bösartige Kreaturen kämpften am Fuße des Berges gegen die Armeen des Lichts. Über der Schlacht schwebte ein feuriger, riesiger Dämon. Ein Wesen aus Feuer, Fleisch und Bösartigkeit. Das Bildnis war mit hell leuchtenden Farben verziert.
    „. Ein Erzfeind des Reiches, der nur Zerstörung will“, meinte Thealunia und deutete auf den riesigen Dämon.
    „Gewann er die Schlacht?“ fragte Valtäryn interessiert.
    Thealunia lachte auf und ihr glockenhelles Lachen hallte durch die Halle, wie eine Blume bei Frühlingsbeginn zu blühen beginnt.
    „Wenn er die Schlacht gewonnen hätte, würdest du hier heute nicht stehen Valtäryn.“
    „Oh“, machte Valtäryn und schaute sich weiter in der riesigen Halle um.
    In der hinteren, rechten Ecke befand sich ein abgetrennter Raum. Vor der Tür des Raums stand ein stabiler Holztisch mit allerlei Pergamenten darauf. Zwei hohe Holzregale beherbergten weitere Pergamente und Bücher. Hinter dem Tisch, unter dem breiten Schild „Schatzhüter Dobley“, saß ein untersetzter Mann mit grauem Haar.
    An der linken Wand waren nebeneinander kleinere Tische aufgestellt worden. An jedem Tisch saß eine Person, die mit anderen redeten, in Gedanken vertieft oder anderweitig beschäftigt waren. Gildenregistratur, Namensregistratur, Segelmacher, Heiler, Beschwörer, Militariat. Auf der rechten Seite der Halle standen eine Gruppe Nordmänner, Trolle, Kobolde und Frostalfar, die sich angeregt unterhielten.
    Viele Besucher standen beim Schatzhüter an, andere wiederum hielten sich bei den anderen, kleineren Tischen auf. Einzig die Gruppe verschiedener Völker stand auf der rechten Seite und bemerkte die Besucher nicht mal, die hier ein und aus gingen.
    Valtäryn machte Aghorsch aus, wie er sich auf dem Weg zum Schatzhüter befand. Tjelvo deutete auf die sich unterhaltende Gruppe.
    „Wir müssen zu denen. Das sind die Vertreter des Ältestenrates.“
    „Ich würde vorschlagen wir treffen uns wieder vor dem Tor, wenn alles erledigt ist. Ich werde mal Dobley aufsuchen und ein paar Geschäfte abwickeln. Du Valtäryn kannst Tjelvo begleiten. Ist bestimmt wichtig für den Ältestenrat zu wissen, dass es doch noch Valkyns gibt.“
    Am liebsten hätte Valtäryn widersprochen, denn die Gegenwart von Thealunia beruhigte ihn, doch er sagte nichts. Stattdessen nickte er nur. Tjelvo war ja noch bei ihm. Was sollte ihm schon passieren?
    Thealunia ging mit eleganten Schritten Aghorsch hinterher, der mittlerweile den Schatzhüter erreichte. Tjelvo und Valtäryn steuerten die Gruppe an.
    „… sind sie nicht mehr in der Lage dieser Brut Einhalt zu gebieten. Wer vermag sie dann noch aufzuhalten?“ sagte grade ein blasshäutiger Frostalfar, als die beiden näher kamen.
    „Für die nächsten zwei Tage werden weitere Gruppen aus Jordheim erwartet. Der Ältestenrat hat auch schon Teile der Wachposten in den Grenzfestungen abgezogen, um dieses Problem endgültig zu beseitigen“, sprach ein fülliger Troll mit allerlei Tätowierungen im Gesicht.
    „Die Frage ist, ob wir damit wirklich das Problem lösen können? Ihr wisst ja, dass man das Übel bei den Wurzeln packen muss, damit ein für alle mal Schluss ist.“
    Die anderen nickten zustimmend, dann bemerkte ein Nordmann die beiden Neuankömmlinge.
    „Wie heißt ihr und was ist euer Begehr?“, dabei fiel sein Blick auf Valtäryn.
    Wie aus einem Munde sagten alle Anwesenden: „Ein Valkyn?!“
    Tjelvo stellte sich den erstaunten Vertretern des Ältestenrates vor und erzählte ihnen, was sich in Bjarken und schließlich auch in Dyrfell zugetragen hatte. Mit jedem Wort und jedem Satz den Tjelvo sagte, verzogen sich die Gesichter der Anwesenden immer mehr zu Fratzen des Schocks. Als Tjelvo Valtäryn vorstellte und ihnen erzählte, der Valkyn wäre ein Gefangener des bösen Morvaltmagiers Breghugg gewesen, vergrößerte sich der Schreck in ihren Augen.
    Ein alter Kobold, deren Haut schon runzelig war, wandte sich an Valtäryn.
    „Denkt ihr, dass Breguhugg der Drahtzieher dieses ganzen Dilemmas ist?“
    Valtäryn schaute den Kobold an. Bei dem Namen brodelte wieder ein ganzer Kessel Wut in ihm und er antwortete mit belegter, aber auch selbstsicherer Stimme: „Ich weiß nicht, ob Breguhugg was mit diesem Dilemma zu tun hat. Ich kann euch nur versichern, dass er durch meine Hand sterben wird.“
    Ob es wegen der Flamme des Hasses war, welche in Valtäryns Augen loderte oder dem Unterton in seiner Stimme, der keinen Widerspruch zu ließ, konnte Valtäryn nicht sagen, doch der Kobold wich ein paar Schritte von ihm weg. Auch die anderen Anwesenden hatten wohl etwas bemerkt, denn auch sie distanzierten sich von dem Valkyn.
    Tjelvo übernahm wieder das reden: „Ehrenwerte Vertreter des Ältestenrates. Ich bitte euch mich anzuhören. Als ich noch ein kleiner Junge war, wuchs ich auf dem Hof meines Vaters mit einem Valkyn auf. Dieser Valkyn wurde nach der letzten Schlacht der Valkyns von meinem Vater gefunden und er nahm ihn auf wie seinen eigenen Sohn. Mein Vater verschwieg dem Valkyn diese Sache. Jahrelang plagten ihn Schuldgefühle und er entschloss sich eines Tages dem Valkyn die Wahrheit über seine Herkunft zu offenbaren. Als mein Ziehbruder dies hörte, wurde meinem Vater bewusst, welchen Fehler er begangen hatte, denn nun musste er dem Valkyn mehr zeigen. Den Fundort. Den Ort, an dem mein Vater ihn fand. Sie brachen noch am selben Tag auf und wurden nie wieder gesehen. Als kurze Zeit später Morvalts über den Hof meines Vaters herfielen, flohen Draponark, ein Troll in den Diensten meines Vaters, Brista, die Seherin und ich selbst nach Bjarken. Auf der Reise dort hin erfuhr ich eine Legende von Brista, musste aber gleichzeitig bei den Göttern schwören, diese Legende bis zum Tag, an dem ich wieder den Valkyn treffen würde für mich zu behalten. Sie erzählte mir die Geschichte des goldenen Falken. Damals wurde mir nach dieser Geschichte sofort klar, wer dieser goldene Falke sein würde, denn er lebte jahrelang auf dem Hof. Mein Ziehbruder besaß das Mal des goldenen Falken. Dieser Junge auf meinem Hof hörte auf den Namen Valtäryn!“
    Desinteressiert hatte Valtäryn der Erzählung von Tjelvo zugehört, bis sein Name plötzlich fiel.
    Aus seinen Gedanken gerissen fragte er nur: „Hä?“
    Die Anwesenden fragten wieder wie aus einem Munde: „Was?“
    Innerlich musste Tjelvo grinsen. Nun hatte er jahrelang auf diesen Augenblick gewartet und bekam nur verständnislose Blicke zugeworfen. Davon war in Bristas Erzählungen nie die Rede gewesen.
    Um seine Erzählung zu untermauern sagte er nochmals: „Valtäryn ist der goldene Falke!“ und dabei deutete er mit einem Kopfnicken zu seinem Gefährten. „Er trägt das Mal des goldenen Falken auf seinem rechten Unterarm.“
    Der Nordmann, welcher Tjelvo als erstes angesprochen hatte, räusperte sich: „Sollte der goldene Falke, nach der Legende zu urteilen, nicht in der Stunde Midgard zur Hilfe eilen, wenn Midgards Untergang naht? Ich verstehe das nicht. Die Morvalts sind ohne jeden Zweifel eine Bedrohung, aber keine so große, die Midgard nicht selbst erledigen kann. Warum sollten uns die Götter grade jetzt den goldenen Falken zusenden?“
    Zustimmung machte sich unter den anderen Anwesenden breit und eine wilde Diskussion begann, bis ein stämmiger Zwerg die Diskussion unterbrach: „Wir sollten die Entscheidung der Götter nicht in Frage stellen, sondern viel mehr diese Entscheidung respektieren und nutzen. Wenn die Götter selbst schon der Meinung sind, die Morvalts wären eine weitaus größere Gefahr für Midgard, dann sollten wir diese Bestien nicht unterschätzen, zumal sie einen mächtigen Verbündeten haben.“
    „Ja. Diese Merutagos scheinen außerordentlich gute Kämpfer zu sein. Ich werde sofort nach Jordheim reisen und dem Ältestenrat die neuen Ereignisse berichten. Vielleicht wird sich in der Bibliothek der Joten oder der Asen was Wissenswertes finden“, mit diesen Worten verabschiedete sich der füllige Troll von Tjelvo und nach einer tiefen Verbeugung Valtäryn gegenüber steuerte er den Ausgang der Halle zu.
    Valtäryn gefiel das alles ganz und gar nicht. Schon die Worte des stämmigen Zwerges hinterließen in seiner Magengegend ein mulmiges Gefühl. Sie sollten die Entscheidung der Götter respektieren und nutzen? Er war doch kein Nutzvieh, welches man bei Bedarf für ein tolles Mahl schlachten konnte. Und die Götter? Er pfiff auf die Götter. Sollten sich die Götter jemanden anderen suchen, aber er würde seinen eigenen Weg gehen. Das einzige Ziel seines Weges war Rache. Nicht mehr und nicht weniger.
    „Was sind eure Pläne bezüglich des Morvaltmagiers?“ fragte der Frostalfar an Valtäryn gewandt.
    „Was meine Pläne sind? Ich werde ihn aufsuchen und ihn dann zur Strecke bringen.“
    „Mmh“, machte der Frostalfar und schaute Valtäryn durchdringend an. „Wo soll euch eure weitere Reise denn hinführen?“
    „Zu den Iarnzwergen.“
    „Zu den Iarnzwergen? Warum? Sie sind so weit von jeglicher Zivilisation entfernt und haben wahrscheinlich gar nichts mit den Morvalts zu schaffen.“
    Valtäryn wurde wegen der ständigen Fragerei allmählich sauer: „Es geht um Informationen. Mehr braucht ihr nicht zu wissen.“
    Der Frostalfar zog die Augenbrauen hoch, nickte aber dann. „Die Vertreter des Ältestenrates möchten euch helfen Valtäryn. Der Weg nach Hagall ist von Morvalts gepflastert und es ist fast kein Durchkommen möglich. Allerdings kennen wir jemanden, der euch sicher durch den nördlichen Sumpf in Muninsund führen kann. Dies wird wohl in dieser Zeit der einzige Weg sein, der von den Morvalts nicht oft benutzt wird.“
    Valtäryn überlegte. Noch ein weiterer Gefährte? Noch eine weitere Seele, die durch ihn nach Walhalla geschickt werden könnte? Sein Blick schweifte zu Tjelvo, der dass Gespräch ruhig mit angehört hatte.
    „Ich denke es wird das beste sein, wenn du einen fähigen Reiseführer an deine Seite gestellt bekommst, Valtäryn“, meinte Tjelvo.
    „Also gut. Ich nehme diese Hilfe an, wenn Tjelvo mich ebenfalls begleiten darf.“
    Sofort nickten die Vertreter des Ältestenrates und waren mit dieser Forderung einverstanden. Valtäryn teilte ihnen noch mit, morgen in der Früh aufbrechen zu wollen und nachdem auch Tjelvo noch sagte, wo sie die Nacht verbringen würden, verabschiedeten sie sich und verließen die Halle.
    Draußen trafen sie Aghorsch und Thealunia. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur örtlichen Herberge. In Aegirhamn gab es nur eine einzige, die sich in der Nähe des Hafens befand. Unterwegs schilderte Tjelvo den beiden anderen Gefährten das Gespräch mit den Vertretern des Ältestenrates, woraufhin Aghorsch ihn freundschaftlich auf den Rücken schlug.
    „Na das ist doch mal eine gute Nachricht. Dann trennen sich unsere Wege ja doch noch nicht“, und mit einem Augenzwinkern gab er Valtäryn zu erkennen, dass das eine gute Entscheidung von ihm war.
    Sie erreichten die Herberge, mieteten sich Zimmer und richteten sich für die Nacht ein. Thealunia wünschte ihnen eine gute Nacht und warf beim Gehen Tjelvo noch einen verheißungsvollen Blick zum Abschied zu. Auch die anderen Gefährten begaben sich in ihre Zimmer, denn jedem von ihnen war klar, dass der morgige Tag anstrengend werden könnte.
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    Kapitel 33.

    Die Enthüllung

    Valtäryn schreckte hoch. Seine Hände berührten weiches Moos, das sich in seinem saftigen und frischen Grün über einem mittelgroßen Felsbrocken zog. Valtäryn lag auf diesem Felsbrocken. Der klare, blaue Himmel fing die ruhige Atmosphäre ein, die über dem Wald lag.
    Langsam erhob er sich und schaute sich um. Er befand sich auf einer kleinen Lichtung. Bienen sogen Nektar aus einer bunten Mischung von Blumen. Das Blumenbett füllte die Lichtung aus. Kleine Vögel flogen nah über dem Boden, auf der Suche nach Nahrung. Ein Reh stand am Rande der Lichtung, blickte kurz zu Valtäryn herüber und verschwand dann zwischen den Bäumen.
    Wo bin ich?
    Stirnrunzelnd betrachtete er sich selbst und stellte erleichtert fest, dass er noch die Kleidung trug. Federartig glitt er von dem Felsbrocken.
    „Ich habe auf dich gewartet“, vernahm er eine Stimme.
    Langsam drehte sich Valtäryn um und entdeckte auf der anderen Seite des Felsbrockens einen Valkyn.
    Trotz des hohen Alters stand der Valkyn aufrecht vor Valtäryn. Die grauen Haare umrahmten ein faltiges Gesicht, das große Weisheit ausstrahlte. Die einfache Stoffrüstung saß perfekt an seinem Körper. In der rechten Hand hielt er einen langen Stab, an dessen Ende der Schädel eines unbekannten Tieres stak.
    „Wer bist du?“
    Der Valkyn lachte schnurrend auf.
    „Eigentlich solltest du mich kennen, doch das Schicksal wollte es nicht zu lassen. Jedenfalls bis heute. Ich freue mich, dich zu sehen. Du siehst prächtig aus, abgesehen von dem Hass in deinen Augen, der wie ein Geschwür in deinen Augen brennt.“
    Valtäryn fasste sich an die Augen.
    „Ich bin mir jetzt nicht sicher, was ich darauf antworten soll. Du bist ein Valkyn! In deinen Augen sollte ebenfalls der Hass lodern. Schließlich haben die Morvalts unser Volk vernichtet.“
    Amüsiert hob der Valkyn den Stab hoch und wechselte ihn in die linke Hand. Langsam ging er um den Felsbrocken herum, woraufhin Valtäryn ihm im gleichen Tempo folgte.
    „Tatsächlich? Du lebst doch, oder?“
    „Äh. Ja“, antwortete Valtäryn verwirrt.
    „Na also. Dann scheint unser Volk ja doch noch nicht vernichtet worden zu sein. Und wer weiß. Vielleicht bist du ja nicht der Einzige. Vielleicht gibt es noch etliche von uns. Vielleicht haben sie sich versteckt, um der Rache der Morvalts zu entkommen.“
    „Das sagte mir schon eine alte Frau. In diesen ganzen Vermutungen sind mir viel zu viele vielleichts. Und wieso Rache der Morvalts? Sollten wir nicht diejenigen sein, die Rache ausüben.“
    Der Valkyn lachte auf.
    „Ich fass es nicht. Du bist wirklich ganz wie dein Vater. Unglaublich.“
    Überrascht fragte Valtäryn: „Du kennst meinen Vater?“
    „Oh ja. Ich kenne ihn glaube ich besser, als jeder andere. Außer vielleicht deine Mutter. Die kennt deinen Vater wohl fast genauso gut wie ich ihn kenne.“
    „Meine Mutter?“ Mit jedem Wort das zwischen Valtäryn und dem Valkyn geführt wurde stieg die Verwirrung in ihm. Langsam wiederholte er seine anfänglich Frage: „Wer bist du?“
    Ein wissender Blick, begleitet von einem Lächeln traf Valtäryn.
    „Mein Name ist Jildio. Ich komme im Schlaf zu dir, um dir einiges zu sagen. Es ist wichtig, dass du verstehst warum all das mit den Morvalts geschieht. Ich will dir das enthüllen, was nur die Valkyns und die Morvalts wissen.“
    Die Neugier von Valtäryn war schon mehr als geweckt, doch nun platzte er fast deswegen. Heiser hauchte er: „Was willst du mir enthüllen?“
    Jildio begann zu erzählen: „In einer Zeit als Aegir noch größtenteils unbewohnt war, als die Trolle begannen Trollheim aufzubauen und als die Morvalts noch ungezähmte Wilde waren, begannen die Valkyns unter ihrem damaligen Anführer Gerloveyn mit ihrem Fehler. Der Fehler bestand daraus, die Morvalts zähmen zu wollen, um sie in das Volk der Valkyns einzugliedern. Ein Jahrelanger Kampf begann. Von den Valkyns gejagt und gefangen genommen, wurden sie in Lager verfrachtet, in denen speziell ausgebildete Valkyns die wilden Morvalts zähmen sollten. Es gelang flächendeckend. Doch viele Morvalts mussten ihr leben lassen, bei dem Versuch sie zu zähmen. Die gezähmten Morvalts wurden in das Volk der Valkyns eingegliedert und dienten ihnen ab da an. Sie bauten das Zentrum der Valkyns, schufen neue Valkyndörfer oder übernahmen den Handel zwischen den Valkyns und den Trollen. Durch ein Abkommen zwischen Trollen und Valkyns wurden hunderte Morvalts nach Trollheim geschafft, um dort bei dessen Ausbau zu helfen. Viele der Morvalts starben unter Tage. Die anfängliche Dankbarkeit der Morvalts über dessen Zähmung schlug mit jedem Jahr in unbändigem Hass um. Besonders kluge Morvalts sammelten massenhaft loyale Anhänger um sich und begannen Revolten, welche die Trolle und Valkyns immer wieder mit Erfolg niederschlugen. Vor etwa vierzig Jahren entdeckten Kundschafter ein Eisportal im hohen Norden der Gripklosaberge. Allerdings war es verschüttet. Um dieses geheimnisvolle Eisportal zu bergen schickte ihr damaliger Anführer Hortan ein Trupp Valkyns und Morvalts los. Ein paar Monate später wurde ein halb erfrorener Valkyn gefunden, der mit dem Trupp das Eisportal bergen sollte. Mit seinen letzten Kräften berichtete er von seltsamen Wesen, welche Blauleuchtendes Fell besaßen. Nachdem der Trupp wohl das Eisportal freigesetzt hatte, strömten diese Wesen aus dem Eisportal und nahmen alle gefangen.“
    „Merutagos“, sagte Valtäryn knapp.
    Jildio nickte: „Ja. Merutagos. Nach einigen Gesprächen mit den Morvalts wurden die Valkyns getötet und die Morvalts freigelassen. Der überlebende Valkyn konnte fliehen. Er starb noch in dieser Nacht an der Kälte, die seinen Körper in Besitz genommen hatte. Hortan stellte daraufhin ein Heer auf, denn die Sprache der Merutagos schien klar zu sein. Sie wollten Krieg. Die Morvalts schlossen mit den Merutagos ein Bündnis und eroberten kurzer Hand Trollheim. Nachdem die Trolle nach Süden geflohen waren, blieben nur noch die Valkyns übrig, sich dem neuen Feind zu stellen. Nach und nach eroberten die Morvalts Valkynlager und befreiten die dortigen Morvalts. Ihre Armee wurde ständig größer und ihre vollendete Rache rückte näher. Die letzte Bastion der Valkyns wurde schließlich belagert. Das Zentrum der Valkyns. Die sich bewegende Stadt. Die letzte Schlacht wurde in der Mitte der Stadt ausgetragen und die Valkyns verloren.“
    Valtäryn sagte nichts. Er grübelte über diese Enthüllung. Wer war nun der Böse in dieser Geschichte? Gab es einen Schuldigen? Sollte am Ende das Volk der Valkyn an dieser ganzen Situation schuld sein? Er war zu verwirrt, um eine klare Antwort darauf finden zu können.
    Jildio betrachtete ihn mit einem traurigen Blick. „Du hast ein schweres Los. Du musst dafür sorgen, dass der Fehler der Valkyns wieder gut gemacht wird.“
    „Warum sollte ich? Jetzt wo ich weiß was Sache ist, sehe ich überhaupt nicht ein, mich da einzumischen. Ich war in dem Glauben hinter den Morvalts her, dass sie unser Volk aus Mordlust und Gier auslöschten und nicht, weil meine Vorfahren sie als Diener nutzten. Ich kann den Hass der Morvalts nachvollziehen, denn er hat mich jahrelang selbst begleitet.“
    „Du liegst falsch, mein junger Freund. Du bist der Sohn des letzten Anführers der Valkyns. Du bist der Sohn Hortans und es ist deine Pflicht, als rechtmäßiger Erbe, dein Volk und auch all die anderen Völker, aus dieser Misere zu retten.“
    „Was redest du da alter Mann?“ fragte Valtäryn ungläubig.
    „Ich sage nur die Wahrheit. Ich war derjenige, welcher dich bei deiner Geburt in Sicherheit brachte. Ich würde mich ja noch weiter mit dir unterhalten, doch meine Zeit ist um. Ich wünsche dir den Segen von Rakor und Bogdar. Mögen sie dich auf deinem weiteren Weg sicher begleiten und dir die Kraft geben, deine Feinde in den Staub zu schlagen.“
    Die letzten Worte trommelten noch in Valtäryns Ohr, als ihm kurz schwindelig wurde und er dann ein Kikeri hörte. Er öffnete die Augen und schaute an die Decke in seinem Zimmer. Durch das Fenster drangen die ersten Sonnenstrahlen. Der Morgen graute.
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    Kapitel 34.

    Feldorom

    Nachdem sich Valtäryn angezogen und sich gründlich an der Waschschüssel gewaschen hatte ging er die Stiege in den großen Aufenthaltsraum der Herberge runter. Unten saßen schon Aghorsch und Tjelvo beim Frühstück zusammen. Als er sich dem Tisch näherte erblickte ihn Aghorsch und winkte ihn heran.
    „Ha. Das nenn ich sechsten Sinn. Kommst grade pünktlich zum Frühstück. Thea schon wach?“
    „Tut mir leid, aber ich hab nicht in ihr Zimmer geschaut.“
    „Macht ja nichts. Auch ihr wird irgendwann der Magen knurren. Lang kräftig zu Valtäryn. Ich bin mir sicher, wir werden lange Zeit kein so gutes Frühstück mehr bekommen“, Aghorsch hob die Hand und sofort war ein Junge, nicht älter als zwölf Sommer, zur Stelle und nahm eine weitere Bestellung auf.
    Auf dem Tisch standen schon frisches Brot, gut duftende Kohlsuppe, zwei Stücke gebratenen Schinken, Eier, Huhn und Milch. Aghorsch mampfte schon fleißig los, während Tjelvo dezenter aß und Valtäryn auf seine Portion wartete.
    Die Tür wurde aufgestoßen und ein Kobold in schwarzer Lederrüstung und einem weiten, schwarzen Umhang betrat die Herberge. An seiner Seite trug er ein Schwert, an dessen Knauf ein dunkler Obsidian eingearbeitet war. Seine dunklen Augen suchten den Aufenthaltsraum ab, bis sein Blick auf Valtäryn haften blieb. Mit wenigen Schritten war er flink an den Tisch heran getreten.
    „Guten morgen ihr Herren. Ich nehme an, ihr seid die Gruppe, die einen Führer angefordert hat.“
    Tjelvo hörte auf zu essen und Valtäryn starrte ihn misstrauisch an. Von Aghorsch hörten sie plötzlich ein Husten und Keuschen und als die Gefährten zu ihm blickten, sahen sie noch wie er ein Stück Huhn auf den Boden spuckte.
    Erbost und mit hochrotem Kopf meinte Aghorsch: „Angefordert? Der Ältestenrat flüsterte uns eine Möglichkeit zu, wie wir unbeschadet nach Hagall kommen würden und protzte damit jemanden zu kennen, der den Weg bestens kennt. Seit wann schickt der Ältestenrat Schurken auf Mission und dazu noch einen Kobold? Sind ihnen die guten Leute ausgegangen?“ Aghorsch stockte und man sah ihm im Gesicht an, dass er grade eine Erleuchtung hatte. „Moment. Jetzt wird mir klar, warum ihr einen Weg durch den Sumpf nach Hagall kennt. Ihr seid Schmuggler! Ich fass es nicht. Mit Gesindel sollen wir nach Hagall? Das ist Blasphemie!“
    „Mäßigt eure Zunge Zwerg! Ich bin vielleicht ein Schurke und ein Kobold dazu, aber dennoch stehe ich im Dienste unseres Reiches. Ich tue nur meine Pflicht, so wie ihr die eure tut.“
    „Eure Aussprache ist galant. Für einen Schurken ungewöhnlich“, stellte Tjelvo fest.
    „Ich nehme das als Kompliment auf. Durchaus ist meine Sprache galant, da ich lange Zeit am Hofe eine Position inne hatte. Warum und weshalb ich einen anderen Weg in meinem Leben einschlug kann ich euch ja während eines netten Nachtlagers auf unserer Reise erzählen, doch nun denke ich sollten wir frühzeitig aufbrechen, damit wir heute noch einen weiten Weg hinter uns lassen können.“
    „Bleibt mal ruhig. Ohne was Ordentliches im Magen werd ich nirgends wo hin gehen. Außerdem möchte ich euch erinnern, dass nicht ihr derjenige seid, welcher die Gruppenführer ist“, polterte Aghorsch weiter. „Zusätzlich erinnert mich eure Visage an jemanden, den wir in Dyrfell glücklicherweise losgeworden sind. Das fördert nicht grade meine Schnelligkeit beim Essen“, murrend setzte Aghorsch sein Essen fort, welches unter lautem Schmatzen bald verklang.
    „Ich sehe schon, dass ihr keine guten Erfahrungen mit Kobolden gemacht habt.“
    „Gute Erfahrungen? Einer aus euren Reihen hat uns wochenlang begleitet. Aber statt mit der Gruppe zu schwimmen, entschied er sich gegen den Strom zu paddeln. In Dyrfell sind wir ihn losgeworden und was passiert jetzt? Er wird durch euch ersetzt.“
    „Bleib ruhig Aghorsch. Wer sagt, dass alle Kobolde gleich sind?“, fragte Valtäryn. Auch er hegte Misstrauen, aber nur weil Pirkos während ihrer Reise nach Dyrfell ständig gegen ihn war, schob er nicht gleich alle Kobolde in dieselbe Schublade.
    „Ihr seid also derjenige, der diese Gruppe anführt?“ wandte sich der Kobold an Valtäryn.
    „Ich führe hier niemanden an“; widersprach Valtäryn. „Jeder der mich nicht begleiten will kann jederzeit gehen. Wie ist dein Name?“
    „Oh. Entschuldigt. Wie unhöflich von mir.“ Der Kobold sprang von seinem Stuhl auf und machte vor der Gruppe eine tiefe Verbeugung. „Mein Name ist Feldorom Sadel. Zu euren Diensten.“ Er nahm wieder Platz und wandte sich wieder Valtäryn zu: „Ihr spracht von einem Kobold der euch begleitete. Darf ich seinen Namen erfahren?“
    „Ich wüsste zwar nicht, was euch der Name eines ehemaligen Gefährten nutzen würde, aber ich will ihn euch dennoch sagen. Er hieß Pirkos.“
    Lefohols Augenbrauen zogen sich bei diesem Namen dunkel zusammen: „Ihr sagtet Pirkos? Ein Runenmeister?“
    „Ja. Diesen Namen sagte ich und ja er war ein Runenmeister.“
    „Oha“, machte Feldorom.
    „Oha?“ grunzte Aghorsch. „Was heißt hier oha?“
    „Euer ehemaliger Gefährte ist mir wohlbekannt, allerdings kann ich nichts Gutes mit ihm in Verbindung bringen.“
    „Wie meint ihr das?“ fragte Aghorsch neugierig.
    „Er ist ein Verräter. Er hat sich mit den falschen Leuten eingelassen. Letztlich wurde er aus der Koboldstadt verbannt. Pirkos entschied sich dem Bösen zu dienen. Meine letzten Infos über ihn sind, dass er sich wohl mit einem Dämon eingelassen hat. Seit Monaten wird er gesucht. Mich wundert es, dass er mit euch gereist ist. Er hatte mit Sicherheit eigene Ziele und er hat euch diesbezüglich nur ausgenutzt.“
    Aghorsch sprang von seinem Platz auf: „Hab ich es doch gewusst. Dieser kleine schäbige Kobold hatte nichts Gutes im Sinn. Wenn ich doch bloß schon damals gewusst hätte was ich jetzt weiß, dann...“
    „Dann hättest du ihn gleich vor Ort einen Kopf kürzer gemacht. Und das zu recht.“
    Alle drehten sich um und sahen wie Thealunia die Treppenstiege herunterkam. In ihren Augen glomm Zorn. „Wenn ich das nur geahnt hätte wer er wirklich war, hätte Okar ihn niemals mitgenommen, doch wenn mir Pirkos noch mal über den Weg laufen sollte, würde er sich wünschen am anderen Ende der Welt zu sein.“
    Langsam beruhigte sich ihr Gemüt. „Wir wollen unseren Gefährten nicht länger warten lassen. Umso früher wir Abreisen, umso besser. Tjelvo. Du kümmerst dich um die Vorräte, welche wir für die Reise benötigen. Die andere machen sich fertig.“
    Nach kürzester Zeit waren sie Abreisefertig. Sie verließen die Herberge, gingen über den breiten Hafenweg zum Handwerkermarkt, stiegen die Treppe herunter, passierten das Portal nach Mularntal und durchschritten die Schlucht, welche nach Muninsund führte.
    Nachdem sie an dem letzten Verteidigungsturm vorbei waren führte sie Feldorom in den Sumpf. Sie marschierten hintereinander, da der begehbare Weg nur sehr schmal war. Riesige Felsbrocken standen links und rechts aus dem Sumpf heraus. Die übelriechende Luft ließ Valtäryn das ein oder andere Mal würgen. Es roch nach Verwesung. Vereinzelt standen knochige, tote Bäume mitten im Sumpf ohne jedes Leben in sich zu tragen. So setzten sie ihren Weg fort, bis sie zur Mittagsstunde auf einer kleinen Lichtung Rast machten.
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    Kapitel 35.

    Die Ertrunkenen

    Die Rast war von kurzer Dauer und nachdem die Gefährten sich kurz ausgeruht hatten, setzten sie ihre Reise durch den Sumpf fort. Voran ging Feldorom in seiner Hand sein Schwert haltend. Sicher ging er den schmalen Sumpfpfad entlang, der kaum vom eigentlichen Sumpf zu unterscheiden war. Der Pfad war auch so eng, dass die Gefährten hintereinander her schreiten mussten. Hinter Feldorom ging Valtäryn und dahinter Thealunia. Die Schlusslichter bildeten Aghorsch und Tjelvo. Soweit man auch schaute konnte man nur trostlose Sumpflandschaft erkennen. Man musste drauf achten wo man hintrat, denn unachtsamen Wanderern konnte der Sumpf leicht zur Falle werden.
    Valtäryn dachte an Jildio und an dessen Enthüllung. Dieses Gespräch hatte ihm etwas genommen, was ihn seit er sich erinnern konnte begleitet hatte. Hass. Hass auf die Morvalts. Es war einem großen Mitleid gewichen. Traurigkeit erfüllte sein Herz und er konnte einfach nicht verstehen, wie es zu dieser ganzen Sache kommen konnte. Hatten seine Vorväter keinen Verstand gehabt? Wie konnten sie ein ganzes Volk versklaven, denn dass es Sklaverei war, stand für Valtäryn zweifelsfrei fest. Nun sollte er alles wieder gut machen? Diese mordenden Morvalts, die mit berechtigtem Hass gegen die Völker Midgards vorgingen, sollte er aufhalten? Was hatte er damit zu tun? War er deswegen der goldene Falke? Am liebsten hätte er alles hingeschmissen, hätte sich umgedreht und wäre umgekehrt. Warum sollte grade er dafür sorgen, dass es wieder Frieden in Aegir geben sollte? Jildio sagte, er wäre der rechtmäßige Erbe des zersplitterten Valkynreiches. Na toll. Wen interessierte das? Er hatte es sich nicht aussuchen dürfen. Er wurde nicht vor die Wahl gestellt dies oder jenes zu tun. Nein. Es war ihm aufgezwungen worden. Diese Gedanken schürten seinen Zorn. Aber auf wen? Auf seinen Vater? Auf seine Gefährten, die ihn aus der Gefangenschaft der Morvalts befreit hatten? Auf die Völker Midgards? Auf die Götter, die ihm solch ein Schicksal gaben? Oder gar auf sich selbst?
    Ungebremst stieß er gegen Feldorom, der plötzlich stehen geblieben war. Valtäryn wurde aus seinen Gedanken gerissen.
    „Was ist los?“ fragte er Feldorom und rieb sich dabei die Schulter, mit der er gegen den Kopf des Kobolds geknallt war.
    „Irgendwas stimmt nicht“, meinte Feldorom ohne den Zusammenstoss mitbekommen zu haben. „Wartet hier“, und mit diesen Worten verschwand der Kobold in den Schatten.
    „He. Seid ihr da vorne eingeschlafen?“ rief Aghorsch von hinten.
    „Warum halten wir?“ fragte Thealunia.
    Mit einem Psst brachte Valtäryn die gesamte Gruppe zum schweigen.
    Links und rechts brodelte plötzlich der Sumpf und unnatürliche Sumpfblasen stiegen in die Luft. Der schon ekelhafte Gestank des Sumpfes verstärkte sich noch um ein Vielfaches und es roch nach verwestem Fleisch.
    Thealunia begann instinktiv mit ihren Stärkungszaubern. Sie kräftigte die Kampfkraft der Gruppe, machte sie agiler und widerstandsfähiger. Mit einer einzigen Bewegung ihrer Hände schuf sie Schutzschilder um die Gefährten. Valtäryn nahm sein Schwert, welches er als Geschenk von Brista erhalten hatte in seine Schwerthand. Auch Tjelvo bewaffnete sich mit seiner Waffe und Aghorsch nahm seinen Hammer zur Hand und rüstete sein Schildarm mit seinem Schild aus.
    Mittlerweile war der Gestank fast unerträglich geworden. Dieser Gestank kroch wie Gift in die Lungen der Gefährten. Valtäryn entdeckte sie als Erster. Knochige Finger die sich unermüdlich einen Weg aus dem Sumpf suchten. Erst waren es wenige, doch dann wurden es immer mehr. Köpfe pressten sich gegen die Sumpfdecke. Leere Augenhöhlen starrten in die Richtung der Gefährten. Von Schlamm überzogene Gerippe wühlten sich durch den Schlamm und krochen zum Sumpfpfad. In den Knochenfingern rostige Schwerter, Äxte, Hämmer und Speere haltend. Ausdruckslos erhoben sie sich aus dem Sumpf. In ihnen loderte kein Funken Leben mehr. Die Ertrunkenen wurden sie in Aegir genannt, jene die sich der Sumpf holte.
    „Ach du bitteres Met. Knochen wollen uns ans Leder. Meine Güte. Das sind bestimmt ein Dutzend“, sagte Aghorsch.
    „Du irrst dich Aghorsch. Schau mal hinter dich“, rief ihm Thealunia zu.
    Aghorsch drehte sich um und schaute den Pfad, den sie gekommen waren zurück. Hinter ihnen war der Weg von weiteren Skeletten versperrt. Ein weiteres Dutzend rückte von dort heran.
    „Odin steh uns bei“, betete Tjelvo den Gottvater an.
    „Wo ist Feldorom?“ fragte Aghorsch wütend. „Ich sehe den Kobold nicht an deiner Seite Valtäryn.“
    „Er verschwand plötzlich vor mir“, antwortete Valtäryn und blickte entsetzt zu den heranrückenden Skeletten.
    „Als wenn ich es geahnt hätte.“
    Weiter kam Aghorsch nicht, denn die ersten Skelette erreichten die Gruppe. Ihre Bewegungen waren langsam und ungelenk, doch ihre Hiebe waren zielsicher und voller Kraft.
    Valtäryn wich den Stoss eines Skeletts aus und trat mit dem Fuß nach dessen Knie. Die Kniescheibe brach und das Skelett kippte zur Seite, doch statt dort liegen zu bleiben stieß es weiter mit seinem Speer nach Valtäryn. Valtäryn sprang über den Stoß und landete mit voller Wucht auf den Schädel des Untoten. Der Schädel zerbrach und die Knochensplitter flogen in den Sumpf. Ein weiteres Skelett errechte Valtäryn und schlug mit einer rostigen Klinge nach ihm. Valtäryn parierte den Schlag und erschütterte. Die Wucht des Schlags war zu Stark. Valtäryns Waffenarm vibrierte und er verlor seine Waffe. Diese fiel auf den Sumpfpfad. Aus dem Augenwinkel sah er die rostige Klinge wieder anfliegen, doch plötzlich stockte das Skelett mitten in der Bewegung. Hinter dem Skelett war Feldorom aufgetaucht und schlug sein Schwert quer durch den Brustkorb des Untoten. In zwei Hälften fiel das Gerippe auf den Sumpfpfad. Mit einem Kopfnicken bedankte sich Valtäryn, nahm seine Waffe wieder auf und wandte sich dem nächsten Gegner zu.
    Aghorsch wütete am brutalsten unter den Skeletten. Sein Hammer war wirkungsvoller als die Schwerter seiner Gefährten und er zertrümmerte einen Schädel nach dem anderen. So schnell fuchtelte er mit seiner Waffe, dass die Skelette chancenlos in sich zusammenbrachen.
    Auch Tjelvo schlug sich wacker, doch sein Schwert machte kaum Schaden an den Gerippen der Skelette. Immer wieder ging sein Schwert ins Leere, weil er zwischen die Rippen und Knochen der Untoten stieß. Nach kurzer Hand schlug er mit Fäusten zu und verteilte gut gezielte Tritte unter die Angreifer.
    Auch wenn die Skelette in der Überzahl waren, gegen die Gruppe konnten sie nichts ausrichten und einer nach dem anderen zerfiel und verschwand wieder in den Sumpf.
    Nach dem Kampf verließen die Gefährten unverzüglich den Schauplatz des Kampfes, aus Angst noch mehr Ertrunkene anzulocken. Sie wollten den Sumpf so schnell wie möglich hinter sich lassen.
    „Wie lange werden wir brauchen, um den Sumpf zu durchqueren?“ fragte Valtäryn Feldorom.
    Dieser schaute ihn an und meinte: „Morgen, wenn die Sonne den höchsten Stand erreicht, werden wir den Sumpf durchquert haben.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Weißt du, dass du verfolgt wirst?“
    „Wir werden verfolgt?“ Hastig sah sich Valtäryn um, konnte jedoch nichts Auffälliges bemerken.
    „Nein. Nicht wir werden verfolgt, sondern du.“
    „Ich? Wie kommst du darauf?“
    „Als ich eben in den Schatten glitt sah ich eine verschwommene Gestalt. Tierähnlich. Wolfsähnlich. Die roten Augen schauten genau in deine Richtung. Als es bemerkte, dass ich es entdeckt habe, verschwand es plötzlich.“
    „Ein Tier?“
    „Wahrscheinlich.“
    „Eigenartig.“
    Grübelnd trottete Valtäryn weiter hinter Feldorom hinterher. Rote Augen? Tierähnlich? Wolfsähnlich? Was hat das zu bedeuten?
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    Kapitel 36.

    Skadis Geschenk

    Bei Sonnenuntergang erreichten die Gefährten einen Hügel, der aus dem Sumpf heraus ragte. Wenige verkrüppelte Bäume und umgestürzte Stämme verurteilten den Hügel zu einem trostlosen Ort. Angesichts der Tatsache, dass es glatter Selbstmord wäre nachts durch den Sumpf zu wandern, entschlossen sich die Gefährten hier ihre Nachtruhe vorzubereiten. Der Hügel war zwar vom Sumpf umschlossen, doch bot es bei einem möglichen Angriff durch unbekannte Gefahren den besten Schutz weit und breit. Die Gefährten machten sich gleich an die Arbeit und schichteten die wenigen Stämme zu Barrikaden auf, in deren Mitte sie ihr Nachtlager aufschlugen. Thealunia verteilte Wasser und Pökelfleisch, dazu trockenes Brot. In der Mitte hatte Feldorom und Tjelvo ein Grubenfeuer entfacht, von außerhalb des Lagers nicht zu entdecken. Nun saßen sie ruhig am wärmenden Feuer und nahmen ihre karge Mahlzeit zu sich.
    „Wir sollten diese Nacht Wachschichten einteilen.“
    „Ja. Du könntest recht haben Feldorom. Ich möchte nicht wieder von irgendwelchen Ertrinkenden überrascht werden“, meinte Tjelvo.
    „Um Himmels willen. Wieder Ertrinkende? Nein danke. Ich übernehme auch gerne die erste Wache“, schmatzte Aghorsch.
    „Also gut. Aghorsch übernimmt die erste Wache, Tjelvo die zweite. Dann Thealunia, ich und zum Morgengrauen Valtäryn.“
    Niemand gab Einwände, obwohl Aghorsch Feldorom wieder gerne darauf hingewiesen hätte, dass nicht er derjenige war, welcher die Gruppe anführte.
    Nach und nach rollte sich jeder in seine Wolldecke ein. Aghorsch setzte sich etwas abseits vom Grubenfeuer auf einen Baumstamm und wachte über die bald Eingeschlafenen.
    Irgendwann wurde Valtäryn sanft geschüttelt. Müde öffnete er die Augen und schaute in das freundliche Gesicht von Feldorom.
    „Du bist mit deiner Wache dran, Valtäryn.“
    Valtäryn rollte sich aus der Wolldecke und streckte seine Gliedmaßen. Die anderen Gefährten schliefen. Feldorom kramte in einer der Taschen und holte eine Wasserflasche hervor. Mit dem Wasser setzte er sich auf den Stamm, auf dem Aghorsch seine Wache begonnen hatte. Valtäryn nahm sein Schwert und den Bogen, den er immer noch aus dem Lager der Morvalts bei sich trug. Den Köcher warf er sich über den Kopf und stiefelte zu Feldorom.
    „Irgendwas besonderes gewesen?“
    „Abgesehen davon, dass dein Zwergenfreund im Schlaf anscheinend ganze Wälder abholzt, wohl eher nichts.“
    Grinsend setzte sich Valtäryn neben dem Kobold auf den Stamm. Der Kobold reichte ihm die Wasserflasche und Valtäryn trank einige Schlucke. Die Kühle des Wassers verscheuchte den Rest seiner Müdigkeit.
    „Was bist du eigentlich?“
    Feldorom sah Valtäryn verständnislos an. „Ich verstehe nicht. Meine Rasse müsstest du eigentlich ohne Probleme erkennen.“
    „Nein. Das meine ich nicht. Ich meine deine Fähigkeit plötzlich zu verschwinden.“
    „Achso.“ Feldorom strich sich über seine Lederrüstung. Seine blaue Hand verschmalz fast mit der Dunkelheit und Valtäryn fand es schwer den Bewegungen des Kobolds zu folgen. Die lila Augen des Kobolds glänzten als er weiter sprach. „Ich wurde in Jordheim als Schattenklinge ausgebildet. Als Schattenklinge lernt man, mit Tag und Nacht zu verschmelzen. Schattenklingen sind oft Einzelgänger und arbeiten mit wenigen Ausnahmen immer alleine. Loki schenkte uns diese Fähigkeit, als das wir die Feinde Midgards im Verborgenen bekämpfen sollten. Bist du ein Jäger?“
    Diese Frage überraschte Valtäryn und er dachte darüber intensiv nach bis er antwortete: „Ich denke ich jage. Ja. Zwar jage ich keine Tiere, aber ich jage. Warum?“
    „Du jagst nach deinem Schicksal?“
    „Wenn du es so ausdrücken willst. Ich bin mir nicht sicher ob all das was ich erlebt habe und noch erleben werde, wirklich mein Schicksal ist, oder nur ein dummer Scherz der Götter.“
    „Verärgere die Götter nicht. Soviel ich erfahren hab bist du der goldene Falke und wenn das stimmen sollte, bist du Zeit deines Lebens auf der jagt.“
    „Ich kann dir nicht ganz folgen, was das mit meiner anfänglichen Frage zu tun hat.“
    Feldorom kicherte leise. „Anscheinend lässt sich Skadi bei dir jede Menge Zeit. Du bist ein Jäger, davon bin ich überzeugt und wenn es so ist wie ich sage, dann sollst du folgendes erfahren: Auch Jäger sind von Skadi mit der Fähigkeit beschenkt worden, sich im Verborgenen aufzuhalten.“
    „Ach“, machte Valtäryn erstaunt. „Mir ist noch gar nicht aufgefallen, dass ich plötzlich verschwinden kann und irgendwo anders wieder nach gut dünken erscheine.“
    „Vielleicht kommt das noch. Ich werde mich jetzt zur Ruhe legen. Halte deine Sinne wach und wecke uns, sobald du Gefahr witterst. Darin sind Jäger geübter als die Schattenklingen.“
    Mit diesen Worten verließ Feldorom Valtäryn und ließ ihn allein auf dem Stamm zurück.
    Valtäryn dachte lange über Feldoroms Worte nach. Er war tatsächlich seit er sich erinnern konnte auf der Jagd. Erst war er hinter Breguhugg her, dann jagte er Antworten in Dyrfell. Mittlerweile war er auf der Jagd nach seinem Volk, im weitesten Sinne, denn er suchte sie. Sollte Feldorom recht haben? War er ein Jäger? Er wusste nichts von Jägern, daher konnte er die Vermutung Feldoroms auch nicht bestätigen. Grübelnd saß er auf dem Stamm, als sich plötzlich irgendwas in ihm regte. Gefahr! Abrupt stand er auf, nahm instinktiv seinen Bogen zur Hand und spähte in die Dunkelheit. Seine scharfen Augen durchdrangen die Dunkelheit und sahen eine große Gestalt den Hügel heraufkommen. Grade wollte er sich umdrehen, als er ein weiteres Geräusch hörte. Knurren. Leise glitt er über die Barrikade und schlich in einem kleinen Bogen, um die nahende Gestalt herum. Mit gespanntem Bogen ließ er sich auf ein Knie nieder und betrachtete die Gestalt genauer. Der Umriss war groß. Etwa zwei Köpfe größer als Valtäryn. In der Dunkelheit konnte er, trotz seiner guten Augen nicht viel erkennen, doch was er sah, warf eine entscheidende Frage auf. Was war das? Es schien als würde der Körper fließen. Schlamm schien unaufhörlich an diesem Körper herab und herauf zu fließen. Eigenartig.
    Die Gestalt drehte sich plötzlich zu Valtäryn. Ein Blubbern und Schmatzen war zu hören, als würden aus dem Körper die Ertrinkenden des Sumpfes hervorquellen. Der Mond brach durch die dünne Wolkendecke und erleuchtete die Gestalt. Umschlossen von braunem, dreckigem Schlamm stapfte das Monstrum näher. Der riesige, runde Kopf wackelte von links nach rechts und die schwarzen, kleinen Augen verschwanden fast gänzlich in diesem Schlammkopf. Stirn, Ohren oder Mund waren überhaupt nicht vorhanden.
    Valtäryn schoss. Der Pfeil bohrte sich in den Kopf des Schlammwesens und verschluckte den Pfeil. Ohne ein Geräusch des Schmerzes von sich zu geben stapfte das Geschöpf weiter auf Valtäryn zu. Er legte einen weiteren Pfeil auf und schoss. Der zweite Pfeil verschwand in einem der Baumstammdicken Arme. Mit Verzweiflung schoss Valtäryn nun einen Pfeil nach dem anderen in das Monstrum. Die schnelle Schussfolge und die andauernden Treffer verlangsamten das Wesen, doch aufhalten ließ es sich nicht. Wenige Schritte trennten Valtäryn noch von dem Wesen. Valtäryn griff nach dem nächsten Pfeil und erstarrte. Sein Köcher war leer. Den Bogen achtlos auf den Boden fallend, wollte er nach seinem Schwert greifen, doch das Schwert lehnte noch immer am Stamm auf dem er gesessen hatte. Die Augen Valtäryns wurden vor Schreck größer. Er verfluchte sich innerlich, die Gefährten nicht geweckt zu haben. Nun war es zu spät. Der dicke Schlammarm holte aus und schwang auf den Brustkorb des Valkyns zu. Der tödliche Schlag näherte sich mit unglaublicher Präzision. Dann plötzlich nahm Valtäryn eine schwarze Gestalt war, die von rechts auf das Ungetüm zustürmte. Als der Schlammarm nur noch wenige Zentimeter von seinem Brustkorb entfernt war, schlug die schwarze Gestalt gegen das Ungetüm und riss es um. Knurrend stürzte sich ein schwarzer Wolf mit rot, glühenden Augen auf das Schlammwesen und riss den Schlamm auseinander. Die spitzen, weißen Reißzähne gruben sich tief in den Schlamm. Mechanisch versuchte das Schlammwesen den Wolf von sich zu werfen, doch ohne Erfolg. Das Gewicht des Wolfes drückte die Schlammgestalt auf den Boden. In kürzester Zeit war von dem Schlammwesen nichts mehr als ein Haufen dreckiger Schlamm übrig. Der schwarze Wolf wandte sich von seinem Opfer ab und betrachtete Valtäryn mit seinen durchdringenden Augen. In seinem Blick konnte Valtäryn nichts Bösartiges erkennen. Irgendwie leuchtete in seinen Augen sogar etwas Vertrautes. Langsam ging Valtäryn einen Schritt auf den Wolf zu. Der Wolf knurrte leise, doch wich er nicht von der Stelle. Langsam hob er seine Schnauze und schnüffelte, dann tat der Wolf etwas Unerwartetes. Er sprang nach vorn, warf mit seinen großen Pfoten Valtäryn zu Boden und leckte Valtäryns Gesicht ab. Der Aufschlag Valtäryns Körper endete auf mehreren Ästen und sie knackten laut in der Nacht.
    „He. Lass das“, rief Valtäryn und schob den großen Wolf sanft von sich. Der Geifer, der dem Wolf vor Freude in seinen Lefzen entstanden war, tropfte von seinem Maul auf den Sumpfboden. Valtäryn wischte sich mit seinem Umhang über das abgeleckte Gesicht.
    „Wer bist du?“
    Dein Avatar. Skadis Geschenk an dich, goldener Falke.
    „Mein Avatar? Skadis Geschenk? Ich verstehe nicht.“
    Vom Lagerplatz hörte er Rufe. Er schaute in die Richtung und sah wie seine Gefährten am Lagerfeuer standen und seinen Namen riefen. Sein Blick wanderte wieder zu dem Wolf, doch der war plötzlich verschwunden und er schaute nur auf die Überreste des Schlammmonsters herab.
    Rötliche Strahlen schickte die morgendliche Sonne über den Horizont und verwandelte die Nacht in ein feuriges Schauspiel. Der Tag brach an.
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    Kapitel 37.

    Im Schatten

    „Also wenn ich das richtig verstanden hab, hast du dich wegen einer dunklen Gestalt vom Lager entfernt. Dann hast du gerafft, dass es sich dabei um ein Schlammmonster handelte. Deine Pfeile zeigten keine Wirkung und dein Schwert hast du an dem Baum vergessen, an dem du deine Wache begonnen hast. Kurz bevor das Schlammmonster dich töten konnte, tauchte ein riesiger, schwarzer Wolf auf und rang das Monster nieder. Als du dich kurz weggedreht hast, war der Wolf verschwunden.“
    „So könnte man das kurz zusammen fassen. Ja. So ähnlich war es“, meinte Valtäryn zu Aghorsch.
    Dieser brummte in seinen Bart hinein. „Oje. Das hätte schlimmer ausgehen können.“
    Thealunia betrachtete Valtäryn mitfühlend. Ihr war klar, dass diese Begegnung schon das Ende dieses Jungen hätte bedeuten können, wäre nicht ein Segen von Skadi geschickt worden.
    „Das war ein Schlammgolem. Mit solchen Wesen ist nicht zu spaßen. Ist eine ganz andere Größenordnung, wie die Ertrunkenen vorher“, sagte Feldorom wissend. „Wir sollten aufbrechen. Immerhin konnten sich einige ausruhen und wir sind auch nicht mehr weit von Hagall entfernt.“
    Die Gefährten nickten zustimmend. Valtäryn packte seine Sachen zusammen und dachte an den Wolf. Skadis Geschenk an Dich, goldener Falke. Diese Worte hatten ihn wachgerüttelt. Wie ein herunterfahrender Blitz schoss ihm nun die Akzeptanz durch den Kopf. So klar wie an diesem Morgen waren seine Gedanken schon lange nicht mehr gewesen. Er war ein Valkyn. Aber er war auch der goldene Falke. Welche Erkenntnis lastete schwerer auf ihn? Sein Volk war für das Verantwortlich, was nun auf Aegir passierte. Es war für die Tat an die Morvalts verantwortlich. War sein Volk noch zu retten? Er hoffte es inständig, denn plötzlich fühlte er sich, trotz der Gefährten wieder sehr einsam. Wie damals in seiner Gefangenschaft.
    Goldener Falke. Er zweifelte nicht mehr daran, dass er der war, den die Götter für etwas Wichtiges auserkoren hatten. Etwas Böses braute sich an und die Morvalts waren nicht das Ende dieser sehr dünnen Schnur. Aegir war in Gefahr. Midgard war in Gefahr. Den Völkern dieses Reiches drohte eine große Bedrohung. Er zweifelte nicht mehr daran, dass es die Götter gab und er wusste das sie auf ihn herab sahen. Jeden seiner Schritte mitverfolgten. Wie ein Sohn zu seiner Mutter zurückkehrte, war Valtäryn zu Skadi zurückgekehrt. Ein verlorener Sohn war endlich wieder zu Hause. Valtäryn flüsterte ein Stossgebet an Skadi und erhob sich.
    Seine Gefährten waren Abmarschbereit und sie folgten dem unsichtbaren Pfad, der sich durch den Sumpf schlängelte. Sicher führte Feldorom die Gruppe, bis sie schließlich wieder festen Boden unter ihren Füßen spürten. Ein langgezogener Hang zog sich vor ihnen gegen den Horizont. Bäume säumten den Hang und in der Ferne sahen sie Faraheimrehe grasen.
    Eine dicke Rauchsäule zog sich über die Wipfel und der Wind trieb sie in Richtung Südost weiter.
    „Was ist das?“ fragte Tjelvo.
    Ein Schrecken breitete sich auf dem Gesicht Feldoroms aus. „In dieser Richtung liegt Hagall“, flüsterte er.
    Die anderen Gefährten hatten trotz des Flüsterns die Worte verstanden und alle starrten versteinert auf die Rauchsäule.
    „Morvalts!“ knurrte Aghorsch. „Diese Bestien lassen auch wirklich nichts aus. Wird Zeit, dass wir ihnen Benehmen beibringen.“
    „Das sehe ich genauso“, sagte Tjelvo mit grimmigen Augen.
    „Wir sollten trotzdem vorsichtig vorgehen. Am besten wäre es, wenn jemand auskundschaftet. Informationen können nie Schaden.“
    „Du hast recht ehrenwerte Thealunia. Ich kann mit dem Schatten verschmelzen und werde mich an Hagall heranschleichen um zu sehen, was da genau los ist.“ Mit einem Seitenblick auf Valtäryn fügte er noch hinzu: „Am besten wäre es, wenn mich Valtäryn begleiten würde.“
    „Valtäryn? Das ist nicht dein Ernst. Valtäryn bleibt schön hier bei uns in Sicherheit“, begehrte Aghorsch auf.
    „Lass gut sein Aghorsch. Ich werde mit Feldorom gehen.“
    Valtäryn war klar warum Feldorom ihn mitnehmen wollte. Er war in gewisser Weise vom selben Schlag wie er. Ein Schleicher. Er hoffte bei der Erkundung von Feldorom das eine oder andere zu erlernen.
    „Nimm deinen Bogen mit Valtäryn.“
    Ohne nach dem weshalb zu fragen schnappte er sich den Bogen und bekam von Tjelvo einen Ersatzköcher mit.
    Beide schlichen sich zwischen den Bäumen den Hang hoch. Im Süden führte eine unausgebaute Strasse den Hügel herauf und verschwand über deren Kuppe. Nach kurzer Zeit erreichten sie die Kuppe und schauten auf Faraheim, ein Land so voller Frischfleisch, wie es in ganz Aegir seines gleichen suchte. Hier waren die Faraheimrehe beheimatet und gediehen, wegen des saftigen Grases am besten. Im Nordosten zog sich die Rauchwolke aus einem Haufen Trümmer in die Luft. Die Stadtmauer von Hagall war an vielen Stellen eingestürzt. Man konnte einige der dahinter befindlichen Strohgebäude sehen, die im heißen Feuer zusammenbrachen. Nordmänner, Zwerge, Frostalfar oder andere Mitglieder der Völker konnten sie nicht erblicken.
    „Wir sollten uns näher heranschleichen. Am besten wäre es, wenn wir beide in den Schatten verschwinden. Dann werden wir nicht so leicht entdeckt.“
    „Wie kann ich in den Schatten eindringen?“
    „Du musst dich auf deinen Geist konzentrieren. Der Geist muss mit deiner Umgebung verschmelzen. Du musst dich in deine Umgebung hineinversetzen, egal ob es sich um einen Baum, einem Felsen, einem Busch oder gar der Erde ist. Versuche dich von deinem Körper gedanklich zu lösen und du verschmilzt mit dem Schatten.“
    Valtäryn schaute etwas zweifelnd zu Feldorom, aber der Wille diese Fähigkeit zu können siegte. Er leerte seinen Geist, um ihn neu zu formieren. Dachte an Erde, Wasser, Stein und Holz. Fühlte die Umgebung mit seinen Gedanken ab. Konturen. Umrisse. Er spürte den Wind. Diese Intensität des Windes bei leerem Geist. Dann spürte er seinen Körper. Arme, Beine, Torso, Kopf. Valtäryn schloss kurz die Augen, nur um sie gleich wieder zu öffnen. Die Umgebung war so klar und doch so durchsichtig. Leichte Luftwellen durchzogen das Bild, als würde die Luft durch eine große Hitze flirren. Er bewegte sich langsam vor, wie in Zeitlupe. Seine Sinne waren aufs äußerste gespannt.
    „Das hast du sehr gut gemacht Valtäryn. Lass uns zu der Stadtmauer schleichen“, hörte Valtäryn Feldoroms Stimme neben sich. Er konnte ganz schwach eine Gestalt dort stehen sehen, aber auch nur wenn er sich stark konzentrierte.
    Beide schlichen sich bis zur Stadtmauer vor und was sie dort sahen, ließ ihnen den Atem still stehen.
    Hagall war zerstört. Selbst die Gebäude, die nicht aus Stroh erbaut worden waren, lagen zusammengesackt im Dreck. Ein übler Verwesungsgeruch wehte ihnen entgegen, ähnlich wie bei den Ertrinkenden, doch irgendwie frischer. Valtäryn nahm seinen Bogen zur Hand und spannte einen Pfeil auf dessen Sehne. In der Mitte des Platzes ragte ein hoher Stein auf. Eine Art Säule. Sie war rußgeschwärzt. Das obere Ende lag abgebrochen im Schlamm. Die hintere Wand der Schmiede war förmlich herausgesprengt worden, die Asche in der Esse erkaltet. Eine machtvolle Kraft musste dafür verantwortlich sein. Das große Hauptgebäude ragte im Osten an der Stadtmauer auf. Es schien das einzige Gebäude das nur wenige Schäden aufwies.
    Von Feinden war weit und breit nichts zu sehen.
    „Lass uns zu dem Hauptgebäude gehen. Vielleicht finden wir im Inneren etwas, was uns sagt, was hier vorgefallen ist“, flüsterte Feldorom.
    Valtäryn nickte. Beide schlichen sich in ihrem eigenen Schatten voran. Je näher sie dem Hauptgebäude kamen, desto intensiver wurde der Verwesungsgeruch. Schließlich erreichten sie den Eingang zum Hauptgebäude und schauten hinein. Das Grauen lag in dem Hauptgebäude zu hunderten aufgehäuft.
    Valtäryn schüttelte in Trauer den Kopf. Brechreiz wanderte seine Kehle hinauf, angesichts des Bildes welches er in dem Hauptgebäude sah.
    Beide standen wie geschockt vor dem Eingang, nicht in der Lage sich zu bewegen. Der dichte Qualm, der überall in Hagall in die Luft zog, ließ ihre Augen tränen.
    Der Tod hatte Hagall heimgesucht.
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    Kapitel 38.

    Seuchentod

    Valtäryn betrachtete schockiert die Haufen Leichen, die im ganzen Raum herumlagen. Der süßliche Duft des Todes zog in Valtäryns Nase und angewidert unterdrückte er den aufkommenden Brechreiz.
    Viele Leichen waren verstümmelt, andere wiesen tiefe Wunden auf. Einige der Leichen besaßen auch blau-schwarze Verfärbungen, die nicht durch Waffen verursacht worden waren. Kinder, Frauen und Alte lagen dort genauso wie die Männer, die wohl Hagall versucht hatten zu verteidigen.
    Aus dem Augenwinkel bemerkte Valtäryn wie Feldorom aus dem Schatten trat. Die Augen des Kobolds waren vor Entsetzen weit geöffnet und tiefe Sorgenfalten bildeten sich auf seiner Stirn. Mit einem kribbeligen Gefühl trat auch Valtäryn aus dem Schatten heraus.
    „Die Morvalts haben ja niemandem am Leben gelassen. Oh Loki, mögest du die Übeltäter ihrer gerechten Strafe überführen.“ Feldorom trat tiefer in den Raum ein und betrachtete die Leichen auf denen die eigenartigen Hautverfärbungen am stärksten ausgeprägt waren.
    „Diese Bewohner scheinen aber nicht durch Waffen getötet worden zu sein. Die wurden durch was anderes dahin gerafft.“
    Jemand hustete laut, als würde sich Sägemehl in seiner Lunge befinden.
    „Ja. Ihr habt recht. Diese Leute wurden durch was anderes dahin gerafft und wenn ihr nicht genauso enden wollt, würde ich diese Stätte des Todes unverzüglich verlassen.“
    Valtäryn und Feldorom schauten in die Richtung aus der das Husten kam und sahen zu einer zusammengesunkenen Gestalt. Die Kapuze verbarg das Gesicht. Die Hände waren in blutige Bandagen gehüllt. Jeder Körperteil war sorgfältig bedeckt worden, so dass man die Haut der Person nicht erkennen konnte.
    Wieder hustete die Gestalt und ein dicker Klumpen getrockneten Blutes klatschte auf den Boden vor der Gestalt.
    „Ihr solltet euren Weg fortsetzten oder dahin zurückkehren, woher ihr kamt. Je länger ihr hier bleibt umso größer ist die Gefahr, dass ihr euch ansteckt.“
    „Ansteckt? Wovor?“ fragte Valtäryn. Während des letzten Hustenanfalls war Feldorom Richtung Ausgang zurück gewichen, Valtäryn trat jedoch noch näher an die Gestalt heran.
    Die Gestalt hob die Hand: „Komm nicht näher Valkyn. Es wäre nicht gesund für dich. Nachdem die Morvalts hier alles zerstört hatten und die halbe Bevölkerung tötete zogen sie weiter. Ein Teil der Bevölkerung konnte sich allerdings in den Bergen zwischen Faraheim und Muninsund verstecken und kehrte nach dem ausrücken der Morvaltarmee wieder in die Stadt zurück. Was sie nicht wussten, war das diese blauen Bestien noch hier waren und eine üble Falle in dieser Stadt aufstellten.“ Wieder schüttelte die Gestalt ein starker Hustenanfall durch und weitere Blutklumpen bedeckten den Boden. „Die Überlebenden trafen sie vor den Trümmern der Stadt. So voller Bösartigkeit trieben sie die Bevölkerung in die Stadt und blockierten die Ausgänge, so dass keiner mehr heraus kam. Nach etwa einer Stunde erkrankten die ersten Überlebenden. Sie bekamen starken Husten, Schüttelkrämpfe und Fieber. Ihre Haut bekam Blasen und nachdem die Blasen aufplatzten verfärbte sich an dieser Stelle die Haut blau-schwarz. Es muss eine Seuche sein. Alle starben innerhalb weniger Stunden bis auf mich. Irgendwie wollten die Götter mich noch nicht zu sich holen. Vielleicht damit ich die Vorkommnisse an euch weitergebe.“
    Valtäryn wusste darauf nichts zu sagen. Betreten schaute er zu den Bergen von Leichen und Trauer durchkämmte sein Innerstes. Unschuldige in einem sinnlosen Krieg sind sie von etwas dahin gerafft worden, welches sie die letzten Minuten ihres Lebens Leiden ließen. Seine Wut kam mit neuerlicher Stärke zurück, aber nicht auf die Morvalts. Diese Merutagos, welche durch das geheimnisvolle Portal aus einer anderen Welt gekommen waren, durchstreiften Aegir und brachten nur Leid und Tod. So sinnlos erschien Valtäryn dieses Morden.
    Jemand zupfte ihn am Umhang.
    „Wir sollten gehen Valtäryn. Wir können hier nichts mehr tun. Bevor wir uns anstecken sollten wir weitere reisen.“
    Valtäryn nickte traurig.
    Sie wandten sich um und verließen in schnellen Schritten die zerstörte Siedlung.
    Bei den Gefährten berichtete Feldorom von den Vorkommnissen in Hagall. Nachdem alle ein Gebet an die Götter gesprochen hatten, an dem sich auch Valtäryn beteiligte, wanderten sie weiter. Sie umgingen Hagall in einem weiten Bogen und stießen weiter nach Norden vor, bis sie das Tal der Waldschratte erreichten. Mit bedacht legten sie ein weiteres Stück entlang eines Hanges des Tales zurück und erreichten nach kurzer Zeit die ersten Ausläufer des Iarnwaldes. Dunkel und bedrohlich erhoben sich die Meterhohen Bäume. Licht durchstieß selten die dicht gedrängten Baumkronen und gelangte nur selten bis auf den Waldboden. Die Luft vibrierte böse und Gekreische war aus dem Wald zu hören. Der Ursprung waren die Bewohner des Waldes. Riesige, bösartige Kreaturen die alles und jeden tötete, sobald Fremde nur nah genug kamen.
    Valtäryn blickte ein letztes Mal in das Tal der Waldschratte, in dem die Sonne farbenfrohe Lichtspiele auf dem Boden zeigte, bevor der Wald die Gruppe gänzlich verschluckte.
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    Kapitel 39.

    Aufmarsch des Bösen

    Pirkos stampfte den breiten Höhlengang entlang, ohne auf die hohe Ansammlung der Skelettkrieger zu achten, die links und rechts der Höhlenwand Aufstellung bezogen hatten. Die Skelettkrieger waren voll gerüstet und mit allerlei Waffen ausgestattet, so dass sie jederzeit einsetzbar waren. Ab und an kam Pirkos an Höhleneingängen vorbei, die in riesige Grotten führten. In den Grotten sammelten sich dämonische Verbände und bereiteten sich auf den Krieg vor. Nicht selten konnte Pirkos zwischen verschiedenen Dämonen Streit entdecken, der meistens in Geschrei und blutige Auseinandersetzung endete. Schließlich erreichte Pirkos einen langgezogenen Gang dessen Wände verputzt waren. Säulen verschwanden in der Höhe auf denen brutale Folterungen gezeichnet waren. In diesem Gang huschten die einzigen Menschen in diesem unterirdischen Reich hin und her. Sie brachten aus versteckten Stollen Lebensmittel, Kriegsmaschinerie, Pferde, Ausrüstung und andere Hilfsmittel die man im Krieg benötigte in die benötigten Lager außerhalb dieser Höhlensysteme.
    Keiner beachtete den Kobold und er ging weiter bis er an eine steinerne Brücke kam, die über einen Lavafluss führte. Am Grund des Lavaflußes erkannte er die persönlichen Diener seines Meisters. Winzige aber dennoch außerordentlich gefährliche Feuerelementare. Sie fegte über den Lavafluß hinweg, flogen in die Luft und schossen die Schluchtwände hoch.
    Langsam und bedacht überquerte er die Brücke. Auf der anderen Seite ragte ein hohes Portal auf, in dessen Mitte ein blutroter Rubin pulsierte.
    „Wurde ja auch Zeit, dass du endlich kommst“, begrüßte ihn der Knochentänzer Fealdur. „Der Meister ist unerfreut wegen deiner Verspätung.“
    Der Knochentänzer trug eine Stoffrüstung in dunklem rot. Es schien als würde dieser Stoff genau wie der blutrote Rubin an der Pforte pulsieren. Sein Umhang hing schlaff herab. An seinem Gürtel hingen mehrere Schädel, gesäubert und präpariert. Das Ende seines Stabes zierte ein weiterer Schädel. In den tiefen Augenhöhlen glomm es feurig.
    Pirkos machte eine wegwerfende Geste: „Ich bin aufgehalten worden. Es war nicht einfach unbemerkt durch Jordheim zu kommen. Überall rüstet das Reich für den Krieg gegen die Morvalts.“
    Fealdur lachte auf. „Es scheint in diesen Zeiten rüstet jeder für den Krieg. Wie ist die Lage auf Aegir?“
    „Der Rat schickt alle entbehrlichen Truppenteile nach Aegir. Jetzt schon sind die Grenzfestungen und die Hauptstadt nur noch mit den nötigsten Verteidigern besetzt.“
    „Aaaah“, jauchzte Fealdur genüsslich. „Das sind gute Nachrichten.“
    Er hob seinen Stab und schlug damit auf den Boden. Ein donnernder Hall schlug gegen die Pforte und sofort schwangen die Tore auf. Dahinter lag ein steinerner Steg, der sich bis in die Mitte eines riesigen Lavasees zog und dort zu einer kleinen Plattform wurde.
    So ruhig Pirkos doch sein wollte, musste er bei diesem Anblick schwer schlucken. Dies war der Thronsaal seines Meisters und nur ausgewählte Anhänger durften in für eine Audienz bei dem Meister betreten. Je näher er der runden Plattform kam, desto ängstlicher wurde Pirkos. Die Wut seines Meisters konnte für den Betroffenen fatale Folgen haben und nicht Selten endete die Audienz tödlich. Schweißperlen bildeten sich auf seiner blauen Haut, weniger wegen der Hitze die hier wütete, sondern mehr aus der Angst heraus ihm könnte es genau so wie schon vielen vor ihm ergehen. Als er die Plattform erreicht hatte blieb er stehen und wartete auf ein Zeichen seines Gebieters. Er musste nicht lange warten bis der See unter ihm zu brodeln anfing. Es zischte und Feuerfunken sprühten in die Höhe, als sich ein gewaltiger Körper aus dem See schälte. Das Fleisch brannte und die Bösartigkeit dieser Kreatur erfüllte den ganzen Raum. Zwei große Feuerschwingen breiteten sich aus und schlugen zweimal. Die Funken stoben auf die Wände zu und verschmalzen dann beim Fallen mit dem brodelnden See.
    „Du hast lange gebraucht!! Ich habe dir schon mal gesagt, dass ich nicht auf Niedere warte!!“
    Ein Auge des Dämons glühte feurig auf und im nächsten Augenblick verspürte Pirkos einen höllischen Schmerz in seinem linken Arm. Erschrocken schrie er auf, als er sah wie sein Arm Feuer fing und innerhalb weniger Sekunden nur noch die Asche zu Boden fiel. Pirkos starrte entsetzt auf seinen verbrannten Stumpf. Er fiel in die Knie, weil Pirkos ahnte, dass wenn er jetzt seinem Schrecken die Oberhand gewinnen ließ, wäre er verloren. Mit zitternder Stimme sprach er seinen Gebieter an: „Oh Herr der Zerstörung. Es tut mir so unsäglich leid, dass ihr warten musstet. Mein Arm ist eine gerechte Strafe für meinen Fehltritt. Doch hört mir zu was ich zu sagen habe“; Pirkos sog wegen der Schmerzen scharf die Luft ein. „Der Rat hat all seine Streitkräfte nach Aegir beordert, um die Plage der Morvalts endlich aus der Welt zu schaffen. Meine Agenten in Aegirhamn teilten mir mit, dass die Hoffnung Midgards auf dem Weg zu den Iarnzwergen ist. Jordheim ist ungeschützt.“
    Der Dämon grollte und schwang sich etwas höher aus dem Lavasee: „Jaaa!! Somit ist unsere Stunde gekommen!! Rückt mit unserem Heer aus und erobere Jordheim für mich!! Ich will Jordheim dem Erdboden gleich machen!! Es wird Zeit, dass Midgard fällt!! Fealdur und du werden meine Streitmacht anführen und zum Sieg führen!! Midgards Götter sind machtlos!! Zerstöre den Rat!! Zerstöre die Völker!! Zerstöre Midgard!!“
    Das Wort „Midgard“ hallte tausendfach von den Felsenwänden und prasselte auf Pirkos nieder. In seinen Augen glommen nur noch die Verrücktheit und das Böse. Leise flüsterte er: „Wie ihr befehlt Meister.“
    Er wandte sich dem Thronsaal und seinem Meister ab und stiefelte durch die Pforte. Fealdur betrachtete Pirkos und meinte: „Jetzt ist unsere Zeit gekommen.“
    „Ja, jetzt ist unsere Zeit gekommen“, schrie Pirkos über die steinerne Brücke und wie zur Antwort verfielen im tiefen Höhlensystem die Dämonen in wildes Geschrei, die Skelette schlugen auf ihre Schilder und die Rebellen jubelten.
    Die Streitmacht erwachte zum Leben und setzte sich in Bewegung. Wie ein einziger Körper rollte die Streitmacht durch die Gänge den Ausgängen des Höhlensystems zu.
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    Kapitel 40.

    Rettungsaktion (1)

    Talkya schaute durch die mächtigen Bäume und beobachtete die kleine Gruppe von Reisenden, die sich vorsichtig durch den Iarnwald fortbewegten. Ihre wolfsähnlichen Ohren zuckten vor Freude und Unglaube. Endlich hatte sie nach tagelanger Suche Abenteurer gefunden, die ihr und auch den Iarnzwergen vielleicht helfen konnten.
    Vor zwei Wochen war ein fremdes Wesen bei den Iarnzwergen aufgetaucht. Das bläulich, schimmernde Fell und die glasklaren, himmelblauen Augen flössten eine gewisse Freundlichkeit aus, die die Iarnzwerge dazu veranlasste dem fremden Wesen gegenüber neutral zu bleiben. Es stellte sich als Zahilian Feldoran vor und verlangte von den Zwergen Informationen über das Volk der Valkyns. Nachdem Zahilian ihre Forderung gestellt hatte, wurde Talkya, die alles aus einem der Wohnhäuser beobachtete, in das unterirdische Versteck gebracht, ohne das Zahilian davon was bemerkte. Erst Stunden später wurde sie von ihrem Beschützer Grofeid Langbart aus ihrem Versteck geholt. Das Wesen war verschwunden, doch was Talkya entdeckte ließ ihr Blut gefrieren. In der Mitte der Iarnzwergensiedlung lagen vier schwerverletzte Iarnzwerge, darunter auch das Oberhaupt der Zwerge Lefodei Hammerkopf. Von den anderen erfuhr sie, dass die Iarnzwerge sich weigerten Informationen über das Volk der Valkyn an ein fremdes Wesen raus zu rücken. Wutschnaubend hatte sich die blau schimmernde Gestalt über das Oberhaupt und deren Leibgarde hergemacht und sie nach einem harten Kampf in den Dreck gedrückt. Als andere in den Kampf eingreifen wollten, verschwand sie plötzlich. Sofort wurden die Verwundeten behandelt, doch irgendetwas verhinderte die Heilung. Der Schamane der Siedlung stellte schließlich fest, dass nur die schwarze Frucht eines Liliengewächses tief aus Iarnvidiurs Lager diese Zwerge retten könnte. Talkya hatte sich freiwillig gemeldet eine Gruppe Abenteurer in dem entfernten Hagall zu rekrutieren, die der Aufgabe gewachsen sein könnten, denn die Iarnzwerge selbst konnten nicht dort hin. Zu hoch war das Risiko, dass Zahilian wieder auftauchte und weiteres Unheil anrichtete. Grofeid Langbart wehrte diesen Vorschlag erst ab, lenkte aber dann ein, als ihm klar wurde, dass dies die einzige Möglichkeit war, die Schwerverwundeten zu retten.
    Nun lugte Talkya wieder hinter dem mächtigen Baum hervor und starrte auf die Gruppe. Fünf fähige Abenteurer. Wenn sich diese Abenteurer schon in den Iarnwald wagten, so könnten sie auch der Aufgabe gewachsen sein.
    Gerade wollte sich Talkya bewegen, um der Gruppe zu folgen, als ein lautes Knurren hinter ihr ertönte.
    Mist.
    Ihre Hand umfasste den kleinen Hammer fester, während ihre andere Hand sich hob, damit dass kleine Schild schützend vor ihrer Kehle lag. Langsam drehte sie sich dabei um. Ein großer, schwarzer Wolf schaute sie in geduckter und gespannter Haltung an. Aus seinen Augen las Talkya aber keine Suche nach Beute, sondern Beschützerinstinkt.
    Beschützerinstinkt? Wen will er schützen? Ich bedroh doch niemanden, dachte Talkya.
    Schleichend umwanderte der Wolf Talkya und ließ sie dabei nicht aus den Augen. Talkya überlegte die Worte ihres Oheims zu nutzen, um eine Prise Gift auf den Wolf zu legen. Es würde ihn nicht töten, aber vielleicht würde der Wolf nach der Vergiftung das Weite suchen. Langsam fing sie an die Worte zu murmeln. In einem leisen Singsang wiederholte sie die Worte und schließlich zeigte sich eine Wirkung. Der Wolf heulte schmerzerfüllt auf, als sich eine kleine grüne Wolke aus dem Nichts bildete und auf den Kopf des Wolfes herabsank.
    Im selben Augenblick hörte sie eine Stimme hinter sich und etwas Spitzes drückte sich zwischen ihre Schulterblätter: „Beweg dich nicht. Die kleinste Bewegung bedeutet deinen Tod. Es wird dir dann ähnlich ergehen, wie dem Wolf.“ Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen drückte er seine Waffe noch fester gegen Talkyas Fleisch.
    „Lass deine Waffen einfach auf den Boden fallen.“
    Talkya gehorchte. Was hatte sie auch für eine andere Wahl?
    „Knie nieder.“
    Auch diesem Befehl kam sie nach ohne sich zu wehren.
    „Valtäryn! Schau nach deinem Wolf. Aghorsch. Helf mir mal bitte bei der kleinen hier.“
    Aus dem Augenwinkel sah Talkya eine Gestalt, die auf den Wolf zustampfte. Das Heulen des Wolfes hatte sich mittlerweile gelegt und war in ein Winseln übergegangen. Eine zweite Gestalt folgte der Ersten.
    Normalerweise behielt sie den Überblick über alles was um sie rum geschah, aber nachdem sie die erste Gestalt erkannt hatte, fixierten ihre Augen nur noch diese Gestalt. Es war ein Valkyn. Auch der Valkyn betrachtete sie mit erstaunten Augen und Unglaube breitete sich in seinem Gesicht aus. Weniger auf den Wolf achtend, sondern mehr auf Talkya ging der Valkyn weiter auf den Wolf zu. Erst da drehte er sich abrupt um und widmete sich nur noch dem Wolf. Talkya konnte ihren Blick allerdings nicht von dem Valkyn abwenden. Ihre braunen Augen starrten förmlich den Rücken des Valkyns an.
    Wie konnte das sein? Wie konnte ein Valkyn hier auftauchen? Und dann noch mit Weggefährten, die alle anderen Rassen angehörten. Sie erkannte eine Frostalfar, die sich zu dem Valkyn gesellte. Ein Zwerg erschien vor ihr und rechts und links erschienen ein Kobold und ein Nordmann. Sie verstand die Welt nicht mehr. Waren nicht alle überlebenden Valkyns aus der letzten Schlacht gegen die Morvalts in Sicherheit? Talkya schüttelte ihren Kopf.

    „Alles klar bei dir?“ hörte Valtäryn Tjelvo die Valkyn fragen.
    Noch immer konnte Valtäryn nicht verstehen, was er da grade sah. Eine Valkyn! Eine aus seinem Volk! War er am Ziel angekommen? Hatte er sein Volk gefunden?
    Mit liebkosenden Handbewegungen strich er über das Fell des schwarzen Wolfes. Thealunia hatte mit Hilfe ihrer Magie das Gift aus seinem Körper gepresst und langsam erholte sich Skadis Geschenk. So schnell es ging musste er mit der Valkyn reden. Er hatte so viele Fragen, dass er nicht wusste wie er das Gespräch mit der Valkyn anfangen sollte. Er musste sich was überlegen.
    Geändert von Goldbogen (18.10.08 um 17:43 Uhr) Grund: Automatisch zusammengefügter Doppelpost

  5. #5

    Standard

    Kapitel 41.

    Das letzte Teil des Gefährtenpuzzles


    Der plumpe Trollkopf bewegte sich hin und her. Er schüttelte die bizarre Reise durch den Tunnel der Teleportationsmagie aus seinem Schädel. Der Troll bewegte seine kleinen, unter der gewölbten Stirn blitzenden, schwarzen Augen. Er könnte sich nie an diese Form des Reisens gewöhnen und bevorzugte eigentlich nur die Reise zu Land. Er hätte auch eine andere Reisemöglichkeit wählen können, doch die Reise zu Schiff war das Abscheulichste für einen Troll was es in der gesamten bekannten Welt gab. Mehrere Monate eingesperrt auf einem beweglichen Stück Holz, umgeben von der Unendlichkeit des Meeres. Absolut unvorstellbar. Trolle hassten Wasser! Und da der einzige Weg nach und aus dem sagenumwobenen Atlantis nur über das Meer des Abgrunds führte, wie es die Trolle nannten. Oder aber durch die Fähigkeiten eines Midgarder, der in die geheimnisvolle Magie des Teleports Wissen errungen hatte, möglich gemacht wurde. Für einen Troll blieb da die Entscheidungskraft auf der Strecke und die Urangst jeden Trolls übernahm die Oberhand.
    Sein Blick schweifte über die Mauern der Festung, wanderte weiter hinauf und blieb bei dem gewaltigen Wehrgang stehen. Auf beiden Seiten des Innenhofs führten begehbare Wachtürme hinauf auf den steinernen Wehrgang. Auf jedem der Wachtürme stand ein Bogenschütze, Angehöriger der Elitewache des Rates in Jordheim. Der Troll stutzte. Ein Wachposten auf jedem Wachturm? War das nicht etwas wenig?
    Trolle waren nicht besonders intelligent, was man vor allem an ihrer Aussprache heraus hörte. Nach Jahrhunderten, in denen die Trolle nun unter anderen Völkern lebten, war es ihnen nicht gelungen die Midgardsche Handelssprache zu erlernen. Auch was andere wichtige Dinge wie Viehzucht, Fischerei, Buchkunst, Steinmetzkunst oder Holzkunst betrafen hinkten sie weit hinter den anderen Völkern hinterher. Es gab allerdings eine Kunst in welcher sie alle anderen Völkern sehr weit voraus waren. Die Kriegskunst!
    Ob es sich um eine Aufklärung, eine Verteidigung, eine Belagerung, einen Brückenkampf oder einfache Angriffe auf dem Feld handelte, in allen Bereichen dominierten sie dieses Feld. Der Troll nahm nun auch die Verteidigung im Innenhof wahr.
    Das riesige Tor, welches in den Yggdrawald führte, wurde von nur zwei Schwertkämpfern und einem wachhabenden Offizier bewacht! Auf der anderen Seite, Richtung West-Svealand, stand dieselbe Anzahl.
    Der Troll stand auf einer Steinplatte, die einen ungefähren Durchmesser von sechs Metern hatte. Auf ihr waren allerlei magischer Glyphen eingeritzt worden. Er wandte sich dem Tor nach West-Svealand zu. Mit schnellen Schritten überquerte er den Innenhof und wäre fast mit einer Walküre zusammen gestoßen. Sie schreckte zurück, betrachtete den Troll überrascht und rannte dann schnell weiter zum Tor nach Yggdrawald. Der Troll starrte ihr nach. In dem kurzen Augenblick als er in ihre Augen sah, konnte er in ihr lesen wie ein offenes Buch, obwohl Trolle nicht lesen konnten. Was er dort gesehen hatte, ließ ihn erschaudern. Die Walküre hatte Angst gehabt und davon sogar jede Menge. Vor was oder wem konnte der Troll nicht sagen, aber wenn schon eine Walküre, die mutigsten Streiterinnen der Götter, Angst vor etwas hatte, dann war das ziemlich schlecht für Midagrd. Der Troll machte sich darüber jedoch keine Gedanken mehr und schritt weiter auf das Festungstor zu. Der wachhabende Offizier nickte ihm mit einem freundlichen Lächeln zu und wies dann mit einer Kopfbewegung die Wache an, die Winde für das Tor zu benutzten.
    Das Tor öffnete sich knarrend und schwerfällig.
    Als das Tor oben war schaute der Troll den Offizier noch mal an und brummte: „Bragi schützen dich und Familie. Poesie und Musik begleiten mögen dein Leben.“
    Und damit schlüpfte der Troll mit einer Geschwindigkeit unters Tor durch, als hätte ihm eine Elfe in den dicken Hintern gepiekst.
    Der Offizier rief dem Troll noch hinterher: „Bragi möge auch immer an deiner Seite sein, Skaaaalde!“
    Der Weg führte leicht abfällig nach unten zu einer Weggabelung. Kurz bevor der Troll diese erreichte, lenkte er ein und lief in den Wald hinein. Er beschleunigte seine Geschwindigkeit weiter, bis er durch Bragis Geschwindigkeitsgesang an den Baumstämmen nur so vorbei flog. Die Stimme des Trolls webte magische Linien. In einem Gesang, in dem Höhen und Tiefen sich abwechselten, tönte eine Geschichte durch den Wald und ließ die Tiere aufhorchen. Das Lied erzählte von der Reise eines Helden durch die tiefen seiner Seele, deren Ende Atlantis untergehen ließ. Mit enormer Geschwindigkeit reiste der Troll durchs Land und erreichte in wenigen Stunden wieder einen Weg, der zu einem Wachturm und einer Brücke führte. Mittlerweile brach auch die Nacht ein und die Dunkelheit nahm zu. Der Troll stoppte und schaute sich um. Er hatte riesigen Hunger. Seit dem Beginn seiner Reise aus Atlantis war nichts Essbares zwischen seine Kiefer gekommen. Ein Troll der nicht regelmäßig aß, lief Gefahr verrückt zu werden. Der Kiefer des Trolls malte, während er überlegte. Bis Audliten, das Ziel der Reise, war es nicht mehr weit und dort würde er sofort zu essen bekommen. Doch der Hunger war auch schon so weit fortgeschritten, dass der Troll zögerte.
    Nein, dachte er. Ich jetzt muss essen. Dabei schnaufte er und legte seinen Kopf zur Seite. Seine großen Nasenlöcher blähten sich auf und nahmen die Gerüche der Umgebung auf.
    Wildkaninchen. Lecker.
    Seine lange Zunge leckte über seine Hauer, als er blitzschnell in ein nahegelegenes Gebüsch sprang. Kurze Zeit später hörte man aus dem Gebüsch ein kauen und mampfen. Knochen knackten. Der Troll kam wieder aus dem Gebüsch heraus, in der Hand noch die Hinterläufer seiner Mahlzeit.
    Wegzehrung.
    Er passierte den beleuchteten Wachturm, an deren Tor zwei Wachen standen. Er beachtete sie nicht weiter und begab sich den Weg hinab zum Fluss. Eine Brücke zu überqueren behagte ihn zwar nicht, doch konnte er das ungute Gefühl, dass ihn beim Überqueren beschlich, mit Hilfe seiner Geschwindigkeit schnell wieder los werden. Die Dunkelheit senkte sich weiter herab.
    Trolle konnten im Dunkeln relativ gut sehen, wenn in der Nähe irgendwo eine Lichtquelle war. Eine weit entfernte Fackel, das Mondlicht, abgedeckte Laternen, dass alles konnte die Sehkraft eines Trolls im Dunkeln stark verbessern.
    Auf der anderen Seite des Flusses leuchtete die Ortschaft Audliten. Selbst um diese Uhrzeit schlief Audliten nicht völlig. Der Lichtschein, der von Audliten herüberkam, ließ den Troll besser sehen. Die Brücke schien verlassen zu sein und doch zögerte der Troll. Instinkt. Irgendwas war in der Nähe. Etwas Unheimliches. Etwas Böses. Der Troll betrachtete ganz genau den Aufgang zur Brücke und vernahm durch seine hoch alarmierten Ohren ein Wispern. Es ähnelte dem Zischen einer Schlange, doch schienen darin Worte einer ihm unbekannten Sprache mitzuschwingen. Mit einer langsamen Bewegung nahm er den riesigen Zweihänder von in die Hand und stellte sich breitbeinig hin. Der Zweihänder war in der Mitte der Klinge gespalten, so dass es wir eine überdimensionale Stimmgabel aussah. Die gespaltene Klinge fing an zu vibrieren und erfüllte die Luft mit einem mysteriösen Luftstrom.
    Das Vibrieren beruhigte den Troll. Breitbeinig stand er da vor der Brücke und wartete auf das, was ihm seine Instinkte zuflüsterten. Einen bevorstehenden Kampf. Kurz drängte sich ihm die Frage auf, was hier in der nähe einer Midgardschen Siedlung einen erfahrenen Skalden wohl angreifen sollte, als ihm die Antwort auch schon serviert wurde.
    Zwei große Gestalten schälten sich rechts und links aus der Dunkelheit heraus. Ihre Augen blickten feurig und hasserfüllt auf den Troll. Pure Mordlust war aus den Augen dieser beiden Ungeheuer zu lesen.
    Aus eigenen Erzählungen wusste der Troll sofort was er da vor sich hatte. Dieser langgezogene, schmale Körper. Die langen, in messerscharfe Klauen endenden Arme. Der runde Kopf, mit den Ausbuchtungen rechts und links der Nasenflügel. Dieser Haarlose Körper und die spitzen Fangzähne. Der erdbraune Teint des Körpers. Nackt und ohne irgendeiner Rüstung.
    Es waren zwei Mahre. Üble Kreaturen der Dämonenwelt, im Auftrag irgendwelcher Dämonenfürsten unterwegs.
    Beide Mahre stürzten sich auf den Troll. Schnappten, schlugen und traten nach ihm.
    Trolle hatten den Vorteil unglaublicher Kraft, doch ihre Geschicklichkeit ließ zu wünschen übrig, daher saß der erste Schlag des Mahrs perfekt. Die Krallen kratzten an der Rüstung entlang und bewegten sich dann blitzschnell nach oben. Ein langgezogener Schnitt blutete auf der linken Wange des Trolls.
    Wütend schnaubte der Troll und stieß ein einzelnes Wort singend hervor. Sofort erstarrte der Mahr, der ihn angegriffen hatte. Der Troll drehte sich zu seinem anderen Gegner um und konnte noch grade nach hinten ausweichen, bevor ihm auf der anderen Wange ein weiterer Schnitt zugefügt wurde. Als der Troll wieder nach vorne schnellte setzte er seine ganze Kraft in seinen folgenden Hieb. Das Schwert sirrte durch die Luft und fügte dem Mahr seinerseits eine tiefe Schnittwunde unterhalb des Brustkorbs zu. Kreischend wich der Mahr erst zurück, nur um sich dann wieder auf den Skalden zu stürzen. Zwei weitere Hiebe und der Mahr lag am Boden. Grade wollte sich der Troll dem eingeschläferten Mahr zuwenden, als er einen herben Schlag in den Rücken bekam. Er stürzte nach vorne und verlor seine Zweihandwaffe. Nachdem er auf den Boden stürzte rollte sich der Troll zur Seite. Keine Sekunde zu spät, denn da wo er grade noch gelegen hatte, krachte ein Mahrfuß nieder. Mit seinen Pranken packte der Troll den Mahr am Fuß und riss ihn zu Boden. Schlagend wälzten sich beide Körper über den Boden, bis der Troll den Kopf des Mahrs zu fassen bekam und ihn mit einer schnellen Bewegung brach.
    Die Schläge die er ab bekommen hatte, ließen seinen Schädel vor Schmerz donnern. Mühsam richtete er sich auf und sah sich nach seiner Waffe um. Sie lag einige Meter neben dem Kampf zwischen hohem Gras. Er nahm sie auf, summte sein Reiselied trotz der Schmerzen und überquerte schließlich die Brücke. Kurze Zeit später betrat er Audliten und wandte sich direkt einem einstöckigen Gebäude zu.
    Mit seiner dicken Trollpranke klopfte er an die Tür. Eine alte Stimme war von innen zu hören und als die Tür aufging, stand ein kleinwüchsiger, alter Nordmann in der Tür, bekleidet nur in ein einfaches Leinengewand.
    „Draponark“, rief der alte Mann freudig. „Nach so vielen Jahren bist du endlich zurück. Komm herein, mein Freund.“
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    Kapitel 42.

    Dämonengift

    Draponark betrat das einstöckige Gebäude. Der Raum war gemütlich eingerichtet. Eine Feuerstelle wärmte die Bewohner des Hauses. In einer Ecke stand ein langer Tisch mit Stühlen, weiter hinten zwei große Sessel, die mit braunem Samt überzogen waren. Ein schmaler Gang führte in den hinteren Wohnbereich und eine Treppe an der Ostseite führte nach oben. Landschaftsbilder hingen an der Wand und luden zum Träumen auf. Es duftete ganz leicht nach frisch, gebackenem Brot und der Geruch von gebratenem Fisch zog durch den Raum.
    Draponark schritt zu der Feuerstelle und ließ sich nieder. Die Wunde, welche ihm die Dämonenbrut zugefügt hatte, brannte wie Feuer. Vorher hatte er das nicht bemerkt, aber nun wurde ihm das Brennen bewusst. Als könne er das Brennen loswerden, schüttelte er seinen mächtigen Kopf.
    „Draponark! Du blutest. Lass mal sehen.“
    Der Nordmann beugte sich über den Troll und begutachtete die Wunde.
    „Seltsam. Wie kannst du bluten, wenn ihr aus Fels gehauen seid? Eure Körper bestehen doch aus massiven Stein.“
    „Auch wir Lebensader im Körper und nur kommen raus, wenn Dämonengift in unserem Körper wütet.“
    „Oh“, machte der alte Mann und nickte bedächtig. „Wie kann man das Dämonengift aus deinem Körper bannen?“
    „Muss zu Abgesandten Ymirs. Die Gegengift haben und die mich heilen können“, brummte Draponark.
    „Hier in Audliten gibt es aber leider keinen Abgesandten. Der nächste ist in Jordheim und dahin würde ich dir abraten hinzureisen. Die ganze Strasse ist verseucht von Dämonen die längs des Weges Reisende, Soldaten und Händler brutal überfallen und töten.“
    „Nützt nichts. Muss nach Jordheim. Seit wann Dämonenbrut ihr Unwesen treiben?“
    „Das fing vor etwa drei Tagen an. Erst waren es Wenige und Viele von den Wenigen konnten getötet werden, doch es wurden immer mehr und die Soldaten aus Jordheim mussten sich zurück ziehen, zumal unserer größter Teil der Streitmacht wohl nach Aegirhamn verlegt wurde“, der alte Mann tupfte das grüne Blut mit einem sauberen Lappen ab.
    „Ah. Verstehe.“
    Draponark dachte an die Besetzung der Grenzfestung Vindsaul Faste und verstand nun, warum so wenige Wachposten besetzt waren.
    „Mir nichts anderes übrig. Ich muss nach Jordheim“, sprach Draponark felsenfest und erlaubte keinen Widerspruch.
    Verstehend nickte der alte Mann und sagte: „Sei aber bitte vorsichtig Draponark. Die Dämonen sind hinterhältig und listig zugleich. Eine tödliche Kombination.“
    „mach keine Sorge alter Mann. Bragi wird mich schützen und dieser Brustpanzer mir helfen“, dabei schlug er mit der Faust auf seinen Brustpanzer.
    Der alte Mann betrachtete den Brustpanzer genauer und erstarrte, dann gab er zitternd und ehrfürchtig von sich: „Das ist Eirenes Brustpanzer. Diese kunstvoll gearbeiteten Schulterstücke, diese Gravierungen und auch die wundervolle Form des Brustpanzers sind unverwechselbar“, respektvoll sah er Draponark an, „Also hast du es geschafft. Du hast dich tapfer den Aufgaben von Atlantis gestellt und bist mit Eirenes Brustpanzer wieder gekommen. Unglaublich. Damit könntest du wirklich nach Jordheim kommen. Ich wünsche dir jedenfalls den Segen aller Götter. Warte Draponark. Ich habe noch etwas für dich, denn auch ich war nicht untätig.“
    Der alte Mann stieg die Treppe nach oben und verschwand aus dem Gesichtsfeld Draponarks. Er hörte wie der alte Mann oben nach etwas kramte, denn immer wieder kamen Sätze wie: „Wo ist es nur?“ oder „Ich hab es doch hier hin gelegt.“ Nach längerer Wartezeit kam ein Ausruf der Erleichterung von oben. Die Treppen knarrten, als der alte Mann wieder nach unten kam und Draponark einen Brief überreichte.
    „Der Brief kam vor zwei Tagen hier an. Der Reiter der ihn brachte lebt leider nicht mehr, denn er ist in eine Falle der Dämonen geraten und dabei schwer verletzt worden.“
    Draponark nahm den Brief entgegen und öffnete den Briefumschlag. Die Trollpranke erfasste den Brief und entfaltete ihn. Auf dem Brief war ein goldener Falke gezeichnet worden und unten drunter prangte das Siegel Aegirhamns. Das war alles was Draponark wissen musste. Endlich hatte er ihn gefunden. Er musste also nach Aegir. Wie praktisch. Um nach Aegir zu kommen musste er nach Jordheim und da führte ihn sein Weg sowieso hin. Als Draponark aufstand verzog er das Gesicht. Die Wunde brannte weiter, wie ein nicht zu löschendes, sengendes Feuer.
    „Ich danken dir für alles. Diese Information seien wichtig für mich. Bragi möge immer schützend über dich wachen.“
    Mit diesen Worten verabschiedete sich der Troll und verließ das Haus.
    Er musste sich sputen, denn je länger das Gift in seinem Felskörper hauste, desto mehr zapfte das Gift von seiner Lebensader. Ein ganz kleines bisschen schwindelte ihm schon.
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    Kapitel 43.

    Rettungsaktion (2)

    Talkya saß in der Mitte der Gefährten, gebunden mit starken Riemen um Hände und Beine. Um sie rum saßen die Frostalfar, der Zwerg, der Nordmann und der Valkyn. Alle sahen sie an. Es war ihr etwas unangenehm so im Mittelpunkt dieses Gespräches zu sein. Vor allem spürte sie, wie sich die Blicke des Valkyn in ihren Körper bohrten. Sie hätte eine ganze Menge dafür gegeben, um die Gedanken des Valkyns lesen zu können.
    „Also werdet ihr mir und letztlich auch den Iarnzwergen helfen?“ fragte Talkya in die Runde.
    „Woher sollen wir wissen, ob du die Wahrheit sagst?“ brummte Aghorsch. „Es könnte genau so gut eine Falle von den Merutagos sein.“
    „Ich schwöre bei den Göttern und bei meinem Volk, dass ich die Wahrheit sprach. Die Merutago, wie ihr sie nennt, hat das Oberhaupt und seine Leibgarde verletzt. Der Heilungsprozess setzt einfach nicht ein, obwohl die Schamanen alles in ihrer Macht versucht haben. Nur die schwarze Frucht eines Liliengewächses kann ihnen noch helfen. Wenn ihr ihnen nicht helft sterben sie. Bitte.“ In das letzte Wort legte Talkya all ihren Charme. Sie musste diese Abenteurer überreden. Egal was es kosten mochte.
    Thealunia meinte mit ihrer glockenhellen Stimme: „Ich kenne die Mythen und Sagen um die schwarze Frucht eines Liliengewächses. Sie soll von den Göttern selbst mit heilenden Kräften versehen worden sein. Unser Volk glaubt an diese Frucht, allerdings bin ich sicher, dass es mehr als nur ein schweres Unterfangen ist, eine solche Frucht aus Iarnvidiurs Lager zu beschaffen. Iarnvidiurs Lager ist ein Ort des Bösen. Bösartige Kreaturen und verdorbene Pflanzen hausen in den Tiefen. Selten ist einer dort lebend heraus gekommen.“
    „Sollten wir nicht zunächst unsere Reise fortsetzen, um uns bei den Iarnzwergen diese Geschichte bestätigen zu lassen?“ fragte Tjelvo.
    Talkya schaute flehend in die Gesichter der Gefährten: „Wenn ihr erst ins Lager der Iarnzwerge reist, kann es schon zu spät sein. Wir müssen uns beeilen. Ich bin schon viel zu lange unterwegs.“
    „Ich helfe dir!“
    Alle drehten sich zu Valtäryn herum, der schon im Begriff stand auf zu stehen.
    „In welcher Richtung ist das Lager?“
    „Als hätte ich es nicht gewusst“, grummelte Aghorsch. „Aber was soll es. Dann treten wir ein paar Pflanzen in ihre Wurzelärsche.“ Mit diesen Worten erhob sich auch Aghorsch und packte seine Waffe.
    Auch die anderen erhoben sich.
    „Löst ihre Fesseln! Welche Richtung?“
    Während Tjelvo die Fesseln von Talkya abnahm sagte sie: „Im Süden liegt das Lager, aber…“
    Weiter kam Talkya nicht, denn Thealunia legte eine Hand auf ihre Schulter und flüsterte ihr zu: „Willkommen in unserer Gruppe. Lass gut sein. Wenn Valtäryn sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann ist er davon nicht abzubringen.“
    „Ich verstehe nicht.“
    Für sie war das alles sehr verwirrend. Noch vor einer Minute stand die Frage noch im Raum, ob die Gefährten ihr überhaupt helfen wollten und in der nächsten Minute sicherte der Valkyn ihr seine Hilfe zu.
    „Warum hilft er? Er war der einzige von euch der mich nur stumm beobachtet hat und nun sagt er ein Wort und ihr springt auf, als hätte euch eine Blutmücke gestochen. Ist er euer Anführer?“
    „Ja“, Thealunia lächelte Talkya freundlich an. „Er ist unser Anführer. Aber viel wichtiger ist wohl, dass er euch schon seit langer Zeit sucht. Nun hat er dich gefunden und würde alles für dich tun.“
    „Er hat uns gesucht? Die Valkyns? Woher kommt er? Ich dachte immer, alle Valkyns die das Massaker überlebt haben wurden in Sicherheit gebracht.“
    „Ich würde es dir gerne erzählen, doch würde ich Valtäryn dann etwas vorweg nehmen. Ich bin mir sicher er wird dir zum gegebenen Zeitpunkt seine Geschichte offenbaren.“ Mit diesen Worten folgte sie den anderen Gefährten, welche schon ein Stück voraus gegangen waren. Talkya schritt ihnen hinter her.
    Irgendwann gesellte sich auch der Kobold zu den Reisenden. Er erschien aus dem Nichts und ging schnurstracks zu Valtäryn und flüsterte mit ihm. Von dem Wolf war nichts zu sehen.
    Sie marschierten lange Zeit nach Süden. Die mächtigen Stämme der Bäume ragten majestätisch in den Himmel auf. Es ging mal bergab, mal bergauf. Der Iarnwald war nicht eben, sondern sehr hügelig. Daher hatte es auch noch kein Volk, abgesehen von den Iarnzwergen, versucht sich hier nieder zu lassen. Die Stille des Waldes war beängstigend. Kein Laut durchdrang die Stille. Weder Vögel, noch anderes Getier meldeten sich. Es schien als wäre der Wald verlassen und die sechs Reisenden die einzigen in dieser schaurigen, schwummrigen Düsternis. Es herrschte keine vollständige Dunkelheit, doch ließ der dichte Wald nur ein Dämmerlicht zu. Zu allem Überfluss fing es bald an zu regnen. Es goss in Strömen. Normalerweise würde nicht viel Regen den Erdboden erreichen, den das Blätterdach des Waldes hätte viel Regen abgehalten, doch über dem Iarnwald musste ein regelrechter Sturm ziehen, denn bald war der Boden aufgeweicht und jeder Schritt hinterließ schmatzende Geräusche. Sie kamen immer weiter nach Süden. Ihre Kleidung, Rüstung und sonstige Ausrüstung trieften vor Nässe und in kürzester Zeit waren alle Gefährten von oben bis unten klitsch nass.
    Talkya hatte sich ein Herz gefasst und wollte endlich mit Valtäryn sprechen. Der Moment war zwar deutlich unpassend, doch ihre Neugier siegte über ihren Anstand. Sie zog ihren braunen Umhang enger um ihren schlanken Körper und stiefelte an Tjelvo, Thealunia, Aghorsch und Feldorom vorbei, bis sie Valtäryn erreichte. Erschrocken über ihre plötzliche Anwesenheit zuckte Valtäryn leicht zusammen und beäugelte sie verwirrt.
    „Ich wollte mit dir reden“, meinte Talkya freundlich.
    „Du bist mir zuvor gekommen.“
    „Wie bitte?“
    „Ich wollte auch mit dir reden, doch irgendwie…Ach. Egal. Was gibt es denn?“ Seine goldenen Augen fixierten Talkya. Solch schöne Augen hatte sie noch nie gesehen. Ihr kam es vor, als würde sie direkt in zwei blendende Sonnen schauen.
    „Ähm. Ja. Du hast uns gesucht?“
    Valtäryn schaute jetzt noch verwirrter und wusste nicht recht was er darauf Antworten sollte. Sollte er ihr die Wahrheit sagen? Ihr von dem goldenen Falken erzählen? Von seinem Vater? Wäre es klug von ihm, ihr zu erzählen wer er wirklich war?
    Noch in Gedanken versunken spürte er plötzlich wie die Erde unter ihm nachließ. Die feuchte Erde sackte unter seinen Füßen in sich zusammen und offenbarte ein schwarzes Loch. Das Loch verbreiterte sich und verschlang auch Talkya. Beide verschwanden mit einem Aufschrei und fielen. Die Schwärze verschluckte die beiden Gestalten, die sich in ihrer Panik fest umschlungen hielten, bis ihre Körper nicht mehr zu sehen waren.
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    Kapitel 44.

    Fall

    Ihre Körper drehten sich um sich selbst und trudelten in die Tiefe. Dunkelheit umfing sie, wie der Schleier des Todes. Unerbittlich. Unausweichlich. Das Erdreich um sie herum bröckelte und mit ihnen fielen jede Menge Erdbrocken nach unten. Immer wieder schrappten sie gegen die Seiten und ihre fallenden Körper lösten noch mehr Erde. Die Luft wurde stickiger. Dünner. Das Atmen wurde schwerer. Ängstlich hielten Valtäryn und Talkya sich aneinander fest. Obwohl sie sich erst seit kurzem kannten, schweißte der Schock des Sturzes sie zusammen.
    Was wird geschehen wenn wir auf dem Boden klatschen? Irgendwann muss dieser Erdschacht doch ein Ende haben, dachte Valtäryn. Das wird für uns bestimmt der sichere Tod sein. Kaum habe ich jemandem aus meinem Volk gefunden, reiße ich Talkya schon mit in den Tod.
    Valtäryn fasste Talkya an die Schultern und zog sie im Fallen zu sich. Ihm wurde etwas klar. Es konnte nicht das Ende sein. Er war der goldene Falke. Es musste einen Ausweg geben, dem sicheren Tod, der immer näher kommen musste, noch rechtzeitig auszuweichen.
    Mit einem Arm hielt er Talkya umschlungen und grub seine scharfen Nägel ins Erdreich neben sich. Kurz stoppte ihr Sturz, ging dann aber ungehindert weiter. Seine Nägel zogen Furchen ins Erdreich.
    „Halt dich an mir fest Talkya. Ich brauche beide Hände.“
    Talkya reagierte sofort und hielt sich am Oberkörper von Valtäryn fest. Nun seine beiden Hände frei bewegend zog er sie an seinen Körper und schlug sie so dann mit voller Wucht gleichzeitig ins Erdreich. Seine Nägel gruben sich tief ins Erdreich und verlangsamten ihren Sturz. Rechts und Links ragten urplötzlich Wurzeln aus der Erde. Erst kleiner die bei jedem Treffer auf ihren Körpern tiefe Striemen hinter ließen. Dann tauchten dickere Wurzeln auf. Schützend hielt Valtäryn Talkya über sich, so dass sein Körper jeden Aufschlag auf eine Wurzel abfing. Schmerz um Schmerz stürzten sie weiter nach unten und Valtäryns Körper brannte schon vor Schmerzen, als sie plötzlich in einen breiten Gang auf weiches Dunkelmoos stürzten. Der schon stark verlangsamte Sturz verhinderte Schlimmeres. Beide blieben reglos auf dem weichen Dunkelmoos liegen und atmeten schwer. Talkya blutete aus kleineren Wunden. Valtäryn hatte es etwas schlimmer erwischt. Er blutete aus unzähligen Wunden, manche klein, manche groß.
    Nach einiger Zeit erhob sich Valtäryn keuchend und betrachtete den Gang. Kleine, grünliche Pilze wucherten an den Seiten des Ganges und beleuchteten die nähere Umgebung. Der Gang verlor sich in beide Richtungen in der Dunkelheit. In einer Richtung stieg er leicht an. Valtäryn rollte sich zu Talkya und tippte ihr auf die Schulter. Stöhnend drehte sie sich zu ihm um und blickte ihn tief in die Augen. Diese wunderschönen Augen, dachte sie in kürzester Zeit ein zweites Mal und dann sagte sie: „Ich danke dir.“
    „Du dankst mir?“ Valtäryn versuchte zu lächeln, doch es entstand nur eine Fratze. „Ich hab dich in eine ziemlich miese Lage gebracht.“
    „Hättest du während unserem Sturz nicht alles mögliche getan, um unseren Sturz zu bremsen, hätten wir beide den Sturz nicht überlebt. Daher danke.“
    Talkya lächelte Valtäryn an, nahm seinen Kopf in beide Hände, zog ihn zu sich und küsste ihn auf die Wange. Überrascht starrte Valtäryn Talkya an. Er rang mit Worten, verstummte aber dann.
    „Sprachlos?“
    „Um ehrlich zu sein ja.“ Sein Herz raste. Was war das? Irgendwas unglaubliches starkes stach unentwegt in sein Herz. Es war keine herkömmliche Verletzung und es war auch nicht unbedingt unangenehm. Das Stechen verursachte nur eine sich in seinem Körper ausbreitende Wärme. Was war bloß los mit ihm? War das ein Gefühl? Und wenn ja welches?
    Noch über diese Fragen grübelnd hörten beide Valkyns plötzlich ein Knurren aus einer Richtung des Ganges.
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    Kapitel 45.

    Schwarze Schatten

    Angestrengt versuchte Valtäryn irgendwas in dem Gang zu erkennen, doch weiter im Gang herrschte nur Dunkelheit. Seine Augen waren zwar gut, aber bei diesen Lichtverhältnissen die tiefer im Gang herrschten versagten auch seine guten Augen.
    Ein Schatten huschte von Tunnelwand zur anderen. Was war das?
    Langsam erhob sich Valtäryn und tastete nach seiner Waffe. Den Bogen und seinen Köcher hatte er während des Sturzes verloren. Sie lagen außerhalb seiner Reichweite in der Nähe einiger leuchtender Pilze. Einzig sein Schwert war ihm geblieben, welches er auch mit äußerster Vorsicht aus seiner Scheide zog. Aus dem Augenwinkel bemerkte er wie auch Talkya zu ihrer Waffe griff. Der Schatten und das Knurren wirkten feindselig. Etwas Böses hatte sich ihnen genähert.
    „Bleib zurück“, flüsterte Valtäryn.
    Talkya nickte. Ihr Hammer hätte eh nicht viel ausrichten können.
    Wieder huschte im Gang vor ihnen ein Schatten und sogleich gesellte sich ein zweiter dazu. Das Knurren ertönte wieder.
    Die Schatten waren groß, soviel konnte Valtäryn erkennen. Sie waren fast doppelt so groß wie ein gewöhnlicher Wolf. Grüne Punkte leuchteten auf. Augen. Sie beobachteten die beiden Valkyns mit unverhohlenem Interesse. Beute?!
    Das Gefühl ein Beutestück zu sein schnürte Valtäryn die Kehle zu. Er verließ sich auf seine Entschlossenheit. Sein Volk gefunden und jetzt in einem jämmerlichen Loch den Tod finden? Niemals. Das würde er nicht zulassen. Eisern packte er den Schwertgriff fester. Er drehte seine Füße in den erdigen Boden, um einen sicheren Stand zu bekommen. Seine Atmung wurde ruhig und gleichmäßig. Er wusste dass seine Kampfkünste bis jetzt immer von Rache geleitet wurden, doch die Rachegelüste waren seit dem Traum mit Jildio verflogen. Valtäryn musste einen anderen Weg finden, seinen Kampfeswillen zu stärken. Ihm war klar, dass er kämpfen konnte. Ein Ansporn wäre alles was er brauchte, um diesen Feind in Stücke zu reißen. Aber welcher Ansporn sollte das sein?
    Vergessenheit!
    Innerhalb einer Sekunde vergaß er alles. Die Ereignisse der letzten Tage flossen in ein riesiges schwarzes Gebilde in seinem Inneren. Fest unter Verschluss. Die Tatsache wer er war. Er öffnete die Hände im Geiste und seine Erinnerungen flossen wie kleine Sturzbäche in dieses Gebilde. Er speiste es. Er füllte es. Alles. All seine Erinnerung. Mit Wucht schlug er die innere Tür zu.
    Mit Hilfe des Schlüssels für diese Tür fokussierte er die grünen Augen in der Dunkelheit des Ganges. Der Schatten schälte sich heraus, dann ein zweiter. Umrisse wurden deutlicher. Schwarze Haut überzog kräftige Muskulatur. Krallen blitzten im kargen Licht der leuchtenden Pilze grünlich gegen das braune Erdreich der Gangwände. Die Mäuler waren mit spitzen Zähnen bestückt. Fast schien es als würden die Geschöpfe mehr fließen, als sich normal zu bewegen. Mit einer Schnelligkeit, die Valtäryn einen Bruchteil einer Sekunde überraschte schossen die zwei Gestalten aus der Dunkelheit.
    Valtäryn hielt sein Schwert parallel zu seinem Körper, als würde er keinerlei Gegenwehr leisten. Die zwei Wesen näherten sich und waren fast bei ihm. Talkya wollte schon einen Schreckensruf ausstoßen, doch mit weit aufgerissenen Augen beobachtete sie die wie Valtäryn einen Schritt nach vorne ging. In seinen Augen glomm ein Feuer.
    Der erste der beiden Wesen war bei ihm und schnappte nach seinen Beinen. So schnell, dass Talkya den Streich des Schwertes nicht mal sah streckte Valtäryn seinen Schwertarm nach unten aus und schlug das Schwert in die Flanke des Wesens. Schwarzes Blut strömte aus der Wunde begleitet von einem schauerlichen Jaulen. Das Wesen sprang zurück und schon kam das zweite Wesen heran. In einer sauber übergehenden Bewegung zog Valtäryn das Schwert nach oben und begrüßte das zweite Wesen mit einem Schwertstreich gegen seinen Kiefer. Dieses Wesen duckte sich jedoch blitzschnell unter den Schwertstreich hindurch und schnappte nach Valtäryns Beinen. Valtäryn sprang in die Luft und landete auf der anderen Seite des Wesens. Beide drehten sich zeitgleich um und fixierten sich.
    Talkya überlegte wer in diesem Augenblick wohl das gefährlichere Raubtier war und sie kam zu dem Schluss dass es wohl beide waren. Solch einen tapferen Valkyn hatte es schon seit Jahren nicht mehr gegeben. Diese Präzision, diese Verbissenheit und die Eleganz beim Kämpfen imponierte Talkya. Wieder fragte sie sich woher der fremde Valkyn wohl kommen musste. Sein Vater musste ein großer Krieger bei den Valkyns gewesen sein. Wie recht sie doch hatte!
    Das Knurren des einen Raubtieres vermischte sich mit dem Winseln des anderen. Wer hatte die größere Geduld? Wer würde einen Fehler machen? Der Hunger des Raubtieres siegte. Es sprang nach vorn und versuchte einen Schlag mit seinen krallen bewehrten Pranken. Valtäryn wich locker aus und stach das Schwert seitlich in den Kopf des Raubtieres. Ohne einen Ton plumpste der tote Körper auf die Erde.
    Der Kampf war vorbei. Valtäryn drehte sich zu dem verletzten Raubtier um und gab ihm den Todesstoss. Dann drehte er sich zu Talkya um. Talkya lächelte ihn an, bis sie die Mordlust in Valtäryns Augen las.
    Angst breitete sich in Talkyas Körper aus, als Valtäryn sein Schwert hob und die Spitze auf die Brust der Valkyn zeigte.
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    Kapitel 46.

    Die schwarze Frucht

    „V-Valtäryn? Was ist los?“
    Valtäryn schnaubte und sprach mit abgrundtiefem Hass: „Halt dein Maul. Mich hinterrücks angreifen? Das war wohl ein Riesenfehler von dir. Lass deine Waffe fallen.“
    Ängstlich und zugleich verwirrt über Valtäryns Worte ließ sie ihren Hammer fallen. Das Geräusch des Aufschlags wurde von den leuchtenden Pilzen geschluckt, in welche der Hammer fiel. Talkya wagte es sich nicht den kleinsten Laut von sich zu geben. Einige der Iarnzwerge besaßen die Fähigkeit sich in einen Berserker zu verwandeln. In diesen Augenblicken waren sie nicht ansprechbar. In ihren Augen loderte dann nur Hass und Mordlust. Bragi hatte vielen Bewohnern Midgards diese Fähigkeit verliehen. Zugleich ein Segen wegen der immensen Kampfkraft die einen im Berserkerzustand durchdrang, und doch ein Fluch ohne Rücksicht auf Verluste oder das eigene Leben jeden nieder zu metzeln, wenn es dazu nur einen Grund gab. Talkya kannte Geschichten in denen sich Brüder gegenseitig umbrachten, weil sie sich in diesem Zustand nicht erkannt hatten und davon ausgingen einem Feind gegenüber zu stehen. Genau diesen Zustand beschrieb jetzt Valtäryn. Das schwarz, lodernde Feuer in seinen Augen war nicht der einzige Hinweis. Schon vorher waren Talkya die gut aufgebauten Muskelpartien an Armen und Beinen aufgefallen, doch nun übertraf die Muskulatur der vorher vorhandenen um ein vielfaches.
    „Los! Hinsetzen!“ herrschte sie Valtäryn an.
    Ohne Widerspruch setzte sich Talkya auf den Erdboden des feuchten Ganges. Die Pilze strahlten eine ungemütliche Atmosphäre aus. Nass und kalt.
    Valtäryn sah sich um und betrachtete den Gang. Akribisch suchten seine Augen Boden, Wände und Decke ab, wobei er auch das Loch entdeckte durch das sie gekommen waren. Ohne sich näher mit dem Loch zu befassen ging er ein paar Schritte in eine Richtung, hielt inne und betrachtete sich den Boden noch genauer.
    Talkya dachte nicht im Traum daran jetzt die Chance zu nutzen und zu fliehen. Die Tatsache, dass Valtäryn sie problemlos eingeholt und dann wahrscheinlich sofort getötet hätte war aber nicht der einzige Grund. Allein durch dieses unterirdische Labyrinth zu laufen, wäre einem Selbstmord gleich gekommen. Die Chancen waren gering dass sie dieses Labyrinth lebend verlassen hätte. Also verhielt sie sich ruhig und schaute zu Valtäryn.
    Nachdem Valtäryn einige Minuten den Boden betrachtet hatte, wandte er sich um und meinte: „Steh auf. Du gehst voran. Das ist unser Weg“, dabei deutete er mit dem Schwert in eine Richtung des Ganges.
    Langsam erhob sich Talkya und ging vor Valtäryn in den Gang rein. Heimlich trauerte sie über ihren Hammer, denn es war ein Geschenk ihrer Ziehtante gewesen.
    Sie wanderten mehrere Stunden. Talkya verlor nach wenigen Minuten schon jegliches Zeitgefühl. Ohne Sonne und Sterne konnte sie nicht sagen ob schon der Abend dämmerte, die Nacht schon vorbei war oder vielleicht sogar schon der Morgen graute. Auch die Orientierung schien ein schwieriges Unterfangen zu sein, denn nach drei Abbiegungen und vier Kreuzungen, an denen sie abbogen wusste Talkya nicht mehr wo Norden war. Irgendwann hörten sie plötzlich ein weit entferntes Geräusch.
    „Bleib stehen“, flüsterte Valtäryn ihr ins Ohr. Talkya konnte seinen Atem auf ihrem Nacken spüren.
    Leicht neigte Valtäryn seinen Kopf zur Seite. Nachdem er so einige Sekunden verharrte schob er seinen Kopf an ihrem vorbei und schnupperte. Dann nickte er. „Sehr gut. Wir sind auf dem richtigen Weg“, und stieß Talkya nach vorne.
    Schließlich erreichten sie eine weitläufige Höhle. Gegenüber von ihnen floss ein Wasserfall, der in die Tiefe stürzte. Auf dem schmalen Grat, auf dem sie sich befanden ging es spiralförmig nach oben und nach unten. Das Rauschen übertönte alle Geräusche. Nur mit Mühe konnte Talkya Valtäryn verstehen.
    „Wir gehen den Pfad hinunter!“
    Vorsichtig schob Talkya einen Fuß vor den anderen. Als sie einmal nach unten schaute, erkannte sie in der Tiefe einen See, indem sich der Wasserfall ergoss. Am See wuchsen grün, leuchtende Schlingpflanzen, die über den Boden bis zur Wand wuchsen und dort in die Höhe kletterten.
    Je näher sie sich nach unten vor arbeiteten, desto deutlicher wurde die sich kräuselnde Wasseroberfläche, was Talkya vermuten ließ, dass dieser See von irgendwas bewohnt war. Mit einem Seitenblick auf Valtäryn erkannte sie, dass auch er was bemerkt hatte, denn er schien um ein Vielfaches aufmerksamer zu sein, wie noch vor ein paar Minuten zuvor.
    Unten angekommen bedeutete Valtäryn Talkya wiederrum stehen zu bleiben.

    Langsam trat Valtäryn auf das sich kräuselnde Wasser zu. Sein Schwert hielt er so, dass die Klinge in einem rechten Winkel nach oben zeigte.
    Kleine Erdbrocken lösten sich von den Wänden, die den Wasserfall einrahmten. Immer mehr Erdreich fiel mit einem lauten platschen ins Wasser. Valtäryn spürte die starke Vibration unter seinen Füssen. Seine Augen suchten die Wände ab und er entdeckte sofort das Loch im Erdreich, das immer schneller größer wurde. Gleichzeitig bemerkte er das Wasser sich in immer schneller drehenden Kreisen rollen. Wie die Anfänge eines Strudels zog das Wasser schnelle Bahnen. Als der kolossale Körper aus dem Wasser schnellte, drückte Valtäryn seinen Körper nach unten. Das Wesen ähnelte einem Krokodil, doch waren seine Augen und die Wülste um die Augen höher. Der peitschende, lange Schwanz schlug ins Wasser und spritzte eine Fontäne Wasser in die Höhe. Hinter sich hörte Valtäryn die Valkyn aufschreien. Bevor das Monster Valtäryn erreichte, drückte er sich vom Boden und flog durch die Luft. Es sirrte, als das Schwert auf den Koloss niederging. Das Schwert stieß tief in den schuppenartigen Rücken und blieb dort stecken. Das Monster heulte vor Wut auf und seine dunklen Augen suchten Valtäryn. Schwarzes Blut rann aus der tiefen Wunde. Valtäryn rollte sich auf dem Boden ab und rutschte ein Stück den Erdboden entlang, bevor er zum Stillstand kam. Sein Kopf drehte sich zu dem Ungetüm und er fletschte die Zähne. Mit einem Seitenblick sah er eine Bewegung auf sich zu kommen. Die Bewegung kam aus dem nun ziemlich großen Loch im Erdreich, welches er schon zuvor bemerkt hatte. Er versuchte der heran nahenden Bewegung auszuweichen, doch ein schlängelnder Körper traf ihn am Kopf. Valtäryn wurde ins Wasser geschleudert. Klatschend traf er auf die Wasseroberfläche auf und versank. Wasser umspülte ihn und raubte ihn die Sicht. Innerlich knurrte er. Sein Kopf tat weh und dieser Schmerz machte ihn wütend. Wie ein Vulkan vorm ausbrechen, ballte sich eine unglaubliche Energie in seinem Körper, die bereit war auszubrechen. Mit einem lauten Zischen, welches das Wasser zum Kochen brachte, zog sich die Kraft zusammen und als Valtäryn das Wasser verließ, indem er wie ein Katapultgeschoss in die Höhe flog, entlud sich die Kraft mit einem Ohrenbetäubenden Krachen. Er knallte auf dem Boden und grub seine Hände in den dicken Schwanz und schleuderte das Ungetüm gegen eine Wand. Blitzschnell sprang er hinterher, landete auf dem klobigen Kopf und schlug mit der Faust zu. Das schwarze Blut vermengte sich mit dem Wasser, als der tote Körper des Wesens in den See fiel. Valtäryn sprang von ihm ab und landete wieder auf trockenem Untergrund. Das Schwert in dem Rücken des Ungeheuers versank mit ihm zusammen. Kaum hatte Valtäryn Atem geschöpft, als sich das Schlangenartige Wesen um seinen Körper schlang. Langsam wurde Valtäryn die Luft abgedrückt, doch dass machte ihm nichts, denn der Tod des zweiten Wesens stand kurz bevor. Tief atmete Valtäryn aus und der Schlangenkörper zog sich weiter um Valtäryns Körper. Dann mit einem Ruck sog Valtäryn soviel Luft in seine Lungen, wie er konnte. Seine Lungen waren zum bersten gefüllt, als der Schlangenkörper förmlich platzte und in tausend Stücke gesprengt wurde. Die Fetzen und Überbleibsel klatschten auf den Boden und an die Wände. Valtäryn richtete seinen Blick auf Talkya, die ihn aus entsetzten Augen ansah. Zusammengekauert hatte sie die ganze Aktion beobachtet.
    „Steh auf!“ Valtäryn trat zu Talkya und zog sie an den Haaren hoch, um sie dann zum Wasser zu schleifen. Talkya wehrte sich nicht. Ihre anfängliche Angst war Entsetzen und Panik gewichen. Sie war außerstande irgendetwas zu tun. Valtäryn zerrte sie ins Wasser auf den Wasserfall zu. Wenige Sekunden später befanden sie sich auf der anderen Seite in einem breiten Gang, der in eine weitläufige Höhle endete. Sie war mit einer Vielfalt an Pilzkolonien bevölkert, die alle in leuchtenden Farben glänzten und so die Höhle erhellten. In der Mitte der Höhle ragte eine imposante Pflanze auf. Eine einzelne schwarze Frucht, etwa Handtellergroß, baumelte von ihr herab. Fasziniert schaute Valtäryn auf die Frucht. Achtlos ließ er Talkya los, die auf den Boden fiel.
    „Endlich“, hauchte Valtäryn.
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    Kapitel 47.

    Götter

    Das Licht der Hoffnung,
    das Dunkle, die Bedrohung,
    das Gleichgewicht die Waage hält,
    der Schrei des goldenen Falken durch Midgard gellt.
    Einst dazu geschaffen,
    dem Bösen Einhalt zu gebieten,
    nun sich auf zu raffen,
    Gut und Bös in sich selbst zu besiegen.
    Die Zeit wird kommen,
    der goldene Falke sein Schicksal bald zu erfüllen.
    In weiter Ferne ertönen des Krieges Trommeln,
    dem Feind seine göttliche Kraft entgegen zu brüllen.

    „Ich kann das alles nicht verstehen. Beim ersten Mal hat alles so gut geklappt und nun kommt alles so anders. Warum? Hast du Valtäryn nicht deinen Segen gegeben, Skadi?“
    Skadi reckte sich in einem weiß, glänzenden Wolfspelz auf einer mit Samt ausgelegten Liege. Ihre schlanken Beine umschlossen einen ausgestopften Bärenkopf und ihre wunderschön, langen Arme hielten einen Becher mit kristallklarem Wasser, aus einem der vielen Gebirgsflüsse Midgards. Sie nippte mit ihren Lippen an dem frischen Wasser und liebäugelte zu Odin.
    „Natürlich habe ich ihm meinen Segen gegeben und wenn du nicht immer damit beschäftigt wärst dir über deine Allwissenheit Gedanken zu machen, hättest du es auch sehen können, als sich Valtäryn mit diesem anderen namens Feldorom nach Hagall aufmachte und dabei die Fähigkeit der Tarnung erlernte.“
    „Schon klar. Ich habe deine Worte verstanden. Aber trotzdem läuft da was falsch. Warum hat sich Valtäryn mit bloßen Händen gegen die Ungetüme aus Iarnvidiurs Lager gewehrt. Solch eine Kraft stand ihm nicht zu. Er hätte kläglich versagen müssen. Nicht dass du das falsch verstehst, “ meinte Odin zu Skadi, „ich bin froh dass er noch lebt, denn er ist die einzige Hoffnung für Midgard, aber rätselhaft ist es schon.“
    „Da gebe ich dir ausnahmsweise Recht. Wenn es mich nicht alles täuscht, müsste es göttliche Kraft sein, die Valtäryn da in den Tiefen an den Tag legte.“
    Hinter ihnen raschelte es. Ein lautes Stampfen war zu vernehmen. Beide Götter drehten sich um und betrachteten den riesigen, fast vier Meter großen Bären. Sein Fell war braun. Nur auf seinem Kopf waren silbrige Strähnen zu erkennen. Seine dunklen Augen fixierten die beiden Götter.
    „Ich war es der ihm in der Stunde der Not half“, brummte der Bär.
    „Du warst das? Modi. Warum hast du das getan? Du bringst alles durcheinander“, brauste Odin auf. „Ich weiß, dass das nicht gut gehen kann. Weißt du was mit den Sterblichen passiert, wenn sie zu viel göttliche Macht erhalten? Sie werden selbst zu Göttern oder Sterben!“
    „Woher willst du das wissen?“ fragte Modi. „Für deine Annahme gibt es keinerlei Beweise.“
    „Warum ich das weiß. Ich bin Allwissend. Ich weiß alles. Und das mit Sicherheit.“
    Skadi warf den Becher mit dem frischen Wasser weg und erhob sich. „Was passiert ist, ist passiert. Man kann jetzt nichts mehr daran ändern. Wir sollten die anderen rufen und einen Rat einbeziehen, damit so etwas nicht nochmal passiert. Vielleicht haben wir Glück und Valtäryn verkraftet die Macht zweier Götter.“
    Odin nickte. „Ja. Vielleicht. Wir werden alle zusammenrufen. Ich hoffe nicht, dass sich noch jemand dazu herab lässt Valtäryn etwas von seiner göttlichen Kraft zu geben, denn dass kann die Waage des Gleichgewichts durcheinander bringen. Wenn das passiert könnte es zu fatalen Folgen kommen.“
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    Kapitel 48.

    Reise zur Siedlung der Iarnzwerge

    Talkya betrachtete Valtäryn wie er da auf dem Erdboden saß und die schwarze Frucht in seinen Händen inspizierte. Alles war aus dem Ruder gelaufen. Sie wollte Hilfe bei dieser wichtigen Mission holen und hatte sich jemanden ausgesucht, der überhaupt nicht er selbst war. Der Kampf mit den Ungetümen, den Valtäryn ausgefochten hatte, ließ ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Dieser Valkyn war so anders, als alle die sie bisher kannte.
    „Was starrst du mich so an?“ fragte Valtäryn ohne aufzublicken.
    „Ich – ich frage mich“, fasste sie den Mut zu fragen, „was du jetzt mit der Frucht vor hast.“
    „Was geht dich das an“, herrschte sie Valtäryn an, nur im nächsten Moment noch hinzu zu fügen, „Was kann man den mit der Frucht anstellen?“
    Froh endlich mit ihm einigermaßen vernünftig reden zu können antwortete sie: „Dies ist eine äußerst seltene Frucht und besitzt heilende Kräfte.“
    „Heilende Kräfte? Wozu?“
    Talkya wusste nicht, was Valtäryn mit dieser Frage meinte und verhielt sich still.
    Einige Zeit war nur das Rauschen des nahenden Wasserfalls zu hören, bis Valtäryn vor sich hin murmelte: „Wozu hab ich die Frucht gesucht? Eigenartig. Was soll ich mit dem Ding? Verfluchter Mist.“
    Talkya sah wie sich die Muskeln von Valtäryn spannten und wie er die Frucht vor sich hielt. Sofort rief Talkya entsetzt „Nein. Tu das nicht“, denn sie ahnte, dass Valtäryn die Frucht in seinen bloßen Händen zerquetschen wollte. Valtäryns Muskeln entspannten sich und er schaute sie trotzig an.
    „Warum sollte ich das nicht tun? Ich brauch diese Frucht nicht. Ich weiß nicht welcher böse Geist mich geritten hat, dass ich mich auf die Suche nach diesem Mist machte.“
    „Ich brauche diese Frucht!“
    „Du brauchst diese Frucht? Wofür? Bist du verletzt?“ fragte Valtäryn misstrauisch.
    „Nein. Nicht ich. Freunde von mir.“
    Jetzt war Valtäryns Gesichtsausdruck noch misstrauischer. „Du versuchst mir doch hier einen Bären aufzubinden. So langsam hab ich das Gefühl, dass du mir den Quatsch mit der Frucht eingetrichtert hast. Bist du eine Walküre und hast du mich mit deinem Charme und deiner Magie verzaubert? Hat wohl nicht so funktioniert wie du es geplant hast, was?“
    Er stand auf und betrachtete Talkya zornig. Aus seiner Stimme war Verachtung und Hass zu spüren. Seine Augen sprühten Mordlust.
    „Du irrst dich Valtäryn. Ich habe nichts dergleichen getan. Ich bin eine Schamanin in Ausbildung bei den Iarnzwergen. Wir mussten einen Angriff von einer Merutagozauberin abwehren und dabei wurden einige der Iarnzwerge schwer verletzt. Ich hab mich auf die Suche nach der schwarzen Frucht gemacht und dich und deine Freunde getroffen. Du selbst hast mir deine Hilfe angeboten.“
    „Was redest du da? Ist Valtäryn mein Name? Merutagozauberin? Freunde? Ich soll dir freiwillig bei solch einer unsinnigen Mission meine Hilfe angeboten haben? Du versuchst mich zu verwirren.“
    „Nein. Das tue ich nicht“, im selben Augenblick dachte Talkya daran wie Lebensmüde sie sein musste, sich gegen Valtäryn so behaupten zu wollen.
    „Und warum weiß ich von deinen Worten nichts?“
    Nun musste sie in die Offensive gehen, sonst hatte sie dieses Gespräch und ihr Leben verwirkt.
    „Dann sag du mir wer du bist? Woher kommst du? Was suchst du hier im Iarnwald?“
    Auf diese Fragen wusste Valtäryn keine Antworten. Seine Stirn runzelte sich und sein Gehirn arbeitete auf Hochdruck, doch es fiel ihm einfach nicht ein wer er war, woher er kam und was er hier wollte.
    Schließlich fasste er einen Entschluß. „Wir beide werden deine angeblichen Freunde aufsuchen und wenn ich da feststelle, dass du mich in die Irre geführt hast, wirst du es noch bitter bereuen.“
    Froh über die Entscheidung von Valtäryn, erhob sich Talkya. „Einverstanden. Ich werde dir beweisen, dass ich keine Lügnerin bin.“
    Valtäryn nickte und sagte: „Folg mir.“
    Sie machten sich auf den Weg, das unterirdische Labyrinth zu verlassen.
    Nach etlichen Stunden, so kam es Talkya jedenfalls vor, erreichten sie einen kleinen Durchgang, der mit Ranken überwuchert war. Sie verließen durch diesen Durchgang das unterirdische Labyrinth und traten ins Freie. Weitere drei Tage vergingen ohne irgendwelche Zwischenfälle. Talkya fragte sich, was wohl mit den Freunden von Valtäryn war, denn sie waren ihnen nirgends begegnet, noch waren von ihnen irgendwelche Anzeichen zu entdecken. Waren sie Tod? Sie wusste es nicht. Am Mittag des dritten Tages sahen sie in der Ferne eine Ansiedlung, umgeben von einer hohen Mauer mitten im Wald. Die Umgebung des Ortes war gerodet worden, ums so mögliche Angreifer frühzeitig entdecken zu können. Vor dem großen Eingang zur Siedlung standen vier schwer bewaffnete Iarnzwerge auf ihren Posten.
    „Das sind die Iarnzwerge. Wir sind da.“
    „Aha. Dann zeig mir mal deine Schwerverwundeten“, dabei deutete Valtäryn mit der schwarzen Frucht in der Hand auf die Ansiedlung.
    Beide gingen langsam auf die Ansiedlung zu.
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    Kapitel 49.

    Konfrontation

    Immer näher kam der Eingang der Siedlung und schon von weitem erkannten die vier Wachen wer sich ihnen da näherte. Durch laute Rufe machten sie den Rest der Bewohner auf die Neuankömmlinge aufmerksam. Als Talkya und Valtäryn schließlich den Eingang erreichten, kam ihnen schon, in Begleitung von weiteren Schamanen, Grofeid Langbart entgegen. Das Ende seines schneeweißen Bartes war zu einem langen Zopf geflochten. Seine grauen Haare hingen ihm Schulterlang herunter. Beim Anblick von Talkya strahlte das faltige Gesicht eine große Freude aus. Ohne die Besucher zu begrüßen stampfte er auf Talkya zu und umarmte sie herzlich.
    „Es freut mich dich zu sehen Talkya. Wir haben sehnlichst auf deine Rückkehr gewartet. War deine Mission erfolgreich?“ dabei bedachte Grofeid Valtäryn mit einem neugierigen Blick. Grofeids weise aussehenden Augen huschten über die Frucht, welche Valtäryn immer noch in seiner Hand hielt.
    „Ja Grofeid. Dank Valtäryn konnte die schwarze Frucht aus ihrem dunklen Kerker entrissen werden. Ihm allein verdanken wir es, dass die Frucht ihren Weg in unsere Siedlung fand.“
    „Das ist gut zu hören“, dabei wandte sich Grofeid Valtäryn zu, „Sei uns herzlich Willkommen Valtäryn…“
    Valtäryn unterbrach Gorfeid. „Ja, ja. Blablabla. Zeigt mir die Verwundeten!“
    Überrascht über Valtäryns herrischen Tonfall wich Gorfeid einen Schritt zurück und schaute fragend zu Talkya.
    „Ist schon okay Gorfeid. Zeigt Valtäryn die Verwundeten.“
    Gorfeid nickte und ging voraus in die Siedlung rein.
    Die Siedlung bestand aus mehreren, kleineren und einem großen Steinhaus. An einer Seite der Siedlung befanden sich im Freien Werkbänke und Essen an denen ein Dutzend Iarnzwerge fleißig arbeiteten. In der Mitte des Platzes übten vier Gruppen Zwergenkämpfer mit Hämmer und Äxten den Nahkampf.
    Gorfeid führte Valtäryn und Talya sowie die Schamanen zu einem kleinen Steingebäude, das allerdings von außen, im Gegensatz zu den anderen Gebäuden, mit Zwergenrunen reich verziert war. Vor dem Eingang des kleinen Steinhauses standen zwei Wachen, die bei Gorfeids Anblick sofort Platz machten. Gorfeid, Talkya und hinter ihnen Valtäryn betraten das Innere. Ein starker Geruch von Siechtum kam Valtäryn beim Eintreten entgegen. Acht Betten, auf jeder Seite vier, befanden sich in dem Raum, der von innen größer war, als das kleine Steinhaus von außen den Eindruck gemacht hatte.
    Valtäryn schaute in die Betten und erblickte die bleichen Gesichter von Iarnzwergen. Ihre Haut bedeckte eine dünne, blaue Schicht, die kristallin glitzerte. Die Augen starrten an die Decke und in ihnen fand Valtäryn kein Leben.
    „Eure Verletzte sind Tod“, stellte Valtäryn fest.
    Gorfeid nickte. „Ja. Das dachten wir zunächst auch, doch achte auf ihren Brustkorb.“
    Der Valkyn betrachtete den Brustkorb eingehend und so verharrte er einige Zeit, bis sich plötzlich bei einem der Zwerge ganz sachte der Brustkorb hob und wieder senkte.
    „Was muss ich mit der Frucht tun, damit die Verletzten geheilt werden?“ fragte Valtäryn den Schamanen.
    Traurig schüttelte Gorfeid seinen Kopf. „Das wissen wir leider auch nicht. Wir müssten Göttin Eir und den Gott Ymir um Hilfe bitten.“
    „Ihr wollt Götter um Hilfe bitten? Götter können euch nicht helfen! Götter helfen den Völkern Midgards nie!“
    Von draußen war ein Tumult zu hören. Gorfeid rief nach einer Wache am Eingang des Steinhauses und als diese eintrat, fragte Gorfeid die Wache nach dem Grund des Tumults.
    „Vor den Toren. Zahilian Feldoran. Die blauen Wesen“, stammelte die Wache.
    „Oh nein“, kam es erschrocken aus Gorfeids Mund.
    Auch Talkyas Gesicht zeigte entsetzen. Fluchtartig verließen alle das Gebäude und traten ins Freie. Valtäryn folgte ihnen, wobei er die Frucht in eine Tasche seiner Lederrüstung steckte.
    Die Zwergenkrieger, welche noch zuvor in der Mitte des Platzes ihre Kampfübungen abgehalten hatten, standen nun in einer einzigen, kompakten Formation vor dem Eingang der Siedlung. Rechts und links dieser Formation standen zwanzig Valkyns, bewaffnet mit Langbögen. Weitere Iarnzwerge stürmten vom anderen Ende der Siedlung heran und formierten sich ebenfalls. Zwischen einer Reihe von Zwergenkriegern standen Schamanen und vollführten Schutz- und Stärkungszauber auf die Krieger und Bogenschützen. Die ganze Siedlung war in höchster Alarmbereitschaft und konnte bei dem kleinsten Anzeichen eines Angriffs in die Gegenoffensive übergehen. Außerhalb der Siedlung erschallen Signalhörner und man konnte das Geschrei von hunderten Merutagos heraus hören. Morvaltgekreische wurde laut und sollte ihre Feinde in Angst und Schrecken versetzen. Der Kampf war nah. Sehr nah.
    Valtäryn hatte aber nur Augen für die bewaffneten Valkyns. Valkyns!
    Irgendein Gedanke streifte sein Bewusstsein und eine innere Hand griff danach, bekam diesen Gedanken aber nicht zu fassen. Durch den lauten Lärm der Merutagos und der Morvalts war es Valtäryn unmöglich sich zu konzentrieren. Wenn dieser Lärm doch nur aufhören würde, so konnte er den Gedanke fassen und wusste was ihm an diesen Valkyns so vertraut vorkam.
    Zielstrebig rannte er plötzlich auf den Eingang der Siedlung zu und entriss einem Valkyn im vorbei laufen seinen Bogen und ein Langschwert, sowie bereit gelegten Köcher. Den vollen Köcher warf er sich über die Schulter, als er durch den Eingang trat. Kein Iarnzwerg und kein Valkyn hinderten ihn daran. Die langen Reihen der Feinde sollten ihn stoppen und wieder in die Siedlung drängen, doch ihre Zahl war Valtäryn gleichgültig. Sein Ziel war Ruhe und die würde er um jeden Preis erreichen.
    Zwischen den Morvalts und Merutagos stand eine Merutago in einer blau leuchtenden Rüstung. Am Ende ihres Stabes, welchen sie an der Seite hielt, leuchtete ein Saphir. Zilian hob den Stab in die Höhe, als sie den einzelnen Valkyn aus dem Eingang der Siedlung kommen sah und ließ ihn ruckartig nach unten fahren, nachdem Valtäryn auf die langen Schlachtreihen ihrer Armee zu lief. Mit wildem Geheul setzte sich die Streitmacht in Bewegung und stürmte auf Valtäryn zu.
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    Kapitel 50.

    Tod

    Breguhugg starrte auf den heranstürmenden Valkyn, welcher nach seinem Bogen griff und drei Pfeile auf einmal spannte. Da war er. Der Valkyn, der damals dem Ritual entging, welches zur endgültigen Vernichtung des Volkes der Valkyn gedacht war. Wie kam er hierher? Es war nebensächlich. Dieser einzelne Valkyn bestätigte Breguhuggs Verdacht, dass die Iarnzwerge seit vielen Jahren Valkyns ein Versteck boten, die den Kampf vor so vielen Jahren entkommen waren. Der Stab aus dem unbekannten Material leuchtete wild auf. Schon einmal hatte er ihn gegen den Valkyn eingesetzt, aber damals hatte es einen Zwerg getroffen. Einen Zwerg! Das diese Zwerge mit den Valkyns gemeinsame Sache machten und sein Volk, die Morvalts, so sehr daran hinderten die endgültige Herrschaft über Aegir zu gewinnen, ließ Breguhugg innerlich vor Wut auf fahren. Damals musste er fliehen, aber diesmal war alles anders. Seine Verbündeten hatten ihm große Erfolge eingebraucht und dieser Kampf sollte nun endlich das besiegeln, was schon vor so langer Zeit hätte besiegelt werden sollen. Er schaute zu Zilian die ihn ebenso betrachtete. Er lächelte sie an und sie lächelte zurück.
    „Alle müssen sterben“, schrie er ihr entgegen.
    „Zweifelst du daran?“
    „Nein. Diesmal wird die Schlacht eine Entscheidung finden. Und das Schicksal wird sich für uns entscheiden. Der Untergang der Valkyns und der Iarnzwerge wird unwiderruflich sein.“
    Zilian nickte und bedeutete Breguhugg den Zusammenprall der riesigen Streitmacht mit dem einzelnen Valkyn zu beobachten. Breguhugg wandte seinen Kopf den kleinen Hügel hinab.

    Valtäryn schoss drei Pfeile gleichzeitig und traf Zwei Gegner auf einmal. Sofort spannte er die nächsten Pfeile und schoss wieder. Die Pfeile verfehlten kein einziges Ziel und trafen die heranstürmenden Morvalts genau in ihre Schädel. Die Schnelligkeit in der er schoss ließ die Armee kurz stocken, doch durch die bloße Übermacht gewannen die Movalts schnell wieder Mut und stürmten weiter voran. Valtäryn setzte den letzten Pfeil auf die Sehne. Während dem Rennen zielte er über die Mitte der Streitmacht hinweg. Etwas regte sich in seinem Inneren. Gleißend erfüllte ihn eine Hitzewelle und ließ ihn aufkeuchen, dann pulsierte sein gesamter Körper in helles Licht, welches in einem flüssigen Übergang auf den angelegten Pfeil überging. Dem Pfeil wuchsen goldene Flügel und er fing Feuer. Als der Bogen durch die Hitze des Pfeils zu brechen begann ließ Valtäryn den Pfeil los. Die ersten Morvalts in den Schlachtreihen des Heeres waren nur noch wenige Meter entfernt, als der Pfeil mit der Geschwindigkeit eines Kometen durch die Reihen der Armee schoss. Die Schreie der Verbrennenden hallten durch den Iarnwald. Eine breite Bresche entstand in der Mitte der Armee und an der Stelle über die der Pfeil hinweg schoss, blieb nur verbrannte Erde. Valtäryn warf den Bogen und den Köcher achtlos zu Boden und griff nach dem Schwert, welches er mitführte. Zwei Merutagos versuchten mit Hilfe ihrer Geschwindigkeit an Valtäryn heran zu kommen. Blitzschnell umkreisten sie ihn und stachen mit ihren fremdartig, aussehenden Schwertern nach Valtäryn. Doch Valtäryn war schneller. Er duckte sich und rutschte über die Erde, erreichte einen Merutago und schlug sein Schwert in die Kniescheiben des Gegners. Blut spritzte und der verletzte Merutago sank zu Boden. Eine weitere schnelle Bewegung später rollte der Kopf des Merutagos über den Boden. Gewandt sprang Valtäryn wieder auf die Füße und wirbelte herum, dabei hob er sein Schwert und parierte den Angriff des anderen Merutagos. Mit einer fast lässigen Bewegung stieß er das Schwert in die Brust des Geschöpfes und trat ihm anschließend in den Bauch. Der Merutago fiel tot zu Boden. Weitere Merutagos und Morvalts drangen auf ihn ein und plötzlich schrie Valtäryn wie ein wild gewordenes Tier. Hinter ihm tauchte kurz die Projektion eines Bären auf, verschwand aber ebenso schnell wieder. Er drehte sich im Kreis, das Schwert vor sich Haltend. Wie ein Kreisel pflügte er durch die Feinde und tötete Dutzende.

    „Wir müssen ihm helfen“, meinte Talkya zu den Schamanen, die mit weit aufgerissenen Augen auf das Spektakel vor ihren Toren sahen. „Das ist unsere Chance Ehre für die Götter, Midgard und für uns selbst zu gewinnen.“
    „Du hast recht Talkya“, sprach Gorfeid. „Wir werden kämpfen und wenn es das letzte ist was wir tun.“
    Die Formationen der Iarnzwerge rückten aus dem Tor. Wie eine einzige Einheit stampften sie auf das Schlachtfeld. Hinter ihnen bildeten die Valkynbogenschützen eine lange Reihe. Als sie ein drittel des Schlachtfeldes hinter sich hatten, heulten von links und rechts Morvalts auf und griffen die Schlachtformationen der Iarnzwerge von zwei Seiten an. Sofort beantworteten die Valkyns diesen Angriff mit einer Pfeilsalve und streckten etliche Gegner nieder. Als die erste Morvaltwelle auf die Iarnzwerge brandete fing Talkya an zu murmeln. Auch die anderen Schamanen verfielen in Gemurmel und bunte Lichter flackerten durch das Heer der Iarnzwerge.

    Eine Gruppe schlich aus dem Wald und betrachtete die Schlacht.
    „Bei Tyr was ist hier los?“
    Aghorsch zog seinen Hammer und betrachtete das gegenseitige Gemetzel der beiden Armeen. Ohne jeden Zweifel würden die Iarnzwerge und Valkyns den kürzeren ziehen. Gegen eine solche Übermacht konnten sie nicht gewinnen. Dann zog eine einzelne Gestalt die Aufmerksamkeit auf sich.
    „Seht.“
    „Das ist Valtäryn! Und da unten zwischen den Iarnzwergen und Morvalts kann ich Talkya erkennen“, rief Thealunia erschrocken.
    „Wir müssen sofort eingreifen“, meinte Aghorsch entschlossen.
    „Du hast recht Aghorsch. Jeder weitere Kämpfer kann über das Ende der Schlacht entscheiden“, sagte Tjelvo.
    „Was ist mit den beiden da drüben“, und Ferodom zeigte auf einen kleinen Hügel.
    Als Aghorsch einen der beiden Personen erkannte stieg unsägliche Qual in ihm auf, gefolgt von einem Schwall Zorn. Es war der Mörder seines Bruders. Breguhugg. Ohne auf ein weiteres Wort der anderen zu hören, begann Aghorsch zu rennen.
    Erschrocken rief Thealunia: „Warte Aghorsch. Wir müssen zusammen beliben.“
    Doch Aghorsch hörte nicht mehr.
    „Wir müssen ihm hinter her, bevor es ihn übel erwischt.“
    „Du hast recht Thea“, sagte Tjelvo.
    „Ich werde nachkommen“, meinte Feldorom und verschwand im Schatten. Thealunia und Tjelvo liefen Aghorsch hinter her.

    Immer mehr abgeschlachtete Morvalts und Merutagos zierten die ab gerodete Fläche vor Der Siedlung, aber dennoch strömten weitere Gegener aus dem Waldrand auf Vltäryn, die Iarnzwerge und die Valkyns zu. Vor allem Die kleine Streitmacht der Iarnzwerge und der Valkyns traf jeder weitere gefallene Gefährte hart. Für Breguhugg stand es nun fest, dass er sich selbst an die Schlacht beteiligen musste, bevor die eigenen Verluste zu hoch wurden. Erbittert leisteten die Verteidiger Gegenwehr und das musste beendet werden. Gerade wollte er einen mächtigen Zauber aussprechen, der das Land zum Beben bringen würde, als er eine Stimme hinter sich vernahm.
    „Das würde ich an deiner Stelle nicht tun, du Verräter und Mörder.“
    Ruckartig drehte sich Breguhugg um und schaute auf einen erzürnten Zwerg, bewaffnet mit einem Hammer.
    „Du hast damals meinen geliebten Bruder umgebracht und nun werde ich dich umbringen. Gleiches mit gleichem. Sein Blut für dein Blut. Sein Tod für seinen Tod.“
    Breguhugg lachte auf.
    „Das ist ja köstlich. Du amüsierst mich. Was willst du gegen mich den anrichten. Merkst du nicht dass die Schlacht entschieden ist. Schau hinab. Innerhalb einer Stunde wird es keinen lebendigen Valkyn und keinen lebendigen Iarnzwerg mehr geben und du bedrohst mich, beruhend auf eine Geschichte, die der Vergangenheit angehört?“
    „Egal wie die Schalcht aus geht du wirst sie nicht mehr erleben.“
    Mit diesen Worten stürmte Aghorsch auf Breguhugg zu. Dem ersten wuchtigen Schlag wich Breguhugg geschickt aus und hob nun seinerseits den Stab. Mit seiner ganzen Kraft schlug er von oben auf den Kopf des Zwerges herab. Aghorsch hob seinen Hammer nach oben und die beiden Waffen trafen aufeinander. Ein helles, blaues Licht bildete sich um die beiden Waffen. Sie schienen zu verschmelzen. Mit all seiner Kraft drückte Aghorsch seine Waffe nach oben, um den Morvaltmagier zu Fall zu bringen, aber auch Breguhuggj sammelte seine Kräfte und drückte im Gegenzug auf die Waffe des Zwerges. Die beiden sahen aus, als wären sie aus Stein gehauen. Sie bewegten sich keinen Zentimeter, denn ihre Kräfte waren gleich groß.

    Erst Lärm und jetzt grelles Licht. Es reichte Valtäryn. Diesen Kampf musste er beenden, ansonsten würde es ewig so weiter gehen. Er schlug auf den Speer, eines gegnerischen Morvalts, welcher nach vorne auf seine Brust zu zuckte und zerbrach in mittig. Das Schwert zog einen Halbmond und spießte den Morvalt unter dem Kiefer schräg nach oben auf. Die Klinge drang tief in den Schädel ein und als Valtäryn es heraus zog gab es ein schmatzendes Geräusch. Er schaute auf die drei Personen auf dem Hügel. Eine Merutago, ein Morvalt und ein Zwerg. Das waren seine Ziele. Er schob sich durch die Schlachtreihen und brachte etlichen Morvalts den Tod, als er endlich den Fuß des kleinen Hügels erreichte. Bevor er sich mit weiteren Gegnern auseinandersetzen musste, sprang er in hohen Bogen auf den Hügel und landete vor den zwei Kämpfenden. Aghorsch bemerkte den Neuankömmling und rief im zu: „Das ist meiner, Valtäryn. Kümmere du dich um die Merutagozauberin.“
    Valtäryn wusste nicht was der Zwerg da rief und es war ihm auch gleichgültig. Dieses Geschrei war einfach zuviel. Mit einem einzigen Schwertstreich schlug er den Zwerg zu Boden und tötete ihn mit einem weiteren Stich in die Brust. Aghorschs Herz hörte augenblicklich auf zu schlagen. Das blaue Licht verpuffte und der Hammer fiel neben seinem toten Besitzer ins Gras. Von der Seite kamen Schreckensschreie. Zwei Gestalten kamen auf ihn zu gelaufen und schauten ihn mit entsetzten Augen an.
    „Was hast du getan?“ schrie Thealunia.
    Über das Gesicht der Frostalfar strömten Tränen. Sie begann etwas zu murmeln und Valtäryn vermutete, dass sie einen Zauber sprechen wollte. Er sprang wieder in die Luft, griff im Flug in die Haare der Frostalfar und zog ihren Kopf mit Gewalt nach unten auf einen Stein, der aus dem Waldboden ragte. Es knackte laut als der Schädel brach.
    „Bist du von Sinnen“, rief der Nordmann und richtete das Schwert gegen Valtäryn.
    Valtäryn hob das Schwert und täuschte links an. Das Schwert zischte rechts an Tjelvos Verteidigung vorbei und stieß tief in den Bauch. Blutüberströmt sackte Tjelvo mit ungläubig aufgerissenen Augen in sich zusammen.
    „Ich kann es einfach nicht glauben“, schüttelte sich Breguhugg vor lachen. „Da denke es ist nun mit mir vorbei und ein Valkyn tötet dann meine Feinde. Seine Freunde! Das ist eine Wendung mit der ich nie gerechnet hätte.“
    Valtäryn verstand diese Worte nicht mehr. Er war in einen Blutrausch verfallen und ging nun langsam auf den Magier zu. Breguhugg merkte die Absicht des Valkyns und begann eine schnelle Formel zu sprechen, doch die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, als das Schwert tief in seinen Lungenflügel eindrang. Im Augenblick des Todes raunte eine große Betroffenheit durch die Reihen der Morvalts. Es entstand ein Durcheinander und laute Rufe drangen auf Valtäryn ein. Er schloss kurz die Augen und als er sie öffnete setzte er sein Blutbad fort. Das Blutbad dauerte Stunden und keiner überlebte. Gierig trank die Erde das Blut der Gefallenen. Morvalts, Valkyns, Merutagos. Alle waren Tod. Zilian hatte es getroffen, als sie fliehen wollte. Valtäryn hatte ihr kurzer Hand das Genick gebrochen. Feldorom wollte dem Blutbad aus dem Schatten ein Ende bereiten, doch Valtäryn bemerkte ihn und spaltete ihm den Kopf. Talkya flehte um ihr leben. Sie versuchte ihn durch besänftigende Worte zur Vernunft zu bringen. Vergeblich. Ihr lebloser Körper lag zwischen Feinden und Freunden.

    Reinigung bedeutet der Tod,
    Erkenntnis trifft einen mit dem Fallen von Freund und Feind,
    Das Schlachtfeld färbt sich rot,
    über das Land zieht das Lied von Qual und Leid.

    Valtäryn saß inmitten seiner ehemaligen Freunde. Neben ihm winselte der Wolf, dem er schon einmal begegnet war. Er hatte die Leichen von Aghorsch, Tjelvo, Feldorom, Thealunia und Talkya ordentlich neben einander gelegt. Die Leichen der Mrutagos und Morvalts einschließlich von Breguhugg und Zilian brannten in der Nähe in einem riesigen Scheiterhaufen. Der Beißende Geruch von Tod und verbranntem Fleisch zog durch den Iarnwald. Die Leichen der Iarnzwerge und der Valkyns lagen ordentlich aufgereiht hinter den Leichen seiner Freunde.
    Was war schlimmer? Mit eigener Hand den Tod seiner Freunde herbei geführt zu haben oder aber die Erkenntnis, dass die Götter das zu gelassen hatten? Er wusste es nicht. Tränen der Schuld flossen seine Wange herab. Er weinte bis die Feuer von selbst erloschen und die Dunkelheit das Schlachtfeld in tiefe Schwärze hüllte. Während seinem Schluchzen und Weinen befühlte er immer wieder die schwarze Frucht. Sie konnte ihm nicht helfen. Das war unmöglich. Er wusste nicht mal wie er sie nutzen musste, wenn es überhaupt eine Möglichkeit gab sie in einer solchen Situation ein zu setzen. Im Geiste verfluchte er die Götter.

    „Es wird Zeit für den Angriff!“
    „Ja. Unsere Zeit ist gekommen“, sagte Pirkos und gab den Befehl, die Dämonen sollten mit dem Angriff auf Jordheim beginnen.
    Geändert von Goldbogen (20.10.08 um 22:04 Uhr) Grund: Automatisch zusammengefügter Doppelpost

  6. #6

    Standard

    Kapitel 51.

    Die Kraft der schwarzen Frucht

    Der Hase schaute auf und hob sein Löffel in die Höhe. Durch ein Geräusch aufgeschreckt flüchtete der Hase ins tiefe Unterholz. Hinter dem Hasen brach Geäst und etwas sprang hinter dem Hasen her. Im Zickzack Kurs flüchtete der Hase weiter, schlug Hacken und suchte nach einem geeigneten Versteck. Noch ein paar Sprünge und der Hase wäre in seinem Hasenbau und in Sicherheit. Doch im allerletzten Augenblick schnappte etwas nach dem Hasen und große Reißzähne schlossen sich um sein Genick. Der große, schwarze Wolf machte kehrt und erreichte nach kurzer Zeit die freie Fläche vor der Iarnzwergensiedlung. Graue Aschereste wurden von einer leichten Brise durch die Luft gewirbelt. Die Brise trug die Asche in alle Himmelsrichtungen davon. Der Geruch von verbranntem Fleisch schlich wie zähflüssiger Schleim über die freie Fläche. Der Wolf trottete zu seinem Herrn, der sich im Schlaf unruhig hin und her wälzte. Valtäryn lag immer noch vor den Leichen seiner Freunde. Die Müdigkeit hatte ihn schließlich nach langer Wacht eingeholt und er war eingeschlafen, doch von einem erholsamen Schlaf war Valtäryn weit entfernt. Der schwarze Wolf legte seine Beute vor Valtäryn ab und legte sich neben seinen Herrn, als die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont auf die freie Fläche fielen. Am Rande der Lichtung, im Schutz der Bäume asten friedlich ein paar Megalozeros. Ab und an schauten sie voller Trauer auf die Lichtung, nur um sich dann weiter ihrem Tagewerk zu widmen. Der erste Sonnenstrahl traf Valtäryns verweintes Gesicht und ließ seine Augenlider zittern. Langsam öffnete er sie und sah einen Schmetterling unbesonnen über das blutdurchtränkte Schlachtfeld fliegen. Vögel zwitscherten in den Baumstämmen, welche die Lichtung säumten.
    Valtäryn folgte mit seinen Augen den davon fliegenden Schmetterling. Ein grelles Licht blendete ihn, tausend mal heller als die Sonne. Im inneren seines Auges brach riss die Hornhaut und seine Augen fingen an zu bluten. Schmerzerfüllt schrie er auf. Er sprang in die Höhe. Das grelle Licht hatte sich so tief in seine Hornhaut gebrannt, dass er nichts anderes mehr sah. Rötliche Linien tauchten auf und zogen sich von oben nach unten. Der Schmerz näherte sich einer Grenze, die alles andere verbannte. Sein Leben lief Valtäryn in Gedanken zwischen seinen Kopf, welcher so stark pochte, dass er meinte er würde platzen. Die Gesichter seiner Freunde tauchten auf, bis schließlich ein einziges Gesicht fokussiert wurde. Talkya. Nun wusste er was es war. Liebe! Er liebte diese Valkyn, auch wenn er nicht viel von ihr wusste. Es war einfach Liebe auf den ersten Blick gewesen. Ihre schönen Augen, das wundervoll, glänzende Fell, dass sie besaß. Ihr Sprechen und ihre Gestik. Das alles war für Valtäryn das Schönste was er je gesehen hatte. Trotz des unerträglichen Schmerzes schaffte Valtäryn es irgendwie seine Sehfähigkeit ganz abzuschalten. Er konzentrierte sich auf andere Sinne. Erst hörte er ein Knurren und dann das Gejaule seines Wolfes, welches schließlich zu einem Winseln wurde. Knistern war zu hören und er fühlte wie sich der Boden unter seinen Füßen aufheizte. Er biss seine Lippen zusammen und ging in Kampfstellung.
    „Sei ganz ruhig Valtäryn“, erklang eine Stimme vor ihm, so voller Wärme und Vertrauen, dass er nichts anderes tun konnte, als die Kampfstellung auf zu geben.
    „Ich bin hier, um dir deine Schuld und deine Trauer zu nehmen. Ein Teil meiner Macht wird dir helfen, deinen sehnlichsten Wunsch in diesem Augenblick zu erfüllen. Das aber hat einen Preis.“
    Valtäryn wusste nichts zu sagen. Der einzige Wunsch, den er hegte, war seine Freunde wieder lebendig zu sehen.
    „Bist du bereit diesen Preis zu zahlen?“ fragte die weibliche Stimme.
    Was sollte er antworten? Welchen Preis musste er zahlen, damit sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen würde? Musste er den Preis sofort zahlen?
    „Was ist das für ein Preis?“
    Er spürte wie etwas nah an sein Ohr kam und flüsterte.
    Als Valtäryn den Preis hörte, stand seine Entscheidung fest.
    „Ja. Ich werde den Preis zahlen!“
    Eine zarte Hand legte sich auf Valtäryns Schulter und mit dieser Berührung platzte etwas in seinem Inneren vollständig. Seine Hand griff nach der schwarzen Frucht, hob sie zum Mund und flüsterte zwei Sätze: „Entfalte deine Kraft! Bei Eir!“
    Die Hülle der schwarzen Frucht schälte sich innerhalb von Sekunden und gab den Blick auf Dutzende von Schmetterlingen frei. Ihre Flügel waren bunt. Blau, grün, gelb. Sie leuchteten und erhoben sich in die Luft. Dann schossen sie auf die Leichen und setzten sich jeweils auf die Brust eines Toten. Die Flügel wuchsen und umschlossen ihre Körper. Das Leuchten erfüllte die ganze Lichtung. Die Wellen von buntem Licht pulsierten gleichmäßig und mitten drin stand Valtäryn.
    Nun schrie er gen Himmel: „Was ist soll ungeschehen sein. Was war geändert werden. Was wird ist ungewiss. Ändere das Gefüge des Schicksals!!!“
    Mit den letzten Worten schmolzen die Schmetterlinge und vereinten sich zu einem einzigen Strahl der in den Himmel schoss. Dann war der Strahl verschwunden. Um sich hörte Valtäryn stöhnen und spürte Bewegungen. Eine Stimme rief in sein Ohr: „Denk an den Preis!“
    Eine Hand legte sich auf Valtäryns Schulter und fragte: „Was ist passiert?“
    Ohne zu antworten legte Valtäryn seine Hand auf Talkyas Hand. Sie fühlte sich warm an.
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    Kapitel 52.

    Aufbruch

    Das Beratungshaus der Iarnzwerge war überfüllt. Körper drängten sich nach vorne, um mehr von den Gesprächen zu hören, die vorne geführt wurden. Fast die Hälfte der Anwesenden waren Valkyns, jedoch keine Krieger, wie es bei den Iarnzwergen der Fall war, sondern viele Alte, Frauen und Kinder. Einzig die Bogenschützen die an der Schlacht teilgenommen hatten, waren der kämpfende Anteil der Valkyns. In der Mitte Des Beratungshauses befand sich ein riesiger, glatt geschliffener Steintisch. Talkya, Tjelvo, Thealunia, Aghorsch, Feldorom, Gorfeid, Lefodei und Valtäryn saßen um den Tisch herum und redeten. Grade sprach Talkya.
    „…und wenn es euch nichts ausmachen würde, würden wir euch bitten weiter während unserer Abwesenheit auf unser Volk aufzupassen, ihnen Nahrung und Schutz zu gewähren.“
    „Die Bedrohung durch die Morvalts und Merutagos ist gebannt und es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir die verbliebenen Truppen aus dem Iarnwald verjagt haben. Es wird wieder sicher und somit sollte deiner Bitte nichts im Wege stehen, aber willst du dich wirklich nach Aegirhamn begeben und dort mit dem Ältestenrat reden, obwohl sie eurem Volk vor so langer Zeit die Hilfe verwehrt haben?“ fragte das Oberhaupt Lefodei.
    „Ja. Ich muss. Es ist meine Pflicht dort vorzusprechen und die Existenz unseres Volkes zu bekunden.“
    „Dann soll es so geschehen“, und mit diesen Worten wandte sich Lefodei an Valtäryn, „Ich möchte dir ganz herzlich danken Valtäryn. Du hast unser Volk und auch das deine in letzter Sekunde gerettet. Damit aber nicht genug. Du hast die Morvalts ihre Grenzen aufgezeigt und die Merutagos vernichtet. Du bist von den Göttern gesegnet. Du wirst bei uns immer Willkommen sein und wir werden deine Geschichte an unsere Nachfahren weitergeben. Bei uns bist du heute schon eine Legende.“
    „Ich danke dir Lefodei, Oberhaupt der Iarnzwerge.“
    Valtäryn war es unbehaglich so dermaßen in eine Heldenrolle geschubst zu werden, wo er doch fast für den Untergang der Iarnzwerge und Valkyns verantwortlich war.
    „Dieser Tag soll ein Tag des Feierns werden. Holt Trank und Essen. Lasst die Musik erklingen und tanzt. Freut euch und habt Spaß“, rief Lefodei und im selben Augenblick erklangen rhythmische Ambossschläge, begleitet von etlichen Zwergenstimmen. Valkyns und Iarnzwerge lagen sich in den Armen, tanzten und lachten. Fleisch und Gemüse wurde herum gereicht und ein Fass Iarnzwergischem Gebräu wurde angebrochen und an alle verteilt. Auch die Gefährten feierten. Aghorsch fühlte sich sofort wohl und verschlang massenweise Fleisch, welches er mit dem Gebräu hinunterspülte. Nach einer Weile begann er mit zu singen, was aber eher in ein leicht besoffenes Grölen endete. Thealunia und Tjelvo saßen beieinander und umarmten sich. Mit Essen verkrümelten sie sich in eine Ecke der Halle und unterhielten sich leise. Später am Abend verließen sie die Feierlichkeiten Arm in Arm, um sich anderen Vergnügen zu widmen. Feldorom unterhielt sich mit Gorfeid und Lefodei. Sie diskutierten noch bis spät in die Nacht und Feldorom versprach ihnen, sich um eine mögliche Handelspartnerschaft zwischen der Koboldstadt und der Iarnsiedlung zu kümmern.
    Valtäryn feierte nicht mit und verließ nach Beginn der Feierlichkeiten die große Halle. Draußen betrachtete er kurz die Sterne und setzte sich dann neben dem Haus auf den Boden. Sein Rücken lehnte an der Wand und er spürte die Vibration der Feierlichkeiten, die von Innen nach Außen drang. Tief in Gedanken versunken merkte er nicht die sich nähernde Gestalt. Eine Hand legte sich auf seine Schulter und Talkyas Stimme fragte: „Was ist los Valtäryn?“
    Valtäryn schaute auf und obwohl die ganze Wut und der ganze Hass in seinen Augen verschwunden war, der ihn seit seiner Gefangenschaft ständig begleitete, war doch keine Freude zu erkennen, sondern nur tiefe, tiefe Traurigkeit. Seine Augen waren wässrig und er kämpfte krampfhaft dagegen an nicht los zu heulen.
    „Es ist nichts“, sagte Valtäryn.
    Talkya schüttelte den Kopf. „Lüg mich bitte nicht an. Ich sehe doch, dass du traurig bist. Obwohl du so großartiges geleistet hast, bist du dennoch nicht fröhlich.“
    Valtäryn dachte an die Stimme. An den Preis den er noch zu zahlen hatte. Zwar nicht heute und auch nicht morgen, doch der Tag an dem der Preis fällig wurde, würde kommen.
    „Ich kann es dir leider nicht sagen.“
    „Verstehe. Ich möchte dich auch nicht drängen.“
    Talkya setzte sich neben Valtäryn.
    „Hast du jemals daran gedacht, dass dein Leben sinnvoll und sinnlos ist?“
    „Wie bitte?“
    „Ich meine nicht dein Leben, ich meinte das nur im übertragenen Sinne.“
    „Mmh. Wie kann ein Leben sinnvoll und zugleich sinnlos sein?“
    „Tja. Das wüsste ich auch mal zu gern. Ich habe in euren Augen sinnvolles getan und doch ist mein Leben in meinen Augen sinnlos.“
    „So was darfst du nicht sagen Valtäryn. Nicht mal denken darfst du daran. Es gibt kein sinnloses Leben.“
    „Nicht? Was ist mit Zahilian und Breguhugg? Die beiden haben hunderte, vielleicht auch tausende in den Tod geschickt. Sind ihre Leben nicht sinnlos?“
    „Nein. Ihre Leben sind nicht sinnlos. Vielleicht wertlos, aber nicht sinnlos.“
    Valtäryn schaute Talkya an. „Wertlos?“
    „Ja. In den Augen der Götter haben sie ungeheuerliche Taten begangen. Ihre Taten machten ihre Leben wertlos. Sinnlos waren sie aber nicht, denn hätten sie diese Taten nicht begangen, wären andere Leben nicht wertvoller geworden.“
    „Das ist kompliziert.“
    Talkya lachte auf. „Ja. Das ist es tatsächlich.“
    „Ich werde mich zurück ziehen. Morgen brechen wir frühzeitig auf und ich möchte ausgeschlafen sein.“
    „Ja ist in Ordnung Valtäryn. Ich wünsche dir eine gute Nacht und träum süß“, dabei beugte sich Talkya zu Valtäryn und gab ihm einen Kuss auf die Wange, dabei flüsterte sie ihm ins Ohr: „Du bist Wertvoll.“
    Sie stand auf, ging ein paar Schritte, drehte sich noch mal um, winkte und verschwand schließlich wieder in das Haus. Valtäryn schaute ihr nachdenklich nach. Nach einer Weile erhob er sich auch und begab sich zu seiner Schlafstätte.

    Jordheim, die Hauptstadt Midgrads war umgeben von Belagerungsfeuern. Seit zwei Tagen stürmten Heerscharen von Dämonen gegen die Mauern und ließen die Grundmauern Jordheims erzittern. In den Straßen Jordheims wimmelte es von Helden, die sich zwischen Bergen von Verletzten, Sterbenden und Toten einen Weg zu den Toren bannten. Noch hielten die Mauern, doch es war nur eine Frage der Zeit bis Jordheim in ein Inferno aus Klagen und Schmerzen untergehen würde. Der Ältestenrat hatte angeordnet die Kämpfe auf den Schlachtfeldern und in den Grenzgebieten einzustellen. Wenige Kundschafter waren nur noch in den Grenzgebieten unterwegs. Midgard zog sich aus dem Krieg gegen Albion und Hibernia zurück, um die inländischen Probleme zu bewältigen. Die beiden Grenzfestungen Svasud Faste und Vindsaul Faste waren nur noch mit den nötigsten Wachmannschaften ausgestattet. Die Ratshalle war überfüllt mit Flüchtlingen aus den umliegenden Städten und Dörfern. Von den Zinnen der Mauern konnte man die zerstörten Dörfer Mularn und Vasudheim sehen. Die Dämonen hatten sich dort nieder gelassen und starteten von dort ihre Angriffe.
    Draponark beobachtete von einen der Zinnen einen weiteren Angriff der Dämonen, welche brüllend durch Mularn rannten und dabei mit dämonischen Waffen schwenkten. Eines war Drapnark klar. Wenn sich die Dämonenarmee einmal vereint einen Angriff gegen die Mauern Jordsheims wagte, dann war es vorbei. Dann konnten nur noch die Götter helfen. Was für ein Untergang. Die Insel Aegir war verloren, von Morvalts und Merutagos überrannt. Jeglicher Kontakt zu möglichen Überlebenden war abgebrochen. Die Beteiligung am Krieg in den Grenzgebieten war erst mal auf Eis gelegt. Jordheim war die letzte Bastion Midgards und sie war im Begriff zu fallen. Draponark schüttelte traurig den Kopf. Vielleicht waren dies der Aufbruch und der Beginn eines neuen Zeitalters. Er zog sein Schwert und begab sich nach unten, um sich in die Verteidigungslinien der anderen Helden einzureihen und ein weiteres Mal dem Ansturm der Dämonen zu trotzen.
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    Kapitel 53.

    Bedrohung aus den Grenzlanden

    Yedaslaia schaute zwischen den Bäumen hindurch und beobachtete das schmale Tal. Ihr Helm mit dem Federschmuck rutschte ihr über die Stirn und sie schob ihn wieder in die richtige Position. Es war ihr erster Auftrag und sie wusste um die Gefahr, welche die Midgardschen Bewohner bedrohte. Viele waren der Meinung, dass die Gefahr aus dem Landesinneren kommen würde und sie hatten recht. Andere meinten, die Gefahr fand ihren Ursprung auf der Insel Aegir und auch diese hatten recht. Sie selbst und ein paar wenige waren jedoch der Meinung die eigentliche Gefahr käme aus der Richtung, aus der sie schon seit Jahrhunderten kam. Albion und Hibernia waren seit undenklichen Zeiten Feinde Midgards und aus dieser Richtung stammte ihrer Meinung nach die größte Gefahr. Gerüchte zufolge hörte man von einem Pakt. Viele nannten diesen Pakt den Todesstoss, denn er würde Midgard letztendlich vollends vernichten. Vor vielen Jahrhunderten war es schon einmal dazu gekommen. Die Streitkräfte Albions und Hibernias waren gemeinsam, Seite an Seite, gegen Midgard vorgerückt um es gänzlich aus zu löschen. Endgültig. Für Immer. Vernichtet im Fegefeuer seiner beiden größten Feinde. Es kam damals alles anders. Wer hätte auch damit rechnen können, dass die Götter einen Helden sandten, welcher die Gefahr aus dieser Richtung bannte. Wahrscheinlich niemand außer den Walküren.
    Ein Schneeluchs tapste an einem Hang entlang und verursachte Spuren im Schnee. Sie war nun schon seit vielen Tagen im Grenzland unterwegs, doch von Feinden hatte sie nichts gesehen. Waren ihre Vermutungen falsch? War sie auf der falschen Fährte? Ihre Kundschafter hatten ihr doch von Zusammenkünften beider Parteien berichtet. Hatten sie die vielleicht falsch interpretiert und in Wirklichkeit waren es Scharmützel zwischen Albion und Hibernia gewesen? Sie sog die Luft ein. Ihre Augen weiteten sich. Etwas stimmte nicht. Sie schaute sich um, konnte jedoch nichts erkennen. Das Tal lag weiterhin ruhig vor ihr. Sie nahm sich eine handvoll Schnee und drückte sich den Schneeball in den Nacken. Erfrischend. Aufmunternd. Nach tagelangem Schlafmangel war ihre Konzentration auf einem Tiefpunkt angelangt.
    Links von ihr nahm sie eine Bewegung wahr und die Luft flimmerte. Etwas kam auf sie zu. Sie schuf mit einem schnellen Spruch eine Schutzaura um sich herum und zog ihr Schwert. Doch der erste Angriff kam schnell und so plötzlich, dass sie ihn nicht abwehren konnte. Die kleine Stichwaffe ritzte ihre Haut am Arm und sie spürte sofort einen Brechreiz in sich hochkommen. Gift. Der Lurikeen der sie attackierte lachte sie hämisch an. Sie schlug mit dem Schwert nach dem kleinen Wesen, doch dieser wich problemlos aus. Sie merkte, wie schnell das Gift seine Wirkung verstärkte und wie schnell ihre Kräfte nach ließen. Auch wenn Yedaslaia sich dass nicht eingestehen wollte, sie musste fliehen. Sie drehte sich um und erstarrte. Vor ihr stand ein Infiltrator, leicht an den Abzeichen seiner Schattengilde zu erkennen. Das war übel. Das war sogar sehr übel. Aber gleichzeitig mit dem Schrecken, kam auch eine gewisse Zufriedenheit in Yedaslaia auf. Hier hatte sie den lang ersehnten Hinweis für ihre Vermutung über den Pakt. Es war natürlich kein Beweis, aber der Hinweis musste reichen, Um den Ältestenrat in Jordheim vielleicht auf eine mögliche Bedrohung aus den Grenzladen hinzuweisen, mit der Hoffnung, dass ihr geglaubt wird. Jetzt gab es nur noch ein einziges Problem. Sie musste diesem Dilemma entkommen. Leichter gedacht als getan. Gegen einen Nachtschatten anzukommen, war schon ein schwieriges Unterfangen, aber gegen einen Nachtschatten und einen Infiltrator vor zu gehen, war so gut wie unmöglich. Sie rechnete sich die Chancen aus den beiden zu entkommen. Sie könnte es schaffen. Vielleicht. Knapp. Es war jedenfalls die einzige Möglichkeit.
    Yedaslaia wirbelte herum und schlug mit einer Drehbewegung nach beiden Gegnern. Wieder wichen diese problemlos aus, mussten aber ein wenig nach hinten weichen. Eine Lücke öffnete sich und Yedaslaia sprang dazwischen und rannte los. Hinter sich hörte sie Rufe in fremden Sprachen, doch sie drehte sich nicht um sondern lief. Sie lief um ihr Leben. Das Gift juckte in ihren Adern und ließ sie schwindeln. Würde sie rechtzeitig in Sicherheit gelangen, bevor sie dem Gift erlag? Sie wusste es nicht, betete aber zu den Göttern ihr die Kraft dafür zu schenken.
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    Kapitel 54.

    Untergangsstimmung

    Draponark drückte so fest es ging gegen das schwere Doppeltor der Ratshalle. Krieger halfen ihm dabei an allen drei Eingängen Barrieren zu errichten. Im Hintergrund hörte Draponark das flüstern der Heiler um die verletzten Helden auf ihr letztes Gefecht vor zu bereiten. Midgard war seinem Untergang näher gerückt. Den Dämonen war es gelungen eine große Bresche in die Stadtmauer Jordheims zu schlagen und der darauf folgenden Invasion konnten die Einwohner Jordheims nichts entgegen setzen. Wie Vieh wurden sie dahin gerafft. Wenige setzten zur Gegenwehr an, die meisten flohen. Die wenigen welche sich gegen die Übermacht wehrten wurden von den Dämonen überrannt. Einige, darunter auch Draponark, war es irgendwie gelungen, sich bis zur Ratshalle durch zu schlagen. Die Streitmacht Midgards war auf wenige Helden geschrumpft. An einen Sieg glaubte niemand mehr. Der Ältestenrat saß deprimierend an einem großen Eichentisch und sie diskutierten, wie sie dem bevorstehenden Angriff entgegen treten sollten. Draponark fand das fast lächerlich. Was sollten sie jetzt noch planen? Wenn die Dämonen die Barrikaden überwunden hatten, hieß es nur noch für ihn kämpfen bis zum Tod.
    Walküre wetzten ihre Waffen und stellten sich links und rechts der schweren Doppeltore auf. Krieger formierten sich. Jäger bereiteten ihre Pfeile vor. Geisterbeschwörer sprachen Beschwörungsformeln und Knochentänzer bedienten sich der Gefallenen, um so noch ein paar Kämpfer für das bevorstehende Ende zu rekrutieren. Schamanen sprachen Schutzzauber auf und die Heiler versorgten die Wunden Verletzter. Schurken harrten im Schatten aus, bis der Kampf begann. Draponark drehte sich um und sang plötzlich. Die Anwesenden blickten auf und schöpften aus seinen Worten die letzten Tropfen Hoffnung voller Ehre zu sterben.

    Die Tränen vom Ende fließen durch Mark und Bein,
    das Herz verschmilzt mit dem Geist.
    Die Liebe zum Land ist so rein,
    wenn wir sterben so reist,
    reist nach Wahalla, zum Wohnsitz der Götter auf dem Berg der Ehre.

    Der Kampf um unsere Heimat wird hart sein und ein bitteres Ende mit sich führen,
    doch wir nehmen diese Herausforderung an.
    Wir springen über all die Hürden,
    wir stürmen nah an den Gegner ran,
    bis er merkt, dass in uns keine Leere steckt.

    Solange wir stark genug bleiben eine Waffe zu heben,
    ein winziger Funken Leben in uns glüht,
    stürzen wir uns auf den Feind mit Göttersegen,
    immer wenn ein Dämon fällt, unser Herz vor Freude blüht
    und der Preis für ihren Sieg sich erhöht.


    Fasst euren Mut zusammen
    und blickt dem Ende mit hoch erhobenem Haupt entgegen.
    Lasst uns unsere verbliebenen Kräfte sammeln
    Und uns mit der Übermacht anlegen,
    denn auch wenn der Tod an unserer Tür klopft bleiben wir die Sieger.

    Der Kampfschrei Draponarks hallte durch die Ratshalle und alle Anwesenden stimmten mit ein. Sie hoben ihre Waffen in die Höhe und puschten sich für den letzten Kampf hoch.
    Ein Krachen war von den Doppeltüren zu hören, als etwas Schweres dagegen gestoßen wurde. Die Doppeltüren bogen sich aufgrund der brutalen Kraft die von außen auf sie einwirkten. Einen Wimpernschlag später lagen sie zertrümmert auf dem Boden der Ratshalle.
    Der Kampf begann.
    Draponark drehte sich wieder zu der soeben zerstörten Doppeltür um und sah wie kleine, gehörnte Gestalten über die Barrikade hechteten. Draponark hielt seinen Zweihänder kampfbereit. Als die ersten Ausgeburten in die Reichweite seines Zweihänders kamen zog er einen Halbmond in die Luft und tötete drei Gehörnte gleichzeitig. Eine Walküre stieß ihr Schwert in den Schädel eines Dämons, wurde aber im selben Augenblick von einem anderen Dämon geköpft. Draponark parierte einen Schlag und hackte mit dem Zweihänder dem angreifenden Dämon die Beine ab. Er spürte einen brennenden Schmerz im Rücken und als er sich umdrehte sah er eine Obszönität wie sie nur einem Alptraum entsprungen sein konnte. Zwischen den Augen lag noch ein drittes Auge. Die Gliedmaßen waren länger als die der Gehörnten. Die Klauen endeten in messerscharfe Nägel und von einem tropfte Blut. Der Rücken des Dämons war gewölbt und drohte jeden Moment zu platzen. Das Maul war riesig und kleine, spitze Zähne lachten ihn an, von denen gelblicher Speichel troff. Hinter der Kreatur starben seine Gefährten. Die Klaue des Dämons schnellte nach vorne und in letzter Sekunde konnte Draponark zur Seite wirbeln. In einer Drehbewegung schlitzte er die Seite des Gegners auf. Schwarzes Blut tropfte auf den Boden. Der Dämon schrie vor Wut. Draponark zog den Kopf ein und rammte den Dämon mit seinem ganzen Körper. Dieser fiel nach hinten und hätte fast sein Gleichgewicht verloren. Grade noch konnte er es wieder gewinnen und kratzte mit seiner Klaue durch Draponarks Gesicht. Wieder ein Brennen und wieder ein Schmerz. Irgendetwas fing an Draponarks Verstand zu vernebeln. Hatten die Dämonen Gift? Ein Blick zu den Toren ließ ihn auf keuschen. Von der kleinen Streitmacht waren nicht mehr als ein Dutzend übrig geblieben. In so kurzer Zeit! Sie waren wieder überrannt worden und diesmal schien es endgültig.
    Ein Donnern ging durch die Mauern und in der Mitte der Ratshalle entstand ein blaues Leuchten. Es dehnte sich sehr schnell aus, bis es fast die gesamte Ratshalle einnahm. Draponark wusste das da jemand kam. Oder Etwas. Aber von wo? Von der Insel Aegir konnte niemand kommen, denn da herrschten nun die Morvalts und Merutagos. Aus Atlantis konnte auch niemand kommen. Das war sehr unwahrscheinlich, denn alle Helden aus Atlantis waren schon vor Tagen nach Jordheim gereist. Aus den Grenzlanden? Nein. Die dort übrig gebliebenen Wachmannschaften hatten ausdrückliche Befehle ihre Posten nicht zu verlassen. Wer kam da?
    Wie auch die Dämonen und die übrig gebliebenen Helden beobachtete Draponark das Leuchten und wie sich in seinem Inneren Gestalten abzeichneten.
    Das Leuchten wurde kurz intensiver und Draponark meinte bei einem der Gestalten goldene Flügel zu erkennen. War das eine Halluzination aufgrund der Vergiftung? Dann zog sich das blaue Leuchten zusammen und verschwand. In der Mitte der Ratshalle standen ein Nordmann, eine Frostalfar, ein Kobold, ein Zwerg und … zwei Valkyns.
    Als Draponark zwei der Gestalten erkannte machte sein Herz vor Freude einen Sprung und im selben Augenblick erkannte er die gefährliche Situation.
    Die Neuankömmlinge waren pünktlich zum Untergang Midgards erschienen.
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    @Hi alle miteinander. Hier präsentiere ich nun endlich die (vielleicht) langersehnte Fortsetzung. Kapitel 55. wird einen Übergang in die nächste und letzte Phase dieser Geschichte einläuten. Mehr Kämpfe, mehr Action, mehr Gefühl. Alle lose Enden werden in dieser letzten Phase der Geschichte zusammen geknüpft. Offene Fragen werden beantwortet. Trauer und Freude werden in dieser letzten Phase einen ständigen Wechsel erleben.

    Ich wünsche euch jedenfalls nun viel Spaß mit Kapitel 55.

    gruss goldi

    Kapitel 55.

    Auftritt des goldenen Falken

    Ein Feuerschwall schoss an Valtäryn vorbei. Nur knapp konnte er ihm noch ausweichen. Mit einem schnellen Blick erkannte er die Horden von Dämonen die in die riesige Halle eindrangen und die letzten Verteidiger töteten. Ein Troll leistete verbissen Widerstand. Valtäryn kannte ihn irgendwoher, aber ihm wollte einfach nicht einfallen woher. Neben sich hörte er, wie seine Gefährten die Waffen zogen und sich sogleich in den Kampf stürzten. Ein heftiger Schlag traf Valtäryn und er torkelte nach vorne, ehe er sich wieder fing und sich zu dem Angreifer umwandte. Vor ihm stand ein kleiner Kobold. Die bläuliche Haut war mit Asche und Blut bedeckt und sein Stab zeigte anklagend auf ihn.
    „Du lebst immer noch. Dem werde ich endlich ein Ende bereiten.“
    Sofort begriff Valtäryn wen er da vor sich hatte. Pirkos. Der Kobold, welcher ihm von der damaligen Gruppe am feindlichsten gegenüberstand.
    Ohne weitere Worte zu verlieren zog Pirkos einen Kreis mit dem Stab und sprach schnelle Worte, die kaum verständlich waren. Eine rote Kugel aus reiner Energie wirbelte um die Spitze des Stabs herum und löste sich schließlich. Schneller als die Strahlen der Sonne zur Morgenröte den Erdboden erreichte, schoss die Kugel auf Valtäryn zu. Sie traf ihn mit einer solchen Gewalt, dass er rücklings nach hinten flog und gegen eine Säule prallte. Ein scharfer Schmerz jagte seinen Rücken herunter und wanderte dann wieder in seinen Schädel, um dort in tausende Lichtpunkte zu explodieren. Valtäryn schlug hart auf dem Boden auf. Trotz der starken Schmerzen hob er seinen Kopf und sah, wie Pirkos mit langsamen Schritten auf ihn zu kam. Um ihn herum gingen die Kämpfe in die nächste Phase über. Die Dämonen gewannen immer schneller die Oberhand. Tjelvo und Aghorsch kämpfte Rücken an Rücken und erwehrten sich etlicher Feinde. Feldorom und Talkya versuchten Thealunia zu schützen und streckten jeden Angreifer nieder, der in einen bestimmten Kreis um sie herum eindrang. Der Troll kämpfte sich zu den Gefährten vor, doch die Lage schien aussichtslos. Wandbehänge und Holzverstrebungen fingen Feuer und ließen die Luft schwerer, undurchdringlicher werden.
    Du bist, was du bist. Du wirst, was du sein musst. Rettung für Midgard. Opfer für das Überleben.
    Valtäryn horchte auf. Diese Stimme. Sie kam ihm so vertraut vor. So nah. So väterlich.
    Zeige diesen Horden, wer du wirklich bist. Ernte unter Ihnen ihre Seelen. Dies ist der Anfang deines Schicksals. Erhebe dich.
    Die Stimme echote in Valtäryns Kopf. Er konnte nicht anders. Es war plötzlich alles so klar. So hell.
    Valtäryn erhob sich. Auf seinem Gesicht zeigte sich keinerlei Gefühlsregung. Weder Trauer, Hass, Angst, Freude oder Liebe. Es war neutral. Anders sein gesamter restlicher Körper.
    Pirkos hielt inne. „Was…“ war sein letztes Wort, als ihn eine Helligkeit traf, die die Helligkeit der Sonne um ein tausendes übertraf. Pirkos hörte ein Flügelschlagen. Ein Kreischen, wie das eines Falken, stürmte durch die Reihen der Feinde und ließ sie in ihren Kampfhandlungen stocken. Etwas platzte in Pirkos Kopf und ein Schwall Blut spritzte fontänenartig aus seinen Ohren. Er viel zu Boden und war sofort tot.
    Die Blicke der Gefährten und der Feinde wandten sich zu Valtäryn. In den Augen der grässlichen Dämonen sprühte pure Angst. Ihre verstümmelten Fratzen waren schmerzhaft verzogen. Die Blicke der Gefährten und allen anderen übrig gebliebenen Verteidigern zeigte Ehrfurcht. Ehrfurcht und Respekt.
    Valtäryn stand vor der Säule. Sein Körper verwandelte sich schlagartig. An zwei Stellen seines Rückens platzte die Haut auf und zwei riesige Flügel, golden und strahlend, wuchsen daraus hervor. Die Spannweite war annähernd zehn Meter und sie vergrößerten sich so schnell, dass sie einige der Dämonen von den Füßen fegten. Im selben Moment verformte sich sein Gesicht. Die Nase zog sich in die Länge und verschmalz mit dem Mund. Ein Schnabel wuchs rasant. Die Augen wurden schmaler und die goldenen Pupillen zuckten hin und her. Die Füße schwollen an und die Stiefel, die er trug wurden von den wachsenden Krallen zerfetzt. Valtäryn gewann auch an Größe, doch der Oberkörper und die Hände blieben wie sie waren. Wie aus dem Nichts erschien ein flammendes, gold flackerndes Schwert in seiner rechten Hand und eine silbrige Kugel keimte in seiner anderen Hand auf. Mit einem Kreischen erhob er sich in die Luft und ein Wirbel fegte das Steindach weg. Inmitten der aufschlagenden Flammen und des abziehenden Rauchs vollführte der goldene Falke eine schnelle Drehung, so dass die silbrige Kugel einen Schweif bekam. Er ließ sie aus seiner Hand los und sie drehte sich um den goldenen Falken immer schneller nach unten, bis sie auf die ersten Feinde trafen, deren Körper durch die Kugel in hunderte Stücke gerissen wurden. Dann ließ sich der goldene Falke wieder auf den Boden fallen und der Aufprall wirbelte eine Druckwelle in alle Richtungen, welche weitere Feinde auf den Boden warfen. Mit großer Kraft schlug er sein Flammenschwert in den Boden und langgezogene Linien führten von dem Schwert weg auf die Dämonen zu. Dutzende verbrannten.
    Die Dämonen, die bis zu diesem Zeitpunkt überlebt hatten, drehten sich nun um und flohen in wilder Panik aus dem Gebäude, wurden aber von den nachfolgenden Dämonen, die nichts von den Geschehnissen wussten wieder in das Gebäude gedrückt. Panik brach aus und nun kämpften Dämonen gegen Dämonen.
    Der goldene Falke erhob sich wieder in die Luft und flog aus dem Gebäude heraus. Nachdem er hoch genug war betrachtete der Falkenschädel Jordheim von oben.
    In ganz Jordheim wuselten Dämonen durch die Gassen und brannten alles nieder. Ein weiteres Kreischen erfüllte die Luft und der Falke setzte zum Sturzflug an. Er zog durch die Gassen und tötete die Dämonen. Keiner konnte ihm entkommen. Sein Schnabel zerhackte die bösartigen Kreaturen und seine Krallen suchten immer wieder nach Opfern.
    Der goldene Falke wütete stundenlang, bis kein Dämon mehr lebte, dann flog er spiralförmig in die Höhe und verschwand hinter Wolken.
    Die Überlebenden betrachteten das Schlachtfeld. Jordheim war zu einem einzigen Friedhof geworden.
    Die Gefährten standen nah beieinander und schauten sich in die Augen. Alle hatten Tränen in den Augen. War das schon das Ende vom goldenen Falken und letztendlich auch von Valtäryn? Talkya vergrub ihr verweintes Gesicht in die Armbeuge Thealunias. Draponark gesellte sich zu ihnen und schaute auf Tjelvo herunter. „War das Valtäryn?“
    „Ja Draponark. Das war Valtäryn. Das war der goldene Falke. Das war unsere Rettung.“
    Draponark schluckte schwer. So sehr er sich ein wiedersehen mit Valtäryn immer gewünscht hatte, hatte er niemals gehofft, dass das Wiedersehen so verlaufen sollte.
    Hinter der Heldengruppe tauchte ein Nordmann, Angehöriger des Ältestenrates, auf.
    „Wir müssen uns um die wenigen Überlebenden kümmern.“
    Alle nickten und gingen durch die Gassen, um Hilfe den Bedürftigen zu geben.

    Yedaslaia schwindelte es wieder. Das Gift wurde stärker und eroberte immer mehr Regionen ihres Körpers. Ihr rechter Arm hing lasch herunter und die linke Gesichtshälfte zuckte andauernd. Hinter sich hörte sie die Verfolger. Lange würde sie nicht mehr durchhalten. Sie betete zu den Göttern, sie mögen ihr irgendwie Hilfe schicken. Ein ohrenbetäubender Knall ließ sie aufschrecken und sie schaute in den Himmel. Ein Funken war am Himmel zu erkennen, der rasend auf eine Stelle vor ihr zuhielt. Einen kleinen Moment später schoss etwas Großes über ihren Kopf hinweg, brach durch das Unterholz und wurde von einem mächtigen Baum gestoppt. Ein Stöhnen erklang. War das die Rettung? Sie drehte sich um und sah ihre Verfolger ungefähr 25 Meter hinter sich. Sie holten auf. Mit letzter Kraft stob sie durch das Unterholz und stolperte fast über einen Valkyn, der sich windend am Boden drehte. Seine Rüstung war an vielen Stellen zerfetzt. Er blickte auf und schaute mit seinen goldenen Augen ins Gesicht der Walküre.
    „Könntest du mir aufhelfen?“
    Geändert von Goldbogen (22.10.08 um 18:34 Uhr) Grund: Automatisch zusammengefügter Doppelpost

  7. #7

    Standard

    boh wieder so ein chlifhenger, aber auch schön geschrieben und es ist auch schön das die geschickte hier im neunem forum auch weiter geht

    bitte schneell weiter schreiben *goldi mit ganz großen rehaugen an seh*

  8. #8
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    Aug 2005
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    Arawnritter

    Standard

    wie immer toll und nun fix was neues

    Ywain1/Albion Dwazos RR8 Reaver

  9. #9

    Standard

    @Ahra, Adord Ich danke euch für das Loben.

    Kapitel 56.


    Roter Schnee


    Yedaslaia spürte sofort die göttliche Macht die von dem Valkyn bei der Berührung seiner Hand auf sie überschwappte. Dieser Valkyn war etwas besonderes, von den Göttern für was Höheres bestimmt.
    Valtäryn bemerkte die Gestalten, die hinter Yedaslaia durch die Büsche brachen.
    „Freunde?“, fragte Valtäryn.
    „Nein. Wohl eher nicht.“ Das Lächeln der Walküre wirkte auf Valtäryn gequält. Er spürte das Gift in ihren Adern. Ihr schnell, schlagendes Herz. Der schlaffe Arm. Die zuckende Gesichtshälfte. Wenn ihr nicht schnell Hilfe zukommen würde, das Gift würde den Rest ihrer Lebenskraft aufsaugen. Valtäryn schob sie hinter sich. Er war erschöpft von seiner Verwandlung zum goldenen Falken und der anschließenden Rückverwandlung, doch spürte er tief in sich noch Kraftreserven, die vielleicht reichen würden, um die herannahenden Feinde den Garaus zu machen.
    Die beiden Gestalten, welche durch die Büsche drangen umgab ein Hauch von Nebel. Eine dunkle Aura umgab die beiden und sie wirkten auf Valtäryn wie Schatten. Nur verschwommen konnte er ihre Schemen ausmachen.
    Das wird ein schwieriger Kampf, dachte Valtäryn und ließ sein Feuerschwert entstehen.
    Wie als Zeichen für einen bevorstehenden Kampf begann es zu schneien. Dicke Flocken suchten ihren Weg auf die Erde. Ein weiteres Zeichen war die plötzlich auftretende Dunkelheit. Ohne einen langsamen Übergang durch einen Sonnenuntergang verschwand das Tageslicht und die Nacht breitete sich wie eine Decke über die winzige Lichtung aus. Wo vorher noch tierische Laute zu hören waren herrschte jetzt unheimliche Stille. Nur das Knistern des Flammenschwertes ließ die Stille irreal erscheinen. Das Flammenschwert erhitzte die herab fallenden Schneeflocken und verwandelte sie in Tropfen, welche zu Boden fielen und eine Eisfläche um Valtäryn bildeten. Innerhalb weniger Sekunden war im weiten Umkreis eine dicke Schneedecke entstanden die unter den Schritten des Nachtschattens und des Infiltrators laut knirschte. Yedaslaia zog sich noch ein Stück weiter zurück und kämpfte gegen die aufkommende Bewusstlosigkeit an. Mit Erfolg. Mit aufgerissenen Augen beobachtete die Walküre, wie sich die zwei Gegner langsam auf Valtäryn zu bewegten. Wegen der eisigen Kälte zitterte sie. War es wirklich wegen der Kälte oder war es aufgrund der Angst, der Valkyn könnte den Kampf verlieren? Sie wusste es nicht. Wahrscheinlich aus beiden Gründen.
    Obwohl seine Kleidung zerrissen war fror er nicht. Das Flammenschwert erhitzte nicht nur die unmittelbare Umgebung und ließ die Schneeflocken schmelzen, es floss auch eine wohltuende Wärme über seine Hände in seine Arme und schließlich in den Rest seines Körpers. Valtäryn schloss indes seine Augen. Seine Ohren zuckten hin und her und er konzentrierte sich auf die Schritte seiner Gegner, versuchte die Aura der beiden zu spüren, zu analysieren und zu verinnerlichen. Sofort merkte er, dass diese beiden Geschöpfe nicht Böse im herkömmlichen Sinne waren. Sie dienten einem höheren Ziel. Sie trugen dazu bei ihren Reichen das Beste zu ermöglichen. Mit Herz und Seele dienten sie dem Glauben, ihre Taten würden Gut sein. Der kleinere von ihnen strahlte etwas Magisches aus. Nur einen kleinen Hauch, zu wenig um die Magie zu nutzen. Sein Herz schlug schnell, seine Gedanken überschlugen sich fast. Umso schneller erfasste sein Verstand die Situation und handelte entsprechend. Der Lurikeen musste unglaublich schnell und geschickt sein. Der Infiltrator war ein Bretone und in seinem Inneren glänzten der Stolz, der Überlebenswille und sein Hochmut. Diese Eigenschaften machten ihn ebenfalls zu einem gefährlichen Gegner.
    Valtäryn verstand nicht warum diese beiden Wesen ihnen so feindlich gegenüberstanden. Sie gehörten anderen Reichen an und müssten sich eigentlich nicht um die Belange der Midgarder kümmern. Auch wenn Valtäryns Wissen zugenommen hatte und er Dinge wusste, von denen er vorher nie gehört hatte, war ihm diese Feindlichkeit rätselhaft. Er würde die Walküre bei Gelegenheit fragen müssen.
    Valtäryn atmete die eisige Luft ein und sog so die Gerüche der beiden auf. Der Lurikeen befand sich links, der Bretone rechts von ihm. Sie bewegten sich langsam im Halbkreis hin und her und suchten in seiner Haltung eine Schwachstelle. Valtäryn hob abrupt sein Flammenschwert auf Augenhöhe.
    „Lasst uns beginnen“, sagte er laut.
    Das Atmen der Gegner setzte kurz aus, dann atmeten sie schneller als vorher. Sie hatten seine Worte verstanden. Jedes einzelne Wort war für sie so klar und deutlich zu verstehen gewesen, als hätte Valtäryn in ihren Sprachen gesprochen. Dann verflog ihre Überraschung und beide griffen gleichzeitig an. Während der Infiltrator seine beiden Waffen zu einer Schere in Kopfhöhe Valtäryns übereinander vorbei schlagen wollte wob der Nachtschatten mit einer Hand eine kleine, dunkle Kugel, die schließlich rasant nach Valtäryns Beine schlug. Valtäryn sprang in die Luft und konnte so dem Angriff durch die Kugel ausweichen. Gleichzeitig zog er sein Flammenschwert durch die Luft und blockte den Angriff des Infiltrators ab, indem er den Scherenangriff mit seiner Waffe nach unten drückte. Der Infiltrator verlor den sicheren Stand und rutschte auf dem Eis aus. Der Nachtschatten rückte an. Er sprang wie Valtäryn in die Luft, um dem Schicksal des Infiltrators zu entgehen und nicht auf dem Eis auszurutschen. Seine Klinge sirrte durch die Luft. Valtäryn landete kurz auf der Eisfläche und sprang sogleich wieder in die Luft. Er packte die heransausende Klinge des Lurikeens am Knauf und schlug diesen gegen den Schädel des Gegners. Sein Fuß suchte die Magengegend des Lurikeens und stemmte seinen Körper von sich. Der Lurikeen flog nach hinten und krachte mit dem Rücken auf den weichen Schnee. Die Platzwunde blutete und das frische Blut tropfte auf den weißen Schnee. Vor Schmerzen stöhnte er. Seine Hand suchte an seinem Stiefel und er fand das kleine vergiftete Messer. Mit einem schnellen, aber durch die Schmerzen nicht präzisen Wurf warf er das Messer auf Valtäryn. Für Valtäryn war es ein Leichtes das Messer aus seiner Bahn zu lenken. Das Messer blieb wirkungslos im Schnee stecken.
    „Beim Andenken von Arthur was bist du?“ hauchte der Bretone hinter Valtäry.
    Valtäryn drehte sich mit einem hämischen Grinsen zu dem Bretonen um, der immer noch auf der Eisfläche lag und sich anscheinend bei dem Sturz auf der Fläche etwas gebrochen hatte.
    „Das möchtest du besser nicht wissen“, antwortete Valtäryn und zielte mit dem Flammenschwert auf die Brust des Bretonen. „Es wird Zeit das ihr euch auf den Weg nach Hause macht. Hier habt ihr nichts verloren.“
    Dann drehte sich Valtäryn um ohne sich weiter um die beiden Gegner zu kümmern. Die Walküre stand immer noch da wo sie vor dem Kampf gestanden hatte.
    „Du hast mit dem Bretonen geredet, als würde er dich verstehen.“ Verwirrt schaute sie Valtäryn an.
    Valtäryn nickte. „Ja. Das stimmt. Und er verstand mich sehr gut.“
    „Das kann nicht sein. Du hast in unserer Sprache gesprochen.“
    „Wer sagt, dass es unsere Sprache war? Vielleicht habe ich eine Sprache gesprochen die alle verstehen. Aber das ist nun egal. Lass uns hier verschwinden.“
    „Ich kann nicht mehr. Ich fühle mich ausgelaugt.“
    Valtäryn trat zu Yedaslaia heran und legte seine flache Hand auf die Brust der Walküre. Der Knoten des Gifts versiegte in Sekundenschnelle. Neue Kraft floss durch ihren Körper.
    „Jetzt müsste es besser gehen“, lächelte Valtäryn.
    „Danke.“
    Sie verließen die Lichtung und ließen den Bretonen und den Lurikeen hinter sich.
    Ihr Weg führte sie durch einen Nadelwald. Geräusche der Tiere waren wieder zu hören. Vogelgesänge begleiteten die beiden Reisenden, bis sie den Waldrand erreichten. Vor ihnen erstreckte sich ein Fluss der sich im Süden mit einem anderen Fluss vereinte. In der Mitte einer Flussinsel standen mehrere Türme und eine mächtige Festung thronte über das umliegende Land. Drei große Brücken führten auf die Insel. Aus zweien der Türme stiegen breite Rauchwolken in den Himmel. Flammen schossen aus der Festung in die Höhe. Das Schreien Sterbender war bis zu ihnen zu hören. Katapultgeschosse prallten gegen die Festungsmauer und das Krachen schnitt durch die Luft wie ein scharf geschliffenes Schwert.
    Valtäryn runzelte die Stirn. Bin ich etwa rechtzeitig in einen Krieg hinein geraten?
    Entsetzt flüsterte Yedaslaia: „Die Faste Glenlock brennt. Oh nein.“
    Der Schnee in weiter Ferne an den Ufern der Flußinsel war rot gefärbt. Das Blut Gefallener.
    Valtäryn schaute genauer hin und entdeckte zwei Banner außerhalb der Festung, die im Wind wild flatterten. Das eine Banner war rot und zeigte einen goldenen Kelch, dass andere Banner war grün und ein goldener Baum war auf diesem gezeichnet.
    „Was bedeuten diese Banner?“
    „Das ist das Banner Albions und das Banner Hibernias. Aber wie kann das sein? Sie sind erbitterte Feinde. Wieso greifen beide Heere in einem Bündnis die Faste Glenlock an? Das kann nicht mit rechten Dingen zu gehen.“
    Valtäryn stimmte der Walküre in Gedanken zu. Diese Schlacht war nicht wie andere Schlachten. Soviel er nun wusste, waren alle drei Reiche immer Feinde gewesen. Albion gegen Midgard und Hibernia. Hibernia gegen Midgard und Albion. Midgard gegen Albion und Hibernia. Gerade das machte ein gewisses Gleichgewicht in allen drei Reichen aus. Wieso griffen Albions und Hibernias Streitkräfte nun gemeinsam Midgard an? Sie mussten es heraus finden. Valtäryn wusste zwar nicht warum er grade in den Grenzlanden gelandet war, aber vielleicht war grade diese Erkenntnis, der Zusammenschluss verfeindeter Reiche, der Grund.
    „Wir werden uns heran schleichen müssen.“
    Die Walküre schaute Valtäryn Kopfschüttelnd an. „Ich kann nicht schleichen“, gab sie zu Bedenken.
    „Okay.“ Valtäryn verstand. Das war eine Aufgabe die er selbst bewerkstelligen musste.
    „Welche Festung liegt im Norden?“ fragte er.
    „Die Fensalir Faste.“
    „Gut. Begebe dich zu dieser Festung. Sobald ich mehr weiß werde ich dir folgen. Berichte dem dortigen Hauptmann was hier passiert und versuche eine Streitkraft zusammen zu stellen.“
    In Gedanken dachte Valtäryn an die Schlacht um Jordheim und wusste insgeheim, dass die Midgardsche Streitkraft nicht sehr groß sein würde. Durch die Inländischen Probleme mit den Morvalts, Merutagos und den Dämonen waren zu viele Helden gefallen.
    Yedaslaia nickte und wandte sich ab. Sie lief nach Norden.
    Valtäryn wandte sich der Glenlock Faste zu. Von einer auf die andere Sekunde verschwand er im Schatten.

    LG goldi

  10. #10

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    bitte mehr, wioll mehr lesen können als nur ein kapitel goldi!

  11. #11
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    Aug 2005
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    Arawnritter

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    wie immer schön geschrieben und nun erwarte ich 2Kapitel zu lesen

    Ywain1/Albion Dwazos RR8 Reaver

  12. #12

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    Kapitel 57.

    Ansturm im Grenzland

    Geschützt von hunderten Schilden schob eine ausgewählte Mannschaft aus Halbogern eine Ramme an das Tor der Glenlock Faste. Am Abhang zum Fluss standen dutzende Elfen und sorgten mit ihren Bögen dafür, dass sich selten ein Kopf auf den Zinnen der Festung zeigte. Die Räder der Ramme knarrten im Schlamm und mehr als einmal dachte der Zugführer, die Ramme würde im Schneematsch stecken bleiben. Doch die Kraft der Halboger schien unerschöpflich. Mit verbissenen Mienen schoben sie die Ramme immer näher an das Tor. Die Ramme erreichte schließlich das Tor und sofort erschall von hinten ein Warnruf. Der Zugführer schaute nach oben und sah wie sich der brodelnde Kessel neigte. Die Halboger strömten zur Seite. Einer schaffte es nicht rechtzeitig und wurde von dem heißen Pech getroffen. Seine Schmerzensschreie verhallten, als ihn ein Barde schnell heilte. Die Haut des Halbogers war nach der Heilung nur noch leicht gerötet. Die Bedienmannschaft beeilte sich in der Ramme Platz zu nehmen. Im gleichen Rhythmus schwenkten sie den Rammkopf. Der Zugführer hob den Arm. Als der Rammkopf auf das Tor krachte und es ordentlich die schweren Scharnieren erschüttern ließ, senkte er ruckartig den Arm und rechts und links der Festungsmauer krachten Katapultgeschosse ein. Risse zogen sich durch das ganze Gestein. Nun stürmten auch die Schildträger gegen das Tor und unterstützten die Ramme mit ihren Klingenwaffen. Äxte, Schwerter, Speere und andere Waffen trafen auf das schon stark mitgenommene Tor.

    „Gegen diese Übermacht haben wir keine Chance“, sagte ein Zwerg zu seinem Kommandanten, welcher durch die Zinnen den Angriff beobachtete. „Es sind zu viele. Albion und Hibernia! Was soll man gegen zwei Feinde ausrichten? Wenn die das Festungstor durchbrochen haben, werden sie uns wie wild gewordene Heuschrecken überrennen. Das Burgtor wird sie auch nicht lange aufhalten. Es ist eine wirklich verzweifelte Lage…“
    „Schweigt“, herrschte ihn sein Kommandant an.
    Sofort verstummte der Zwerg.
    Hatte der Kommandant auf der anderen Seite des Schlachtfeldes nicht grade eine Bewegung wahrgenommen, da wo die Uferböschung steil mit dem Fluss verschmalz? Etwas hatte dort golden aufgeblitzt. Aber was?

    Valtäryn lugte, verborgen im Schatten eines niedrigen Busches, auf die Angreifer. Die Angreifer bestanden ausschließlich aus Avalonier, Bretonen, Sarazenen, Highlander, Inconnus und Halboger, die mit gezückten Waffen im Südwesten über eine Brücke stürmten. Im Nordwesten von Valtäryns Position brannte am Anfang einer breiten Schlucht ein Turm.
    Valtäryn dachte für einen Moment nach. Was mach ich jetzt bloß? Dann dachte er an Yedaslaias Worte. Das kann nicht mit rechten Dingen zu gehen. Sie hat vollkommen Recht. Ich könnte keinen Albionier oder Hiberianer töten. Ich muss sie verjagen und Zeit rausholen. Aber wie? Seine erste Suche nach Antwort ging in sein Innerstes. Er brauchte Hilfe und er wusste wo er sie finden konnte.
    Um ihn herum wurde es mit einem Schlag verschwommen. Die Angreifer zogen sich in die Länge und der brennende Turm flackerte immer schneller, bis beide weg waren und an ihrer Stelle nur noch eine, an Valtäryn vorbeiziehende, milchige Flüssigkeit trat. Seine Fellhaare stellten sich aufgrund des Überraschungseffekts kurz auf. Schnaufend betrachtete er die Flüssigkeit und berührte sie mit dem langen Nagel seines Zeigefingers. Ein lautes Blop ließ die Milch in tausende Tropfen platzen und er fand sich auf einer saftigen Wiese, auf der Blumen in allen Farben blühten. Als Valtäryn den Himmel betrachtete, sah er denselben grünlich, schimmernden Himmel wie bei seinem letzten Besuch. Diesmal wurde das grün aber nicht von einer braunen Masse einfach geschluckt, sondern von der grünen Weite mit seinen bunten Punkten reflektiert und erzeugten wunderschöne Farbschattierungen am grünen Himmel. Ein Lächeln huschte über Valtäryns Lippen, als er auf seine Kleidung herunter sah. Ein Glück hat sich das auch geändert. Noch mal nackt durch ein fremdes Land zu reisen wäre dann doch nicht das Wahre gewesen. Auch das dunkle Gebilde war weg. Stattdessen glitzerte etwas ganz klein am Horizont. Silbern. Spiegelnd. Interessant. Valtäryn spazierte auf das Gebilde zu. So wie sich seine Umwelt verändert hatte, so handelte auch er anders. Letztes Mal war er gerannt, wie ein Wahnsinniger, nur um am Ende fast eine Bruchlandung hinzulegen. Diesmal wollte er es ruhiger angehen lassen. Gelassen schlenderte er durch die Wiese und achtete behutsam darauf, dass er keine Blumen zertrat. In diesem Tempo kam er natürlich langsamer voran, aber als Valtäryn immer wieder nach vorne schaute, stellte er erstaunt fest, dass das silberne Gebilde schneller näher kam. Es zeichneten sich schon etliche Konturen heraus. Es handelte sich dabei um einen vierzig Meter hohen Turm, mit einem spitzen Dach. Die Oberfläche bestand aus einer gläsernen Oberfläche. Der Turm besaß keine Fenster. Einzig ein riesiges, in Gold gerahmtes, Portal zeigte den Eingang des Turms.
    Im selben Tempo erreichte er schließlich den Turm nach kurzer Zeit und stand vor dem Portal. Der Rahmen war mit Ornamenten und Reliefs geschmückt. Mittig über dem Portal prangten drei große, gewundene Buchstaben. DGF.
    Nett, dachte wieder Valtäryn. Da weiß wohl jemand, dass ich komme.
    Behutsam berührte er das Portal mit der flachen Handfläche. In rasender Geschwindigkeit verschob sich sein Geist und sein Körper von draußen nach drinnen und er starrte auf die Innentür des Turms. Langsam drehte er sich um und erblickte eine Wendeltreppe die sich an der Innenmauer des Turms nach oben wand. Alles war hell und freundlich. Das Innere des Turms strahlte Gutmütigkeit aus und für Valtäryn war es ein leichtes, sich zu entschließen, den Weg nach oben anzutreten.
    Das Geländer unter Valtäryns Klaue war aus reinem Silber. Viele Stufen führten nach oben, jedoch hörte er bei 99 auf zu zählen. Endlich erreichte er eine Tür auf der ein Relief jeden Gast begrüßte. Der goldene Falke hatte die Flügel weit ausgebreitet, als wolle er jedem Besucher mitteilen, er sei hier Willkommen. Mit dem Zeigefinger zog er die Konturen des Reliefs nach. Dabei murmelte er: „Das bin ich.“
    Sofort öffnete sich die Tür geräuschlos. Hinter der Tür lag ein gemütlich eingerichteter Wohnbereich. Mehrere Bärenfelle bedeckten den Boden. Auf der einen Seite brannte ein Kamin, allerdings war das Feuer im Kamin nicht wie herkömmliches Feuer. Die Flammen loderten golden, mit silbrigen Schlieren, nach oben durch den Abzug. Das Loch des Abzugs befand sich in der Spitze des Turmdaches. Ein niedriger Tisch stand auf der anderen Seite. Nur eine Karaffe mit einer goldenen Flüssigkeit und ein goldener Kelch, an welchem seitlich zwei große Flügel hervor traten, standen auf dem Tisch.
    Valtäryn trat gänzlich in den Raum und blickte sich neugierig um. Die Wände waren ansonsten makellos. Das Silber glänzte überall. Während Valtäryn überlegte, wie er denn den Gesuchten nun finden sollte, trat er an den niedrigen Tisch heran und setzte sich auf einen der Bärenfelle. Er sank förmlich in das Bärenfell ein. Es war so sanft, so herrlich, dass Valtäryn fast vergaß, warum er hier war. Seine Gedanken kehrten zu dem Gesuchten zurück.
    „Wo bist du?“
    Valtäryn spürte einen Windzug und lächelte. „Du brauchst dich vor mir nicht zu verstecken. Ich bin nur hier, um mich bei dir zu bedanken.“
    Ich verstecke mich nicht vor dir. Warum sollte ich auch? Du hast ihn von hier verbannt.
    „Ihn? Meinst denjenigen, vor dem du mich letztes Mal gewarnt hast? Derjenige der damals kam?“
    Ja. Genau den.
    „Wo ist er denn jetzt?“
    Irgendwo. Irgendwann.
    „Hä?“ machte Valtäryn.
    Er wird sich irgendwo aufhalten und irgendwann wieder sein. Er wird dich suchen. Dich finden. Versuchen dich zu töten.
    „Aber warum? Was habe ich ihm getan?“
    Du stehst seinen Plänen im Weg. Sein wichtigster Antrieb ist aber der Grund, dass du der bist, der du bist.
    „Du sprichst mir eindeutig zu oft in Rätseln. Ich verstehe überhaupt nichts.“
    Was verstehst du daran nicht? Wer bist du?
    „Das müsstest du doch wissen, oder? Ist hier nicht das Zentrum all meiner Erinnerungen?“
    Wer bist du? wiederholte die Stimme die letzte Frage.
    Valtäryn seufzte. „Ich bin Valtäryn, Valkyn und rechtmäßiger Anführer meines Volkes. Ich bin die Schaffung der Götter. Ich bin die Hoffnung Midgards. Ich bin der helle Schein in der Dunkelheit. Ich bin das Wasser in der Wüste. Ich bin das fruchtbare Eiland auf dem Ozean. Ich bin Essbares für Hungernde. Ich bin die Heilung für Erkrankte und Verwundete. Ich bin der Mut, der die Krieger Midgards zum Kampf anspornt. Ich bin die Wärme in der Kälte. Ich bin die Kühle in der Hitze. Ich bin ich. Ich bin der goldene Falke.“
    Den letzten Satz hatte Valtäryn geschrien und war von dem Bärenfell aufgesprungen.
    „Und wer bist du?“
    Ich bin du.
    Valtäryn dachte über die Antwort nach. Möglich wäre es. Schließlich befand er sich in seinem Inneren.
    „Will er mich deshalb töten? Weil ich der goldene Falke bin?“
    Du hast es erfasst.
    „Mmh.“
    Stille. Valtäryn ging langsam zum Tisch. Die Stille zog sich endlos in die Länge. Valtäryn wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, als er schließlich fragte: „Ich bin in der Nähe der Glenlock Faste. Sie wird von Hiberianern und Albionier angegriffen. Irgendein unbekannter Pakt bindet sie zusammen. Wie kann ich die Leute in der Festung retten, ohne dass es Tote gibt?“
    Du bist der goldene Falke.
    „Tolle Antwort. Wäre ich ja nie selbst drauf gekommen. Ich würde ja auch gerne meine Fähigkeiten nutzen, leider habe ich nur noch wenige Kraftreserven.“
    Das Lachen schallte durch den gesamten Turm und kurz dachte Valtäryn daran, dass der Turm jeden Moment einstürzen würde.
    Du meinst tatsächlich dass du keine Kraftreserven mehr hast? Du hast dich wohl noch nicht richtig in Action erlebt. Aber gut. Um große Taten vollbringen zu können, benötigt man sein gesamtes Selbstvertrauen, diese auch vollbringen zu können. Trink aus der Karaffe!
    Stirnrunzeln bedeckte Valtäryns Stirn und sein Blick wanderte zu der Karaffe mit der goldenen Flüssigkeit.
    „Wozu?“
    Du suchst eine Antwort und das Trinken aus dem goldenen Kelch kann dir diese Antwort geben.
    „Tatsächlich? Jede Antwort würde ich bekommen?“
    Jede. Aber nur eine einzige.
    „Oh“, gab Valtäryn von sich. Er dachte nach. Abgesehen von der Frage bezüglich des Ansturms auf die Glenlock Faste brannte noch eine weitere Frage in ihm. Sie verzerrte ihn förmlich. Aber sollte er diese Frage beantworten lassen? Wenn er dies jetzt nicht tat, würde er auf diese Frage nie eine wirkliche Antwort finden. Das wusste er mit Bestimmtheit. In Gedanken nahm er die Karaffe und füllte den Kelch mit der Flüssigkeit. Die goldene Flüssigkeit schwappte, als Valtäryn den Kelch aufnahm.
    „Wie soll das jetzt funktionieren? Muss ich die Frage denken?“
    Die Frage, welche du im Augenblick des Trinkens in deinen Gedanken hast, wird beantwortet.
    Die Frage, welche er im Augenblick des Trinkens dachte. Welche sollte er denken? Konnte er das beeinflussen? Im war klar, dass die Frage nach der Möglichkeit bezüglich Glenlock Faste viel wichtiger war. Er musste diese Frage denken. Die andere Frage musste sein Herz weiter zerfressen.
    Er hob den Kelch an seine Lippen und trank. Gleichzeitig huschte ein Gedanke durch sein Gehirn.
    Talkya. Wie kann ich ihren Tod vermeiden?
    Kaum hatte er diesen Gedanken gedacht schrie er: „Oh nein.“
    Er ließ den Kelch los und er fiel auf die ausgelegten Bärenfelle. Zur selben Zeit stieß ihm die Antwort gegen seine Stirn und drang dann tief in seinen Kopf ein. Die Antwort verschlug ihm den Atem und schleuderte ihn … in Schnee.

    LG goldi

  13. #13

    Standard

    bitte mehr, will mehr lesen können als nur ein kapitel goldi!

  14. #14

    Standard

    Tolle Geschichte bis jetzt hoffentlich kommt bald mehr.


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  15. #15

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    Kapitel 58.


    Kommandant Remas


    Als sie durchbrachen sann der Kommandant immer noch über die Bewegung an der Uferböschung nach.
    „Kommandant Remas! Das Haupttor ist zerstört! Wenn die Ramme weggeschoben ist, werden sich die zwei Streitkräfte durchs Tor zwängen!“
    Er schaute den Zwerg mit einem nachdenklichen Blick an, ohne so richtig zu verstehen, was dieser zu ihm sagte.
    Der Zwerg rüttelte an seinem Arm, um ihn wieder zum bewussten Denken zu bringen. Es half. Ein lauter Pfiff durchdrang den Kampflärm, als Remas seinen Zeigefinger und seinen Daumen auf die Zunge legte. Zwei Jäger erschienen aus dem Schatten vor dem Eingang der inneren Burg und hoben ihre Bögen Schulterhoch. Trolle brannten die Pfeile mit ihren Fackeln an und nachdem die Jäger in den Himmel zielten, verließen zwei Brandpfeile die Sehnen. Sirrend stießen sie weiter nach oben und hinterließen hinter sich einen Feuerschweif. Es war der Befehl zum Rückzug. Remas hatte keine andere Wahl. Wenn sie den Burghof verteidigen würden, wäre das ein schnelles Ende. Taktik war gefragt, um diesen Feind wenigstens etwas zu schwächen. Die beste Taktik war nun mal in dieser Situation sich erst mal in die Burg zu flüchten. Remas Augen folgten den beiden Brandpfeilen. Sie erreichten die Höhe des Festungsturms, welcher mittig der Burg fünfzehn Meter in die Höhe ragte. Die beiden Pfeile drehten sich um sich selbst. Immer schneller. Von Sekunde zu Sekunde kamen sie sich näher und verschmalzen schließlich zu einem einzigen Pfeil. Bei zwanzig Meter wuchsen ihm seitlich plötzlich zwei Flammenflügel. Die Spitze des Pfeils verwandelte sich in einen Falkenkopf und sein Schnabel öffnete sich zu einem Schrei. An der höchsten Stelle schwang der Schädel in einem eleganten Bogen wieder zur Erde, bevor er dann verpuffte.
    Remas rieb sich die Augen. Was war das?
    Um den Kommandanten herum kam Bewegung in die Verteidiger. Schattenklingen verließen ihre Posten am Ölkessel, an den Tribocks und den Ballistas. Sie liefen zu den höher gelegenen Seiteneingängen zur Burg. Die Truppen im Burghof strömten ins innere der Festung. Schnell war der Hof leer und die schwere Doppeltür wurde zugeschlagen. Auch Remas setzte sich in Bewegung, dicht gefolgt von dem Zwerg. Da sie sich auf der mittleren Ebene des Rundgangs befanden und erst eine Etage höher klettern musste, um dann über den Rundgang einen der Seiteneingänge zu erreichen, wären sie die letzten, welche in Sicherheit wären. Der Holzboden knarrte, als die schweren Stiefel von Remas und dem Zwerg drüber liefen. Von der anderen Seite der dicken Festungsmauer bebte es und als Remas an einem Sichtschlitz vorbei lief, sah er einen riesigen Gesteinsbrocken genau auf seine Stelle zu fliegen.
    „Ducken!“ schrie er und ließ sich dabei Fallen. Mit den flachen Händen federte er den Fall ab. Hinter ihm sprengte der Gesteinsbrocken unter lautem Krach die Festungsmauer und begrub den nicht ganz so schnellen Zwerg unter sich. Sofort sprang der Kommandant wieder auf und rannte weiter. Der Verlust des Zwerges schmerzte ihn, obwohl er ihn nicht besonders gut gekannt hatte. Jeder Verteidiger Midgards war es wert betrauert zu werden und über seinen Tod hinaus geehrt zu werden. Grade weil er so fest daran glaubte und auch damit rechnete, dass andere genau soviel Trauer verspüren würden, wenn er das Zeitliche segnen sollte, spornte es seinen Willen noch mehr an, Midgard zu verteidigen. Mit ein paar weitausholenden Schritten erreichte er einen Eckturm der Festung. Er war verlassen. Eine Leiter führte durch zwei Löcher nach oben und unten. Von unten ertönten laute Rufe und Getrampel.
    Einige Angreifer sind also schon im Burghof. Schlecht, dachte Remas.
    Ihm ging das alles zu schnell. Zwar konnte er unter Druck große Kraft aufbauen, doch ein zu schneller Vormarsch der Angreifer würde bedeuten, dass Remas weniger Zeit zum Nachdenken über das weitere Vorgehen hatte. Das war ein riesiger Nachteil, denn im Denken war er nicht der Schnellste. Mit einem Hopser fasste er die Leiter und kletterte, zwei Leitersprossen auf einmal nehmend, nach oben.
    Auf der letzten Leitersprosse schaute er noch einmal nach unten in die Tiefe und schaute direkt in das Gesicht eines Firbolgs. Das riesenhafte, ernst blickende Gesicht mischte sich mit menschlichen Zügen. In seiner Sprache gab er etwas nach hinten weiter und sprang dann ungeschickt an die Leiter. Fast hätte der Firbolg den Halt verloren und wäre rücklings in den Matsch gefallen, aber grade noch konnte er einen Fuß wieder auf festen Boden setzen. Remas grinste. Wenn dieser Firbolg ihn wirklich erreichen sollte, würde er für das Reich einen Gegner leicht in den Tod schicken. Eine Sekunde später stand er auf dem Dach des Eckturms. Ein ramponierter Tribock nahm fast den ganzen Platz ein. Sofort durchquerte er den Ausgang im Süden und betrat den obersten Rundgang. Über die Zinnen konnte er im Osten auf der anderen Seite der Insel einen ganzen Schlachtzug aus Hibernia ausmachen. Innerlich stöhnte er.
    Nein, nein, nein. Die Zeit wird immer knapper.
    Jede Sekunde zählte. Es waren nicht ganz zwanzig Sekunden vergangen seitdem der Zwerg und er los gerannt waren, aber dennoch erschien es Remas wie eine halbe Ewigkeit. Während einer Schlacht kam einem alles wie in der Zeitlupe vor. Die Eindrücke jeder Sekunde prägte sich ein Kämpfer für sein Leben lang ein. Daraus wurden Geschichten gemacht. Aus den Eindrücken des Teilnehmers einer Schlacht.
    Er düste über den Holzboden des Rundgangs und merkte erst, als er den kleinen Steg zum Seiteneingang erreichte, dass etliche Pfeile um ihn herum vorbei schwirrten. Ohne weiter darauf zu achten rannte er über den kleinen Steg und hämmerte an die schwere Eisentür. Ein kleiner Eisenschieber wurde zur Seite geschoben und das Gesicht eines jungen Frostalfars erschien. Die schmalen Augenbrauen zogen sich nach oben und die Eisentür wurde unverzüglich geöffnet. Kommandant Remas schlüpfte in die Burg und die Tür wurde hinter ihm wieder zugestoßen. Ein schwerer Riegel wurde von einem Troll vor die Tür gedrückt.
    Gehetzt meinte Remas zu dem Frostalfar: „Wo ist dein Bruder?“
    Die spitzen Ohren des Frostalfars zuckten und er antwortete freundlich: „Er befindet sich da, wo du es ihm befohlen hast Wache zu stehen.“
    „Es tut mir leid. Wir haben absolut keine Zeit mehr. Die Götter mögen uns in dieser schwärzesten Stunde beistehen, ansonsten werden wir morgen nicht mehr erleben.“
    „So schlimm?“ fragte der Frostalfar, wobei seine Gesichtsmimik einen ernsten Ausdruck annahm.
    „Schlimmer. Viel schlimmer.“
    Remas drehte sich um und zog zum ersten Mal in dieser Schlacht sein riesiges Zweihänderschwert.
    Agmundrs Feindtöter.
    Als er vor fast fünfundzwanzig Jahren auf der Suche nach diesem Schwert zum Delling-Krater kam, traf er dort mit seiner Gruppe eine andere. Der Anführer der Gruppe, ein Valkyn namens Hortan, erzählte von den Gletscherhöhlen, in denen es Schätze geben sollte. Unter anderem auch das gesuchte Schwert. Sie schlossen sich zusammen, da Hortan sich wohl auch auf der Suche befand. Hortan schätzte, er würde das Artefakt, welches er suchte ebenfalls in den Gletscherhöhlen finden. Er fand das Artefakt nicht, aber Remas konnte das Schwert finden. Dem Valkyn verdankte er viel, denn ohne ihn wäre es nicht gelungen.
    Schnell erreichte Remas die andere Seite der Burg. Unterwegs wies er alle Gruppenführer an, welche Positionen sie halten sollten. Schon von weitem erkannte er, wie sich durch die Menge der Verteidiger ein weiterer Frostalfar durchschob.
    Das Gesicht und die Statur ähnelten dem ersten Frostalfar, abgesehen von einer langen Narbe auf der rechten Seite des Halses. Sie zog sich von knapp unter dem Ohr nach unten und verschwand unter der hellgrünen Robe.
    „Kommandant Remas“, sagte der Frostalfar und deutete eine Verbeugung an.
    „Lodrion mein treuer Freund. Die Feinde haben das Festungstor durchbrochen. Wir haben nicht viel Zeit. Hast du es geschafft Kontakt zu dem Ätestenrat aufzunehmen?“
    Die Augen wurden schmaler, als sie es von Lodrion schon waren.
    „Tut mir leid. Ich habe es nicht geschafft“, verschwörerisch neigte er sich zu Remas und flüsterte, „Es ist etwas gewaltiges im Anmarsch!“
    „Etwas Gewaltiges? Meinst du die Angreifer? Albion und Hibernia? Sag es doch Lodrion“, Remas schüttelte Lodrion an den Schultern.
    „Sachte mein Freund“, Lodrion schob Remas ein Stück von sich und meinte dann, „Gewaltiger als Albion und Hibernia zusammen. Mächtiger. Stärker. Es wird hier her kommen. Es ist ganz in der Nähe.“
    Oh nein. So ein Mist. In Gedanken schüttelte Remas ungläubig den Kopf. Wie sollen wir eine weitere Bedrohung überstehen?
    Ein Donnern erschütterte die Grundmauern der Burg. Der Boden vibrierte und die Wände zitterten beängstigend stark. Remas schaute die Treppe runter. Die Treppe führte an der Wand entlang nach unten in die große Haupthalle. Überall standen Kämpfer. Der untere Teil der Burg war mit vier Gruppen besetzt. 32 wackere Verteidiger standen in der großen Halle und auf der Treppe verteilt. Eine weitere Erschütterung durchlief die Burg und der Boden unter Remas bebte. Das Tor in der Haupthalle dehnte sich beängstigend und sprengte dann nach innen auf. Holz- und Metallstücke flogen durch die Luft und zwei Nordmänner wurden von ihnen tödlich getroffen. Feinde strömten in die Haupthalle und der Kampf begann.
    Remas fluchte. Das kann nicht sein. Das geht zu schnell.
    Die Verteidiger wurden auf die Treppe gedrängt und ein Verteidiger nach dem anderen fiel durch die Hand eines Angreifers. Neben sich eröffneten Jäger das Feuer und beschossen die Feinde in der Haupthalle. Zur Antwort schossen Energiebälle nach oben. Ein Jäger neben Remas wurde ins Gesicht getroffen und schreiend wand er sich auf dem Boden bis er in Walhallas Halle einkehrte. Niedergeschlagen betrachtete Remas das Gemetzel bis sich eine Hand auf seine Schulter legte und eine Stimme in sein Ohr flüsterte: Wir müssen auf die Spitze des Turms flüchten. Nur da haben wir die Chance uns gegen diese Übermacht erfolgreich zu verteidigen.“
    „Du hast Recht Lodrion.“
    Remas gab seinen Leuten den Befehl sich weiter nach oben zurück zu ziehen.
    Unter hohen Verlusten erreichten sie das Dach der Burg. Die Geschütze in den Ecken des Daches waren zerstört. Auch hier oben auf dem Dach lagen Leichen herum. Remas wies zwei Geisterbeschwörer und einen Knochentänzer an die Luke zum Dach zu bewachen. Zum Schutz stellte er ihnen 2 Krieger und einen Heiler zur Seite. Danach wandte er sich zur Brüstung und schaute in den Innenhof. Dort unten wimmelte es von Albioniern und Hiberniern. Lodrion schubste Remas und brachte ihn so aus der Schusslinie eines Kundschafters, der auf der gegenüberliegenden Festungsmauer auf Unachtsame schoss.
    „Danke“, sagte Remas.
    Wir haben verloren, dachte er und ließ den Kopf hängen. Das war ein aussichtsloser Kampf und auch wenn er an Flucht nie denken würde, so hätte er gerne sein Gefolge in Sicherheit gebracht. Dafür war es aber zu spät. An eine Flucht war nicht mehr zu denken. Sie würden hier bis zum letzten Mann kämpfen müssen und er war sich sicher, dass keiner diese Schlacht überleben würde. Wo waren bloß die Götter? Erbost über seine eigene Hilflosigkeit und traurig über das ausbleiben eines göttlichen Zeichens schaute er in den Himmel. Etwas flog auf die Festung zu. Etwas schnelles. Etwas Goldenes!? Hatte er das nicht schon einmal gesehen? Vor nicht all zu langer Zeit? Noch während der Angriff begann? Was war das?
    Remas deutete mit dem Finger auf das sich schnell näher kommende Etwas und fragte Lodrion: „Weißt du was das sein könnte?“
    „Das wird das sein, was ich dir eben sagte.“
    Du meinst, dass es sich bei dem Teil um die Macht handelt, die stärker ist als Albion und Hibernia zusammen?“
    „Ja. So ist es?“
    Je näher es kam, umso mehr Details erkannte Remas. Es handelte sich um einen riesigen Falken mit gold schimmerndem Federkleid. Ehe sich Remas versah landete der Vogel auf dem Dach der Burg und flatterte hektisch mit den Flügeln. Alle verbliebenen Verteidiger richteten ihre Waffen auf den Vogel, darauf achtend bei der kleinsten falschen Bewegung anzugreifen. Suchend zuckte der Kopf des Falken hin und her und fixierte schließlich Remas. Mit zwei Hopsern war er bei ihm und kam mit dem Falkenschädel nah an Remas Kopf. Der Schnabel berührte fast die Nasenspitze von ihm.
    Eine helle, leicht piepsende Stimme sagte: „Bist du der Anführer der Festung?“
    Remas konnte nicht antworten. Er brachte lediglich ein Kopfnicken zustande.
    „Deine Leute sollen auf meinen Rücken klettern. Schnell!“
    Ohne zu Zögern schrie Remas den Befehl des Falken an seine Männer weiter. Der Falke legte seine Flügel nach unten und duckte sich. Die letzten Verteidiger hasteten auf den Rücken des Vogels und nach wenigen Sekunden saßen sie alle. Verkrampft hielten sie sich im goldenen Federkleid fest. Der Falke machte vorsichtige Hopser bis er über die Brüstung sprang und seine Flügel ausbreitete. Zwei Flügelschläge später lag die Mauer der Festung unter ihnen und zwei weitere Flügelschläge brachte den Falken von der Flussinsel. Er flog weiter Richtung Norden.

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    Ich hoffe das Kapitel ist ein schwacher Trost für die seeeeeehr lange Wartezeit.....

    LG goldi

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